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Die vorliegenden klassischen SF-Geschichten geben besonders scharfe Einblicke in das Leben der Menschen und den Lauf der Welt. Die Geschichten, zum Teil über 100 Jahre alt, spiegeln nicht nur die damalige Zeit wieder, sondern weisen auf die Welt von Morgen hin. In ihrer Kritik an der Politk und der Staatsführung sind sie heute so treffend, wie zu ihrer Zeit, als sie zum Teil verboten wurden.
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2026
Herausgeber
Erik Schreiber
Klassische Science Fiction Kurzgeschichten
Damalswelt - Morgenwelt
e-book 026
Klassische Science Fiction Kurzgeschichten
Damalswelt - Morgenwelt
Erscheinungstermin 01.04.2026
© Erik Schreiber
Schlosswaldweg 11
64678 Lindenfels
Titelbild: Archiv Andromeda
Vertrieb neobook
Herausgeber
Erik Schreiber
Klassische Science Fiction Kurzgeschichten
Damalswelt - Morgenwelt
Inhaltsverzeichnis
Carl Geiger - Reise eines Erdbewohners in den Mars
Carl Grunert - Die Maschine des Theodulos Energeios
Edgar Neville - Die letzten Menschen
Jean Paul - Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
Stefan Kindt Die Entdeckung des Erwin Leinster
Hugo Bettauer - Die Stadt ohne Juden
Biographien
Carl Ignaz Geiger
Reise eines Erdbewohners in den Mars
(1790)
Lange sah ich aus einem fremden Weltteil mit Ärgernis dem kindischen Spiel zu, das Europa, in unserem tändlenden Jahrhunderte, mit Luftballen und Luftschiffen trieb; und lachte über das wichtige Ansehn, das man sich dabei gab, und über das Zetergeschrei, das man als über eine nützliche und wichtige Erfindung erhob: ohngeachtet die Sache an sich nichts mehr und nichts weniger ist, als was uns die Kinder alle Tage mit ihren Seifenblasen und ihren papiernen Drachen sehen lassen, die hoch in der Luft fliegen, wohin sie der Wind treibt; nur mit dem Unterschied, dass unsere Luftschiffe mit buntem Taffet überzogen, und mit zierlichen Fränzchen verbrämt sind, und darin ein französischer Windbeutel sitzt, luftig genug, um von der Luft getragen zu werden. Mehr noch lachte ich, als ich darüber in meinen Büchern nachschlug, und in Sturmii colleg. curios. fand, dass bereits im Jahre 1670 ein Jesuit in China, P. Lana, und ein gewisser P. Bartholomeo in Spanien, die Kunst in der Luft zu schiffen ans Licht gebracht, und dass ersterer sogar ein Werk unter dem Titel: Prodromo della arte maestra, über diese Kunst, und über die Einrichtung dieser Maschinen herausgegeben habe, worin er bewies, wie man ein Schiff in der Luft steuern und lenken könnte, wohin man wollte.
Abermal, sagt’ ich, eine Erfindung aus dem Altertum, die unser prahlerisches Jahrhundert als seine eigene ausgibt, und auch diese noch dazu verstümmelt!
Ich dachte indes der Erfindung des P. Lana nach und sann auf Mittel, sie ausführbar zu machen. Ich zog darüber andere Gelehrte zu Rate, verschrieb sogar derer aus entfernten Ländern, und da mir das Glück beträchtliche Reichtümer beschert hatte: so sparte ich keine Kosten, meinen Zweck zu erreichen. Es gelang uns. Mein Muth wuchs dadurch. Ich verfiel nun darauf, dass es auch nicht unmöglich sei, eine Reise außer unserm Planeten zu machen, und beschloss ein- für allemal, den Versuch zu wagen: Denn in dem Unsrigen schien mir überdies alles, durch die vielen Reisenden und Reisebeschreibungen zu Wasser und zu Lande, so ganz erschöpft, dass nicht ein Plätzchen handgros mehr übrig blieb, wovon sich noch was hätte sagen lassen, das nicht schon hundertmal satirisch, moralisch, politisch, geographisch, historisch, statistisch etc. etc. gesagt worden wäre.
Da nun aber die größte Schwierigkeit, die, wie man bisher glaubte, die Reise nach einem fremden Planeten unmöglich macht, darin besteht, dass wir, aus Mangel an Luft, uns nicht außer unserer Atmosphäre emporschwingen können: so hatt’ ich, mit Hilfe meiner Gelehrten, Mittel erfunden, wodurch das Schiff mit einem solchen Vorrat von Luft versehen werden konnte, dass wir damit gar leichtlich in den oberen Regionen auszureichen im Stande waren.
Wie dies geschah — und wie überhaupt das Schiff, das ich dazu errichten ließ, gebaut war: hievon werd’ ich noch einen besonderen Abriss, samt der weitläufigen Beschreibung, veranstalten; um nicht, wie irgendein teutscher Reisebeschreiber, durch die Beschreibung meines Fahrzeuges, beinahe den halben Raum meines Buches auszufüllen.
Da ich irgendwo gelesen hatte, dass ein gar gelehrter Mann in Preußen hinten an seinen Reisewagen einen Meilenmesser hatte anbringen lassen, so ließ ich nicht minder so ein Ding an den Schwanz meines Luftschiffes befestigen: Und nachdem mir ein großer Astrologe die Videnda im Monde und in der Venus in meine Schreibtafel notiert hatte, so trat ich mit meinem ältesten Sohne, einem Paar geschickter Naturkundiger, die hier die Luftsteuermänner waren, und einigen Ruderknechten, im Zutrauen auf Gott, mutig und getrost meine Reise an; eine Reise, die dem Publikum vielleicht unglaublich scheinen dürfte, weil sie ihm noch unbekannt sein wird; welches aber davon kommt: dass wir in meinem Weltteile weniger öffentliche Neuigkeitstrompeter, als in Europa, haben, und ich nicht vor der Zeit ein Geschrei davon, wie die Europäer von ihrem Luftballen, mit vollen Pausbacken in die Welt erheben wollten.
Wir waren, nach unserm Meilenmesser, etwa eine teutsche Meile weit über die Oberfläche der Erde empor gekommen, als unsere Steuermänner, von unserem Luftvorrat Gebrauch zu machen, für nötig fanden: welches sie auch mit so viel Vorsicht und Geschicklichkeit taten, dass wir die Verschiedenheit der Sphäre, worin wir schwebten, kaum empfanden, und dass unser Schiff mit einer bewundernswürdigen Schnelligkeit stets weiter und weiter sich himmelan hob.
