Fiery Scars - S.V. Rose - E-Book

Fiery Scars E-Book

S.V. Rose

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Beschreibung

Was geschieht, wenn sich der Wolf und das Lamm ineinander verlieben? Vor einem Jahr wurde Hunter Lopez für den Mord an dem beliebtesten Mädchen der Universität verhaftet und ist nach einem Pistolenschuss ins Koma gefallen. Nun kämpft er als freigesprochener Mann in einem Untergrundclub. Seine Dämonen stillt er mit Gewalt und Alkohol und sein einziges Ziel ist es, Rache an dem wahren Mörder zu nehmen. Doch dann tritt die unbeschwerte und lebensfrohe Riley Gibert in Hunters kaputtes Leben und kratzt an seiner harten Schale. Dabei ist es unausweichlich, dass er mit seiner zerstörerischen Art nicht ihr Glück, sondern ihr Verderben sein wird.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Copyright © 2023 by Rebel Stories Verlag, 89567 Sontheim

All rights reserved.

Cover: Premade - Neu Vercovert

ISBN: 978-3-910386-10-5 (Taschenbuch)

www.rebel-stories-verlag.com

Inhalt

Inhaltswarnung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Epilog

Fiery Scars

S.V. Rose

Inhaltswarnung

Fiery Scars ist eine Geschichte mit Depressionen, Gewalt und Tod. Einige Szenen könnten Trigger für sensible Leser enthalten. Hierbei handelt es sich um fiktionale Elemente, die in einer fiktionalen Geschichte eingebunden sind. Die Schilderungen solcher Situationen bedeutet weder, dass die Autorin Gewalt gutheißt, noch, dass sie sie verharmlost. Wer sich bei der Beschreibung von Depressionen, Gewalt und Tod nicht wohlfühlt, sollte dieses Buch nicht lesen.

Hunter

Vor 19 Jahren

Wenn ich meiner Mutter sage, dass das Leben nicht für mich gemacht ist, lächelt sie mich bloß an und streichelt mir beruhigend über den Kopf. Sie nimmt mich nicht ernst, weil ich zu jung bin, um die Welt zu greifen. Doch das, was ich greifen kann, gefällt mir nicht. Die Filme im Fernsehen sind todlangweilig, Kindergeburtstage nervig und mit den Spielzeugen, die unter dem Weihnachtsbaum liegen, kann ich nichts anfangen. Außerdem gibt es den Weihnachtsmann überhaupt nicht. Ein Mann mit einem weißen Bart, der durch den Kamin klettert und alle Kinder beschenkt? Lächerlich. Erstens haben wir keinen Kamin. Zweitens bevorzuge ich sowieso die Geschichte seines verrußten Freundes mit der Rute. Ich bin nicht wie andere Kinder. Meine Augen leuchten nicht, wenn wir in den Freizeitpark gehen. Ich zähle nicht aufgeregt die Tage bis zu meinem Geburtstag. Ich möchte nicht auf dem Spielplatz spielen, weil die anderen immer sofort weinen, wenn ich mit Sand werfe oder eine Schaufel stehle.

Ich habe die Menschen um mich herum nie verstanden. Meine Schwester Ava ist wie sie, meine Eltern sind wie sie. Alle sind gleich und ich bin anders. Sie erwarten, dass ich lache. Aber warum sollte ich lachen, wenn es nicht lustig ist? Sie erwarten, dass ich weine. Aber warum sollte ich weinen, wenn es mir nicht wehtut?

»Hunter.« Mom schiebt mich vor sich und rückt meinen Rucksack zurecht. »Freust du dich auf deinen ersten Schultag?«

Ich nicke, obwohl mir meine Einschulung total egal ist. Vor mir stehen unzählige Kinder mit bunten Rucksäcken und kreischen und lachen. Sie können es kaum erwarten, endlich in das Gebäude vor uns zu rennen und zu lernen. Meine Eltern und ich stehen in einigem Abstand von ihnen entfernt. Ich sehe die Sorge in Moms Augen und würde am liebsten umdrehen und davonrennen. Ava sieht sie nie auf diese Weise an. Nur mich. Als wäre etwas mit mir nicht in Ordnung.

»Geh zu den anderen, mein Junge.« Dad lächelt und klopft mir auf die Schulter. »Das ist dein großer Tag!« Seine Stimme ist höher als sonst.

»Okay«, sage ich ihnen zuliebe und mache einen Schritt nach vorne. Mit zusammengepressten Lippen laufe ich auf die anderen Kinder zu. Ich habe keinen Freund hier, doch ich hätte gerne einen. Jemanden, der nicht mit mir auf den Spielplatz möchte, der nicht kreischt und nicht lacht. Ich möchte nicht allein sein. Vielleicht ein Komplize! Wie der Weihnachtsmann und sein verrußter Kumpel!

Als ich hinter der Gruppe zum Stehen komme, dreht sich einer von ihnen sofort um. Er hat pechschwarze Haare und ist viel größer als ich. Er kreischt nicht und er lacht auch nicht. Nein, er steht als Einziger still und sieht beinahe gelangweilt aus. Meine Fingerspitzen zucken. Könnte er mein Komplize sein?

Mit langen Schritten drängt er sich zwischen den anderen Kindern her und stellt sich vor mich. Einfach so. »Ich bin Jacob«, meint er und hält mir seine Hand hin.

Ich habe noch nie ein Kind getroffen, das mir die Hand geben wollte. Irritiert schüttle ich sie. »Ich bin Hunter.«

»Freust du dich auf den Schultag?«, will er tonlos wissen.

»Nein«, antworte ich und lasse seine Hand los. Sie war eiskalt.

Jetzt hellt sich sein Gesicht ein wenig auf. »Ich auch nicht.«

Zum ersten Mal spüre ich, dass meine Lippen sich zu einem echten Lächeln verziehen. Zumindest ansatzweise. Vielleicht wird die Schule doch nicht so furchtbar wie erwartet. Vielleicht wird Jacob mein Komplize!

