Das Feigenblatt und die Geschlechtlichkeit des Lebendigen - Ulrich Kattmann - E-Book

Das Feigenblatt und die Geschlechtlichkeit des Lebendigen E-Book

Ulrich Kattmann

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Beschreibung

Ulrich Kattmann erzählt heitere und informative Geschichten aus der Biologiedidaktik. Vielfach geht es dabei um das Selbstverständnis dieser Wissenschaft. Die Geschichten beleuchten die Entwicklung in fünf Jahrzehnten und betreffen unter anderem das Verhältnis der Fachdidaktik Biologie zur Fachwissenschaft und zu den Erziehungswissenschaften.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Der Anlass

Teil: Kieler Erfahrungen

Eine Bewerbung

Qualifikationen eines Biologiedidaktikers

Curriculum, Curricula, wir sind bald weiter als Amerika

Gekeilt in der Junkernschänke

Erziehungswissenschaftliche Wende

Strukturen für den Biologieunterricht

Publizieren satt

Linke Gesinnung(en)

Unterricht angesichts der Überlebenskrise

Sexuelle Konflikte

Das Feigenblatt und die Geschlechtlichkeit des Lebendigen

Das Hamburger Bewerbungskarussell

Teil: Bewegungen in der Sektion Biologiedidaktik

Biologiedidaktiker/-innen organisieren sich

Ostkontakte

DDR-Methodiker treten bei

Keine richtige Biologie?

Wandel der Biologiedidaktiker/-innen

Auf dem Weg zur eigenständigen Wissenschaft

Zick-Zack-Kurs zwischen Theorie und Empirie

Teil: Oldenburger Ansichten und Einsichten

Einmischen in die Bezugswissenschaft

Menschenrassen gibt es nicht

Bioplanet Erde

Leitlinie Evolution

Oh, Rekonstruktion!

Ein problematisches Verhältnis

Unpassende Noten: Gar nicht ‘um kümmern!

Der passende Schlüssel: Hol mich hier raus!

Empfehlungen an die Jungen

Anhang

Liste der Sektionstagungen und Berichtsbände

Namensverzeichnis

Bildnachweise

Angaben zum Autor

Der Anlass

Den Anstoß, meine Erinnerungen zur Entwicklung der Biologiedidaktik aufzuschreiben, gab die Internationale Tagung der Fachsektion der Didaktik der Biologie 2017 in Halle an der Saale. Der Tagungsleiter, Martin Lindner, lud mich im Namen des Vorstands der Sektion ein, auf dem Gesellschaftsabend etwas Launiges und Informatives zur Geschichte der Biologiedidaktik zu sagen.

Jahre zuvor, im September 2012, hatte der Gießener Kollege, Karl-Heinz Berck, mir geschrieben, ich möge doch bitte eine Geschichte der Biologiedidaktik schreiben, die jüngeren Kolleginnen und Kollegen wüssten gar nicht mehr, wie wir, die Älteren, um die Etablierung des Faches haben kämpfen müssen. Berck gehörte bereits zu den führenden Professoren, als meine biologiedidaktische Karriere begann. Ich empfand seine Aufforderung daher als eine Ehre, habe ihm aber dennoch abgesagt. Mein Brief lautete:

„Lieber Herr Berck,

Ihr Vorschlag ehrt mich – und in der Sache haben Sie vom Inhalt her Recht. Ich fürchte nur, dass für eine ‚Geschichte der Biologiedidaktik’ kaum Interessenten zu finden sind. Die heutigen Aktiven interessieren die alten Geschichten kaum: Es geht vorrangig um Forschungsgelder.

Und da bin ich auch schon bei einem Punkt, der mich für ein solches Vorhaben – selbst wenn es auf Interesse stieße – ungeeignet macht: Ich würde vieles kritisch darstellen, was zur heutige Situation geführt hat, und das würden manche nicht verzeihen.

Der zweite Grund ist der, dass ich, obwohl jünger als die eigentlichen Gründer, an vielen Prozessen beteiligt war, und da würde manches als Selbstbeweihräucherung erscheinen, obwohl es objektiv zutrifft, was ich aber nicht schreiben sollte.