Zum Unglücke zerbrach durch das Versehen eines unserer Ruderknechte der Meilenmesser; und ich kann daher die geometrische Länge des Raumes, den wir durchschifften, unmöglich bestimmen. Nur so viel weis ich noch, dass unsern Steuermännern bereits wegen des Luftvorrats bange zu werden anfing: als wir bemerkten, dass sich uns ein neuer Luftkreis öffnete, der den Vorrat der Unsrigen unnötig machte. Bald darauf schrien unsere Leute: Land! Land! Und wir wurden mit Erstaunen eine Art von Terrain, wie dieses auf unserm Planeten gewahr, das sich immer weiter und weiter ausdehnte, und uns endlich rings umgab. Mit einem Worte: Wir befanden uns im Mars!
Wir sahen itzt Wälder und Flüsse und Berge und Städte. Aber die Letzteren waren sehr verschieden von den Unsrigen. Die Häuser waren nicht von Stein, sondern von einer weit leichteren, aber eben so festen Masse erbaut, die der dasige Boden, wie der Unsrige die Steine, hervorbringt. Was uns dabei von ferne am meisten frappierte, war, dass wir verschiedene Häuser sich von der Stelle bewegen, und ziemlich geschwinde fortwandeln sahen. Es hat damit folgende Beschaffenheit: Die Häuser sind klein, niedrig, selten höher als ein Stockwerk, länger als breit, und alle auf einer Art von Walzen so künstlich gebaut, dass man sie besonders auf einem Boden, wie dieser, der gar nicht steinigt und sehr flach ist — leichtlich von einem Orte zum andern bewegen kann. Daher dann die Vornehmern öfters in ihren Häusern nicht allein spazieren fahren, sondern auch wohl gar kleine Reisen machen, wozu man dort eine Art von Tieren gebraucht, die unsern Kamelen viel gleichen, ausgenommen, dass sie nicht den hohen Rücken derselben haben. Diesen Tieren ist eine außerordentliche Stärke und Schnelligkeit eigen: ihrer Zwei ziehen ein mittelmäßiges Haus gemächlich fort, und laufen damit des Tages 12, 15 Stunden. Nur die Ersten und Reichsten des Landes lassen derer vier, sechs oder acht vor ihre Häuser spannen; der Regent aber, oder, wie er in der Sprache des Landes heißt, der Hochgewaltige allein fährt, mit vier und zwanzigen! Geht er aus, so wird nach der Sitte des Landes der ganze Weg, den er wandelt, mit Menschen belegt, auf deren Rücken er einher ritt; ein Gebrauch, den aber der jetzige Regent sich verbeten hatte.
Die Beweglichkeit der Häuser verschafft den Inwohnern die Vorteile, dass sie ihren Wohnort nach Belieben sehr leicht verändern können. Manche Stadt wächst daher oft plötzlich zu der größten des Landes an, und ist dann wieder auf einmal die kleinste; und auf manchen Stellen, wo keine Hütte stand, sieht man itzt in einem Nu Städte hervorgehn. Allein auf einer anderen Seite ist die Sache auch nicht ohne Ungemach. Es wird nämlich für Schande gehalten, sich ohne sein Haus irgendwohin zu begeben, das ist, zu Fuß zu gehn; weil dies gewöhnlich nur solche Leute tun, die keine eignen Häuser besitzen, welches in Papaguan, so heißt dies Land, nicht wenig entehrt.
Bei unserer Ankunft hatte sich sogleich eine sehr große Menge von Menschen um uns her versammelt, welche das sichtbarlichste Erstaunen über eine so wunderbare Erscheinung an den Tag gaben. Bald sahen wir uns von einer ungeheuren Schar umringt, wovon uns viele betasteten, befühlten, unser Schiff untersuchten, und durch Worte, die wir nicht verstanden, dann durch Zeichen und Gebärden, Aufklärung über uns und unsere Herkunft von uns zu erforschen bemüht waren.
Der Ruf von der seltsamen Erscheinung drang bis zu dem Hochgewaltigen. Er schickte eine Gesandtschaft an uns ab; und da ihm gesagt worden war, dass wir eine Sprache sprächen, die niemand verstünde, so hatte er die Vorsicht gebraucht, drei der gelehrtesten Priester zu diesem Amte zu wählen, die den Ruhm behaupteten, dass sie allein jede Sprache verstünden, die außer ihnen niemand versteht.
Das Volk zerteilte sich ehrerbietig, als sie auf uns zukamen, und wir schlossen daraus auf ihre Würde und die Art ihres Geschäftes. Wir empfingen sie demnach mit aller Höflichkeit und Ehrerbietung, und nachdem sie uns in mehreren Sprachen angeredet hatten, die uns alle gleich unverständlich waren, glückte es einem, sich in einem Mischmasch verständlich zu machen, das meist aus korruptem Latein bestand, und auf diesem Planeten, wie wir nachher bemerkten, unter die galanten Sprachen gehörte.
Er erklärte uns den Auftrag seines Fürsten, und ich sagte ihm dagegen, dass wir aus einem fremden Planeten kämen; und dass uns ganz allein die Begierde hieher geführt habe, unsere Kenntnisse zu erweitern. Wie? Was? Aus einem fremden Planeten, schrien sie alle ganz erstaunt: Gibt es denn auch noch eine Welt außer der Unsrigen? Einen Planeten, der bewohnt wird, außer dem Unsrigen? Ich nahm meinen Beweis davon her, weil wir selber Bewohner dieser fremden Planeten wären. Allein ich hatte Mühe, sie von der Wahrheit dessen und von der Art zu überreden, wie wir hieher gekommen waren. Waren sie erstaunt über einen fremden bewohnten Planeten: so waren sie es itzt nicht weniger über unsere Erfindungskraft, unsern Muth und unsere Wißbegierde, die uns zu diesem tiefgedachten, gefahrvollen Unternehmen veranlassen konnten.
Der Vornehmste darunter führte uns in sein Haus und bat uns hier zu verziehen: indes er mit den Übrigen hinging, dem Hochgewaltigen von dem, was er gehört hatte, Bericht zu geben.
Er kam lange darnach wieder, und sagte uns, dass der Hochgewaltige morgen nach dem Aufstehen uns zu sprechen verlange. Hierauf war er so gefällig, und erbot sich, uns das Merkwürdigste des Ortes zu zeigen. Wir nahmen das Anerbieten mit Dank an, und er führte uns in den Tempel.
Es war ein weites, längliches Rondel; rings umher waren Opferaltäre. Wir fragten, wem hier geopfert würde?
Der Priester. Dem Herrn der Heerscharen, dem Wesen aller Wesen, dem Schöpfer des Himmels und der Welt.
Wir. Was opfern Sie ihm?
Priester. Ihn selbst!
