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Die Kinderärztin Dr. Martens ist eine großartige Ärztin aus Berufung, sie hat ein Herz für ihre kleinen Patienten, und mit ihrem besonderen psychologischen Feingefühl geht sie auf deren Sorgen und Wünsche ein. Die Kinderklinik, die sie leitet, hat sie zu einem ausgezeichneten Ansehen verholfen. Kinderärztin Dr. Martens ist eine weibliche Identifikationsfigur von Format. Sie ist ein einzigartiger, ein unbestechlicher Charakter – und sie verfügt über einen liebenswerten Charme. Alle Leserinnen von Arztromanen und Familienromanen sind begeistert! Hanna Martens lächelte Dr. Frerichs zu, als er sich erhoben hatte und nun sagte: »Wenn es Ihnen recht ist, gehe ich schon mal zur Station und bereite alles vor. Sie brauchen dann nur noch die Fäden zu ziehen.« »Ich bin ganz sicher, daß Sie es ebensogut könnten wie ich«, warf Hanna ein und hatte das Gefühl, sich verteidigen zu müssen, obwohl niemand sie angeklagt hatte. Aber der junge Arzt lachte sie nur fröhlich an. »Ist schon gut, Chefin. Sie brauchen sich nicht für etwas zu entschuldigen, für das Sie nicht können, was aber trotzdem ungeheuer vorteilhaft ist. Die Kinder mögen Sie nicht nur, sie lieben Sie. Bei Ihnen tut alles nur halb so weh wie bei uns anderen, obwohl wir uns, weiß der Himmel, alle Mühe geben, nach Möglichkeit Schmerzen zu vermeiden. Ihnen gelingt alles, was bei uns nur ein Versuch bleiben muß. Und deshalb macht es mir auch absolut nichts aus, nachher, wenn Sie bei dem kleinen Jan die Fäden ziehen, Assistent zu sein.« Frerichs hob die Hand, winkte Hanna noch einmal zu, nickte Kay, der lächelnd hinter seinem Schreibtisch saß, fröhlich zu und verschwand aus seinem Sprechzimmer, um zur Station zu gehen. Hanna, die ihrem jungen Kollegen gedankenvoll nachgesehen hatte, wandte sich nun ihrem Bruder zu und wollte gerade eben etwas sagen, als das Telefon auf dem Schreibtisch schrillte. Kay langte nach dem Hörer und meldete sich. Sein Gesicht wurde ein wenig ratlos, als er wiederholte: »Aus Berlin? Und die Dame hat ihren Namen nicht nennen wollen? Na schön, Martin, stellen Sie durch. Ich werde den Namen der Dame schon erfahren.« Während Kay wartete, sah er Hanna an, hob ratlos die Schultern und schien dann völlig zu versteinern, als er in den Hörer lauschte.
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Hanna Martens lächelte Dr. Frerichs zu, als er sich erhoben hatte und nun sagte: »Wenn es Ihnen recht ist, gehe ich schon mal zur Station und bereite alles vor. Sie brauchen dann nur noch die Fäden zu ziehen.«
»Ich bin ganz sicher, daß Sie es ebensogut könnten wie ich«, warf Hanna ein und hatte das Gefühl, sich verteidigen zu müssen, obwohl niemand sie angeklagt hatte. Aber der junge Arzt lachte sie nur fröhlich an.
»Ist schon gut, Chefin. Sie brauchen sich nicht für etwas zu entschuldigen, für das Sie nicht können, was aber trotzdem ungeheuer vorteilhaft ist. Die Kinder mögen Sie nicht nur, sie lieben Sie. Bei Ihnen tut alles nur halb so weh wie bei uns anderen, obwohl wir uns, weiß der Himmel, alle Mühe geben, nach Möglichkeit Schmerzen zu vermeiden. Ihnen gelingt alles, was bei uns nur ein Versuch bleiben muß. Und deshalb macht es mir auch absolut nichts aus, nachher, wenn Sie bei dem kleinen Jan die Fäden ziehen, Assistent zu sein.«
Frerichs hob die Hand, winkte Hanna noch einmal zu, nickte Kay, der lächelnd hinter seinem Schreibtisch saß, fröhlich zu und verschwand aus seinem Sprechzimmer, um zur Station zu gehen.
