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Hamburg ist Deutschlands Tor zur Welt und eine pulsierende Metropole. Das Leben in Hamburg ist von atemberaubender Farbenpracht, hier hat wohl alles seine Spuren hinterlassen, was den Menschen jemals eingefallen ist. Von großartigen Bauwerken bis hinauf zu den höchsten Gipfeln der Kultur, von politischen Abgründen bis hinab in die dunkelsten Sümpfe des Rotlichtmilieus, von Traumschiffen bis zu altehrwürdigen Parkanlagen, von Fleeten und Containerterminals, von Visionären und skurrilen Hamburger Originalen bis hin zu den unverwechselbaren Spezialitäten aus Hamburgs Kochtöpfen. In Hamburg fliegt der Airbus hoch hinaus, und der Elbtunnel führt tief hinab – dieses Buch nimmt Sie mit auf eine unterhaltsame Entdeckungsreise durch die luftigen Höhen und die dunklen Abgründe der Hansestadt.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Almut Irmscher
Das Hamburg-Lesebuch
Impressionen und Rezepte aus der Hafenmetropole
Inhalt
Einführung
Hummel Hummel – Mors Mors!
Franzbrötchen
Willkomm-Höft – DJs am Ufer der Elbe
Spargel mit Holsteiner Katenschinken und Zitronen-Riesling-Hollandaise
Von Lügnern, Spaßvögeln und Reisenden – die Hafenrundfahrt
Fischbrötchen nach Art der St.-Pauli-Landungsbrücken
Ein Wahrzeichen für das Tor zur Welt – die Elbphilharmonie
Hamburger National – ein Steckrübeneintopf
Keine Panik im weißen Schloss – das Hotel Atlantic
Gestovte Schnippelbohnen mit Frikadellen
Hoppla, jetzt komm‘ ich! – Hans Albers
Birnen, Bohnen und Speck
Beatlemania – die Pilzköpfe in Hamburg
Mexikaner – der Kultdrink vom Kiez
Auf der Reeperbahn nachts um halb eins – ein Besuch auf dem Kiez
Rundstück warm
Krieg der Fische – auf dem Sonntagsmarkt von Altona
Heringssalat Hamburger Art
Staatsgewalt und Widerstand – die Hafenstraße
Ochsenschwanzsuppe
Hamburg von unten – der alte Elbtunnel
Hamburger Braune Kuchen
Der Spiegel ist ein gutes Blatt – les‘ ich jeden Samstag!
Plume un Klüten
Räuber, Fährleute und Villen pracht – ein Ausflug nach Blankenese
Bickbeersupp mit Schnee-Eiern
Flieger, grüß mit die Sonne – Airbus in Finkenwerder
Finkenwerder Ewerscholle
Schwimmende Städte – Kreuzfahrer zu Gast in Hamburg
Hamburger Frische Suppe
Suppe, Brei und Mus – Köstlichkeiten aus Hamburg
Hamburger
Menschen im Zoo – Carl Hagenbeck
Hamburger Rode Grütt
Der Teufel steckt im Detail – das Miniatur Wunderland
Hamburger Frühlingsbote – ein Spargel-Carpaccio
Michel und die Stufen – ein Blick von St. Michaelis
Plockfinken
Hakuna Matata – der König der Löwen
Hamburger Hummersuppe
Reden, wie der Schnabel gewachsen ist – das Ohnsorg-Theater
Hanseaten
Dora und die Aktivisten – vom Tanzpalais zur Roten Flora
Hamburger Dörrobstcreme
Hamburg, meine Perle – auch die Dinosaurier des Fußballs sterben aus
Grünkohlsuppe mit Räucheraal
Von Heimat und Wahlheimat – Siegfried Lenz
Schweinefilet Hamburger Art
Als Klein Erna mit der Zitronenjette den Aalweber traf – Hamburger Originale
Großer Hans
Alte Herren und bunte Blumen – ein Spaziergang durch Hamburg
Pannfisch
Drei Juden und eine griechische Göttertochter – das Thalia Theater
Hamburger Schmalzgebäck
Herr der Brücken – Wege übers Wasser und hoch durch die Luft
Stubenküken mit Kartoffeln und Spinat
Abschied mit alten Kähnen – Museumsschiffe in Hamburg
Das letzte Wort
Danksagung
Karte
Bilder
Ich liebe Hamburg. Deshalb zieht es mich fast jedes Jahr wieder dorthin. Es ist so vielfältig, so pulsierend, spannungsgeladen und kosmopolitisch, wie es nur eine Hafenstadt sein kann. An jeder Ecke gibt es hier etwas zu entdecken, und immer wieder überraschen mich völlig unerwartete neue Aspekte. Es ist Deutschlands Tor zur Welt, und das gibt Hamburg eine einzigartige Stellung unter unseren Großstädten.