Wir stutzten. „Sie müssen wissen, sprach der Mann, mit Stolz und Feuer, dass wir, die Priester dieses Gottes, die Gewalt besitzen, unsern Gott, wann es uns beliebt, vom Himmel herab zu bannen.“ Wir erschraken!
Ich. Aber wie opfern Sie ihn dann?
Er. Wir essen ihn.
Wir sahen uns an, und wussten nicht, ob wir über die Raserei lachen, oder über die Vermessenheit zürnen sollten. Ist dies möglich? Riefen wir alle voll Erstaunen: also ist Ihr Gott ein körperliches Wesen?
Er. Er war es ehemals, als er auf unsere Welt kam, und wird es auf unser Gebot wieder, so oft wir ihn opfern.
Ich. Folglich ist er auch sichtbar? Und wie zeigt er sich denn?
Er. Er ist weder sichtbar, noch zeigt er sich.
Ich. Und doch essen Sie ihn? Und doch ist er in dem Augenblick ein körperliches Wesen? Erlauben Sie uns, zu fragen: wie sich dies vereinbaren lässt, und woher Sie wissen, dass Sie etwas essen, das nicht sichtbarlich ist, und sich keinem Ihrer Sinne zeigt?
Er, mit einem feierlichen Anstande. Meine Herren! Dies sind heilige Geheimnisse unserer Religion, woran ein Mensch nicht zweifeln darf, wenn er nicht die Rache seines Gottes über sein Haupt laden will. Die Religion befiehlt, zu glauben und dies ist der zureichende Grund, gegen den die Vernunft sich zu empören nicht wagen darf.
Ich. Verrichten Sie dies Opfer öfter im Jahre? Und welche sind diese Feste?
Er. Jeder von uns an jedem Orte, so weit unsere heil. Religion reicht, verrichtet es gewöhnlich alle Tage einmal.
Ich, ganz erstaunt. Jeder alle Tage einmal! Ihr Gott muss also sein körperliches Wesen jeden Augenblick mehr als tausendmal vervielfältigen, um beständig Ihrem Gebote gehorsam, an mehr als tausend Orten, zu gleicher Zeit herniederzukommen? Wie ist dies möglich?
Er. Dies ist eben das große Wunder, das unbegreifliche Geheimnis unserer heil. Religion.
Ich. Man muss wenigstens gestehen, dass ihr Gott außerordentlich gefällig und herablassend ist. Aber Sie sagten auch vorhin, dass er ehemals auf Ihrer Welt körperlich herum gewandelt sei. Hat ihn jemand unter Ihnen gekannt?
Er. Bewahre! Es sind seither schon mehr als fünfhundert Jahre verflossen: So alt wird bei uns niemand.
Ich. Woher wissen Sie’s dann also?
Er. Verschiedene seiner Freunde, die mit ihm zu gleicher Zeit lebten, haben uns die Zeugnisse davon in einem großen Buche hinterlassen, worin sie seine Taten und Reden hienieden aufzeichneten, und wovon das geringste zu bezweifeln, Sünde wäre, in einem Buche, dessen Ansehen und Glaubwürdigkeit göttlich, d. h. untrüglich ist und welches wir, in zweifelhaften Fällen, auszulegen alleine Macht von Gott haben.
Ich. Allen Respekt vor diesem Buche, das Freunde schrieben und Priester auslegen. Aber wie kam dann Ihr Gott auf Ihre Welt?
Er. Er ward durch eine Jungfrau, gemeinen Standes, geboren, die versicherte: dass er nicht von einem Manne, sondern von der Kraft des Himmels in ihr gezeugt worden war, und dass ein Engel in der Abenddämmerung ihr es vorher verkündigt, worauf sie gleich empfangen habe; und zwar ohne Verletzung ihrer Jungferschaft: Und eben so unverletzt gebar sie!
Ich. Sonderbar! Also nicht durch den natürlichen Weg?
Er. Wie anders?
Vielleicht, dacht’ ich, ist hier das weibliche Geschlecht anders, als bei uns, beschaffen. Da ich aber meine Neugierde darüber nicht geradezu äußern wollte: So fragt’ ich durch Umwege.
Ich. Aber sagen Sie uns doch zur Güte, wie haben wir dies zu verstehen: Durch Kraft des Himmels empfangen, und ohne Verletzung der Jungfrauschaft gebären?
Er, mit einer andächtigen Zuckung. Das ist eben wieder das heilige, unerforschliche Geheimnis, vor dem wir unsere schwache Vernunft tief beugen müssen.
Ich. Woher wusste man aber dann, dass alles, was diese gemeine Weibsperson sagte, so pünktlich wahr sei? War etwa die Erscheinung und die Verkündung des Engels von Zeugen gesehn und gehört, war die Jungfrauschaft nach der Geburt untersucht worden??
Er, hitzig mit rollendem Auge. Gott bewahre! Was denken Sie? Aber der Herr mag Ihrer Unwissenheit vergeben: Sonst würden Sie schwere Verantwortung über das schändliche Misstrauen und über die Unehrerbietigkeit zu geben haben, die Sie gegen seine göttliche Mutter bezeigen.
Ich entschuldigte mich mit meiner unschuldigen Absicht und meiner Unwissenheit und fuhr fort: Was machte dann Ihr Gott auf Ihrer Welt? Und was bewog ihn, auf so sonderbare Weise sich einzustellen?
Er. Das Selenheil aller Menschen!
Ich. So verwundere ich mich, dass er nicht auch auf unsern Planeten kam: da wir doch auch Menschen sind. Aber ich bitte, mir dies etwas deutlicher zu machen.
Er, indem er die Augbraunen hoch aufzog, und einen frommen Blick daraus gen Himmel schoss. Gott war wegen der Sünde eines Menschen, des Stammvaters, gegen das ganze Geschlecht aller Nachkommen so sehr ergrimmt: dass er sie alle ewig zu verderben drohte.
Ich. Schrecklich! Ist dann Ihr Gott nicht gerecht, nicht barmherzig?
Er. Wer zweifelt?
Ich. Und er konnte doch so rachgierig gegen eine ganze unschuldige Nachkommenschaft sein, die für die Schwachheit ihres Stammvaters nicht das Geringste konnte?
Er, ernsthaft und mit verbissenem Zorne. Die Rathschlüsse Gottes, mein Herr! sind unerforschlich; und es kommt uns kurzsichtigen Menschen nicht zu, darüber zu richten. Kurz; der Sohn Gottes übernahm es daher.
Ich. Ihr habt also mehrere Götter?
Er. Keineswegs; sie sind eins.
Ich. Aber der Vater kann ja unmöglich der Sohn und der Sohn unmöglich der Vater sein!