Darin liegt noch ein weiterer Grund: Zeitzeugen schreiben keine Geschichte, sondern nur Geschichten. Geschichte müsste in Quellenanalyse und Abstand durch nicht beteiligte Jüngere (nicht Jünger) geschrieben werden.

So sehr ich begrüßen würde, dass eine Geschichte oder Bilanz geschrieben würde: Ich wäre nicht der Richtige – und meine Skepsis hinsichtlich der Adressaten bliebe auch dann. So muss ich Sie also enttäuschen!

Ich habe mich jedoch sehr über Ihren Brief gefreut, zeigt er doch, dass Sie freundlich an mich denken. Ich habe meinerseits Ihre Arbeit und Ihr Urteil, wenn auch in mancher Hinsicht kritisch, sehr geschätzt.

Mit herzlichem Gruß

Ulrich Kattmann“

Nachdem ich in Halle gesprochen hatte, meinten jüngere Kolleginnen und Kollegen, Anekdoten und Begebenheiten dürften nicht verloren gehen. Statt eine Geschichte der Biologiedidaktik solle ich persönliche Erinnerungen aufschreiben. Der Vorschlag gefiel mir: Anstelle objektiver Geschichte, kann ich subjektiv ausgewählte und persönliche gefärbte Geschichten erzählen, eben meine Erinnerungen anstelle von recherchierter Historie.

Die Form der Erinnerungen erlaubt mir, Erlebtes zu schildern und meine persönliche Sichtweise auf Entwicklungen und Episoden unverstellt zu darzustellen. Meine Urteile werden nicht jedem gefallen, aber da ich ausdrücklich keine objektiv abgewogene Abhandlung liefern will, sind kritische Worte sicher leicht zu verschmerzen. Da ich auch einen Blick auf die Gegenwart und zukünftige Entwicklungen der Biologiedidaktik werfe, hoffe ich, dass meine Erinnerungen auch für diejenigen interessant sein werden, die zu jung sind, um alle in meinen Geschichten auftauchenden Personen zu kennen.

Da es meine Erinnerungen sind, kommen nicht alle Kolleg/-innen so vor, wie es in einer Darstellung der Geschichte der Fall wäre, sondern so, wie sie mir begegnet sind. Ihre Stellung in der Geschichte der Biologiedidaktik mag durchaus bedeutender sein.

Ich werde außerdem Einiges von mir erzählen, auch wenn es nicht von allgemeinem Interesse ist und nicht immer exemplarisch für die Zeit steht. Ich werde nicht streng chronologisch vorgehen, sondern nach thematischen Aspekten gliedern. Dennoch beginne ich damit, wie ich selbst zur Biologiedidaktik kam und was mich dazu qualifizierte.

Ein Motto, das besonders für den Biologieunterricht gelten sollte (entdeckt über der ehemaligen Tür einer Schule auf einer Wanderung durch das Erzgebirge).

1. Teil: Kieler Erfahrungen

Eine Bewerbung

Als junger Studienassessor (so hießen damals die Studienräte z.A.) unterrichtete ich 1970 an der Bismarckschule in Hannover, die damals ein Gymnasium für Jungen war, Biologie, Chemie und evangelische Religion. Meine beiden Fachleiter in Biologie/Chemie und Religion waren jetzt dort meine Kollegen: Zwei außergewöhnliche Menschen, die ich beide sehr geschätzt habe. Der Biologiefachleiter war Walter Brunner, ein guter Kumpel, der in seiner Jugend auf einem Walfangschiff angeheuert hatte. Seine Erlebnisse und Erfahrungen bereicherten seinen Biologieunterricht und seine Lehre am Studienseminar.

Eines Tages las ich in der „Naturwissenschaftlichen Rundschau“ eine Stellenanzeige. Ich hatte diese Zeitschrift schon als Student abonniert. Mit der Anzeige suchte das frisch gegründete Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) Mitarbeiter für die Abteilungen Biologie, Chemie und Physik. Ich nahm das Heft mit in die Schule und fragte meinen Kollegen: „Walter, was suchen die denn für Leute?“ Walter antwortete ohne Zögern: „Na, solche wie dich.“ Daraufhin habe ich mich beworben.