Der bloße Gedanke an Hamburg weckt unwillkürlich Assoziationen: der Hafen, die Reeperbahn, der Fischmarkt, Hans Albers... Ein prägendes und traumatisierendes Ereignis war die große Sturmflut von 1962, die dazu geführt hat, dass die Stadt den Flutschutz endlich ernst nahm. Außerdem hat die Flutkatastrophe dem damaligen Innensenator der Freien und Hansestadt sowie gebürtigen Hamburger Helmut Schmidt zu seinem ersten großen Auftritt als Krisenmanager verholfen, und er konnte zeigen, was in ihm steckt. Denn alle anderen hatten an diesem schrecklichen Tag im Februar, an dem 315 Hamburger im eisigen Wasser ihr Leben verloren, kläglich versagt. Diese Sturmflut hat gezeigt, wie präsent die Nordsee in Hamburg ist, und das, obwohl die Elbmündung rund 100 Kilometer flussabwärts liegt. Dennoch ist die Verbindung zur Nordsee letztendlich das, was Hamburg ausmacht. Sie beschert der Stadt den Zugang zu den Weltmeeren, ohne den sie nichts anderes wäre als eine normale deutsche Großstadt.
Durch die Sturmflut wurde aber auch die gefährliche Schattenseite dieser Anbindung an die Nordsee mit einem Mal sehr augenfällig. Bei entsprechender Wetterlage drücken Tiefdruckgebiete und stürmische Westwinde große Wassermassen aus den nördlichen Eismeeren in die Deutsche Bucht. Über die Flussmündungen dringen diese bis tief ins Landesinnere hinein, ein Effekt, der 1962 noch dadurch verstärkt wurde, dass die Küsten durch Deiche gut geschützt waren, nicht aber der Unterlauf der Elbe. So kam es, dass die todbringende Flut wie durch einen Trichter in die Elbe gedrückt wurde und unerwartet bis in die Stadt vordringen konnte, die ihrerseits den Flutschutz schon lange nicht mehr ernst genommen hatte.
Doch die Geschichte von der großen Sturmflut habe ich bereits im „Nordsee-Lesebuch“ niedergeschrieben, und ich möchte sie an dieser Stelle nicht wiederholen. Das Gleiche gilt für beliebte Rezepte wie die Aalsuppe oder Labskaus. Dennoch gibt es natürlich einen Reigen von Rezepten aus Hamburg – sowohl altbekannte Klassiker als auch pfiffige Varianten mit Ideen aus der modernen Hamburger Küche. Denn Hamburg ist fantasievoll und progressiv. Hamburgs Spitzengastronomie ist genauso außergewöhnlich wie das kulturelle Angebot der Stadt. Die Freizeitangebote decken das größte denkbare Spektrum ab, hier gibt es wirklich für jeden etwas.
Genauso ist es mit der Politik – Hamburg ist bunt und vielfältig, wohin man auch schaut. In Hamburg haben wichtige Verlagshäuser ihren Sitz, die mit Zeitschriften und Zeitungen wie Spiegel, Stern und Zeit – bis vor dem Umzug des Axel Springer Verlags nach Berlin auch Bild und Welt – den Markt der Printmedien in Deutschland dominieren. Der Hamburger Hafen ist Deutschlands größter Seehafen und gehört zu den führenden Hafenanlagen der Welt. Hamburg ist weltweit der drittgrößte Standort der Luftfahrtindustrie und insgesamt ein Wirtschaftsstandort von herausragender Bedeutung. Mehr als 160.000 Unternehmen sind bei seiner Handelskammer registriert.
Mit einer Anzahl von 2.496 Brücken hält Hamburg Weltrekord, wobei die ganzen Containerbrücken und Rampen gar nicht mitgezählt sind. Damit besitzt es mindestens so viele Brücken wie Venedig (ca. 435), Amsterdam (ca. 1.200) und London (ca. 850) zusammen! Selbst New York City als eine der brückenreichsten Städte der Welt kann es nicht mit Hamburg aufnehmen, denn nach offiziellen Angaben der Stadt gibt es dort 2.027 Brücken.
In Hamburg wohnen Deutschlands wohlhabendste Bürger, die durchschnittliche Kaufkraft liegt rein statistisch gesehen rund zehn Prozent über dem bundesweiten Mittelwert. Mit geschätzten 42.000 Millionären und 18 Milliardären ist Hamburg außerdem Deutschlands Stadt mit den meisten Superreichen. Die Arbeitslosigkeit liegt deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt.