Er. Das sind wieder Geheimnisse unserer heil. Religion, die der schwache Menschenverstand nicht ergründet. Der Sohn Gottes, sag ich, übernahm es daher, den Vater zu versöhnen.
Ich. Das war schön von Eurem Sohne Gottes. Aber warum kam er deswegen auf Eure Welt? War dann der Vater, den er versöhnen wollte, nicht im Himmel?
Er. Wohl, da war er. Aber die Versöhnung musste hienieden vollbracht werden, und zwar so war es von Gott beschlossen, durch den grausamsten Tod seines Sohnes!
Wir alle voll Entsetzen. Wie? Was?
Er. Nicht anders! Und dessen allen ohngeachtet, so groß ist noch der Zorn des beleidigten Gottes, würde Er uns doch alle ewig verderben; wenn man uns nicht nach unserer Geburt die Köpfe, unter gewissen Zeremonien, mit Wasser wüsche; wodurch die Schuld der Sünde vollends von uns abgespült wird.
Wir, außer uns. Wie? Euer Gott konnte den Tod seines Sohnes wollen — um für ein unschuldiges Geschlecht versöhnt zu werden? Wollte dies Geschlecht ewig verderben: wenn nicht sein Sohn den grausamsten Tod für selbes sterbe? Wäre damit noch nicht zufrieden: wenn man nicht eines jeden Kopf nach der Geburt mit Wasser wüsche? — Und Ihr könnt dies sagen, und fühlt nicht, dass Ihr die plumpsten, abgeschmacktesten Lügen sprecht, und ihn zum eigensinnigsten, boshaftesten Tyrannen macht? Oder wer anders, als ein Tyrann, kann den Tod seines Sohnes, als ein Opfer verlangen, um seine Rache gegen arme unschuldige Menschen zu sättigen? Wer anders, als ein Tyrann kann mit solcher Rachsucht eine ganz unschuldige Nachkommenschaft für das Vergehen eines Einzigen verfolgen, woran sie keine Schuld haben?
Wir hatten in der Hitze, über die allzu groben Beleidigungen der gesunden Vernunft, nicht bemerkt, dass unser Mann, während unserer Rede, in eine Art von konvulsivischer Bewegung gerieth. Seine Muskeln schwollen, sein Gesicht war aufgetrieben, und seine Augen flammten, und rollten fürchterlich umher. Er schnaubte vor Wut, eilte schnaubend nach der Tür, und rief unter das Volk, das sich, um uns zu sehen, versammelt hatte: „Ketzer! Tempelschänder! Gotteslästerer! Ergreift sie! Werft sie heraus! Steinigt sie!“
Das Volk drang hierauf mit wildem Getöse, wie ein reißender Strom, in die Kirche, ergriff uns, und schleppte uns, auf Befehl des Priesters, mit sich fort. Der Zusammenlauf war erstaunlich. Wir wurden misshandelt, mit Steinen geworfen, und, unter dieser Begleitung, in einen Turm gebracht, worin man uns tief unter der Erde in stinkende, feuchte Gewölbe sperrte.
Hier hatten wir nun Zeit, Überlegungen anzustellen, über das, was vorgefallen war. Wir fanden in allem, was uns der Pfaffe gesagt hatte, nichts, als die gröbsten Widersprüche und den plumpsten Unsinn, den er allemal unter dem Namen: Religionsgeheimnisse, versteckte. Wir konnten daher nicht begreifen, wie man all dies Gespinnst eines verrückten Gehirns für so heilig und ehrwürdig halten konnte, dass man Fremden, die es nicht dafürhielten, mit dieser Raserei und Grausamkeit zu begegnen, fähig war; und unser Resultat war: dass wir im Lande der Verrückten wären.
Die Nacht schien uns in unserem scheußlichen Aufenthalt eine Ewigkeit. Schlaflos brachten wir sie in banger Erwartung dahin. Hundertmal verfluchten wir den unglücklichen Gedanken, nach einem fremden Planeten zu reisen. Der Morgen kam endlich, und wir wurden abgeholt, und in die Residenz des Hochgewaltigen geführt, weil dieser ausdrücklich verlangt hatte, selbst bei der Untersuchung gegenwärtig zu sein.
Hier wurden wir in einen großen Saal gebracht. Eine Schar von Pfaffen war darin um einen Tisch versammelt, an welchem der Hochgewaltige obenan saß. Der Pfaffe, der uns hatte ergreifen lassen, brachte seine Klage gegen uns in der Sprache an, die er mit uns gesprochen hatte. Er beschuldigte uns: dass wir Gott geleugnet, und ihn mit den abscheulichsten Ausdrücken gelästert hätten, die er zu wiederholen sich fürchte. Er sagte, wir wären Abgesandte des Teufels, die durch teuflische Gewalt hieher gekommen wären, um teuflisches Gift auszubreiten; und schloss mit dem Beweise, dass wir alle schuldig wären, ohne Barmherzigkeit lebendig verbrannt zu werden! Dies sei das einzige Opfer, wodurch die erzürnte Gottheit für ihre gelästerte Majestät und ihren geschändeten Tempel besänftigt werden könne. Er drohte mit den fürchterlichsten Strafen: wenn dies nicht geschähe. Alle übrigen stimmten mit Hitze ihm bei, und schwuren, dass wir des Feuers schuldig wären!
Ich zitterte bei diesen Worten am ganzen Leibe, und wenig hatte gefehlt, dass ich umgesunken wäre. Ich sah uns alle schon in den helllichten Flammen, als der Hochgewaltige anhub: „Es ist billig meine Herren! Dass wir diese Fremdlinge hören, ehe wir sie verdammen.“ Er gebot uns hierauf zu sagen, wer und woher wir wären, wie und warum wir hieher kämen?