Es dauerte nicht lange, da bekam ich ein Telegramm des Abteilungsleiters Biologie, Gerhard Schaefer (e-mail gab es noch nicht): „Bin Montag auf Durchreise in Hannover. Ankunft 16.45 Uhr. Schlage vor Treffpunkt Bahnhofshalle. Kennzeichen Linder.“ Eine Viertelstunde vor Schaefers Ankunftszeit war ich mit dem Biologiebuch Linder in der Hand in der Bahnhofshalle. Da sah ich einen jungen Mann hin- und hergehen, in der Hand das Biologiebuch von Linder. „Verdammt“, dachte ich, „hat der noch jemanden herbestellt?“ Doch sobald der Herr mich sah, kam er auf mich zu und fragte erwartungsvoll „Herr Kattmann?“ Es war Schaefer, der schon einen Zug früher eingetroffen war. Wir setzten uns in das Bahnhofslokal. Schaefer fragte mich „Sie wissen, was wir am IPN machen?“ „Curriculumforschung.“ Diese Antwort war meine Qualifikation. Nicht viele kannten damals das Wort Curriculum. Ich hatte zufällig davon gehört. Schaefer zeigte mir von ihm entwickelte Arbeitsblätter zur Zellenlehre. Es war ein lockeres Gespräch. Nach einer Woche bekam ich einen Brief aus dem IPN: „Wir haben uns für Sie entschieden.“ Eine Anzeige, die Antwort eines befreundeten Kollegen, ein Bewerbungsbrief, ein Telegramm und eine Tasse Kaffee: Ohne Bewerbungsvortrag und Kommissionsgespräch und auch ohne besondere Qualifikation wurde ich 1970 Mitarbeiter der Abteilung Biologie am IPN.

Qualifikationen eines Biologiedidaktikers

Gab es doch etwas mehr, was mich qualifizierte, Biologiedidaktiker zu werden? Ich hatte nie einen anderen Berufswunsch, als Biologielehrer zu werden. Es ist immer noch der schönste Beruf, den ich mir denken kann – und ich bin später als Universitätsprofessor Biologielehrer geblieben.

Meine Liebe zur Biologie hat sich über Jahrzehnte selbst verstärkt, da ich Biologie nie angestrengt lernen musste: Biologiebezogenes Wissen scheint sich gleichsam in meinem Gehirn wohlzufühlen. Jedenfalls bleibt es meistens wohlorganisiert in meinem Gedächtnis haften. Ich führe diesen Umstand auf meine Kindheit und Jungendzeit zurück.

Von den Näharbeiten meiner Großmutter blieben kleine Stoffreste übrig, die in einem Karton gesammelt wurden. Diese „Flicken“ dienten mir als 4-Jähriger für ein selbsterdachtes Spiel, denn in der Kriegs- und Nachkriegszeit hatten wir nicht viele Spielsachen. Ich nahm die Stoffreste, glättete sie und legte sie sorgfältig nebeneinander auf die Lehne und die Sitzfläche des Sofas, das im Wohnzimmer stand. Dann ordnete ich die Stoffreste nach einem oder mehreren Kriterien, wie Form, Farbe und Größe, immer wieder neu, bis ich mit der gefundenen Ordnung zufrieden war. Wurde das Sofa, z. B. bei den Mahlzeiten benötigt, musste ich die Flicken schnell zusammenraffen und in den Karton tun. Die gefundene Ordnung war dahin. War das Sofa wieder frei, dann begann das Spiel von Neuem.

Ich nehme an, dass mir diese Übung später erleichtert hat, die Formen der Lebewesen wahrzunehmen und verschiedene Kriterien zu beachten, nach denen man sie ordnen kann.

So lange ich denken kann, habe ich mich für Tiere und Pflanzen interessiert. Meine Mutter habe ich oft mit Fragen genervt. Einen Dialog hat sie notiert, ich war 5 Jahre alt:

„Uli: ‚Mama, was fressen denn die Regenwürmer?‘

Mama: ‚Ach Junge, du kannst aber auch Fragen stellen! Das lernst du alles noch in der Schule.‘

