Das Größenwahn Märchenbuch - Brigitte Münch - E-Book

Das Größenwahn Märchenbuch E-Book

Brigitte Münch

4,3

Beschreibung

Im Dezember 1812 erschien das erste Märchenbuch der Gebrüder Grimm. 200 Jahre später fragte sich der Größenwahn Verlag, was wohl aus den Märchenfiguren geworden wäre, lebten sie noch heute. Daraus entstand die Idee, einen Wettbewerb auszuschreiben und auf die Suche nach neuen Märchen zu gehen. Welche Geschichten würden Autoren von heute erfinden? Wie sieht ein neues, modernes Märchen unserer Zeit aus? Die besten Märchen des Wettbewerbs sind in diesem Buch gesammelt und zeugen von wundersamen Begebenheiten, von Königen, Weisen und Feen, Zauberern und Hexen, verwunschenen Tieren, und von kleinen und großen Menschen, die zu Helden aufsteigen. Es werden alle bekannten Register gezogen und alle Regeln verletzt, natürliche und übernatürliche Kräfte müssen her, Zaubersprüche werden neu formuliert und magische Suppen gekocht. Tage und Nächte werden vergehen, Schwierigkeiten überstanden, Rätsel gelöst, um am Ende das Gute als Sieger zu küren. Die Jury bestand aus dem Märchen- und Grimmexperten Prof. Dr. Heinz Rölleke, Dr. Hanna Dose (Leiterin des Märchenmuseums Bad Oeynhausen), Heike Ließmann (Programm-Redakteurin beim hr2 Radio Kultur), Ute Petkakis (Leiterin der Bibliothek des Goethe Instituts in Thessaloniki), Hans-Jürgen Heine (Mitbegründer des Café Größenwahn), Edit Engelmann (Lektorin beim Größenwahn Verlag) und Sevastos P. Sampsounis (Verleger, Größenwahn Verlag). Es war nicht immer leicht eine Entscheidung zu treffen, aber schlussendlich hat sich die Jury für genau diese Märchen aus den zahlreichen Einsendungen entschieden, weil hier die Fantasie der Autoren lebendig, eigenartig, einzigartig und "märchenhaft" war.

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Das Größenwahn Märchenbuch · Band 1 | Reihe: Es war einmal …

Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2013© Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Sewastos Sampsounis, Frankfurt 2013www.groessenwahn-verlag.deAlle Rechte vorbehalten.ISBN: 978-3-942223-30-0eISBN: 978-3-942223-48-5

Edit Engelmann (Hrsg.)

