Das Ende des Teufelsfürsten - Stolzenburg, Silvia - E-Book

Das Ende des Teufelsfürsten E-Book

Stolzenburg, Silvia

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6,99 €

Beschreibung

Buda, Anno Domini 1463 Vlad Draculea lebt! Floarea, deren Familie durch den Woiwoden der Walachai brutal gefoltert und ermordet wurde, ist entsetzt. Unter Hausarrest gestellt, weilt er am Hof des ungarischen Königs Matthias Corvinus. Floarea fasst einen kühnen Plan: Sie wird Vlad Draculea töten – koste es, was es wolle. Was Floarea nicht weiß: Auch Carol, ihr Spielkamerad aus Kindertagen und Vlads Sohn, ist seinem Vater auf der Spur, um den gewaltsamen Tod seiner Mutter zu rächen. Verfolgt von den Soldaten des Sultans, von dessen Hof er geflohen ist, macht sich Carol auf zu einer Suche, an deren Ende die schwierigste Entscheidung seines Lebens auf ihn wartet.

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Seitenzahl: 409

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Silvia Stolzenburg

Das Ende des Teufelsfürsten

Roman

Bookspot

Impressum

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffent-lichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile.

Alle Akteure dieses Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind von der Autorin nicht beabsichtigt.

Dieses Werk wurde durch die Autoren- und Projektagentur Gerd F. Rumler, München, vermittelt.

Copyright © 2016 by EditionAglaia, ein Imprint von Bookspot Verlag GmbH

1. Auflage 2016

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Karten Vorsatz/Nachsatz: Joachim Ullmer/Martina Stolzmann

Covergestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Motivs von shutterstock/Catalin Lazar

Lektorat: Dorothée Engel

Korrektorat: Thilo Fahrtmann

E-Book: Mirjam Hecht

Made in Germany

ISBN 978-3-95669-081-5

www.bookspot.de

Vorbemerkung der Autorin

Dies ist ein Roman über die historische Figur des Woiwoden Vlad Draculea, durch Bram Stoker weltbekannt als Graf Dracula. Es ist keine Geschichte über Vampire oder andere blutsaugende Kreaturen, welche die Nächte unsicher machen. Es ist die Geschichte eines Menschen aus Fleisch und Blut, die Geschichte eines Überlebenskampfes – eines Kampfes um Macht, Liebe und Anerkennung.

Dieser Roman schließt nahtlos an seinen Vorgänger »Das Reich des Teufelsfürsten« an.

Namensverzeichnis

(historisch verbriefte Figuren sind kursiv hervorgehoben)

Vlad Draculea: Woiwode der Walachei

Radu: sein Bruder

Carol: sein Sohn

Sultan Mehmed: Sultan des Osmanischen Reiches

Matthias Corvinus: König von Ungarn

Ilona Szilágyi: seine Base

Katharina von Podiebrad: Königin von Ungarn

Floarea: Tochter des Bojaren Grigore

Cosmina Fronius: Floareas Tante, Witwe eines Händlers

Galeotto Marzio: italienischer Humanist, Arzt, Historiker und Astronom am Hof von Matthias Corvinus

Kapitel 1

Buda, März 1463

Beeil dich, Kind! Die Kutsche wartet!« Die vierzehnjährige Floarea zuckte bei diesem Ausruf ihrer Tante schuldbewusst zusammen.

Geistesabwesend hatte sie aus dem Fenster ihrer Kammer auf die Donau gestarrt, auf die Fischerkähne und Lastschiffe, die vorbeizogen. Glitzernd warfen die Wellen den strahlenden Sonnenschein zurück. Der Himmel über der Stadt und den Bergen des Umlands war von einem satten Azurblau, das kein Wölkchen trübte. Auf den Straßen unter ihr herrschte buntes Treiben. Fuhrwerke, Reiter, Fußvolk und die Soldaten des Königs drängten über die Brücken in Richtung Palast. Soweit das Auge reichte, erstreckten sich Weinberge. Auf den zahllosen spitzen Dächern der Stadt hockten Vögel, sonnten sich oder stießen auf die Fischerkähne hinab, um ein paar Brocken Abfall zu ergattern. Alles wirkte geschäftig und hektisch, als hätte der Tag nicht eben erst begonnen.

»Ich komme gleich!«, rief Floarea. Schweren Herzens riss sie sich vom Anblick des pulsierenden Lebens los und trat vor den polierten Silberspiegel, um ein letztes Mal ihre Erscheinung zu überprüfen. Die enganliegende rote Fucke betonte ihre schlanke Figur und unterstrich die Blässe ihrer Haut. Das rabenschwarze Haar hatte ihre Tante Cosmina zu einem armdicken Zopf geflochten, der bis auf ihre Hüfte fiel. Die goldenen Knöpfe funkelten frisch poliert, genau wie das Kruzifix an ihrem Hals. Die veilchenfarbenen Seidenärmel waren aus demselben Stoff wie der durchsichtige Schleier auf ihrem Haar. Wie immer, wenn sie sich selbst betrachtete, fuhr sie mit dem Zeigefinger über die Narbe am Kinn und kämpfte mit aller Macht gegen die entsetzlichen Erinnerungen an.

Es war vorbei.

Sie war in Sicherheit.

Und wenn das Schicksal und die Königin es wollten, würde sie bald eine vornehme Hofdame sein.

Wie schon mal, flüsterte ihr Verstand ihr ein; doch Floarea wischte die Zweifel mit einer wütenden Geste beiseite.

»Nun trödel doch nicht so, Kind.« Ihre Tante kam atemlos in die Kammer gestürmt. Ihr gutmütiges Gesicht hatte die Farbe reifer Kirschen. »Aus dem ganzen Land kommen heute Mädchen an den Hof, weil sie der Königin dienen wollen ...«

»Es tut mir leid«, sagte Floarea. Sie schenkte Cosmina ein entwaffnendes Lächeln. »Ich bin bereit.« Sie nahm den warmen Umhang von der Stuhllehne, über die sie ihn gelegt hatte, und warf ihn sich über die Schultern.

»Ich bin mir sicher, dass sie dich wählen wird«, sagte ihre Tante. Sie nahm Floareas Hände in die ihren und sah sie mit Stolz im Blick an. »Du bist so schön wie ein Donauschwan.«

Floarea spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

»So bist du noch schöner«, lachte die Tante und strich ihr über die Wange. »Und jetzt komm.«

Mit gemischten Gefühlen folgte ihr Floarea die Treppen hinab vor das Haus in der Heiligen Stephansgasse, wo ein Einspänner auf sie wartete. Als eine kühle Brise durch die Gasse strich, zog sie fröstelnd die Schultern hoch.

Der Kutscher, einer von Cosminas Knechten, sprang vom Bock, um den beiden Frauen in den Wagen zu helfen.

»Denk daran, nicht zu schüchtern, aber auch nicht zu aufdringlich zu wirken«, ermahnte Cosmina ihre Nichte. »Die Hofmeisterin trifft die erste Auswahl. Wenn du in ihren Augen bestehst, wirst du zur Königin vorgelassen.«

Floarea zwang sich zu einem Lächeln und nickte. Wenn sie sich doch nur genauso auf die Aussicht, als Hofdame ins Gefolge Katharina von Podiebrads aufgenommen zu werden, freuen könnte! Allerdings nahm die Beklemmung mit jedem Schritt zu, den die lammfromme Stute tat. Zu grauenvoll war Floareas Erinnerung an das letzte Mal, als sie im Dienst einer Fürstin gestanden hatte. Sie schlang schaudernd die Arme um sich.

»Ist dir kalt?«, fragte Cosmina.