Uli: ‚Hast du das auch in der Schule gelernt?‘

Mama, zögernd: ‚Ja‘

Uli: ‚Haste alles wieder vergessen, ne?‘“

Ich war allerdings kein kleiner Forscher, der sich in freier Natur herumtrieb. Ich habe vielmehr viel über Tiere gelesen. Meine bevorzugte Lektüre waren die Jugendbücher von Erich Kloss: Frühling, Sommer, Herbst, Winter im Försterhaus, Horst wird Förster. Meine Lehrerin in der dritten Klasse Grundschule rief regelmäßig ein Kind vor die Klasse, das erzählen sollte, was es erlebt hatte. Ich erzählte eine Tiergeschichte, die ich gelesen hatte. Einmal sagte Frau Fricke nach der Stunde zu mir: „Ulrich, du kannst immer so schön von Tieren erzählen.“ Dieses Lob habe ich immer noch im Ohr. Es hat mich in meinem Interesse für Pflanzen und Tiere ungemein bestärkt. Sie begegneten mir zuerst in Büchern und erst danach in der Natur.

Titelbilder der Jugendbücher von Erich Kloss

Mein zweiter Zugang zur Biologie war das Bestimmen von Pflanzen. Im Bücherschrank meines Vaters fand ich als Schüler der 5. Klasse eine alte Auflage des Bestimmungsbuchs „Schmeil/Fitschen: Flora von Deutschland“. Meine Tante warnte mich, dass es sehr schwer sei, mit diesem Buch Pflanzen zu bestimmen. Der Schlüssel war damals tatsächlich schwerer als der heutige. Ich ließ mich jedoch von einem Versuch nicht abhalten:

Auf einem Weg fand ich ein Kraut, dass ich wegen der knallgelben Blüten für eine Hahnenfuß-Art hielt. Ich folgte dem Bestimmungsschlüssel für Kräuter und landete überraschend bei Rosengewächsen. Ich musste einen Fehler gemacht haben und fing noch einmal an, kam wieder zu Rosengewächsen, ging zurück, das Ergebnis war wieder dasselbe: Rosengewächse. Also versuchte ich es voller Skepsis mit Rosengewächsen, wo mich der Bestimmungsschlüssel zu Fingerkraut und dann zu Gänsefingerkraut führte.

Die Beschreibung der Pflanze passte zu der, die ich vor mir hatte. Ich war beinahe überzeugt, dass ich richtig bestimmt hatte, aber nur beinahe. Ich war nicht sicher. Ich musste mich vergewissern, wie das Gänsefingerkraut aussieht. So schöne Bilderbücher, wie sie heute verbreitet sind und jetzt auch in meinem Bücherschrank stehen, gab es damals noch nicht. Ich hatte jedenfalls keins. Also suchte ich in allen möglichen, für mich greifbaren Büchern nach einer Abbildung vom Gänsefingerkraut. Schließlich fand ich eine schwarz/weiß-Strichzeichnung im fünfbändigen Brockhaus-Lexikon meiner Eltern. Ich verglich die Abbildung mit meiner Pflanze und suchte bei ihr alle Merkmale, die der Zeichner mit seinem Bild wohl gemeint haben könnte. Nun war ich sicher, dass ich richtig bestimmt hatte. Meine erste bestimmte Pflanze war tatsächlich das Gänsefingerkraut (Potentilla anserina).

Gänsefingerkraut: 1952 bestimmt (1974 fotografiert) und das im Lexikon gefundene Bild

Bei Botanikern ist das Bestimmen von Pflanzen nach Bilderbüchern im Allgemeinen als zu unsicher verpönt. Das hat einen wahren Kern, da bei diesem Vorgehen die Bilder und die Merkmale der Pflanzen häufig nur oberflächlich betrachtet werden. Die Bestimmungsschlüssel sind für das Erwerben von Artenkenntnissen jedoch kaum geeignet. Sie führen bei sorgfältiger Anwendung zwar sicher zur Pflanzenart, aber man erhält nur einen Namen und buchstäblich kein Bild von der Pflanze. Ohne weitere Übung bleibt keine zutreffende Vorstellung von der Pflanze im Gedächtnis. Weil ich mich anhand von Bildern vergewissern wollte, ob ich richtig bestimmt hatte, musste ich die Pflanze wie auch das Bild der Pflanze genau betrachten und prägte mir dabei die Merkmale ein. Ich bin überzeugt, dass diese Übung dazu beigetragen hat, dass ich heute Pflanzen nach Bildern ebenso zuverlässig bestimmen kann wie nach einem Schlüssel. Man sollte das Bestimmen nach Bildern also nicht verachten. Es will vielmehr gelernt sein.

