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Jede Region hat ihre eigenen Sagen und wird durch diese für den Bewohner wie für den Gast erst lebendig. Hessische Sagen beginnen im Norden Hessens und Enden im Süden am Neckar. Spessart, Rhön, Westerwald, Odenwald sind die gängigen Ziele, aber auch die größeren Städte und kleineren Ortschaften..Viele Sagen und Märchen ranken sich um "sagenhafte" Persönlichkeiten. Andere wiederum dienen dazu, Ortsnamen oder besondere geologische Formationen zu erklären, wie die Geschichte aus Frankfurt. Eine Auswahl der schönsten und beliebtesten Sagen Hessens.
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Seitenzahl: 476
Veröffentlichungsjahr: 2026
Herausgeber
Erik Schreiber
Märchen Sagen und Legenden
Sagen aus Hessen
e-book 025
Märchen Sagen und Legenden 9
Erik Schreiber - Hessische Sagen
Erscheinungstermin 01.04.2026
© Erik Schreiber
Schlosswaldweg 11
64678 Lindenfels
Titelbild: Archiv Andromeda
Lektorat Peter Heller
Vertrieb neobook
Herausgeber
Erik Schreiber
Märchen Sagen und Legenden
Sagen aus Hessen
Inhaltsverzeichis
Von Land und Leuten
Die älteste Nachricht von den Hessen
Der heilige Salzfluß
Bato und Hessus
Wilde Tiere in Hessen
Das Zauberhorn
Die blinden Hessen
Der stillstebende Fluß
Der Feuerbeschwörer
Die Wichtelmännchen
Immerwährender Streit
Das Kind von Brabant
Sophie fordert für ihren Sohn das Land ein
Heinrich der Eiserne
Junker von Hessen
Das harte Gelübde
Otto der Schütze
Otto der Quade
Ludwig der Friedsame
Wie Hessen geteilt wurde
Von einem, der gut hessisch war
Kinderbrunnen
Der Wambiß
Kassel
Chatten-Burg
Die jungfräuliche Ehefrau
Ful-uf!
Unschuldsbeweis
Todes-Weissagerin
Konrad Heß und der Kanzler J0hann Feige
Landgraf Philipp und die Bauersfrau
Landgraf Philipp und der Bauer
Die Esel
Tod des Erstgeborenen
Landgraf Moritz und der Soldat
Der Dukaten
Das Schützenfest zu Elgershausen
Der Freibrief
Wecke und Texkäse
Die eiserne Jungfrau
Der kurfürstliche Schatz
Die Lustbarkeiten des Königs Jerôme
Der Wachtelschlag
Vor-Beerdigung
Der schwarze Ritter
Der Werwolfriemen
Schloss Schauenburg am Habichtswald
Der Reinhardswald
Sababurg
Die Riesenprinzessinnen
Erbsen und Speck
Trendela versetzt Berge
Trendela wird vertrieben
Weitere Riesentaten
Graf Reinhard der Spieler
Der Grenzstreit
Der Würfelturm von Hofgeismar
Tod des letzten Schönebergers
Liebenaus Name
Der Fiedler von Liebenau
Entstehung von Helmarshausen
Des Heilands Leichnam in Gottsbüren
Was für ein Wild die Gottsbürer erlegten
Grenzzug
Gudensberg, Fritzlar, Spangenberg
Wodensberg und Odenberg
Das durstende Heer
König Karl im Odenberg
Metze und Maden
Der Scharfenstein
Wie der wilde Jäger aussieht
Eckbert von Grifte
Die Eiche bei Geismar
Fritzlars Schutz und Schirm
Landgraf Konrad zerstört Fritzlar
Bonifatius rettet Fritzlar
Jagender Spuk
Das Bier am Bürberg
Das Kloster Breitenau
Der Weinkeller im Heiligenberg
Klostergänge
Die Glocke von Harle
Der Verrat der weißen Jungfrau
Die weiße Frau
Festmachen
Der Nachtwächter von Melsungen
Die Bartenwetzer
Die Magd von Körle
Ursprung der von Malsburg
Der Liebenbach
Der Brunnen zu Spangenberg
Schreckliches Todesurteil
Der Heilige von Röhrenfurth
Die Schüttekuchen
Rund um den Meißner
Sagenhafter Berg
Frau Holle
Der Holleabend
Die Wohnung der Frau Holle
Frau Holle
Frau Hollen Teich
Frau Holles Gericht über den Honighof am Hirschberg
Der Meißner und Frau Holle
Frauhollenbad
Frau Holle versetzt einen Felsen
Frau Holle drückt ein Stein im Schuh
Die Werra
Die Teufelskanzel
Die Jungfern von Döngessee
Das stille Volk zu Plesse
Der Bilstein
Der letzte Graf von Bilstein
Wie der letzte Bilsteiner starb
Das Schicksalsstübchen auf dem Burgberg
Frau Else
Der Nachtwächterruf von Allendorf
Teufelsstein
Der gesegnete Born
Schuster Jobst und die Wichtelmännchen
Ritter Hermann und der Heldrastein
Otto der Quade vor Eschwege
Die Tütemännerchen
Die Wichtel als Schuhmacher in Eschwege
Boyneburg
Fräulein von Boyneburg
Der Hülfenberg
Die Nonnen auf dem Hülfenberg
Der Heldrastein
Das Henningsloch
Der Ludwigstein
Schwalm und Knüllgebirge
Der Alp
Das Mailehen
Nixenbraut
Kirchhainer Nöcke
Die Pest in Kirchhain
Das Lichtlein
Das Steigerfest in Amöneburg
Storch hilft löschen
Das mutige Mädchen zu Ohmes
Der Pfarrer zu Arnsbach
Abzug der Wichtelmännchen
Der Teufel baut eine Stadt
Die Neustädter und der Junker Hans
Junker Hans von der Schwalm
Heinz von Lüder
Der hessische Blocksberg
Schwarzenborn
Walpertszins
Der Blumenstein
Der Anschlag auf Hersfeld
Das Lullusfest in Hersfeld
Die Riesin
Die Mückenenstürmer
Unglückliche Entzauberung
Burg Hauneck
Der Haun-Müller
Woher der Name Riedesel kommt
Am Dritten vorbei
Waldecker Land
Die Ziegen im Waldeck‘schen
Schloss Waldeck
Heinrich bleibt eisern
Die Stollmühle
Korbach
Die Lage des Klosters Höhnscheid
Agnes von Bürgel
Der ungeborene Reinhard
Die Belagerung der Weidelburg
Der Schneiszug
Die versunkene Stadt
Curt von Wetterburg
Zwischen Eder und Westerwald
Die Eder
Der heilige Winfried
König Grünewald erobert den Christenberg
Der Schneider von Hatzfeld
Die Glocke läutet von selbst
Die Frau unter den Wichtelmännchen
Die Totenhöhe
Der Schwedengeneral
Der Leichenzug
Ruine Hollende im Lützlergebirge
Das Aarnest
Sichere Schützen im Hinterland
Das Ourebrünnchen bei Affhöllerbach
Die Wilhelmslinde in Dillenburg
Der vergessliche Graf
Sechshelden
Der Hexenschmied von Hirzenhain
Herborn
Die Zehntengarben
Marburg
Ankündigung des großen Krieges
Der Riese auf dem Rimberg
Wie die Heilige Elisabeth nach Marburg kam
Wohin die Kirche gebaut werden soll
Der Elisabeth – Brunnen
Das runde Bäumchen
Marburger Nixe
Die Jungfrau auf dem Frauenberg
Die Ketzerverfolgung
Der Ameisentopf
Schatzgräberei am Frauenberg
An der Lahn
Die Lahn hat gerufen
Der Fluch des Fremdlings zu Gießen
Die verschwundene Hostie
Des Fremdlings Fluch
Der Dünsberg
Leihgestern
Die Nonne von Lich
Der falsche Kaiser Friedrich zu Wetzlar
Den Namen entfernen
Braunfels
Die Entdeckung von Laimbach
Der Hund zu Weilburg
Der Runkeler Rote
Der Reitersprung am Bodenstein
Der Wiener Schmied zu Limburg
Schinderhannes im Limburgischen
Woher die Elzer Musikanten stammen
Die festgebannten Obstdiebe
Adolf von Nassau
Räderberg
Fulda und Rhön
Das goldne Rad im Dom zu Fulda
St. Bonifatius Grab
Der weiße Teufel im Dom zu Fulda
Abt Fingerhut
Die Moorjungfern auf der hohen Rhön
Der Brunnen zu Steinau
Die Ritter von Steinau
Sefveri-Kapelle zu Fulda
Der lange Hannes
Die Rathaustreppe
Der umwandernde Bär
Das Marienbild unter dem Schultor
Feierabend
Bestrafung böser Weiber
Der versunkene Hof
Burg und Dorf Poppenhausen
Der Brunnen des heiligen Gangolf
Der heilige Gangolf und sein Weib
Der Milsehans
Die Tanzwiese
Hünfeld und Haune
Die Kapelle auf dem Bettelstein
Kirmes, Tanz und Kindtaufe
Spuk am Oechsenberg
Die Moorjungfern
Habgier findet ihre Strafe
Die Hennenburg
Der Vogelsberg
Das Irrkraut
Der Auszug des wilden Jägers
Der Reiter im Lauberg
Braundosten und Baldrian
Kröten verwandelt
Vom Heillug
Der Wildfrauenborn bei Einartshausen
Verzaubertes Heu
Werwolf in Sichenhausen
Die Spinnerin auf der Altenburg
Der blaue Gickel bringts Essen
Das wilde Weibsbild bei Birstein
Sotzbacher Kunststücke
Der Taufstein