Floarea schüttelte tapfer den Kopf. Sie hatte ihrer Tante nicht alles erzählt. Nicht aus Falschheit, sondern weil sie sich nach den vielen Wochen der Flucht an so gut wie nichts mehr erinnert hatte. Als sie halb verhungert und verdurstet auf dem Karren eines barmherzigen Mönchs in Kronstadt angekommen war, hatte sie kaum mehr sprechen können. Ihr Körper war so geschunden und abgemagert, dass ihre Tante sie zuerst nicht erkannte. Erst nach einigen Augenblicken schloss sie ihre Nichte in die Arme und schickte nach einem Arzt. Was dann passiert war, hatte Floarea vergessen. Noch immer wusste sie nicht, wie lange sie mit dem Tod gerungen hatte. Allerdings waren die grauenvollen Erinnerungen in ihren Fieberträumen zurückgekehrt. Sie faltete die Hände im Schoß und versuchte, ruhig zu atmen. Während der Kutscher den Wagen zum Heiligen Johannestor lenkte, sah Floarea aus dem winzigen Fenster. Am liebsten hätte sie gebetet. Doch an Gott glaubte sie schon lange nicht mehr. Seit sie auf dem Leichenkarren, unter einem Berg von Toten, aus der Festung Poenari geflohen war.

Nachdem die Wächter sie passieren ließen, polterte die Kutsche weiter den Berg hinauf, vorbei an einem Franziskanerkloster und mehreren anderen kirchlichen Gebäuden. Es dauerte nicht lange, bis die gewaltigen, mit Türmen verstärkten Mauern der Burg vor ihnen aufragten.

Überall wimmelte es von gepanzerten Wachen. Als Floarea den Blick zu den Zinnen hob, sah sie die Armbrustschützen und augenblicklich stieg Panik in ihr auf. Ohne Vorwarnung begann ihr Herz zu rasen und ein eisernes Band schien sich um ihren Brustkorb zu legen.

»Atme, Kind, atme.« Ihre Tante legte ihr die Hand auf den Arm. »Niemand wird dir hier etwas antun.«

Obwohl Floarea wusste, dass sie Recht hatte, war die plötzliche Furcht wie ein wildes Tier, das seine Klauen in ihr Herz schlug. Die Erinnerung an das Osterfestmahl in Tirgoviste war so überwältigend, dass sie vermeinte, Blut zu riechen. Wie jedes Mal, wenn es sie einholte, spürte sie das Entsetzen der Frauen und Kinder, als sie von den Schwertern niedergestreckt worden waren, hörte die Schreie und das Flehen; sah, wie Vlad Draculeas Soldaten die Gewänder der Frauen zerrissen und ihre Schleier als Fesseln benutzten. Und wie immer folgten die anderen Bilder. Die Bilder, die so grauenhaft waren, dass ihr Verstand sie davor beschützen wollte.

»Anhalten, Kutscher!«, hörte sie die Tante wie aus weiter Ferne rufen.

Sobald die Kutsche zum Stillstand kam, öffnete Cosmina die Tür und half Floarea, mit Hilfe des Knechts, ins Freie. »Du bist weiß wie ein Laken.« Die Tante drückte Floarea auf eine steinerne Bank im Schatten einer übermannshohen Statue. »Ist es wieder ...?«

Floarea schüttelte den Kopf. »Nur Unwohlsein«, log sie. Auf keinen Fall wollte sie, dass sich ihre Tante noch mehr um sie sorgte. Nachdem sie eine Weile auf dem kalten Stein gesessen und auf den sonnenbeschienenen Platz gestarrt hatte, verblassten die Bilder in ihrem Kopf. Sie zwang sich, den Putz der reichen Damen anzusehen, nicht die Spieße, Schwerter und Armbrüste. Tapfer erhob sie sich schließlich wieder und kletterte zurück in die Kutsche.

»Bist du sicher, dass es dir gut geht?«, fragte Cosmina.

Floarea nickte. Sie würde ihre Tante nicht enttäuschen! Cosmina war so gut zu ihr gewesen, hatte sie behandelt wie eine eigene Tochter. Und wenn es ihr sehnlichster Wunsch war, dass Floarea Hofdame in Buda wurde, dann würde Floarea alles tun, um ihr diesen Wunsch zu erfüllen.

Der Kutscher reihte sich in die Schlange vor dem Burgtor ein und wenig später polterte der Wagen über das Kopfsteinpflaster des ersten Vorhofes. Über mehrere Trockengräben und weitere Vorhöfe ging es in den Innenhof, der von prachtvollen gotischen Bauwerken gesäumt wurde. Lebensgroße Bronzestatuen warfen das Sonnenlicht zurück. Zahllose Wirtschaftsgebäude drängten sich an den beiden Zwingern. Vor den Stallungen waren Burschen damit beschäftigt, die Pferde des Königs und der Adeligen abzuschirren, abzusatteln und auf Hochglanz zu striegeln. Sobald der Kutscher die beiden Frauen abgesetzt hatte, wurde er von einem Bediensteten angewiesen, den Innenhof zu verlassen, um Platz für die Fuhrwerke zu machen, die hinter ihm warteten.

Unsicher blickte sich Floarea um. Sie hatte das Gefühl, noch nie so viele Menschen an einem Ort gesehen zu haben. Die Farbenpracht war überwältigend. Teure Stoffe, aufwändige Kopfputze, Geschmeide in allen Formen und Farben – jeder schien versucht zu haben, die anderen zu übertreffen. Bei all dem Prunk kam sich Floarea unscheinbar und klein vor in der roten Fucke und dem schmucklosen Umhang.

»Dort drüben«, raunte die Tante ihr ins Ohr und zeigte auf ein Gebäude, vor dem sich eine Traube junger Frauen gebildet hatte.

Auf dem Absatz einer breiten Treppe stand eine imposante Dame mit einer Schmetterlingshaube und einem altmodischen Tabbard mit langer Schleppe. An ihrem Hals hingen drei schwere Perlenketten, die linke Hand zierte ein Ring mit einem riesigen Rubin. Von Weitem sah sie aus wie ein Raubvogel, fand Floarea. Just in diesem Moment verkündete eine Turmuhr die neunte Stunde.

»Alle Anwärterinnen folgen mir«, verkündete die Frau und klatschte in die Hände.

Kapitel 2

Buda, März 1463

Floarea warf ihrer Tante einen fragenden Blick zu. »Ich warte auf dich«, beruhigte Cosmina sie. »Und denk daran: nicht zu schüchtern, aber auch nicht zu aufdringlich.« Sie drückte Floarea ermutigend die Hand. »Jetzt geh.«

Mit gemischten Gefühlen folgte Floarea der Hofmeisterin in das Gebäude, einen langen Kreuzgang entlang, der einen blühenden Garten umgab. Die Wand gegenüber der Säulen war mit Fresken geschmückt. Allerdings blieb keine Zeit, die farbenfrohen Darstellungen zu bewundern. Am Ende des Kreuzganges angekommen, führte sie die Hofmeisterin eine Treppe hinauf in eines der drei Obergeschosse. Dort wurden sie in einen großen Saal geleitet, dessen Pracht Floarea den Atem stocken ließ. Den Boden zierte ein aufwändiges Sternenmuster aus mehreren farbigen Hölzern. Auch hier waren die Wände bemalt und zwei Kachelöfen mit glasierten Kacheln zogen die bewundernden Blicke der Mädchen auf sich. Die Spitzbogenfenster waren hoch und gaben den Blick frei auf die Stadt und das Umland. In einem goldenen Käfig saß ein Vogel mit kunterbuntem Gefieder.

Ohne weitere Erklärungen wählte die Hofmeisterin eine Handvoll Mädchen aus und bedeutete ihnen, ihr in einen angrenzenden Raum zu folgen.

»Was sollen wir denn jetzt tun?«, fragte eine blonde junge Frau Floarea. Sie wirkte wie eine Spitzmaus mit ihren großen braunen Augen und dem schmalen Gesicht.

Floarea zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht«, erwiderte sie. »Warten?«

Es dauerte beinahe zwei Stunden, bis die Reihe an Floarea war.

