Das Paradies war für uns - Bärbel Reetz - E-Book

Das Paradies war für uns E-Book

Bärbel Reetz

3,8
14,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine Biographie über ein libertäres Paar und ein Leben voller Leidenschaft und Exzentrik Es begann 1912 mit einer zufälligen Begegnung: Hugo Ball, der Theatermann an den Münchner Kammerspielen, trifft auf Emmy Hennings, die exzentrische Diseuse und drogensüchtige Muse bedeutender Männer, die gerade ihre ersten Gedichte veröffentlicht hat. Die schillernde Maskenspielerin, Liebling der Berliner und Münchner Boheme, und der rebellische Dichter, schwankend zwischen Aktionismus und Anarchismus, finden sich in Zeiten des Krieges und beginnen ihr gemeinsames „Spiel vom Büchermachen“. Das Paradies hatte Hugo Ball ihr versprochen, aber es war ein steiniger Weg, der das extravagante Paar ins Zentrum der literarischen Moderne führte. Von der provinziellen Enge der Kindheit und Jugend, der Berliner und Münchner Avantgarde zur Emigration in die Schweiz 1915 und Gründung des „Cabaret Voltaire“ in Zürich 1916, der Keimzelle des Dadaismus, und schließlich in die Abgeschiedenheit im ländlichen Tessin, wo das Paar eine intensive Freundschaft mit Hermann Hesse pflegt, bis zum Tod Hugo Balls im Jahr 1927: Bärbel Reetz lässt in ihrer Biographie dieses ungewöhnlichen Paars eine Zeit wieder aufleben, in der viel gefragt und noch mehr gewagt wurde.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 740

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
3,8 (16 Bewertungen)
7
2
4
3
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Es begann 1912 mit einer zufälligen Begegnung: Hugo Ball, der Theatermann an den Münchner Kammerspielen, trifft auf Emmy Hennings, die exzentrische Diseuse und drogensüchtige Muse bedeutender Männer, die gerade ihre ersten Gedichte veröffentlicht hat. Die schillernde Maskenspielerin, Liebling der Berliner und Münchner Boheme, und der rebellische Dichter, schwankend zwischen Aktionismus und Anarchismus, finden sich in Zeiten des Krieges und beginnen ihr gemeinsames »Spiel vom Büchermachen«. Das Paradies hatte Hugo Ball ihr versprochen, aber es war ein steiniger Weg, der das extravagante Paar ins Zentrum der literarischen Moderne führte.

 Von der provinziellen Enge der Kindheit und Jugend, der Berliner und Münchner Avantgarde zur Emigration in die Schweiz 1915 und Gründung des »Cabaret Voltaire« in Zürich 1916, der Keimzelle des Dadaismus, und schließlich in die Abgeschiedenheit im ländlichen Tessin, wo das Paar eine intensive Freundschaft mit Hermann Hesse pflegt, bis zum Tod Hugo Balls im Jahr 1927: Bärbel Reetz lässt in ihrer ersten Biographie dieses ungewöhnlichen Paars eine Zeit wieder aufleben, in der viel gefragt und noch mehr gewagt wurde.

Bärbel Reetz, geboren 1942, lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihr die Romane Lenins Schwestern (2008) und Die russische Patientin (2006), die Biographie Emmy Ball-Hennings. Leben im Vielleicht (st 3240), Hermann Hesse, Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings. Briefwechsel 1921 bis 1927, herausgegeben und kommentiert von Bärbel Reetz und Hesses Frauen, die erste Biographie über die Ehefrauen von Hermann Hesse (it 4124).

Bärbel Reetz

Das Paradies war für uns

Emmy Ball-Hennings und Hugo Ball

eBook Insel Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4400

Originalausgabe

© Insel Verlag Berlin 2015

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.

Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Satz: Satz-Offizin Hümmer, GmbH

Umschlag: hißmann, heilmann, hamburg

Umschlagfoto: Schweizerisches Literaturarchiv, Bern

eISBN 978-3-458-74282-1

Inhalt

Vorwort

Unter der Glasglocke

Mein Dämon hat keine Brüder und Schwestern

Alles Theater

Perversionen und Posen

Bohemienne mit Begleitern

Ball-Spiele

Junge Frau um 1914

Aufbrüche – Umbrüche

Schuld und Sühne

Ein wunderliches Paar

Man lebt in Zürich

Dada war kein Rüpelspiel

Intermezzi mit und ohne Manifest

Dada und (k)ein Ende

Szenen in Zeiten des Krieges

Fremde Heimat

In einem neuen Kreis von Menschen

Verscheuchtes Geflügel

Irritationen

Askese in Arkadien

Der Anfang vom Ende

Die Witwe

»… der Worte verfängliche Saat«

Nachwort

Zeittafel

Anmerkungen

Personenregister

Dank

Bildnachweis

Vorwort

Für ihre Umwelt sind sie ein wunderliches Paar: Hugo Ball, der suchende Intellektuelle aus Pirmasens, der Theatermacher, der Expressionist und Dadaist, Anarchist, kritische Publizist und katholische Mystiker, dessen Leben und Werk sich auf keine einfache Formel bringen läßt. Und seine Lebensgefährtin, Emmy Hennings, die poetische Maskenspielerin aus Flensburg, die Schauspielerin, Diseuse, Literatin und Muse bedeutender Männer, die in ihrem außergewöhnlichen Leben viel gefragt und noch mehr gewagt hat. Seit meiner ersten Begegnung war ich fasziniert von dieser Frau, die durch die Berliner und Münchener Boheme, durch das Züricher »Cabaret Voltaire«, die »Galerie Dada« irrlichterte, und ich versuchte, Emmys »flüchtigen Spielen« – den realen und den fiktiven – auf die Spur zu kommen. Eine ebenso spannende wie frustrierende Angelegenheit. Aber mit ihren Gedichten, den autobiographischen Romanen Gefängnis und Das Brandmal ließ sie mich nicht mehr los, denn ich mochte nicht glauben, was über diese Autorin in Enzyklopädien und Lexika steht: »Seit ihrem Übertritt zum katholischen Glauben Entscheidung für eine asketische Lebensweise, besonders nach dem Tod Hugo Balls. Widmete sich von da an der Herausgabe seines Werks.«1

Und damit war ich bei ihm, bei Hugo Ball, dem Mann, mit dem Emmy Hennings ihr unstetes Leben verbinden konnte. Zunächst entschloß ich mich, Emmy Hennings Versen »Ich lebe im – Vielleicht / Bin eine stumme Frage …«2 nachzugehen, und ließ mich auch nicht von Hermann Hesse abschrecken, der sie kannte wie nur wenige und überzeugt war: »Es ist ganz unmöglich, dies Leben auf eine rationale Formel zu bringen. Versuchen Sie das lieber gar nicht.«3