Geprellter Teufel zu Herchenhain
Die Luft als Bote
Werwolf in der Schalksbach
De weiß Jungfer von Eichelhain
Ulrichstein
Geister auf Ulrichstein
Der Ranzen des Zauberers
Die Laubacher Totenschar
Das Kind im Merlauer Schloss
Von der Wetterau zum Spessart
Der wilde Jäger zieht durchs Niddatal
Nidda
Die Blume
Der wilden Frau Gestühl
Die Spitalkirche zu Butzbach
Friedberg
Schtare ean d'r Wearreaa
Windeck
Die Frauen von der Glauburg
Die zwei Herren von der Glauburg
Vom grooe Mennche bei Büdingen
Der Wassermann
Der Steintisch zu Bingenheim
Die wilden Leute
Frau Schuckel
Der Nicus
Den Mörder verraten die Disteln
Die Kobolde im Steckelberg
Der lange Stan von Udenem
Die Frauen in Salmünster
Kaiser Friedrich I. und Gela
Das Gelnhäuser Wappen
Der Förster und die Schelme
Kaiser Friedrich und der Schelm von Bergen
Der Schelm und die Kaiserin
Der Wassergeist in der Kinzig
Der Martinswein in Hanau
Reuiger Geist
Graf Isenburg
Das Offenbacher Schloss
Frankfurt am Main
Frankfurts Gründung
Entstehung von Sachsenhausen
Die Sachsenhäuser Brücke
Die alte Mainbrücke
Doktor Aphrasterus
Einhard und Imma
Der Ring der Fastrada
Dreieichenhain
Bernhard von Clairvaux kommt nach Frankfurt
Günther von Schwarzenburg
Die Zünfte fordern ihr Recht
Der Messerschmiede Wappen
Peter Lump
Der Rattenpfennig
Der letzte Krönungsbeutel
Cüstines Leibwache
Die letzte Kaisernische
Der vorwitzige Bürger
Der kluge Reucker
Die erste und zweite Judenschlacht
Der große Judenbrand
Das Fettmilchplätzchen
Des Spritzenmeisters Tod
Temes Salz
Bücher aus allen Ecken der Welt
Das Hexenplätzchen
Der Eschenheimer Turm
Der Neuner in der Wetterfahne
Der Erfinder des Äppelwoi
Die polnische Mutter
Der Schuster im Backofen
Das Brombacher Kästchen in der Homburger Judengasse
Die Kronberger bedrängen Höchst
Die versenkete Glocke
Taunus, Wiesbaden, Rheingau
Der Brunhildenstein
Burg Falkenstein
Rirrer Kuno vun Falkestahn
Die Höhle im Altkönig
Die Adamsbahn
Die Kronberger Schlacht
Der Frohnhof
Die Rache der Berggeister
Ritter Ulrich von Idstein
Die böse Fee Schwalba
Bewehrtes Grab
Die Schlangenbader Quellen
Der Seeräuber von Wiesbaden
Der Neroberg
Wie der Weinbau zu Rüdesheim entstand
Der heilige Nikolaus und der Schiffer
Das blaue Ländchen
Weinprobe in Eberbach
Von dem Rheingauer, der sich erhängen wollte
Darmstadt
Beständige Residenz
Der Heilbrunnen
Das Turnier zu Darmstadt
Die böse Hundrede
Das Schloss in Darmstadt
Das eingemauerte Häuslein
Das Schatzgewölbe
Schlossspuk
Die unheimliche Gräfin
Der Advokat und der Teufel
Der Hexenritt bei Dieburg
Die Umstädter
Die verschwundene Braut
Der Stan am Streitwoald
Der Lindwurm am Brunnen
Der Odenwald
De Bischseranze im Ohrewald
Rodensteins Auszug
Die Doppelehe des Rodensteiners
Der Rodensteiner ermordet sein Weib
Der Rodensteiner im Ersten Weltkrieg
Heilpraktiker
Das Bubenried
Die Hollen
Die Hollen in der Klus
Das Opfer der Mümmling
Das Buwekreiz zwische Kimbach un Vielbrunn
Abwesender zitiert
Der Schlurcher
Die Riesen zu Lichtenberg
Weiße Frau im Schloss Lichtenberg
Das Felsenmeer
Die schlechten Gemeinderäte
Die Knodener Kunst
Hexe gezeichnet
Die Bergstrasse
Die Prozession auf der Starkenburg
Der goldene Apfel
Die Zauberpfeife
Hinne rum wie die Fram von Bensum
Die Frau von Bensheim
Die Wiesenjungfrau
Das Niesen im Wasser
Das Gewölbe im Auerbacher Schloss
Der Riesenstein
Konrad von Tannenberg
Drei Ritter beschweren
Zusammenkunft der Toten
Die Landschaden
Von Land und Leuten
Die älteste Nachricht von den Hessen
Erstlich, so befindet sich die allererste Meldung und älteste Gedächtnis der Hessen, so noch zurzeit vorkommen, in der Historien und Briefe des Bischofs Bonifatius, an welchen Papst Gregorius (der andere dieses Namens) etliche Sendschreiben um Einführung des Römischen Glaubens bei den Teutschen abgehen lassen, unter denen auch eine vom Papst Gregorius Ill. gerichtet an diejenigen Teutschen Völker, zu welchen er Bonifatius, obgedachten Zweckes halber, gesendet gewesen, und im Jahr 738 abgangen, mit dieser Überschrift:
Gregorius III. allen und jeden fürnehmen, und dem ganzen Volk der Provinzen Teutschlands, sonderlich den Thüringern und Hessen, Bortharen, Ristresen, Wetterauen und denen, so an der Löhn [LahnJ, auf dem Süd-Grabfeld, auch allen und jeden, so nach der Sonnen Aufgang wohnen.
Der heilige Salzfluß
Wo das Gebiet der Hermunduren an das der Chatten grenzte, floss die Saale, ein beiden Völkern heiliger Fluss, dessen Wasser, über glühende Baumschichten gegossen, ihnen lange Zeit das Salz lieferte. Die Salzquellen waren den Germanen insgesamt heilig, denn sie glaubten, dass die Götter dort nahe wohnten und an solcher Stätte die Gebete der Sterblichen eher erhörten als anderswo. Chatten und Hermunduren kamen über den Besitz dieses Salzflusses in Streit; vor der Schlacht weihten die Chatten auf den Fall des Sieges das feindliche Heer, Männer und Rosse ihren Göttern Mars und Merkur. Aber der Kampf fiel unglücklich für sie aus, und die Hermunduren vollzogen an ihnen selbst, was sie gelobt hatten, indem sie die gefangenen Chatten ihren Göttern opferten.
Bato und Hessus
Alte Chroniken melden von zwei chattischen Königen: Bato und Hessus, an der Spitze der Unterabteilungen des gesamten Chatten-Stammes. Ob solche Schreiber aus älteren heimischen Aufzeichnungen schöpften, ob ihnen gar mündliche Überlieferungen noch erreichbar waren, wir wissen es nicht. Eines aber ist gewiss:
Das Chatten-Volk gliederte sich wirklich in zwei große Sippen: Hessen und Batten. Nicht alle Chatten waren in engerem Sinne auch Hessen. Dieser Untername, der später sich anstelle des chattischen Hauptnamens setzte, gebührte ursprünglich nur denen, die wir heute zum Unterschied zusätzlich Niederhessen nennen müssen. Oberhessen und Wetterauer sind vornehmlich Batten. Die Mattiaken im Nassauischen mögen von den Niederhessen ausgegangen sein. Die Bevölkerung südlich des Mains hinwieder erwuchs aus Ansiedlern aus allen alten Gauen.
So ist es dann gar nicht nötig, dass man annimmt, die Chronisten hätten sich die Sagen von den Fürsten Bato und Hessus völlig aus den Fingern gesogen.
Wilde Tiere in Hessen
Nun ist gewiss, dass es in Hessen an Hirschen, Hinden, Rehen, wilden Säuen, Füchsen, Dachsen und dergleichen wegen der großen Wälder mehr hat, als bisweilen dem Landmann lieb ist; desgleichen gibt es auch Wölfe und Luchse.
Vor Zeiten hat man auch mitunter Bären angetroffen, vor allem im Odenwald, auf dem Meißner, in den Ämtern Schmalkalden und Marburg. Etliche davon hat Landgraf Philipp der Held gefangen. Auf dem Schloss zu Marburg sind in einem Gemach diese deutschen Reime zu lesen:
Da noch regiert das Hessenland
Landgraf Philipp, mit seiner Hand
Hat er einen Bären selbst gefällt,
Der edle Fürst und treue Held.
Das Zauberhorn
Es war einmal ein Landgraf von Hessen, der hatte einen Diener, der hieß Johann und verstand sich auf feine Künste, besonders was die Jagd betrifft. Er besaß nämlich ein wunderbares Horn und wenn der Landgraf irgendein Wild schießen wollte, so brauchte er nur zu sagen: „Johann, blas das Horn“, und hatte nicht einmal nötig, das Wild zu nennen. Sobald Johann blies, kam das Tier, welches der Landgraf sich wünschte und lief ihm in: den Schuss.