Das jährlich dreimal stattfindende Volksfest Hamburger Dom zieht Millionen von Besuchern an, genauso wie der Hafengeburtstag, der an einem Wochenende im Mai gefeiert wird. Rund 31 Prozent der etwa 1,9 Millionen Einwohner Hamburgs haben einen Migrationshintergrund. Die alte Hansestadt Hamburg ist heute eine wahre Weltbürgerin. Und trotz horrender Miet- und Immobilienpreise wächst die Bevölkerungszahl beständig. Hamburg ist in.
Zur Abrundung der Eindrücke und Geschichten aus Hamburg, von denen ich Ihnen erzählen werde, gibt es auf meiner Website www.almutirmscher.de ein Fotoalbum mit zahlreichen Bildern aus Hamburg.
Denn man tau! Hummel Hummel – willkommen in Hamburg!
„Hummel Hummel!“, hatte ich Ihnen zuletzt zugerufen. Haben Sie mir geantwortet? Nein? Dann sind Sie wohl kein Hamburger. Denn sonst hätten Sie sogleich mit „Mors Mors!“ gekontert. Daran erkennen die Hamburger ihre Landsleute, wo auch immer ihnen diese auf der Welt begegnen mögen. Es ist ein unverwechselbares Zeichen insgeheimer Solidarität, vielleicht allenfalls vergleichbar mit dem Gruß der Motorradfahrer. Man sagt, dass der Ausspruch im Ersten Weltkrieg zur Losung unter Hamburger Soldaten wurde und seit dieser Zeit unverzichtbarer Bestandteil der Hamburger Identität ist.
Natürlich gibt es eine hübsche Geschichte, die von der Entstehung dieser Parole zu berichten weiß. Im 19. Jahrhundert lebte in Hamburg ein Wasserträger, der ein typisch hamburgisches Faktotum war, eines der unvergleichlichen Originale, von denen diese Stadt so viele hervorgebracht hat. Der Mann hieß Johann Wilhelm Bentz, aber er war in ganz Hamburg nur als „Hans Hummel“ bekannt. Bekannt wie ein bunter Hund, könnte man wohl sagen. Ich weiß nicht, woran das gelegen hat, denn es heißt, dass er ein schlecht gelaunter Miesepeter gewesen sei. Manche sagen, eine unglückliche Liebe habe ihm einst das Herz gebrochen und ihn als verbitterten, jähzornigen Griesgram zurückgelassen. Jedenfalls steht wohl fest, dass der Mann nicht gerade der Prototyp eines Sympathieträgers war.
Wenn dieser Johann – kurz Hans genannt – dann schwer bepackt mit seinen am Tragjoch hängenden Wasserbehältern schnaufend durch die Hamburger Neustadt schlurfte, widerwillig und lustlos seine Arbeit verrichtend, dann liefen die Kinder aus seinem Viertel hinter ihm her und neckten den alten Murrkopf, indem sie ihm „Hummel, Hummel!“ nachriefen. Wie sie darauf kamen, ist nicht wirklich klar überliefert. Aber es gibt natürlich ein paar Spekulationen. Die Überzeugendste und Netteste davon besagt, dass es sich einfach nur um den Namen des Vormieters der Wohnung von Hans Bentz gehandelt hat. Jener hieß nämlich Hummel und genoss seinerzeit unter den Neustädter Kindern hohe Beliebtheit. Herr Hummel hatte als Soldat gedient und pflegte die Kleinen mit abenteuerlichen Kriegserzählungen zum Staunen zu bringen. Sie liebten es, stundenlang um ihn herumgeschart auf dem Boden zu sitzen und gebannt den Anekdoten und Räuberpistölchen zuzuhören, die er zum Besten gab.
Als er schließlich starb, zog der missmutige Bentz in die verwaiste Wohnung ein, und die Kinder beließen es einfach beim Namen des Vorgängers. Vielleicht hofften sie ja, ein wenig von der Freundlichkeit und Zuwendung des verstorbenen Namensträgers möge damit auf den knurrigen Hans Bentz übergehen.
Man weiß nicht, ob es wirklich so gewesen ist, nur eines steht fest: Der Ruf der Kinder war nicht gerade dazu geeignet, die Stimmung des übellaunigen Wasserträgers zu heben. Wütend schnaubte er „Mors Mors“ zurück, die Kurzform der niederdeutschen Schimpfformel „Klei mi an’n Mors“. Das wiederum heißt so viel wie „kratz mich am Arsch“ – oder auf gut Deutsch „Leck mich!“ – und schon war der legendäre Erkennungsruf entstanden. Und nicht nur das, die Hamburger lieben die Geschichte vom alten Hans Hummel, und dieser genießt als typisch hamburgisches Urviech in der Hansestadt allgemein hohes Ansehen. Allerdings leider erst posthum. Die letzten Jahre seines Lebens war Hans Hummel arbeitslos, denn die Hamburger Wasserwerke, das älteste öffentliche Wasserversorgungsunternehmen Europas, hatten 1848 die „Stadtwasserkunst“ in Hamburg-Rothenburgsort in Betrieb genommen und die Neustadt an ihre Wasserleitungen angeschlossen. Damit wurde die elende Wasserschlepperei dort ein für alle Mal überflüssig. Allerdings verlor Hans Hummel dadurch auch seinen Job. Er starb sechs Jahre später, die Bestattung auf dem Dammtorfriedhof zahlte das Armenhaus, in dem er zuletzt gelebt hatte.
