Cooks letzte Reise - Hampton Sides - E-Book

Cooks letzte Reise E-Book

Hampton Sides

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Beschreibung

Am 12. Juli 1776 stach James Cook, in seiner Heimat bereits als der größte »Entdecker« der britischen Geschichte gefeiert, mit der HMS Resolution zu seiner dritten großen Reise in See. Zweieinhalb Jahre später wurde er an einem Strand von Hawaii in einem Konflikt mit Einheimischen getötet. Bisher war Cook durch einen für seine Zeit bemerkenswerten Respekt gegenüber indigenen Völkern aufgefallen. Doch auf dieser letzten Fahrt zeigte er sich von einer ganz anderen Seite. Wie dies mit dem geheimen Befehl zusammenhängen könnte, die Nordwestpassage zu erschließen, beleuchtet Hampton Sides in seinem neuen Buch. Cooks letzte Reise liest sich wie eine rasante Abenteuergeschichte auf hoher See und ist zugleich eine kluge Reflexion über das Zeitalter der sogenannten Entdeckungen.

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Seitenzahl: 703

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Hampton Sides

COOKS LETZTE REISE

Die fatalen Folgen eines geheimen Auftrags

Aus dem amerikanischen Englisch

von Rudolf Mast

Für Anne Almighty, mit all meiner Liebe

Allein, allein und ganz allein

Auf weiter, weiter See!

Nicht lindert meine Todesangst

Ein Heil’ger in der Höh!

Samuel Taylor Coleridge:

Die Ballade vom alten Seemann1

INHALT

Karte 1

Karte 2

Motto

VORBEMERKUNG DES AUTORS

PROLOG: Die Rufe wurden immer lauter

Erstes Buch EUROPAS FÜHRENDER SEEFAHRER

1. NEGATIVER ENTDECKER

2. DER ERSTE ANTHROPOLOGE

3. EIN LEBENDES ANDENKEN

4. EIN ANGENEHMER ORT

5. ANGEBORENE HÖFLICHKEIT

6. DER FEIND NAMENS EIS

7. DIE NATUR ALS LEHRMEISTERIN

8. NEUENTDECKUNGEN

9. GEHEIME ANWEISUNGEN

Zweites Buch DAS AUSMASS MEINES MISSFALLENS

10. ISLA DEL INFIERNO

11. AM SCHNITTPUNKT ZWEIER MEERE

12. INSEL DER TROSTLOSIGKEIT

13. LUNAWANNA-ALONNAH

14. EIN SCHOCKIERENDES GEMETZEL

15. DAS LAND DER LANGEN WEISSEN WOLKE

16. RÜCKKEHR NACH GRASS COVE

Drittes Buch UNTER HOHEM HIMMEL

17. INSEL DER APHRODITE

18. EIN BARBARISCHER BRAUCH

19. VON JEDEM BELIEBIGEN SCHURKEN BETROGEN

20. EIN KÖNIGREICH FÜR EINE ZIEGE

21. MIT DER INBRUNST EINER UNVERBRÜCHLICHEN FREUNDSCHAFT

22. UNTER HOHEM HIMMEL

23. VON DER SONNE VERSENGT

24. »EINE NEUE MENSCHENRASSE«

25. IM REICH DER MENEHUNE

Viertes Buch EIN NEUES ALBION

26. SCHLECHTES WETTER

27. WEICHES GOLD

28. IN BERINGS KIELWASSER

29. TIEFES WASSER UND STEILE UFER

30. INBESITZNAHME

31. AUFWACHEN IN EINER NEUEN WELT

32. GEFAHRENTRÄCHTIG

Fünftes Buch APOTHEOSE

33. DER PFAD DER GÖTTER

34. ZÜGE VON ANBETUNG

35. SORGLOSE TAGE

36. ÜBERSTRAPAZIERTE GASTFREUNDSCHAFT

37. AM UFER

38. DIE GEBEINE VON KAPITÄN COOK

39. DIE WEISHEIT DES ALLMÄCHTIGEN

EPILOG: Lonos Tränen

ANHANG

DANK

BIBLIOGRAFIE

BILDNACHWEISE

ANMERKUNGEN

Motto

PROLOG Die Rufe wurden immer lauter

Erstes Buch EUROPAS FÜHRENDER SEEFAHRER

1. Negativer Entdecker

2. Der erste Anthropologe

3. Ein lebendes Andenken

4. Ein angenehmer Ort

5. Angeborene Höflichkeit

6. Der Feind namens Eis

7. Die Natur als Lehrmeisterin

8. Neuentdeckungen

9. Geheime Anweisungen

Zweites Buch DAS AUSMASS MEINES MISSFALLENS

10. Isla del Infierno

11. Am Schnittpunkt zweier Meere

12. Insel der Trostlosigkeit

13. Lunawanna-alonnah

14. Ein schockierendes Gemetzel

15. Das Land der langen weißen Wolke

16. Rückkehr nach Grass Cove

Drittes Buch UNTER HOHEM HIMMEL

17. Insel der Aphrodite

18. Ein barbarischer Brauch

19. Von jedem beliebigen Schurken betrogen

20. Ein Königreich für eine Ziege

21. Mit der Inbrunst einer unverbrüchlichen Freundschaft

22. Unter hohem Himmel

23. Von der Sonne versengt

24. »Eine neue Menschenrasse«

25. Im Reich der Menehune

Viertes Buch EIN NEUES ALBION

26. Schlechtes Wetter

27. Weiches Gold

28. In Berings Kielwasser

29. Tiefes Wasser und steile Ufer

30. Inbesitznahme

31. Aufwachen in einer neuen Welt

32. Gefahrenträchtig

Fünftes Buch APOTHEOSE

33. Der Pfad der Götter

34. Züge von Anbetung

35. Sorglose Tage

36. Überstrapazierte Gastfreundschaft

37. Am Ufer

38. Die Gebeine von Kapitän Cook

39. Die Weisheit des Allmächtigen

EPILOG Lonos Tränen

Über das Buch

VORBEMERKUNG DES AUTORS

Im Zuge der Neubewertung des britischen Kolonialerbes sind in den letzten Jahren auch die Reisen von Kapitän James Cook zunehmend infrage gestellt worden. Cook war vor allem Entdecker und Kartograf, nicht Eroberer oder Kolonialist. Und doch ist es richtig, dass Entdeckungen und die Herstellung von Karten in der Geschichte oft die ersten Schritte der Kolonialisierung waren. Im Kielwasser Cooks folgten Besatzer, Gewehre, Krankheiten, Alkohol, Geld, Wal- und Robbenfänger, Pelzhändler, Plantagenbesitzer, Missionare.

Und so steht Cook für viele Bewohnerinnen und Bewohner des Pazifikraums, von Neuseeland bis Alaska, als Symbol für den Kolonialismus und die Verwüstungen, die mit der Ankunft der Europäer einsetzten. In vielen Gegenden der Welt wird Cook verachtet – weniger für das, was er getan hat, sondern vor allem für das, was er ausgelöst hat. Er wird verachtet, weil die Einheimischen, denen er begegnete, viel zu lange ignoriert, ihre Stimmen nicht gehört, ihre Interessen und ihre kulturgeschichtliche Bedeutung nicht anerkannt wurden.

In der jüngeren Vergangenheit sind Denkmäler, die an Cooks Entdeckungsfahrten erinnern, mit Farbe beschmiert worden. Artefakte und Kunstwerke, die von seinen Reisen stammen und einst als ungeheuer wertvoll galten, wurden neu bewertet und aus Museen und Galerien entfernt (und in einigen Fällen an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben). Die Bevölkerung der Cookinseln diskutiert aktuell darüber, den Namen des Archipels zu ändern. 2021 kippten Demonstranten im kanadischen Victoria eine Cook-Statue in den Hafen. Cook, so hat es den Anschein, ist zu einer Art Kolumbus des Pazifiks geworden.

Es gab Zeiten, in denen Cooks drei epische Reisen von vielen als verwegene Abenteuer angesehen wurden – als wertvolle, wenn nicht

gar edelmütige Vorhaben im Dienste der Aufklärung und der Verbreitung von Wissen über die Welt. Sie fanden in einem Zeitalter statt, das von Staunen geprägt war und in dem Entdecker sich aufgerufen fühlten, die Welt zu erkunden, sie zu beschreiben und zu vermessen, bislang unbekannte Pflanzen und Tiere zu sammeln, Landschaften und Menschen zu dokumentieren, die in Europa noch unbekannt waren. Cooks Reisen beeinflussten unmittelbar die Romantik, förderten die wissenschaftliche Medizin, brachten Botanik und Anthropologie voran und inspirierten Schriftsteller von Coleridge bis Melville. Cooks Tage- und Logbücher wurden zu Bestsellern und standen Pate für eine Vielzahl von Theaterstücken, Gedichten, Opern, Romanen, Comics und sogar für eine Fernsehserie, die im Weltall spielt. (Die Figur des Captain James Kirk von der USS Enterprise wurde Captain James Cook nachempfunden.)

Heute sind Cooks Reisen heftig umstritten, insbesondere in Polynesien, wo sie als Anfang vom Ende der traditionellen Kultur angesehen werden, als Initialzündung für Entwicklungen, die laut dem Historiker Alan Moorehead »fatale Auswirkungen« hatten. In seiner Forschung befasst sich Moorehead »mit schicksalhaften Momenten, in denen eine gesellschaftliche Kapsel aufgebrochen wird«, und Cooks Expeditionen dienen ihm als Musterbeispiel für dieses Phänomen. Sie bilden ein moralisch fragwürdiges Gespinst, das zu entwirren und zu kritisieren sich der zeitgenössische Diskurs auf die Fahnen geschrieben hat. Eurozentrismus, Patriarchalismus, Anspruchsdenken, toxische Maskulinität, kulturelle Aneignung, die Rolle invasiver Arten bei der Zerstörung von Biodiversität: Cooks Reisen enthalten die historische Saat dieser und anderer Streitfragen.