Ich bekam dadurch wieder etwas Mut und begann meine Rede, worin ich ihm sagte: dass wir angesehene Männer von gutem Stande aus einem fremden Planeten wären, den man Erde hieße, dass wir die Ersten auf unserer Welt die Erfindung gemacht, und ins Werk gesetzt hätten, in fremde Planeten zu reisen; ich gab ihm, so viel möglich Begriffe von dieser Erfindung, und sagte, dass die Begierde, Entdeckungen zu machen, neue nützliche Kenntnisse für uns, unser Vaterland, und unsere Nachkommen zu sammeln, uns veranlasst hätte, von dieser Erfindung Gebrauch zu machen. Ich kam nun auf den streitigen Punkt und erzählte ihm, wie uns der Priester gesagt habe: dass Leute seines Standes Gott vom Himmel herab zu beschwören Macht haben, dass sie Gott selbst ihrem Gotte opfern, und ihn essen, ohne dass er sich ihnen auf irgendeine Art zeigt; dass er der Sohn einer Weibsperson sei, die mit ihm, ohne Zutun eines Mannes, durch himmlische Kraft schwanger geworden; dass er darum auf diese Weise in die Welt gekommen sei, um seinen himmlischen Vater, der doch mit dem Sohne eins wäre, mit dem unschuldigen Menschengeschlechte hienieden, für die Sünde des Stammvaters auszusöhnen; dass der himmlische Vater sich nicht anders habe wollen besänftigen lassen, als dadurch, dass sein Sohn den grausamsten Tod für dieses Geschlecht starb; und dem ohngeachtet sei noch der Zorn des väterlichen Gottes so groß, dass auch dieser Tod das unschuldige Menschengeschlecht nicht retten würde, wofern nicht jedem nach seiner Geburt der Kopf, unter gewissen Zeremonien, mit Wasser abgewaschen würde; dass wir dies alles für unwahr und der Gottheit für nachtheilig, für gotteslästerlich gehalten und erklärt hätten; dass wir viel zu hohe, ehrerbietige Begriffe von Gott hätten, um zuzugeben, dass er solch eines boshaften Eigensinns und solcher Rache, wofür wir es in unserer Unwissenheit gehalten hätten, gegen ein ganzes unschuldiges Geschlecht und gegen seinen eigenen Sohn fähig sein könne; dass wir aber sehr gerne bereit wären, unsere Meinung zurückzunehmen, wenn dies, was uns der Priester gesagt, wirklich wahr sei; dass wir uns nicht für verbunden gehalten hätten, Dinge, die bei uns so ganz der Vernunft gerade entgegen liefen, auf das Zeugnis eines andern zu glauben; dass man uns übrigens unsere Unwissenheit, die dabei sei, als Fremden zugutehalten müsse; dass wir nie so etwas würden gesagt haben, wenn wir von der Wahrheit des Gegensatzes wären, genugsam belehrt gewesen; weswegen ich den Hochgewaltigen und die Priester sehr beweglich um Vergebung bat.
Itzt entstand unter den Pfaffen ein lautes Gemurmel, mit zürnenden Blicken auf uns begleitet. Aber der Hochgewaltige nahm das Wort und sagte: „Diese Fremden sind unschuldig! Was sie gesagt haben, sagten sie aus Unwissenheit, und der Unwissende kann nicht sündigen. Ihr seid frei, fuhr er zu uns fort, aber hütet Euch, das Geringste von den Gegenständen unserer Religion ferner zu berühren.“
Wie süß klang dies unsern Ohren! Aber der Fürst hatte es nicht sobald gesprochen, als alle Pfaffen zugleich auffuhren. Sie riefen ihren Gott zum Rächer unserer Freveltaten, fluchten uns, und drohten die schrecklichsten Strafen Gottes dem Lande und dem Fürsten, der solche Bösewichte, wie wir, schütze. Und in dem Augenblicke verließen sie alle den Saal, liefen unter das versammelte Volk, streuten die Funken des Aufruhrs unter sie, und feuerten sie an, ihrem Gott und der heil. Religion an uns ein Opfer zu bringen, wenn sie nicht wollten, dass Gott das ganze Land züchtige, worin solche Gottlosigkeit ungestraft verübt werden könne.
Sogleich brannte unter dem schon Volk die helle Flamme des Aufruhrs. Mit wildem fürchterlichen Geschrei forderten sie, dass uns der Fürst ihrer Rache überliefern sollte. Dieser hatte nicht sobald den Lärmen gehört, als er uns sogleich einige sicher gelegene Zimmer in seinem Schlosse zu unserm Aufenthalt anzuweisen befahl, wo wir indes unserer Gemächlichkeit pflegen, und mit allen Bedürfnissen sollten versehen werden. „Es ist eine Art von Vergütung“, setzte dieser vortreffliche Fürst hinzu: „die ich Ihnen für das in meinem Lande erlittene Unrecht und für Ihre große, rühmliche Erfindung schuldig zu sein glaube. Ich hoffe, dass Sie mir die Gelegenheit sobald nicht entziehen werden, Ihnen zu zeigen, dass ich auch fremdes Verdienst zu schätzen wisse.“ Zugleich gab er einem seiner Hofschranzen Ordre, dass er die wahre Beschaffenheit der Sache dem Volk kundtun, und, wenn sich dasselbe nicht beruhigen würde, die Häupter des Aufruhrs ergreifen, und in die tiefsten Gefängnisse werfen lassen sollte. „Wollte Gott!“ setzte er hinzu: „Dies wäre der schlimmste und gefährlichste Handel, den mir meine Pfaffen in meinem Lande angerichtet haben.“ Wir beurlaubten uns mit gerührtem Herzen und mit den Ausdrücken der innigsten Dankbarkeit und Verehrung, indem wir zugleich baten, dass er doch auch für die Sicherheit unseres Luftschiffes und unserer Ruderknechte Maßregeln treffen mögen, welches er uns auf die liebreichste Weise versicherte, und nachher auch hielt.
Wir wurden indes in unsern Zimmern auf das Prächtigste und Beste bewirtet. Der Wohlgeschmack der Speisen und die Köstlichkeit des Getränkes, womit wir bedient wurden, ist allem weit vorzuziehen, was ich auf Erden je genossen habe. Wir ließen uns den Rest des Tages hindurch so wohl schmecken, dass wir der Gefahr, die uns drohte, gänzlich vergasen. Der Fürst ließ uns auch, zu unserer Beruhigung, sagen, dass wir nichts mehr fürchten möchten, und dass das Ungewitter sich bereits völlig vorbei gezogen habe.
Ich sollte hier vielleicht Zimmer und Betten und jedes einzelne Stück von Möbeln und Moden und Putz beschreiben, und den Unterschied und die Ähnlichkeit von dem und jenem, zwischen diesem und unserm Planeten anführen; allein da ich nicht für unsere üppigen, modernen Drahtpüppchen, weder männlichen noch weiblichen Geschlechts, sondern für Denker schreibe, und mir all dies Zeug von Herzen zuwider ist; so wird man hier dergleichen vergebens suchen; und sollte nun auch gleich ein Solcher oder eine Solche, die hier so was zu finden glaubten, mein Büchlein voll Verdruss aus den Händen werfen, und schnarren: „Voilà, qui manque de bon sens!“
Doch zur Sache zurück. Des andern Morgens kam ein Bedienter, der uns im Namen des Hochgewaltigen zur Mittagstafel lud. Wir erschienen, und trafen daselbst eine große Gesellschaft von Adel, die teils von Neugierde aus der Gegend herbei geführt, teils von dem Hochgewaltigen gebeten worden waren. Die Tafel war niedlich und mit Geschmack, aber nicht üppig, noch überflüssig bestellt. Das Sonderbarste dabei schien uns, dass die Gerichte nicht aufgetragen wurden, sondern, dass die Tafel, nach dasiger Gewohnheit, mit allen Gerichten zumal durch Federkraft sich aus dem Boden hob, und eben so wieder versank, indem die zweite Tracht emporstieg, usw. Man war dadurch von der oft lästigen Gegenwart der Bedienten befreit, die selten ab- und zu gingen. Die schönste Zierde der Tafel war eine gesegnete, liebenswürdige Familie, zehn Kinder, Söhne und Töchter, alle blühend und schön und eine eben so schöne, vortreffliche Mutter!