Was er wohl dazu gesagt hätte, dass heute jeder Hamburger seinen Namen kennt? Dass er ausgestattet mit Zylinder und Joch als Statue in einem Brunnen am Neustädter Rademachergang aufgestellt wurde, und zwar mitsamt den hinter einer Säule versteckten spottenden Bengeln? Dass Touristen ihn als kleine Nippesfiguren erwerben können? Dass der Stadionsprecher „Hummel Hummel!“ ruft, wenn der HSV ein Tor schießt, und die Fans begeistert „Mors Mors!“ zurückbrüllen? Dass die Hamburger Hip-Hop-Gruppe Fettes Brot den Spruch in einem Lied verewigte? Vermutlich hätte der alte Sauertopf sich auch über all das schwarz geärgert.
So richtig begann der Kult um Hummel erst 1938 mit der Aufstellung des Brunnendenkmals am Rademachergang im Zuge der Neugestaltung der Neustadt. Hier hatte sich zuvor eins der alten Hamburger Gängeviertel befunden, geprägt von einem unübersichtlichen Labyrinth aus schmalen Gassen, engen Hinterhöfen und maroden, windschiefen Fachwerkhäusern. Mangelnde Hygiene und fehlende sanitäre Einrichtungen waren ein Riesenproblem in diesen Vierteln, die aus der ursprünglichen mittelalterlichen Stadt entstanden waren. Durch die explodierende Einwohnerzahl wurden sie im Lauf der Zeit immer mehr verdichtet, baulicher Wildwuchs ließ sie zu einer chaotischen und unüberschaubaren Ballungszone werden. In diesem unerfreulichen Milieu verrichtete Hans Hummel seinen mühsamen Wasserschleppdienst, denn die auf engstem Raum beieinanderstehenden Häuser ließen meist weder Wagen noch Karren durch das verwinkelte Gewirr der Gassen passieren. Vielleicht macht dieses Umfeld Hummels ständigen Missmut ja etwas verständlicher.
Schon um die vorletzte Jahrhundertwende herum hatte man Teile dieser Viertel abgerissen, da sie eine Brutstätte der großen Choleraepidemie von 1892 gewesen waren. Der verbliebene Teil des Gängeviertels geriet zum Refugium von Kriminellen, die sich in den lichtlosen Winkeln und schmuddeligen Spelunken herumtrieben. Die Hamburger bezeichneten die finstere Gegend des Neustädter Gängeviertels zuletzt nur noch als „Verbrecherquartier“.
Als dann die Nazis an die Macht kamen, war es ihnen ein besonderer Gräuel, dass im Neustädter Gängeviertel ihre politischen Gegner Zuflucht fanden. Deshalb ließen sie es radikal plattmachen. An seiner Stelle sollten solide, ordentliche und vor allem gut kontrollierbare Arbeiterwohnungen entstehen, wie sie heute noch am Rademachergang zu sehen sind.
Im Wasserträger Hummel sahen die Nazis die ideale Identifikationsfigur für die Bewohner der Neustadt, er war für sie der Prototyp des Arbeiters, und seine Misanthropie fiel angesichts ihrer eigenen Einstellung zur Menschlichkeit gar nicht ins Gewicht. Die Skulptur aus Muschelkalk wurde vom „Verein geborener Hamburger“ gestiftet und mitten auf einem neu entstandenen kleinen Platz am Rademachergang aufgestellt, gerahmt von Backsteinhäusern mit Arbeiterwohnungen. Und in ein paar Metern Entfernung davon streckt an einer Hausecke ein steinerner Junge dem unleidlichen Hummel demonstrativ den nackten Hintern entgegen.
Zu einem wahren Hans-Hummel-Boom kam es, als ein Unternehmerverband 2003 auf die Idee kam, im Rahmen eines Kunstprojekts mehr als 100 Hans-Hummel-Figuren in der Innenstadt aufstellen zu lassen, gesponsert durch Einzelhändler. Jede einzelne davon war von Künstlern individuell und fröhlich bemalt worden. Die Fiberglas-Hummels wurden 2006 zu Gunsten von Obdachlosen versteigert, manche davon stehen aber noch immer in den Straßen von Hamburg.