Während um mich herum die Abneigung gegen Cook wuchs, begann ich mich intensiv mit der Geschichte seiner dritten Reise zu beschäftigen – der dramatischsten und sowohl von der zeitlichen Dauer als auch der zurückgelegten Strecke her längsten. Der Zeitpunkt schien mir günstig, mich mit einem Mann zu befassen, dessen Unternehmungen so viel Verbitterung und Streit in die Welt gebracht haben. Andere frühe Seefahrer, die den Pazifik bereist haben – Magellan, Tasman, Cabrillo und Bougainville, um nur einige zu nennen –, haben keine derart hitzigen Debatten ausgelöst. Was ist es, das Cook aus dem Kreis ähnlich gelagerter Fälle heraushebt?

Eine Antwort auf diese Frage habe ich nicht parat, schon gar keine einfache. Trotzdem hoffe ich, mit diesem Buch den Zugang zu einem tieferen Verständnis zu eröffnen. Vielleicht haben die Vorbehalte, die derzeit gegen Cook vorgebracht werden, ihre Ursache auch darin, dass auf der letzten Reise mit dem ruhmreichen Kapitän augenscheinlich etwas nicht stimmte. Historiker und Mediziner sind der Frage nachgegangen, woran Cook gelitten haben könnte. War es ein physisches oder ein psychisches (oder gar ein metaphysisches) Leiden? Was immer es war, es wirkte sich massiv auf seine Persönlichkeit aus. Sein Verhalten und seine Urteilskraft waren derart beeinträchtigt, dass es Folgen für die gesamte Reise hatte. Und vielleicht führte es sogar zu seinem Tod.

Wann immer es mir geboten erscheint, nehme ich in diesem Buch Bezug auf die zeitgenössische Diskussion. Vor allem aber versuche ich, Captain Cook und die Hintergründe seiner dritten Reise in all ihrer Komplexität aufzuzeigen, ohne ihn zu verherrlichen, zu dämonisieren oder zu rechtfertigen. Ich versuche lediglich, das zu beschreiben, was auf jener folgenreichen, gewagten und tragisch endenden letzten Reise passiert ist.

Um möglichen Einwänden zu begegnen, sei mir hier noch ein Hinweis gestattet: James Cook, und das macht das Buch hoffentlich klar, hat die wenigsten Orte, die ihm zugeschrieben werden, »entdeckt«, zum Beispiel Neuseeland, Hawaii und Australien. Es versteht sich von selbst und sei hier dennoch betont, dass diese und andere Gegenden der Welt, die im Buch eine Rolle spielen, lange vor Cooks Ankunft auf Entdeckungsreisen unerschrockener seefahrender Völker wie der polynesischen besiedelt worden waren. Die allermeisten geografischen Formationen und Lebensformen, denen Cook und seine Begleiter Namen verliehen und die sie beschrieben haben, trugen schon lange vor seiner Ankunft Namen. Gegenden, die in den Reiseberichten als »unberührt« und »nicht kartiert« beschrieben werden, waren meist schon seit Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden bewohnt.

Was sich hingegen in vielen Fällen sagen lässt, ist, dass Cook der erste oder einer der ersten europäischen Entdecker war, der die Region bereiste. In anderen Fällen scheint es angebracht zu sein, Cook und seine Begleiter als Besucher oder Gäste zu bezeichnen – Gäste allerdings, die früher als andere kamen.

Von den meisten sogenannten Entdeckern unterschied sich Cook dadurch, dass er ein außergewöhnlich sorgfältiger Kartograf war, eine Eigenschaft, die er mit der neuesten Vermessungstechnik und fundiertem Wissen über Astronomie paarte. War eine Reise beendet, waren die Orte, die er besucht hatte, für alle Zeiten auf einer Karte vermerkt. Viele dieser Karten fanden große Verbreitung. Cook wusste zu berichten, wo sich die besten Ankerplätze befanden, wo die Einheimischen Gäste freundlich empfingen, wo es Proviant und frisches Wasser gab. Cook lenkte das Scheinwerferlicht auf viele entlegene Inseln, deren Bewohner und Bewohnerinnen seit Urzeiten in völliger Abgeschiedenheit gelebt hatten. Fortan war es ihnen unmöglich, sich vor der Aufmerksamkeit der Welt zu verstecken.

Ein Thema, das uns in vielen Berichten über Cooks Reisen begegnet, ist das des Eigentums. In vielen der Orte, die er anlief, insbesondere in Polynesien, stimmte er Klagen darüber an, dass Gegenstände, insbesondere metallene, von seinem Schiff verschwanden. Seine Tagebücher stecken voller Berichte über Diebstähle, wie er die Vorfälle nennt, und Bestrafungen, die er an jenen Einheimischen vollstreckte, die er als Übeltäter ansah. Nicht zuletzt für Cooks Tod spielt dieses Thema eine entscheidende Rolle.

Polynesier und andere indigene Völker, auf die Cook während seiner Reise traf, verstanden unter Begriffen wie Eigentum und Besitz etwas gänzlich anderes als die Europäer. In der Vorstellung der Polynesier gehörten Dinge der Gemeinschaft, sich auf Cooks Schiffen zu bedienen, konnte demzufolge kein Verbrechen sein – zumal sich Cook und seine Männer bei den Insulanern nach Belieben bedienten (man könnte es auch »stehlen« nennen) und Nahrung, Wasser, Futter für die Tiere, Holz sowie andere Rohstoffe an Bord nahmen. Für viele Einheimische war Cooks Umgang mit dem Rohstoff Metall geradezu knauserig, wo doch Metall aus der Erde stammte und deshalb allen gehörte. Auf Cooks Schiffen fanden sich Unmengen an Eisen, auf den Inseln hingegen keins. Es gibt nur wenige Passagen, die sich detailliert zu dem äußern, was Cook und seine Offiziere als Diebstahl ansahen. Wenn ich auf solche Vorfälle zu sprechen komme, bemühe ich mich um eine neutrale Ausdrucksweise, um so den größeren Kontext in den Blick zu rücken, der sich hinter dem Zusammenprall der Kulturen mit ihrem unterschiedlichen Verständnis von Eigentum und Besitz verbirgt.

Ein weiterer heikler Punkt, der in der Geschichte der Reise immer wieder auftaucht, ist die Frage der Sexualität und ihres Auslebens. Die meisten Besatzungsmitglieder waren junge Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren und entsprechend auf das Thema Sex fixiert – was auch für viele Offiziere und Wissenschaftler galt. Während Cook nachgesagt wird, sich nicht mit einheimischen Frauen eingelassen zu haben, gilt für seine Begleiter das Gegenteil. Das Rollenbild, das sie von Frauen hatten, degradierte diese zu Sexspielzeugen, und die Lektüre der Tagebücher ist im 21. Jahrhundert nur schwer erträglich. Andererseits nehmen die lasziven, häufig aber auch ungeheuer fröhlichen Beschreibungen darin derart viel Raum ein, dass sie sich unmöglich ignorieren lassen. Auf Tahiti, Hawaii und andernorts trafen Cooks Begleiter auf Frauen, die sich vermeintlich bereitwillig und enthusiastisch mit den Männern einließen, was in nicht wenigen Fällen zu partnerschaftlichen Beziehungen führte. Leider gibt es nur sehr wenige Berichte, denen zu entnehmen wäre, wie die Frauen selbst darüber dachten und was sie empfanden, sodass sich das, was wir darüber sagen können, in der Hauptsache auf Schilderungen weißer englischer Männer stützt.

Als ich diese Berichte studierte, ertappte ich mich immer wieder bei der Frage, wie die jungen Polynesierinnen Gefallen an Cooks Männern finden konnten, diesen Fremden mit verfaulten Zähnen und zerschlissener Kleidung, die nach langen Monaten auf See einen üblen Geruch verbreiteten. War die Offenherzigkeit der Frauen wirklich so leidenschaftlich und aufrichtig, wie die britischen Seeleute sie in ihren Tagebüchern beschrieben? Oder zogen mächtige Männer – Priester oder Häuptlinge – im Hintergrund die Fäden, indem sie ihre Töchter, Schwestern und Nichten anwiesen, die Fremden zu umgarnen? Welche Strategie mochten sie damit verfolgen? War es der Glaube, dass die körperliche Verbindung eine Möglichkeit war, geheime Kräfte zu bändigen, über die die weißen Männer verfügen mochten?

Fragen wie diese sind von Historikern, die sich mit Polynesien befassen, aber auch von Anthropologen und Sexualwissenschaftlern ausführlich diskutiert worden. Aus der Anthropologie stammt die Vermutung, dass junge Frauen Sex als Möglichkeit ansahen, zumindest für eine Weile einer männlich dominierten Gesellschaft die Stirn zu bieten, die sie ansonsten mit strengen Tabus belegte. Andere widersprachen mit dem Hinweis, dass es den Frauen schlicht um Lust gegangen sei – die Lust am Abenteuer, an Zerstreuung, am Liebesspiel mit Fremden, das zu nichts verpflichtete. Die polynesischen Frauen lebten ihre Sexualität bemerkenswert offen aus. Anders als für ihre jüdisch-christlichen Geschlechtsgenossinnen war Nacktheit für sie nicht mit Scham belegt und Keuschheit kein Gebot, gegen das zu verstoßen Schuldgefühle hätte wecken können. Sie hatten einen Freiraum, den sie auszunutzen und zu genießen wussten – und in diesem Raum besaßen sie eine nicht zu leugnende Macht, Handlungsfähigkeit und Unabhängigkeit.

Dieses Buch stützt sich zu wesentlichen Teilen auf Log- und Tagebücher und andere Schriften, die Cook und seine Mitstreiter hinterlassen haben. Manches davon waren »offizielle« Berichte, anderes private Aufzeichnungen, die ohne Zustimmung der britischen Behörden veröffentlicht wurden. Wenn ich aus diesen alten Quellen zitiere, habe ich aus Gründen der Verständlichkeit und der Lesbarkeit hier und da antiquierte Ausdrücke, Hervorhebungen, Schreibweisen und Zeichensetzung an heutige Gepflogenheiten angepasst. Davon abgesehen zitiere ich die Quellen so, wie sie aus dem 18. Jahrhundert überliefert sind. Wie deutlich die Stimmen, die darin zu Wort kommen, auch nach zweieinhalb Jahrhunderten zu vernehmen sind, hat mich immer wieder aufs Neue erstaunt.