Die blinden Hessen
Einst wurde die Stadt Mühlhausen in Thüringen von den Hessen schwer bedrängt und belagert. Schon waren die meisten Verteidiger der Stadt gefangen, tot oder verwundet, und beim nächsten Sturm musste sie sich ergeben. Da kamen die Mühlhäuser auf einen glücklichen Gedanken. Im Dunkel der Nacht steckten sie auf die Mauern der Stadt hölzerne Pfähle und Pflöcke, hingen alte Kleider darum, setzten Mützen und Hüte darauf und banden Waffen daran fest. Da sah es aus, als ob lebendige Soldaten da ständen. Aber zwischen diesen hölzernen Soldaten bewegten sich hin und wieder lebendige Krieger und drohten spottend hinab ins Lager der Feinde. Am andern Morgen, als es Tag wurde, sahen die Hessen die zahlreichen Gestalten auf der Stadtmauer, und sie meinten, es wären lauter wWirkliche Streiter und Verteidiger. Da glaubten sie, sie könnten die Stadt nicht gewinnen, verloren den Mut und zogen von dannen. Davon sollen sie den Namen der dummen oder blinden Hessen erhalten haben.
Andere meinen: Wie die Preußen einen Adler im Wappen haben, so hatten die alten Hessen eine Katze zum Feldzeichen, das im Krieg vor ihnen hergetragen wurde. Junge Katzen aber kommen blind zur Welt. Daher sei die Bezeichnung „blinder Hesse“ gekommen. Die Hessen können diese Bezeichnung als einen Ehrennamen ansehen. Denn sie haben im Krieg stets, ohne auf die Gefahr zu achten, tapfer und blind darauf losgeschlagen. Ihre Tapferkeit und Treue kennt die alte und die neue Welt. Noch heute sagt man in Westfalen: „He slat drop assen Hesse“ (er schlägt drauf wie ein Hesse).
Der stillstehende Fluss
Von der Fulda heißt es, so oft ein Fürst aus dem Lande Hessen, sonderlich ein regierender Herr oder dessen Gemahlin bald sterben soll, dass sie wider ihren natürlichen Lauf ganz still stehe und gleichsam der Strom seine Trauer zu erkennen gebe. Man hält das für eine sichere Todesanzeige und haben es die Einwohner mehrmals beobachtet.
Der Chronist Winkelmann führt einige Exempel auf. So sei im Jahr 1566 bei Rotenburg die Fulda ganz stehen geblieben und sei so ausgetrocknet gewesen, dass man die Fische mit Händen hat greifen können: worauf im folgenden Jahr der Tod Landgraf Philipps des Großmütigen erfolgt sei. Im Jahr 1642 soll die Fulda wiederum bei Rotenburg stillgestanden sein, worauf bald der fromme und gelahrte Landgraf Philipp zu Butzbach gestorben ist. Auch hat der Fluss die Art, dass gemeiniglich alle Jahr jemand darin ersäuft.
Der Feuerbeschwörer
Es hat einmal ein Fürst von Hessen gelebt, der großer Zaubereien kundig war und u. a. auch über das Feuer Macht hatte. Wenn es irgendwo brannte, dann kam er hinzu, ging dreimal um die Flamme herum, besprach sie und warf ein Brot hinein. Dann hatte sie keine Gewalt mehr, weiter um sich zu greifen und das Feuer war bald gelöscht.
Die Wichtelmännchen
Frisch und lebendig hat sich in Hessen der Glaube an die Wichtelmännchen erhalten. Im Allgemeinen stellt das Volk sich dieselben als kleine, daumengroße Wesen mit dicken Köpfen vor, die sich unsichtbar machen können, gern den Menschen kleine Neckereien zufügen, aber auch gern ihnen helfen und Gutes tun. Die Kinder haben noch ein Spielzeug, das sie Wichtelmännchen nennen; es ist das Mark des Holunders, in dreiviertel Zoll lange Stücke zerschnitten; in jedes Stück wird der Länge nach ein dickköpfiger Nagel gesteckt: die Schwere des Nagelknopfes macht, dass das Ding, wie man es auch stellen oder legen mag, sich immer von selbst auf den Kopf stellt.
Den neugebornen Kindern sind die Wichtelmännchen besonders gefährlich. Vor dem neunten Tag darf in der Wochenstube das Licht nicht ausgehen, sonst können sie den Säugling noch Vertauschen, einen Wechselbalg an seine Stelle legen.
Immerwährender Streit
Die Erzbischöfe zu Mainz haben lange Zeit mit den Landgrafen von Hessen in Streit gelegen und sich um das Mein und Dein gestritten, wie es wegen der Grenzen zwischen Nachbarn gemeiniglich herzugehen pflegt. Weil nun Landgraf Ludwig (Ludwig II., der Eiserne, gest. 1172) zuletzt fast stets außer Landes war, nahm Erzbischof Konrad die Gelegenheit wahr, fiel mit seiner Macht in Hessen ein, raubte, sengte und brandschatzte nach seinem Gefallen. Pfalzgraf Hermann sammelte seine Völker, zog ihm entgegen, trieb den Erzbischof in die Flucht und nahm viele Völker gefangen; jedoch blieben wenige tot.
Das Kind von Brabant
Der letzte männliche Sprössling von dem alten Stamme Ludwigs mit dem Barte war in dem „Pfaffenkönig“ Heinrich Raspe zu Grabe gegangen und seine Erblande Thüringen und Hessen schwankten in der Wahl des neuen Herrn. Die Thüringer wollten Heinrich den Erlauchten, Markgrafen von Meißen, dessen Mutter eine Stiefschwester - die Hessen Heinrich, den zweijährigen Sohn der Herzogin Sophie von Brabant, deren Vater ein rechter Bruder des Pfaffenkönigs und Gemahl der heiligen Elisabeth gewesen war. Und die Hessen schickten Gesandte nach Brabant und luden Sophie ein, mit dem jungen Prinzen zu ihnen zu kommen, damit das Land nicht länger ohne Herrn bleibe. Da trat Sophie die Reise nach den Heimatlanden an, wo sie 1247 von den getreuen Hessen freudig und feierlich, mit Kerzen und Fahnen, empfangen wurde. In einem offenen Wagen, das „Kind von Brabant“ auf dem Schoße, fuhr sie durch Hessen und Thüringen, von achthundert Gewappneten mit guten Helmen umgeben, und nahm die Huldigung für ihren Sohn ein. Aber minder herzlich als in Hessen war ihr Empfang in Thüringen, denn hier waren die Stimmen geteilt und die Mehrzahl hing dem Markgrafen an.
Sophie fordert für ihren Sohn das Land ein
Im Jahre 1253 kam Frau Sophie von Brabant auf einen bestimmten Tag mit ihrem Sohn gen Eisenach in das Prediger-Kloster; dahin kam auch ihr Ohm, Markgraf Heinrich von Meißen, dem sie das Thüringerland zu getreuen Händen übergeben hatte. Zu dem sprach Sophie:
„Lieber Ohm, ich habe nun bracht Heinrichen, meinen Sohn, und bitte mir und ihm die Lande wieder zu überantworten, welche ich dir zu getreuer Hand befohlen habe.“
Da antwortete der Markgraf: „Gerne, meine allerliebste Base! Meine getreue Hand soll dir unverschlossen sein und deinem jungen Sohn, meinem Ohmen.“
Und da er so sprach, kamen sein Marschall, Helwig von Schlotheim und sein Bruder Hermann, zogen den guten Fürsten beiseite und sprachen:
„O Herr! Was wollt Ihr tun, ein solch fruchtbar Land und die unüberwindliche Feste Wartburg zu übergeben, da Ihr doch auch mit Glimpf, Eurer Mutter halben, Euch für einen Erben mögt halten. Und wär' es möglich, dass Ihr einen Fuß im Himmel hättet und den andern auf der Wartburg, viel eher solltet Ihr den aus dem Himmel zurückziehen, denn den von der Wartburg.“
Also kehrte sich der Markgraf wieder zu seiner Base und sprach: „Liebe Base, ich muss mich zu diesen Dingen bedenken und den Rat meiner Getreuen darüber hören.“
Da merkte Frau Sophie, dass ihr Ohm durch falschen Rat sein Gemüt verkehrt hatte und ihr das Land vorenthalten wollte, das sie ihm in gutem Glauben übergeben hatte; darum ward sie sehr betrübt, weinte bitterlich, zog ihre Handschuh von den Händen und sprach:
„O du Feind aller Gerechtigkeit, ich meine dich, Teufel, nimm hin diese Handschuh mit den falschen Ratgebern!“ und warf sie in die Luft. Also wurden die Handschuh hinweggeführt und nimmermehr gesehen. Die Räte aber samt ihren Knechten sollen keines rechten Todes gestorben sein.