»Stellt euch an der Wand auf«, befahl die Hofmeisterin ihr und fünf anderen jungen Frauen, nachdem sie sie in ein sonnendurchflutetes Gemach geführt hatte. Darin befanden sich ein Cembalo, ein großer Tisch und eine Sitzecke mit gepolsterten Stühlen und Bänken. Ein dünner Jüngling saß auf dem Schemel vor dem Cembalo und langte auf ein Zeichen der Hofmeisterin in die Tasten.

»Tanzt«, sagte die Hofmeisterin knapp. Als sich die jungen Frauen nicht sofort rührten, klatschte sie unwillig in die Hände.

Floarea stand wie festgenagelt auf der Stelle, während die anderen Mädchen begannen, sich anmutig im Takt zu wiegen.

»Was ist mit dir?«, herrschte die Hofmeisterin sie an.

»Ich kann nicht tanzen«, sagte Floarea kleinlaut.

»Was?« Der Ausdruck auf dem Gesicht der Hofmeisterin war beinahe komisch. »Wenn das ein Scherz sein soll, ist es kein besonders guter.«

Floarea schüttelte den Kopf. »Es ist kein Scherz. Ich kann nicht tanzen.«

Die Hofmeisterin verzog ungläubig das Gesicht. »Was hast du dann hier zu suchen? Die Königin braucht keine Bäuerinnen als Gesellschafterinnen!«

Die Beleidigung verfehlte ihre Wirkung nicht. Die anderen Mädchen hielten im Tanz inne und Floarea brauste auf. »Ich bin keine Bäuerin! Mein Vater war ein angesehener Bojar.«

»Mit einem Gut irgendwo auf dem Land, nehme ich an«, brummte die Hofmeisterin.

»Ich war Zofe am Hof in Tirgoviste!«, verteidigte sich Floarea und hätte sich am liebsten im selben Atemzug die Zunge abgebissen. Aber dafür war es zu spät.

Die Augen der Hofmeisterin verengten sich. »Am Hof von Draculea, dem Teufel?« Sie bekreuzigte sich.

Floarea schlug die Augen nieder.

Die anderen Bewerberinnen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen.

»Warum kannst du dann nicht tanzen?«, fragte die Hofmeisterin schließlich.

»Weil ...« Floarea konnte den Satz nicht beenden, da ihr Tränen in die Augen schossen.

Einige peinliche Augenblicke lang herrschte absolute Stille im Raum. Selbst der Cembalospieler begaffte Floarea mit offenem Mund. Scheinbar war es an diesem Hof undenkbar, dass eine junge Dame nicht tanzen konnte.

»Wenn du noch nicht einmal die einfachsten Dinge beherrschst ...«, hob die Hofmeisterin an.

»Warte, Beatrix«, unterbrach sie ein junges Mädchen, das plötzlich wie aus dem Nichts auftauchte. »Lass mich mit ihr reden.«

Verwundert sah Floarea, dass alle Anwesenden in eine tiefe Verbeugung sanken. Das Mädchen, das auf sie zukam, war etwas kleiner als sie, mit dunklem Haar und einem rundlichen Gesicht. Ihr Gewand war mit zahllosen Diamanten besetzt. Ein schweres Amulett baumelte vor ihrer Brust.

Die Königin!

Hastig sank auch Floarea in einen Knicks.

»Steh auf«, forderte Katharina von Podiebrad sie auf.

Floarea tat wie geheißen.

»Eine Hofdame, die nicht tanzen kann«, sagte Katharina. Belustigung schwang in ihrer Stimme mit. »Was kannst du dann?«

Nicht zu aufdringlich, nicht zu schüchtern, hallte die Stimme der Tante in Floareas Kopf nach. Obwohl sie sich so weit wie möglich aus der Burg fortwünschte, hob sie den Blick und sah Katharina in die Augen. Ich kann Steine schleppen und eitrige Wunden versorgen, hätte sie am liebsten gesagt. Tagelang unter stinkenden Leichen ausharren und mich allein durch die Wildnis kämpfen. Stattdessen schwieg sie und hoffte, dass die Königin sie entlassen würde. Cosmina würde zwar bitter enttäuscht sein, aber irgendwie würde sie es wieder gut machen.

»Kannst du lesen?«

Die Frage überraschte Floarea. »Ja, Majestät«, erwiderte sie nach einigen Augenblicken leise.

»Dann komm mit mir.« Katharina wandte sich von ihr ab und ging zurück zu der Tür, durch die sie den Raum betreten hatte. »Ihr macht weiter«, befahl sie der Hofmeisterin und den anderen Mädchen.

Verdattert eilte Floarea der Königin in einem langen Korridor hinterher, von dem mehrere Türen abgingen. Eine davon führte in eine Bibliothek. Zwei Wächter folgten den Frauen in respektvollem Abstand.

»Heilige Mutter Gottes«, murmelte Floarea überwältigt, als sie die Schwelle überschritten. In den deckenhohen Regalen vor ihr mussten sich Tausende von Folianten befinden. Ledergebundener Rücken reihte sich an ledergebundenen Rücken und es roch nach Staub, Papier und Tinte. Als Katharina die Tür hinter sich schloss, umfing die beiden jungen Frauen eine beinahe unheimliche Stille. Lediglich das leise Knacken von Holz war zu hören, sonst regte sich nichts. Floareas Blick wurde von mehreren aufgeschlagenen Handschriften mit aufwändigen Illustrationen angezogen, die auf Lesepulten lagen.

»Komm«, forderte Katharina sie auf. Ohne zu zögern, steuerte sie auf eines der Pulte zu und zeigte auf ein Buch in blauem Ledereinband. »Lies mir die erste Seite vor.«

Eingeschüchtert von der sie umgebenden Pracht, trat Floarea an das Lesegestell und legte den Zeigefinger auf das Papier.

»Die erste Nacht«, hob sie unsicher an.

»Die Leute behaupten, o glücklicher König und Herr des rechten Urteils, dass es einmal einen Kaufmann gab, der reich und wohlhabend war und ein großes Vermögen und viele Sklaven besaß«, las sie.

»Er hatte eine ganze Anzahl Frauen und Kinder, außerdem Bürgschaften und Kredite im ganzen Land. Eines Tages zog er aus, um in ein anderes Land zu reisen. Er bestieg also ein Reittier und packte unter sich eine Satteltasche mit saurem Gemüse und Datteln als Wegzehrung. Dann reiste er Tage und Nächte, bis Gott ihn wohlbehalten am Ziel seiner Reise ankommen ließ. Dort erledigte er seine Geschäfte, o glücklicher König, und machte sich dann auf den Rückweg in sein Land und zu seiner Familie. Er reiste drei Tage lang. Am vierten Tag kam eine große Hitze auf, die die Erde völlig versengte ...«

»Das reicht«, unterbrach Katharina Floareas Vortrag. Sie lächelte die junge Frau an. »Von heute an bist du meine neue Vorleserin.«

Zuerst dachte Floarea, Katharina würde einen grausamen Scherz mit ihr treiben. Aber als die junge Königin lachte und die Hand auf das Buch legte, begriff sie, dass es ihr ernst war.

»Ich möchte, dass du mir jeden Abend eine Geschichte aus diesem Buch vorliest«, sagte Katharina. »Ganz so, wie es Schahrasad tut.« Ihre Augen leuchteten. »Der letzte Vorleser hat die Erzählung ruiniert. Es muss von einer Frau gelesen werden, eine Männerstimme verdirbt die Stimmung.« Sie sah Floarea mit leuchtenden Augen an. »Sind dir die Geschichten bekannt?«

Floarea schüttelte den Kopf. »Nein, Majestät«, sagte sie.

»Ich habe sie von meinem Gemahl geschenkt bekommen«, schwärmte Katharina. »Bist du schon mal einem Osmanen begegnet?«, wechselte sie unvermittelt das Thema. »Sind sie wirklich solche Ungeheuer?«

Floarea wusste nicht, was sie erwidern sollte. Das einzige Ungeheuer, dem sie je begegnet war, hatte Katharinas Gemahl hinrichten lassen. »Dazu bin ich zu unerfahren«, gab sie deshalb bescheiden zurück und hoffte, dass diese Antwort die junge Königin zufrieden stellen würde.