Nicht zu vermeiden war das Ungleichgewicht zwischen Quellen, die die englische Perspektive wiedergeben, und solchen, in denen die Perspektive der Einheimischen zur Sprache kommt. Wo immer es mir möglich war, habe ich aber versucht, die Sichtweise der Einheimischen einfließen zu lassen, die von Generation zu Generation weitergegeben und in späteren Zeiten schriftlich festgehalten wurde. Hier und dort habe ich auch Erkenntnisse der Archäologie, der Anthropologie und der Naturkunde sowie Erfahrungen hinzugezogen, die ich an Orten machen konnte, die Cook auf seiner dritten Reise besucht hat. Zeit- und Geldmangel, aber auch eine globale Pandemie hinderten mich daran, alle Ankerplätze Cooks anzusteuern, aber im Laufe der Jahre habe ich einige unvergessliche Reisen an Schauplätze unternommen, die für dieses Buch wichtig sind, darunter Neuseeland, Tasmanien, die Gesellschaftsinseln, die Küsten Oregons und Washingtons, Vancouver Island, Alaska, Sibirien, Hawaii und England.

Ein letzter Hinweis: Was Sie in Händen halten, ist keine Biografie, sondern ein Buch, das auf wissenschaftlicher Grundlage eine Geschichte erzählen will, in der viele verschiedene Charaktere auftreten, die auf den Weltmeeren riesige Entfernungen zurücklegten. Es erzählt von einer Reise, die mehr als 180 Männer mit zwei Schiffen antraten. Sie starteten im Juli 1776 in England, an einem Wendepunkt in der Geschichte. Und es berichtet nicht allein von James Cook, sondern auch von jenen, die ihn auf seiner letzten Reise in den Pazifik begleiteten. Sie alle nahmen an einer Unternehmung teil, die im Guten wie im Schlechten Spuren in der Weltgeschichte hinterlassen hat.

Als Cook und seine Männer ihre Reise antraten, gab es noch einige wenige, dafür aber große Rätsel über die Beschaffenheit der Welt und Orte, die kein Mensch je zu Gesicht bekommen hatte. In jenen Tagen konnten sich Kulturen, die weit entfernt voneinander existierten, noch zum ersten Mal begegnen.

COOKS

LETZTE

REISE

Du, oh, Lono, erscheinst uns vielfältig am Himmel,

als lange Wolke, als kurze Wolke,

als wachsame Wolke,

als Wolke, die alles überblickt …

Lono, das Donnergrollen,

der Himmel, der zürnt,

die aufgewühlte See.

Alte hawaiianische Weise

PROLOG: Die Rufe wurden immer lauter

Kaua‘i, Hawaii, im Januar 1778

An jenem Abend, an dem die Schiffe erschienen, waren einige Fischer draußen auf dem Meer und gingen im Licht von Fackeln ihrer Arbeit nach. Einer von ihnen, ein Mann namens Mapua, reagierte regelrecht bestürzt auf den Anblick, der sich ihm bot: Eine riesige Silhouette näherte sich ihm, die hoch über die Dünung aufragte, am höchsten Punkt brannte Feuer. Seitlich waren Löcher zu erkennen, wie Mapua bemerkte, und vorn ragte ein langer Speer heraus, der ihn an einen Schwertfisch denken ließ. Dann tauchte eine zweite solche Kreatur auf, die von der ersten kaum zu unterscheiden war. Mapua wusste nicht zu sagen, was er da vor sich hatte, aber er war sich sicher, dass ihr Erscheinen nichts Gutes zu bedeuten hatte.

Mapua und seine Kollegen paddelten rasch an den Strand zurück. Laut mündlichen Überlieferungen, die der Historiker Samuel Mānaiakalani Kamakau zusammengetragen hat, »zitterten sie aus Angst vor dieser wundersamen Erscheinung«.1Als sie das Dorf erreicht hatten, informierte Mapua umgehend Häuptling Kaeo über die befremdliche und verstörende Sichtung.

Am nächsten Morgen hatten sich die beiden Meeresungeheuer weiter dem Ufer genähert. Was war das? Woher kamen sie? Was wollten sie? Ein Beobachter soll entgeistert gefragt haben: »Was hat es mit den vielen Verästelungen auf sich?« (Gemeint waren sicherlich die Masten und Spieren der Schiffe.) Ein anderer erwiderte: »Das sind Bäume, die übers Wasser wandeln.«2

Nein, wandte der Priester ein, es seien treibende heiaus, Tempel, in denen Götter wohnten. Und er fügte hinzu, dass es sich um etwas ganz Außergewöhnliches handeln müsse. In den Zweigen erkannte er Treppenstufen, die gen Himmel führten.3

Die Schiffe kamen immer näher, und Kamakau notierte, dass die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes wie gebannt auf das »wundersame Monster« schauten und »von großer Verwunderung ergriffen« wurden. Unterdessen hatte sich eine größere Menschenmenge am Ufer eingefunden, die ihrer »Angst und Verblüffung« lautstark Ausdruck gaben.4Die Schiffe waren lautlos und geisterhaft am Horizont erschienen, nun flatterten die Segel im Wind und verliehen ihnen das Aussehen von Stachelrochen, die aus dem Meer aufgetaucht waren.

Einige Kanus wurden zu Wasser gelassen und losgeschickt, um mehr über den Besuch in Erfahrung zu bringen. Die Männer näherten sich den Schiffen, bis sie menschenähnliche Wesen erkennen konnten, die an Deck hin und her gingen. Die Köpfe wirkten eigentümlich deformiert – was an den Dreispitzen lag, die die Fremdlinge trugen, die den Einheimischen aber unbekannt waren. Und die seltsamen, eng sitzenden Uniformen hielten sie für Haut. »Ihre Haut ist mit dem Körper nicht verwachsen und runzlig«, erklärte einer.5Und weil sie dergleichen nicht kannten, hielten sie die Taschen für kleine Türen, die ins Innere der Körper führten. »Sie stecken ihre Hände in die Öffnungen und holen allerhand wertvolle Dinge hervor – ihre Körper sind wahre Schatzkisten!«6

Je weiter sich die Schiffe dem Ufer näherten, desto größer wurde die Menschenmenge, die sie erwartete. Im selben Maße wuchs sich die gespannte Erwartung zu einer regelrechten Ekstase aus. Die Menschen fürchteten sich und waren zugleich begeistert. Sie spürten, dass etwas Unheilvolles seinen Lauf nahm und das Leben auf der Insel sich für immer verändern würde.

»Die Bucht schwirrte vor Lärm«, schrieb Kamakau, »und die Rufe wurden immer lauter.«7

Erstes Buch EUROPAS FÜHRENDER SEEFAHRER

Cook war Kapitän des Königs

in einer Zeit, da Kapitäne (…)

noch Zauberer waren

(…) und ihre Schiffe mit ihrem Blut

Statt mit Schulwissen vorantrieben,

Bis Rahen brachen und Masten über Bord gingen,

Dämonen mit Perücken und magischen Kräften,

Die in den Sternen Zeichen erkannten,

in denen andere nur Funkensprühen sahen.

Kenneth Slessor: Five Visions of Captain Cook

1. NEGATIVER ENTDECKER

Ein bedeutsames Jahr brach an, das Jahr 1776, und James Cook war eine bedeutsame Person, ein Prominenter, ein Meister seines Fachs, ein Held. Führende Wissenschaftler baten ihn um Rat. Die renommiertesten Porträtmaler luden ihn in ihre Ateliers ein, damit sie ihn malen konnten. Cook war bei König Georg III. gewesen und zum »post-captain« ernannt worden, ein Rang, der seine Aussichten, es bis zum Admiral zu bringen, deutlich erhöhte.

Der genügsame Mann aus den Mooren Yorkshires, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, bewegte sich in elitären Kreisen und mischte sich in den Londoner Cafés, Salons und Clubs unter die feine Gesellschaft. In einer Rede vor dem Oberhaus wurde er als »Europas führender Seefahrer« bezeichnet. Nicht wenige Politiker priesen ihn als den wichtigsten Kapitän, den England je hervorgebracht hatte, und stellten ihn über Kollegen wie Anson, Hudson und Drake. Cook war als Mitglied der prestigeträchtigen Royal Society vorgeschlagen worden und stand kurz vor der Auszeichnung mit der Copley-Medaille, der höchsten Anerkennung, die die Royal Society zu vergeben hatte. Und viele Beobachter gingen davon aus, dass der Ritterschlag bald folgen würde.

Nur sechs Monate zuvor war Cook von seiner zweiten Reise um die Welt zurückgekehrt. Sie hatte ihn bis in die kältesten Regionen des Globus geführt, mitgebracht hatte er wichtige Entdeckungen und faszinierende Karten von bislang unbekannten Weltgegenden. Im Zuge dieser Reise hatte er 1100 Tage auf See verbracht und mehr als 100 000 Seemeilen zurückgelegt.

Das wichtigste Anliegen, das Cook mit dieser Reise verfolgt hatte, war die Erkundung des Südlichen Ozeans und die Suche nach jenem Kontinent, der Terra Australis Incognita genannt wurde und von dem niemand wusste, ob es ihn überhaupt gab. Viele zeitgenössische Wissenschaftler waren davon überzeugt, dass am Südpol eine Landmasse existierte, die das Gegengewicht zu den Kontinenten der Nordhalbkugel bildete und deshalb größer als Australien sein musste. Ohne einen solchen Superkontinent auf der Südhalbkugel wäre die Erde derart kopflastig, dass sie durch das All trudeln und, wie es der flämische Kartograf Gerardus Mercator formulierte, »in Stücke brechen und sich unter die anderen Sterne mischen würde«.1

Die Theorie des Südkontinents hatte viele Anhänger, aber der glühendste von ihnen war der schottische Geograf Alexander Dalrymple, der nicht nur von der Existenz dieses mythischen Kontinents überzeugt war, sondern auch davon ausging, dass dort viele Millionen Menschen lebten. Cook war sich da weniger sicher, aber er hielt es für dringend geboten, die südlichen Breiten zu erkunden, einen Teil der Welt, der noch weitestgehend unbekannt war.