Hanna, die ihrem jungen Kollegen gedankenvoll nachgesehen hatte, wandte sich nun ihrem Bruder zu und wollte gerade eben etwas sagen, als das Telefon auf dem Schreibtisch schrillte. Kay langte nach dem Hörer und meldete sich. Sein Gesicht wurde ein wenig ratlos, als er wiederholte: »Aus Berlin? Und die Dame hat ihren Namen nicht nennen wollen? Na schön, Martin, stellen Sie durch. Ich werde den Namen der Dame schon erfahren.« Während Kay wartete, sah er Hanna an, hob ratlos die Schultern und schien dann völlig zu versteinern, als er in den Hörer lauschte. Hanna stand auf und beugte sich besorgt über den Schreibtisch zu ihrem Bruder, sah ihn erschreckt an und fragte sich, wer um alles in der Welt am anderen Ende der Leitung sein konnte.
Das Gesicht ihres Bruders war zuerst kreidebleich geworden, so, als sei plötzlich alles Blut zum Herzen geströmt. Und nun stieg eine erregte Röte in sein Gesicht, er griff sich unwillkürlich an den Hals, als wäre ihm der Kragen seines weißen Hemdes zu eng.
»Das nenne ich wirklich eine gelungene Überraschung«, sagte er endlich, und Hanna bewunderte ihn, weil er trotz der offensichtlich starken Erregung noch so gelassen wirken konnte. Er lauschte wieder und lachte dann kurz auf. »Natürlich kannst du kommen. Ich würde mich freuen, dich wiederzusehen. Immerhin sind es schon fast acht Jahre her – oder noch länger? – daß wir voneinander gehört haben.« Wieder eine Pause. »Aber ja. In Ögela gibt es bestimmt eine Unterkunft für dich. Ja, wenn du willst, sorge ich dafür. Aber wieso brauchst du drei Zimmer? Hast du eine so große Familie?« Pause. »Ist gut. Ich werde es veranlassen. Wir erwarten also dann dich und deinen Sohn übermorgen in der Klinik. – Ich freue mich, dich nach so langer Zeit wiederzusehen.«
Hanna stand immer noch vor dem Schreibtisch und beobachtete ihren Bruder. Sie sah, daß er den Hörer beinahe liebevoll auf die Gabel zurücklegte. Er schien weit fort zu sein mit seinen Gedanken. Sie wollte etwas sagen, damit er wieder in die Realität zurückfand, aber es fehlten ihr die Worte. Es wurde nur ein kleines Räuspern daraus.
Und doch zuckte Kay Martens zusammen und sah seine Schwester aus leeren Augen an, in die nur allmählich und, wie es den Anschein hatte, auch widerwillig Klarheit trat.
»Ich wette, du errätst nie, wer da am Telefon war, Hanna«, sagte er mit einer Stimme, die Hanna immer noch verändert vorkommen wollte. Sie brachte ein einigermaßen unbefangenes Lächeln zustande und räusperte sich noch einmal, bevor sie erwiderte: »Die Wette hast du schon so gut wie gewonnen. Ich wette aber dagegen, daß du mir jetzt erzählst, wer es war, der dich so durcheinandergebracht hat.«
»Hat man mir das etwa angehört?« wollte er hastig wissen, und Hanna erkannte, daß er verlegen war. Unentschlossen schüttelte sie den Kopf.