Heinrich der Eiserne
Otto, der zweite Landgraf zu Hessen (1308 -1328), hatte vier Söhne: Heinrich, Ludwig, Hermann, der blieb im ledigen Stand und starb jung, und Otto, sein vierter Sohn, der wurde ein Bischof zu Magdeburg. Heinrich und Ludwig, die zwei Gebrüder, die blieben Herren, und ein jeder hätte gern das Regiment behalten, denn sie waren beide jung, schön, stark und gerad. Darum wollte keiner dem anderen weichen; also fanden sie Rat und wurde beschlossen, sie sollten beide zugleich um ein Fräulein werben, und welchen die küren würde, der sollte Herr vom Lande sein und bleiben, der andere aber sollte eine Abfindung haben mit Grebenstein, Immenhausen, Nordeck und Allendorf an der Lumda und sechshundert Mark Silber; und der sollte kein Eheweib nehmen und sollte „Junker von Hessen“ genannt werden und nicht Herr. Daher kommt, dass man sprach: „Mein Junker der Landgraf“. Danach rüsteten sich die zwei Brüder einer wie der andere an Kleidung, Pferden, Harnisch und Mannschaft aus, dass keiner einen Vorteil vor dem anderen hatte, und ritten miteinander nach Meißen. Da hatte Markgraf Friedrich der Freudige eine Tochter, die hieß Elisabeth, die war jung, schön und säuberlich, und Markgraf Friedrich der Ernste war ihr Bruder. Diese Jungfrau freiten sie beide und sie erkor den Landgrafen Heinrich. Der blieb Herr und hielt Hof zu Kassel, und Landgraf Ludwig musste sich mit dem Abschied begnügen lassen und wohnte zu Nordeck, besuchte auch je zuweilen andere Höfe.
Landgraf Heinrich (1328-1377) gewann mit seiner Hausfrau Elisabeth zwei Söhne und eine Tochter. Der erste Sohn hieß Heinrich gleich dem Vater, der andere wurde genannt Otto nach seinem Großvater, und die Tochter hieß Elisabeth, die wurde dem Herzog Otto von Braunschweig zur Ehe gegeben.
Es war sonst Landgraf Heinrich ein ernster und scharfer Herr, und so stark, dass er von freier Hand ein Hufeisen zerbrechen und mit der Waffe die stärkste Wehr und Rüstung durchhauen konnte. Und weil er seine Kraft so meisterlich zu gebrauchen wusste, wurde er der Eiserne genannt und von jedermann gefürchtet, wie denn auch ein Sprichwort von ihm umging:
Hüte dich vor dem Landgrafen zu Hessen,
Willst du nicht werden gefressen.
Junker von Hessen
Ludwig, den man nun Junker von Hessen nannte und der zu Nordeck wohnte, war stolz und freudig, ritt zu Höfen und Tänzen, stach und brach im Venusdienst manchen Speer entzwei. Zu der Zeit war eine Gesellschaft zu Köln, da ritt er hin, und da sah er eine Jungfrau, das war eine Gräfin von Spanheim, die gefiel ihm so wohl, dass er gar wenig Ruh in groß er Lieb vor ihr haben mocht; nicht anders erging es ihr, und brannten die beiden so lange mit Liebe zusammen, bis ihnen das Glück zueinander half und der Hesse die von Spanheim zur Ehe nahm und führte sie mit nach Nordeck. Wie das sein Bruder, Landgraf Heinrich erfuhr, wurde er zornig, dass Ludwig nicht gehalten, was zwischen ihnen beredet und verbrieft war. Aber Ludwig antwortete, „er hätte nicht die Gnade von Gott, sich eines Weibes zu enthalten; und wäre viel besser, er hätte ein fromm Eheweib, als eine Bubin ohne Kinder. Und wofern ihn auch Gott beriete und ihnen Kinder bescherte, so sollten sie doch dem Landgrafen oder seinen Erben keinen Schaden zufügen. Jedoch möchte es sich auch also begeben aus der Vorsehung Gottes, dass seine Kinder noch möchten Land und Leuten zu Nutz erwachsen.“ Doch wurden die zwei Brüder darum uneins und war lange Zeit kein Friede zwischen ihnen. Aber Landgraf Ludwig ließ sich nicht irren durch seines Bruders Zorn und hielt sein Gemahl lieb und wert, und sie gebar ihm zwei Kinder, eine Tochter, die ward Agnesa genannt und wurde hernach Äbtissin in Eisenach zu St. Katharinen; und einen Sohn, den hießen sie Hermann und schickten ihn später nach Prag zur hohen Schule.
Das harte Gelübde
Ein Edelknabe, von Dalwigk, hat zwischen Landgraf Heinrich (Vater Ottos des Schützen) und seiner Gemahlin Elisabeth ein großes Unheil angestiftet, indem er seinem Herrn dem Landgrafen beigebracht, als ob seine Gemahlin ihm nicht treu wäre.
Wie der Landgraf dies gehört, wird er sogleich von Zorn und Affekten übermannt und tut ein hartes Gelübde, er wolle sie von nun an nimmermehr berühren.
Obzwar hernach ihre Unschuld an den Tag kam und ihn das getane Gelübde reute, wollte er seinen Sinn doch nicht ändern und blieb immer dabei, indem er sich einredete, es müsse ein Fürst sein Wort so rein halten wie das heilige Evangelium.
Einstmals kommt ihm seine Gemahlin, aufs prächtigste geschmückt und mit liebreizender Freundlichkeit, unter die Augen, in der Hoffnung, er würde sie umfangen. Aber er hat ihr gesagt: „Ach Elisabeth, du bist ein schönes Weib, aber um mein Wort wahr zu halten, komme ich nimmermehr an deinen Leib.“
Als ihr Bruder Friedrich, Landgraf in Thüringen, solches erfuhr, hat er sie mit ihren Jungfrauen von Kassel nach Eisenach holen lassen und dort ist sie dann im Jahr 1347 gestorben.
Otto der Schütze
Landgraf Heinrich der Eiserne zu Hessen zeugte zwei Söhne und eine Tochter; Heinrich, dem ältesten Sohn, beschied er, sein Land nach ihm zu besitzen; Otto, den andern (1322-1366), sandte er auf die hohe Schule, zu studieren und danach geistlich zu werden. Otto hatte aber zur Geistlichkeit wenig Lust, kaufte sich zwei gute Roß, nahm einen guten Harnisch und eine starke Armbrust, und ritt unbewusst seinem Vater aus. Als er an den Rhein zu des Herzogen von Cleve Hof gekommen war, gab er sich für einen Bogenschützen aus, und begehrte Dienst. Dem Herzog behagte seine feine, starke Gestalt, er behielt ihn gern; auch zeigte sich Otto als ein künstlicher, geübter Schütze so wohl und redlich, dass ihn sein Herr bald vorzog, und ihm vor andern vertraute.
Unterdessen trug es sich zu, dass der junge Heinrich, sein Bruder, frühzeitig starb, und der Braunschweiger Herzog, dem des Landgrafen Tochter vermählt worden war, begierig auf den Tod des alten Herrn wartete: weil Otto, der andere Erbe, in die Welt gezogen war, niemand von ihm wusste, und er allgemein für tot gehalten wurde. Darüber war das Land Hessen in großer Traurigkeit: denn alle hatten an dem Braunschweiger ein Missfallen, und zumeist der alte Landgraf, der lebte in großem Kummer. Mittlerweile war Otto der Schütze guter Dinge zu Cleve und hatte ein Liebesverständnis mit Elisabeth, des Herzogs Tochter, aber nichts von seiner hohen Abkunft laut werden lassen.
Dies bestand etliche Jahre, bis dass ein hessischer Edelmann, Heinrich von Homberg genannt, weil er eine Wallfahrt nach Aachen gelobt hatte, unterwegs durch Cleve kam, und den Herzog, den er von alten Zeiten her kannte, besuchte. Als er bei Hof einritt, sah er Otto, erkannte ihn augenblicklich, und neigte sich, wie vor seinem Herrn gebührte. Der Herzog stand gerade am Fenster, und verwunderte sich über die Ehrerbietung, die vom Ritter seinem Schützen bewiesen wurde, befragte den Gast, und erfuhr von ihm die ganze Wahrheit, und wie jetzt alles Erbe auf Otto stünde. Da bewilligte ihm der Herzog mit Freuden seine Tochter, und bald zog Otto mit seiner Braut nach Marburg in Hessen ein.
Als nun zu Marburg Hof gehalten und das Fest vorüber war, da bedachte sich der alte Landgraf Heinrich, dass ein Vater viel besser zehn Kinder versorgen könnte, als zehn Kinder einen Vater, und behielt das Land und die Regierung und verordnete seinem Sohn Otto Spangenberg zur Residenz. Da hielt er mit seiner Gemahlin Hof, solange er lebte. Und Frau Elisabeth ließ brauen das alte Bier und salzen die Hirschziemer, davon man noch zu Spangenberg spricht. So erzählt der Chronist.
Im Jahre 1361 zog Landgraf Otto mit Markgraf Friedrich dem Freundholden über den Abt Heinrich von Fulda und gewannen ihm ab Hunnenfeld und plünderten es und behielten es acht Tage innen und führten das Heiligtum hinweg. Das war dem alten Landgrafen Heinrich, seinem Vater, sehr leid, dass sein Sohn den heiligen Mann beschädigt hatte, und er sagte: „Die Heiligen werden sich rächen und ihr Wachs wollen wiederhaben.“ Doch machte er einen Tag gen Berka an die Wehre mit dem Abt von Fulda und Vielen anderen Herren, da ward geteidingt, dass Hunnenfeld dem Stift und dem Abt musste wiedergegeben werden.