Cooks Schiff, die H MS Resolution, verließ England im Juli 1772 gemeinsam mit der H MS Adventure, die jedoch vor der Küste Neuseelands den Kontakt zur Resolution verlor und daraufhin nach England zurückkehrte. Cook setzte die Reise fort und überquerte als erster Kapitän eines europäischen Schiffes den südlichen Polarkreis (Māori waren vermutlich schon früher so weit südlich gelangt). Er unternahm mehrere Vorstöße in Richtung Pol, die ihn bis auf 71°10' südlicher Breite führten. Dabei begegnete ihm nichts, was Hinweise auf eine Landmasse oder einen Kontinent gegeben hätte, obwohl er sich bis auf 150 Kilometer der Antarktis näherte, wo er sich mit vereistem Rigg einen Weg durch treibende Eisberge bahnen musste.

Im November 1774 hatte Cook die Resolution gen Norden gesteuert und sich durch die Eisfelder Richtung Heimat vorgearbeitet. Den gesuchten Südkontinent verwies er ins Reich der Fabel, und die Gründlichkeit und Beharrlichkeit, mit der er den Südlichen Ozean abgesucht hatte, brachte die Admiralität zu der Überzeugung, dass er recht hatte. Auf diese Weise ging Cook als »negativer Entdecker« in die Geschichte ein – er hatte herausgefunden, dass sich dort, wo etwas vermutet wurde, in Wahrheit nichts befand. Ein Biograf bezeichnete Cook deshalb als »Scharfrichter unausgegorener Hypothesen«.2

»Wenn es mir nicht vergönnt war, einen Kontinent zu entdecken«, schrieb Cook selbst, »dann, weil er nicht existiert, und nicht, weil ich nicht gründlich genug gesucht hätte.« Es hätte aber nicht viel gefehlt, und er hätte Antarktika erreicht. Und er kam zu dem Schluss, dass eine größere Landmasse, die im äußersten Süden lag, notwendigerweise von Eis umschlossen und deshalb für Schiffe nicht erreichbar und unbewohnt war – »eine Region«, wie er sich ausdrückte, »die dazu verurteilt ist, ohne wärmende Sonnenstrahlen auszukommen und für alle Zeiten unter einer dicken Schneedecke zu verharren«.3Es sollte ein halbes Jahrhundert vergehen, bis die ersten Menschen die eisige Küste Antarktikas erreichten – ein Kontinent zwar, aber nicht annähernd so groß wie das sagenhafte Terra Australis.

Auf seiner langen Suche in unwirtlichen Breiten hatte Cook nie einen Hehl daraus gemacht, was sein eigentliches Ziel war: Er wollte nicht nur »weiter ins Unbekannte vorstoßen als jeder Mensch vor mir, sondern so weit, wie es nur menschenmöglich ist«.4

James Cook war ein wortkarger Mensch, seine Stirn voller Falten, sein dichtes rotbraunes Haar begann zu ergrauen, das strenge Gesicht war vom Wetter gegerbt. Der einst hagere große Mann – in jungen Jahren hatte er 1,90 Meter gemessen – war durch die Jahre auf See, in denen er sich im Dienste des Königs durch enge Luken und in Laderäume hatte zwängen müssen, gebeugt. Er hatte eine Hakennase, ein kräftiges Kinn mit kleinem Grübchen und blaue Augen, deren Blick alles, was ihm begegnete, zu durchdringen schien. Seine Hände waren wie die jedes Seemanns rau, aber dennoch geschickt und gewohnt, mit empfindlichen Geräten wie Sextanten, Quadranten und anderen Instrumenten zur Navigation umzugehen. Auf der Innenseite seiner rechten Hand prangte zwischen Daumen und Zeigefinger eine hässliche Narbe, die er sich als junger Mann in Kanada zugezogen hatte, als ein Pulverhorn in seiner Hand explodiert war. Gelegentlich verbarg er die Narbe unter einem Handschuh.

Cook trank kaum Alkohol, und obwohl er aufbrausend werden konnte, wenn etwas nicht in seinem Sinne lief, fluchte er nie. Er war nicht sonderlich religiös, aber in seiner Zeit als Lehrling und später bei der Handelsmarine hatte er unter Quäkern gedient und deren Werte – Besonnenheit, Genügsamkeit, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit, Fleiß und strikte Ablehnung von Arroganz und Prahlerei – übernommen. Und wie viele Quäker war Cook ein Meister der Geradlinigkeit und Direktheit. Er führte ein klares, oft auch brüskes Wort und fasste sich kurz. Den singenden Tonfall seiner Heimat Yorkshire legte er dabei aber nie ab. Auch Sturheit gilt als ein Charakterzug der Quäker, der Cook nicht fremd war, doch dann und wann huschte durchaus ein Lächeln über seine Lippen, und vor allem in Momenten, in denen niemand damit rechnete, war von ihm auch schon mal ein Scherz zu hören oder zu lesen.

Cook liebte es schlicht – was für seine Kleidung ebenso galt wie für seine Sprache, sein Umfeld und sogar das Essen, das er zu sich nahm. Er bevorzugte einfache Kost wie Sauerkraut und Erbsen, verschmähte aber auch polynesische Gerichte nicht, die dem europäischen Gaumen eher fremd waren, darunter gebackener Hund oder kava, die ein Diener des Häuptlings vorgekaut und in eine Schüssel gespuckt hatte. Cook war nicht wählerisch – ein Seekadett, der unter ihm gedient hatte, bezeichnete Cooks Geschmacksnerven als »die unkultiviertesten, die je ein Mensch besessen hat«.5Sein Magen-Darm-Trakt schien aus Eisen gefertigt, und er hielt es für seine Pflicht, alles zu essen, was ihm vorgesetzt wurde. »Sein Magen verdaute klaglos (…) auch den letzten Fraß«, notierte ein junger Offizier auf einer von Cooks Reisen.6

Auch Cooks Wohnung war schlicht gehalten. Gemeinsam mit seiner Frau Elizabeth, der Tochter eines angesehenen Gastwirts, lebte er in einem kleinen Reihenhaus, das in einer Straße namens Mile End Road stand. Die lag in einem pulsierenden Viertel östlich der Londoner City unweit der Themse. In den vergangenen sieben Jahren war Cook allerdings nur ausgesprochen selten zu Hause, sondern überwiegend auf See gewesen. Er verpasste deshalb, wie die meisten seiner fünf Kinder geboren wurden und drei von ihnen tragisch früh starben. John, der älteste Sohn, war inzwischen zwölf Jahre alt und bereits bei der Navy. Er war in Portsmouth stationiert, wo er auf die Offizierslaufbahn vorbereitet wurde. Sein jüngerer Bruder Nathaniel wollte ihm nacheifern. Elizabeth war derweil wieder schwanger, das Kind sollte in wenigen Monaten zur Welt kommen.

Selbst wenn Cook zu Hause war, war er mit dem Kopf meist woanders. Dennoch wusste er die wenige Zeit, die er mit seiner Frau verbrachte, durchaus zu genießen. Elizabeth war eine starke, nüchterne Frau und dreizehn Jahre jünger als ihr Mann. Die Beziehung war von einer gewissen Förmlichkeit und respektvollen Distanz geprägt – für die damalige Zeit durchaus nicht unüblich, zumal in Ehen mit einem derart großen Altersunterschied. Elizabeth nannte ihren Mann »Mr. Cook«.

An Land wurde der besonnene Seemann und Kapitän schnell rastlos. Er lebte im Rhythmus und nach den Regeln der Seefahrt. Und er brauchte ein Projekt, ein Vorhaben, ein Rätsel, in das er sich vertiefen konnte. »Zu leben hieß für ihn zu handeln«, schrieb ein Offizier, der unter Cook gedient hatte, »Untätigkeit war gleichbedeutend mit dem Tod.«7Mit sich und der Welt zufrieden war Cook, wenn er ein Schiff kommandieren konnte. »An Land war er dem Chaos ausgesetzt, das andere zu verantworten hatten«, formulierte eine englische Biografin, »aber auf einem Schiff herrschten Ordnung und Disziplin – eine Welt, in der er sich geborgen fühlte, weil sein Wort Gesetz war, an das sich alle hielten.«8

Zu den Merkwürdigkeiten, die Cook umgeben, gehört der Umstand, dass wir über sein Innenleben – seine Gedanken, Gefühle, Ängste, seine Marotten und Sorgen – nur sehr wenig wissen. Die Log- und Tagebücher, die er über seine Reisen verfasste, enthalten mehr als eine Million Wörter, aber nur an wenigen Stellen gibt er uns Einblick in sein Gefühlsleben. Die meisten Einträge befassen sich mit fachlichen Details wie dem Luftdruck, der Windrichtung, der Menge des Seetangs, der im Wasser treibt, oder der Beschaffenheit des Bodens in einer Bucht, die er als Ankergrund auserkoren hat.