Die ganze Gesellschaft behandelte uns wie ihres Gleichen, und als ob wir schon lange unter ihnen wären, und ihnen angehörten. Jene frostige Steifigkeit, die an europäischen Höfen herrscht, schien hier gar nicht bekannt zu sein. Selbst die Bedienten wurden nicht, nach europäischer Sitte, wie die abgerichteten Hunde exerziert. Man sprach zu ihnen mit Güte und Sanftmut; sie sprachen selbst mit in die Gespräche der Gesellschaft, und was man von ihnen verlangte, geschah mehr im bittenden Tone, als im barschen befehlenden Tone der Europäer. Ich musste viel von unseren Sitten und unsern Gewohnheiten erzählen, und sie belustigten sich nicht wenig über unsere sogenannte Hofetikette und die steife Feierlichkeit unserer Höfe.
Als wir von der Tafel aufgestanden waren, und sich die Gäste bereits entfernt hatten, bezeugten wir dem Fürsten unsern Dank für seine Gastfreiheit, und sagten, dass wir es für Missbrauch seiner Gnade hielten, länger zu bleiben, und dass wir uns etwas weiter auf dem Planeten umsehen wollten. „Daraus wird so geschwinde noch nichts“, fiel er ein: „Ich hoffe doch, fuhr er lächelnd fort, dass meine Pfaffen Ihnen nicht werden so bange gemacht haben, dass Sie nicht länger in meinem Lande bleiben wollen? Vergessen Sie das Vergangene. Ich selbst muss mir von dieser Race von Menschen in meinem Lande sehr vieles gefallen lassen. Sein Sie versichert, dass ich außerdem die grausame Gewalt, die man an Ihnen verübt hat, gewiß scharf würde bestraft haben. Ich bin Fürst, aber diese Menschen haben mehr Gewalt über meine Unterthanen, als ich. Sie schleichen überall in den Häusern umher, wissen die Herzen durch den Schein von Religion und Frömmigkeit, Demuth und Sanftmuth zu gewinnen, und niemand hat weniger Religion und Frömmigkeit, weniger Demuth und Sanftmuth, als sie. Sie lehren das Volk die Verachtung der Güter hienieden; machen es glauben, dass das Gebet allein Segen und Fülle bringe, und eignen sich besondere Kraft im Beten zu. Gott stellen sie als einen eigensinnigen Tyrannen dar, der mit ewigen grausamen Martern für zeitliche Vergehen strafe, und den sie allein zu zähmen Macht haben; geben vor, dass sie die Gewalt besitzen, dem Menschen seine Sünden zu erlassen, und versprechen ihm den Himmel, oder drohen ihm mit der Hölle, wies ihr Vortheil fodert. Sie lehren das Volk allerlei Aberglauben, und schreiben sich die Macht zu, allerlei Uebel durch übernatürliche Gewalt zu vertreiben. Für all ihre Betrügereien wissen sie Stellen aus einem Buche anzuführen, das sie für ein göttliches, untrügliches Buch ausgeben, und das sie alleine auszulegen, sich die Macht von Gott anmaßen. Das arme, getäuschte Volk setzt daher sein ganzes Zutrauen in sie; streitet mit Blut und Leben für ihr Ansehen und ihre Lehren; glaubt, alles durch die Gebete der Pfaffen zu erhalten, und gibt ihnen gerne den letzten Heller, damit sie dafür beten, und diesem oder jenem Uebel durch ihre übernatürliche Gewalt abhelfen mögen; denn Sie müssen wissen, meine Herren! dass diese Leute sich für ihr Gebet reichlich bezahlen lassen, und um Geld ihren Gott am Altare opfern und essen. So geschiehts dann, dass das Volk äußerst dumm und arm ist, während diese Betrüger von ehrwürdigem Ansehen, in Reichthum und Ueppigkeit schwelgen, sich wie Ungeziefer vermehren, und die Güter meines Landes im Müßiggange verzehren. Und wehe dem Manne, der ihre Betrügereien aufdecken wollte! Sie nennen ihn einen Ketzer, einen Unglaubigen, einen Gottesläugner; denn sie verweben ihr Ansehn stets mit dem Ansehn Gottes und der Religion, und wissen ihn durch ihren ausgebreiteten Einfluß beim Volke überall so anzuschwärzen, dass er bald der Gegenstand des allgemeinen Hasses und der Verfolgung wird, und nicht selten auf dem Eschaffote, oder im Kerker sein Leben endigt. Vom letztern hätten sie bald selbst eine leidige Probe abgegeben.“
Kalter Schauer überlief mich, während dieser Schilderung, am ganzen Leibe, und mein Vorhaben ward dadurch nur befestigt, dies Land bald zu verlassen. Ich erklärte meinen Vorsatz dem Hochgewaltigen unter dem Vorwand: dass wir nicht lange von Hause sein könnten. Wenn Eure Hochgewalt, setzt’ ich hinzu, uns noch eine Gnade erzeigen wollen, so bitten wir, dass Sie uns an andere Höfe Empfehlungsschreiben mitgeben möge.
„Nun!“, sagte der Fürst, mit einem Blick und einem Ton, der die ganze Güte seines Herzens ausdrückte, „wenn Sie mich dann durchaus schon verlassen wollen; so rate ich Ihnen nach Momoly zu reisen; es ist der merkwürdigste Teil unserer Welt und Sie werden auf dieser Reise noch ein Paar Königreiche, Plumplatsko und Biribi sehen, durch die Sie Ihr Weg führt, und wohin ich Ihnen Empfehlungen mitgeben werde. Aber,“ fuhr er fort, „wie denken Sie Ihre Reise zu machen? Wenn Sie in Ihrem Luftschiffe fahren, könnten Sie leicht die Orte verfehlen, wo Sie sich niederlassen sollen.“
Nun hatte man, außer der oben beschriebenen Art zu reisen, noch eine andere, die darin bestand, dass man in einer Gattung von besonders dazu gebauten Kästen, worin ihrer mehrere sitzen konnten, von einem Paar der oben gemeldeten Tiere getragen ward. Wir beschlossen daher mit unserem Luftschiffe so weit zu fahren, als es uns beliebig sein würde, das Schiff, unter der gewöhnlichen Aufsicht unserer Ruderknechte, dort zurück zu lassen, und unsere Reise auf obige Art zu Lande fortzusetzen. „Den morgenden Tag aber,“ sagte der liebenswürdige Fürst, „müssen Sie mir noch schenken“ und wir bewilligten es mit Vergnügen.