»Jacob!« Ein älterer Mann in einem schwarzen Anzug tritt an uns heran und beäugt mich misstrauisch. »Hast du einen Freund gefunden?«

»Das ist Hunter.« Jacob zeigt auf mich und streckt den Rücken durch. »Was gibt es, Dad?«

»Wir müssen gehen.«

»Was?«

»Wir holen deine Mutter und deine Schwestern und gehen«, wiederholt der Mann genervt. Er riecht streng und seine Augen sind faszinierend starr. »Deine Mutter und ich müssen zurück in die Firma und wir können euch nicht allein lassen.«

Jacob stampft frustriert die Füße in den Boden. »Ich habe gerade einen Freund gefunden!«

»Wir haben es noch nicht einmal in das Schulgebäude geschafft«, unterstütze ich ihn.

Sein Vater sieht nur missmutig auf mich herab und wendet sich dann wieder seinem Sohn zu. »Jetzt, Jacob. Ich wiederhole mich nicht noch einmal.« Mit diesen Worten greift er nach seinem Arm und zieht ihn mit sich.

Jacob protestiert nicht mehr und winkt mir nur noch schnell zu. »Wir sehen uns morgen in der Schule, Hunter. Halte mir einen Platz frei.« Er stolpert und wird von seinem Vater nach vorne geschubst.

Überfordert sehe ich den beiden hinterher, sehe zu, wie mein einziger Komplize verschwindet und der Tag plötzlich doch wieder furchtbar zu werden scheint.

Aber morgen werde ich ihm einen Platz freihalten. Denn ich habe das Gefühl, dass er der erste Mensch sein wird, der mit mir anders ist.

Heute

Der Stoff unter mir ist hart und ungemütlich. Mein Rücken schmerzt und mein Kopf dröhnt, aber meine Position verändere ich dennoch nicht. Stattdessen starre ich stumm geradeaus und lasse meine Gedanken in die dunkelsten Ecken meines Bewusstseins wandern.

Sie sagten mir, dass ich verdammtes Glück gehabt habe. Sie sagten, dass ein Koma für viele Patienten tödlich endet. Ich sollte erleichtert sein, weil ich eine zweite Chance erhalten habe, die den meisten nicht gewehrt wird. Denn ich bin aufgewacht. Nach zwei Wochen bin ich aufgewacht und es war der schlimmste Tag meines Lebens. In der Sekunde, als ich die Augen öffnete, brach mir der Schweiß aus, Schwindel packte mich und stieß mich in eine Abwärtsspirale aus Verwirrung, Verlorenheit und Schmerz. Ein lautes Piepen klirrte in meinen Ohren, das mich auch ein Jahr später noch verfolgt. Dieses Piepen verriet mir, dass ich wieder unter den Lebenden bin. Dröhnende Stimmen ertönten um mich herum, hüllten mich ein und sorgten dafür, dass ich am liebsten schreien würde. Doch ich hielt den Mund.

Ich war aufgewacht. Ich war wieder in der Hölle, die sie Leben nennen. Und meine eigenen Gedanken erschreckten mich. Denn ich realisierte, dass ich mein Bewusstsein wieder verlieren wollte. Ich wollte zurückkehren in die Dunkelheit, die zwei Wochen lang ihre Klauen um mich legte. Alpträume über Alpträume suchten mich heim und dennoch ziehe ich sie dem Alptraum des Lebens vor. In meiner Dunkelheit hatte ich die Macht. Ich habe in ihr gebadet und mich von dem Schmerz zerfressen lassen. Die Menschen haben recht. Mit mir ist etwas nicht in Ordnung. Deswegen war die Schwärze besser als das grelle Licht, was mich nun blendete. Ich wollte zurück.

Glück, Glück, Glück. Wieder aufzuwachen war unwahrscheinlich. Noch unwahrscheinlicher war es, dass mein Körper wieder gänzlich funktionierte. Doch das tat er. Mein Gehirn war intakt. Keinerlei Schäden. Ich konnte mich an alles erinnern. Ich konnte mich erinnern, wie es sich anfühlte, als die Kugel meine Brust durchbohrte. Der Schmerz zerriss mich entzwei. Ich wollte einen Atemzug nehmen, doch meine Lunge ließ mich im Stich. Ein tonnenschweres Gewicht drückte mich nach unten. Mein Kopf schlug auf dem Boden auf. Dann wurde alles schwarz. Bilder zuckten vor meinem inneren Auge. Schweiß lief über meine Stirn. Der Schmerz war überall und ich genoss ihn. Ich konnte mich nicht bewegen. Dann sah ich ein rundliches Gesicht, hörte eine helle Stimme. Schwarz, wieder Schwarz. Schmerz, Atemnot. Die Kugel haben sie im Krankenhaus herausgenommen. Doch die inneren Blutungen haben mich noch in derselben Nacht ins Koma versetzt. Die Ärzte konnten sie schließlich stoppen. Denn es wurden keine wichtigen Organe zerstört. Auch mein Herz hat Jacob Symon nicht getroffen. Glück, Glück, Glück.

Ich schnaube und nehme einen tiefen Zug von der Zigarette, die zwischen meinen Lippen steckt. Natürlich sollte ich nicht rauchen. Aber dies ist meine zweite Chance, nicht wahr? Warum sollte ich die wenigen Dinge verändern, die mir gefallen? Diese Dinge sind das Rauchen, das Trinken, das Kämpfen und natürlich die Alpträume, die mich auch ein Jahr später in den Nächten aufsuchen. Es sind die gleichen Träume wie aus meiner Zeit im Koma. Dunkelheit, Schmerz und Nicholes zartes Gesicht. Manchmal sehe ich Letzteres auch am Tag. Die Ärzte nennen es Wahnvorstellungen. Sie sagen, dass ich traumatisiert bin. Doch mein Leiden verschafft mir Genugtuung. Es ist das Einzige, das das Blut in meinen Adern zum Kochen bringt. Es zeigt mir, dass ich lebe. Es ist meine Macht, mein Schmerz und es gehört ganz allein mir. Vielleicht hat mein Körper das Koma überstanden, doch mein Kopf war schon vorher zerstört. Diese Zerstörung wurde fortgesetzt. Und ich habe nicht das Bedürfnis, sie aufzuhalten.