Erschwerend kommt hinzu, dass Elizabeth aus Gründen, die wir nicht kennen, im Alter sämtliche persönliche Unterlagen vernichtet hat, darunter auch alle Briefe ihres Mannes. So blieb es Historikerinnen und Historikern späterer Jahre versagt, tiefer in Cooks Seelenleben vorzudringen – oder in das seiner Frau. »Sein Privatleben und seine Gedanken sind ein Buch mit sieben Siegeln«, notierte eine Biografin. »Selbst die wenigen privaten Briefe, die überliefert sind, hüllen sich diesbezüglich in eisernes Schweigen.«9

Zu einem Teil ist die Aussparung von Persönlichem auch dem Zeitgeist und Cooks Beruf geschuldet. Die Welt, in der ranghohe Marineoffiziere im 18. Jahrhundert lebten, war klein und von Missgunst und Konkurrenz geprägt; Gefühle zu äußern, gleich ob mündlich oder schriftlich, war nicht opportun. Das galt umso mehr, auch wenn es klischeehaft klingen mag, für einen Mann aus Yorkshire. Die Menschen aus dem Norden Englands standen in dem Ruf, aus hartem Holz geschnitzt, praktisch veranlagt und direkt bis zur Unverblümtheit zu sein. Ein solcher Mensch war auch Cook – es ihm recht zu machen, war ebenso schwer, wie ihn zum Narren zu halten, ihm nahezukommen oder ihn zu durchschauen. Ein Biograf hat sein sprödes Wesen wie folgt beschrieben: »Es gab durchaus Abgründe, aber nur selten ist dorthin Licht gefallen.«10

Seine Reisen trugen Cook den Ruf als unbedingter Fachmann ein, der sein Schiff mit der Präzision, aber auch der Unnahbarkeit eines Roboters führt. Er mochte in einem romantischen Zeitalter der Entdeckungen leben, aber ihm selbst ging jede romantische Ader ab. Er besuchte einige der weltweit faszinierendsten und ursprünglichsten Inseln, aber als professioneller Kartograf hatte er für ihre Schönheit nur wenig Sinn. Ein Biograf kam zu dem Schluss, dass Cook »jeglicher Schwärmerei unverdächtig« gewesen sei.11

Die Seefahrt mochte ein hartes und raues Metier sein, aber Cook hatte versucht, eine Wissenschaft daraus zu machen. Er hatte stets das große Ganze im Blick. Schlamperei oder Nachlässigkeiten waren ihm ebenso verhasst wie Übertreibungen, Aberglaube und Lügengeschichten, die Seeleute so gern auftischten. Er setzte auf Genauigkeit. Der Autor James Boswell, der Cook persönlich kannte, nannte ihn einen »geradlinigen und ehrbaren Mann mit einer ausgeprägten Wahrheitsliebe. Sein Gespür dafür, was richtig und was falsch ist, war so präzise wie eine Goldwaage.«12Je höher Cook in der Gesellschaft aufstieg, desto häufiger zeigten sich die Menschen, denen er begegnete, enttäuscht darüber, wie sehr es ihm an den entsprechenden Umgangsformen mangelte. Ein prominentes Mitglied der Londoner Gesellschaft, das ihm mehrfach begegnete, diagnostizierte, Cook sei »ganz mit sich und seinen Plänen beschäftigt und erkennbar überfordert, wenn von ihm erwartet wird, dass er sich zu etwas äußert«.13

Im öffentlichen Auftritt war Cook zurückhaltend und selbstkritisch, und er verabscheute jede Dramatik. Instinktiv war er bestrebt, sich selbst im Hintergrund zu halten und die Aufmerksamkeit auf andere zu lenken. Es fällt auf, dass er keine einzige der vielen Entdeckungen, die er auf seinen Reisen machte, nach sich oder einem Familienmitglied benannt hat. (Heute tragen zahlreiche Orte und geologische Formationen seinen Namen, etwa die Cookstraße, das Cook Inlet, der Mount Cook, der Cook-Gletscher, die Cookinseln oder der Cook-Krater auf dem Mond; all diese Bezeichnungen wurden aber nachträglich und von Dritten vorgenommen, keine wurde je von Cook auf einer der von ihm angefertigten Karten vermerkt.) Ebenso auffällig ist, dass er großen Wert darauf legte, auf seinen Karten – sofern er ihm bekannt war – auch den ursprünglichen Namen zu vermerken, den Einheimische vergeben hatten. Das unterscheidet ihn von anderen europäischen Entdeckern und belegt, dass Cook den Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnete, Respekt entgegenbrachte und ihren Traditionen gegenüber nicht gleichgültig war.

James Cook war der Sohn eines Tagelöhners und genoss nur eine rudimentäre Schulbildung. 1728 geboren, wuchs er in einem Ort namens Great Ayton und einem Haus aus Stroh und Lehm auf. Als Teenager zog er nach Whitby, einer Kleinstadt, in der Bootsbauer, Walfänger und Fischer lebten und sich von dem ernährten, was sie der Nordsee abtrotzen konnten. Nach einer kurzen Lehrzeit bei einem ortsansässigen Kaufmann begann Cooks Laufbahn als Seemann, zunächst bei der Handelsmarine. Er fuhr auf Schiffen, die Kohle und Holz aus dem Norden Englands nach London brachten. Er lernte die Feinheiten der Schiffsführung kennen, das launische Wetter der Nordsee zu lesen und wurde mit den Fallstricken der terrestrischen Navigation vertraut, die es ihm ermöglichte, ein Schiff sicher entlang der tückischen Küste zu steuern. Schließlich führten ihn seine Reisen bis ins Baltikum und nach Sankt Petersburg.

Im Alter von siebenundzwanzig Jahren, als nicht mehr ganz junger Mann, der kurz davorstand, zum Kapitän eines Handelsschiffs ernannt zu werden, quittierte er den Dienst und wechselte zur Kriegsmarine. Dort musste er als Matrose quasi von vorn anfangen, konnte sich aber rasch auf der Karriereleiter nach oben arbeiten.

Während des Siebenjährigen Krieges führte ihn sein Dienst bis nach Kanada, wo sich seine außergewöhnliche Begabung als Vermesser, Hydrograf und Kartograf erwies. Diese Fähigkeiten schlugen sich in Karten nieder, die maßgeblich zum Sieg beitrugen, den die Engländer 1759 in der Schlacht von Quebec gegen Frankreich errangen. Cook war die Aufgabe zugefallen, den Sankt-Lorenz-Strom von der Mündung bis zum belagerten Quebec zu erkunden und zu vermessen. Zweck des Ganzen war, ein schiff bares Fahrwasser zu finden, nachdem die Franzosen alle Markierungen entfernt hatten, um die britische Flotte auszubremsen. Cooks Können als Kartograf, gepaart mit astronomischem und mathematischem Sachverstand, blieb bei der Admiralität nicht unbemerkt, erst recht nicht, nachdem er nach mehrjähriger sorgfältiger Arbeit eine ebenso elegante wie präzise Karte von Neufundland vorgelegt hatte, jener von Gletschern geformten Insel, deren Küste zu den verwirrendsten der Welt gehört. Im Vergleich mit aktuellen Satellitenbildern wird die erstaunliche Genauigkeit ersichtlich, die Cooks Karte zu einem Meisterwerk macht.

In den späten 1760er-Jahren war auch das letzte Mitglied der Admiralität von Cooks Fähigkeiten überzeugt, und die entsprechende Belohnung ließ nicht lange auf sich warten. Seine erste Pazifikreise, die er als Kommandant der H MS Endeavour antrat, verließ England im Jahr 1768 mit dem Ziel Tahiti. Leutnant Cook (diesen Rang bekleidete er zu jener Zeit) hatte die Order, den Durchgang der Venus zu beobachten und zu dokumentieren, ein seltenes astronomisches Ereignis, für das sich die europäische Wissenschaft brennend interessierte. Von Tahiti aus durchquerte die Endeavour den Südpazifik bis nach Australien, dessen Ostküste Cook kartierte; es folgten die Nord- und die Südinsel Neuseelands sowie einige weitere Inseln, die in Europa bislang unbekannt gewesen waren. Insgesamt konnte Cook im Pazifik 8000 Kilometer Küste kartieren. Während der gesamten Reise hielt er zudem permanent Ausschau nach dem sagenhaften Südkontinent, bis er zu dem Schluss kam, dass dafür eine eigene Expedition erforderlich war.

Bei der Rückkehr nach England 1771 wurde Cooks erste Reise als Triumph bejubelt. Die meiste Aufmerksamkeit galt jedoch dem jungen Botaniker und Lebemann Joseph Banks, der sinnbildlich für den Erfolg der Expedition stand. Die Admiralität wusste auch Cooks Leistung zu würdigen, aber erst seine zweite Südseereise, die der Suche nach dem unentdeckten Südkontinent galt, machte ihn zu einer Berühmtheit und katapultierte ihn ins Pantheon der britischen Entdecker.

2. DER ERSTE ANTHROPOLOGE

Die Suche nach einem Superkontinent auf der Südhalbkugel war zwar ergebnislos geblieben, aber immerhin hatte Cook herausgefunden, dass in dem riesigen Seegebiet viele kleinere Inseln lagen, von denen einige bewohnt, andere unbewohnt waren. Viele davon hatte er persönlich aufgesucht. Die Schiffe, die unter seinem Befehl standen, »schienen von Land magnetisch angezogen zu werden«, schrieb ein Biograf.1Cook landete auf den Osterinseln, den Marquesas, den Gesellschaftsinseln, auf Tonga, den Neuen Hebriden, Neukaledonien, Südgeorgien und in Neuseeland. Hinzu kamen mehrere Inseln und Inselgruppen, die vor ihm noch kein Europäer betreten hatte.

Auf seinem Weg durch jene Region, die wir heute Ozeanien nennen, erwies sich Cook als erstaunlich aufgeschlossener Beobachter der Kulturen, die er dort vorfand. Auch wenn er sich mit der Materie zuvor nie befasst hatte, entwickelte er sich zu einer Art erstem Anthropologen und Ethnografen. Gemessen an den Gepflogenheiten der Zeit, in der sie entstanden, waren seine Beschreibungen der Einheimischen überraschend vorurteilsfrei und von Sympathie geprägt. Cook hat nie versucht, die Menschen der Südsee zum Christentum zu bekehren, und sich einer moralischen Bewertung ihrer Bräuche und Überzeugungen weitgehend enthalten. In seinen schriftlichen Aufzeichnungen war er erkennbar um Neutralität, Objektivität und Toleranz bemüht.