In demselben Jahr wurde dem Landgrafen Otto dem Schützen zu Spangenberg mit Gift vergeben, wie man geglaubt hat auf Anstiften des Abtes von Fulda, und er starb ohne Kinder.
Otto der Quade
Da wurde das Land zu Hessen abermals erbelos und es schien nun die Zeit gekommen für den Herzog von Braunschweig, dem der Landgraf seine Tochter Elisabeth gegeben hatte und den sie den Quaden oder den tobenden Hund nannten. Den ließ nun der Landgraf nach Kassel kommen und wollte ihn seiner Tochter wegen zum Erben einsetzen. Herzog Otto glaubte, der Erbfolge schon ganz gewiss zu sein und hoffte alle Stunde auf seines Schwiegervaters Tod.
Einmal war er bei Felsberg auf der Jagd und der hessischen Ritter einige mit ihm. Als sie nun rasteten, schüttelte er seine Locken und sprach: „Wären twee Ogen dod, so queme ick ut all miner Not und wollt ein rieker Forst sien!“
Das hörte ein Ritter, Eckard von Rörenfurt, der verstand, worauf diese Worte geredet, und rief: „Herr, da behüte Euch der Teufel für, und Gott behüte uns unseren alten Herrn! Ich weiß einen näheren Erben zum Lande als Ihr seid.“
Und ritt vom Herzog hinweg nach Kassel zu seinem Herrn und sprach: „Herr, was wollt Ihr machen, dass Ihr Eurem Tochtermann das Land wollt zuwenden, der sich Eures Todes freut!“
Und sagte ihm die Worte, die der Quade gesprochen hatte, und fuhr fort: „Wir haben doch auch noch einen rechtmäßigen Erben, Eures Bruders Ludwig eheleiblichen Sohn, den Landgrafen Hermann; der zwar ein Domherr zu Trier und Magdeburg ist, aber noch nicht geweiht. Den wollen wir als getreue Hessen zum Herrn haben, und mit den Großsprechern zu Sachsen nichts zu tun haben.“
Da antwortete der alte Landgraf zornig: „So mir Gott und St. Elisabeth helfe, das Wort soll meinem Tochtermann das Land schaden!“ und sandte alsbald nach seines Bruders Sohn, Landgraf Hermann, und nahm ihn auf als seinen Erben, mochte der Herzog darüber zürnen oder lachen.
Der Junker Hermann hatte zu Prag studiert mit ganzem Fleiß und war ein Magister der freien Künste geworden. Dann hatte seines Vaters Bruder Otto, der Bischof von Magdeburg, ihn zu sich genommen und wollte ihm das Bistum zuwenden. Nun kam er und empfing die Landgrafschaft. Also hatten die getreuen Hessen ihrem Lande wieder einen rechten Erben erworben.
Der Herzog Otto aber, den das so sehr verdross, stiftete einen Bund, darin wohl zweitausend Mann schwuren, Grafen, Ritter, Edelleute und Knechte, die nannten sich die Sterner und trugen alle goldene und silberne Sterne. Das tat der Herzog dem Lande Hessen und den Städten zum Verdruss, auch wollte die Ritterschaft eigenherrisch sein. Diese Sterner wurden des Landgrafen Feinde und raubten und brannten im Lande, er aber wehrte sich so gut er vermochte. Zu der Zeit lebte der alte Landgraf noch und hat bis zu seinem Tode mitregiert, alle Verträge und was zum Regiment gehört mit unterschrieben, auch Lehenbriefe allein ausgefertigt. Endlich starb er in hohem Alter, ist hundertundvier Jahre alt geworden und zu St. Elisabeth in Marburg begraben.
Ludwig der Friedsame
Als Landgraf Hermann starb, war sein Erbe Ludwig (1413-1458) noch in den Kinderjahren und so sagt eine alte hessische Reimchronik von ihm:
Weil er sehr weich und mager war,
Drang ihm der Vatter auf kein Lahr,
Mit Studiern ihn nicht wolt beschwern
Biß die Kräfft besser kommen wärn.
Und alß der nun sein Ende nam,
Er nie zu keiner Schule kam,
Weder Lesen noch Schreiben kundt.
Sonst war er ein rechter Ausbundt,
Erzogen zu Tugend und Ehr
Gerechtigkeit er liebet sehr.
Es wurde ihm geweissagt, er sollte fünfzig Jahre glückselig regieren. Derweil er aber noch ein Kind war, wurde er und sein Land viel angefochten mit Fehden.
In dieser Zeit starb auch der letzte Herzog von Brabant ohne Leibeserben. Es drängte sich aber Herzog Philipp von Burgund mit Gewalt in das Land. Da ritt Landgraf Ludwig mit vierhundert Pferden aus, kam nach Aachen und forderte das Land als ein rechter Erbe und wahrer Herzog aus Brabant. Aber da er in seinem Panier nicht das rechte brabantische Wappen, den goldenen Löwen, führte, so wurde ihm von den Burgundischen sein Recht bestritten.
Während Ludwig vor Aachen seine Sache führte, war dort ein Graf von Hengstberg oder Heinsberg, der war dem Landgrafen feind und gab ihn bei dem Rate von Aachen an, er wäre nur ausgezogen zu einem Anschlage gegen die Stadt und wollte sie mit Verrat in seine Gewalt bringen. Die von Aachen gaben dem Grafen schwachen Glauben, doch da er so viel und oft zu ihnen davon redete, sprachen sie den Landgrafen Ludwig darum an. Der antwortete ihnen voll Verwunderung: „Liebe Freunde, ich glaube nicht, dass es Euer Ernst sei, und haltet mich nicht für den Mann, dass ich mit solchen Stücklein sollte umgehen.“
Doch wollte er den Verdacht nicht auf sich behalten und ging mit ihnen auf das Rathaus, wo der Graf war, und der musste vor ihm alle Dinge wiederholen, deren er ihn bezichtigt hatte. Da schalt er zornig den Grafen von Hengstberg einen Verleumder und sprach:
„So wahr du mir unrecht tust, so helfe mir die heilige Frau St. Elisabeth und tue ein Zeichen: wer von uns unrecht hat, dass der tobend, wütend und rasend werde hier angesichts dieser frommen Leute!“
Und alsbald fing der Graf an zu wüten und zu toben und raste sich zu Tode. Da war des Landgrafen Unschuld dem Rate und der ganzen Stadt offenbar, sie baten ihn um Verzeihung und erwiesen ihm große Ehre mit Geschenken und anderem.
So sind die Hessen durch Versäumnis, Hass und Ungunst um Brabant, wie schon vorher um Thüringen, gekommen.
Wie Hessen geteilt wurde
Vor seinem Tode setzte Landgraf Philipp (der Großmütige, 1504-1567), als der gemeinsame Stammvater beider Hauptlinien, mit Einwilligung seiner vier Söhne ein Testament auf, in welchem er zwar gern gesehen, dass sie je und allewege in einer Gesamtregierung und Hofhaltung verbleiben möchten; im Fall dass sie aber nicht beisammen wohnen könnten oder wollten, so teile er die väterliche Erbschaft auf folgende Weise.
Seinem ältesten Sohn Landgraf Wilhelm vermache er die Hälfte des Landes, nämlich Niederhessen mit Kassel; seinem zweiten Sohn Landgraf Ludwig ein Viertel, nämlich Oberhessen mit Marburg; Landgraf Philipp die Niedergrafschaft Katzenelnbogen mit Rheinfels; und Landgraf Georg die Obergrafschaft Katzenelnbogen mit Darmstadt.
Doch starben Philipp († 1583) und Ludwig († 1604) bereits früh, und ihre Gebiete fielen an die Linien Kassel und Darmstadt in die fortan Hessen geteilt blieb.
Von einem, der gut hessisch war
In Friedens- und Kriegszeiten hat es dem Landgrafen an treuen Dienern nicht gefehlt, und wer gut hessisch war, hat allezeit zu ihm gehalten. So wird auch Wohl er in der Sage gemeint sein, die noch vor hundert Jahren alte Leute in Hachborn erzählten, ohne seinen Namen dabei zu nennen: Ein hessischer Landgraf hatte sich einst verkleidet in eine feindliche Festung geschlichen, um sie auszukundschaften. Er wurde aber von einem Wachtposten, einem geborenen Hessen, auch in der Verkleidung erkannt. Der sprach ihn leise an, verriet ihn aber nicht, wiewohl er in Feindes Sold stand, sondern half ihm, dass er unerkannt davonkam. Der Landgraf schenkte ihm einen kostbaren Ring und sagte zu ihm:
„Wenn du je in Not geraten solltest, so komm nur zu mir!“
Viele Jahre danach kam eines Tages ein Fremder in sehr ärmlichen Kleidern nach Kassel und verlangte, allein vor den Landgrafen gelassen zu werden. Die Wache hielt ihn für einen gefährlichen Landstreicher und wies ihn zurück. Da er aber immer wieder darum anhielt und gar nicht loszuwerden war, wurde er endlich vor den Landgrafen gebracht. Der erkannte ihn anfangs nicht, wie ihn der Mann aber den Ring zeigte, den er einst von dem Herrn empfangen hatte, da wurde ihm das Herz bewegt, er reichte ihm voller Freude die Hand und schenkte ihm das Kloster Hachborn, das soeben säkularisiert worden war. Der, welcher ihn einst gerettet und dem er es so lohnte, war ein von Scheuern schloss, der aus Armut fremde Kriegsdienste hatte suchen müssen.