Jacob wird morgen aus dem Gefängnis entlassen. Er verriet seine eigene Familie, um sich zu retten. Ein Jahr musste er für seine Taten sitzen. Es ist nichts für das, was er getan hat. Ich hoffe, dass das Gefängnis ihn ruiniert hat. Ich hoffe, dass er leiden musste. Genau wie ich es tat, als er mich verhaften ließ. Für den Mord an seiner Schwester. Den Mord an dem einzigen Mädchen, für das ich jemals einen Funken empfunden habe. Ich habe sein krankes Spiel mitgespielt, weil er Ava gedroht hat. Ich habe es mitgespielt, weil ein dunkler Teil von mir für das büßen wollte, was ich Nichole angetan habe. Denn ich bin ihr immer mit Gleichgültigkeit begegnet. Ich habe ihr nie gegeben, was sie verdiente. Weil ich es nicht wollte. Nicht konnte. Und im entscheidenden Moment habe ich nichts getan, als ihre eigene Schwester sie in den Tod stürzte. Ich habe zugesehen. Einfach nur zugesehen. In meiner Zeit im Gefängnis habe ich dafür bereitwillig gelitten. Schmerz und Wut haben sich in meine Seele gebrannt und ich habe sie willkommen geheißen. Es waren einige Wochen. Für Jacob hingegen war es ein ganzes Jahr. Ein Jahr ohne den Schutz seiner verachtungswürdigen Familie. Ein Jahr ohne Geld, das ihm den Arsch rettet. Ein Jahr, in dem sein Name zum ersten Mal Fluch und nicht Segen gewesen ist.

Wenn er zurückkommt, werde ich ihm folgen. Ich werde mich von ihm zu Ivy Symon führen lassen. Denn allein konnte ich sie nicht ausfindig machen. Monatelang habe ich sie gesucht, doch die Hexe ist wie vom Erdboden verschluckt. Nicht einmal die Polizei konnte sie finden. Dabei wird sie für zweifachen Mord gesucht. Aber ich möchte sie nicht in den Klauen unserer Justiz sehen. Nein, ich möchte ihr in die Augen blicken, während das Leben aus ihr weicht. Ich möchte sie umbringen. Allein. Ein Moment, der nur uns beiden gehört. Mein Gesicht wird das Letzte sein, was sie sieht. Meine Stimme, das Letzte, was sie hört. Der Schmerz wird sie auf alle Ewigkeiten an mich erinnern.

Mein Blick gleitet zu meinem Arm, auf dem sich eine hässliche Narbe abzeichnet. Grob zieht sie sich durch meine Haut. Wenn ich genauer hinschaue, kann ich die Buchstaben erkennen. Nichole. Ihr Name erinnert mich an das, was ich getan habe. Es erinnert mich an das, was ihr angetan und was mir angetan wurde. Ivy wird für beides bezahlen. Sie kann sich nicht für immer verstecken. Sobald ihr Bruder entlassen wird, wird einer von beiden den anderen aufsuchen. Er hat sie verraten. Ihre Rache an ihm wird ihr Tod sein. Denn ich werde im Schatten des Krieges der beiden Geschwister warten.

»Hunter, du verpestest das Wohnzimmer«, knurrt Dean, der mit genervter Miene durch den Türrahmen tritt. »Und warum hast du die Vorhänge zugezogen? Es ist mitten am Tag.«

»Ich mag die Nacht lieber«, grummle ich und ziehe erneut an der Zigarette. Seit Wochen schlafe ich auf Deans Couch und bin mir bewusst, wie sehr ich seine Hilfsbereitschaft strapaziere. Durch meine Zeit im Gefängnis habe ich meine Wohnung verloren und war auf die Hilfe anderer angewiesen, weil ich nicht gearbeitet habe und es in den ersten Monaten nach dem Koma aufgrund der Schusswunde auch nicht konnte. Meine Eltern treiben mich mit ihrer Sorge in den Wahnsinn und sind deswegen keine Option. Ich habe es bei Ava und Chase probiert, doch es war die Hölle. Also blieben mir nur die Leute, mit denen ich früher gefeiert habe. Kerle, die mich bewundern, weil mir die Welt egal ist. Frauen, die auf mich stehen, mich aber rausschmeißen, wenn sie erkennen, dass ich nur das Eine von ihnen will. Ich war bereits ein Arschloch bevor mein Leben den Bach runterging. Meine sogenannte zweite Chance gibt mir nicht das Bedürfnis, damit aufzuhören. Denn ich fahre hervorragend damit.

»Es stinkt.« Dean zieht die Vorhänge beiseite und öffnet das Fenster. Er ist einer der wenigen Menschen, die ich tatsächlich als Freunde bezeichnen würde. Trotzdem ist es nur eine Frage der Zeit, bis er mich ebenfalls rauswirft. Er hält es schon viel zu lange mit mir aus. Es gefällt mir, seine Grenzen auszutesten. Wie viele Frauen kann ich in seine Wohnung bringen? Wie viel kann ich rauchen? Wie oft kann ich betrunken durch die Haustür stolpern? Wie oft kann ich auf seinem Fußboden bluten, wenn ich mich in der Arena geprügelt habe?

»Es ist bloß Rauch.« Ich verdrehe die Augen und setze mich schließlich auf. Langsam zerdrücke ich die Zigarette in dem Aschenbecher. Ich habe keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten.

Dean seufzt und kneift die Augen zusammen. »Hast du dir einen Job gesucht? Abgesehen von der Arena?«

»Du klingst wie meine Mutter«, schnaube ich und fahre mir durch die zerzausten Haare. Wenn ich gegen starke Gegner gewinne und es genug Wetten gibt, verdiene ich gutes Geld in der Arena. Doch das Einkommen ist unregelmäßig und fällt aus, sobald ich verletzt bin. Es reicht nicht und ich hasse mich selbst dafür, dass ich mit 25 Jahren auf andere angewiesen bin. Aber mit der Hilfsbereitschaft der Menschen um mich herum zu spielen, ist erfrischend faszinierend. Ich könnte mein Leben umkrempeln. Ich könnte anders leben als in diesen dunklen Momenten. Doch ich will es schlicht und einfach nicht. Denn ich bin immer noch in meinen Alpträumen gefangen, lasse mich von ihnen vollends einnehmen und kompensiere ihren wohltuenden Schmerz in der Realität.

