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Am Anfang des Buches werden die Todesschicksale von Mozart und seinem Kaiser Leopold II. miteinander verknüpft. Es wird die Arbeitshypothese aufgestellt, dass Mozart vom Leibarzt des Staatskanzlers und Leopold von seinem eigenen Leibarzt absichtlich zu Tode kuriert worden sind. Die Fahndung nach den Auftraggebern der Ärzte zieht sich bis zum Schluss des Buches hin, wobei sorgfältig alle möglichen Motive untersucht werden. Nachdem die Ärzte und der Thronfolger Franz posthum befragt worden sind, wird das Leben und Wirken von Kaiser Leopold II. vorgestellt um einen Eindruck von seinen Feinden zu bekommen. Indem dessen Lebensleistung von den Geschichtsschreibern immer stiefmütterlich behandelt worden ist (mit Ausnahme vom Wiener Historiker Adam Wandruska) braucht das Buch drei ganze Kapitel zur Darstellung dessen großer Verdienste für die Toskana und das Habsburgische Reich, unterbrochen von einer Kurzbiographie seines Bruders Joseph II. Im nächsten Kapitel wird der Staatskanzler verhört, wobei leicht festzustellen ist, dass dieser als Beschützer Mozarts, aber keineswegs als Freund Leopolds in Erscheinung getreten ist. Im zweiten Teil des Buches wird die außerordentlich schwierige Frage erörtert, wer Interesse an dem Tod eines großen Komponisten gehabt haben könnte. Zu diesem Zweck wird der Lebenslauf Mozarts von Anfang an bis zum vorzeitigen Ende beleuchtet. Wir sehen, dass bereits der junge Mozart gegen die Kräfte ankämpft, welche seine internationale Karriere zum Erhalt des herrschenden Feudalsystems bändigen wollen. Für die Elite des Staates ist der kometenhafte Aufstieg des Salzburger Wunders ein viel größeres Problem als jemals zugegeben wurde. Sogar die Berufung von Hieronymus Colloredo als Erzbischof von Salzburg lässt sich auf dieses Dilemma zurückführen. Es gelingt dem Erzbischof aber nicht, seinem Erbuntertan Standesdisziplin beizubringen, was den hohen Herrn zwar mehrmals in Weißglut versetzt, aber seine Bewunderung für Mozart keineswegs schmälert. Zur Staatsaffäre wird der Fall Mozart erst, als dieser den Adelsdienst abschüttelt und sich in Wien selbständig macht. Allerdings ist es nicht Hieronymus, der ihn dafür bestrafen will, sondern dessen Vater, Bruder und die übrigen Mitglieder der weitverzweigten Familie Colloredo. Mozart überlebt die ersten fünf Jahre in Wien durch den halbherzigen Schutz von Kaiser Joseph und den verborgenen, aber konsequenten Schutz von Staatskanzler Kaunitz. Aufgrund seiner phänomenalen Leistung nimmt der Salzburger sogar seine schlimmsten Gegner für sich ein. Doch er verliert sie alle auf einem Schlag durch die Vertonung von der Revolutions-Komödie aus Paris "Figaro's Hochteit" in 1986. Der Hochadel sieht den entlaufenen Untertan von nun an als Wegbereiter der Revolution, obwohl Mozarts Motive im privaten Bereich liegen und mit Politik nichts zu tun haben. Auch die Komposition von "Don Giovanni" wird motiviert durch Mozarts Bedürfnis, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen, die nicht nur unterdrückt, sondern von der Aristokratie auch als Freiwild betrachtet und gejagt werden. Der Rest der Geschichte soll in dieser Inhaltsbeschreibung nicht erzählt werden, weil die Kriminalgeschichte sonst ihren Reiz verlieren würde. Erst am Ende wird sich klären, ob die Arbeitshypothese bewiesen werden kann.
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Harke de Roos
Das Wunder Mozart
in der Aufklärung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 • Der unsterbliche Tod Mozarts und • der vergessene Tod Leopolds
Kapitel 2 • Die Ärzte
Kapitel 3 • Der Thronfolger
Kapitel 4 • Pietro Leopoldo
Kapitel 5 • Leopolds Alleinregierung der Toskana
Kapitel 6 • Joseph
Kapitel 7 • Kaiser Leopold II.
Kapitel 8 • Anton Wenzel Fürst Kaunitz-Rietberg
Kapitel 9 • Das Wundererlebnis als gesellschaftlicher Faktor
Kapitel 10 • Colloredos Kampf mit Mozart
Kapitel 11 • Der vermeintliche Sieg Colloredos
Kapitel 12 • Colloredos Niederlage
Kapitel 13 • Mozarts Ausgangsposition in Wien
Kapitel 14 • Die Entführung in das Serail
Kapitel 15 • Mozarts scheinbare Anpassung an die Wiener Gesellschaft
Kapitel 16 • Rätsel über Rätsel bei Figaros Hochzeit
Kapitel 17 • Der bestrafte Bösewicht oder Don Joseph •
Kapitel 18 • Mozart als wahrer Freund der Frauen
Kapitel 19 • Der wiedergefundene Vater
Kapitel 20 • Von Don Giovanni bis Così fan tutte
Kapitel 21 • Am Scheideweg der Menschheit
Kapitel 22 • Einbruch der Finsternis
Kapitel 23 • Epilog
Impressum neobooks
Am 5. Dezember 1791 unserer abendländischen Zeitrechnung starb Wolfgang Amadeus Mozart. Der Tag war wie alle anderen, das Schicksal das eines jeden Sterblichen, und doch handelt es sich um alles andere als ein alltägliches Ereignis. Selten hat ein Todesfall so sehr auf die Imagination der nachkommenden Geschlechter gewirkt wie der dieses einen Mannes. Man weiß ja: Noch keine 36 Jahre war der Meister alt, als er mitten aus der Arbeit gerissen wurde, aus der Komposition einer Totenmesse für einen geheimnisvollen, anonymen Auftraggeber. Nicht einmal die eigene Frau war zugegen, als er zu Grabe getragen wurde und bis heute kennt niemand den genauen Ort, an dem seine sterblichen Überreste ruhen. Zahlreiche Legenden haben sich von Anfang an um die Todesursache gerankt. Noch im Todesmonat erschien in einer Berliner Zeitung die Meldung, dass in Wien Gerüchte zirkulierten, der Meister sei vergiftet worden. Jahrzehnte später geriet der Komponist Antonio Salieri in den Verdacht, Mozart ermordet zu haben. Noch später, in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, wurden die Freimaurer und ein betrogener Ehemann des Gleichen bezichtigt. Neuerdings sind sogar die Jesuiten als mögliche Todfeinde des Salzburger Meisters genannt worden. Gewissenhafte Forscher jedoch werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass es für einen Mordverdacht nicht den geringsten Anhaltspunkt gibt. Ihrer Darstellung nach ist das Krankheitsbild des Meisters hinreichend geklärt und der frühe Tod bewegt sich völlig innerhalb des Rahmens der damaligen Lebenserwartung. Auch die Komponisten Purcell, Pergolesi, Chopin, Schubert und Mendelssohn seien ja jung gestorben. Wie Mozart wären auch sie mit Hilfe der heutigen Medizin viel älter geworden. Welchen Sinn hat es, über Mozarts Tod zu spekulieren, wo doch sein Leben eine so reiche Ernte hervorgebracht hat? Ein gewisser Unmut schwingt unüberhörbar mit, wenn etablierte Musikwissenschaftler sich zu den Mordspekulationen äußern. Aber auch sie können nicht leugnen, dass dieser Tod wie kein anderer die Phantasie beflügeln konnte und in dem nun folgenden Buch unvermindert tun wird.