1997 begann ich zu recherchieren: Im ›Robert Walser-Archiv‹ der ›Carl Seelig-Stiftung‹ in Zürich, wo damals der Nachlaß von Emmy und Hugo Ball verwahrt wurde. Im ›Deutschen Literaturarchiv‹ in Marbach, dessen Hesse-Depositum Briefe, Karten, Telegramme und Fotos des Paares an den Freund enthält. Im Dadaismus-Archiv des ›Kunsthauses Zürich‹, der ›Hugo Ball-Sammlung‹ in Pirmasens, auf dem Flensburger Museumsberg. Ich stöberte in Antiquariaten. Las hunderte von Briefen und Karten des Paares. Lange Berichte wie auch eilige Mitteilungen an den großen Freundes- und Bekanntenkreis. Oft mit schnell hingeworfenen Zeichnungen versehen oder mit zarten Aquarellen. Las Briefe von Menschen, die ihnen nahestanden, gab ihre Korrespondenz mit dem gemeinsamen Freund Hermann Hesse heraus.4 Ich vertiefte mich in Tagebücher, in Veröffentlichtes und Unveröffentlichtes, betrachtete zahllose Fotos: Jugendbilder, Aufnahmen von Eltern und Geschwistern, von Freunden und Weggefährten. Verwackelte Schnappschüsse. Gestellte Atelierporträts. Emmy in Pose. Emmy und Hugo in München, in Zürich, im Tessin, in Italien – Emmy und Annemarie an Hugos Sarg in Sant' Abbondio. Ich führte lange Gespräche mit Emmys Enkelin, Francesca Schütt-Hauswirth, die ihre Großmutter und auch Hermann und Ninon Hesse noch gekannt hat. Sprach mit Emmys letztem Verleger, Peter Keckeis, wanderte durch Flensburg und Pirmasens, an den Ufern der Förde und im Pfälzer Wald, durch die Dörfer um den Luganer See, den Lago Maggiore, durch Rom, Palermo und Vietri sul Mare. Stieg auf den Berg nach Albori. Stand vor den Häusern, in denen Emmy, Hugo und die Tochter Annemarie gelebt haben, saß auf der Steintreppe des Agnuzzo-Hauses und schaute auf den See. Oder suchte vergeblich nach Spuren, weil sich niemand mehr erinnerte. Ich las Typoskripte, Gedichtmanuskripte, Fragmente und die zärtlichen Liebesbriefe von Hugo Ball an Emmy Hennings. Legte Blumen auf das Grab und war entschlossen, von Emmys »Leben im Vielleicht«5 zu erzählen.

Aber je mehr ich über das Paar erfuhr, desto mehr Fragen stellten sich. In den Jahren 1997 bis 2000 mußten diese teilweise unbeantwortet bleiben, da der Nachlaß erst nach der Überstellung an das Schweizerische Literaturarchiv in Bern vollständig archiviert ist. Auch waren einige Quellen noch nicht oder nicht vollständig veröffentlicht: So der Briefwechsel Hermann Hesses mit seinem Analytiker Josef Bernhard Lang, mit Hesses zweiter Frau Ruth Wenger und seiner dritten Frau Ninon Dolbin. Einiges war gesperrt oder wie die Tagebücher Erich Mühsams nur in einer Auswahl veröffentlicht. Mit Zustimmung Silver Hesses konnte ich die unveröffentlichte Korrespondenz seiner Großeltern, Mia und Hermann Hesse, einsehen und in meine Überlegungen einbeziehen. Während die Briefe Ninon Hesses an Emmy Ball-Hennings bis heute nicht zugänglich sind, ist – dank der Erben – das sogenannte Zweite Tagebuch Hugo Balls inzwischen für die Herausgeber seiner Sämtlichen Werke und Briefe entsperrt worden. Denn auch wenn Ball 1927 vor seiner Krebsoperation verfügt hat, »daß aus meinem schriftlichen Nachlaß (das heißt aus gelegentl(ichen) Notizen, sei es in Tagebüchern oder sonst(igen) Aufzeichnungen) nichts publiziert werden soll«,6 hatten sowohl Emmy als auch deren Tochter und Nachlaßverwalterin, Annemarie Schütt-Hennings, den letzten Willen Hugo Balls, daß alle »nichtstilisierten und darum nicht existierenden Hefte, Blätter und Manuskriptteile« vernichtet werden müssen, nicht strikt befolgt, sondern »verschiedentlich Informationen und Anreize daraus« weitergegeben.7

Obwohl Emmys Geschichte zu einem Teil, wenn auch einem wesentlichen, die Geschichte Hugo Balls ist und die Antworten, die ich auf meine Fragen fand, nur Facetten von Emmys abenteuerlichen Wegen sind, wagte ich 2001 die Veröffentlichung ihrer Biographie. Ihren »Vielfachheiten« auf der Spur, habe ich »das flüchtige Spiel« mitgespielt, habe versucht, sie zu fassen, um sie wieder freizulassen. Aber in den folgenden Jahren ließen mich weder Emmy Hennings noch Hugo Ball los. Ich intensivierte meine Arbeit an Balls Werk, entdeckte immer neue Zugänge zu seinem Leben, oft irritiert, denn »immer, wenn man ihn auf einer festen Position wähnte, hatte er sie auch schon wieder geräumt. (…) Hugo Ball war sein Leben lang ästhetisch wie politisch ein Konvertit und vor stereotypen Zuschreibungen auf der Flucht.«8

Dennoch fand ich es an der Zeit, den neuen Zugangsmöglichkeiten und damit verbundenen Erkenntnissen Rechnung zu tragen und erneut von dem ungewöhnlichen Paar zu erzählen, das, nicht nur vor 100 Jahren in Zürich, der Literatur des 20. Jahrhunderts neue Impulse gegeben hat, sondern in dem intellektuellen und kreativen Beziehungsgeflecht dieser Zeit einen bedeutenden, festen Platz einnimmt. Dabei war es mir unmöglich, nur der Chronologie zu folgen, sondern ich versuchte, die Wege und Umwege, das Gemeinsame und Getrennte einzukreisen, um auch in Vor- und Rückgriffen das Leben des Paares deutlich werden zu lassen, wobei einer Biographie Hugo Balls und ausführlichen Würdigung des sehr komplexen Werkes nicht vorgegriffen werden soll.

Wenn Emmy schreibt: »Ich bin da. Pardon«,9 sage ich: Hier sind sie beide, wohl wissend, daß es mein Blick ist und »die biographische Wahrheit nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu gebrauchen« (Sigmund Freud an Arnold Zweig am 31. Mai 1936).

Unter der Glasglocke

Seemannsgarn und Sehnsucht – Kleine Fluchten – Blütenträume

Flensburg. 17. Januar 1885. 14 Uhr. Ein Kind wird geboren. Im Taufregister der protestantischen St. Marienkirche ist es am 19. April unter dem Namen Emma Maria Cordsen verzeichnet, Tochter des Werftarbeiters Ernst Friedrich Matthias Cordsen und der Anna Dorothea, geb. Zielfeld. Es ist ein spätes, ganz unerwartetes Kind, das die Eltern Emmy rufen werden. Der Vater ist 48, die Mutter 43 Jahre alt. Für beide ist es die zweite Ehe. Cordsen, der um 1877 seine erste Frau in Altona geheiratet hatte, war 1881 nach deren Tod mit der eineinhalbjährigen Tochter Paula in seine Vaterstadt Flensburg zurückgekehrt. Er brauchte eine Mutter für sein Kind, eine Frau, die ihm den Haushalt führte. Und als die kinderlose Witwe Anna Dorothea Lund, deren Mann nach einem Schiffbruch verschollen war, 1882 Hamburg verließ und wieder nach Flensburg zog, lag eine Verbindung nahe. Beide hatten, wie man dort sagt, »gut davon«. Sie heiraten am 30. Mai 1882 in St. Marien, und Cordsen kauft im November desselben Jahres ein Haus in der Steinstraße 5, unweit der Werft, bei der der ehemalige Seemann als Takler eine Anstellung gefunden hat. »Er hatte die Hißtaue an den Schiffsmasten anzubringen und alles zu ordnen, was mit dem Segelwerk und dem Stapellauf eines Schiffes zu tun hatte.«1 Die Seefahrt wird zur Erinnerung. Später, wenn er Emmy davon erzählt, zum aufregenden Abenteuer. Und abenteuerlustig muß der junge Cordsen gewesen sein, dessen Vorfahren die Flensburger Archive als Hufner und Bäcker ausweisen. 1864, im Jahr der für seine Heimat so entscheidenden Schlacht auf den nahen Düppeler Schanzen, hatte er das Steuermannspatent erworben, 1867 einen Reisepaß für das Ausland erhalten, war zur See gefahren. Auf einem Dreimaster um die Welt gesegelt. Mehrmals. Das wissen wir von Emmy, die um den Vater, das Meer und sich selbst einen magischen Bann ziehen und mit ihrer unerschöpflichen Phantasie immer neue Geschichten dazu ersinnen wird. Anders die aus einer Flensburger Handwerker- und Tagelöhnerfamilie stammende Mutter, die ihren ersten Mann, den Schiffskapitän Ludwig Lund, unmittelbar vor ihrer Eheschließung mit Cordsen für tot erklären ließ: »Von Mutter weiß ich, daß sie das Meer fürchtete, doch hatte sie hierfür einen triftigen Grund, da sie ihren Lieblingsbruder und vor allem ihren ersten Gatten schon früh an das Meer verloren hatte.«2