Katharina lachte erneut. Dann sagte sie: »Die Hofmeis-terin soll dir eine Kammer zuweisen. Ich will, dass du in der Burg wohnst.« Mit diesen Worten wandte sie sich von Floarea ab und verschwand in Begleitung der beiden Wächter aus der Bibliothek.

Kapitel 3

Bukarest, März 1463

Bitte, geh nicht, Gül-jüz.« Mit einer Mischung aus Verachtung und Furcht beobachtete Carol, wie sein Onkel Radu die Hand des Osmanischen Sultans umklammerte. Ohne dass die beiden ihn bemerkt hatten, war er in das Privatbad seines Onkels gekommen, um ihm mitzuteilen, dass ihn ein halbes Dutzend Ratsmitglieder sprechen wollten. Dass sich Sultan Mehmed am Hof befand, wusste er. Allerdings hatte er nicht erwartet, ihn und seinen Onkel zusammen im Bad anzutreffen. Da er eine Hintertür benutzt hatte, war er nicht von der Leibgarde des Sultans aufgehalten worden, die am Haupteingang Wache stand.

»Ich muss gehen«, gab Mehmed zurück und befreite sich von Radu. »Yakup Pascha hat Nachricht geschickt, dass Kılıt ül-Bahriye und Kalei Sultaniye fertig sind. Und ich werde ganz gewiss nicht nach Bosnien aufbrechen, bevor ich diese beiden Festungen nicht in Augenschein genommen habe.«

»Was ist mit mir, Gül-jüz?« Radus Stimme war flehend.

»Du wirst mir die Soldaten mitgeben, die ich gefordert habe und hier auf meine Rückkehr warten«, sagte Mehmed. »Du weißt, dass es noch vieler Vorbereitungen bedarf, bis meine Streitmacht aufbrechen kann, um diesem Stjepan Tomaševićdie Lektion zu erteilen, die er verdient.«

»Deine Männer sind schnell. Ich habe selbst gesehen, wie sie Brücken bauen und Straßen befestigen«, hielt Radu dagegen. »Bitte bleib noch ein paar Tage.«

Carol zog sich mit einem angeekelten Naserümpfen zurück, um das Bad zu verlassen, bevor die beiden ihn bemerkten. Allerdings trat er dabei unvorsichtigerweise auf etwas, das mit einem leisen Knacken unter seinem Fuß zerbarst.

Augenblicklich wirbelten die beiden Janitscharen an der Tür herum.

Ehe Carol reagieren konnte, waren sie bei ihm und er spürte das kalte Eisen eines Krummschwertes an seiner Kehle. »Wartet«, stieß er hervor. »Ich ...«

»Schweig!«

Der Druck verstärkte sich. Carol spürte, wie sich ein Blutstropfen aus der Wunde löste und langsam seinen Hals hinab rann.

»Wer ist das?« Sultan Mehmed tauchte aus dem Inneren des Bades auf – in einen goldbestickten Kaftan gehüllt.

»Ein Eindringling, Padischah.« Der Janitschar, dessen Klinge nicht an Carols Hals lag, verneigte sich tief vor dem Sultan.

»Carol!« Radu erschien hinter Mehmed, in einem ähnlich aufwändig gearbeiteten Kaftan. »Was tust du hier?«

Jetzt schien auch Mehmed den Knaben zu erkennen. »Sieh an. Arslan, der kleine Löwe«, sagte er mit einem kühlen Lächeln.

Die Worte genügten, um Carol einen Schauer über den Rücken zu jagen. Der Blick, mit dem Mehmed ihn von oben bis unten abtastete, erinnerte ihn an die Zeit, die er am Sultanshof verbracht hatte. An den Tag, an dem der Sultan plötzlich im Hamam erschienen war – genauso unbekleidet wie noch vor wenigen Augenblicken. Damals war ihm sein Onkel Radu zu Hilfe gekommen.

So wie jetzt.

»Er ist keine Gefahr für dich, Padischah«, sagte er zu Mehmed und legte bittend die Handflächen aneinander.

Der Sultan musterte Carol mit steinerner Miene. Erst nach einer scheinbaren Ewigkeit befahl er den Janitscharen, ihn loszulassen.

Augenblicklich ließ sich der junge Mann auf die Knie fallen und berührte mit der Stirn die kalten Fliesen des Bades. Unterwerfung war das erste gewesen, das er an den Höfen in Edirne und Konstantinopel gelernt hatte. Wer sich Mehmed nicht bedingungslos unterwarf, lief Gefahr, einem seiner furcht- baren Wutanfälle zum Opfer zu fallen.

»Steh auf, Arslan«, sagte Mehmed schließlich. »Wolltest du ein Bad mit uns nehmen?« Belustigung schwang in seiner Stimme mit.

Carol tat wie ihm geheißen und schüttelte den Kopf. »Nein, Padischah. Ich wollte meinem Onkel sagen, dass Ratsmitglieder in der Halle warten.«

»Ratsmitglieder?«, fragte Mehmed mit samtweicher Stimme. »Deshalb störst du uns beim Baden?«

»Ich ... Ich wusste nicht, dass Ihr auch hier seid, Padi-schah«, stammelte Carol. »Sonst hätte ich es nie gewagt ...«

Mehmed schnitt ihm mit einer herrischen Geste das Wort ab. »Mir scheint, du hast die Zügel etwas zu locker gehalten«, sagte er an Radu gewandt.

Der machte ein zerknirschtes Gesicht, wagte jedoch nicht zu widersprechen.

Mehmeds Blick wanderte zurück zu Carol. »Wie wäre es, wenn ich dich zu einem Beğ machen würde?«, fragte er unvermittelt.

Carol blieb fast das Herz stehen. Ein Befehlshaber in der Armee des Sultans? So wie Radu, ehe der Sultan ihn zum Woiwoden der Walachei ernannt hatte? Würde er dessen Platz dann auch an anderer Stelle einnehmen müssen? Allein die Vorstellung bereitete ihm Übelkeit.

Seinem Onkel war anzusehen, dass er seine Gedanken teilte. »Du willst ihn mit in die Schlacht nehmen und mich hier lassen?«, fragte er. Sein Gesicht glich dem eines Kindes, dem man damit drohte, ihm sein Lieblingsspielzeug wegzunehmen.

Mehmed wirbelte zu ihm herum. »Du wagst es, meine Entscheidungen in Frage zu stellen?«, zischte er gefährlich ruhig.

Radu erbleichte. »Nein, Padischah«, murmelte er und senkte gescholten den Kopf. »Du bist der Sultan zweier Kontinente und der Beherrscher zweier Meere. Was immer du entscheidest, ist an Weisheit nicht zu übertreffen.«

Einige Augenblicke lang sah es so aus, als wolle Mehmed die Hand heben, um seinen Gespielen zu züchtigen. Doch dann schnaubte er. »Geh und sprich mit den Ratsherren«, sagte er kalt. »Du, Arslan«, sagte er an Carol gewandt, »machst dich bereit, in zwei Tagen mit mir aufzubrechen.« Damit ließ er Carol und Radu stehen und rauschte aus dem Bad.

Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Dann fragte Carol: »Was soll ich denn jetzt tun?«

Radu sah ihn mit steinerner Miene an und zuckte mit den Achseln. »Du befolgst den Befehl des Sultans. Was sonst?«

»Aber ich will kein Beğ werden! Du hattest mir versprochen, mir Männer mitzugeben, um nach Floarea zu suchen, sobald alle Posten des Rates besetzt und die Gebäude wieder aufgebaut sind«, protestierte Carol. »Ich weiß, dass sie noch lebt. Ich kann es hier spüren.« Er legte die Hand auf seine Brust.