Wie die meisten englischen Offiziere jener Zeit war mit Sicherheit auch Cook von der Überlegenheit der europäischen Zivilisation überzeugt, seine Äußerungen sind in dieser Hinsicht jedoch zurückhaltend. Vielmehr versuchte er, mit der Inselbevölkerung ins Gespräch zu kommen, um das Wesen ihrer Rituale und Zeremonien, der Kriegsführung, der Religion, des Landbaus und des Wirtschaftens zu ergründen. Erreichten seine Schiffe eine Insel zum ersten Mal, war er oft der Erste, der an Land ging, und das in der Regel unbewaffnet. Es gab wiederholt Fehleinschätzungen und gewaltsame Auseinandersetzungen, von denen einige tödlich endeten, und zwar sowohl für Einheimische als auch für die Invasoren. In den allermeisten Fällen aber verlief das erste Aufeinandertreffen Cooks mit Polynesiern und australischen Aborigines friedlich – in jener schießwütigen Epoche, in der die Kommandanten europäischer Schiffe meist erst schossen und dann fragten, eher eine Seltenheit.

Cook war nicht naiv; ihm war bewusst, dass er im Namen des Britischen Empires handelte und seine Reisen den strategischen Zielen einer Nation dienten, die im Wettstreit mit anderen europäischen Mächten um Kolonien und Rohstoffe stand. Dieser Wettstreit wurde mit harten Bandagen und ohne Rücksicht auf Verluste ausgetragen. Liest man Cooks Aufzeichnungen, stellt sich jedoch das sichere Gefühl ein, dass Cook an den Winkelzügen der Weltpolitik wenig Interesse hatte. Er war eher von Neugier als von Habgier geleitet, mehr auf Erfahrungen denn auf Eroberungen aus. Er verstand sich als Patriot und loyaler Untertan der britischen Krone, aber zugleich als Weltbürger – als Bewohner einer Welt, die nicht zuletzt durch seine eigenen Reisen kleiner geworden war.

Cook verstand sich selbst als Forscher und Wissenschaftler in der Tradition der Aufklärung und der wissenschaftlichen Revolution, dessen Rolle die des unvoreingenommenen Beobachters ist. Diesem Ethos am nächsten kam er in jenen Momenten, in denen ihm Neues begegnete, das darauf wartete, von ihm untersucht, vermessen und dokumentiert zu werden.

Auf den ersten beiden Reisen hatte sich Cook als gütiger und zugleich strenger Anführer seiner Männer erwiesen, der die Peitsche nur selten einsetzte, aber umso mehr um das Wohl und die Gesundheit der Besatzung besorgt war. Derlei Umgang mag man für einen verantwortungsvollen Offizier der britischen Kriegsmarine für selbstverständlich halten, aber zu jener Zeit waren Kapitäne eher Tyrannen, die zu drakonischen Strafen griffen und sich für die Zustände in den Mannschaftsquartieren unter Deck nicht interessierten. Die Royal Navy, wie eine Historikerin formulierte, »rekrutierte ihr Personal mit Gewalt und hielt es durch Grausamkeit bei der Stange«.2

Cook war kein solcher Kapitän. Er suchte ständig nach Möglichkeiten, die Hygiene an Bord und die Ernährung der Besatzung zu verbessern. Ihm war bewusst, dass anhaltende Feuchtigkeit und Dunkelheit Feinde waren, die im Verbund auftraten und gnadenlos bekämpft werden mussten. Auf langen Reisen rafften Krankheiten viele Seeleute dahin, aber Cook fand heraus, dass die meisten durch strikte Sauberkeit vor allem in der Kombüse in Schach gehalten werden konnten.

Die Rolle von Bakterien war noch weitgehend unbekannt und wurde in medizinischen Kreisen kontrovers diskutiert. Doch Cook schien die Relevanz dieses Themas instinktiv begriffen zu haben. Um Infektionsquellen so effektiv wie möglich zu beseitigen, ließ er seine Männer die Decks mit Seife und Essig schrubben und regelmäßig qualmende Feuer entzünden, um das Innere des Schiffes auszuräuchern. Den Kampf gegen Kakerlaken, Ratten, Käfer und anderes Ungeziefer ging er systematisch und geradezu wissenschaftlich an. »Das Thema Sauberkeit, gleich ob im Schiff oder bei der Besatzung, kann nicht ernst genug genommen werden«, notierte Cook bestimmt. »Jede Nachlässigkeit macht sich umgehend mit einem ekelhaften, an Verwesung erinnernden Geruch unter Deck bemerkbar.«3

Und dann war da noch die gefürchtetste aller Plagen der Seefahrt: Skorbut, jene grausige Erkrankung, die als unvermeidbarer Bestandteil jeder längeren Seereise galt. Im Zeitalter der Großsegler ging man davon aus, dass der Krankheit je nach Dauer der Reise bis zu fünfzig Prozent der Besatzung zum Opfer fallen konnten. Der Verlauf war nur allzu gut bekannt: Es begann mit faulendem Zahnfleisch und Mundgeruch, ging weiter mit hervortretenden Augäpfeln und Hautentzündungen und endete mit Muskelschwund, Krämpfen und schließlich dem Tod.

Interessanterweise waren Cook und seine Männer auf den ersten beiden Reisen von Skorbut weitgehend verschont geblieben. Bei der zweiten Reise war die Resolution insgesamt drei Jahre unterwegs, aber nicht ein einziges Besatzungsmitglied ist in dieser Zeit an Skorbut gestorben. Nicht einmal über schwere Symptome wurde berichtet. Das war ein Durchbruch von historischem Ausmaß. Die Ursachen der Krankheit hatte allerdings auch Cook nicht verstanden. Dass sie vom Mangel an Vitamin C ausgelöst wird, entdeckten Forscher erst in den 1930er-Jahren, als sie per Kristallstrukturanalyse dessen Molekülstruktur entschlüsseln konnten.

In Kenntnis verschiedener Theorien über die Entstehung der Krankheit war Cook seinem Instinkt gefolgt und hatte erstaunlich effiziente Vorsorgemaßnahmen getroffen. Ein schottischer Arzt namens James Lind hatte in den 1750er-Jahren nachgewiesen, dass der Verzehr von Zitrusfrüchten eine Erkrankung eindämmen konnte. Es dauerte allerdings Jahrzehnte, bis sich diese Erkenntnis durchsetzte. Cook griff Linds Ideen auf und sorgte dafür, dass seine Männer, die an Pökelfleisch und Schiffszwieback gewöhnt waren, so oft wie möglich frisches Obst und Gemüse vorgesetzt bekamen. Auf der Resolution standen zudem befremdlich klingende Dinge wie Karottenmarmelade, Malzwürze, Orangenkonzentrat, eingedickter Zitronensaft und ein Gebräu auf dem Speiseplan, das aus der Wurzel des Männlichen Knabenkrauts gewonnen wurde.

Cook war nicht klar, welches dieser Nahrungsmittel die erwünschte Wirkung hatte (heute wissen wir, dass nicht alle gegen Skorbut wirken), aber in der Summe hatten seine Maßnahmen, konsequent umgesetzt, Wunder gewirkt. Zu Cooks Erfolg trug die Entscheidung bei, seinen Männern kein Fett vorzusetzen, das aus kupfernen Suppentöpfen abgeschöpft worden war. Was auf Schiffen der Navy übliche Praxis war, stufte Cook, ohne die Gründe benennen zu können, zu Recht als schädlich ein, denn unter bestimmten Bedingungen entstehen während des Kochens in Gefäßen aus Kupfer durch eine chemische Reaktion Kupferverbindungen, die die Fähigkeit des Körpers, Vitamine aufzunehmen, hemmen.

Endgültig besiegt war Skorbut damit nicht, aber die Lektionen, die Cook durch geduldiges und beharrliches Herumexperimentieren gelernt hatte, setzten sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte häppchenweise durch. Einstweilen sah die Admiralität Cooks Erfolg beim Kampf gegen den Skorbut als größere Leistung an als den Nachweis, dass es den sagenumwobenen Südkontinent nicht gab. So viele Söhne Englands und anderer Länder waren der vermaledeiten Krankheit zum Opfer gefallen. Zwischen 1600 und 1800 sollen schätzungsweise knapp zwei Millionen europäische Seeleute an Skorbut gestorben sein. Die Aussicht, eine Reise von tausend Tagen Dauer ohne einen Fall von Skorbut durchführen zu können, verhieß ungeahnte Möglichkeiten. Die Schiffe Seiner Majestät konnten länger auf See bleiben und bis in die entlegensten Winkel der Welt vordringen, um im Auftrag der Krone die Kartierung der Welt zum Abschluss zu bringen.

Cooks zweite Reise war noch in einer anderen Hinsicht historisch bedeutsam: Sie war die Bewährungsprobe für ein neues technisches Hilfsmittel, das wir unter der Bezeichnung Chronometer führen. Jahrhundertelang hatten Seefahrer nach einer Möglichkeit gesucht, ihren genauen Standort zu ermitteln. Der Breitengrad – wie weit nördlich oder südlich des Äquators man sich befand – war schnell bestimmt, vor allem mit Instrumenten, mit denen man den Winkel messen konnte, in dem die Sonne über dem Horizont stand. Der Längengrad aber – der angibt, wie weit westlich oder östlich eines bestimmten Punktes man sich befindet – war ungleich schwerer zu ermitteln. Über Generationen hinweg hatten Geografen, Techniker und Erfinder nach einer Methode oder einem technischen Hilfsmittel gefahndet, mit dem sich dieser schwer fassbare, aber ungeheuer wichtige Wert verlässlich feststellen ließ.

In den vorangegangenen Jahrzehnten hatte man in der Theorie eine Lösung ersonnen: Man brauchte eine Uhr, die an einem beliebigen Ort auf See eine Referenzzeit – in diesem Falle die Zeit von Greenwich – präzise anzeigte. Diese Zeit konnte ein Seefahrer mit der Bordzeit vergleichen. (Egal wo man sich befindet: Die Sonne steht um zwölf Uhr im Zenit.) Anhand des Unterschiedes ließe sich der Längengrad errechnen, auf dem man sich aktuell befand.