Das Größenwahn Märchenbuch

Band 1

IMPRESSUM

Das Größenwahn Märchenbuch

Band 1

Reihe: Es war einmal …

Herausgeberin

Edit Engelmann

Illustrationen

Marti O´Sigma

Seitengestaltung

Größenwahn Verlag Frankfurt am Main

Schriften

Constantia, Lucida Calligraphy

Covergestaltung

www.hasenstein-DESIGN.eu

Coverbild

Marti O´Sigma: ›Der Zauberbaum‹

Lektorat

Alexandra von Streit

Größenwahn Verlag Frankfurt am Main

November 2013

ISBN: 978-3-942223-30-0

eISBN: 978-3-942223-48-5

INHALT

PROLOG

ANNE D. PLAU

DIE OFFENE RECHNUNG

PHILIPP SCHMIDT

SAMI UND DIE TRÄUME

BRIGTTE MÜNCH

DORNROSERICH

PETRA FRIEDEL

DES ALTEN SCHREINERS REISE IN DIE NEUE ZEIT

WILFRIED VON MANSTEIN

DIE TIERISCH-KRASSE BREMER ROCKBAND

BRITTA VOSS

DER FROSCH

IRIS CLAS

ERLEBNISSE IM WILDROSENSCHLOSS

GELI AMMANN

INTERVIEW MIT ASCHENPUTTEL

LILLY FRIEDSTEIN

DIE KLEINE WOLKE

BRIGITTE MÜNCH

WUMBAS LANGER WEG

BETTINA HACKELSPERGER

DIE SELBSTLOSE MARIE

FRANZISKA JOHANNA SCHRÖRS

DIE GRIMMIGEN MÄRCHEN

ANDREW B. THEBEN

EPILOG

DIE JURY

BIOGRAPHISCHES

PROLOG

Anne D. Plau

Als Marie im siebten Monat schwanger war, entdeckte sie auf dem Dachboden ihr altes Märchenbuch. Es hatte sich in einem abgeschabten Pappkoffer versteckt. Inmitten zitronengelber und rosafarbener Strampelanzüge lugte das betagte Buch hervor. Das Knistern beim Umblättern der vergilbten Seiten bewirkte bei Marie eine angenehme Gänsehaut. Sie spürte eine vertraute Nähe und vermeinte den Duft ihrer Mutter, auf deren Schoß sie beim Vorlesen immer gesessen hatte, wahrzunehmen. Eines Abends in ihrem Daunenbett liegend, dachte die schwangere Frau: Wird mein Kind Märchengeschichten einmal genauso lieben wie ich?

Der nächste Morgen war windig und kalt. Kein Wetter zum Rausgehen. Vor dem Kamin in eine Decke gehüllt, fiel ihr Blick auf das wiedergefundene Märchenbuch. Sie begann zu lesen. Zuerst ganz still für sich, doch als das Baby heftig in ihr zu strampeln begann, erhob sie beruhigend ihre Stimme: »Es war einmal …« Von diesem Zeitpunkt an wurde es für Marie zum Ritual, jeden Abend dem ungeborenen Kind aus ihrem Märchenbuch vorzulesen. Jedes Mal, wenn sie das Buch weglegte, schliefen beide verträumt ein.

Nach genau zwei Monaten meldete sich das Baby, um auf die Welt zu kommen. Es wurde eine sehr schwere Geburt. Marie und ihr Baby ermatteten zunehmend. Die Herztöne des Ungeborenen wurden schwächer. Die drei Ärzte schüttelten besorgt die Köpfe. Aufgeregt stieß der werdende Vater die Reisetasche seiner Frau um, das alte Märchenbuch fiel heraus. Marie spürte, dass dies kein Zufall sein konnte – mit leiser, beruhigender Stimme begann sie ihrem ungeborenen Kind zu erzählen, Märchen um Märchen.

Die Situation entspannte sich. Das Kind wurde gesund geboren. Als das kleine Mädchen zum ersten Mal im Arm der Mutter seine tiefblauen Augen öffnete, glaubte Marie zu hören, wie ihr Töchterchen mit klarer Stimme wisperte: »Es war einmal …«

So begann ein zauberhaftes Leben.

DIE OFFENE RECHNUNG

Philipp Schmidt

Die Hexe rieb sich müde die Augen. Sie reckte und streckte die Glieder. Ihr verschlafener, vom grauen Star getrübter Blick glitt durch die Stube. Die Kochstelle war unaufgeräumt, überall ungewaschene Töpfe, Bratpfannen und Schöpfkellen, offene Tinkturen und liegengebliebene Zutaten, welche einen beißenden Geruch verströmten. Die kleine Essgruppe in der Nische befand sich in einem vergleichbaren Zustand. Ihr Rabe auf der Stange öffnete geräuschlos seinen Schnabel. Sie besah den leeren, offenstehenden Stall und das gähnende Loch des Ofenrohres daneben. Beim Anblick des Ofens und der damit einhergehenden Erinnerung schüttelte sie ein heftiger Hustenanfall.

»Diese verfluchten Bälger«, sagte sie heiser zu sich selbst, als der Husten allmählich abklang. Sie hatten sie an der langen, krummen Nase herumgeführt und ihr richtig übel mitgespielt.

Dass man Hexen mit Feuer töten könne, war nichts als ein altes Märchen, welches die Hexen selbst in die Welt gesetzt hatten. Nichtsdestotrotz war ihre eigene Bekanntschaft mit den Flammen eine grauenvoll schmerzhafte Erfahrung gewesen – seither wurde die Hexe von Panikattacken und Zwangsvorstellungen verfolgt. Und wer weiß, wie lange die lodernde Glut sie noch gequält hätte, wäre nicht der Vater jener verfluchten Kinder vorbeigekommen, um nachzusehen, ob sie, die Hexe, ihren Teil des Abkommens erfüllt hatte. Wie enttäuscht war der gute Mann gewesen, als er erfahren musste, dass seine nichtsnutzigen Sprösslinge entkommen waren.