Radu schüttelte ärgerlich den Kopf. »Wenn der Sultan dir befiehlt, mit ihm zu gehen, gehst du mit ihm. Ganz gleich, was ich dir versprochen hatte. In dieser Angelegenheit hast du zu gehorchen.« Er fasste Carol scharf ins Auge. »Verstehst du, was ich sage? Wenn du dich Mehmed widersetzt, wird er nicht zögern, dich als Verräter hinrichten zu lassen!«

»Aber ...«, hob Carol an.

»Kein Aber«, fuhr Radu ihm über den Mund. »Du wirst tun, was man dir befiehlt.« Ohne auf Carols Antwort zu warten, raffte er den Kaftan und verließ das Bad.

Carol sah ihm mit gerunzelter Stirn hinterher. Der Seifenduft in der Luft schien sich plötzlich in fauligen Gestank zu verwandeln. Mit Grauen erinnerte er sich an den Feldzug gegen seinen Vater, Vlad Draculea, an dem er im vergangenen Sommer teilgenommen hatte. Damals hatte er gegen sein eigenes Volk gekämpft und war mit den Soldaten des Sultans beinahe in der sengenden Hitze verdurstet, weil Vlad sämtliche Brunnen hatte vergiften lassen. Eingekeilt zwischen hunderten von Reitern, hatte er sich wie ein Gefangener in einem Meer aus Leibern gefühlt. Er ballte die Hände zu Fäusten und fasste einen Entschluss. Auch wenn er seinen Verrat mit dem Leben bezahlen musste, würde er lieber aus Bukarest fliehen, als seine Seele zu verkaufen. Denn er zweifelte keine Sekunde daran, dass Mehmed Radu durch ihn ersetzten wollte. In jeglicher Hinsicht.

Um eine ausdruckslose Miene bemüht, verließ auch er das Bad und begab sich in seine Kammer. Dort packte er ein Bündel mit dem Nötigsten, legte Lanze und Panzerhemd bereit und fiel vor dem kleinen Hausaltar auf die Knie. »Barmherziger Vater im Himmel, vergib mir meine Sünden«, murmelte er. Obwohl er sich seit der Ankunft in Bukarest bemüht hatte, den Hass zu vergessen und nur die guten Erinnerungen in seinem Herzen einzuschließen, brannte immer noch Zorn in ihm. Das Böse war nicht mit Vlad Draculea vom Erdboden verschwunden. Anders als erwartet, hatte der ungarische König seinen Vater nicht enthaupten lassen. Und man erzählte sich, dass er auf der Burg Visegrád lebte wie ein königlicher Gast. Wie inständig hatte Carol gehofft, dass es ihm jemand abnehmen würde, den Tod seiner Mutter zu rächen! Er bekreuzigte sich und kam zurück auf die Beine. Dann betrachtete er seine Hände und spannte die Muskeln an. Er war kein schmächtiger Jüngling mehr. Im letzten Jahr war er über zwei Spannen in die Höhe geschossen und konnte inzwischen die besten Männer im Zweikampf besiegen. Auch wenn er wusste, dass es eine Todsünde war, würde er irgendwann tun, was er sich vor langer Zeit geschworen hatte: Sobald er herausgefunden hatte, was mit Floarea geschehen war, würde er Vlad Draculea eigenhändig töten! Da Matthias Corvinus ihn nicht hatte hinrichten lassen, würde er ihn vermutlich bald wieder auf freien Fuß setzen.

Kapitel 4

Burg Visegrád, März 1463

Vlad Draculea starrte mit mürrischem Gesicht auf die stecknadelkopfgroßen Reiter hinab, die sich der Festung Visegrád näherten. Trutzig und abweisend thronte das Bollwerk auf einem bewaldeten Felsen über der Donau. Von mehreren Ringmauern umgeben, war die Burg so gut wie uneinnehmbar – weshalb der ungarische König ihn vermutlich hier in Haft hielt. Obwohl die Sonne aus einem makellos blauen Himmel stach, war der Wind auf der Anhöhe schneidend und kühl. Pfeifend strich er um die Dächer, blies die Blüten von den Bäumen und ließ die Banner des Königs flattern. Zudem trug er das Klappern der Hufe und das Klirren der Harnische heran. Vlad beschirmte die Augen, um besser sehen zu können. In gemächlichem Tempo trabten die Reiter den gewundenen Pfad entlang, wurden von den Baumkronen verschluckt, um kurz darauf wieder aufzutauchen. Über zwei Dutzend Berittene, eine Kutsche und ein Bannerträger.

Vlad verzog das Gesicht. Vermutlich handelte es sich um die Base des ungarischen Königs, Ilona Szilágyi, deren Verlobung mit Vlad Teil seines Bündnisvertrages mit Matthias Corvinus war. Des Vertrages, den der König in Vlads Augen schändlich gebrochen hatte, als er ihn im vergangenen August gefangen gesetzt hatte. Mit hartem Blick verfolgte er den Zug der Reiter und versuchte, nicht an Elisabeta zu denken. Sie war tot, genau wie Zehra. Daran war nichts mehr zu ändern. Die Tatsache, dass Corvinus seine Base nach Visegrád schickte, konnte nur eines bedeuten: dass sich der Zorn des ungarischen Königs gelegt hatte.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete, bis die ersten Reiter über die Zugbrücke in den Innenhof der Festung trabten. Sobald auch die Kutsche den Hof erreicht hatte, sprangen die Männer aus den Sätteln und öffneten die Tür für eine junge Frau. Obwohl Vlad Ilona Szilágyi noch niemals vorher zu Gesicht bekommen hatte, war er sicher, dass es sich bei der Schönheit, die anmutig aus der Kutsche stieg, um sie handeln musste.

Das blaue, goldbestickte Gewand mit den weiten Ärmeln betonte ihre schlanke Mitte. Ihr hüftlanges, gelocktes Haar trug sie offen – nur von einem goldenen Reif mit einem dünnen Schleier bedeckt. Die Augen wirkten aus der Ferne genauso schwarz wie ihr Haar, die Lippen voll und rot.

Eigentlich hatte Vlad Abneigung gegen sie empfinden wollen. Doch die Art und Weise, wie sie stolz das Kinn reckte und ihn unerschrocken und stolz ansah, faszinierte ihn.

»Ihr habt Besuch«, informierte ihn einer der Soldaten, die ihn auf der Burg bewachten, überflüssigerweise. »Die Base des Königs.«

Ein triumphierendes Lächeln huschte über Vlads Gesicht. Also hatte er recht gehabt. Während Ilona ihn mit arrogant hochgezogenen Brauen musterte, straffte er die Schultern und folgte dem Soldaten zur Abordnung.

»Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?«, begrüßte Vlad die junge Frau kühl. Aus der Nähe war sie noch schöner als von Weitem. Ihre schwarzen Augen funkelten ihn herausfordernd an. Sie neigte mit einem spöttischen Lächeln den Kopf und streckte ihm die Hand entgegen. »Nun, ich dachte, es wäre an der Zeit, meinen Verlobten kennenzulernen«, sagte sie. Ihre Stimme war sanft, der Tonfall neckend.

Etwas an ihr erinnerte Vlad schmerzlich an Zehra. Bevor die Erinnerung an ihre toten Augen ihn in den wohlbekannten Abgrund ziehen konnte, verdrängte er alle Gedanken an sie und er verneigte sich galant. »Es ist mir eine Ehre, meine Liebe.«

***

Die siebzehnjährige Ilona Szilágyi versuchte, sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen. Der Mann, den ihr Vetter Matthias Corvinus als Gemahl für sie gewählt hatte, war noch beeindruckender, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Bisher hatten Scheu und Furcht sie davon abgehalten, ihn auf der Festung Visegrád zu besuchen. Doch nach über einem halben Jahr hatte die Neugier die Oberhand gewonnen. Vielleicht lag es daran, dass der König ihr angeboten hatte, die Verlobung wieder zu lösen. Vielleicht aber auch an den Geschichten, die am Hof über Vlad Draculea kursierten. Dem Gerede nach zu urteilen, war er ein Teufel. Ein Mann, vor dem sich selbst der mächtige osmanische Sultan fürchtete. Wenn man dem Getuschel glaubte, hatte er mehr Blut an den Händen als die schlimmsten Schlächter der Fekete Sereg, der Schwarzen Legion ihres Vetters.