Am 1. März 1792, genau 77 Tage nach dem berühmten Komponisten, starb Mozarts Kaiser Leopold II. Ein größerer Gegensatz in der Art, wie der Komponist und sein oberster Dienstherr bestattet wurden, ist kaum denkbar. Auf der einen Seite stand die Anonymität, auf der anderen Seite die höchste Stufe von Öffentlichkeit. Der Kaiser wurde mit dem pompösen, fast erdrückenden Zeremoniell eines habsburgischen Begräbnisses zur letzten Ruhe gebettet. Seine Familie und der Hochadel begleiteten ihn vollzählig bis in die Kaisergruft, wo er bis heute unter Vorfahren und Nachkommen ruht.
Im Gegensatz zu Mozarts Tod, der wie eine unaufhörlich blutende Wunde immer wieder ins kollektive Gedächtnis zurückgerufen wird, wurde Leopolds Tod rasch vergessen. Kein einziger Gedenktag wurde ihm zu Ehren ins Leben gerufen und nicht einmal Leopolds ältester Sohn, der neue Kaiser, hat die Erinnerung an Leben und Tod des Vaters gepflegt, weder öffentlich, noch im Familienkreis.
Bei solchen krassen Gegensätzen nimmt es nicht Wunder, dass die tiefe Verwandtschaft der beiden Todesfälle der Welt verborgen geblieben ist. Kaum jemandem scheint die Schicksalsverbundenheit von Komponist und Kaiser aufgefallen zu sein. Jedenfalls wurde sie von keinem Autor beschrieben. Es lohnt sich, dieses Versäumnis nachzuholen, denn um die wahren Hintergründe von Mozarts Tod zu erkennen, ist es unerlässlich, beide Sterbefälle in ihrem Zusammenhang zu betrachten.
Bereits bei oberflächlicher Wahrnehmung fällt die zeitliche und räumliche Nähe der Ereignisse auf. Elf Wochen sind kein großes Zeitintervall und die Wiener Hofburg, wo der Kaiser starb, liegt nur wenige Straßen von Mozarts Sterbehaus in der Rauhensteingasse entfernt. Wie Mozart wurde auch Leopold im besten Alter aus intensivster Arbeit weggerissen. Beide Männer starben nach einer kurzen Krankheit, die in beiden Fällen nicht einwandfrei definiert werden konnte. Bei Mozart lautete die ärztliche Diagnose „hitziges Frieselfieber“, bei Leopold „akuter Rheumaanfall“.
Heute weiß man mit Sicherheit, dass beide Diagnosen falsch waren. Nicht nur im Falle Mozarts, auch bei Leopold gab es von Anfang an Gerüchte über eine Vergiftung. Auch wenn diese möglicherweise aus der Luft gegriffen sind, so stellt sich doch die Frage, mit welchem Ziel und von wem sie verbreitet wurden. Die Gerüchte besagten, dass der Kaiser von französischen Emigranten, Freimaurern oder Jesuiten umgebracht worden sei. Auch wurde kolportiert, dass Leopold sich selbst durch einen im eigenen Labor hergestellten Liebestrank vergiftet habe.
Die am stärksten auffallende Übereinstimmung in den Schicksalen von Kaiser und Komponist besteht jedoch darin, dass beide im eigenen Bett gestorben sind, ohne die letzten Sakramente zu empfangen, obwohl sie von prominenten Ärzten betreut wurden, die den Tod rechtzeitig hätten vorhersehen müssen. Nicht genug damit: Die ärztliche Behandlung von Seiten dieser exzellenten Heilkünstler soll nach Meinung kundiger Beobachter von der Art gewesen sein, dass sie den Exitus ihrer Patienten erheblich beschleunigt, ja vielleicht sogar verursacht habe.
Schon Mozarts Ehefrau Konstanze hat in aller Öffentlichkeit die Qualität der medizinischen Betreuung ihres Mannes angezweifelt. Da sie und ihre Schwester Sophie Haibl am Sterbebett zugegen waren, kann man ihre Bedenken ruhigen Gewissens ernst nehmen. Die Verarztung Mozarts mit ausgiebigen Aderlässen, Brechmitteln und eiskalten Umschlägen muss auf die Umstehenden brutal gewirkt haben. Carl Bär, selber Arzt, sagt dazu:
Dass die Aderlässe Mozarts Tod unmittelbar verschuldet haben können, ist eine bisher übersehene, aber in erster Linie in Betracht zu ziehende Möglichkeit.
(Mozart. Krankheit – Tod – Begräbnis. Salzburg 1970)
Wohl gemerkt: „in erster Linie“! Wolfgang Hildesheimer äußert sich in seinem berühmten Mozartbuch kaum weniger eindeutig:
Deshalb erscheint uns diese, anscheinend spontane Anweisung ”kalte Umschläge über seinem glühenden Kopfe” auch so unverständlich. Heute würde jedem Laien einleuchten, dass ein solcher Schock nicht nur dem Sterbenden nichts mehr nütze, sondern den Sterbensakt durch eine radikale Erschütterung beschleunigen müsse, was er auch tat, und zwar so, „dass er nicht mehr zu sich kam, bis er verschieden“ (Sophie Haibl).
Dem Kaiser ist es kaum besser ergangen. Sein Schwager Ferdinand, König von Neapel-Sizilien, sagt es unverblümt:
…wie ist es denn nur möglich, dass die Ärzte wirklich solche Esel gewesen sind, dass sie die Krankheit nicht erkannt haben, die, wenn man ihren Bericht liest, ein Kind erkannt hätte, und ihn sterben zu lassen wie einen Hund, ohne Sakramente und ohne sein Testament gemacht zu haben?
(Brief an Graf Gallo, Ferdinands Botschafter in Wien)
Auch Erzherzog Johann, einer der Söhne Leopolds, lässt in seinen Memoiren durchblicken, dass sein Vater keineswegs ernsthaft erkrankt war und sich bereits auf dem Wege der Besserung befand, als der Tod ihn plötzlich dahinraffte. Obwohl er den Namen des Arztes nicht nennt, wirft sein Zeugnis kein günstiges Licht auf dessen Behandlungsmethode. Für die Ärzte selbst blieb der Tod ihrer Patienten ohne Konsequenzen. Mozarts Arzt brauchte nicht einmal den sonst üblichen Rechenschaftsbericht vorzulegen und Leopolds Arzt wurde vom Thronfolger Franz sofort als Leibarzt übernommen.
Bis jetzt hat man angenommen, dass die Mediziner nach bestem Wissen und Gewissen handelten und treu den Richtlinien der damaligen Wissenschaft gehorchten. Für diese Annahme gibt es jedoch nicht den geringsten Beweis. Es kann ebenso gut sein, dass die Heilkünstler in voller Absicht handelten, als sie ihre Patienten ins Jenseits beförderten. Zwar lassen sich solche Absichten ebenso wenig beweisen wie ihre angebliche Absichtslosigkeit, aber nichts spricht dagegen, sie als Arbeitshypothese zu unterstellen. Immerhin ist es reichlich naiv, zu glauben, die betreffenden Ärzte hätten mit ihrer fachmännischen Sterbehilfe nur das Beste für ihre Patienten gewollt, es sei denn, man meinte damit, das Beste in einer anderen Welt. Wenn sie es wirklich gut gemeint haben, warum hat man dann kein einziges Wörtchen des Bedauerns von ihnen vernommen?
Als Ausgangspunkt des nun folgenden Buchs wird also die Schuld der beiden Ärzte vorausgesetzt. Zweifellos wird man sich bei dieser Darstellung manchmal fragen, ob sie auch den tatsächlichen Begebenheiten entspricht oder eher ersonnen ist. Vor allem wird man wissen wollen, wo die Wahrheit aufhört und die Mär anfängt.