»Du weißt, daß ich dich immer schon wegen deiner Beherrschung bewundert habe, mein lieber Kay. Also? Wer hat dich eben angerufen und diesen Gefühlsaufruhr bei dir ausgelöst?«
»Niemand anders als die schöne Susanne Albers.«
Hanna Martens ließ sich auf ihren Stuhl zurücksinken und sah ihren Bruder wie erstarrt an. Kay lachte leise und amüsiert und fragte: »Hat es dir also auch die Sprache verschlagen, Schwesterherz? Dann geht es dir nicht anders als mir vorhin. Susanne Albers ist in Berlin und möchte unsere Hilfe als Ärzte. Für ihren kleinen Sohn.«
»Und sie braucht drei Zimmer? Kommt sie mit ihrem Mann oder hat sie…«, stieß Hanna hervor, wurde aber von Kay unterbrochen.
»Wirklich, Hanna, ich weiß nicht mehr als du auch. Immerhin habe ich Susanne vor acht Jahren oder so zum letzten Mal gesehen.«
»Niemand ist darüber erleichterter gewesen als ich«, stieß Hanna nun erbittert hervor und setzte noch hinzu: »Ich weiß durchaus noch, wie sehr sie dir zugesetzt hat. Ich habe selbst darunter gelitten, mit ansehen zu müssen, wie verletzt du warst und wie sehr du um sie gekämpft hast. Soll das alles wieder von vorn beginnen? Warum kommt sie ausgerechnet zu dir? Sie soll dich in Ruhe lassen und nicht wieder versuchen, alles durcheinanderzubringen.«
Kay lachte, aber Hanna spürte, daß es ein gepreßtes, gezwungenes Lachen war.
»Sei nicht kindisch, Hanna. Du solltest wirklich wissen, daß man mich nicht so leicht aus der Ruhe bringen kann.«
»Niemand würde das mehr begrüßen als ich«, murmelte Hanna bedrückt. »Aber ich weiß noch, welch geradezu teuflische Macht sie damals über dich hatte – und wie schrecklich es für dich war, als sie dann einfach Knall auf Fall eure leidenschaftliche Beziehung abbrach, weil jemand ihr ein besseres Angebot gemacht hatte.«
Kay schwieg einen Moment und sah gedankenverloren vor sich auf den Schreibtisch. Dann aber hob er den Kopf und sah Hanna ernsthaft an.
»Ja, ich habe gelitten damals, Hanna. Wozu sollte ich das leugnen? Immerhin war Susanne Albers meine ganz, ganz große Liebe. Und ich war wie gelähmt, als ich erfahren mußte, daß sie das Angebot, das sie bekommen hatte, annahm, ohne vorher mit mir darüber zu reden.«
»Bei dir war es ein geradezu klassischer Fall. Jedermann wußte es, aber du erfuhrst es als letzter. Nicht zuletzt deswegen, weil du dich standhaft weigertest, mit jemandem über Susanne Albers zu sprechen, der sie nicht durch eine rosarote Brille betrachtete, sondern ganz sachlich, der herausgefunden hatte, wie sie wirklich war.«
»Ich konnte nicht einmal mit dir über sie sprechen, weil ich wußte, daß du sie von Anfang an nicht mochtest.«
»Weil ich sie von Anfang an durchschaut hatte, Kay, deswegen habe ich sie abgelehnt. Es war schrecklich für mich, erleben zu müssen, wie sehr sie dich in ihren Bann zog. Ja, sie hat dich verändert. Nachdem ihr euch endlich getrennt hattet, wurdest du wieder einigermaßen normal. Ich war sehr froh darüber.«
»Man sagt nicht von ungefähr, daß der Mensch durch Leid und Enttäuschungen reifer wird«, warf er ein.
Sie nickte und erhob sich abermals.
»Ich möchte sie am liebsten gar nicht sehen«, sagte sie aus tiefster Seele. »Ich habe noch nicht vergessen, was sie dir angetan hat. Susanne Albers ist immer schon ein sehr oberflächlicher Mensch gewesen. Sie ist gar nicht fähig, jemanden zu lieben. Außer sich selbst natürlich. So ist es, wenn du sie nüchtern betrachtest. Susanne Albers liebt Susanne Albers. Und damit ist ihre Liebesfähigkeit auch schon erschöpft.«
»Nicht nur ich hatte acht Jahre lang Zeit, reifer und erwachsener zu werden, Hanna. Susanne ebenfalls«, sagte er ruhig.