Nachdem sie jedoch in Vlads Augen geblickt hatte, fiel es Ilona schwer, das zu glauben. Diese waren so grün wie Moos und wirkten eher traurig auf sie als böse. Gewiss, die dichten schwarzen Brauen, die scharfe Nase und der Bart, der seinen Mund umrahmte, verliehen ihm ein strenges Aussehen; dennoch verspürte Ilona keine Angst, als er ihre Hand in seine beiden Pranken nahm und sie von der Kutsche fortführte.

»Wo wollt Ihr hin?« Die Stimme der Anstandsdame klang schrill in dem großen Burghof.

Ilona verkniff sich ein Seufzen. Sie hatte gehofft, der alte Drache würde in der Kutsche bleiben.

Stattdessen kämpfte sich ihre Begleiterin mühsam ins Freie und strich die Röcke glatt, ehe sie Vlad Draculea mit einem missfälligen Blick bedachte. »Ihr wisst, dass ich Euch nicht alleine lassen darf mit ihm«, sagte sie an Ilona gewandt, als wäre Vlad nicht anwesend.

Ilona spürte, wie er sich versteifte. Und plötzlich strahlte etwas von ihm aus, das sie erschrocken den Blick heben ließ.

Augenblicklich zwang er sich zu einem Lächeln, doch seine Augen blieben hart. »Keine Angst, ich werde sie nicht kompromittieren«, sagte er. »Aber als ihr Bräutigam ist es wohl mein Recht, ein wenig mit meiner zukünftigen Gemahlin lustzuwandeln.«

Die Art und Weise, wie er es sagte, machte es Ilona schwer, nicht zu grinsen. Schon lange hatte niemand mehr Adél in ihrer Anwesenheit in die Schranken gewiesen.

Ohne auf eine Antwort zu warten, machte Vlad eine einladende Geste und führte Ilona von der Kutsche fort. »Ich kann Euch zwar nicht viel zeigen, da ich die Burg nicht verlassen darf«, sagte er mit einem bitteren Unterton, »aber der Rosengarten wird Euch gefallen. Einige der Büsche tragen bereits Blüten.«

Wie im Traum schritt Ilona neben ihm her über den Hof, durch einen Torbogen in einen umwerfend schönen Garten. Tatsächlich hatten sich an einigen Sträuchern bereits gelbe, rote und rosafarbene Blüten geöffnet, um die vereinzelte Bienen schwirrten. Die Pracht rankte sich um Klettergestelle und an Laubendächern, die Mauern entlang und um einen steinernen Springbrunnen. Ein betörender Duft lag in der Luft und plötzlich fühlte sich Ilona schwindelig vor Glück. Anders als einige der anderen Hofdamen ihr hatten einreden wollen, war ihre Verlobung mit Vlad Draculea keine Strafe für ihr manchmal aufmüpfiges Verhalten. Der König schätzte sie und der Mann an ihrer Seite brachte Ilonas Haut zum Prickeln.

»Darf ich Euch ein Geschenk machen?«, fragte Vlad. Er knickte eine Blüte ab und trat auf Ilona zu, um sie ihr ins Haar zu stecken.

Als er sie berührte, lief ein Schauer über ihren Rücken. Seine Berührung war so sanft, so zärtlich, dass sie nur mühsam der Versuchung widerstand, sich an ihn zu schmiegen. Während er die Rose sorgfältig mit einer Strähne ihres Haares umflocht, jagten Bilder durch ihren Kopf, die sie heftig erröten ließen. Beschämt senkte sie den Blick zu Boden und hoffte, dass Vlad Draculea nicht ahnte, was sie dachte.

»Ihr seid so schön wie ein Traumbild«, sagte er und trat einen Schritt zurück. »Wenn ich Euch doch nur jeden Tag sehen könnte.« Er seufzte.

Ilona schluckte trocken. »Wäre ...«, hob sie an. »Wäre es nicht einfacher, wenn Ihr am Hof in Buda wärt?«, brachte sie schließlich hervor.

Vlad sah sie mit einer Mischung aus Sehnsucht und Resignation an. »Das wäre es gewiss«, erwiderte er. »Allerdings fürchte ich, dass Euer Vetter das nicht zulassen wird.«

Ilona biss sich auf die Unterlippe. Am Morgen hatte sie sich noch ein wenig vor der Begegnung mit ihrem Verlobten gefürchtet; hatte sich mit dem Gedanken getragen, ihren Vetter um die Lösung der Verbindung zu bitten. Doch jetzt brannte nur noch ein Wunsch in ihr: Vlad Draculea für sich zu gewinnen und all den Lügnern bei Hof zu zeigen, wie falsch sie über ihn redeten. Er war kein Ungeheuer, kein Teufel. In ihrer Anwesenheit war er so sanft wie ein Kätzchen! Gewiss, er war ein Kriegsherr. Das war Matthias auch. Aber wenn sie ihn erst einmal allen bei Hofe vorstellen konnte, ihren Verlobten, den gefürchteten Woiwoden Vlad Draculea, dann würde das Getuschel verstummen.

Beinahe zwei Stunden brachten sie im Rosengarten zu, ließen sich in einer Laube von der Sonne bescheinen und sahen den Bienen beim Nektarsammeln zu. Ihr Begleiter schwieg die meiste Zeit und hörte Ilona zu, als habe sie die spannendsten Abenteuer zu berichten. Sie bemerkte nicht einmal, dass sich der Himmel bewölkte. Erst als der Wind immer kühler und die Laube immer schattiger wurde, zog sie fröstelnd die Schultern hoch.

»Euch ist kalt«, stellte Vlad fest. Ohne zu zögern nahm er seinen Umhang ab und legte ihn ihr um die Schultern.

Es war eine Geste, wie man sie von jedem Edelmann erwarten konnte. Dennoch war der Moment für Ilona beinahe so vertraut wie ein Kuss. Sie spürte erneut Blut in ihre Wangen steigen.

»Ilona, wir müssen aufbrechen«, zerstörte Adél den Augenblick. Sie kam in Begleitung zweier Bewaffneter auf die Laube zu und bedachte Vlad mit einem vernichtenden Blick. »Es ist genug für heute«, sagte sie. »Ihr werdet am Hof zurückerwartet.«

Kapitel 5

Burg Visegrád, März 1463

Vlad hatte Mühe, seine Genugtuung zu verbergen, als Ilona unwillig den Kopf schüttelte.

»Nur noch ein paar Minuten«, bat sie.

Aber ihre Begleiterin ließ sich nicht erweichen. »Es wird bald anfangen zu regnen«, sagte sie mit einem Blick an den Himmel. »Ihr wollt sicher nicht, dass die Kutsche im Schlamm stecken bleibt und wir in einem Dorf übernachten müssen.«

Vlad sah, dass Ilona schauderte.

»Kommt«, forderte die Anstandsdame sie ein weiteres Mal auf. »Ihr könnt jederzeit wiederkommen.« Sie bedachte Vlad mit einem Blick, der deutlich ausdrückte, was sie von der Vorstellung hielt. »Der König ...«

»Ich möchte mich noch verabschieden«, unterbrach Ilona sie. »Bitte, Adél«, setzte sie etwas sanfter hinzu. »Es dauert nicht lange.«

Einen Augenblick sah es so aus, als wolle die Ältere ihre Schutzbefohlene beim Arm packen und wie ein kleines Kind mit sich ziehen. Doch dann stieß sie einen Seufzer aus und sagte: »Beeilt Euch.«

Ilona nickte und wartete, bis ihre Begleiterin und die Soldaten außer Hörweite waren, ehe sie sich von der Bank erhob und Vlad seinen Mantel zurückgab. »Es ...«, hob sie an.