Inzwischen wird der Wechselspruch „Hummel Hummel – Mors Mors!“ schon fast inflationär gebraucht, und dabei vergessen Außenstehende nur zu oft, dass es sich keineswegs um eine gängige Grußformel handelt. Wer in Hamburg mit „Hummel Hummel!“ grüßt, outet sich als Fremder, auch „Quiddje“ genannt. Mit diesem Wort pflegen Seefahrer die Landratten zu verspotten und alteingesessene Hamburger die Zugezogenen. Wobei sie es nicht böse meinen, denn Diskriminierung liegt den Hamburgern fern. Bestenfalls sind sie ein bisschen elitär und tragen als waschechte Hamburger einen gewissen Standesdünkel mit sich herum. Wenn Sie also nicht als Quiddje auffallen wollen, dann grüßen Sie wie überall in Norddeutschland auch in Hamburg am besten mit einem schlichten „Moin“.
Zutaten:
500 g Mehl
200 ml Milch
100 g Butter (zimmerwarm)
50 g Zucker
1 Würfel Hefe
2 Eier
50 ml Sahne
Zimtzucker
Salz
Mehl für die Arbeitsplatte
Zubereitung:
Die Hefe und die Hälfte des Zuckers in einer Tasse mit einer Gabel verkneten, bis die Hefe flüssig geworden ist. Die Milch lauwarm erhitzen, in eine Schüssel geben und den restlichen Zucker sowie die Hefe einrühren. Nun 1 Ei, 2 Msp. Salz und das Mehl hinzugeben und alles zu einem geschmeidigen Teig verarbeiten.
Mit einem Geschirrtuch abdecken und an einem warmen Ort 30 Minuten lang gehen lassen. Dann noch einmal kräftig durchkneten und anschließend den Teig auf einer mit Mehl bestäubten Arbeitsplatte zu einem Rechteck von ca. 50 x 30 cm ausrollen. Nun die Butter auf der Oberseite gleichmäßig verstreichen und das Ganze mit Zimtzucker bestreuen. Anschließend den Teig von der längeren Seite her aufrollen. Das zweite Ei in Eiweiß und Eigelb trennen. Das Ende der Teigrolle mit dem Eiweiß bepinseln, dann gut andrücken. Die Rolle nun in ca. 4 cm große Stücke schneiden.
Ein Backblech mit Backpapier auslegen und die Stücke mit der Nahtstelle nach unten darauflegen, dabei jeweils 4 cm Abstand halten. In die Mitte der Stücke quer über die Schmalseite mit einem Kochlöffelstil eine sehr tiefe Mulde pressen, sodass die gerollten Seiten heraustreten und sich beim Backen auffächern können. Abdecken und erneut 15 Minuten lang gehen lassen.
Das Eigelb mit der Sahne verquirlen und die Franzbrötchen an der Oberseite damit einpinseln. Dann noch einmal mit Zimtzucker bestreuen. Den Backofen auf 180°C erhitzen und die Franzbrötchen ca. 15 Minuten lang darin backen, bis die Oberseite goldgelb ist.
Man kann nach Geschmack auch noch Rosinen zum Teig hinzugeben, die Brötchen mit Schokoflocken oder Mohn bestreuen, den Teig mit Marzipan oder Schokocreme bestreichen oder die Brötchen mit Nüssen füllen. Es gibt auch Rezepte, bei denen ein Plunderteig verwendet wird.
Die Franzbrötchen entstanden in Hamburg während der Zeit der Besatzung durch napoleonische Truppen Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie sind Hamburgs Antwort auf das französische Croissant, so erklärt sich auch der Name „Franzbrötchen“. Sie gehören zu einem typisch hamburgischen Frühstück unbedingt hinzu, werden aber auch zum Nachmittagskaffee verspeist.
Nun sind wir schon mitten in Hamburg gelandet, und dabei wollte ich die Stadt doch eigentlich mit Ihnen gemeinsam erst einmal ordentlich begrüßen. Oder vielmehr wollte ich, dass wir selbst einen Gruß empfangen, bevor wir uns auf unsere Erkundungsreise begeben.
Dazu müssen wir Hamburg allerdings noch einmal kurz verlassen. Wir fahren ein Stück elbabwärts, bis wir die Stadt Wedel erreichen. Die hat rund 34.000 Einwohner und gehört zum schleswig-holsteinischen Landkreis Pinneberg. Kommt man aber von Hamburg aus nach Wedel hinein, ist der Übergang zwischen den beiden Städten so fließend, dass man ihn im Grunde nur bemerkt, wenn man richtig gut aufpasst.