Dean stöhnt auf und geht zum Kühlschrank, um sich ein Bier zu holen. Er hat bereits aufgegeben, mit mir über das Thema zu sprechen. »Heute Abend kommen ein paar Freunde vorbei. Luke bringt sein neues Mädchen mit. Lass die Finger von ihr, okay?«

»Ich mache niemals den ersten Schritt«, entgegne ich bloß. »Sollte sie auf mich zukommen, tue ich Luke einen Gefallen.«

»Du tust ihm keinen Gefallen, indem du mit seiner Freundin schläfst!«

»Entspann dich.« Ich stütze den Kopf genervt in die Hände. »Ich bin sowieso erst in der Arena.«

»Dieser Ort wird dich irgendwann umbringen«, meint Dean und blickt mich vorwurfsvoll an. Er denkt genau das, was alle denken. Ich sollte meine zweite Chance nutzen. Ich bin dem Gefängnis und dem Tod entkommen. Ich sollte glücklich sein und das Leben lieben. Doch das Einzige, was mir Glück bereitet, ist Schmerz. Besonders der Schmerz, den ich mir selbst und bald endlich Ivy zufügen werde. Sie wird es nicht leicht haben. Das habe ich mir schon lange geschworen.

»Du solltest es auch versuchen«, sage ich und stehe auf. »Es würde dich locker machen.«

»Es macht mich nicht locker, wenn ich verprügelt werde.« Fassungslos schüttelt er den Kopf. »Was ist falsch mit dir?«

»Alles.« Ich verziehe die Mundwinkel, als hätte ich einen Witz gemacht, und klopfe die Hände an der Hose ab. »Wie heißt Lukes Freundin?«

Warnend hebt er den Finger. »Sie ist tabu, verstanden?«

»Verstanden, Sir.« Ich salutiere verächtlich und öffne die Tür zum Flur.

Dean holt hinter mir angespannt Luft. »Denk daran, dass du auf meiner Couch schläfst.«

Seelenruhig zeige ich ihm den Mittelfinger und nehme meine Jacke von der Garderobe. Die Arena wartet auf mich. Danach werde ich mich betrinken und mit Lukes Freundin schlafen, während ich die Stunden zähle, bis Jacob entlassen wird.

Riley

Das Gebäude, in dem sich das Wohnheim befindet, ist grau und trostlos. Trotzdem kann ich ein Grinsen nicht verkneifen. Ich stehe in dem kleinen Zimmer und sehe mich aufgeregt um. Die Möbel sind alt, aber sauber, das Fenster klein, der Ausblick auf den Park jedoch wunderschön. Die wenigen Kartons, in die ich mein ganzes Leben gepackt habe, stehen ungeöffnet neben mir. Das hier ist der Beginn meines neuen Lebensabschnitts. In meinen Fingerspitzen kribbelt es, wenn ich an die kommenden Jahre denke. Endlich werde ich zur Universität gehen und mein Traumfach studieren, Kreatives Schreiben. Ich habe zwei Jahre lang in einem Altenheim gearbeitet, um mir das Studium zu ermöglichen. Zwei Jahre lang, in denen ich unter der Woche bei meinen Eltern gelebt und am Wochenende zu Noah nach Whiteridge gefahren bin. Nun lebe ich selbst hier und kann mein eigenes Leben aufbauen. Mein erstes Studienjahr werde ich im Wohnheim verbringen und danach mit Noah zusammenziehen. Besser könnte es nicht sein. Glücklicher könnte ich nicht sein.

»Es passt zu dir.« Noah tritt hinter mich und schlingt die Arme um mich. Sein wohliger Geruch umhüllt mich, seine Haut ist warm.

Grinsend drehe ich den Kopf. »Inwiefern passt ein trauriges graues Zimmer zu mir?«

»Das meinte ich nicht«, erwidert er und drückt mir einen Kuss auf die Lippen. »Es ist niedlich und ich wette, dass du es gemütlich machen wirst.«

»Natürlich werde ich es gemütlich machen. Ich muss Lichterketten, Pflanzen und Bilderrahmen kaufen. Morgen mit dir vielleicht?«

»Morgen«, versichert er mir und lässt mich los. Verzweifelt deutet er auf die Kartons. »Ich habe sie in den dritten Stock geschleppt. Kannst du sie allein auspacken?«

»Du wirst mir helfen«, weise ich ihn an und gehe in die Hocke. »Wofür bin ich denn nach Whiteridge gekommen?«

»Um mich zu versklaven, offensichtlich.« Er bückt sich und öffnet den ersten Karton mit Anziehsachen. »Hast du deinen ganzen Kleiderschrank mitgenommen?«

»Es ist mein neues Zuhause, nicht wahr?« Ich lächle und nehme ein Foto aus dem Karton vor mir. Es zeigt Noah und mich an unserem ersten Jahrestag. Wir waren Minigolf spielen und ich erinnere mich noch heute, wie schlecht ich gewesen bin. Es hat ihn nicht gekümmert. Stattdessen hat er mich auf einen Drink eingeladen, der um zehn endete, sodass wir in derselben Nacht in einer verrauchten Bar mit Livemusik gelandet sind. Es war das perfekte Date.

»Der Abend war wunderschön«, sagt Noah im gleichen Moment und gibt mir einen Kuss auf die Wange. »Wir sollten noch einmal Minigolf spielen gehen.«

»Damit du wieder gewinnen kannst?« Ich lege das Foto amüsiert neben mich.

»Damit ich meine Hand wieder an deine legen und dir helfen kann«, verbessert er mich.

Ich schüttle nur grinsend den Kopf und beginne, die weiter auszupacken. Es fühlt sich surreal an, plötzlich in Whiteridge zu sein und tatsächlich meinen Traum zu leben. Kurz nach meinem Schulabschluss bin ich mit Noah zusammengekommen. Er war eine Stufe über mir und ist nach einem freiwilligen sozialen Jahr nach Whiteridge gezogen, um Marketing zu studieren. Seit zwei Jahren führen wir eine Fernbeziehung und sehen uns nur an den Wochenenden. Jetzt wird es sich endlich ändern. Whiteridge hat sich für mich nicht nur wegen Noah angeboten, sondern auch weil die Universität einen hervorragenden Ruf hat und mein älterer Bruder hier studiert. Mir war sofort klar, dass ich mein Leben mit Noah in dieser Stadt aufbauen möchte. Trotz der Universität kam sie mir immer wie eine Kleinstadt vor.