Vlad legte sich den Umhang um die Schultern und griff nach ihrer Hand, um einen Kuss darauf zu hauchen. »Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, endlich die Bekanntschaft meiner wunderschönen und bezaubernden Braut zu machen«, sagte er. Das war nicht einmal eine Lüge. Sie war bezaubernd. Allerdings interessierten ihn ihre weiblichen Attribute im Augenblick herzlich wenig. Was ihn hingegen interessierte, war ihre offensichtliche Naivität. Wenn es ihm gelang, ihr Herz zu erobern, würde sie sicher alle Hebel in Bewegung setzen, um ihn wiederzusehen. Und an den Hof bringen zu lassen.

Sie senkte beschämt den Blick.

Deutlich sah Vlad, wie sich der Puls in ihrer Halsgrube beschleunigte. Sie war wie Wachs in seiner Hand. Unerfahren, begierig, mit dem Feuer zu spielen und mehr als reif, gepflückt zu werden. Wenn er gewollt hätte, wäre es ein Leichtes gewesen, sie hier, an Ort und Stelle, hinter einen Busch zu ziehen und zur Frau zu machen. Allerdings würde er sich damit noch etwas gedulden müssen. Ihm war klar, dass sie sich nur deshalb zu ihm hingezogen fühlte, weil sie sich zuerst vor ihm gefürchtet hatte. Die Erregung, die deutlich in ihren Augen zu lesen war, fußte auf dem Reiz der Gefahr. Sie wusste, was er getan hatte. Und genau deswegen war sie von ihm fasziniert. Ein Teil von ihr wollte nicht glauben, dass er so ein Ungeheuer war, wie man sich bei Hof erzählte, während ein anderer Teil von ihr sich wünschte, ihn zu zähmen und sich gefügig zu machen.

»Werdet Ihr bald wiederkommen?«, fragte er.

Sie hob den Blick und nickte. »Das werde ich«, versprach sie.

Bevor sie etwas hinzusetzen konnte, rauschte die lästige Begleiterin erneut auf sie zu. »Ilona«, mahnte sie.

»Ich komme.« Bedauernd zog die junge Frau ihre Hand zurück. »Bis bald«, wisperte sie, dann wandte sie sich von Vlad ab und lief leichtfüßig über den Rasen davon.

Er sah ihr nach, bis sie durch den Torbogen verschwunden war, ehe auch er den Garten verließ und sich auf den Weg zu seinen Gemächern machte. Ihr Besuch hatte die Hoffnung auf Freiheit neu angefacht. Seit über einem halben Jahr war er jetzt bereits der Gefangene des ungarischen Königs. Und allmählich wurde es Zeit, dass man ihn aus der Haft entließ. Dann konnte er endlich beginnen, neue Verbündete zu suchen, um seinen Thron zurückzuerobern! Ohne die Wachen eines Blickes zu würdigen, begab er sich ins erste Geschoss des Wohnbaus und betrat wenig später den Bereich der Festung, in dem sich die Bibliothek, eine Halle und sein Schlafgemach befanden. Während er einen langen Rundbogengang entlang schritt, versuchte er, seine Wut und Frustration in Zaum zu halten. Bald, sehr bald würden sein Vetter Stefan von der Moldau und sein Bruder Radu ihren Verrat an ihm bereuen! Bis zu Ilonas nächstem Besuch würde er sich einfach mit der Tätigkeit beschäftigen, die ihm in den vergangenen Monaten wenigstens etwas Ablenkung beschert hatte. Während er sich in Gedanken bereits die Worte zurechtlegte, mit denen er Ilona weiter umgarnen würde, betrat er die Bibliothek.

Der Mann, der dort an einem großen Eichentisch saß, blickte erstaunt auf. »Ich hatte Euch nicht vor morgen zurückerwartet«, sagte er und sah Vlad forschend an. Seine grauen Augen waren durchdringend und klar. Der schmale Haarkranz auf dem ansonsten kahlen Schädel war weiß wie Schnee. Seine Hände hingegen wirkten kräftig wie die eines jungen Mannes. Vor ihm auf dem Tisch lagen zahllose beschriebene Blätter, hölzerne Buchdeckel und Leder.

Vlad zuckte mit den Achseln. »Du weißt selbst, dass man nicht immer Einfluss auf die Dinge hat.«

Der alte Mann lächelte. »In der Tat, sonst wäre ich wohl kaum hier.«

Vlad trat zu ihm an den Tisch und ließ sich auf einen Schemel fallen. »Gib mir die nächsten Lagen.« Er nahm mehrere gefaltete und ineinander gelegte Blätter von dem Mann entgegen, der ihn seit einigen Wochen das Buchbinderhandwerk lehrte. Dann griff er nach Nadel und Faden und heftete den kleinen Stapel zusammen. Wenn alle Lagen, in diesem Fall zwölf an der Zahl, zusammengenäht waren, würden sie auf der Heftlade zu einem Buch zusammengeheftet werden. Den nächsten Schritt, das Anbringen der hölzernen Buchdeckel und das Überziehen mit Leder, musste Andros ihm noch beibringen.

»Ihr werdet mit jedem Tag geschickter«, stellte der Buchbinder fest.

Vlad schnaubte. »Bete zu Gott, dass ich nicht so lange hier bin, um eine ganze Bibliothek zu füllen«, erwiderte er.

Kapitel 6

Buda, März 1463

Die ersten beiden Tage im Dienst der Königin verliefen wenig ereignisreich für Floarea. Nachdem ihre Tante Cosmina ihr beim Packen geholfen hatte, hatte sie sich unter Tränen verabschiedet und war von dem Knecht zur Burg zurückgebracht worden. Da ihre Tante als Witwe das Geschäft ihres verstorbenen Mannes weiterführte, war sie nur selten bei Hof. Weshalb Floarea sie in Zukunft nicht so oft sehen würde, wie sie es sich wünschte.

»Du kannst mich jederzeit besuchen, Kind«, hatte Cosmina gesagt. Ihre Freude darüber, dass Floarea die Vorleserin der jungen Königin werden würde, war überwältigend. Sie hatte Floarea an sich gedrückt wie eine Ertrinkende. »Ich werde jeden Tag zur Heiligen Jungfrau beten, dass du einen guten Ehemann ...«

»Ich will keinen Ehemann«, hatte Floarea sie mit einem Seufzen unterbrochen.

»Was willst du dann, du törichtes Kind?«, hatte Cosmina sie halb lachend, halb weinend gefragt.

Vergessen, hätte Floarea am liebsten geantwortet. Stattdessen sagte sie: »Der Königin dienen.«

An diese Unterhaltung erinnerte sie sich, als sie an diesem Tag nach dem Kirchgang zurück in den Teil der Festung ging, in dem sich die große Halle befand. Dort herrschte bereits reges Treiben, da es vor wenigen Augenblicken zur Hauptmahlzeit geläutet hatte. Hohe Würdenträger, Kirchenmänner, Höflinge, Damen und das Gesinde strömten in den riesigen Saal, um Plätze an den langen Tafeln zu ergattern. Wie immer saßen die Hofdamen von den Höflingen getrennt, damit es nicht zu unziemlichem Verhalten bei Tisch kommen konnte. Eine Handvoll Musikanten sorgte für Unterhaltung, während die Küchenmägde dicke Brotscheiben als Essensunterlage verteilten.

Die Wände der Halle waren mit kostbaren Teppichen geschmückt, in mannshohen Silberleuchtern brannten zahllose Kerzen. Durch die schmalen Fenster fiel nur wenig Licht in den Raum, zwei Kachelöfen sorgten für angenehme Wärme. Während sich die Damen mit ihren farbenprächtigen Gewändern übertrumpften, wirkten die Kirchenmänner und Magistrate nüchtern in ihrer meist schwarzen Tracht. Ohne auf die neugierigen Blicke der Zofen und Höflinge zu achten, bahnte sich Floarea einen Weg zu einem freien Tisch und setzte sich neben das blonde Mädchen mit dem spitzen Gesicht, das sie an ihrem ersten Tag bei Hof kennengelernt hatte.