Kinderbrunnen
Überall in Hessen hört man, dass die Kinder aus einem Brunnen oder Teiche kommen. In Kassel wird der Druselteich genannt, in Waldau der Fackelteich, in Wolfsanger der Osterborn, in Wolfhagen der Glockenborn, in Marburg der Schröckerbrunnen, in Kirchhain der Klingelborn, in Fulda das Stättebrünnchen und der Bonifatiusbrunnen, in Ermschwerd der Assemannsborn, in Wettesingen der Neuborn, in Rhöda ein Teich, der bei dem Dorf liegt, in Grebenstein der Kressenborn, in Oberrieden der Schnellersborn, in Friemen der Buchborn, in Witzenhausen der Taubenborn, dessen salzhaltiges Wasser nie gefriert und die Geister offenhält, in Wolfershausen der Weiberborn, in Felsberg das Kinderbörnchen in der Ketzbach, in Gudensberg der Buchborn, welcher diese Stadt mit Wasser versorgt, in Ziegenhain das Bärbörnchen bei Treysa, in Schlitz der Pfingstborn. In Ottrau heißt es, die Kinder kommen aus dem Milchborn, ohne dass ein bestimmter Brunnen hierunter gedacht ist; anderwärts; z. B. in Treis, gilt immer der dem Hause zunächst liegende Brunnen als der Kinderbrunnen.
Der Wambiß
Auf vielen Dörfern in Hessen gilt noch die gespenstische Macht des Vampirs, oder wie die Leute sagen, der Wambiß. Er fällt namentlich gern Tiere, Ziegen, Schafe und Kühe an. Dann werden sie hin und her gezerrt, bald Werfen sie sich krampfhaft auf die Erde und stehen ebenso plötzlich wieder auf, der Hals ist ihnen verdreht, die Glieder ausgerenkt und nichts in Ordnung. Die Kühe geben keine Milch oder Blut statt derselben usw. Dagegen gibt es nun kein anderes Mittel, als dass ein reiner Junggeselle oder eine reine Jungfer sich nackend auszieht, dreimal um das kranke Tier herumläuft und spricht: „Wambiß ich trage dich, ein reiner Junggeselle treibet dich! Im Namen Gottes“ und das Hemde dreimal dabei über sich schwenkt.
Kassel
Chatten-Burg
Ein unterirdischer Gang soll vom ehemaligen Schloss zu Kassel, dessen Grundmauern jetzt abgetragen, und wovon nur noch eine Seite, die als Gerichts-Hof ausgebaut ward, Weiter besteht, unter der Fulda hinweg zu dem zwei Stunden entfernten Stift Kaufungen führen.
Da Landgraf-Kurfürst Wilhelm IX. (1743-1821) den dichterisch erhabenen Plan fasste, anstelle einer Pfalz fränkischer Könige nun eine Chatten-Burg zu erschaffen, in deren umfänglichem Gebiet alle Behörden des Landes vereiniget werden sollten, da ward auch die alte Sage von jenem Gang aus grauem Altertum wiederum wach.
Die jungfräuliche Ehefrau
König Heinrich (Heinrich II., 973-1024) hatte zur Gemahlin Kunigunde, des Pfalzgrafen Siegfried am Rhein Tochter, mit der er, zu nicht geringer Verwunderung, eine unzerbrochene Jungfernschaft im Ehebett erhalten. So war er ein Mann ohne Frau und sie eine Frau ohne Mann, dieweil sie ihren erwärmten König zu gewöhnlicher Umfassung nicht beweget und eine beständige Jungfernschaft erhalten hat.
Nach König Heinrichs Tod zog sich Kunigunde in das Stift Kaufungen zurück und starb daselbst (1o39) als Nonne.
Ful-uf!
Zu einer Zeit, als einmal die Stadt Kassel vom Feind belagert wurde, hatte der Rat dem Wächter auf dem St. Martinsturme aufgegeben, fleißig auf die Bewegungen des Feindes acht zu haben und sogleich ein Zeichen zu geben, wenn derselbe zum Sturm oder Überfall heranrücke. Eines Morgens in der Dämmerung, als der Wächter eben die dritte Stunde geblasen hatte, bemerkte derselbe in der Tat ein verdächtiges Hin- und Herrennen im feindlichen Lager; er eilte sogleich auf den Altan des Turms und stieß in das Horn: „Ful-uf!“ - besser konnte er den beabsichtigten Ruf: „Ihr Faulen, auf!“ nicht hervorbringen. Die Bürger von Kassel lagen noch in süßem Schlaf; doch war das Signal vernommen worden. Es erhob sich Lärm durch alle Straßen und bald standen die Bürger mit Wehr und Harnisch auf dem Sammelplatz. In geordneten Reihen, ihren Kriegshauptmann an der Spitze, zogen sie dem anrückenden Feind entgegen, griffen ihn herzhaft an und schlugen ihn in die Flucht. Zur Erinnerung an dies Ereignis musste von nun an der Wächter, wenn er die dritte Morgenstunde geblasen hatte, jedes Mal sein „Ful-uf!“ hinterdrein tuten. Dies ist auch bis in die neueste Zeit geschehen und erst bei den letzten Türmern abgekommen, welche das „Ful-ufl“ in der hergebrachten Weise nicht zu blasen verstanden.
Unschuldsbeweis
Zu Kassel wollte ein hochbetagtes Weib an ihr selbst schauen und üben lassen, dass sie an zauberischer Kunst unschuldig wäre; denn man hatte sie darauf gescholten. Also ging sie vor jedermann auf die Fulda-Brücke, sprang in den Fluss hinab, und da sie immer oben schwimmen geblieben, hat sie auf ihre Betzel geschlagen und den Kopf untertauchen gewollt. Ist aber doch oben geblieben, lebendig wieder herausgezogen, gefangengelegt, mit dem Schwert hingerichtet. Solches ist 1596 geschehen.
Todes-Weissagerin
Zu Kassel im alten Klosters-Hof beim Schloss ist die Erscheinung einer weißen Frau die Todes-Botschaft für den regierenden Fürsten gewesen. Aus gar unterschiedlichen Jahrhunderten wird solches übereinstimmend berichtet, und bestätigte sich allemal. Auch haben unsere alten Landgrafen fest daran geglaubt, und nach solcher Meldung nicht lange gesäumt, ihr irdisch Werk zu bestellen.
Auch zu Darmstadt ward früher die weiße Frau gesehen. Man weiß nicht, wer sie sei: ob ein nach ihrem zeitlichen Tode gebanntes menschliches Weib oder aber ein gutes elbisches Wesen, eine Huldin.
Konrad Heß und der Kanzler J0hann Feige
Landgraf Philipp (der Großmütige, 1504 - 1567) hat einen Kanzler gehabt, der hieß Johann Feige und ist ein gar kluger und gelehrter Mann gewesen. Und gar reich worden. Dieser Johann Feige hat andere Leute gern geuzt. Als nun einstmals auf einem Landtag der Landgraf seine vornehmen Räte, Feldhauptleute und andere vom Adel zur Tafel gehabt hat und Konrad Heß von Wichdorff dem Kanzler gegenübergesessen, hat dieser ihn um seinen Namen und Stand aufziehen wollen und gesagt: Die Hessen (er meinte die Heß von Wichdorff) wären unter den Edelgeschlechtern im Hessenland mit die ältesten; wie es doch zugegangen sei, dass sie nit mehr so reich und mächtig wären wie andere? (Womit er auf den Riedesel gezielt, der neben ihm gesessen.) Da hat Konrad flugs geantwortet: „Wir Hessen sind ein alt knorricht Steineichengeschlecht, so gar kärglich und zäh auf den Bergen gewachsen, sind dahero nit so geil aufgeschossen, als die Feigenbäum in den Hofgärten.“ Darüber haben alle gelacht, dass auch der Landgraf vor Lachen den Wein verschüttet hat und hat zum Kanzler gesagt: „Siehst du, Johann, diese Eichenart hat auch gar scharfe Dörn, daran man leichtlich hängen bleibt.“ Der Kanzler hat danach eine Weile mit Konrad gezürnt, sind aber bald wieder Freund worden.
Landgraf Philipp und die Bauersfrau
Landgraf Philipp pflegte gern unbekannterweise in seinem Land umherzuziehen, und seiner Untertanen Zustand zu erforschen. Einmal ritt er auf die Jagd und begegnete einer Bäuerin, die trug ein Gebund Leinengarn auf dem Kopf.
„Was tragt Ihr, und wohin wollt Ihr?“, fragte der Landgraf, den sie nicht erkannte, weil er in schlechten Kleidern einherging. Die Frau antwortete: „Ein Gebund Garn, damit will ich zur Stadt, dass ich es verkaufe, und die Schatzung und Steuer bezahlen kann, die der Landgraf hat lassen ausschreiben; des Garns muss ich selber wohl an zehn Enden entraten“, und klagte erbärmlich über die böse Zeit.
„Wie viel Steuer trägt es Euch?“ sprach der Fürst.