Nachdem Bryans Mitbewohner erschossen wurde, wollten meine Eltern nicht mehr, dass ich herkomme. Doch ich habe sie mit allen Mitteln überzeugt. Bryan redet nicht über die Morde, die geschehen sind. Es wäre eine Lüge, wenn ich sagen würde, dass mir bei den Geschichten keine Gänsehaut über den Rücken läuft. Das Böse war für mich immer weit entfernt. Aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, hier zu studieren. Und ich wollte meine Pläne nicht ändern. Ich wollte nicht noch länger eine Fernbeziehung mit Noah führen. Die Welt ist nicht nur gut. Aber es bringt nichts, das Leben zu meiden. Das hier ist meine Chance auf Glück, vielleicht sogar meine Garantie auf Glück.

»Du grübelst.« Noah rückt an mich heran und nimmt mich in den Arm. »Ich kenne dieses Gesicht, Riley.«

Seufzend lehne ich mich an ihn. »Ich habe an die Morde gedacht«, gebe ich zu.

Sofort spannt er sich an. Dann seufzt er und fährt mit den Fingern langsam durch meine Haare. »Ich habe weder Nichole Symon noch Carter Anderson gekannt, nur von ihnen gehört. Nichole war unfassbar beliebt. Aber ihr Tod war etwas Persönliches. Es war diese Familie. Wir normale Menschen haben nichts damit zu tun. Du musst dir keine Sorgen machen.«

»Ich weiß«, erwidere ich gedankenverloren. »Doch beunruhigt es dich nicht, dass es genau hier passiert ist? Es ist anders als die Morde, die man im Fernsehen sieht. Es ist näher und realer.«

Seine Finger gleiten zu meinen Armen und streichen über meine Haut. »Natürlich beunruhigt es mich. Es wäre seltsam, wenn mich ein Mord nicht beunruhigen würde. Aber es ist vorbei. Der Mörder ist tot. Und Gott sei Dank haben wir mit den Symons nichts am Hut.«

»Ein Mörder ist tot«, korrigiere ich ihn. »Was ist mit der Frau?«

»Ivy Symon? Sie ist seit einem Jahr verschwunden. Ich glaube kaum, dass sie jetzt plötzlich wieder auftaucht« beschwichtigt er mich und dreht dann meinen Kopf besorgt zu sich. »Du hättest nicht wegen mir herziehen müssen, Riley. Ich hoffe, du weißt, dass ich dich niemals dazu zwingen würde.«

»Sei nicht albern«, gebe ich zurück und halte seine Hand fest. »Whiteridge ist mein Traum, unser Traum. Ich werde nicht davonlaufen, weil eine irre Familie den Frieden zerstört.«

»Das ist mein Mädchen.« Noah grinst und küsst die empfindliche Haut an meinem Nacken. »Wie wäre es, wenn wir dein Zimmer einweihen?«, flüstert er.

Auch wenn ich ihm am liebsten zustimmen würde, schüttle ich den Kopf. »Zuerst werden diese Kartons ausgepackt. Dann können wir Pizza bestellen und mein Bett einweihen.«

»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, seufzt er und rutscht wieder nach hinten. »Verstanden, Ma’am.«

Ich grinse und ziehe mein Handy aus der Hosentasche, um Musik anzumachen. Es wird Spaß machen, das Zimmer in ein Zuhause umzuwandeln. Das hier ist mein Schritt in die Unabhängigkeit. Und Noah ist an meiner Seite. Glücklich springe ich auf und nehme einige Bücher aus dem Karton, um sie auf der Fensterbank nebeneinander aufzureihen. Ich habe noch kein Bücherregal und deswegen nur wenige aus meinem alten Zimmer mitgenommen. Doch mit einer Lichterkette und einer Kerze wird es auf der Fensterbank fantastisch aussehen.

»Ich liebe dein Strahlen.« Noah faltet ein Oberteil und legt es in den Schrank, der zusammen mit dem Bett und dem Schreibtisch zu der Möblierung des Zimmers zählt. »Woher nimmst du immer diese Lebensfreude? Selbst wenn es um so etwas Ätzendes wie Einräumen und Aufbauen geht.« Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem breiten Grinsen.

»Ätzend?« Gespielt verletzt lege ich die Hand auf mein Herz. »Das ist ein liebevoller Prozess mit einem grandiosen Ergebnis. Warte nur ab! Vielleicht hätte ich doch Innenarchitektur studieren sollen?«

Noah blickt in Richtung der Bücher. »Ich glaube, du hast deine Leidenschaft bereits gefunden. Innenarchitektur klingt aber auch nicht schlecht. In einem Jahr werden wir dieses Talent gebrauchen können.«

Ich kann ein Lächeln nicht verhindern. »Warum?«, frage ich scheinheilig.

»Weil wir zusammenziehen und uns für den Rest unseres Lebens nerven werden, meine Liebe.« Er zwinkert mir zu und mir wird warm ums Herz.

»Ich liebe dich«, hauche ich und stelle das letzte Buch auf die Fensterbank.

Noah greift nach einem weiteren Oberteil. »Ich liebe dich auch, Riley.«

In diesem Moment räuspert sich jemand in meinem Türrahmen. Überrascht drehe ich mich um und erkenne ein schlankes Mädchen mit kurzen roten Haaren, die kurz die Hand hebt. »Ich wollte nicht stören«, meint sie und mustert mich von Kopf bis Fuß. »Ich bin June und wohne im Zimmer neben dir.«

Ich lächle und nicke ihr zu. »Riley. Schön, dich kennenzulernen.«

»Ebenfalls«, erwidert sie reserviert und senkt den Blick auf den Boden. »Viel Erfolg bei diesem ... Chaos.«

»Den werden wir brauchen«, mischt Noah sich ein und zwinkert mir zu.