Dr. Thomas Franz Closset, so lesen wir bei Carl Bär, wurde am 16. März 1754 in einer deutschen Enklave in Frankreich geboren. Er war also zwei Jahre älter als sein Patient Mozart. Bereits als Zwanzigjähriger erwarb er an der Kölner Universität die philosophische Doktorwürde. Anschließend widmete er sich zwei Jahre lang der Theologie, was möglicherweise bedeutete, dass er „illegal“ zum Jesuiten ausgebildet wurde, denn zu diesem Zeitpunkt war der Jesuitenorden verboten. Dann wechselte er zur Medizin und siedelte 1777 nach Wien über; dort wurde er Schüler des weltberühmten Maximilian Stoll. Closset trat in enge Beziehung zu seinem Lehrer, der vor seiner medizinischen Laufbahn humanistischer Lehrer an einem Jesuitenkolleg gewesen war. Bald stieg er auf zu seinem Assistenten und vertrat den Lehrer bei dessen Privatpatienten, zu denen die einflussreichsten Persönlichkeiten Wiens gehörten.
Nach dem Tod Stolls am 23. Mai 1787 eröffnete Closset eine eigene Praxis und übernahm die meisten Privatpatienten seines Lehrmeisters, wie zum Beispiel die Feldmarschälle Hadik und Laudon. Bereits ein Jahr später wurde er zum Leibarzt des Staatskanzlers Fürst Wenzel Anton Kaunitz-Rietberg ernannt mit nicht weniger als 1000 Gulden Gehalt im Jahr. Der Hausarzt des angeblich verarmten Mozart war somit Leibarzt des zweitmächtigsten Mannes des Vielvölkerstaates!
Nicht genug damit! Wörtlich steht im Nekrolog des Joseph Andreas Stift (1760-1836):
Ihm (Closset) und seiner Kunst ward auch die hohe Ehre erwiesen, den Consultationen bey der kaiserlichen Familie zugezogen zu werden.
Aus dieser Bemerkung wird klar, dass zwischen Mozarts Hausarzt und den Ärzten, die den Kaiser betreuten, eine enge Verbindung bestanden haben muss. Darin zeigt sich ein möglicher Zusammenhang zwischen den Schicksalen von Kaiser und Komponist.
Closset war nicht der einzige Arzt am Sterbebett Mozarts. Ihm assistierte ein jüngerer Kollege, dem er einstmals das Leben gerettet hatte. Dieser jüngere Kollege hieß Matthias von Sallaba und war ein anerkannter Giftspezialist.
Wie bereits erwähnt, hat Dr. Closset keinen Rechenschaftsbericht abliefern müssen. Die einzige von ihm überlieferte Äußerung über den Krankheitsverlauf seines Patienten bestand darin, dass er sich im Nachhinein damit gebrüstet hat, die Todesstunde Mozarts exakt vorhergesagt zu haben, was wir ihm auch ohne Weiteres glauben.
Der Todesarzt Leopolds hieß ursprünglich Dr. Johann Georg Hasenöhrl. Später ließ er seinen Namen in Lagusius verändern. Lagusius war Schüler des berühmten Erneuerers des österreichischen Gesundheitswesens, Gerhard van Swieten. Dieser Professor, selbst Boerhaave-Schüler aus Leiden, war Leibarzt und persönlicher Berater von Kaiserin Maria Theresia.
Kurz nachdem Lagusius mit einer Dissertation über Fehlgeburten zum Doktor promoviert worden war, wurde er im Jahre 1765 von Maria Theresia zum Leibarzt Leopolds ernannt. Der frisch vermählte Leopold war in diesem Jahr als Regent der Toskana eingesetzt worden. Aus diesem Anlass wurde Lagusius als einer der besten jungen Ärzte dem 18-jährigen Erzherzog auf Lebenszeit zugesellt.
Der große Wiener Historiker und Leopold-Biograph Adam Wandruszka weiß aber zu erzählen, dass Leopold und seine Frau, die spanische Prinzessin Maria Luisa von Bourbon, dem jungen Doktor von Anfang an misstrauten. Maria Luisa bekam ihren eigenen Leibarzt. In den 25 Jahren seiner toskanischen Regentschaft hat Leopold die fachliche Hilfe seines Leibarztes so gut wie nie beansprucht. Der Erzherzog war, abgesehen von gelegentlichen Migräneanfällen und Verdauungsstörungen, die ganze Zeit kerngesund. Zudem neigte er zur Selbsthilfe.
Von einer gegenseitigen Abneigung ist nichts bekannt, aber sie ist angesichts der langjährigen beruflichen Frustration gut vorstellbar. Für den ehrgeizigen Mediziner kann es kaum eine Lebenserfüllung gewesen sein, die besten Jahre fast tatenlos verstreichen zu lassen. Vom ersten Tag seiner Anstellung bis zum Zeitpunkt des Todes seines Dienstherrn waren immerhin 27 Jahre vergangen. Damit soll hier nicht behauptet werden, dass er Leopold aus lauter Frust den Garaus hätte machen wollen. Eine gute Geschichte wäre es allemal: ein Arzt, der nach 27 Dienstjahren zum ersten Mal wirklich gebraucht wird, verweigert seinem ungeliebten Chef die notwendige Medizin und rächt sich durch eine letale Behandlung! Denkbar ist eine derartige Reaktion auf alle Fälle, nur: welche Strafe hätte der Mann nach einer solchen Tat zu erwarten gehabt? Mit Königs- und Kaisermördern wurde damals nicht gerade zimperlich verfahren! Und ebenso wenig mit Versagern.
Und doch war Lagusius’ Versagen offenbar. Seltsamerweise wurde er dafür nicht bestraft, sondern ganz im Gegenteil fürstlich belohnt, indem er zum Leibarzt des neuen Kaisers ernannt wurde. Die Schlussfolgerung aus diesem Paradox ist, dass seine Leistung vom neuen Chef nicht im Geringsten als Versagen bewertet wurde. Vielmehr muss man vermuten, dass Franz sie als eine lobenswerte Tat betrachtet hat. Wenn dies stimmt, wird Lagusius diese Reaktion natürlich im Voraus schon gekannt haben. Das wirft die Frage nach den Kontakten zwischen Arzt und Kronprinz auf. Die Quellen verraten darüber nichts, aber es gilt zu bedenken, dass die beiden bereits Jahrzehnte in demselben Haushalt gelebt hatten. Dass der Vater den Arzt nicht leiden konnte, bedeutet noch lange nicht, dass auch der Sohn eine Abneigung gegen ihn empfunden hätte. Womöglich standen die beiden in einer viel engeren Beziehung, als die Geschichtsschreibung uns verraten hat.
Wir werden auf dieses Thema später noch zurückkommen müssen. Für den Augenblick genügt die Feststellung, dass Lagusius unmöglich auf eigene Faust gehandelt haben kann. Er muss demzufolge im Auftrag anderer oder in Absprache mit anderen gehandelt haben und es ist unsere Aufgabe, herauszufinden, wer diese anderen waren.