Im Biologiestudium wurden wir angehalten, die lateinischen Namen der Pflanzen zu lernen. Deshalb fallen mir auch heute häufig die lateinischen Namen von Pflanzen zuerst ein. Das Lernen dieser Namen wurde damit begründet, dass sie im Gegensatz zu den deutschen wissenschaftlich verbindlich und international dieselben seien, sodass wir uns mit ihnen stets und überall zuverlässig über Pflanzenarten verständigen könnten.

Diese Versprechen werden nicht in jedem Fall eingelöst. Meine Erstbestimmung heißt deutsch auch heute noch unverändert Gänsefingerkraut, aber der lateinische Name wechselte von Potentilla anserina zu Argentea anserina, weil man die Pflanze aus der Gattung Potentilla herausgenommen und ihr eine eigene gegeben hat. Das umgekehrte Schicksal hat die von mir im Studium in Göttingen an einem Straßenrand bestimmte Pfeilkresse Cardaria draba, die in die Gattung der Kressen gesteckt wurde und jetzt Lepidium draba heißt. Ein weiterer Fall ist die auf der ersten Wanderung mit meiner Frau mir lieb gewordene Kronwicke Coronilla varia, die nun Securigera varia genannt wird. Namen haben einen emotionalen Aspekt. Will man es mir verdenken, dass mir weiterhin nur die vertrauten alten Namen einfallen?

Bei der Ordnung von Pflanzen orientieren sich Menschen gern und vorwiegend an der Blütenfarbe. Auch mich hatte sie beim Bestimmen des Gänsefingerkrauts zunächst auf die falsche Fährte gelockt. Wegen der gelben Blüte glaubte ich, eine Hahnenfußart vor mir zu haben und fing deshalb dreimal von Neuem mit dem Bestimmen an. Wie sehr die Blütenfarbe über die Zusammengehörigkeit von Pflanzen irreführen kann, zeigt die folgende Episode aus meiner Lehrtätigkeit an der Universität Oldenburg:

Ich führte regelmäßig eine Exkursion für Biologiestudierende zum Dümmer durch.1 Im Vorbereitungsseminar wollte ich die Teilnehmer/-innen mit ein paar charakteristischen Pflanzen bekannt machen. Ich zeigte Dias vom Wiesen-Schaumkraut, von der Seefeder und vom Fieberklee. Daraufhin meldete sich eine Studentin und fragte: „Gehören die alle zur gleichen Familie?“ Verblüfft fragte ich zurück: „Wie kommen Sie d'rauf?“ Antwort: „Die haben alle dieselbe Blütenfarbe.“ Ich konnte mir nicht verkneifen zu bemerken: „Sie haben Recht, das sind alles Rosaceen.“ Das Gelächter der Teilnehmer/-innen zeigte, dass mein Scherz, jedenfalls bei den meisten, angekommen war. Ich habe dann noch erläutert, dass die Blütenfarbe keine Auskunft über die Verwandtschaft von Pflanzen gibt, sondern der Bau der Blüten.

Wiesenschaumkraut Seefeder Fieberklee Wegen der Blütenfarbe vermeintlich zur selben Familie gehörend

Zu den Qualifikationen eines Biologiedidaktikers gehört gewiss auch ein großes Maß an gesellschaftspolitischem Engagement. Meine Schulung darin begann als Schüler in Hannover, als im April 1957 die Bewegung „Kampf dem Atomtod“ entstand. Anlass war der Plan, die gerade erst aufgebaute Bundeswehr mit Atomwaffen auszurüsten. Das Vorhaben wurde von dem damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef-Strauß verfolgt und von Bundeskanzler Konrad Adenauer unterstützt. Der meinte, die taktischen Atomwaffen (bei denen jede Granate die Wirkung der Atombombe von Hiroshima hat) sei nur eine „Fortentwicklung der Artillerie“. Als 18 Göttinger Professoren, darunter der Entdecker der Kernspaltung Otto Hahn sowie die Atomphysiker Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker, vor der verheerenden Wirkung warnten, erklärte Adenauer: „Die Herren haben keine Ahnung.“