Emmy fürchtet das nahe Meer nicht. Kann von der Steinstraße zur Förde laufen, zum Hafen, wo die Schiffe am Kai liegen, Segel- und Dampfschiffe be- und entladen werden und mit geblähten Segeln, mächtig dampfenden Schornsteinen davonfahren und hinter dem Horizont verschwinden, der Grenze zur aufregenden, geheimnisvollen und gefährlichen Welt. Manchmal ist das Wasser der Förde tiefblau. Meistens jedoch ist es so grau wie die Felduniform der preußischen Soldaten in der Duburg-Kaserne. Denn Flensburg ist nach langem politischen Tauziehen und dem Sieg Österreichs und Preußens über Dänemark preußisch. Und damit nach 1871 Teil des Deutschen Reichs. Aber die Grenze ist nah. Jenseits liegt Dänemark, zu dessen Krone die Herzogtümer Schleswig und Holstein bis 1864 gehört hatten. Bei klarer Sicht sind die dänischen Fördeufer nicht von den reichsdeutschen zu unterscheiden: weißer Strand und grüne Buchenwälder. Danach wird sich Emmy sehnen, wenn sie aufbricht, das Geheimnis der Welt hinter dem Horizont zu ergründen.

Zuvor jedoch sind die Grenzen eng gezogen: »eine kleine ungepflasterte Straße, weit draußen im Vorort der kleinen Hafenstadt. Eigentümlich verschollen wirkt diese Gegend, einsam, als wär hier die Welt zu Ende, oder als wäre sie am Anfang, denn irgendwo muß sie doch beginnen (…) Kinder spielen im Kreis und sagen einander, daß der Himmel heut so niedrig hängt, und daß man vielleicht bald auf Gewölk gehen könnte. (…) Sieht man nach oben, ist alles weich und weiß, fließend und blau.«3

Das Wetter wechselt mit dem Wind. Kommt er von Westen, wird der Himmel grau, hängt tief auf den roten Ziegeldächern der Stadt, auf den reetgedeckten Katen im Land. Wird er zum Sturm, drückt er das graue Wasser aus der Förde, und der Grund des Hafens ist zu sehen. Mit allerlei Unrat, Tauenden, Steinen und Muscheln. Kommt er von Osten, ist der Himmel blau, und das Wasser tanzt in kleinen Wellen. Schaumgekrönt. Und bei scharfem Nordost klatscht es gegen die Ufer und drückt in den Hafen, daß die Schiffe hoch aufragen und mit schwankenden Rümpfen gegen die Kaimauern schaben und krachen.

Im Januar, zur Geburt des Kindes, hängt der Himmel tief. Um 14 Uhr ist es schon dämmrig in den niedrigen Stuben. Reicht das Tageslicht nicht, brennt die Petroleumlampe vom Morgen bis zum Abend. Feuchte, dunkle Winter. Wird es frostig über Nacht, erstarrt die Nässe an den Zweigen. Rauhreif. Die kleine, ungepflasterte Straße, die kleine Hafenstadt ein Märchenland. Das Kind hat Phantasie. Auch ohne Rauhreif verzaubert es seine Welt. Noch ist die enge Umgrenzung ein Vorteil: »Zwei Häuser rechts, und zwei Häuser links, das ist leicht zu überblicken. In jedem Hause wohnen vier Familien, deren Geschichte man kennt, und was man nicht kennt, errät man. Jedes zweistöckige Haus hat an der Vorderfront acht Fenster, während es auf der Rückseite, nach dem Hof und Garten zu, vier Fenster hat, und überall hängen Tüllgardinen mit mehr oder weniger interessanten Mustern. Es waren Wege, die in Wälder führten, in eine Gegend, in der noch kein Mensch gewesen war, nur ich.«4

Alles ist überschaubar: das Haus, der Garten, die Nachbarschaft. Das Haus steht bis heute unverändert. Man hat 1997 eine Tafel neben der niedrigen Haustür befestigt: »Emmy Ball-Hennings – Schriftstellerin, Schauspielerin, Kabarettistin – 1885 Flensburg – 1948 Tessin«. Noch immer hängen Gardinen an den Fenstern. Stores mit Mustern. Und noch immer ist die Neustadt ein Arbeiter- und Industrieviertel. Damals bestimmten Glashütte, Gaswerk und die Werft das Bild, denn im letzten Jahrzehnt des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde auch Schleswig-Holstein von der allgemeinen Aufbruchstimmung im Reich erfaßt und nahm, nachdem Wilhelm II. 1888 Kaiser geworden war, einen ungeahnten Aufschwung. Hauptsächlich durch die kaiserliche Marine, die entlang der Küsten ihre Stützpunkte errichtete. Im knapp hundert Kilometer entfernten Kiel wurde am Kaiser-Wilhelm-Kanal, der Verbindung zwischen Nord- und Ostsee, gearbeitet. Der Kaiserbruder, Prinz Heinrich, zog in den Norden, und unter dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes Alfred von Tirpitz begann der deutsche Flottenbau. 1890 besucht der marinebegeisterte Kaiser erstmals auch Flensburg, Kaiserin Auguste Viktoria kommt im Juli 1899 und am 25. April 1901. Daß die Besuche der Majestäten Eindruck auf die junge Emmy Cordsen machten, lesen wir in ihren Erinnerungen Blume und Flamme: »In den nächsten Tagen hieß es, der Kaiser wolle unsere Stadt besuchen, sich vielleicht die Kaserne ansehen, in der sich das Regiment der Kaiserin befand. Die Straßen sollten beflaggt, die Häuser geschmückt werden, die Wachparade würde aufmarschieren, es würde große Musik geben.«5

Es ist in diesen Apriltagen 1901 die aufgeregte Spannung, die sich dem begeisterungsfähigen jungen Mädchen mitteilt, der Einbruch von Größe und Welt in die engen Grenzen ihres Lebens: »ich wollte zu gern ein einziges Mal den Kaiser sehen, ihn begrüßen, ihm zujubeln. Er war ja der Vater des Landes (…) und ich stellte es mir wunderschön vor, ihn einmal von Angesicht zu Angesicht betrachten zu können.«6 Helga Lund, Emmys literarisches Pseudonym in Blume und Flamme, für das sie den Namen des verschollenen Stiefvaters Ludwig Lund wählte, das Dienstmädchen Helga Lund kostet das Bejubeln von Kaiser und Kaiserin an einem Vormittag die Stellung. Und der Bittbrief an den Kaiser, den sie nicht die Gelegenheit hatte zu überreichen, wandert ins Feuer. Damit gehen auch die daran geknüpften Hoffnungen Helgas/Emmys in Flammen auf, »nämlich, ob es nicht möglich wäre, falls es keine zu großen Umstände mache, mich gelegentlich auf meine Begabung als Schauspielerin prüfen zu lassen, und falls es sich herausstellte, daß ich Talent habe, meinen Lieblingswunsch doch gütigst bei meinen Eltern schriftlich befürworten zu wollen«7. Undenkbar in der Steinstraße, diesen Wunsch Emmys zu erfüllen. Er gehört ins Reich der unerfüllbaren Träume, die sie in ihrer engen Welt träumt, ins Reich der Phantasie, in dem man tiefhängendes Gewölk besteigen und auf ihm davonsegeln, in dem man ein »Liebling des Volkes«8 werden kann.