Die gleiche Feststellung gilt übrigens auch für Dr. Closset. Ein persönliches Motiv für ein Attentat auf einen der begnadetsten Musiker aller Zeiten ist bei aller Phantasie der Welt nicht auszudenken. Mozart schuldete Closset nichts, war ihm nie in die Quere gekommen und bedeutete keine Gefahr für dessen Leben oder Beruf. Angeblich waren die beiden Männer sogar mit einander befreundet. Höchstens könnte man sich vorstellen, dass Closset als stiller Kämpfer der Jesuiten einen Gegner seines Ordens umbringen wollte oder musste. Immerhin glaubt der Autor Hartmut Perl zu wissen, dass der Komponist ein Todfeind der Kirche und insbesondere des Jesuitenordens gewesen sei, wofür es jedoch nach meinen Erkenntnissen nicht den geringsten Hinweis gibt. Mozart selbst war niemandes Feind. Zweifellos gab es Leute, die ihm feindlich gesonnen waren, aber dazu gehörten bestimmt nicht die Jesuiten. Zum Zeitpunkt seines Todes hatten diese illegalen Ordensbrüder ganz andere Sorgen. Es ist abwegig, ihnen zu unterstellen, sie hätten etwas gegen einen Tonkünstler, der dem Klerus unsterbliche Kirchenmusik geschenkt hatte.
Das Gleiche gilt für die Freimaurer, die bereits um das Überleben ihres Geheimbundes bangen mussten und in der Person Mozarts einen ihrer tatkräftigsten Vorkämpfer besaßen. Beide Gruppierungen sind weit über den Verdacht erhaben, dem Salzburger Meister auch nur irgendetwas Böses gewollt zu haben.
Die Denkbarkeit als Leitlinie hört sich einfach an und doch lässt sich ein Motiv für die Ermordung Mozarts außerordentlich schwer denken. Auf den ersten Blick ist es absolut nicht ersichtlich, welche Vorteile jemandem aus dem Tod eines Musikers erstehen könnten und ehrlich gesagt: auch nicht auf den zweiten Blick. Die Kenntnis der Hintergründe ist in dieser Hinsicht unerlässlich.
Anders steht es im Falle Leopolds. Für ein Attentat auf einen mit absoluter Macht ausgestatteten Monarchen fällt einem sofort eine ganze Reihe von Motiven ein. Wer an exponierter Stelle der Gesellschaft steht, lebt nun mal gefährlich. Das war damals so und ist heute so. Feinde gibt es für die Hochstehenden immer und jeder Herrscher muss ständig damit rechnen, dass einer dieser Feinde die Besinnung verliert und in einem unbewachten Augenblick zuschlägt. Außerdem droht stets das wohlbekannte Phänomen einer gewaltsamen Machtübernahme, sprich: eines Staatsstreichs.
Unsere erste Frage muss demnach lauten, ob der Thronfolger seine Hand im Spiel gehabt haben könnte. Bis jetzt hat man sie noch nicht gestellt, denn bereits die Frage verstößt gegen alle guten Sitten. Der Gedanke, dass ein habsburgischer Prinz den eigenen Vater umgebracht haben könnte um an die Macht zu gelangen, ist in hohem Maße tabuisiert. In der Tat gibt es auch wenig Anhaltspunkte für eine derartige Annahme. Damit soll nicht gesagt sein, dass Franz bedingungslos den höchsten Maßstäben der Ethik und Moral verpflichtet gewesen wäre. Vielmehr scheint er uns für eine gewaltsame Eroberung des Kaiserthrons nicht machthungrig genug gewesen zu sein. Aus den Beschreibungen seiner Person geht der mangelnde Ehrgeiz eindeutig hervor. Vor allem in den ersten Jahren seiner Regierung machte der junge Herrscher einen unsicheren Eindruck, als empfinde er es als Missgeschick, so früh schon an die Macht gelangt zu sein.
Ganz bezeichend für den fehlenden Ehrgeiz ist der Bericht vom Historiker Eduard Vehse im 9. Band seiner Geschichte des Östereichischen Hofs und Adels (1850er Jahre):
Bei dem plötzlichen Tode seines Vaters weigerte Franz sich aus Geschäftsscheu Anfangs entschieden, die Nachfolge anzutreten und erst am zweiten Tage gelang es seinem Beichtvater, dem nachmaligen Erzbischof von Wien, Grafen von Hohenwarth, seinen hartnäckigen Eigensinn mit der Vorstellung zu brechen: „dass die Regierung ihm von Gott auferlegt sei und dass er in seinen Gewissen ruhig sein könne, wenn es in allen Dingen der Majorität in seinem Ministerrathe folge“.
Es spricht von selbst, dass dieser Graf Sigismund Anton von Hohenrat, der von 1792 bis 1803 auch Militärbischof von Österreich war, zu den Mitwissern am Attentat auf Leopold II. Gezählt werden muss.
Dazu sollte man bedenken, dass Franz als Heranwachsender kaum in die Lage versetzt worden war, seinen Charakter zu festigen. Weil schon bei seiner Geburt feststand, dass er einst den Kaiserthron erben würde, war seine Erziehung Chefsache. Geboren wurde er 1768 in Florenz als zweites Kind und ältester Sohn von Leopold und Maria Luisa. Das großherzogliche Paar gehörte zu den fürsorglichsten Eltern der Welt und nahm die Erziehung der Kinder überaus ernst. Großmutter Maria Theresia, Kaiserin, und Onkel Joseph, Kaiser, erhoben jedoch ebenfalls Ansprüche auf die Erziehung des „Kaiserlehrlings“. Die dynastiebewusste Maria Theresia und ihr Sohn Joseph, der nach dem Verlust seiner einzigen Tochter kinderlos geblieben war, stürzten sich mit unverhohlenem Eifer auf die Erziehung des nicht sonderlich alerten Kindes. Wandruszka, der Biograph des Vaters Leopold, spricht sogar von Erziehungsfanatismus.
Wenn die drei oder vier Erziehungsberechtigten wenigstens gleicher Meinung gewesen wären, wäre der Schaden sicher begrenzt geblieben. Die gesellschaftlichen Vorstellungen von Großmutter, Onkel und Eltern wichen aber stark von einander ab. Auch die psychologischen Methoden, mit denen auf die Kinderseele eingewirkt wurde, waren nicht einheitlich. Seltsamerweise scheinen sich bei Franz die Auffassungen jener Bezugsperson, die am weitesten von ihm entfernt war, am meisten durchgesetzt zu haben. Sein späterer Regierungsstil zeigt eine auffallende Verwandtschaft mit dem leutseligen und doch durch und durch autoritären Stil der Großmutter. Mehr noch: sein ganzes späteres Bestreben schien darin zu bestehen, die Uhr zurückzudrehen und die Epoche Maria Theresias wieder auferstehen zu lassen. Für die Reformen des Onkels hatte Franz nichts übrig, noch viel weniger für die gesellschaftlichen Visionen des eigenen Vaters.
Vielleicht wundert man sich darüber, dass Maria Theresia einen so großen Einfluss auf ihren Enkel ausüben konnte. Schließlich starb sie, als Franz erst zwölf Jahre alt war. Außerdem war der geographische Abstand zwischen Wien und Florenz in Anbetracht der damaligen Verkehrsmittel so gravierend, dass von einem kontinuierlichen Einfluss auf die Erziehung nicht die Rede sein konnte. Wer sich aber mit der Person der Kaiserin befasst, wird bald entdecken, dass sie hervorragend mit den Beschränkungen ihrer Zeit umgehen konnte und dass es keine geographischen Hindernisse für die Durchsetzung ihrer persönlichen Ziele gab. Sie war eine Großmeisterin im Delegieren. Ihr Einfluss reichte buchstäblich bis ins Kinderzimmer ihres Enkelkindes und zwar rund um die Uhr. Die beiden „Ajos“, die Kindererzieher des Thronfolgers, waren ihr treu ergeben und unternahmen nichts, was nicht im Sinne ihrer Majestät gewesen wäre. Vor allem in der Person von Franz Colloredo-Waldsee konnte sie sich einen über den eigenen Tod hinaus bleibenden Einfluss auf den Kronprinzen sichern. Dieser Ajo, ein etwas finsterer Jesuit, war Neffe ihres Vizereichs kanzlers Rudolf Joseph Fürst von Colloredo-Mansfeld, eines Feudalherrn wie aus dem Bilderbuch.