„Einen Ortsgulden“, sagte sie; da nahm er sein Säckel, zog so viel heraus, und gab ihr das Geld, damit sie ihr Garn behalten könnte.
„Ach nun lohn‘s Euch Gott, lieber Junker“, rief das Weib, „ich wollte, der Landgraf hätte das Geld glühend auf seinem Herzen!“ Der leutselige Fürst ließ die Bäuerin ihres Weges ziehn, kehrte sich gegen sein Gesinde um, und sprach mit lachendem Mund:
„Schauet den wunderlichen Handel! Den bösen Wunsch hab ich mit meinem eigenen Geld gekauft.“
Landgraf Philipp und der Bauer
lm Jahr 1537 ließ Landgraf Philipp in der Kartause auf dem Eppenberg unter anderm einen feisten Hirsch zerlegen und sprach: „Das Tier hat viel Weiß!“
Ein Bauer von Hilgershausen, der dabeistand, antwortete: „Ja, gnädigster Herr, das kostet uns unsere guten Körnlein, die sie uns im Felde abäsen.“
Darauf sagte der Landgraf: „Wie mögt Ihr nur Verlangen, dass ich Eure Kühe in meinen Wäldern weiden lasse, da Ihr Euch beschwert, dass meine Kühe in Eure Felder gehen?“
Gleichwohl ließ er dem Bauern durch den Rentschreiber zu Felsberg zwei Viertel Korn an seinen Zinsen absetzen.
Die Esel
Der Pfarrer von Waldau bei Kassel bekam früher jährlich noch eine hübsche Menge Hafer aus der fürstlichen Renterei zu seiner Besoldung, und das aus folgendem Grund. Vor vielen Jahren machte der Landgraf von Kassel aus einen Spazierritt nach dem nahen und schön gelegenen Dorf. Er war begleitet von seinen Hofjunkern. Wie er mit diesen so dahintrottet, sehen sie den Pfarrer von Waldau daherkommen; der wollte nach Bettenhausen, das zu seinem Kirchspiel gehörte.
„Will mal mit dem Pfaffen anbinden und meinen Kurzweil mit ihm haben“, sagt da einer von dem Gefolge zu dem Fürsten.
„Nimm dich wohl in acht“, warnt dieser, „der Mann lässt nicht mit sich spaßen.“
Allein als jetzt der Pfarrer nahe ist und seinen Landesherrn grüßt, ist mein Hofjunker nicht faul und spricht:
„Warum gehen Sie zu Fuß, Herr Pastor, und halten sich nicht einen hübschen Rappen zum Reiten?“
„Mein Einkommen ist nicht von der Art, dass ich mir so etwas erlauben könnte, und so muss ich mich mit Schusters Rappen behelfen“, lautet die bescheidene, doch bestimmte Antwort.
„Und wenn's kein Pferd wäre, das Sie füttern könnten“, fährt der Junker fort, „so täte es schon ein Esel. Hat sich doch der Heiland selbst dieses Tieres zum Reiten bedient.“
„Ach, einen Esel?“ spricht der Pfarrer, „wo soll ich den hernehmen, da die kleinen Esel in der Mühle und die großen am Hofe sind?“
Außer dem einen lachten alle über diese Antwort und der Landgraf am meisten. Und als sich der Pfarrer still fortschleichen wollte, ließ ihn der Fürst nahe herantreten und sich mit dem Rücken vor ihn stellen. Dann nahm er ein Blatt Papier, legte es auf des Mannes Buckel und schrieb darauf den Befehl an die fürstliche Renterei, es sollten dem Pfarrer jährlich so und so viel Viertel Hafer zum Halten eines Pferdes verabreicht werden. Dieses Papier händigte er dem Erstaunten aus, und ist denn auch die Frucht jedes Jahr richtig empfangen worden.
Tod des Erstgeborenen
Eines Morgens wurde dem Landgrafen Moritz gemeldet, dass sein jüngstes Kind in der Nacht gestorben sei. Der bestürzte Vater schöpfte Verdacht, dass die Amme es im Schlaf erdrückt haben möchte, forderte sie vor sich und machte ihr Vorhalt darüber. Die Magd vermaß sich zwar hoch und teuer, dass sie unschuldig an dem Tod des Kindes sei, konnte aber die Verdachtsgründe des Landgrafen, der eine böse Absicht dabei im Spiel glaubte, nicht Widerlegen, und so wurde sie zum Tode verurteilt. Als sie nun auf der Richtstätte anlangte und niederkniete, um den Todesstreich zu empfangen, sprach sie:
„Ich bin so gewiss unschuldig, als in Zukunft jedes Mal der Erstgeborne dieses fürstlichen Geschlechts früh sterben wird!“
Nachdem sie dies gesprochen, flog eine weiße Taube über ihr Haupt hin, und ein rascher Hieb des Henkers machte darauf ihrem Leben ein Ende. Die Weissagung aber ging in Erfüllung und der älteste Sohn des fürstlichen Hauses ist noch immer in früher Jugend gestorben.
Landgraf Moritz und der Soldat
Es war ein gemeiner Soldat, der diente beim Landgrafen Moritz (1572-1632), und ging gar Wohl gekleidet und hatte immer Geld in der Tasche; und doch war seine Löhnung nicht so groß, dass er sich, seine Frau und Kinder so stolz hätte davon halten können. Nun wussten die andern Soldaten nicht, wo er den Reichtum herkriegte, und sagten es dem Landgrafen. Der Landgraf sprach: „Das will ich wohl erfahren.“
Und als es Abend war, zog er einen alten Linnenkittel an, hing einen rauen Ranzen über, als wenn er ein alter Bettelmann wäre, und ging zum Soldaten. Der Soldat fragte, was sein Begehren wäre?
„Ob er ihn nicht über Nacht behalten wollte?“
„Ja“, sagte der Soldat, „wenn er rein wäre und kein Ungeziefer an sich trüge“. Dann gab er ihm zu essen und zu trinken, und als er fertig war, sprach er zu ihm: „Kannst du schweigen, so sollst du in der Nacht mit mir gehen, und da will ich dir etwas geben, dass du dein Lebtag nicht mehr zu betteln brauchst.“
Der Landgraf sprach: „Ja, schweigen kann ich, und durch mich soll nichts verraten werden.“
Darauf wollten sie schlafen gehen; aber der Soldat gab ihm erst ein rein Hemd, das sollte er anziehen und seines aus, damit kein Ungeziefer in das Bett käme. Nun legten sie sich nieder, bis Mitternacht kam; da weckte der Soldat den Armen und sprach: „Steh auf, zieh dich an und geh mit mir.“
Das tat der Landgraf, und sie gingen zusammen in Kassel herum. Der Soldat aber hatte ein Stück Springwurzel, wenn er das vor die Schlösser der Kaufmannsläden hielt, sprangen sie auf. Nun gingen sie beide hinein; aber der Soldat nahm nur vom Überschuss etwas, was einer durch die Elle oder das Maß herausgemessen hatte, vom Kapital griff er nichts an. Davon nun gab er dem Bettelmann auch etwas in seinen Ranzen. Als sie ganz in Kassel herum waren, sprach der Bettelmann: „Wenn wir doch dem Landgrafen könnten über seine Schatzkammer kommen!“
Der Soldat antwortete: „Die will ich dir auch wohl weisen; da liegt ein bisschen mehr, als bei den Kaufleuten.“
Da gingen sie nach dem Schloss zu, und der Soldat hielt nur die Springwurzel gegen die vielen Eisentüren, so taten sie sich auf; und sie gingen hindurch, bis sie in die Schatzkammer gelangten, wo die Goldhaufen aufgeschüttet waren. Nun tat der Landgraf, als wollte er hineingreifen und eine Handvoll einstecken; der Soldat aber, als er das sah, gab ihm drei gewaltige Ohrfeigen und sprach:
„Meinem gnädigen Fürsten darfst du nichts nehmen, dem muss man treu sein!“
„Nun sei nur nicht bös“, sprach der Bettelmann, „ich habe ja noch nichts genommen.“
Darauf gingen sie zusammen nach Haus und schliefen wieder bis der Tag anbrach; da gab der Soldat dem Armen erst zu essen und trinken, und noch etwas Geld dabei, sprach auch: „Wenn das all ist und du brauchst wieder welches, so komm nur getrost zu mir; betteln sollst du nicht.“
Der Landgraf aber ging in sein Schloss, zog den Linnenkittel aus und seine fürstlichen Kleider an. Darauf ließ er den wachthabenden Hauptmann rufen und befahl, er sollte den und den Soldaten - und nannte den, mit welchem er in der Nacht herumgegangen war - zur Wache an seiner Tür beordern. Ei - dachte der Soldat - was wird da los sein, du hast noch niemals die Wache getan; doch wenn's dein gnädiger Fürst befiehlt, ist‘s gut. Als er nun da stand, hieß der Landgraf ihn hereintreten und fragte ihn: warum er sich so schön trüge, und wer ihm das Geld dazu gäbe?
„Ich und meine Frau, wir müssen's verdienen mit Arbeiten“, antwortete der Soldat, und wollte weiter nichts gestehen.