Realität ist die kleinbürgerliche Neustadt, sind die Nachbarsfamilien mit ihren zahlreichen Kindern, ist Onkel Erich Jürgensen, der Zimmerpolier im Haus Steinstraße 8, der die jüngere Schwester von Emmys Mutter geheiratet hatte. Mit Cousine Doris, dem jüngsten der zehn Jürgensen-Kinder, drückt Emmy die Schulbank. Gemeinsam werden sie am 19. April 1899 konfirmiert. In St. Marien. Realität sind die zwei Zimmer in der Steinstraße 5, die Familie Cordsen in ihrem Haus bewohnt. Neben den Eltern und Emmy auch die Stiefschwester Paula, »ein schönes Mädchen, hoch und schlank gewachsen, mit schwerem, glatten, streng gescheiteltem Haar und einem sehr fein geschnittenen Gesicht, jedoch mit einem etwas gleichgültigen, manchmal sogar abwehrenden Gesichtsausdruck. Im Typus war sie der vollendete Gegensatz zu mir.«9 Sieben Jahre älter ist sie, scheu bewundert von Emmy, vielleicht ihr auch als Vorbild vorgehalten: Dienstmädchen in der Hamburger Kaufmannsfamilie Hirsch, dann Ehefrau des Kapitäns Theodor Wiraldus Friedrichsen, der es sogar zu einem eigenen Schiff bringen wird. »Ich kann mich nicht entsinnen, daß meine Schwester auch nur ein einziges Mal mit mir gespielt hätte (…) Oh, ich hätte sehr viel darum gegeben, wenn sie nur um einige Jahre jünger gewesen wäre, damit ich als Spielkameradin wenigstens ein klein wenig für sie hätte in Betracht kommen können.«10

Vier Personen, eng beieinander. Der Rest des Hauses ist an drei weitere Familien vermietet. Unvorstellbar, wenn wir heute davorstehen. Doch das Kind Emmy hielt die Eltern für reich, »weil wir neben unsern zwei Zimmern noch ein Dachstübchen hatten (…) In unserer besten Stube hatten wir einen runden Tisch mit grüner Sammetdecke, während die Möbel mit blaßrotem Rips bezogen waren. (…) Und in der Schlafstube hatten wir an unseren Betten am Kopfende eine große, kunstvoll geschnitzte Weintraube. Das hatten die Nachbarn alle nicht.«11 Und einen Garten gab es beim Haus, »der nicht viel größer war als eine mäßig große Wohnstube«12. Aber für Emmy war er das Paradies, für Anna Cordsen die bis in den letzten Winkel genutzte Möglichkeit, die Mahlzeiten zu ergänzen, die im Wesentlichen aus Grütze bestanden, als Morgenspeise, als Hauptgericht. Sie war das wichtigste Nahrungsmittel, und wenn die kleine Emmy in ihrem Teller rührte, »bildete die Hafergrütze in der Milch seltsame Weltteile«13. Karge Mahlzeiten: Graupen- und Gerstensuppen, Kohl im Herbst und Winter: Weiß-, Rot- und vor allem Grünkohl, wenn der erste Frost übers Land gegangen ist. Vor Weihnachten wird ein Schwein geschlachtet, und am Heiligen Abend gibt es Greunen Kohl met Kookwuss un Swiensback un Sööte Kantüffeln, winzigen Pellkartöffelchen, die in der Pfanne in Fett gebräunt und mit viel Zucker karamelisiert werden. Vullbuuksabend heißt der im Volksmund, weil endlich einmal der Bauch nach Lust und Laune gefüllt werden durfte. Rummelpottplätzchen werden gebacken, kleine Kuchen aus Sirup, Mandeln und Mehl, als Gabe für die verkleideten Rummelpottkinder, die zum Jahreswechsel von Tür zu Tür ziehen und begleitet vom Krächzen des selbstgebastelten Rummelpotts ihre Bettellieder singen: »Giv mi wat in'n Rummelpott/een, twee, dree un veer/wenn't lütten Dreeling weer!« Auch Emmy hat Platt gesprochen und wird mit dem Rummelpott herumgezogen sein: Steinstraße, Apenrader Straße, Schulgasse. Es ist der Weg, den sie täglich geht: Ab 1888 zum Kindergarten in der Schulgasse 6, von 1893 bis 99 in die danebenliegende St. Marien Mädchenschule III. Zwischen 1891 und 1893 in die zweite Mädchenschule in der Duburger Straße.

Emmys kleine Welt. Flensburg zählt damals rund 40 ‌000 Einwohner. Deutsche, aber auch viele Dänen. In der Neustadt ist der dänische Bevölkerungsanteil besonders hoch. Auch der Werftdirektor Bredsdorff, an dessen Villa in der Apenrader Straße Emmy täglich vorbeigeht, war Däne. Und so schnappte sie, die zu Hause wohl mehr Platt- als Hochdeutsch sprach, auch das Dänische auf. Selbstverständlich gehörte der weiche Singsang dieses Idioms dazu. »Emmy findet, die deutsche Sprache sei arm an Vokabeln der Zärtlichkeit und Verliebtheit. Die dänische sei darin so unendlich viel reicher.«14 Das notiert Hugo Ball Jahrzehnte später. Da wird sie in dänischer Tracht auftreten und dänische Lieder singen. »Det war en lørdag aften (…)« Ein kleines Liebeslied, das sie selbst übersetzt: »Es war am Samstag abend, stand draußen vor der Tür.« Ein Stück Heimat während des unruhigen Herumziehens von Tingeltangel zu Tingeltangel, von Kabarett zu Kabarett. »Meine Eltern haben für Deutschland optiert«,15 schreibt sie dem Lebensgefährten Hugo Ball 1916. Aber die Mutter nimmt Emmy schon früh mit zu ihrer dänischen Verwandtschaft nach »Vejle, wo ich als Kind mal was vergraben hab. ein Stück grünes Flaschenglas, meine Lieblingsbrille. Wenn man da durchguckte wars, als wiege sich die ganze Welt in Träumen.«16 Hinter der Grenze verwandelt sich die Welt. Wird weit. So wie das Meer. Sie wußte, »daß die Förde nur der Beginn des großen Meeres ist, und auch das Meer selbst hatte ich schon kennengelernt. In meinem vierten Lebensjahr machte ich mit meiner Mutter eine Reise nach Jütland, wo ich von der ungeheuerlichen Größe des Meeres den ersten Eindruck empfing.«17 Prägungen der ersten Jahre. Sehnsucht nach dem Meer ein Leben lang, »weil ich ein Kind vom Meer bin und weil das Meer das eigentliche Element meines Vaters war«18. Sehnsucht nach der »blonden Heimat«, wenn sie unbehaust sein wird: »Am liebsten wäre ich ein Apfelbaum, der irgendwo am Wege steht, vielleicht auf einer Landstrasse im Jütländischen, in Dänemark, dort, wo der Weg nach Vejle führt, das ist die Gegend, aus der meine Mutter stammt«19. Land und Meer. Mutter und Vater. Das Kind ist zufrieden. Trotz der dürftigen Verhältnisse. Es spürt, in welch hohem Maße die Eltern die Gabe besitzen, »mit wenigem glücklich zu sein«20. Die Mutter, »als sie mich zu ihrem höchsten Erstaunen in die Welt brachte (…) war sehr zage auf meine Ankunft vorbereitet. Ich war ihr erstes Kind und bin auch ihr einziges geblieben«21. Später wird sie Emmys Kinder zu sich nehmen: den kleinen Joseph Hennings, der bereits im 1. Lebensjahr stirbt, und die 1906 geborene Annemarie, die ein Jahrzehnt in der Obhut der Großmutter aufwachsen wird.