»Es ist ein liebevoller Prozess«, wiederhole ich grinsend, doch June hat sich schon herumgedreht und das Zimmer ohne ein weiteres Wort verlassen. Schulterzuckend sehe ich ihr hinterher. Wir teilen uns die Waschräume und die Küche mit acht Mädchen. Es ist nicht optional, aber es gehört für mich zu dem Studentenleben dazu. Außerdem wird es sowieso nur für ein Jahr sein.

»Sympathisch.« Noah lehnt sich an den Schrank.

»Wir sind alle neu hier«, verteidige ich meine Zimmernachbarin und bücke mich zu dem nächsten Karton. »Zum Glück habe ich Hilfe bei meinem Chaos.«

»Alles für das Vergnügen«, entgegnet er und verzieht das Gesicht so leidend, dass ich laut auflache.

Ein neues Kapitel beginnt. Und es verspricht, großartig zu werden.

Hunter

Mein Pullover ist vom Augustregen durchnässt, als ich durch den dunklen, betonierten Flur laufe. Tiefer ziehe ich meine Kapuze ins Gesicht und genieße, wie sich die Kälte der Kellergemäuer über meine feuchte Haut zieht. Das Erdgeschoss des Schlangenclubs ist angesichts der Uhrzeit noch leer, aber unten sammeln sich die ersten Menschenmassen. Zum Glück kann ich das Chaos in dem Personalbereich meiden. Der einzige Vorteil, wenn der Club dem Freund deiner Schwester gehört.

Ich kann nicht verhindern, dass mir ein verächtliches Schnauben entweicht. Chase Symon trägt nicht nur das böse Blut seiner Familie in sich, sondern hat Ava auf verschiedenste Weise zerstört. Jahrelang habe ich mit zusammengebissenen Zähnen beobachtet, wie sehr sie unter seinem Tod leidet. Am Ende stellte sich sein Tod als eine einzige Lüge heraus, genau wie seine neue Identität, mit der er Ava erneut ruinierte. Dylan Wright. Die Symons sind die Einzigen, die diesen heuchlerischen Namen nicht benutzen. Genau wie ich. Denn der genervte Blick in seinen Augen verschafft mir Genugtuung. Chase erinnert ihn an alles, was er getan hat und was er nie wieder sein wird. Ich erinnere ihn immer daran. Weil ich in der Dunkelheit anderer Menschen genauso gerne bade wie in meiner eigenen. Chase Symons Weste ist nicht weiß. Sie ist schwarz.

Fest stoße ich die Tür zu seinem Büro auf. Sofort erfasse ich ihn und meine Schwester, beobachte, wie ihre Lippen in einem stürmischen Kuss aufeinandertreffen und sich dann überstürzt lösen, als sie mich bemerken. Ava keucht und fährt zu mir herum. Ihre Wangen sind gerötet und die blonden Haare zerzaust. Sie trägt schwarze Leggins und ein rotes bauchfreies Shirt mit langen Armen. Verärgert starrt sie mich an.

»Wie oft muss ich dir sagen, dass du klopfen sollst, Lopez?« Chase presst die Kiefermuskeln zusammen und schließt widerwillig seinen Gürtel.

»Nur weil du meine Schwester klischeehaft auf dem Schreibtisch vögeln möchtest?« Meine Mundwinkel zucken, als ich an das Regal herantrete und einen Apfel aus der Obstschale nehme.

»Du willst nicht wissen, wie oft wir es auf diesem Schreibtisch schon getan haben«, faucht Ava und fasst die Haare zu einem Zopf zusammen.

»Du willst nicht wissen, wie oft ich es auf diesem Schreibtisch schon getan habe, Schwesterherz.« Ich beiße seelenruhig in den Apfel.

Chase verengt die Augen. »Ich hoffe, das ist ein Scherz. Ich arbeite hier.«

»Genau wie ich. Gegen wen kämpfe ich heute?«, will ich kalt wissen. Ich muss gewinnen. Denn ich brauche das Geld.

Ava sieht mich aus großen braunen Augen an. Ich kenne diesen Blick. Sie hasst es, dass ich kämpfe. Auch sie fragt sich, warum ich mein Leben nicht umkrempele und endlich mit der Selbstzerstörung aufhöre. Doch sie lebt glücklich mit Chase zusammen und versucht mit aller Kraft, sich in den Griff zu bekommen. Sie hat ihr Studium abgebrochen und beginnt nun ein neues in einem anderen Fach. Englische Literatur? Kreatives Schreiben? Ich habe keine Ahnung. Ich frage mich, wie sie den Schmerz kompensiert. Sie trinkt nicht mehr. Sie kämpft nicht. Sie hat nur Chase.

Wir reden nicht über das, was vor einem Jahr geschehen ist. Ava und ich sind immer distanziert zueinander und ich weiß genau, dass es meine Schuld ist. Ich habe verhindert, dass wir jemals eine Beziehung aufbauen können. Es ist einfacher. Auf diese Weise muss ich mich nicht um sie kümmern. Ich werde in Ruhe gelassen. Und trotzdem habe ich die Kontrolle verloren, als Ivy und Jacob uns entführt und dafür gesorgt haben, dass wir den schlimmsten Schmerz des anderen mitansehen müssen. Ihr Keuchen geht nicht aus meinem Kopf. Der Anblick des Messers auf ihrer Haut. Ihr Blut, das auf den Boden tropft. Ivys gehässige Worte. Dann der Schock in Avas Blick, als die Kugel mich traf. Als würde das Leben nicht aus mir, sondern aus ihr weichen.

Ich habe sie nie gefragt, ob sie mich besucht hat, als ich im Koma lag. Ich wollte überhaupt nicht wissen, wer mich besucht hat. Denn ich habe gehofft, dass es niemand getan hat. Mein Schmerz gehört mir allein und mit dem Schmerz anderer Menschen möchte ich nichts am Hut haben, wenn es nicht zu meinem eigenen Vergnügen ist. Deswegen war es die Hölle, als Ava neben mir litt. Es war die Hölle, als sie blutete und es mich innerlich zerriss. Weil ich meine Gefühle jahrelang unter Verschluss gehalten habe. Zurecht. Denn ich habe gesehen, was Gefühle mit Ava gemacht haben. Ich habe gesehen, was sie mit mir gemacht haben und es hat mir noch nie gefallen. Ich habe mich gegen Nichole gewehrt und ihr Tod war ätzend. Ich habe mich gegen Ava gewehrt und hätte in diesem Moment dennoch all den Schmerz der Welt auf mich genommen, damit Jacob von ihr ablässt. Nach alldem, was passiert ist, hätte die Kugel mich besser zerfetzen können.