Die Idee war brillant. Der Haken daran war, dass es keine Uhr gab, die den Bedingungen auf See mit Wellengang, Feuchtigkeits- und Temperaturschwankungen sowie dem Salzwasser, das Metall im Eiltempo rosten ließ, gewachsen war. Es war schwer genug, eine Uhr zu bauen, die an Land verlässlich lief, aber eine Uhr, die auf dem Meer funktionieren sollte, stellte viel höhere Anforderungen. Gesucht wurde ein Mechanismus, in dem Zahnräder, Zeiger, Unruhen, Schrauben, Federn und diverse Dichtungen, die einen aus Holz, die anderen aus Metall, harmonisch zusammenarbeiteten.

1759 schien der Tischler und Uhrmacher John Harrison die Lösung gefunden zu haben. Nachdem er viele Jahre lang eine von ihm entworfene Uhr verbessert und verfeinert hatte, legte er schließlich einen Chronometer vor, der sich bei mehreren Probefahrten auf dem Atlantik bewährte. Harrisons Erfindung war ein technisches Meisterwerk, aber das Modell, das schließlich allen Anforderungen gewachsen zu sein schien – die H4 –, war in der Herstellung so aufwendig und damit so teuer, dass es für den Massenmarkt nicht infrage kam.

Daraufhin nahm sich der Londoner Uhrmacher Larcum Kendall des Problems an und legte 1770 eine einfachere, weniger teure Version der H4 vor. Kendalls Uhr, K 1 genannt, hatte einen Durchmesser von dreizehn Zentimetern, ein weißes Ziffernblatt und grazile Zeiger, die über elegant geformte römische Ziffern hinwegglitten. Sie wog knapp eineinhalb Kilogramm.

Die K 1 landete an Bord der Resolution, mit der Cook seine zweite Südseereise antreten wollte, wo sie sich mit Bravour bewährte. Joseph Gilbert, der Navigator der Resolution, bezeichnete sie als das beeindruckendste mechanische Gerät, das die Welt je gesehen hat.4Cook kam zu demselben Eindruck, wie er der Admiralität berichtete: »Mr. Kendalls Uhr hat uns nie im Stich gelassen (…) und die Erwartungen selbst der größten Optimisten übertroffen. In den unterschiedlichsten Klimaregionen hat sie uns treue Dienste geleistet.«5In seinem Logbuch nannte er sie »absolut zuverlässig« und »treuer Freund«.6

Für den Entwurf und die Konstruktion der K 1 zeichneten allein Harrison und Kendall verantwortlich, aber erst Cooks ausgiebige und gewissenhafte Erprobung auf See hatte ihre Funktionsfähigkeit nachgewiesen. Er hatte dafür gesorgt, dass seine Offiziere die Uhr auch in den schwersten Stürmen vor Feuchtigkeit und vor den unzähligen Erschütterungen, denen ein Schiffsrumpf auf hoher See ausgesetzt ist, so gut es ging schützten. Vor allem aber hatten die Offiziere darauf geachtet, dass sie regelmäßig aufgezogen wurde. Wäre das nur ein Mal vergessen worden und die Uhr stehen geblieben, wäre der Test ergebnislos beendet gewesen. Wenn das Schiff vor Anker lag und der Astronom an Land seine Gerätschaft aufstellen und die Monddistanz exakt bestimmen konnte, konnte er sich im selben Zuge von der Genauigkeit überzeugen, mit der die Uhr lief. Jedes Mal zeigte sich, dass die K 1 nahezu sekundengenau die Zeit von Greenwich anzeigte. Zum Abschluss der jahrelangen Reise betrug der Unterschied lediglich wenige Minuten.

Das Gerät mochte klein und unscheinbar sein; umso größer waren die Auswirkungen, die es auf die Seefahrt hatte. Dank der Uhr konnten Cook und alle Seefahrer, die nach ihm kamen, jederzeit sagen, wo sie sich befanden. Vor allem ließ sich mit ihrer Hilfe exakt bestimmen, wo die vielen Inseln und Landstriche lagen, die sie entdeckten. Mit diesem Wissen ausgestattet, konnten andere Seefahrer diese Ziele problemlos ansteuern, und sie ließen sich mit bis dahin unbekannter Genauigkeit in Karten eintragen. Für viele Einheimische läutete dieser navigatorische Fortschritt allerdings das Ende ihrer traditionellen Lebensweise ein, denn fortan wussten die Europäer sehr genau, wo sie sie finden konnten.

Aus Sicht der Admiralität war der Erfolg der K 1 ein weiterer Triumph, der sich Cooks zweiter Reise zuschreiben ließ. Wie machte dieser Mann das nur? Glück und Geschick schienen ihn auf jedem Schritt, den er unternahm, zu begleiten. Er hatte nicht nur die Theorie des Südkontinents widerlegt und eine Krankheit besiegt, der Millionen Menschen erlegen waren, sondern er hatte auch wesentlichen Anteil daran, dass eines der ältesten und gravierendsten Probleme der Navigation als gelöst gelten konnte.

Wenn man so will, war die K 1 eine Art Abbild des Mannes, der ihre Funktionalität nachgewiesen hatte. Wie Cook war sie zuverlässig und genau, in ihr verbanden sich Robustheit und Finesse, ihre Triebfedern hießen Wissen, Ordnung und Sorgfalt. Und wo immer in der Welt sie auftauchte, stand sie für den Stolz ihrer Heimat England ein.

3. EIN LEBENDES ANDENKEN

Captain Cook war nicht der Einzige, der in der Folge der zweiten Reise rund um die Welt berühmt geworden war. Im Jahr 1774 war an Bord der H MS Adventure, jenes zweiten Schiffs, das von Cooks Resolutiongetrennt worden war, ein junger Mann aus Polynesien in England eingetroffen. Seither war er in den Schlagzeilen und der Liebling der gebildeten Schichten. Die Geschichte dieses Insulaners aus Polynesien war ein schmerzliches Sinnbild für die Begegnung des Britischen Königreiches mit den Bewohnern Ozeaniens. Sein Name lautete Mai.

Mai war Anfang zwanzig, hatte kupferfarbene Haut und ein gewinnendes Lächeln. Seine Ohrläppchen waren geschlitzt, die kleinen Hände mit Ornamenten tätowiert, gestochen mit Nadeln aus Knochen und Muscheln und Farbe aus geschwärztem Nussöl. Sein glänzendes schwarzes Haar reichte bis zu den Schultern.

Geboren worden war er auf Raiatea, einer Vulkaninsel circa 200 Kilometer nordwestlich von Tahiti, die als Wiege der polynesischen Seefahrt galt. Raiatea – übersetzt: »unter hohem Himmel« – war vermutlich eine der ersten Inseln, auf denen vor vielen Tausend Jahren Seeleute, die von Westen kamen, landeten und sich niederließen. Die Kultur, die sie begründeten, fand ihren edelsten Ausdruck in der marae von Taputapuātea, einer Tempelanlage, die das spirituelle Zentrum der Gesellschaftsinseln bildete. Sie war eine Pilgerstätte und der Geburtsort von Oro, dem Gott des Krieges und der Fruchtbarkeit. Auf Vulkangestein nahe der Küste errichtet, hielten hier Priester aufwendige Zeremonien ab, zu denen gelegentlich auch Menschenopfer gehörten. Zugleich war die Anlage ein Versammlungsort, an dem Seefahrer Informationen über Entdeckungen austauschten, die sie auf ihren Vorstößen in die Südsee gemacht hatten.

Mai stammte aus einer Familie mit großem Landbesitz und genoss auf der Insel hohes Ansehen. Nach allem, was man weiß, hatte er eine glückliche Kindheit. Im Jahr 1763, Mai war etwa zehn Jahre alt, wurde Raiatea jedoch von Bewohnern der Nachbarinsel Bora Bora angegriffen, angeführt von deren Häuptling Puni. Sie waren gefürchtete Krieger, die sich meisterhaft darauf verstanden, sich in ihren Kanus lautlos anzuschleichen.

Puni gelang es, Raiatea unter seine Herrschaft zu bringen. Seine Männer töteten Mais Vater und beschlagnahmten dessen Land. Dann zogen sie plündernd über die Insel und zerstörten die Tempelanlage von Taputapuātea. Mai wird Zeuge manch schrecklicher Szene gewesen sein. Die Kämpfe fanden, wie in Polynesien üblich, auch auf dem Wasser statt. Dafür wurden zwei Kanus zusammengebunden und dienten so als Schauplatz für den Kampf mit Knüppeln, Steinen und Speeren, die aus den Schwanzstacheln von Stachelrochen gefertigt waren. Fanden sie an Land statt, ging es nicht minder grausam zu. Mit dem Tod eines Feindes war der Kampf nicht etwa beendet, sondern häufig wurden die Opfer zusätzlich verstümmelt. So galt der Kieferknochen, der den Gefallenen abgeschlagen wurde, als Trophäe. Es kam auch vor, dass der Leichnam mit Knüppeln flach geklopft wurde. Dann wurde ein Loch in den Unterleib geschnitten, damit der siegreiche Krieger sich sein Opfer wie einen Poncho über den Kopf ziehen konnte.1

Die Eindringlinge aus Bora Bora versklavten einen Gutteil der Bevölkerung Raiateas. Mit einigen Familienmitgliedern konnte Mai entkommen und nach Tahiti fliehen, wo er als mittelloser Flüchtling lebte. Seiner tiefen Trauer begegnete er mit dem Schwur, eines Tages nach Raiatea zurückzukehren und die Familienehre wiederherzustellen.