„Das bringt so viel nicht ein“, sprach der Landgraf, „du musst sonst was haben.“ Der Soldat gab aber nichts zu. Da sprach der Landgraf endlich:
„Ich glaube gar, du gehst in meine Schatzkammer, und wenn ich dabei bin, gibst du mir eine Ohrfeige.“ Wie das der Soldat hörte, erschrak er, und fiel vor Schrecken zur Erde hin. Der Landgraf aber ließ ihn von seinen Bedienten aufheben, und als der Soldat wieder zu sich gekommen war, und um eine gnädige Strafe bat, so sagte der Landgraf: „Weil du nichts angerührt hast, als es in deiner Gewalt stand, so will ich dir alles Vergeben; und weil ich sehe, dass du treu gegen mich bist, so will ich für dich sorgen“, und gab ihm eine gute Stelle, die er versehen konnte.
Der Dukaten
Es soll ein großes Vergnügen sein, im Herbst auf dem Feld und im Wald Hirschen, Hasen und Rehen nachzujagen: Ein Vergnügen, dem selbst fürstliche Personen mit Eifer sich ergeben, und so versäumte es der Landgraf Moritz selten, zu dieser Zeit auf dem Habichtswald und am Langenberg ein paarmal zu jagen, wenn er sonst sich auch lieber mit den Wissenschaften beschäftigte und den Beinamen der „Gelehrte“ trug. Namentlich war es der Langenberg und die weite Feldmark um ihn herum, welche er vor allen liebte. Kam dann der Abend, so fand er bei dem Pfarrer zu Großenritte ein Nachtlager und freundliche Aufnahme und trabte dann am anderen Morgen wieder dem Walde zu. Die Fürsten von damals verschmähten es nicht, mit ihren Untertanen zu verkehren wie mit ihresgleichen und so verlangte denn der Landgraf zu seiner Bewirtung keinen besonderen Aufwand, er nahm vorlieb mit dem, was das Pfarrhaus ihm bieten konnte, und wollte selbst dafür noch dankbar sein. Darum nahm er eines Morgens einen schönen neuen Dukaten, legte solchen in die große Bibel des Pfarrers in der Überzeugung, dass ihn dieser dann am ersten finden werde und ritt davon. Allein wie groß war sein Erstaunen, als im nächsten Jahre, wo er wieder zur Jagd nach Großenritte ging, das Goldstück ganz unberührt auf der nämlichen Stelle saß und ihm den Beweis lieferte, dass der Geistliche während dieser ganzen Zeit auch nicht ein einziges Mal seine Bibel zur Hand genommen hatte.
Das Schützenfest zu Elgershausen
Landgraf Moritz bemerkte bei seinen Ausflügen auf die Jagd nach dem Langenberg, welche ihn häufig durch Elgershausen führten, dass die Beerdigungen vieler Einwohner dieses Dorfes doch gar zu ärmlich und jämmerlich seien. Es wurde nämlich der Leichnam öfter nur mit einem Gebund Stroh umwickelt und so zur Gruft getragen. Er veranlasste deshalb die Errichtung einer Leichenkasse in der Art, dass die Teilnehmer an derselben bei jedem Sterbefall eines Mitgliedes einen Groschen zahlten, welche Summe den Hinterbliebenen ausgehändigt und zur Bestreitung der Leichenkosten verwendet wurden. Auch schenkte der Landgraf der Gesellschaft eine Fahne und eine Trommel, welche bei dem Stiftungstag des Vereins, den man alljährlich mit einem kleinen Fest feierte, im ganzen Ort herumgetragen wurden. Im Lauf der Zeit und namentlich jetzt ist fast die ganze Gemeinde dem Verein beigetreten, der seine besonderen Statuten und einen Vorstand von zehn Mitgliedern hat, denen die Überwachung des Ganzen obliegt. Deshalb ist denn auch in einem Haus nicht Raum genug, um alle am Stiftungstag, der das Schützenfest heißt, aufzunehmen und es wird seit vielen Jahren schon im Freien auf einem dazu hergerichteten und geschmückten Platz gehalten und dauert als ein erhebendes, von jedermann ersehntes Volksfest zwei Tage um Jacobi, das auch von den Bewohnern der Umgegend zahlreich besucht wird. Jedes Mitglied zahlt jetzt monatlich zwei Silbergroschen, davon werden bei einem Sterbefall dem Betreffenden acht Taler ausgezahlt und aus dem Überschuss ein Kapitalfonds gebildet. Die Fahne ist leider samt der Stange verlorengegangen. Die Trommel hingegen, die die Gestalt einer Pauke hat und die Inschrift des Hosenbandordens, sowie die Worte „Dieu et mon droit“ (Gott und mein Recht) trägt, ist noch vorhanden und wird jährlich im Zug mit herumgeführt.
Der Freibrief
In der Waldau bei Kassel befand sich früher eine alte Burg. Landgraf Moritz ließ sie niederreißen und an ihre Stelle ein Försterhaus setzen. Er hielt in dem Dorf eine große Jägerei und sprach oft daselbst ein.
Einst traf er im Feld einen Bauern, der zwei sehr magere Pferde vor seinem Pflug hatte. „Warum hast du so schlechte Pferde?“, redete ihn der Fürst an.
„Gnädigster Herr“, erwiderte der Bauer, „das geht ganz natürlich zu. Es lasten auf meinem Gut so viele Abgaben, dass mir von seinem Ertrag wenig übrigbleibt. Darum kann ich meinen Pferden nicht so gutes Futter geben, wie die andern Bauern im Dorf den ihrigen.“ Der Bauer zählte darauf seine Abgaben her, und der Landgraf fand, dass die Last ungewöhnlich groß war. Darum sagte er zu jenem: „Geh ins Dorf und hole mir Feder und Tinte; ich will unterdes beim Pfluge bleiben.“
Der Bauer eilte von dannen und kehrte nach wenigen Minuten mit Feder und Tinte zurück. Der Landgraf nahm nun einen Streifen Papier aus seiner Brieftasche, ließ den Bauern vor sich hinstellen und schrieb ihm auf dessen Rücken einen Freibrief für sein Gut; darin stand, dass in Zukunft nur noch zwölf Metzen Frucht als Abgabe darauf haften bleiben sollten. Da dauerte es denn gar nicht lange, da hatte der Bauer die blanksten Pferde im Dorf. Seine Nachkommen haben nie mehr als zwölf Metzen abgegeben; andere Bauerngüter von gleicher Größe dagegen mussten mehr als das Zehnfache entrichten.
Wecke und Texkäse
Die Tochter des Landgrafen von Hessen aß für ihr Leben nichts so gern wie Wecke und Texkäse und ließ alle andern Speisen dafür stehen. Wenn nun die armen Leute zum Landgrafen kamen, ihm ihre Not klagten und sagten, sie hätten kein Brot, um ihren Hunger zu stillen; dann antwortete stets die Prinzessin: „Ei, wenn ihr kein Brot habt, so esst doch Wecke und Texkäse.“
Einst war sie auf der Jagd und ihr Vater hatte mit Fleiß geboten, dass der Küchenwagen nicht zu rechter Zeit da sein sollte. Denn es grämte ihn, dass sie so hartherzig gegen die Armen war. Als sie nun Hunger bekam und sich endlich beschwerte, dass die Speisen und Getränke noch nicht zur Stelle wären, rief der Vater ihr zu:
„Ei, wenn du Hunger hast, so iss doch Wecke und Texkäse!“
„Ach, wenn ich die doch hätte!“, seufzte die Prinzessin.
„Ja“, entgegnete der Landgraf, „siehst du, so geht es meinen armen Untertanen auch.“
Die eiserne Jungfrau
In einem der unteren Gemächer des Zwehrenturms zu Kassel befindet sich der Sage nach ein altes Hinrichtungswerkzeug, die „eiserne Jungfrau“ genannt, eine eiserne Frauengestalt von mehr als gewöhnlicher Größe. Der Unglückliche, der von ihr den Tod empfangen soll, muss sie umarmen, sobald er ihr aber nahetritt, wankt der Boden unter seinen Füßen - die Jungfrau tut sich auf und zieht ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in sich, kein Rückschritt ist mehr möglich; dann schließt sie sich von selbst wieder und das Opfer, von tausend Messern, die gleichsam ihre Eingeweide bilden, in kleine Stücke zerschnitten, fällt unten durch in einen Kanal, der in die Fulda ausmündet.
Noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts soll ein hessischer Edelmann, einer aus dem Geschlecht der Riedesel, welcher ein Vertrauter des Erbprinzen Friedrich - nachmaligen Landgrafen Friedrichs II. - war, in den Armen der eisernen Jungfrau umgekommen sein. Kaum hatte nämlich der Vater des Prinzen, Landgraf Wilhelm VIII., Kunde von dem Übertritt desselben in die römisch-katholische Kirche erhalten, als er sofort energische Maßregeln ergriff, um diesen Schritt möglichst folgenlos zu machen; namentlich ließ er die Umgebung des Prinzen streng überwachen. Der Vertraute desselben, jener Edelmann, war plötzlich verschwunden und niemand hat je von seinem Leben oder Tod etwas erfahren können. Einige Zeit nach seinem Verschwinden fand man in der Fulda, in der Nähe eines Kanals, einen menschlichen Finger mit einem goldenen Ring, und es verbreitete sich zugleich im Stillen die Sage, der Edelmann wäre durch die eiserne Jungfrau umgekommen. Einige wollten ihn auch zuletzt in der Nähe des Turmes gesehen haben.