»Du kämpfst nicht«, meint Chase dunkel und lehnt sich gegen den Schreibtisch. »Deine Wunden vom Wochenende sind noch nicht einmal verheilt, Lopez.«

Ich weiß, dass er es nur Ava zuliebe sagt. Denn er selbst kann genauso keinen Kampf ausschlagen. Taylor hat ihm den Club mitsamt der Arena überschrieben und ich hasse es. Denn unter seiner Leitung bin ich Avas Sorge ständig ausgeliefert. Eine Sorge, die ich am liebsten gegen die Wand schmettern würde. Ich habe das Koma ohne Folgen überstanden. Es steckt keine Pistolenkugel mehr in meiner Brust. Mein Körper ist lächerlich unversehrt.

»Deine Familie hat mich hinter Gitter gebracht und meinen verschissenen Arm aufgeritzt«, spiele ich die eine Karte aus, die ich habe. »Wenn ich kämpfen will, lässt du mich verdammt noch mal kämpfen, Symon.«

Ava lässt zischend die Luft aus den Lungenflügeln gleiten und macht einen Schritt auf mich zu. Energisch zieht sie meinen Hoodie nach oben und deutet auf die dunklen Stellen, die sich über meinen Oberkörper ziehen. »Deine Rippen sind geprellt«, stößt sie aus. »Ein weiterer Schlag und sie brechen vielleicht.«

»Meinetwegen brechen sie. Ein berauschendes Gefühl.« Ich zucke mit den Schultern.

Ihr Blick trifft auf meinen. Ihre braunen Augen glänzen. »Warum?«, haucht sie.

Starr erwidere ich ihren Blick. »Du musst deine Fragen ausführlicher formulieren, Ava.«

Sie atmet nur tief durch und dreht sich zu Chase. »Lass ihn kämpfen«, ist alles, was sie sagt.

Ich sollte enttäuscht sein, weil sie mich aufgibt. Stattdessen zieht sich Erleichterung durch meine Adern. Die Kämpfe sind alles, was mir bleibt. Sobald ich in den Ring trete, fragt mich niemand mehr, warum ich so offensichtlich nicht okay bin. Es weitet niemand erschrocken die Augen, weil ich den Schmerz genieße. Die Arena bringt mich in die Zeit der Dunkelheit und der Alpträume zurück. Sie ist eine Erinnerung an die Schwärze um mich herum und die grausamen Bilder vor meinen Augen. Sie bedeutet Blut und Schweiß. Sie bedeutet Freiheit.

»Meinetwegen.« Chase verschränkt die Arme vor der Brust und blickt mich vorwurfsvoll an. Dabei kann ausgerechnet er sich den verurteilenden Ausdruck in seinen Augen nicht leisten. Seine Mundwinkel zucken. »Wenn du kämpfen willst, Lopez, wirst du gegen mich kämpfen.«

Avas Augen verengen sich. »Dylan, lass es«, zischt sie warnend.

Wir wissen beide, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen werde. Chase hat mehr Erfahrung und von den Besten gelernt. Er hat jahrelang gekämpft, weil er überleben musste. Dagegen komme ich nicht an. Denn ich kämpfe, weil ich dem Überleben entkommen möchte.

Trotzdem nicke ich. Vielleicht werde ich heute kein Geld gewinnen. Doch ich habe endlich die Chance, Chase eine reinzuhauen. Wenigstens wird er ein Gegner sein, den ich in Mark und Bein spüre. »Alles klar«, raune ich.

»Ihr werdet nicht gegeneinander kämpfen.« Ava blickt Chase stur in die Augen. Ihr ist bewusst, dass er mich provozieren möchte. Ihr ist bewusst, dass ich verlieren werde.

Chase sieht sie entschuldigend an, aber ich erkenne sofort, dass es ihm nicht leidtut. Er wartet seit Monaten auf diesen Moment. »Der Kampf ist gesetzt«, meint er und streicht ihr über den Rücken. »Wenn Hunter nicht zurücktritt, natürlich.«

»Du bist ein Wichser«, knurre ich, weil er Ava absichtlich gegen mich aufhetzt. Es ist meine Entscheidung. Und ich werde vor keinem Kampf davonlaufen. Nicht ihr zuliebe. Das müsste sie wissen.

»Ich hoffe, dass Dylan dir die verdammten Rippen bricht«, fährt sie mich an und presst enttäuscht die Lippen zusammen.

Ich antworte ihr nicht und dränge mich stattdessen an den beiden vorbei, um den Raum zu verlassen. Doch bevor ich durch den Türrahmen trete, ertönt ein weiteres Mal Avas Stimme: »In Bryans Wohnung ist immer noch ein Zimmer frei«, erinnert sie mich nach kurzem Zögern. »Du solltest es dir überlegen, Hunter. Es ist günstiger als alles, was du in Whiteridge finden wirst.«

»Ich werde nicht mit fucking Bryan zusammenziehen«, knurre ich fassungslos. Dieses Angebot ist lächerlich. Lieber schlafe ich jahrelang in fremden Wohnzimmern, als in das Zimmer von Carter Anderson zu ziehen.

»Es ist deine beste Option«, meint Ava und mustert mich mit zusammengekniffenen Augen. »Niemand will es haben ...«

Weil niemand in dem Bett eines toten Mannes schlafen möchte. Doch mir geht es um Bryan. Er ist der Letzte, von dem ich Hilfe annehmen werde.

Meine Mundwinkel zucken. »Muss ich dich daran erinnern, was in England passiert ist?«

»Bitte nicht«, grummelt Chase.

Ava nimmt ihren Blick nicht von mir. »Hunter, du kannst nicht für immer so weitermachen.«

»Sieh zu«, ist alles, was ich sage, als ich endlich aus dem Zimmer gehe.