Wie sehr Franz an seinem Erzieher hing, geht schon daraus hervor, dass er ihn nach seinem Amtsantritt zum engsten Berater ernannte und als „geheimen Kabinettsminister“ an die Spitze der Kabinettskanzlei stellte. Diese Kanzlei wurde zum obersten Regierungs- und Beratungsorgan des unsicheren Herrschers aufgewertet. Bis zu seiner Entlassung im Jahre 1805 blieb Franz Colloredo die Schlüsselfigur im Zentrum der Macht. Charakteristisch für ihn war, dass er sich trotz seiner Stellung niemals in den Vordergrund drängte. Der Nachwelt blieb er völlig unbekannt, fast unsichtbar.
Es spricht für sich selbst, dass Graf Colloredo und Lagusius sich sehr gut gekannt haben müssen. Sie hatten sich Jahrzehnte lang im selben Haushalt aufgehalten, wo sie viel, sehr viel Zeit hatten, sich mit einander zu unterhalten. Theoretisch wäre es sogar denkbar, dass die beiden Männer auf eigene Faust einen Griff nach der Macht unternommen und das Attentat auf ihren obersten Herrn geplant hätten. Aber nein, eine solche Variante wollen wir gar nicht in Erwägung ziehen: ein Kinderzimmer, das zur Kommandozentrale einer europäischen Großmacht wird! Gleichwohl, was immer Colloredo und Lagusius auch für Pläne geschmiedet haben, man darf vermuten, dass sie fortwährend in engster Tuchfühlung mit dem Thronfolger gestanden haben.
Damit sind wir wieder bei Franz und bei dem Problem, dass man sich ihn nicht als machthungrigen Vatermörder vorstellen kann. Wenn der Kronprinz wenigstens ein schlechtes Verhältnis zu seinem Vater gehabt hätte, wäre es leichter, ein Szenario auszudenken, in dem der Sohn gegen den übermächtigen Vater rebelliert und dabei dessen Leibarzt zur Mordwaffe instrumentalisiert hätte. Aber davon kann gar keine Rede sein. Die Beziehung zwischen Leopold und Franz war ausgesprochen herzlich. Der Kaiser hielt bis zu seinem Tod große Stücke auf seinen Ältesten und bezog ihn, wo er nur konnte, in die Regierungsgeschäfte mit ein. Wenn er auf Reisen ging, ernannte er Franz zu seinem Stellvertreter und hin und wieder beauftragte er ihn mit ausgesprochen heiklen Aufträgen, wie zum Beispiel mit der geheimen Aktion unter dem Decknamen „Babel“, von der später noch die Rede sein wird. Allerdings ist klar, dass er sich dabei arg in der politischen Einstellung des Thronfolgers verschätzte. Leopold mag vielleicht ein scharfsinniger Beobachter gewesen sein, den eigenen Sohn hat er schlecht gekannt.
Wie weit die Welten von Vater und Sohn auseinander klafften, zeigt sich auf eindrucksvolle Weise im Regierungsstil des neuen Herrschers, der eine radikale Abrechnung mit den Zielen des Vorgängers bedeutete. Von einem Tag auf den anderen gab es eine scharfe Kehrtwendung in der Politik Österreichs, einen Rechtsruck, wie er nicht nachhaltiger hätte ausfallen können. Nicht nur die Politik des Vaters, auch seine Privatsphäre wurde vom Sohn demontiert. Eigenhändig soll Franz die Briefe Leopolds verbrannt haben, wie es heißt in größter Eile. Die schöne Römerin Livia Raimondi, Geliebte des Vaters, wurde vom ihrem – außerehelichen – Sohn Luigi getrennt und zurück nach Florenz geschickt. Bis dahin hatte sie einträchtig mit der Kaiserin in der Hofburg gelebt, aber Maria Luisa starb wenige Monate nach ihrem Mann und konnte somit nicht länger ihre schützende Hand über die Nebenbuhlerin halten. Livia sah ihren Sohn nie wieder, denn, was vielleicht voraus zu sehen war, Luigi ist in Wien nicht sehr alt geworden.
Die Abwendung von den Zielen des Vaters und das Totschweigen von dessen Leben und Wirken werfen kein günstiges Licht auf die Integrität des neuen Kaisers. Jedenfalls sind derartige Eigenschaften nicht geeignet, unseren Verdacht gegen Franz völlig aus dem Weg zu räumen. Was für einen Charakter hatte dieser Mann? Steckte in ihm nicht doch ein heimlicher Vatermörder? Wie hielt er es mit Moral und Gesetz? Vom Vater Leopold hatte er gelernt, dass jedermann vor dem Gesetz gleich sein sollte, auch der Kaiser selbst, ja gerade er. Wie kein anderer solle der Monarch dem Gesetz verpflichtet sein, denn auf seinen Schultern ruhe die Verantwortung für die Rechtsstaatlichkeit des Reiches.
Die Großmutter jedoch hatte andere Ansichten. Nach der Auffassung Maria Theresias stand der Monarch über dem Gesetz und demnach auch über der Moral. Der Absolutismus verlieh dem Herrscher unbeschränkte Vollmacht über die Gesetze, mittels deren das Volk zur Ordnung angehalten werden sollte. Er personifizierte selbst das Recht und konnte deshalb nicht gegen das Recht verstoßen.
Allerdings kannte Maria Theresia auch Pflichten, die sie für sich gelten ließ. Ihre oberste Pflicht bestand darin, die Dynastie zu erhalten und zu diesem Zweck alle Gefühle, die normale Sterbliche haben dürfen, unerbittlich zu unterdrücken. Jedes Mitglied der Dynastie war streng verpflichtet, auf Privatglück zu verzichten, wenn es darum ging, die Herrschaft zu sichern oder das Staatsgebiet zu vergrößern. Für die Familienmitglieder gab es selbstverständlich keinen Anspruch auf Eheglück, aber das war noch das wenigste. Auch das individuelle Leben war im Ernstfall nicht von Bedeutung gegenüber den Interessen der Dynastie. Auch für Kaiser Franz war die Sicherung der Dynastie höchstes Ziel, das alle Mittel zu heiligen schien, sogar das Mittel des Opfers eines Familienmitglieds. Am deutlichsten trat diese Eigenschaft hervor, als Franz die eigene Tochter dem Erzfeind Napoleon zur Frau gab. Weniger deutlich ist seine Rolle beim Tod seines Vaters oder seines Enkels, des Königs von Rom. Fürs erste wollen wir wissen, ob er dem Leibarzt seines Vaters den Auftrag gegeben haben könnte, den eigenen Dienstherrn mit medizinischen Mitteln umzubringen. Denn unsere Arbeitshypothese ist ja, dass Lagusius Leopold absichtlich die falsche Behandlung verabreicht hat, als dieser keineswegs lebensgefährlich erkrankt war.
Wenn diese Hypothese stimmt, muss es einen Auftrag, sprich Befehl gegeben haben. Weil Lagusius jedoch ausschließlich seinem Kaiser zu gehorchen hatte, kann es sich nur um einen subversiven Befehl gehandelt haben. Derjenige, der diesen subversiven Befehl erteilt hat, muss wohl ein sehr mächtiger Mann gewesen sein, von denen es neben dem Kaiser sehr wenige im österreichischen Staate gab. In der Praxis hatte der Kronprinz bereits die auf dem Papier zweitmächtigste Person des Reiches, Staatskanzler Fürst Kaunitz-Rietberg, auf den dritten Platz verwiesen. Aber obwohl Franz viel Einfluss hatte, erscheint es doch nicht plausibel, dass er mächtig genug war, dem langjährigen Arzt des durch Gottes Gnaden regierenden Kaisers den Befehl zu erteilen, den eigenen Chef umzubringen. Niemals hätte der junge Mann sich mit einer solchen Initiative hervorwagen können, dafür war seine Position einerseits zu erhaben, andererseits zu abhängig von der älteren Generation.
Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass der Kronprinz von den Absichten des Arztes gar nichts gewusst hat. Der tatsächliche Anstifter des Kaisermordes muss zumindest gewusst haben, dass der Thronfolger nach dem gelungenen Attentat nichts unternehmen würde, die Drahtzieher gerichtlich zu verfolgen und für die Tat zu bestrafen. Auch muss er gewusst haben, dass der neue Kaiser nicht die Politik seines Vaters fortsetzen würde, sonst hätte das Attentat keinen Sinn gehabt.
Es ist auffällig, dass unmittelbar nach der Tat der Krieg mit dem revolutionären Frankreich, dem Leopold sich mit Zähigkeit widersetzt hatte, mit voller Wucht ausbrach. Zufall? Wie auch immer, für den Augenblick wollen wir lediglich festhalten, dass Franz nicht der Urheber eines Mordbefehls gegen den eigenen Vater gewesen sein kann. Im Gegenteil: wenn es, wie wir glauben, tatsächlich ein Attentat auf den Kaiser gegeben hat, werden unsere mutmaßlichen Mörder alles versucht haben, den Kronprinzen zwar für ihre Ziele zu gewinnen, ihn jedoch zugleich von aller direkten Verantwortung freizuhalten. Auf keinen Fall durfte das Gewissen des neuen Kaisers durch ein Verbrechen belastet werden. Für die Planung und Durchführung schmutziger Geschäfte standen andere Leute bereit. Der Thronfolger sollte lediglich im kritischen Augenblick wegschauen, mehr konnte man von ihm nicht verlangen.
Aber bevor die Suche nach eben diesen Tätern losgeht, sollten wir zuerst das Opfer besser kennen lernen. Wer war Leopold und warum musste er sterben?
Als Leopold am 5. Mai 1747 geboren wurde, war die alteuropäische Feudalgesellschaft noch völlig intakt. Wie überall in Europa lagen auch in Österreich politische Macht und nahezu aller Besitz in Händen der erblichen Aristokratie, an derer Spitze seine Eltern, die habsburgische Monarchin Maria Theresia und ihr Mann, Franz Stephan, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, standen. Die Vormachtstellung des Adels war ungebrochen und keine Gewalt war in Sicht, die den Feudalherren auch nur eines ihrer zahlreichen Privilegien streitig machen wollte. Die damaligen Kriege, wie der gerade laufende Schlesische mit Preußen, waren ja im Grunde nichts anderes als Familienfehden innerhalb des europäischen Hochadels.
Es gab jedoch eine unsichtbare Macht, die für die herrschende Klasse zu einer ebenso konkreten Gefahr zu werden drohte wie die greifbare Waffengewalt. Zu Zeiten der Geburt Leopolds begann die Aufklärung zu wirken, die in den nächsten Jahrzehnten zu einer bedeutenden Geistesströmung anwuchs. Der Philosoph Immanuel Kant nannte dieses unsichtbare Phänomen in einem im Dezember 1783 erschienenen Aufsatz den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, aber mit dieser Umschreibung wird nur ein Teil der Strömung definiert. Die Aufklärung war weit mehr als eine Emanzipation der Vernunftbegabten; sie führte zu Veränderungen von Gefühlen, Stimmungen und Mentalitäten, die bis heute Spuren hinterlassen haben. Eine ständige Begleiterscheinung der Aufklärung war der idealistische Geist der Epoche, der vom beispiellosen Höhenflug der abendländischen Kultur profitierte und in den Jahrtausendmaximen der nordamerikanischen Verfassung und der Französischen Revolution ihre politischen Höhepunkte erreichen sollte. Aber auch der unglaubliche musikalische Reichtum wäre ohne diese Idealität niemals zustande gekommen. Im Grunde sind die großen Werke der Wiener Klassik nichts anderes als der Entwurf einer besseren Welt außerhalb und innerhalb der sichtbaren Welt und somit das Konzept eines Ideals. Diese musikalische Idealwelt war im Gegensatz zu dem, was sie heute geworden ist, keineswegs unpolitisch. Die gesellschaftliche Wirkung der Musik auf die damaligen Geister kann kaum überschätzt werden, zumal ihre Funken mühelos alle zwischenmenschlichen Barrieren übersprangen. Harte Feudalherren konnten ebenso in den Bann der Musik geraten wie ihre geringsten Untertanen. Der um sich greifende Enthusiasmus für die Musik entwickelte sich im Goldenen Jahrzehnt der Wiener Klassik zu einem ernstzunehmenden politischen Faktor.
Leopold, siebentes Kind und dritter Sohn Maria Theresias, gehörte allerdings nicht zu denjenigen, die der Musik restlos verfallen waren. Obwohl er gründlich im Cembalospiel und in der Harmonielehre unterrichtet wurde, gibt es in seiner Biographie nirgendwo Anzeichen von auffallender musikalischer Begabung. Das soll nicht heißen, dass er der Musik ablehnend gegenüber stand oder seinem Schicksalsgenossen Mozart feindlich gesonnen war. Anlässlich der letzten großen Zeremonie seines Lebens, seiner Krönung zum böhmischen König im September 1791, war Mozarts Musik Hauptbestandteil der Festivitäten, sowohl in der Kirche als auch auf der Theaterbühne.
Trotz dieser unleugbaren Wertschätzung für die Person Mozarts war es gewiss nicht nur die Musik, die Leopold mit seinem großen Zeitgenossen verband. Was Kaiser und Komponist vor allem mit einander teilten, war ihre Fähigkeit, Ideale in die Praxis umzusetzen. Denn auch Leopold war ein Idealist. Unermüdlich und mit größter Effektivität arbeitete er an der Verwirklichung gesellschaftlicher Ideale, die eine Ergänzung der Klangideale des Salzburger Meisters bildeten. Wären die beiden Männer nur zwei Jahre später gestorben, unsere Welt wäre bei weitem nicht so, wie sie heute ist.
Leopolds Idealismus ist von der Nachwelt kaum gewürdigt worden. Das liegt nicht daran, dass er nicht erkannt worden wäre. Leopolds Lebenswerk, vor allem sein Wirkungskreis in der Toskana, ist den Historikern hinreichend bekannt. Bis zum Erscheinen von Wandruskas Leopoldbiographie 1963-65 hielt die Geschichtsschreibung sich bezüglich dieses Themas jedoch auffallend zurück. Fast könnte man denken, Idealismus sei in ihren Augen entweder etwas verächtliches oder die normalste Sache der Welt, insbesondere an den Fürstenhöfen des achtzehnten Jahrhunderts. Ein Blick in die Geschichte lehrt uns aber das Gegenteil. Über die Monarchen der Vergangenheit lässt sich vieles behaupten, nur nicht dass sie von übermäßigem Eifer für Ideale befallen gewesen wären.