Fährt man dann im Wedeler Ortsteil Schulau ans Elbufer hinab, so erreicht man das Schulauer Fährhaus, in dem sich ein Restaurant befindet. Wir aber wollen zu der an das Fährhaus angeschlossenen Schiffsbegrüßungsanlage, dem „Willkomm-Höft“. Wenn wir eine Person suchen würden, die uns in Ruhe erklärt, was es damit auf sich hat, dann müsste es einer der „Begrüßungskapitäne“ sein, die dem Willkomm-Höft erst seine Seele einhauchen. Der jeweils Diensthabende sitzt in einem kleinen Häuschen, das sich neben dem Fährhaus am Elbufer befindet. Allesamt sind diese Männer der Seefahrt besonders verbunden, manche von ihnen sind sogar mal selbst zur See gefahren. Die Bezeichnung „Kapitän“ ist aber natürlich streng genommen nicht zutreffend. Die Männer sind keine richtigen Kapitäne, sondern eigentlich eher DJs, die Musik für vorbeifahrende Schiffe erklingen lassen. Meist sind es fünf, die hier abwechselnd ihren Dienst tun. Und dieser hat es in sich, denn jedes Schiff, das den Hamburger Hafen anläuft, wird individuell begrüßt. Und auch wieder verabschiedet, wenn es den Hafen verlässt, hinaus in Richtung große weite Welt.
Habe ich gesagt, jedes Schiff? Das war natürlich übertrieben, denn dann hätten die Begrüßungskapitäne wirklich alle Hände voll zu tun. Am Schulauer Fährhaus kommen schließlich jede Menge kleiner bis kleinster Schiffe vorbei, Segelboote, Motorjachten, Kanus und nicht zu vergessen die Schulauer Fähre selbst, mit deren quietschgelbem Fährschiff „Dat Ole Land II“ man zum Lühe-Anleger im niedersächsischen Grünendeich und ins Alte Land übersetzen kann. Aber die Fähre zählt natürlich ohnehin nicht mit, da sie den Hamburger Hafen niemals ansteuert und genauso wenig die Unterelbe in Richtung Nordsee verlässt.
Passiert hingegen ein großes Schiff das Schulauer Fährhaus zwischen acht Uhr morgens und Sonnenuntergang, beziehungsweise 20 Uhr in den Sommermonaten, dann kommt der Einsatz des Begrüßungskapitäns. Voraussetzung hierfür ist eine Bruttoraumzahl des Schiffs, die mehr als tausend beträgt.
„Halt“, möchten Sie mich jetzt vermutlich unterbrechen, „was ist denn eine Bruttoraumzahl?“ Da haben sie mich glatt eiskalt erwischt. Verlegen schaue ich über die Schulter, ob da nicht vielleicht jemand ist, der das erklären kann. Mein Mann vielleicht, der ist selbst zur See gefahren und kennt sich mit so etwas aus. Aber er ist gerade nicht da.
Als Laie würde ich sagen, es handelt sich um das Maß, mit dem das Volumen des Rauminhalts eines Schiffes angegeben wird. So einfach ist das aber nicht, denn dann könnte man ja gleich von Kubikmetern reden, und jeder wüsste, was gemeint ist. Die Bruttoraumzahl berechnet sich nach einer komplizierten Formel, in die ein schiffstypabhängiger Multiplikator eingerechnet wird, deshalb kommt bei jedem Schiff ein individueller Wert dabei heraus, und wir Laien verstehen überhaupt nichts mehr. Man bezeichnet die Bruttoraumzahl auch als „dimensionslose Zahl“, mit anderen Worten, sie lässt sich nicht an einem konkreten Vergleich festmachen. Dennoch ist sie wichtig, denn von ihr hängt die Höhe der zu entrichtenden Hafengebühren ab. Überlassen wir ihre Berechnung besser den Fachleuten und wenden wir uns stattdessen wieder der Schiffsbegrüßung zu. Die ist zumindest nicht dimensionslos, sie erstreckt sich vielmehr in Raum und Zeit.
Am vollautomatischen Stahlmast des Willkomm-Höfts wehen vier verschiedene Flaggen, und zwar diejenige der Hansestadt Hamburg, die der Bundesrepublik Deutschland, die des Landes Schleswig-Holstein sowie die Schiffssignalflagge UW, welche besagt „Wir wünschen gute Reise“. Zur Begrüßung oder Verabschiedung eines Schiffes wird die Hamburger Flagge jeweils „gedippt“, das heißt, sie wird gesenkt, die Signalflagge UW hingegen wird gehisst. Der Brauch ist uralt, mit der symbolischen Aufgabe des eigenen Hoheitszeichens zeigte man in früheren Tagen die friedliche Absicht an. Inzwischen gilt die Geste als allgemeiner Seefahrtsgruß. In den Genuss der gedippten Flagge am Willkomm-Höft kommen deshalb auch kleinere Schiffe, die eine Bruttoraumzahl von unter tausend haben.