Hanna sagte nichts mehr dazu. Sie wußte, daß Kay Susanne Albers verteidigen würde. Und sie ahnte, daß es gar nicht so leicht für ihn sein würde, zu erkennen, daß sie nichts weiter als eine zwar sehr schöne, aber dennoch leere Schale war.
*
Kay Martens war keineswegs so gelassen, wie er es seine Schwester glauben machen wollte.
Hanna und Susanne hatten sich nie verstanden. Von Anfang an nicht. Sie waren sozusagen immer auf Distanz geblieben. Einmal, so konnte Kay sich noch genau erinnern, hatte er Hanna gefragt, was sie denn eigentlich gegen Susanne hatte.
Kay würde den Blick, den seine Schwester ihm zugeworfen hatte, nie vergessen. Erstaunen und Überraschung hatten darin gelegen, so, als fragte sich Hanna, wieso man ihr überhaupt eine derartige Frage stellen konnte.
»Willst du wirklich meine ehrliche Meinung wissen, großer Bruder?«
»Würde ich dich sonst bitten, sie mir zu sagen?« hatte er nur erwidert. Er sah Hanna noch genau vor sich. Er hatte ihr nur allzu deutlich angemerkt, daß sie sich nicht gern mit ihm über Susanne Albers unterhielt. Aber sie war auch nicht ausgewichen, so, wie sie niemals ausweichen würde, wenn es darauf ankam. Sie hatte ihn nur ernsthaft angeschaut, wie verloren eine blonde Haarsträhne nach hinten gestrichen und dann nachdenklich gesagt: »Ich kann es nicht so genau beschreiben, Kay. Irgend etwas warnt mich vor Susanne. Ich halte sie für sehr egoistisch. Ich halte sie für einen Menschen, der sich niemals auf einen anderen einstellen könnte. Und du bist mir einfach zu schade, dich an einen Menschen wie sie zu verschwenden.«
Kay war entsetzt und empört gewesen. Nur mit Mühe hatte er sich zurückhalten können, damit er Hanna nicht harte und bittere Worte gab.
»Du tust ja gerade so, als sei Susanne das in deinen Augen nicht wert!« hatte er hervorgestoßen. Hanna war ganz ruhig geblieben. Sie hatte ihn nur, vielleicht ein wenig traurig sogar, angesehen und erwidert: »Ich erwarte gar nicht von dir, Kay, daß du mich verstehst. Ich will Susanne keineswegs in deinen Augen herabsetzen. Ich versuche nur, zu erklären, daß ich es nicht fertigbringe, ihr wärmere Gefühle entgegenzubringen.«
»Ich bin entschlossen, Susanne zu fragen, ob sie mich heiraten will«, hatte er aufgetrumpft. Und er spürte heute noch das unangenehme Gefühl, das ihn beschlichen hatte, als Hanna ihn erst entsetzt und dann mitleidig angesehen hatte. Sie hatte nicht versucht, ihn zu bekehren, ihm ihre Meinung aufzuzwingen. Sie hatte nur still erklärt: »Jeder muß das tun, was er tun zu müssen glaubt. Davon bist auch du nicht ausgenommen, Kay. Nur wenn du glaubst, zutiefst enttäuscht zu sein und nicht allein mit allem fertigzuwerden, kannst du dich an mich wenden. Ich bin immer für dich da. Vergiß nicht, daß ich dein ehrlicher Freund bin, ganz abgesehen davon, daß ich zufälligerweise deine Schwester bin. Susanne wird dich bitter enttäuschen, Kay. Es ist sozusagen vorprogrammiert. Sie kann gar nicht anders, weil der Egoismus einfach zu ihrem Wesen gehört.«
»Susanne liebt mich!« hatte er aufgetrumpft. Hanna hatte gelächelt und den Kopf geneigt.