Auch Maria Theresia und ihr Mann Franz Stephan waren Pragmatiker und keine Idealisten. Die permanent schwangere Kaiserin war mit den Regierungsgeschäften, insbesondere mit der Kriegführung gegen Preußen, vollauf beschäftigt. Franz Stephan war ein Finanzgenie ersten Ranges und kannte in dieser Hinsicht keine Skrupel. So war er zwar Regent der Toskana, hat jedoch sein Herrschaftsgebiet nie besucht. Für ihn war die einstmals blühende Provinz lediglich ein Gebiet, aus dem man Geld pressen konnte. Umso erstaunlicher ist es, dass nicht weniger als drei der Söhne dieses unidealistischen Paares vom Geist der Aufklärung infiziert wurden. Für die Sprösslinge der Adelsfamilien war eine gründliche intellektuelle Schulung alles andere als selbstverständlich. Oft genug wurden Prinzen und Prinzessinnen als Analphabeten erzogen, wie zum Beispiel am bourbonischen Hof in Madrid. Maria Theresia und Franz Stephan legten jedoch großen Wert auf eine gediegene Ausbildung ihrer Kinder und holten sich ausgezeichnete Erzieher und Lehrer ins Haus. Vor allem für die drei ältesten Söhne, Joseph, Karl und Leopold, wurde ein hartes und vielseitiges Lehrprogramm entworfen, denn diese galten als zukünftige Herrscher. Joseph sollte über die Donaumonarchie, Karl über die Toskana und Leopold über die Lombardei herrschen.
Nicht die Eltern selbst waren die Initiatoren dieses Lehrprogramms, sondern ihre Ratgeber und engsten Mitarbeiter. An deren Spitze stand Maria Theresias Lieblingsberater Wenzel Anton Kaunitz-Rietberg. Dieser junge und hoch gebildete Graf hatte während seiner Studienreisen in den Niederlanden den Vorteil geistiger Aufgeschlossenheit und gesellschaftlicher Progressivität kennen gelernt. In der Universitätsstadt Leiden hatte er Freundschaft mit dem Medizinstudenten Gerhard van Swieten geschlossen, einem Schüler des großen Gelehrten Hermann Boerhaave. Kaunitz konnte diesen katholischen Baron, der sich im protestantischen Umfeld nicht wohl fühlte, für den Hofdienst in Wien gewinnen. Van Swieten wurde zum Leibarzt Maria Theresias berufen. Bis zu seinem Tod 1772 diente er der Kaiserin und war mit ihr und ihrer Familie freundschaftlich verbunden.
Weil Kaunitz und van Swieten zum engsten Beraterkreis der Monarchin gehörten, übten sie einen großen Einfluss auf die Staatsgeschäfte aus. Kaunitz gilt als früher Vertreter der Aufklärung, als derjenige, der den Geist der Erneuerung nach Wien brachte. Van Swieten wurde mit der Reorganisation des Gesundheitswesens und der Universitäten beauftragt. Er leitete mit seinem Schülerkreis die ersten Erneuerungen der Krankenhäuser ein, die Wien später zu einem Weltzentrum der Medizin machten.
So innovativ und dynamisch die beiden Herren auch waren, ihre Fortschrittlichkeit hielt sich in klar definierten Grenzen. Niemals hätten sie die bestehende Gesellschaftsstruktur in Frage gestellt, dazu gehörten sie selbst zu sehr zum System. Kaunitz war ein Aristokrat wie aus dem Bilderbuch, und auch van Swieten war kein Gesellschaftserneuerer, der die Vormachtstellung des Adels einschränken wollte. Das Lieblingsthema des Barons war die Religion. Er war erklärter Anhänger des so genannten Jansenismus, einer Reformbewegung innerhalb der katholischen Kirche, die auf der Lehre von Augustinus basiert. Als van Swieten 1745 nach Wien berufen wurde, stand Maria Theresia gerade unter starkem Einfluss der Jesuiten. Jansenisten verhalten sich jedoch zu Jesuiten wie Wasser zum Feuer. Van Swieten fing sofort an, die Jesuiten zu bekämpfen und sie aus der Nähe der Kaiserin zu vertreiben. Es gelang ihm tatsächlich, ihren Einfluss auf die Monarchin zu brechen, aber gänzlich löschen konnte er Maria Theresias Jesuitenliebe nicht.
Kaunitz und van Swieten prägten die Atmosphäre am Wiener Hof, wo die österreichischen Prinzen, Erzherzöge genannt, aufwuchsen. Die Spuren dieses Einflusses sind zahlreich. Nicht von ungefähr wurde Leopold zum bekennenden Jansenisten und Jesuitengegner. Trotzdem vermochte er sich nicht der Anordnung seiner Mutter zu widersetzen, seinen eigenen Sohn Franz von Jesuiten erziehen zu lassen.
Die folgenschwerste Einflussnahme auf die Erziehung der drei ältesten Erzherzöge Joseph, Karl und Leopold war die Auswahl ihrer Lehrer. Für den gesamten Adelsstand bedeutete sie nichts weniger als das Hereinholen eines Trojanischen Pferdes. Unversehens geriet Kaunitz in die Lage des sprichwörtlichen Zauberlehrlings und weckte Kräfte, die er nicht mehr zu zügeln imstande war. Über den Einfluss der Lehrer auf Karl können wir nichts sagen, da dieser mit sechzehn Jahren an den Pocken starb. Dafür aber haben sowohl Joseph als auch Leopold die Lehre ihrer Erzieher doppelt und dreifach vertreten. Beide haben sich zu radikalen Reformern entwickelt, allerdings unter verschiedenen Vorzeichen. Josephs Reformen waren spektakulär, aber keine wirkliche Bedrohung für das Gesellschaftssystem. Zwar hat er während seiner zehnjährigen Alleinherrschaft viele Adelsprivilegien abgeschafft und Hunderte von Klöstern schließen lassen, aber im Grunde war er ein Despot und somit Teil des damaligen Systems. Zudem liebte er das Militär und wurde, bevor er zur Alleinherrschaft gelangte, als Reformer fünfzehn Jahre lang von der Mutter ausgebremst.
Im Gegensatz zu Josephs Reformen richteten die Maßnahmen des jüngeren Bruders sich gegen das System selbst. Der von Jacques Sauboin und dem Belgier Jean Brasseur ausgebildete Leopold setzte auf Überzeugungskraft statt Autokratie und auf Beharrlichkeit statt Überrumpelung. Er pflegte seine Reformen gründlich vorzubereiten und ließ ihnen Erprobungsphasen vorangehen. Nicht selten nahm er sie vorübergehend zurück oder entschärfte sie, wenn ihre Akzeptanz hinter den Erwartungen zurückblieb.
Bekanntlich ist Behutsamkeit eine Eigenschaft, die leicht missverstanden wird. Leopolds Gewohnheit, einen Schritt rückwärts und zwei Schritte vorwärts zu gehen, hat ihm bis heute den Ruf eingebracht, schwammig unentschlossen, ja sogar reaktionär gewesen zu sein. In Wirklichkeit jedoch waren seine Ziele glasklar und für jeden leicht verständlich. Er hat niemandem vorenthalten, dass er in seinem Herrschaftsgebiet nur einen Unterschied gelten lassen wollte, nämlich den zwischen Mann und Frau. Sein erklärtes Ziel war die Abschaffung aller gesellschaftlichen Stände und die Herstellung völliger Rechts- und Chancengleichheit für alle. Der Weg zu diesem Ziel war in Stufen eingeteilt. Die letzte und höchste Stufe war die Abschaffung der Monarchie oder deren Einbindung in die Verfassung. Er war tatsächlich der erste konstitutionell gesonnene Monarch der abendländischen Geschichte, mehr noch: er war der einzige Demokrat, der je einen Kaiserthron bestieg.
Zu seinem Bruder Joseph hatte Leopold zeitlebens eine zwiespältige Beziehung. Die beiden Brüder standen in einer engen Verbindung, die nach außen hin freundschaftlich aussah, hinter der Fassade aber manchen Riss aufwies. Leopold hatte dem ranghöheren Joseph zu gehorchen, was er auch immer tat, allerdings oft mit Widerwillen. Auch Joseph war nicht frei von Rankünen gegenüber dem Bruder, den er wie keinen zweiten Menschen auf der Welt respektierte, aber zugleich um den Erfolg und das Familienglück beneidete.