Anna Cordsen, die, wie Emmy ihr blondes, reiches Haar bis in ihr hohes Alter behielt, war energisch und hielt den Vater, »der eine stille und nachgiebige Natur«22 war, immer wieder dazu an, bei der Eintreibung der Mieten weniger nachsichtig mit den säumigen Mitbewohnern umzugehen, weniger großzügig zu sein. »Indessen war mein Vater keineswegs ein schwächlicher Mann, nur anderen gegenüber zeigte er sich von einer Gutmütigkeit, die meiner Mutter manchmal zu weit ging.«23 Und war damit ein Vorbild, dem die Tochter in ihrem Leben mehr nacheifern würde als dem mütterlichen. Aber Emmy erlebt auch eine andere Seite der Mutter. Einerseits hält sie mit Realitätssinn und Energie den Hausstand zusammen, näht für andere Familien, um Geld hinzuzuverdienen. Andererseits hatte »meine Mutter (…) ein schwarzes, fein gebundenes Buch, in das sie mit ihrer zarten sorglichen Handschrift eine Anzahl Gedichte eingetragen hatte (…) geistliche Lieder und Gedichte von volkstümlicher Frömmigkeit«24. Das mögen neben den deutschen und dänischen Kinder- und Volksliedern und plattdeutschen Versen, die Emmy kannte, die ersten Dichtungen gewesen sein, mit denen sie in Berührung kam.

Neben den Deutschen und Dänen in der Neustadt begegnete Emmy im Hafen Matrosen, die in fremden Sprachen redeten, lachten und tranken und zu den Mädchen im verrufenen Oluf-Samson-Gang gingen. Doch der war jenseits des Nordertores, das die Neu- von der Altstadt trennt. Für Emmy eine magische Grenze wie die zwischen Himmel und Meer. Oder wie die am Ende ihrer Straße: der Schuttplatz, auf dem die Kinder spielen, angefüllt mit Asche und Gerümpel, umgeben von einem Wall. Daneben die Glashütte, von den Kindern die Hölle genannt, »wo Männer an langen Stangen glühende Flaschenkolben hin und her schwangen«.25 Unterhalb des Walls befanden sich Schweineställe, deren Gülle in einen Graben geleitet wurde. Hier mußten Mutproben abgelegt werden. Wer wagt es von der »Hölle« über den stinkenden Graben in den »Himmel« zu springen? Emmy ist dabei, Emmy ist mutig. Triumph, wenn es gelingt. Beschämung, wenn sie im Graben landet und sich unter dem schadenfrohen Johlen der Spielkameraden ans feucht-glitschige Ufer kämpft. Dann wünscht sie, fliegen zu können, und beginnt, trotzig und laut, eines ihrer Lieblingslieder zu singen: »Hätt' ich Flügel, hätt' ich Flügel, / Flög ich auf zu meinem Herrn, / Über Meere, Täler, Hügel, / Sonder Schranke, sonder Zügel / Folgt ich immer meinem Stern.« Eine Phantasie dieses Kinderlebens: Davonfliegen, schrankenlos, zügellos, nur der eigenen Stimme folgend. Eines Tages wird Emmy das tun, wird es wieder und wieder tun. Und wird es ihre »Weglaufsucht« nennen.

Daß das Überspringen von Grenzen auch Gefahren birgt, erfährt Emmy jedoch am eindrucksvollsten aus den Erzählungen des Vaters. »Für mich (…) blieb er meine ganze Kinderzeit über vor allem der weitgereiste Seemann, den ich liebte und bewunderte …«26 Und wenn Cordsen sein Seemannsgarn von Sturm, Schiffbruch, vom Treiben in den eisigen Fluten spinnt, lauscht Emmy atemlos und spinnt des Vaters spröde Erinnerungen in ihrer Kinderphantasie »zu den wunderlichsten und schauerlichsten Märchen aus, Märchen, die abgründig und dunkel waren und denen meine Spielkameraden wie hinweggenommen mit weit geöffneten Augen und offenen Mündern (…) lauschten«27.

Wirklich ist für Emmy, was sie für wirklich hält. Und so sind ihre Erinnerungen Blume und Flamme, die Geschichte einer Jugend, auf die wir angewiesen sind, wenn wir die Flensburger Kindheit und Jugend nachvollziehen wollen, ein Spiel mit Fiktion und einer Realität, deren Härte sie rückblickend mildern möchte. Denn es war ein hartes Leben, das die Cordsens und ihre Nachbarn führten. 12 Stunden Arbeit auf der Werft. Montag bis Samstag. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Haushalt. Näharbeiten. Das enge Miteinander. 1892, Emmy ist sieben, kommt eine der Großmütter ins Haus. Zum Sterben. Das Kind sitzt neben der toten Großmutter, die in der Stube aufgebahrt ist, und hofft, daß der liebe Gott seinen Entschluß, die Großmutter sterben zu lassen, rückgängig macht. Plötzlich scheint alles geheimnisvoll verwandelt, die Großmutter in ihrem Sterbekleid und dem reglos-bleichen Gesicht, der verhängte Spiegel. Das Kind faltet die Hände, wartet. Aber Gott revidiert seinen Entschluß nicht. Die Großmutter wird begraben, und Emmy hofft am Grab, daß der Engel kommt und die Großmutter in den Himmel trägt. »Großmutter durfte nicht in der dunklen Erde bleiben. Plötzlich wurde ich von einem Rausch der Trauer erfaßt, daß ich selbst nicht wußte, wie mir geschah, und ich begann bitterlich zu weinen.«28 Später wird sie in ihrem ersten Gedichtband die beklemmende Situation noch einmal erinnern: »Meine Großmutter hielt die ganze Nacht / – Im grünen Glase brannte ein Licht – / Vor einem vergitterten Fenster Wacht, / Ich sah in ihr fahles Angesicht. // Die Möbel in dem blauen Zimmer, / An ihnen haftet all unser Leid. / Und wenn jemand stirbt, um diese Zeit / bleibt stehn die Uhr mit krankem Gewimmer.«

»Bei mir zu Hause«29 hat sie das Gedicht überschrieben, eines von dreien, die ihre Flensburger Kindheit und Jugend thematisieren und die eine andere Sprache sprechen als die verklärenden Erinnerungen in Blume und Flamme. Im Gedicht ist das Fenster vergittert, das Ich gefangen unter einer »Glocke aus Glas«,30 unter der das Atmen schwer wird. Aber noch kann Emmy die Glasglocke nicht heben, meint nur manchmal, die Luft der Freiheit zu spüren, am geöffneten Giebelfenster der Dachkammer des Elternhauses, das zur Apenrader Straße zeigt. Dorthin flieht sie, wenn sie lesen will. Oder träumen. Vom Davonfliegen: »Das Fenster, die kleine Dachluke zitterte vor meinem Entschluß, bereit zu sein.«31