Der Vater hatte sie seinerzeit um einen weiteren Versuch gebeten, doch sie hatte abgelehnt - zwar zähneknirschend, denn nichts ist für eine Hexe demütigender, als ein Scheitern einzugestehen. Jedoch, sie wollte diesen kleinen heimtückischen Biestern niemals wieder begegnen. Sollte der Vater sich mit seiner Brut selbst herumschlagen. Immerhin hatte sie ihn an die Adresse eines stets hungrigen Wolfes verweisen können. Aber nach allem, was die Raben so krähten, machte auch Isegrim gerade eine bittere Zeit durch, nachdem ihm so ein Gutmensch-Glücksritter den Bauch aufgeschlitzt hatte, um einem Mädchen zu imponieren.

Der alte, geschundene Rücken knackte bedenklich, als die Hexe sich aus dem Bett hievte. Sie tastete nach ihrem Stab und zog sich an ihm hoch. Nach zwei unsicheren Schritten blieb sie stehen. Ihr schwindelte, die Hand am Knauf des Stabes zitterte.

»Beruhige dich, die Kinder sind längst über alle Berge und können dir nichts mehr anhaben«, rezitierte sie im Geist ihr Mantra, während sie sich den Weg zur Kochstelle freikämpfte. Dort lagen ihre Beruhigungsplätzchen: destillierter Fledermauskot, vermengt mit Kröteneiern, Spinnenbeinen, Mehl, einer Prise Zucker und Teufelshefe - bitter und modrig am Gaumen, aber das einzige, was ihren Nerven half. Sie spülte die trockenen Brocken mit ihrem letzten Vorrat an Jungferntränen hinunter und wartete auf die Wirkung.

Sie musste nicht lange harren. Bald schon fand sie sich in ihrem Lieblingstraum wieder. Jung und vital tanzte sie auf dem Blocksberg. Sie war bei weitem nicht die Schönste, aber ihr Reigen war der wildeste, und so winkte der Bocksbeinige sie zu sich. Verführerisch lächelte sie ihm zu ...

»Aufmachen«, verlangte er und seine Hörner wippten im Takt der Trommel.

Sie verstand nicht. »Was? Wer? Wie? Wo?«

»Aufmachen!« Es hämmerte gegen die Türe.

Sie musste ohnmächtig geworden und gestürzt sein. Mühsam raffte sie sich vom Boden auf und sah durch das schmierige Guckloch. Ein in die Jahre gekommener, aber immer noch stattlicher Mann stand da auf ihrer Schwelle. Grüne Jägerstracht, Federhut, roter Ziegenbart. Sie kannte ihn, sie kannte ihn nur zu gut. Wenn man mit dem Teufel spricht ...

Sie hatte nicht vor, ihn einzulassen. Das Hämmern gab er bald auf. Den nächsten Hustenanfall unterdrückend, harrte sie geräuschlos aus, bis sie hörte, wie sich seine Schritte auf der knarzenden Veranda entfernten. Geschafft! - doch sie wusste, er würde wieder kommen und keine Ruhe geben, ehe die zwischen ihnen offene Rechnung nicht beglichen war. Zwei Seelen pro Jahr, so lautete der Pakt. Und sie war fünf im Rückstand, sechs, wenn er den greisen Schafhirten vom nächstgelegenen Weiler nicht gelten lassen wollte. Diesen hatte sie zwar ordnungsgemäß erdrosselt, aber er hätte ohnehin in dieser Nacht das Zeitliche gesegnet.

Sie musste sich etwas einfallen lassen. Unter Aufbietung ihrer gesamten Kräfte brühte sie eine Kanne Sumpfdottertee auf, schenkte sich eine Tasse ein und rückte den bequemen Sessel an das niedrige Tischlein in der Ecke. Seufzend ließ die Hexe sich nieder.

Sie zog das schmutzige Tuch von ihrer magischen Kugel, sprach die alte Formel und wartete. Der kalte Stein wurde zuerst milchig weiß, dann zogen bläuliche Schwaden vorüber, zuletzt sah sie, was sie zu sehen erbeten hatte: Die Geschwister Hänsel und Gretel, die einzigen Todeskandidaten, die ihr jemals entkommen waren. Mit Aha- und Oho-Lauten verfolgte sie den Werdegang ihrer beiden Widersacher. Die kesse Gretel war zu einem üppigen Fräulein herangewachsen, hatte den reichen Müllerssohn gewiss nicht aus Liebe geheiratet und verstand sich auf nichts anderes, als ihm jedes Jahr ein neues Kind zu werfen. Der breitschultrige Hänsel war wie alle Nichtsnutze und Tunichtgute beim Militär gelandet. Gerade jedoch befand er sich auf Heimaturlaub bei seiner Schwester. Gemeinsam saßen sie in der Müllerstube und unterhielten sich.