»Das glaube ich dir sogar, Kay«, hatte sie ehrlich zugegeben. »Sie liebt dich. Aber Susanne kann keinen anderen Menschen mehr lieben als sich selbst. Für sie steht sie selbst immer im Mittelpunkt, ganz egal, was auch immer geschehen mag. Sie wird niemals ein freiwilliges Opfer bringen, aus Liebe, wie man so schön sagt.«
Ja, damals war Kay Martens empört gewesen. Er hatte Hanna beinahe Zorn entgegengebracht wegen dieser schonungslosen Worte. Er hatte nicht glauben wollen, daß Susanne Albers egoistisch war. Aber dann, als er es am allerwenigsten erwartet hatte, da hatte Susanne ihm den Beweis geliefert dafür, daß Hanna in allen Punkten recht gehabt hatte.
Kay seufzte tief auf, als er noch einmal erlebte, was er empfunden hatte, damals, als es zum endgültigen Bruch zwischen ihm und Susanne gekommen war.
Sie hatte sich ihm in die Arme geworfen und ihm strahlend erklärt: »Jetzt habe ich es geschafft, Kay. Endlich ist jemand, der Einfluß hat, auf mich aufmerksam geworden und hat mir ein fabelhaftes Angebot gemacht. Ich soll zu Probeaufnahmen nach München kommen.«
Da hatte Kay schon zum ersten Mal das schauderhafte Gefühl beschlichen, Hanna könnte am Ende doch recht gehabt haben, als sie so sicher behauptete, Susanne habe nur Interesse an sich selbst und an ihm nur, wenn es ihr dienlich sein konnte.
Er hatte versucht, Susanne zu beeinflussen, sie beschworen, daran zu denken, daß sie einander liebten, daß sie heiraten und Kinder haben wollten.
Nie würde er den Blick vergessen, den Susanne ihm da zugeworfen hatte. Es war eine Mischung aus Ungeduld, Spott und Entschlossenheit.
»Du malst mir da ein Bild, das mir nicht sonderlich gefällt, Kay. Wer spricht denn von Kindern? Wenn man erst ein Kind hat, ist man angebunden. Dann hört das eigenständige Leben auf. Und – das gebe ich ganz ehrlich zu – das paßt mir überhaupt nicht. Ich will erst einmal selbst leben, bevor ich daran denke, Kinder zu haben. Und fest binden mag ich mich auch noch nicht. Im Augenblick jedenfalls auf gar keinen Fall.«
»Aber ich habe mein Staatsexamen bereits so gut wie sicher in der Tasche. Ich arbeite an meiner Doktorarbeit, ich habe schon einige gute Angebote von Kliniken, an denen ich meinen Facharzt in Pädiatrie machen kann. Außerdem – du wirst doch nicht so töricht sein und dein eigenes Germanistikstudium abbrechen, Susanne!«
Da hatte sie in der für sie typischen, unnachahmlichen Weise das blonde Haar nach hinten geschleudert und voller Hohn gelacht. Es war ein perlendes Lachen gewesen, aber Kay hatte dennoch den Unterton von Spott und Überheblichkeit daraus hören können.
»Jetzt hör mir mal gut zu, mein lieber Kay«, hatte sie endlich erklärt und ihn entschlossen angesehen. In diesem Augenblick war sie ihm schöner als jemals zuvor erschienen. Und er hatte geahnt, daß sie ihm gnadenlos mitteilen würde, wie wenig sie an einem Leben interessiert war, wie er es sich vorstellte.