Hatten sich Eltern und Spielkameraden an die ausgefallenen Geschichten und Einfälle des Mädchens gewöhnt, so wurde die Schulzeit im neuen preußisch-strengen Schulhaus aus gelbem Fördeklinker in der Schulgasse 4 zur Qual. Lesen und Schreiben lernt Emmy schnell, verfaßt lange Aufsätze, die Lehrer und Mitschüler in Erstaunen versetzen. Sie liebt es zu singen, lernt Gedichte auswendig, lange Prosatexte, die sie deklamiert. Aber Emmy kann nicht rechnen. Ihre Zensuren vom Ende des zweiten Schuljahres sind erhalten: Religion: gut, Deutsch: z(iemlich) gut, Rechnen: gen(nügend). Ihre Zensoren begreifen Emmy nicht. Weder ihre Phantasie, die sie als Unehrlichkeit, noch ihre Eigenständigkeit, die sie als Ungehorsam einstufen. Sie wird bestraft, geschlagen. Tagträume helfen. Reisen ins Land der Phantasie. Und die Literatur. Wahllos lesend, was sie in die Finger bekommt, erschließt sich Emmy eine neue Welt. Wenn die Eltern zu den Züchtigungen in der Schule schwiegen, so schwieg auch Gott, wenn das Kind ihn um Hilfe anflehte: »Er hatte wohl seine Gründe, wenn er schweigsam blieb. Die Dichtung aber schwieg nicht. Vielmehr lernte ich ihre Tröstungen kennen.«32 Fluchtphantasien: »O ja, das Auswandern hatte entschieden viel für sich.«33

Vorerst jedoch nur kleine Fluchten in die Stadt jenseits des Nordertores. Dorthin, wo die Backsteinkirchen stehen, die großen Bürgerhäuser. Wo auf den Plätzen Markt gehalten wird. Breitere Straßen als in der Neustadt. Gut angezogene Menschen, die Zeit haben zu flanieren. In einem der prächtigen Häuser an der Norderstraße mit Rokokofassade und hoher, reich verzierter Eingangstür lebt Zigarrenfabrikant Eckener mit der Tochter Ina und den Söhnen Hugo und Alexander. Der eine, 1868 geboren, wird Philosophie studieren und sich zunächst als freier Schriftsteller in Friedrichshafen am Bodensee niederlassen. Aber in die Geschichte wird er mit dem »Zeppelin« als Luftschiffpionier eingehen. Der andere, Alexander Eckener, hat sich als Maler und Graphiker regional einen Namen gemacht. Als Emmy ihm am Nordertor begegnet, ist sie tief beeindruckt. »Er trug eine schwarze Sammetjacke mit Ripsband eingefaßt, und unter einem breiten dunklen Künstlerhut das vermutlich spanische Gesicht mit großen dunklen Augen, die mich aufmerksam musterten (…) Seine Braut war zierlich und schmal. Ihr Kleid war von derselben zart-violetten Farbe wie das meiner Puppe Liese.«34 Emmy ist verwirrt. Zum erstenmal nimmt sie die Eleganz einer jungen Frau wahr: die eng geschnürte Taille, den grünen Spitzenhut auf den roten Locken, »ein Gedicht von einem Hut (…) Auch kam ich nicht auf den Gedanken, daß die Augen der Braut blau untermalt, das Gesicht gepudert und der Mund geschminkt war.«35 Aber eins weiß sie, daß sie auch einmal so aussehen möchte. Noch ahnt sie nicht, daß Eckeners Freund, Rudolf Reinhold Junghanns, der ab 1909 drei Studienreisen nach Norden macht und mit Eckener malt, sie in München porträtieren und jene skandalträchtigen Radierungen schaffen wird, die ihn und sein Modell berühmt-berüchtigt machen sollen. Noch erwidert sie schüchtern den freundlichen Gruß Eckeners mit einem scheuen Nicken.

Ja, das Nordertor ist eine Grenze, die zu überschreiten immer Neues, Aufregendes bringt. Wie die Zirkusleute, die am Nachmittag eine Gratis-Kostprobe ihrer Kunst geben und zur Abendvorstellung verlocken wollen. Grüne Wohnwagen. Dunkle fremde Gesichter. Fahrendes Volk. Heute hier. Morgen da. Rote Jacken. Weiße Zylinder. Eine Seiltänzerin. Blaues Schleierkleid. Bunter Schirm. Tänzeln zwischen Himmel und Erde. Und unten Emmy: atemlos-staunend. Auf dem Weg zurück wieder die niedrigen Häuser der Neustadt, die rauchenden Schornsteine der Glashütte. Das Gaswerk. Die verhaßte Schule. Der Schrottplatz. Die enge Küche. Emmys Begeisterung. Mutters strenge Stimme. Vaters Kopfschütteln. Einmal auch so schweben zwischen Himmel und Erde. Im Schleierkleid. Einmal davonfahren im grünen Wagen.

Emmy träumt. Emmy spielt. Die Eltern machen sich Sorgen, wenn sie das Kind mit großen Gesten sprechend in Hof und Stuben sehen. Selbstvergessen. Eine andere. Wohin soll das führen? fragt sich die Mutter. Aber noch versucht Emmy sich zu fügen, zu Hause, in der Schule. »Kümmere dich als Mädel nur immer hübsch um deine eigene Insel«, mahnt Lehrer Thießen, als sie wieder einmal von den Abenteuern auf See und der Pflicht eines jeden Seefahrers zur Entdeckung einer Insel fabuliert hatte. »Es gibt nicht nur Pflichten für Seefahrer, sondern auch für kleine Mädchen. Versuch mal diese immer wieder zu entdecken und ihnen nachzukommen, dann kommst du schon auf den richtigen Weg.«36 Thießen weiß, wovon er spricht. Hat doch seine phantasievolle Schülerin sich bei ihm an den Nachmittagen als Haushaltshilfe verdingt. Für eine Mark in der Woche, um ins Theater gehen zu können. Emmy wäscht das Geschirr, putzt die Schuhe, schält Kartoffeln und macht Besorgungen für die Lehrersfrau. Sie verkauft Hasenfelle, die Thießen, der Freizeitjäger, von den Bälgen zieht. Bekommt beim Kürschner auf dem Holm sechzig Pfennige pro Fell. Rennt um die Ecke in die Rathausstraße. Ins Theater. Das wurde 1894 eröffnet. Die billigste Karte kostet sechzig Pfennige. »Klassikervorstellungen zu halben Kassenpreisen konnte ich nur noch mit Hasenfellen und umgekehrt in Verbindung bringen.«37 Emmy in Die Jungfrau von Orleans, in Die Räuber und Don Carlos. Emmy in Lehrer Thießens Küche Schillers Verse deklamierend. Sie will auf »die Bühne, die eben für mich keine Bühne war, sondern das Leben«38.