Unter diesen und dergleichen Gesprächen, die alle von dem sanften, edlen Herzen und dem hellen Kopfe dieses vortrefflichen Fürsten zeugten, verging uns der Tag und der Abend so angenehm, als ich mich nicht erinnern kann, einen in meinem Leben zugebracht zu haben. O! Es ist so was Großes, Herzerhebendes, eine fürstliche Seele sich öffnen zu sehen, die die wahre Würde und den wahren Adel eines Fürsten in sich trägt!
Des folgenden Tages gieng der Fürst und seine Familie selbst mit uns an unser Schiff, um es in Augenschein zu nehmen, und erstaunten nicht wenig über die sonderbare Maschine und ihre Einrichtung. Sie freuten sich gar sehr darauf, es den künftigen Tag bei unserer Abreise aufsteigen zu sehen. Der Fürst und seine Söhne bezeugten sogar Lust, selbst mit aufzufahren, das aber die Fürstin dringend und beängstigt verbat.
Denselbigen Mittag speißten wir wieder an der Tafel des Fürsten. Als wir kaum abgegessen hatten, beklagte sich der Fürst über außerordentliche Üblichkeit und schneidende Schmerzen im Unterleibe. Es dauerte nicht lange, als ich und meine drei Reisegefährten, die Ruderknechte waren bei den Bedienten versorgt worden, das nämliche, obschon minder empfanden. Die Schmerzen des Fürsten nahmen so plötzlich überhand, dass er aufs Bett gebracht werden musste. Kaum lag er auf demselben, als er schon in starke Konvulsionen verfiel, die immer mehr und mehr zunahmen, und uns äußerst bange für sein Leben machten. Wir vergasen beinahe unserer eigenen Schmerzen über die Seinigen und über den erschütternden Anblick, wie Mutter und Kinder um das Bett standen, und weinten und jammerten!
Der Arzt wurde indes herbeigeholt, und erklärte, dass wir, Gift hätten! Die Fürstin fiel bei diesen Worten sinnlos in einen Armstuhl, die Kinder rangen die Hände und heulten!
Es war ein Anblick, der Steine hätte bewegen können. Nur der Fürst war gelassen. Er befahl vor allem, seiner Gemahlin zu Hilfe zu eilen, und sprach seinen Kindern Muth und Trost zu. „Ich weiß, woher der Streich kommt:“ sagte er. Diese Worte und das, was er uns gestern von der Bosheit der Pfaffen gesagt hatte, waren für uns Blitze durch die Nacht, und der Gedanke, dass wir die, wiewohl unschuldige Ursache von dem Unglück des Fürsten seien, quälte uns mehr, als alle Schmerzen.
Die Fürstin kam bald wieder zu sich, und der Arzt gab dem Fürsten Gegengift, wie er es nannte, wir aber nahmen von den Mitteln, die wir unter unserem einfachen Arzneivorrat bei uns hatten, tranken brav warm Wasser nebenbei, und begaben uns, weil uns sehr übel war, zur Ruhe. Bald darauf mussten wir uns schröcklich erbrechen. Dies dauerte ungefähr eine Stunde in einem fort, worauf wir uns ziemlich erleichtert, aber zugleich sehr entkräftet fühlten, weswegen wir einige Magenstärkungen nahmen, die uns bald wieder neue Kräfte gaben. Wir erkundigten uns nach dem Fürsten. Aber zu unserem größten Schrecken erfuhren wir, dass es mit ihm beständig schlimmer werde, und alle Rettung wahrscheinlich verlohren sei. Die Ursache der verschiedenen Wirkungen, die das Gift auf den Körper des Fürsten und den unsrigen machte, war, nebst der Quaksalberei des Arztes, vielleicht auch das verschiedene Verhältniß, worinn unsere Natur mit der Natur dieses Planeten stand.
Da wir uns außer Gefahr und wieder stark genug fanden, gingen wir selbst, den Fürsten zu besuchen. Er erkannte uns kaum noch, dann reichte er uns die Hand: „Ich bestätige durch mein Ende“, sagte er, „die Wahrheit dessen, was ich Ihnen gestern von unsern Pfaffen sagte, ich bin nicht der Einzige, der von ihnen hingerichtet worden ist. Gottlob nur! Dass Sie der Gefahr entgangen sind. Lassen Sie sich das Beispiel zur Warnung dienen, und sein Sie vorsichtig gegen diese heiligen Bösewichte.“
Wir waren allein: als er dies sprach. Die Fürstin und die Kinder hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen, um ihrem unbändigen Schmerzen freien Lauf zu lassen. Der älteste Prinz allein war zugegen. „Versprich mir,“ sprach der Fürst zu ihm: „meinen Tod an niemanden zu rächen, noch zuzugeben, dass man ihn räche, und gib mir deine Hand darauf.“ Der Sohn stürzte sprachlos zu den Füßen seines Vaters, ergriff dessen Hände und vergoss Ströme von Tränen. „Meine Briefe“, fuhr er zu uns fort, „liegen für Sie an meine Freunde fertig in meinem Kabinette. Bringen Sie ihnen zugleich das letzte Lebewohl ihres sterbenden Freundes. Leben Sie wohl, und erinnern Sie sich auch noch auf Ihrem Planeten eines unglücklichen Fürsten hier oben, der ein besseres Schicksal verdient hätte.“
Wir konnten vor Schmerzen nicht sprechen, küssten ihm die Hände und weinten. Ich versuchte einige Worte von Dank und Verehrung zu stammeln, aber sie erstickten mir in der Kehle. Der Fürst sah unsere Liebe zu ihm und unsern innigen wahren Schmerz; er drückte uns die Hände. „Gottlob!“, sagte er, „dass ich noch vor meinem Ende Freunde fand. Die Fürsten unserer Welt haben keine Freunde!“
Er hatte es kaum ausgesagt, als sein Mundschenk wild hereinstürzte, und sich vor ihm auf die Knie warf. „Verzeihung! Verzeihung! Fürst! Vater! Verzeihung dem Mörder und dann Strafe, die grausamste Strafe, aber Verzeihung!“
So rief er schluchzend und streckte bittend seine Hände empor. „Wem dann?“, fragte der Fürst. „Mir! Mir! Ich bin der Verruchte, der Bösewicht, der Giftmischer! Wehe mir! Die Pfaffen haben mich betrogen, haben mir gesagt, dass ich eine gute Tat tue, haben mir Nachlassung all meiner Sünden und die ewige Seligkeit dafür versprochen, haben mir mit der Hölle gedroht, wenn Ichs nicht tat. Weh mir! Ich fühle, dass ich Böses getan habe — die Hölle brennt mich schon in meinem Busen!“
Der ohnehin schon äußerst schwache Fürst ward dadurch heftig angegriffen. „Unglücklicher!“, sprach er matt, „geh, lauf aus meinem Lande, sonst wird man dich ergreifen, und dich ums Leben bringen; und was würde es mich helfen, wenn nebst mir noch ein Mensch umkommen sollte.“ Er nahm hierauf Geld und gab ihm mit den Worten: „Mach, dass du fortkommst.“
Der unglückliche raufte sich die Haare aus; „Nein,“ rief er: „Sterben, sterben will ich den grausamsten Tod, ich Bösewicht! O! Ich habe den besten Fürsten gemordet! Unseren Freund! unseren Vater! Und er, verzeiht mir, beschenkt mich!“ Ein Schluchzen erstickte seine Sprache; er krümmte sich an der Erde, wie ein Wurm, und raufte Hände voll Haare aus seinem Kopfe. Man musste ihn wegbringen. Die schröckliche Scene wirkte zu heftig auf das gute Herz des ganz entkräfteten Fürsten.