Die Menge unter uns jubelt. Sobald Chase kämpft, füllt sich plötzlich der Raum und die Spannung steigt. Wer auf ihn wettet, gewinnt fast immer. Und auch auf sein ohnehin brechendvolles Konto wandert viel Geld. In seiner Jugend hat er von seiner steinreichen Familie profitiert. Danach war dort die Freundin seines Bruders, die durch ihre Clubs ebenfalls in Geld badet. Jetzt hat er seinen eigenen Club und ich muss jedes Mal an Ava und ihm vorbei, wenn ich Dampf ablassen möchte. Es ist ätzend.

»Es ist nicht zu spät.« Seine grünen Augen treffen auf meine, als er sich die Boxhandschuhe überstreift. Er ist oberkörperfrei und trägt eine graue Sporthose. Seine Mundwinkel zucken erwartungsvoll.

Ich ziehe meinen Hoodie über den Kopf und werfe ihn über das Seil. Mit starrer Miene ziehe ich mein schwarzes T-Shirt nach unten und greife nach meinen eigenen Boxhandschuhen. »Wofür?«, will ich mit kalter Stimme wissen. Seine Arroganz hat uns in diese Situation gebracht. Jetzt werden wir es beide durchziehen.

Trocken lacht er auf und positioniert sich in der Mitte des Ringes, die Hände vor seinem Körper. Ich tue es ihm gleich und blende die Menschenmasse um uns herum aus. Langsam spüre ich, wie sich das Adrenalin durch mich hindurchzieht, das Blut in meinen Adern zu kochen beginnt. Mein Körper heizt sich auf, was er sonst nur in meinen Alpträumen tut. Ich genieße das Gefühl des Kontrollverlustes und sehe Chase direkt in die Augen. Mein Atem ist ruhig, meine Muskeln zucken, sind bereit für den Schmerz. Die Dunkelheit ruft mich und endlich kann ich zu ihr gehen.

Das Startsignal ertönt.

Innerhalb von Sekunden stürzt Chase auf mich zu. Seine Faust trifft meine Wange und schleudert mein Gesicht nach links. Blut sammelt sich in meinem Mund. Der metallische Geschmack ist viel zu vertraut.

»Du verletzt Ava«, knurrt er und umrundet mich. »Du verletzt sie mit jedem Tag, an dem du dich selbst gehen lässt.«

»Habe ich eine Therapiestunde bei dir gebucht, Symon?« Wut durchströmt mich, als ich einen Satz auf ihn zu mache und meine Faust in seinen Bauch rammen will. Er blockt meinen Schlag ab, sodass sie stattdessen auf seinen Oberschenkel trifft. Dennoch zieht er schmerzhaft die Luft ein. Er ist vielleicht besser, aber ich bin keineswegs ein miserabler Kämpfer.

»Du solltest definitiv eine Therapie aufsuchen.« Er zielt wieder auf mein Gesicht und ich blocke ab.

Beinahe hätte ich aufgelacht. Ich kann mir nichts Ätzenderes vorstellen, als einer anderen Person mein Herz auszuschütten. Also presse ich die Kiefermuskeln zusammen und werfe mich mit meinem ganzen Gewicht gegen ihn.

Während wir nach hinten stolpern, schnellt seine Faust nach oben und trifft mich unter dem Kiefer. Es knackt und vor meinen Augen tanzen Sterne. Mir bleibt die Luft weg. Schwarz, schwarz, schwarz. Für einen Moment bin ich zurück in dem Krankenhausbett und den dunklen Tiefen meiner selbst.

Und wie immer wünsche ich mir, die Augen nicht wiederaufzuschlagen.

Wie immer öffnen sie sich dennoch von allein. Blut läuft aus meinen Mundwinkeln, als ich meinen Kopf nach vorne nehme und gegen seinen schlage. Mir wird schwindelig. Der Boden verschwimmt unter meinen Füßen und ich genieße es. Chase keucht und will seine Faust in meinen Bauch rammen. Als ich ihn abwehre, schießt ein stechender Schmerz durch meinen Arm. Schweiß rinnt über meinen Rücken und durchnässt das T-Shirt.

Wir sind einander zu nahe. Dieser Kampf ist zu persönlich.

»Du blutest wie jeder andere Mensch«, stellt Chase dunkel fest und neigt den Kopf, nimmt die Hände wieder vor sich.

Bei seinen Worten erstarre ich. Deine Seele ist vielleicht aus Stahl, aber du selbst bist es nicht. Du blutest wie jeder andere Mensch. Es sind Ivys Worte. Als sie das Messer auf meine Haut setzte und Nicholes Namen mit Blut eingravierte. Chase dieselben Worte sagen zu hören, bringt alles in mir zum Kochen. Er ist immer noch ein Symon. Das ist er immer gewesen. Seine Cousins – nein, seine Geschwister, haben mir alles genommen. Sie haben Nichole umgebracht. Sie haben mich im Gefängnis verrotten lassen. Sie haben mich gefesselt und benutzt, um Ava und ihn aus der Reserve zu locken. Ich war ihr Kollateralschaden. Ich war das Arschloch, dem man alles anhängen und alles antun konnte.

Ivys Blick hat sich in mein Gehirn gebrannt. Ab morgen wird sie nicht mehr sicher sein.

Atemlos stürze ich nach vorne und schlage auf Chase ein. Überrascht keucht er auf, wehrt manche Schläge ab, ist bei manchen zu spät. Mein Blickfeld wird rot. Schwarz, rot, schwarz. Ich höre das Piepen der medizinischen Geräte. Ich höre die Schreie in meinen Alpträumen. Nicholes Stimme. Nicholes verdammte Stimme. Immer weiter lasse ich meine Fäuste auf ihn niedersausen, realisiere kaum, wie er auch mich trifft, wie meine Muskeln sich zusammenziehen und Blut aus meinem Mund läuft. Du blutest wie jeder andere Mensch.

Dann trifft er meinen Oberkörper. Es ist, als würden sich meine Rippen tief in meine Haut graben. Schwindel packt mich, stürzt mich in die Tiefen der Dunkelheit. Meine Dunkelheit. Ein brutaler Schmerz durchfährt mich und ich nehme ihn bereitwillig in mich auf.

---ENDE DER LESEPROBE---