Die Theaterzettel sind in Flensburg erhalten. Auch von Hanneles Himmelfahrt, das die Elfjährige bei der Aufführung 1896 tief ergreift. Als sie ein Jahr später Gerhard Hauptmanns Versspiel Die versunkene Glocke sieht, ist für Emmy kein Halten mehr. Sie kauft das Textbuch und führt das Stück mit Freunden vor Nachbarskindern und deren Eltern auf. In der Waschküche. Sie führt Regie, hat die wichtigsten Rollen übernommen, weist die Plätze an, improvisiert Bühnenbild und Kostüme. Die Waschküche wird zum Märchenwald. Und Emmy Cordsen ist nicht mehr das Mädchen aus der Steinstraße, sondern eines der Hauptmannschen Fabelwesen. Im Spiel gelingt die Flucht aus der Misere. Aber es wird ihre einzige Inszenierung bleiben. Zu knapp ist die Zeit zwischen Schule, häuslichen Pflichten und der nachmittäglichen Arbeit bei Thießen. »Später verlegten wir uns auf ›Einzelnummern‹ (…) Meine Glanzleistung wurde ›der heimgekehrte Krieger‹«.39 Emmy, mit Mutters Broschen als Orden am Kleid, spielt den einbeinigen Stelzfuß, der heimkehrend von der siegreichen Schlacht kündet, um dann sterbend niederzusinken, so überzeugend, daß sie sogar zu »Gastspielen« in die Nachbarschaft eingeladen wird. Die Bretter, die die Welt bedeuten. Für Emmy verkehren sich die Dinge. Theater wird zum Leben und ihr Leben zu etwas, das durchgestanden sein wollte, um zurückkehren zu können in die Welt des schönen Scheins. Was also liegt näher, als ganz einzutauchen, Schauspielerin zu werden.

1899 endet ihre Schulzeit. Am 19. März, sie ist gerade 14 geworden, wird sie konfirmiert. »Die Kinderzeit wurde begraben, und dieses strenge Konfirmationsgewand war das Begräbniskleid. Mutter wünschte, daß ich in diesem Kleid photographiert werden sollte, (…) aber, da ich mir vorkam wie ein schmaler, schwarzer kleiner Sargdeckel, wollte ich kein Bild.«40 Der Ernst des Lebens beginnt. So hört es Emmy, deren Schulfreundinnen in der Stadt oder auf dem Land in Stellung gehen. Auch von ihr wird das erwartet. Der Weg ist vorgezeichnet: Dienstmädchen, Sparen auf die Aussteuer. Heirat. Kinder. Emmy träumt sich als Stewardeß nach Sumatra, als Stubenmädchen auf eine Farm in Südafrika, als Kindermädchen nach Indien. Wozu hat man einen Vater, der die Welt umsegelt hatte? Fuhren nicht täglich Schiffe aus dem Hafen, Züge aus dem Bahnhof? War die Welt nicht groß und weit? »Herz und Kopf waren das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.«41 Aber in der Steinstraße werden Stellenanzeigen studiert. Emmy weiß, was von ihr erwartet wird, und verschenkt an ihrem letzten Schultag ihren Bleistiftspitzer. »Gab's mit dem Bemerken, ich würde so bald nicht mehr zum Schreiben kommen.«42 Sie fügt sich. Tritt eine Stelle als Haus- und Küchenhilfe im Hotel Norden an. Sieht mit verwunderten Augen, daß für manche täglich Vullbuuksabend ist. Emmy staunt, holt die Teller aus dem Speisenaufzug. Wie viele Reste darauf bleiben. Hier wird nicht aufgegessen. Es gibt für die, die zahlen, alles im Überfluß.

Emmy wohnt nicht mehr zu Hause, sondern schläft mit dem anderen Personal in den engen Dienstbotenkammern des Hotels. Bei ihrer nächsten Anstellung im Knabenpensionat Linning in der Duburgerstraße, das um die Jahrhundertwende mit zehn Schülern das größte Pensionat der Stadt für die Externen der Flensburger Schulen war, teilt sie zeitweise nicht nur das Zimmer, sondern auch das Bett mit einem anderen Mädchen. Und bei dem Zichorienfabrikanten Carl Thamsen magert sie in kurzer Zeit so erschreckend ab, »daß meine Eltern mich nach Hause nehmen mußten, wo es mir zunächst gar nicht leicht fiel, mich wieder an eine regelmäßige Kost zu gewöhnen«43. Emmy resigniert. »Wenn ich an meine ersten Mädchenjahre zurückdenke, besonders an die wichtige Zeit des Reifens vom Kinde zur Jungfrau, habe ich beinahe etwas Mitleid mit mir. Warum? Weil ich mich so sehr schwer an das große Leben gewöhnt habe.«44 … »Meinen Kinderwunsch Schauspielerin zu werden und auf diese Weise der Kunst zu dienen, glaubte ich überwunden und sozusagen in mir getötet zu haben. Ich wünschte mich in einem Leben zurechtzufinden, das mir aufgezwungen war.«45

Dazu gehört für die Siebzehnjährige, deren Vater im November 1901 gestorben war, eine Stellung, die mehr Anregungen bietet als die vorherigen. Eine Stellung ohne Kost und Logis. Mit mehr Freiraum an den Abenden, an den Sonntagen. Aber mit ihrer Vorbildung hat sie wenig Auswahl. Und die Mutter hätte ihre Tochter der Kosten wegen gern aus dem Haus und vom Tisch. Doch Emmy setzt sich durch und tritt eine Stelle im Photoatelier Juul an. Sie muß Bilder kopieren. Für 25 Mark im Monat. Jeden Morgen geht sie von der Dorotheenstraße, in die Mutter und Tochter nach dem Tod des Vaters gezogen waren, in die Große Straße 21 nahe dem Südermarkt und der Nikolaikirche. Im 4. Stock, mit Blick über die Hausdächer, sitzt sie neben drei anderen Mädchen, glücklich, der Putzarbeit entronnen zu sein. Eines der Mädchen ist Dänin, die nur wenig Deutsch spricht. Auch Andreas Juul ist Däne. So wird mehr Dänisch als Deutsch gesprochen. Volkslieder werden gesungen, »und die Freude an diesen Liedern trug nicht wenig dazu bei, daß ich wenigstens den Geist der dänischen Sprache wie im Spiel auffaßte«46. Emmy läßt sich in dänischer Tracht fotografieren. Ein Kätzchen auf dem Arm. Die Arbeit macht ihr Freude. Und Juul läßt den Mädchen freie Hand, ist großzügig. Zu Weihnachten gibt es eine Feier und Geschenke. Emmy bekommt einen schwarzen spanischen Spitzenschal. Sie wird ihn tragen, wenn sie 1911 in München das erste Mal zur Kommunion geht. Und es gibt an diesem Adventsabend Musik. Dagny, Juuls Nichte, ist aus Korsør gekommen und spielt Harfe. Aber Juul steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Und so wird Emmy, zuletzt eingestellt, im neuen Jahr zuerst entlassen. Vergessen wird sie diese Zeit nicht. Es bleibt die Liebe zum Dänischen. Emmy, die Dänin, wird sie sich nennen, als »dänische Futuristin« im Berliner ›Linden-Cabaret‹ auftreten. Und Dagny wird eines ihrer literarischen Pseudonyme sein, wenn sie zu schreiben beginnt. Ein Anfang ist gemacht. Schaut sie vom Atelier über die Dächer hinüber nach Jürgensby, liegt die Welt ihrer Kindheit vor ihr wie unter einem Glassturz: Altstadt und Neustadt. Hafen und Förde. Deutschland und Dänemark. Unsichtbar die Grenze. Emmy spürt, daß sie Grenzen überschreiten kann: »Mein Jugendhimmel – eine Glocke aus Glas. / Wir trugen Florentinerhüte. / Auf Kinderhände fiel Kirschenblüte. / Schneeflocken fielen weich und naß. // Die Berge Jütlands und blaue Heide, / Und in Vaters Hof fielen manchmal die Sterne. / Da erzählte der Seemann von einer Taverne / Und bunten Mädchen in leuchtender Seide. // ›Na, Mädel, willst du mit? Sag Ja!‹ / Matrose gab mir einen Kuß. / ›Weil heute ich noch scheiden muß.‹ / Schön sind die Mädchen von Batavia …«