Doch das wahre Spektakel gibt es nur für die richtig großen Kähne, nur diese gelten als „salutfähig“. Nähert sich ein solches Schiff, so erschallen als Erstes ein paar Seemannsklänge über dem Wasser der Elbe. Läuft das Schiff aus Richtung Nordsee den Hamburger Hafen an, so wird es pathetisch mit Wagners „Steuermann, lass die Wacht!“ begrüßt oder aber volkstümlicher mit der Landeshymne der Freien und Hansestadt, „Stadt Hamburg in der Elbe Auen“, nach der neulateinischen Bezeichnung für die Stadt auch „Hammonia“ genannt. Die Musikauswahl bei der Begrüßungszeremonie liegt allein in der Hand des Elb-DJs, des diensthabenden Begrüßungskapitäns.
Anschließend dröhnt eine Stimme aus den Lautsprechern der Anlage. „Willkommen in Hamburg, wir freuen uns, Sie im Hamburger Hafen begrüßen zu dürfen!“ Die Begrüßung wird in der Sprache des jeweiligen Schiffsheimatlandes noch einmal wiederholt. Genauso ist es bei den auslaufenden Schiffen, nur kommt jetzt natürlich eine Abschiedsfloskel zum Zuge. „Muss i denn zum Städele hinaus“ klingt es hinter den abreisenden Schiffen her, oder „Auf Wiederseh’n“. Zum Schluss wird die jeweilige Nationalhymne gespielt. Dann blickt man ihnen mit ein bisschen Wehmut hinterher, wenn sie Hamburg elbabwärts verlassen, hinaus aufs große Meer und in die Ferne hinein.
Aber damit nicht genug. Den Besuchern der Gaststätte im Schulauer Fährhaus gibt der diensthabende Kapitän nämlich noch einige Informationen über das betreffende Schiff. Dazu gehören Name, Heimathafen, Baujahr, Reederei, Länge und Breite, Tiefgang, die PS-Zahl und die Dienstgeschwindigkeit sowie gegebenenfalls die maximale Containerzahl.
Die Schiffsbegrüßungsanlage ist weltweit einzigartig, und sie war ursprünglich ein Marketing-Gag, mit dessen Hilfe Gäste ins Schulauer Fährhaus gelockt werden sollten. Der nautische Salut erlangte aber schnell Kultstatus und entwickelte sich zu einer netten Geste im Sinne der Völkerverständigung. Heute hat die nautische Kameradschaft HANSEA von der Seemannsschule Hamburg die Aufgabe übernommen, den Schiffen im Namen des Hamburger Hafens einen Gruß hinterherzurufen. Aber so spielerisch einfach, wie es zunächst klingt, ist dies natürlich nicht. Dahinter steckt vielmehr eine ausgefeilte Organisation.
Als die Schiffsbegrüßungsanlage im Sommer 1952 in Betrieb genommen wurde, mussten erst einmal jede Menge Nationalhymnen besorgt werden, und dazu jeweils noch die Begrüßungstexte in der Landessprache. In der allerersten Zeit wurden die Hymnen noch von einem Shanty-Chor oder dem Männergesangsverein aus Wedel live intoniert. Schon bald darauf erbarmte sich die Firma Philipps und presste eigens für die Schiffsbegrüßungsanlage Schallplatten mit den Aufnahmen der Nationalhymnen. Später wurde alles auf Kassetten eingespielt, diejenigen für die Begrüßung erhielten eine rote Beschriftung, die zur Verabschiedung eine schwarze. Und ein übersichtliches Ablagesystem musste her, um dem diensthabenden Kapitän langes Herumkramen nach der richtigen Kassette zu ersparen. Noch immer befindet sich ein Regal mit Kompaktkassetten voller Hymnen auf der Brücke der Begrüßungsanlage. Heutzutage wird der Begrüßungskapitän bei seiner Arbeit aber von einem Computer unterstützt, auf dessen Festplatte 153 Hymnen gespeichert sind.