»Zauberkugel, Weltentor,

lausche eifrig, sei mein Ohr.«

Und tatsächlich: Kaum hatte die Hexe die Worte gemurmelt, als auch schon die ersten Gesprächfetzen aus der Kugel zu ihr drangen:

»Ich habe vernommen, unsere alte Freundin, die Hexe, ist noch am Leben, sie soll letzten Herbst einem Hirten den Hals umgedreht haben.«

»Wirklich?«

»So sagt man.«

»Dann wollen wir ihr doch einen Besuch abstatten ...«

Die Hexe verschluckte sich; das restliche Gespräch ging in ihrem heftigen Würgen und Husten unter. Sie wollten hier herkommen, um ihr den Rest zu geben! Panik stieg in ihr auf. Sie wollte schon nach den Plätzchen greifen, besann sich aber gerade noch. Ein kühler Kopf war jetzt oberste Priorität. Verflucht! Sie hatte nie hauptberuflich Hexe werden wollen, ihre Leidenschaft hatte immer schon dem kreativen Backen gegolten. Aber nein, sie hatte ja das verlockende Angebot des Spitzbartes annehmen müssen. Für alle Zeiten würde sie die besten und schönsten Leckereien backen können – das hatte er ihr versprochen. Aber was nutzte ihr das Knusperhäuschen, ihr opus magnum, wenn diese Gören zurückkamen, um ihr den Garaus zu machen?

Womöglich würde es ihr ja nun gelingen, diese Plagen Hänsel und Gretel aus dem Weg zu räumen. So konnte sie einerseits die alte Schmach bereinigen, zum anderen sich fortan wieder ohne chronische Angstanfälle aus der Türe wagen! Doch wie sollte sie das anstellen? Sie war eine Hexe – und das beileibe nicht nur dem Titel nach. Sie hatte in ihrem langen, langen Leben vieles von den schwarzen Künsten erlernt. Sie konnte Liebeszauber weben, die Milch des ganzen Landstriches sauer werden lassen, Missgeburten verursachen und mit genügend Vorbereitungszeit sogar zweiköpfige Kälber auf die Welt kommen lassen. Lauter mächtige und unter bestimmten Umständen nützliche Kräfte, aber nichts davon würde ihr bei einem Handgemenge mit Hänsel und Gretel helfen.

Ah! Rumpelstilzchen! Das war es! Das Rumpelstilzchen musste ihr einfach beistehen. Sie hatte ja noch etwas gut bei ihm. Immerhin hatte sie ihm Zuflucht gewährt, nachdem jene biestige und verlogene Königin Rumpelstilzchens wahren Namen in die ganze Welt hinausposaunt hatte.

Sogleich kritzelte sie eine Nachricht an den alten Bekannten auf einen Fetzen Pergament, band diesen an den Fuß des Raben und entließ ihren schwarz gefiederten Freund durch das Fenster in die Lüfte.

Tags darauf hockten die beiden Kumpane bereits gemeinsam am warmen Kamin und schlürften Blutsuppe, während die Hexe erklärte, worum es ging. Der Kobold lauschte der Geschichte bis zum Ende, um dann verdrießlich den Kopf zu schütteln. Schließlich begannen sie, einen Plan auszuhecken. Heraus kam die Entscheidung zu einem ebenso schlichten wie erfolgversprechenden Vorgehen.

Am späten Nachmittag des folgenden Tages war es so weit. Das Geschwisterpaar zog, ein Lied trällernd, vor das Hexenhaus.

»Knusper, Knusper, Knäuschen, wir knuspern an dei‘m Häuschen«, rief Hänsel gehässig und trat dabei so heftig an den Zuckerguss der Veranda, dass das morsche Gebälk darunter splitterte.

Die Hexe nahm ihren ganzen Mut zusammen, baute sich – soweit es der Buckel gestattete – zu voller Größe auf und öffnete die Tür mit einem Ruck.

»Ihr!« rief sie hasserfüllt.