Bild 1 Emmy Hennings in Flensburg, um 1900

»Kindheit«47 hat sie dieses Gedicht überschrieben, das erstmals 1916 in der Zeitschrift Die Ähre veröffentlicht wurde. Das kommt so leichtfüßig, fast märchenhaft daher, daß man versucht ist zu glauben, da spräche jemand Junges, Unbefangenes. Aber dieser Eindruck täuscht, und das nicht nur im Hinblick auf das Alter der Lyrikerin. Emmy Hennings ist 31, als sie dieses Gedicht schreibt. Die Jahre der Schmiere, des Tingeltangel und der Boheme in Berlin und München liegen hinter ihr. Gerade hat sie dem in Zürich gegründeten ›Cabaret Voltaire‹ den Rücken gekehrt und ist mit Hugo Ball nach Ascona gezogen, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, sich zu besinnen, zurückzublicken, wie auch Ball das mit der Sichtung seiner Tagebuchnotizen in Die Flucht aus der Zeit tun wird. Sie hat mit den Aufzeichnungen zu Gefängnis begonnen, den traumatischen Erlebnissen von Verhaftung, Verhör und Verurteilung, und sich – folgerichtig – auch ihrem Leben als Schauspielerin und Hausiererin, als Tingeltangel-Mädchen und dem Brandmal der Prostitution zugewandt: »Hätte ich als Kind gewußt, daß es, nur um in einem Bette liegen zu können und die Wand anzustarren, so vieler Qualen bedarf, ich hätte meinen Eltern Vorwürfe gemacht, mich ins Leben gelockt zu haben.«48

Hier also ist die Anknüpfung an das Gedicht. Emmy erinnert sich. Des Gefängnisses und der Ereignisse, die sie dorthin brachten, denkt sich zurück in die Zeit der Unschuld, die Kindheit. Aber im Text zeigen sich bereits irritierende Brüche. Gleich im ersten Vers teilt sie Befremdliches mit: »Mein Jugendhimmel« – und nun folgt ein Gedankenstrich, so als müsse sich die Schreiberin, die auf einem Photo dieser Zeit einem Schulmädchen gleich am Tisch sitzt, das Heft vor sich, den Stift in der Hand, besinnen auf das Merkmal dieses Jugendhimmels. Und seltsam genug, ist es nicht der weite Himmel über der Förde, auf dem Wind und Wolken ihr freies Spiel treiben, nein, es ist »eine Glocke aus Glas«. Übergestülpt über diese Kindheit, sie abschließend und damit auch das Ich in diesem Gedicht einschließend und gefangen setzend. Doch unter Emmy Cordsens Glasglocke ist auch eine Idylle eingeschlossen: Mädchen mit Florentinerhüten, wie Emmy sie bei ihren Gängen in die Stadt trug, Kinderhände, die nach den fallenden Kirschblüten haschen wie nach Schneeflocken, Sterne, die manchmal in den klaren Septembernächten als Sternschnuppen in den engen Hof fallen und von der Weite des Firmaments und der unendlichen Freiheit künden. Einer Freiheit, von der abends, wenn die Sterne fallen, der Seemann erzählt. Es sind die Orte, von denen Emmy beim Tellerwaschen singt: »Glori-Glori-Gloria, / Schön sind die Mädchen von Batavia«.49 Die Matrosen im Hafen singen das. Auch die Soldaten singen es, wenn sie unter den Fenstern vorbeimarschieren: »Glori-Glori-Gloria, / Schön sind die Mädchen von siebzehn, achtzehn Jahr«.50

Das ist die Welt, nach der Emmy Cordsen sich sehnt und die sie suchen wird: Mädchen in leuchtender Seide. Und ein Mann, der mit seinem Kuß das Mädchen weckt und erlöst, wie der Prinz das Dornröschen hinter der Hecke. Die Welt steht offen, nach Batavia, das bei Emmy Kattowiz heißen wird und Budapest, Paris, Berlin, München, Zürich und Rom. Das Gedicht schließt nicht mit einem Punkt, sondern hebt mit seinem Punktpunktpunkt die Grenzen auf und läßt die Ziele offen.

Mein Dämon hat keine Brüder und Schwestern

Gerüche von Leder und Weihrauch – Gedichte in Wäldern – Vom Kontobuch zum Studienbuch – Nasen und Nietzsche

Pirmasens. 22. Februar 1886. Zweibrücker Straße 4. Ein Kind wird geboren. Im Taufregister der katholischen Kirchengemeinde St. Pirmin ist es am 11. März unter dem Namen Hugo Rudolph Ball als »der rechtmäßige Sohn des Karl Ball und dessen Ehefrau Josephina Arnold« verzeichnet. Er ist das fünfte Kind des Paares, das am 14. Mai 1873 im lothringischen Metz geheiratet hat, einer Stadt, die seit 1871 nicht mehr zum französischen Départment Lorraine, sondern zum Deutschen Reich gehört. Warum der 24jährige und seine sechs Jahre jüngere Braut in Metz heiraten, ist nicht belegt, denn das junge Paar stammt nicht aus Lothringen: Josephina kommt von einem Bauernhof aus Herxheim bei Landau und Karl wurde auf dem Hoppachshof in Hesselbach im Odenwald geboren. 1874 kommt der Sohn Otto Karl zur Welt, mit dem die Balls im rheinpfälzischen Germersheim leben, bevor sie nach Pirmasens ziehen. Dort wächst die Familie weiter mit Josephine Salomea (1876), Ida (1879) und Maria Anna (1881). Schwestern, die Hugo Balls Leben mit unterschiedlicher Zuneigung begleiten werden. 1891 folgt das jüngste Kind: Heinrich Karl Alexis, genannt Heiner, mit dem sich der fünf Jahre ältere Hugo das Zimmer teilen muß.

Das jedoch erfahren wir nicht von ihm, sondern von August Hofmann, der Jahrzehnte nach Balls Tod seine Erinnerungen an den Verwandten und Jugendfreund aufgezeichnet hat. Und wir lesen es bei Emmy, die nach 1927 in immer neuen Texten das Leben ihres verstorbenen Mannes umkreist: »Gewiß bin ich ein lebendiges Tagebuch von ihm, und so klar ich kann, will ich seine Tage zeigen, damit sie nicht verloren gehen.«1 Und so erzählt sie von ihm, wieder und immer wieder: Hugo Ball. Sein Leben in Briefen und Gedichten, Rebellen und Bekenner, Hugo Balls Weg zu Gott, Ruf und Echo. In jedem dieser Bücher blickt Emmy auch auf Kindheit, Jugend und Familie des Gefährten zurück und fügt sie, Wirklichkeit und Wunsch verschmelzend, in die Legende ein, zu der sie sein Leben mit dem ihren verwebt. »Schade, daß ich in seiner Kindheit nicht ein wenig bei ihm sein konnte«, bedauert sie. »Er hatte fünf Geschwister, aber ich hätte doch eine kleine Freundin, ein Nachbarskind sein können. Zum Voraus würde ich ihn getröstet haben für alles Schwere, das ihm begegnen konnte und das ich erahnt hätte. (…) Eine kleine Trösterin wünschte ich zu sein, und er war für Trost empfänglich. Mir war, als habe er einer Stärkung für die Lebensreise zum voraus bedurft und als hätte ich versäumt, sie ihm anzubieten. Ich wuchs ja in Flensburg und er in Pirmasens auf. Also waren wir weit voneinender entfernt.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!