Außerdem braucht der Begrüßungskapitän die Hilfe des Schiffsmeldedienstes. Der informiert ihn sofort, wenn ein Schiff von der Nordsee her kommend den Passagepunkt bei Stade passiert, beziehungsweise wenn es den Hamburger Hafen verlässt und in Finkenwerder vorbeifährt. Dann sucht der Kapitän die passende Karteikarte heraus, denn die Schiffsdaten werden am Willkomm-Höft noch etwas altmodisch in einer ständig aktualisierten handschriftlichen Registratur abgelegt. Mehr als 17.000 Karteikarten werden fein säuberlich sortiert im Zettelkasten am Fenster der Dienststube aufbewahrt, die darauf notierten Angaben pflegen die Kapitäne anhand des täglich eintreffenden Hafenberichts. Aus diesem erfährt man eine eventuelle Änderung des Einsatzbereichs eines Schiffes, einen Umbau oder Eignerwechsel, eine Veränderung des Heimathafens und vieles mehr.
Wenn man all diese Pflichten zusammennimmt, dann muss der Alltag eines Begrüßungskapitäns wohl recht arbeitsam sein, dachte ich mir. Im strömenden Regen waren wir in Schulau angekommen, aber die legendäre Zeremonie der Begrüßung und Verabschiedung der Schiffe wollten wir uns trotz des unerfreulichen Wetters nicht entgehen lassen. Ulli, mein Mann, hat aufgrund seiner Vergangenheit als Seefahrer einen besonderen Bezug zur Schiffsbegrüßungsanlage von Wedel, außerdem war unser 13-jähriger Sohn bei uns. Dem wollten wir natürlich etwas bieten.
Am Ponton mit dem Anleger der Schulauer Fähre gibt es zum Glück einen überdachten Bereich, und eine Wand aus Plexiglas bietet Schutz vor unangenehmem Wind. Die Lautsprecher der Schiffsbegrüßungsanlage sind direkt darüber, damit war sichergestellt, dass wir auch wirklich nichts verpassen. Hier müsse ordentlich was los sein, so dachte ich. Schließlich hat Hamburg ja Deutschlands größten Seehafen und den drittgrößten von ganz Europa. Von ein- und auslaufenden Schiffen müsste es da doch geradezu wimmeln! Wir setzten uns also auf die Wartebank und warteten. Und warteten. Aber kein Schiff kam.
Erst als wir langsam ungeduldig wurden, kam ich auf die Idee, mal das Internet zu befragen. Denn da kann man auf Hafenradar.de natürlich längst in Echtzeit verfolgen, welche Schiffe auf der Elbe unterwegs sind. Und tatsächlich näherte sich von Finkenwerder her ganz allmählich ein Schiff. Klickt man das kleine Schiffssymbol an, so erhält man sogar ein paar Informationen über das jeweilige Schiff. Selbst seine Reiseroute kann man einsehen. Na bitte!
Es handelte sich um die „Stettin“, doch die war mit einer Bruttoraumzahl von 783 enttäuschenderweise zu klein für eine große Verabschiedung. Schon sahen wir das Boot elbabwärts kommen, es stieß eine riesige pechschwarze Rauchwolke aus. Alles andere als umweltgerecht, aber der Stettin sei das verziehen. Denn sie ist ein historischer Eisbrecher, der seinen Dienst 1933 antrat, und wird seit 1982 als technisches Kulturdenkmal weiterbetrieben. Im Sommer kann man Ausflugsfahrten mit der Stettin unternehmen, ansonsten liegt sie meist im Hamburger Museumshafen Oevelgönne.
Während die Stettin sich rauchend wie ein Urzeitdrache langsam aus Richtung Hamburg näherte, schaute ich noch einmal auf Hafenradar.de nach. Tatsächlich waren auch ein paar Containerschiffe unterwegs, die flussaufwärts von der Elbmündung her kamen. Hätten wir uns besser vorbereitet, so wäre es auch kein Problem gewesen, vorab die Liste der Traumschiff-Termine einzusehen. Denn die Zeiten, zu welchen die großen Kreuzfahrtschiffe an der Schiffsbegrüßungsanlage vorbeifahren, stehen natürlich schon lange im Voraus fest. Stolz passieren sie dann das Willkomm-Höft und lassen sich vom Begrüßungskapitän huldigen. Wenn dann die „Gute-Reise“-Flagge gehisst wird, dippt das Schiff zum Dank seine eigene Flagge, und mitunter grüßt es sogar mit seinem Signalhorn kurz zurück.
Weil die Stettin aber etwas ganz Besonderes ist, gibt es für sie an der Schiffsbegrüßungsanlage eine Ausnahme. Ihr wurden ein Gruß und ein paar musikalische Klänge mit auf die Reise gegeben, und sie bedankte sich mit fröhlichem Tröten.
Ergriffen von Fernweh und Seefahrerromantik schauten wir ihr noch lange Zeit hinterher, bis ihre dicke Qualmwolke allmählich hinter der Elbbiegung verschwand.
Zutaten für 4 Personen:
2 kg weißer Spargel („pro Mund ein Pfund“)
300 g Butter