Und genauso war es auch gekommen. Susanne hatte ihn von oben bis unten gemustert, als wollte sie sich sein Bild noch einmal genau einprägen. Und dann hatte sie ihn gefragt: »Was willst du eigentlich, Kay? Ich bin doch nicht dein Eigentum. Ich kann doch nicht nur für dich auf der Welt sein.«
»So ungefähr hatte ich es mir aber vorgestellt, Susanne. Ich bin ja auch nur für dich auf der Welt. Ich denke ständig an dich und bin glücklich, wenn du glücklich bist.«
»Nun, wenn das so ist, wird es dir ja auch nichts ausmachen, wenn ich nach München fahre. Ich bin nur glücklich, wenn ich endlich mein Ziel erreicht habe. Und sag nicht, daß ich erst einmal mein Studium beenden soll. Das langweilt mich. Ich lebe jetzt und will heute glücklich sein und nicht erst in zehn oder zwanzig Jahren. Vielleicht brauche ich dann das Glück gar nicht mehr, weil ich schon resigniert habe und mich mit allem möglichen anderen zufriedengebe. Nein, nein, Kay! Du kannst dich auf den Kopf stellen – aber ich gehe nach München.«
»Würdest du auch dann gehen, wenn du genau wüßtest, daß das das Ende unserer Beziehung sein würde?« hatte er gepreßt gefragt und die Antwort bereits geahnt, bevor sie sie ausgesprochen hatte. »Aber selbstverständlich würde ich das. Ich werde nach München gehen. Und wenn es dann zwischen dir und mir aus und vorbei sein sollte, so würde mich das sehr traurig machen, aber es würde mich nicht aufhalten.«
Er sah sie heute noch vor sich, wie sie damals dagestanden hatte, bereit, zu kämpfen, schön wie eine Göttin, aber gnadenlos wie ein hungriger Tiger, der die Beute vor sich sieht.
Damals, als sie nach München gehen wollte, hatte er geahnt, nein, gewußt, daß sie nicht mehr zu ihm zurückkehren würde, nicht so jedenfalls, wie er es sich wünschte und vorstellte.
Es hatte mächtig weh getan, das einsehen zu müssen – aber es war ihm keine Wahl geblieben. Er mußte sie gehen lassen. Und es war ihm gewesen, als schneide man ihm bei lebendigem Leibe das Herz aus der Brust.
Susanne war gegangen. Er hatte sie nie wiedergesehen. Und dann hatte er erfahren, daß sie wenige Wochen nach dieser Auseinandersetzung nach Amerika gegangen war. Er hatte ihre Titelbilder sehen müssen. Kein Mensch hatte danach gefragt, wie es in ihm aussah. Auch Hanna nicht. Sie war von sich aus nie wieder auf das Thema Susanne Albers zurückgekommen – und Kay war ihr dankbar dafür gewesen.
Er hatte gelitten, hatte versucht, die Zeitschriften zu ignorieren, die Susannes Bild zeigten. Und zur gleichen Zeit hatte er diese Bilder angeschaut und sich gefragt, ob Susanne sich einem anderen Mann zugewandt hatte und ihm die Zärtlichkeiten gab, die ihn damals so sehr beglückt hatten.
Und dann hatte es eines Tages nicht mehr weh getan. Er konnte von Susanne hören, er konnte von ihr reden, er konnte ihre Bilder ansehen, ohne daß er gleich das Gefühl hatte, das Herz müsse ihm zerspringen.
Ich bin inzwischen nicht nur älter, sondern auch reifer und erfahrener geworden, sagte Kay sich und straffte sich unwillkürlich. Es wäre doch gelacht, wenn ich nicht mehr mit einer Sache wie dieser hier fertig werden könnte.
*
In Ögela war man eigentlich modern und aufgeschlossen. Man wußte genau, was draußen in der Welt geschah, und was man nicht wußte, brachte einem das Fernsehen nahe. Mochten manche auch noch so auf den Fernseher schimpfen und behaupten, er verdumme nur und mache eine tiefergehende Unterhaltung unmöglich. Dem konnte man entgegenhalten, daß man auf dem laufenden war, wenn man die Sendungen aufmerksam verfolgte.