1767 erreichte der englische Seefahrer Samuel Wallis mit der H MS Dolphinals erster Europäer Tahiti. Mai, noch Teenager, wurde Zeuge der Ankunft. Wallis selbst war krank und nicht imstande, seine Kabine zu verlassen, aber einer seiner Offiziere, Tobias Furneaux, ging an Land, um das tropische Inselparadies für die britische Krone in Besitz zu nehmen und nach König Georg III. zu benennen. Die Tahitianerinnen und Tahitianer hatten jedoch keinerlei Interesse daran, von den bleichen Fremden unterworfen zu werden. Ihre Kultur war nicht nur hoch entwickelt, sondern auch reich an Köpfen – allein auf Tahiti lebten 70 000 Menschen, auf den umliegenden Inseln eine weitere Viertelmillion. Sie waren seit Jahrhunderten hier ansässig, seit sie ihre Heimat, die Wissenschaftler auf Taiwan verorten, verlassen und den Weg übers Meer angetreten hatten.

Schon bald starteten die Engländer einen Angriff. Wallis ließ seine Kanonen von einem Kap über der Bucht von Matavai abfeuern. Granaten und Kartätschen hagelten auf die aufgebrachte Menge nieder. Viele Einheimische – vermutlich mehr als hundert – kamen ums Leben.

Mai trug an diesem Tag eine Verletzung davon. Ein Granatsplitter oder die Kugel aus einer Muskete traf ihn seitlich am Rumpf und hinterließ eine große Narbe, die bis an sein Lebensende an die unrühmliche erste Begegnung von Briten und Tahitianern erinnerte. Die Furcht einflößende Gewalt der Kanonen hatte aber auch Mais Fantasie angeregt. Mithilfe britischer Kanonen, so malte er sich aus, könnte er die Eindringlinge aus Bora Bora von seiner Heimatinsel vertreiben und sein Land zurückerobern. Die Hoffnung, die er aus dieser Fantasie bezog, sollte ihn für den Rest seines Lebens begleiten.

Im Jahr 1772 – Mai war unterdessen neunzehn oder zwanzig Jahre alt – nahm er an einer Seeschlacht gegen Kämpfer aus Bora Bora teil. Die Angreifer töteten vier seiner Verwandten und verletzten Mai mit einem Speer am Arm, wobei er eine klaffende Wunde davontrug. Zusammen mit sechs Kameraden wurde Mai gefangen genommen und nach Bora Bora verschleppt. Dort hätten sie ihr Leben als Sklaven gefristet, hätte sich nicht eine einflussreiche Insulanerin für sie eingesetzt.

Ein Jahr darauf – die Adventure und die Resolution hatten im Rahmen von Cooks zweiter Pazifikreise soeben die Gesellschaftsinseln erreicht – wurde Mai beim Kapitän der Adventure vorstellig, bei dem es sich um niemand Geringeren als Tobias Furneaux handelte. Das Treffen fand auf Huahine statt, der Nachbarinsel von Raiatea. Mai bat Furneaux, ihn nach England mitzunehmen. Furneaux zögerte, willigte aber schließlich ein, und Mai ging an Bord der Adventure. Es war ein überaus couragiertes Unterfangen, sich unter Menschen zu mischen, die fremder kaum hätten sein können, um an ein weit entferntes Ziel zu gelangen, das ihm gänzlich unbekannt war.

Die Adventure stach in See und ließ mit den Gesellschaftsinseln Mais vertraute Umgebung hinter sich. Derweil begannen Offiziere und Mannschaft, sich an den Polynesier zu gewöhnen, der als Besatzungsmitglied eingeteilt war, eine Heuer bezog und sich schnell bewährte. Leutnant James Burney, der ein paar Brocken Tahitianisch sprach, nahm ihn unter seine Fittiche und brachte ihm die ersten englischen Worte bei. Mit vielen Kameraden freundete sich Mai während der Überfahrt an. Manche nannten ihn statt Mai auch Omai oder Omiah (wobei das O im Tahitianischen nicht mitgesprochen wird und schlicht: »das ist …« bedeutet). Andere nannten ihn Jack.

Während eines Sturms vor Neuseeland wurde Furneaux’ Adventure von Cooks Resolution getrennt. Furneaux beschloss, auf direktem Wege nach England zurückzukehren; ein Jahr vor Cook traf er in Portsmouth ein. An einem heißen Julitag des Jahres 1774 war Mai der erste Polynesier, der britischen Boden betrat.

Furneaux und Mai stiegen in eine Kutsche und ließen sich auf direktem Wege nach London bringen, um der Admiralität Bericht zu erstatten. Nach dem Treffen mit den Marineoffizieren gab Furneaux Mai in die Obhut von Joseph Banks, dem renommierten Botaniker, der Cook auf dessen erster Südseereise begleitet und dank seiner wissenschaftlichen Arbeit den Löwenanteil des Ruhms eingestrichen hatte. Nun sollte Banks für die Dauer von Mais Aufenthalt in England als Gastgeber fungieren und den Insulaner im Auge behalten.

Joseph Banks war ein umtriebiger Mann und ein wacher Geist. Der einunddreißig Jahre alte Junggeselle hatte ein aufgequollenes Gesicht, einen schelmischen Blick und ein kleines Bäuchlein. Der Absolvent der Eliteschulen Harrow und Eton hatte zwar in Oxford studiert, aber keinen Abschluss erlangt. Er war vermögend und im Land bekannt. Wenn er nicht gerade durch die Welt reiste und Pflanzen sammelte, verbrachte er viel Zeit in und mit diversen Clubs und wissenschaftlichen Vereinigungen. Banks hatte die Gabe, jovial und zugleich vornehm zu sein, berühmt und zugleich nahbar, umgänglich und doch ein wenig verblasen. Eine Biografin nannte ihn »ein verzogenes Glückskind«.2

Dass Banks sich Mais annahm, war nur folgerichtig. Er verfügte nicht nur über die finanziellen Mittel, sondern er war auch von Polynesien fasziniert. Nach der Rückkehr von Cooks erster Reise hatte sich Banks mehr als jeder andere Mensch in England bemüht, die Reize und Wonnen der schönen und sinnlichen Insel Tahiti allgemein bekannt zu machen. Seine Berichte erzählten von amourösen Abenteuern, schilderten Feiern und Feste und lieferten die vermutlich erste Beschreibung des Ablaufs einer Tätowierung.

Banks hatte aber weitere Gründe, aus denen er sich Mais gern annehmen wollte. In England war es eine grausame alte Tradition, von Reisen in entlegene Gebiete Menschen als »lebende Andenken« mitzubringen, sowohl zum Vergnügen als auch zu Studienzwecken. Seit mehr als einem Jahrhundert hatten Forschungsreisende indigene Männer und Frauen aus Nord- und Südamerika, der Karibik, aus Afrika und Asien mitgebracht, um hautnah zu erleben, wie sie sich in einer europäischen Stadt machten. Die wohl bekannteste Vertreterin aus der Neuen Welt war Pocahontas, die junge Frau aus dem heutigen Virginia, die 1616 nach England gebracht und dort als Sensation wahrgenommen wurde.

Nun konnte Banks ein solches »Andenken« vorweisen. Er lud seinen Freund Daniel Solander ein, sich den eben eingetroffenen Polynesier anzuschauen. Solander, ein renommierter schwedischer Naturforscher und Schüler von Carl von Linné, hatte gemeinsam mit Banks Cook auf der Endeavour begleitet. Mai schien ihn zunächst wenig zu beeindrucken. »Seine Haut ist fast so dunkel wie bei einem Mulatten«, notierte er. »Er ist zwar nicht im klassischen Sinne schön, aber gut gebaut. Die Nase ist etwas zu breit.«3Doch je besser Solander Mai kennenlernte und erlebte, wie er mit anderen Menschen in Kontakt trat, desto mehr sah sich der Naturforscher genötigt, seine Meinung zu überdenken. So kam er irgendwann zu dem Schluss, dass Mai eine »lohnende Anschaffung« sei.4»Mai ist ein gescheiter und kommunikativer Mensch. Er ist wohlerzogen, hat gute Umgangsformen und verhält sich gegenüber Frauen ausgesprochen zuvorkommend.« Aus den wenigen Indizien zog er den Schluss, dass Mai das polynesische Äquivalent zu einem britischen Junker sein musste – »ein Privatier mit einem gewissen Vermögen«.5

Und doch hielt dieser junge Mann nach Solanders Dafürhalten nicht dem Vergleich mit einem anderen Polynesier stand, den Banks auf der ersten Reise Cooks kennengelernt hatte. Im Jahr 1769 hatte er einen angesehenen Priester und Navigator namens Tupaia auf die Endeavour geholt. Tupaia war ein stolzer und ernster Mann, der mit den Feinheiten der polynesischen Politik, der religiösen Rituale und der Seefahrt bestens vertraut war.

Banks beschloss, Tupaia mit nach England zu nehmen, ihm die Sprache beizubringen und mit ihm durch London zu spazieren, um sein Souvenir aus Fleisch und Blut vorzuführen. »Ich wüsste nicht, warum ich mir Tupaia nicht als Kuriosum halten sollte, so wie meine Nachbarn sich Löwen oder Tiger halten«, schrieb Banks in sein Tagebuch, ein Eintrag, der Bände über die Denkweise jener gesellschaftlichen Kreise spricht, in denen er sich bewegte. »Die Gespräche, die ich mit ihm werde führen können, werden mich für den Aufwand, den er bedeutet, mehr als entschädigen.«6

Auf der Endeavour erwies sich der polynesische Gelehrte als wertvolle Hilfe sowohl als Dolmetscher wie auch als Navigator. Einmal skizzierte er mit wenigen Strichen und ohne jedes Hilfsmittel auf einem Blatt Papier eine Karte der Südsee, auf der alle großen Inseln vermerkt waren. Auf den ersten Blick wirkte sie krude und nutzlos, aber als Forscher sie später genauer untersuchten, stellten sie fest, dass Tupaias Karte erstaunlich präzise war.

Banks konnte es kaum erwarten, Tupaia in London herumzuzeigen. Aber noch auf der Fahrt nach England starb der Insulaner während eines Aufenthaltes in Batavia, dem heutigen Jakarta. Manche Berichte meinten, dass er an Skorbut gelitten hatte, andere machten die Ruhr oder Malaria für seinen Tod verantwortlich.