»Julianna«, begrüßte sie die junge Frau.

»Floarea. Was für ein wundervolles Kleid!« Julianna musterte Floarea von Kopf bis Fuß. Ihr Lächeln wirkte falsch.

»Danke. Deines ist auch sehr schön. Es schmeichelt deiner Figur«, gab Floarea geistesabwesend zurück. Sie hatte weder Lust noch das Talent für diese hohlen Phrasen, die man bei Hof offenbar schätzte. Mehr als einmal war sie bereits in ein Fettnäpfchen getreten, weil sie ein Kompliment nicht verstanden oder überschwänglich genug zurückgegeben hatte.

»Hast du schon das Neueste gehört?«, fragte Julianna. Ihre Augen funkelten vor Aufregung und Klatschsucht.

Floarea zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht«, antwortete sie desinteressiert.

»Man erzählt sich, dass die Base des Königs bald ihren Bräutigam an den Hof holen lassen will«, fuhr Julianna fort.

»Will sie?«, fragte Floarea höflich nach. Nichts war ihr gleichgültiger als der Bräutigam der Base des Königs.

»Sag nur, du hast noch nichts davon gehört?« Julianna wirkte ehrlich erstaunt.

»Hast du denn?« war Floareas Gegenfrage.

»Natürlich! Man spricht doch seit zwei Tagen von nichts anderem.«

Diese Aussage hielt Floarea für eine Übertreibung. Für sie war das interessanteste Ereignis der letzten Tage die Ankunft des Italieners Galeotto Marzio gewesen, dem der Ruf eines Gelehrten vorausgeeilt war.

»Sie hat ihn erst vorgestern kennengelernt. Seitdem redet sie von nichts anderem mehr«, plapperte Julianna weiter.

Floarea hatte Mühe, Interesse zu heucheln. Zu ihrer Erleichterung kamen ihr die Küchenmägde zur Hilfe, da just in diesem Moment mit dem Auftragen der Speisen begonnen wurde. Nacheinander erschienen Platten voller Köstlichkeiten auf den Tischen. Mit Petersiliensaft grün gefärbtes Lamm, karmesinrote Hühnerpasteten, mit Honigwasser bestrichener Entenbraten und ein Spanferkel, das mit lebenden Aalen gestopft war, ließen den Anwesenden das Wasser im Mund zusammenlaufen. Diesen Speisen folgten Hoden vom Wildeber, mit Rosenwasser parfümierte Hasen und blaues Morchelmus. Zudem gab es gesottene Schweinskeule mit Gurken und in Schmalz gebackene Singvögel.

Während die Mägde ihre Becher mit Rotwein füllten, zischte Julianna: »Du hast der Hofmeisterin gesagt, du warst an seinem Hof. Er ist der Gefangene des Königs. Man sagt, er ist schlimmer als der Teufel.« Sie bekreuzigte sich hastig und murmelte ein Schutzgebet.

Floarea erstarrte. »Der Teufel?«, fragte sie.

»Ja«, hauchte Julianna.

Floarea wagte kaum, die Frage zu stellen. Es durfte einfach nicht sein! Er war tot! Hatte ihre Tante ihr nicht erzählt, der König habe ihn wegen Hochverrats hinrichten lassen? »Vlad Draculea?«, brachte sie schließlich hervor.

Julianna nickte.

Der Becher mit dem Wein glitt Floarea aus der Hand und fiel mit einem lauten Scheppern zu Boden.

Julianna schlug erschrocken die Hand vor den Mund.

Floarea bemerkte die vorwurfsvollen Blicke der anderen Damen nicht. Die Luft in der Halle schien mit einem Mal zu dünn zum Atmen.

»Ist dir nicht gut?«, hörte sie Julianna wie aus weiter Ferne, bevor sie aufsprang und blindlings aus der Halle stolperte.

»Verzeihung«, stammelte sie, als sie mit einem hochgewachsenen Mann zusammenstieß und strauchelte.

Er fing sie mit einem Griff um die Taille auf. »Ist Euch das Essen nicht bekommen?«, fragte er besorgt.

Floarea schüttelte wortlos den Kopf und wollte sich von ihm losmachen.

Doch er hielt sie fest. »Ich begleite Euch nach draußen«, sagte er bestimmt. »Ihr seid weiß wie die Wand.«

Bevor Floarea protestieren konnte, schob er sie auf den Ausgang zu. Und ehe sie sich versah, befand sie sich wieder im Hof.

»Atmet tief durch und schaut mir in die Augen«, sagte ihr Begleiter.

Erst jetzt nahm Floarea ihn richtig wahr. Er war groß, rundlich und hatte ein gütiges Gesicht. Silberne Strähnen in seinem dunklen Haar wiesen darauf hin, dass er nicht mehr so jung war, wie sein glattes Gesicht vermuten ließ. Es war Galeotto Marzio, der italienische Gelehrte.

»Mir scheint, Eure Kardinalsäfte sind im Ungleichgewicht«, sagte er. »Leidet Ihr unter einer Dyskrasie?«

Floarea sah ihn verständnislos an. Auch wenn ihr das Atmen an der frischen Luft wieder leichter fiel, hämmerte ihr Herz immer noch so heftig, als wolle es aus ihrer Brust fliehen. Vlad Draculea war noch am Leben! Der Mörder ihrer Familie, der Mann, der sie auf die Burg Poenari verbannt hatte, würde bald an den Hof kommen! Sie unterdrückte ein Stöhnen. Der Alptraum, dem sie hatte entfliehen wollen, drohte erneut zur Realität zu werden. Hatte ihre Tante sie absichtlich belogen? Oder wusste Cosmina nicht, dass der König ihn verschont hatte? War sie zu solcher Grausamkeit fähig, um ihren Ehrgeiz zu befriedigen und ihre Nichte am Hof zu wissen? Floarea spürte Übelkeit in sich aufsteigen. »Bitte lasst mich ...«, stammelte sie und wandte sich von Galeotto Marzio ab.

Der ließ sich jedoch nicht abschütteln und winkte zwei Bedienstete herbei. »Bringt sie in ihr Gemach«, befahl er. »Ihr wohnt doch bei Hof?«, erkundigte er sich bei Floarea.

Sie nickte schwach.

»Ich komme mit Euch«, sagte er. »Ich bin Arzt.«

Bevor Floarea etwas einwenden konnte, schickte Marzio einen weiteren Burschen, um die Hofmeisterin zu informieren und begleitete Floarea zurück ins kühle Innere des Gebäudes. Ihre Beine gehorchten ihr kaum und sie war froh, als sie bei der Tür der kleinen Kammer anlangten, welche die Königin ihr zugewiesen hatte.

»Was ist mit ihr?«, fragte die Hofmeisterin. Sie kam mit einem ärgerlichen Gesichtsausdruck auf die kleine Gruppe zu.

Vermutlich war sie verstimmt, weil man sie von der Tafel geholt hatte, dachte Floarea.

»Sie hatte einen Schwächeanfall«, erklärte Marzio. »Ich werde mich um sie kümmern.« Sein Tonfall duldete keine Widerrede. »Schickt mir eine Magd.«

Zu Floareas Verwunderung befolgte die Hofmeisterin die Anweisung wortlos.

Wenig später kam ein junges Mädchen den Korridor entlang geeilt.

»Ihr könnt gehen«, sagte Marzio zu den Burschen. Erst als die Magd bei ihnen war, betrat er Floareas Kammer und wies sie an, sich auf das Bett zu legen.

Während er ihren Puls fühlte und der Magd auftrug, Leinentücher zu befeuchten, kämpfte Floarea gegen die Erinnerungen an, die mit überwältigender Macht durch ihren Kopf tobten.

Kapitel 7

Zwischen Bukarest und Tirgoviste, März 1463

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