Kurz erschraken die beiden, dann machten sie sich kampfbereit. Ihre Körper spannten sich an, Hänsel senkte angriffslustig die breite Stirn, und Gretel stieß ein Fauchen aus. Da ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die einstige Feindin gerichtet war, sprang der Kobold unbemerkt hinter seinem Verschlag hervor und zog ihnen blitzschnell einen Balken über die vermaledeiten Schädel. Erst sackte Hänsel in sich zusammen, danach folgte seine Schwester.

»Gute Arbeit«, lobte der grüne Jäger mit dem roten Spitzbart wenig später, als sie gemütlich zu dritt auf der Veranda saßen. Kurz schauderte die Hexe bei dem Anblick ihres runzligen Gesichts, das sich in den Augen des Teufels spiegelte. Das war sein Wesen: In den Augen des Teufels sah man immer sein wahres Ich.

»Wisst ihr was«, sprach der große Verführer weiter, »ich erlasse euch die Schulden, wenn ihr von nun an zusammenarbeitet ...«

Zwar liebäugelten Rumpelstilzchen und die Hexe mit dem schon längst überfälligen Ruhestand, aber so ein Angebot war schwerlich auszuschlagen. Wie der Teufel die beiden beim Überlegen beobachtete, konnte er ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Denn obgleich er Anbaumaßnahmen eingeleitet hatte, platzte die Hölle momentan noch aus allen Nähten, und er hatte beim besten Willen keine Ahnung, wo er die beiden standesgemäß hätte unterbringen sollen.

»Was soll’s …«, der Kobold lenkte zuerst ein, »man muss sich auch mal selbst überraschen«, sagte er und zog dabei eine freudig-böse Grimasse.

Nach kurzem Zögern nickte auch die Hexe.

»Fein, fein!« rieb sich der grüne Jäger die Hände. Die zwei Genossen waren alt und grau, aber er hatte, abgesehen von der höllischen Platznot, ein gewisses sentimentales Verhältnis zu den beiden.

Die Hexe räusperte sich. »Darf ich euch bitten, noch zum Essen zu bleiben? Im Ofen schmoren bereits zwei saftige Braten ...«

Schon stieg ihnen ein betörender Duft in die Nase. Welch Wohltat! Hänsel und Gretel hatten endgültig ausgeknuspert.

Der Teufel feixte, der Kobold kicherte, und die Hexe gackerte lauthals ein befreites Lachen.

Guter Dinge blickten alle drei in das rote Licht der sterbenden Sonne. Eine neue Nacht hatte begonnen.

SAMI UND DIE TRÄUME

Brigitte Münch

Sami trank seine Frühstücksmilch und ärgerte sich. Schon wieder hatte er heute Nacht so was Langweiliges geträumt, das verdarb ihm jedes Mal den Morgen.

»Warum kann man sich seine Träume nicht selber aussuchen?«, brummte er vor sich hin.

Ja, wenn das ginge ... dann würde er fesselnde Abenteuer wählen, noch viel aufregendere als im Fernsehen, und in denen wäre er der Held! Er würde über die Dächer der Stadt fliegen, mit langen Degen alle Feinde in die Flucht schlagen und die kleine Tina von nebenan aus der Gefahr retten. Aus welcher? Nun ja ... bestimmt würde sie in seinem Abenteuertraum in eine schlimme Gefahr geraten, aus der nur er allein sie befreien könnte. Und dann würde sie endlich merken, was für ein toller Junge da nebenan wohnt, und ihn bitten, ihr Freund zu werden.

Sami seufzte. Er wusste ja, wo die Träume herkommen: Sie wachsen irgendwo auf einem riesigen Baum, und der Nachtvogel Karuan, der siebenmal so groß wie ein Adler ist, pflückt und bringt sie, wenn man schläft. Das wusste er von seiner Großmutter, die es ihm erzählt hatte – und sie hatte es wiederum einst von ihrer Großmutter erfahren. Doch niemand weiß, wo der Baum der Träume steht, kein Mensch bekommt ihn je zu Gesicht. Nur der Nachtvogel kennt den Platz; er allein ist Herr über ihn.

Sami brütete vor sich hin. Und plötzlich kam ihm eine Idee. »Überlisten muss man den Karuan«, dachte er, »das kann doch nicht so schwer sein!« Er stand auf, ging zum Fenster hinüber und blickte in den klaren, blauen Morgenhimmel hinauf. Dann begann er, einen Plan für die nächste Nacht zu schmieden.