Er verlor itzt alle Sprache; die Konvulsionen wurden stärker; die Augen brachen ihm; er streckte nochmal seine Hand aus, als wollte er noch den letzten Abschied nehmen, und verschied!
Ich vermag es nicht, den Jammer der Fürstin und der Kinder zu schildern. Das Herz blutete uns. Wir konnten jetzt nicht genug eilen, aus diesem Lande wegzukommen, wo wir unser Leben und unsere Freiheit keinen Augenblick mehr sicher glaubten.
Ganz in Geheimen ließen wir demnach noch vor Tages Anbruch die Anstalten zu unserer Abreise machen, steckten unsere Empfehlungsbriefe zu uns, und nachdem wir uns mit Tränen der Wehmut von der fürstlichen Familie, die uns reichlich beschenkte, beurlaubt, und dem Toten, ewig lebenswürdigen Fürsten die Hände geküsst hatten, gingen wir mit anbrechendem Tageslicht zu Schiff, stiegen in die Höhe, und entflogen glücklich aus diesen grauenvollen Gegenden, wo die Priester ihren Gott fressen, und ihre Fürsten morden!
Wir hatten uns vorsichtiger Weise erkundigt, nach welcher Himmelsgegend wir los zu steuern hätten, und folgten genau dieser Route. Als wir ungefähr einen halben Tag, mit ziemlich günstigem Winde, in der Luft gefahren waren, sahen wir eine große Stadt unter uns liegen. Wir ließen uns ungefähr eine halbe deutsche Meile von derselben nieder, und gingen zu Fuß dahin.
Gleich am Eingange der Stadt wurden wir von einem Manne, der dreierlei Farben an seinem Rocke trug, angehalten, und gefragt: woher wir kämen, und ob wir Pässe hätten. Als wir das Letzte mit Nein beantworteten, fragte er weiter: wer wir wären. Erdenbürger, sagten wir. „Wo liegt dies Land?“ fuhr er fort. Es liegt in einer andern Welt, antworteten wir, die man Erde heißt: „Ich will Euch Euren Spaß vertreiben“, schrie der Mensch mit dreierlei Farben, „Wache raus!“ In dem Augenblick erschienen mehrere seines Gleichen, alle bewaffnet, und umringten uns. „In Arrest mit den Kerls“, rief er, „bis auf weitere Order! Es sind verdächtige Halunken.“
Man führte uns demnach, unter dem Zusammenlaufe vieler Menschen, in ein großes Gebäude, wo uns ein Mann empfing, der uns zugleich ein finsteres Loch zu unserer Wohnung anwies. Ehe er uns aber verließ, durchsuchte er jedem seine Taschen, und nahm uns all unsere Papiere, worunter auch unsere Empfehlungsbriefe waren. Er sah sie an.
„Was?“, rief er, „die Kerls haben gar Briefe an unsern Hochgewaltigen bei sich.“ Wir erkundigten uns hierauf, wo wir dann wären, und erfuhren, in Wirra, der Hauptstadt vom Königreiche Plumplatsko, welches eben diejenige war, wohin wir Empfehlungen hatten.
Man nahm indes unsere Briefe mit fort, und schloss uns hier ein. „Verflucht und verdammt“, schrie ich, „sei die Reise in den Mars! Zu Papaguan fielen wir unter die Hände der Pfaffen, hier sind wir wahrscheinlich unter die Hände der Soldaten gefallen. Gott mag wissen, welches schlimmer ist! Beide Stände scheinen hier eine Art von Despotismus auszuüben.“
Eine ganze Nacht hatten wir nun wieder fast eben so übel, als jene in Papaguan zubringen müssen; als wir des anderen Morgens abgeholt, und in ein besonderes Zimmer des Gebäudes geführt wurden, wo einige Offiziere zugegen waren, die uns andeuteten, dass wir, als verdächtige Leute, die keine Pässe bei sich hätten, entweder Kriegsdienste nehmen, oder fünfzig Stockschläge jeder auf öffentlicher Schandbühne bekommen sollten. Vergebens beriefen wir uns auf unsere Empfehlungen. Man hieß uns schweigen, und drohte uns mit Stockprügeln, wofern wir noch ein Wort sprechen würden.
Hiermit ließ man uns wieder in unseren Arrest zurückführen, indem man uns andeutete: dass morgen der Tag wäre, wo wir unsere Strafe erhalten würden, wenn wir nicht indes Dienste nähmen.
Bei unserer Rückkunft ersuchten wir, um unsere Leiden zu vergessen, den Gefangenenwärter, dass er uns einiges Getränk für unsere Bezahlung holen möchte, die wir ihm, nebst einem kleinen Geschenk, reichten. Er tat es, und bracht uns ein Paar große Kannen voll köstlichen Trankes. Wir boten ihm ebenfalls davon zu trinken an. Er ließ sichs nicht zweimal sagen, und ward dadurch etwas zutraulich.
Ich merkte es und fing an, ihm unser hartes Los zu klagen.