Die Verharmlosung der Atomwaffen durch amtliche Stellen war allgemein verbreitet. In einer Broschüre mit dem Titel „Jeder hat eine Chance“ wurde empfohlen, sich gegen die Wirkung einer Atombombenexplosion mit Hilfe einer über den Kopf gelegten Aktentasche zu schützen Im Radio wurde dieser Vorschlag kabarettistisch kommentiert, indem nach der Chan-Chan-Melodie aus Jaques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ gesungen wurde: „Fällt die Welt in Schutt und Asche, bleibt dir doch die Aktentasche, Lederwar'n aus Offenbach, ... ...“

Broschüre des Zivilschutzes zum Verhalten bei Atomangriffen, die 1957 an alle Haushaltungen verteilt wurde: Eine Aktentasche soll schützen.

Ich habe an Protestmärschen und Kundgebungen teilgenommen und dabei mein politisches Vorbild, den späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann, kennengelernt.

Auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung gegen die Aufrüstung wurde 1983 ein Heft zum Thema „Frieden“ publiziert. Aus Heinemanns Antrittsrede als Bundespräsident stammt der wegweisende Satz zu Krieg und Frieden, der mich zum Untertitel des Heftes anregte.2

Gustav Heinemann (1969): „Nicht der Krieg ist der Ernstfall, in dem ein Mann sich zu bewähren habe, sondern der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir uns alle zu bewähren haben.“

Das Studium der Biologie in Göttingen hat mich biologiedidaktisch nicht qualifiziert. Es gab damals überhaupt keine biologiedidaktischen Veranstaltungen. In der Bibliothek fand ich die Biologiedidaktik von Werner Siedentop, das war das erste Buch, das Biologiedidaktik für den Unterricht an Gymnasien behandelte3. Ich schlug es neugierig auf, stöberte etwas darin, klappte es zu und dachte bei mir: „Damit kannst du nichts anfangen.“

Das Nachfolgebuch der Biologiedidaktik im selben Verlag war im Wesentlichen von Gerd Mostler gestaltet.4Mostler war mein Biologielehrer in Hannover. Er machte aus heutiger Sicht traditionellen Biologieunterricht. Es war gute Hausmannskost. Mostler zeichnete sich nicht durch originelle Ideen aus, sondern durch solides Wissen. Er genoss durch seine Kompetenz und sein überlegtes Auftreten große Autorität im Kollegium der Schule und bei seinen Schülern. Später wurde er für die Ausbildung der Gymnasiallehrer/-innen als Professor für Biologiedidaktik an die Tierärztliche Hochschule Hannover berufen.

Auch Mostlers Mitautoren haben eine Rolle in der damaligen Biologiedidaktik gespielt. Günther Meyer war Fachleiter und Mitherausgeber der Zeitschrift „Unterricht Biologie“ sowie Mitautor beim Schulbuch „Kennzeichen des Lebendigen“5, Dieter Krumwiede war (als Nachfolger von Gerhard Schaefer) Schulreferent des VDBiol. Er war ein auf experimentellen Biologieunterricht festgelegter Gymnasiallehrer. Biologie war für ihn vor allem Physiologie. Wohl weil ich die Beziehung der Biologie zu gesellschaftlich relevanten Fragen herausstellte, Sexualpädagogik für den Biologieunterricht verfocht und Unterrichtsentwürfe im Überschneidungsfeld von Biologie und Religion publiziert hatte, äußerte er gegenüber einem Kollegen: „Der Kattmann, der macht ja so eine komische Biologie.“

Curriculum, Curricula: Wir sind bald weiter als Amerika

Das IPN ist 1966 als deutscher Nachzügler des Sputnikschocks gegründet worden. Sputnik (russisch Begleiter) war von der Sowjetunion 1957 als erster künstlicher Satellit in eine Umlaufbahn um die Erde geschossen worden. Die westliche Welt war schockiert über den Erfolg der feindlichen Gegenseite und sah sich in der Gefahr, im Wettlauf mit der Sowjetunion technologisch zurückzubleiben. Um wissenschaftlich und technisch aufzuholen bzw. im Wettkampf der Systeme zu bestehen, sollte der naturwissenschaftliche Unterricht schnell und nachhaltig gefördert werden. Exzellente Fachwissenschaftler, darunter Nobelpreisträger, fühlten sich berufen, den Biologieunterricht neu zu gestalten.6 In den USA wurde bereits