Ein ganz und gar eigentümlicher Aspekt in Leopolds Biographie besteht darin, dass seine gesellschaftlichen Auffassungen keine lange Entwicklung brauchten, sondern unmittelbar nach dem Erreichen der Volljährigkeit zur Geltung kamen. In Gegensatz zu Joseph bekam Leopold relativ früh die Gelegenheit, seine Ideen in die Praxis umzusetzen. Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1765 war ihm dessen toskanisches Herrschaftsgebiet zugefallen. Ursprünglich war Leopolds älterer Bruder Karl als Großherzog der Toskana und er selbst als Gouverneur der Lombardei vorgesehen gewesen, aber nach dem Tode Karls war Leopold an dessen Stelle und der viel jüngere Ferdinand an Leopolds Stelle gerückt.
So trat Leopold bereits als 18-Jähriger die Regentschaft in der Toskana an. Im Gegensatz zu seinem Vater wollte er die traditionsreiche Provinz nicht von Wien aus regieren, sondern verlegte seine Residenz in die toskanische Hauptstadt. Bis zu seiner Thronbesteigung 25 Jahre später hat er Florenz nur für Dienstreisen und Familienbesuche verlassen. Auch legte er großen Wert auf das Erlernen der Landessprache, die er nach kurzer Zeit perfekt beherrschte.
Noch vor Antritt seiner Regierung trat Leopold in den Ehestand. Seine Braut war die spanische Prinzessin Maria Luisa von Bourbon. Die Verhandlungen mit dem spanischen König über die Vermählung der Infantin wurden vom österreichischen Gesandten in Madrid, Franz Xaver Wolf Graf Orsini-Rosenberg, geführt. Diesem fiel auch die Ehre zu, Leopolds Braut von Madrid zur Hochzeit nach Innsbruck zu geleiten. Der zu diesem Zeitpunkt 42- ährige Diplomat, der dem Kärntner Zweig einer bekannten Adelsfamilie entstammte, verdient hinsichtlich der Biographie Mozarts unser höchstes Interesse, wie übrigens auch Kaunitz und van Swietens Sohn Gottfried.
Ein halbes Jahr nach Leopolds Einzug in den Palazzo Pitti wurde Franz- Xaver Orsini-Rosenberg von Maria Theresia zum ersten Minister der Toskana und engen Berater des jungen Paares eingesetzt. Diese Anstellung war einerseits als Hilfestellung für den unerfahrenen Herrscher gedacht, in dessen Alleinregierung die Mutter wenig Vertrauen setzte. Andererseits gab sie der Monarchin eine Möglichkeit zur Kontrolle ihres Sohnes. Orsini-Rosenberg genoss das volle Vertrauen Maria Theresias und war gehalten, geheime Berichteüber den neuen Großherzog zu verfassen.
Leopold fasste seinerseits Vertrauen zu seinem Berater, der über eine regelrechte Begabung verfügt zu haben scheint, das Vertrauen anderer zu gewinnen. Leopold weihte seinen ersten Minister in seine geheimsten Pläne ein und bereitete gemeinsam mit ihm die ersten Reformen vor. Nach vier Jahren konnte Orsini-Rosenberg der Kaiserin melden, dass ihr Sohn keine Bevormundung mehr nötig habe und riet ihr, ihn allein regieren zu lassen. Im Jahre 1770 zog der Graf von Florenz nach Mailand, wo Leopolds jüngerer Bruder Ferdinand mit den Regierungsgeschäften vertraut gemacht werden sollte.
Beim Regierungsantritt Leopolds steckte die Toskana, das Land, das einst Dante, Petrarca, Michelangelo, Leonardo und Galilei hervorgebracht hatte, in einer lang anhaltenden Phase des Niedergangs. Seit anderthalb Jahrhunderten hatte es stark an kultureller Bedeutung eingebüßt. Es kam noch hinzu, dass schlechte Regierungen und Leopolds Vater Franz Stephan das reiche Land heruntergewirtschaftet beziehungsweise ausgeplündert hatten. Ein Jahr zuvor, im Sommer 1764, hatte es sogar unter einer der schwersten Hungersnöte seiner Geschichte gelitten. Diese Not wurde dadurch verschlimmert, dass die Bauern, um nicht zu verhungern, ihr eigenes Getreide zu Wucherpreisen von den adeligen Großgrundbesitzern zurückkaufen mussten. Die Folgen dieser Katastrophe waren noch lange nicht überwunden.
Leopold verzichtete bei den Feierlichkeiten zu seiner Regierungsübernahme weitgehend auf Prunk und Pomp und setzte sogleich die Bekämpfung der noch nicht überwundenen Hungersnot auf die Tagesordnung. Zur Linderung der Not ließ er alle Getreidespeicher durchsuchen. Dabei wurden in den Vorratskammern der zumeist adeligen Reichen riesige Getreidemengen entdeckt, die das gesamte Land mit Brot versorgen konnten. Er befahl den Kornhändlern, das Getreide sofort zu verkaufen, und gab später den Getreidehandel frei. Zugleich brachte er große Summen auf, um im Ausland zusätzliches Getreide zu kaufen. Die Proteste der Gutsbesitzer und Kirchenfürsten ließen ihn dabei kalt. Die Folge dieser Maßnahmen war, dass es in der Toskana in Leopolds 25-jähriger Regierungszeit trotz mancher schlechten Ernte keine Hungersnot mehr gegeben hat.
Schon stand die erste Konfrontation mit Joseph bevor. Nach dem Tod des Vaters war Joseph zum Römisch-Deutschen Kaiser ausgerufen worden, da dieser Thron den Statuten nach nur Männern zustand und während der Regierung Maria Theresias nicht unbesetzt bleiben sollte. Die erste Tat des neuen Kaisers war die Rückführung des Privatvermögens des verstorbenen Kaisers an die Staatskasse. Franz Stephan hatte, wie bereits erwähnt, ein riesiges Vermögen erworben, das zu einem erheblichen Teil aus gewaschenem Geld und Waffengeschäften mit Freund und Feind stammte. Zwei Millionen Gulden dieses Kapitals waren in der Toskana angelegt und gehörten somit dem jeweiligen Regenten, nach Kaiser Franz Stephan also Sohn Leopold.
Joseph war allerdings der Auffassung, dass ihm als Alleinerben des Vaters auch das toskanische Kapital zustehe und forderte Leopold auf, das Geld unverzüglich nach Wien zu überweisen. Leopold, der die Summe zur Bekämpfung der Hungersnot brauchte, widersetzte sich zwar nicht, ließ sich aber Zeit. Die Verzögerung wurde von Joseph mit Missfallen als Zeichen von Unbotmäßigkeit registriert und verstimmte ihn ebenso wie Maria Theresia. Diese ließ allen Beteiligten, auch Leopolds Ministern Botta und Thurn, eine schriftliche Rüge zukommen, woraufhin Letztgenannter der Überlieferung nach vor Kummer und Schrecken gestorben sein soll.
Der finanzielle Aderlass hinderte Leopold nicht daran, die Probleme seines Landes ernsthaft anzugehen. Bereits im Oktober und November 1766 wurden erste Vorbereitungen zu Reformen getroffen, welche die uneinheitliche Verwaltung des Großherzogtums reorganisieren und zentralisieren sollten. Beim Aufbau der Gemeindebehörden und der Zentralstelle schuf Leopold, quasi als Nebenprodukt, ein absolut gerechtes Steuersystem und ein Gerichtswesen, das allen Staatsbürgern gleiche Rechte gab. Damit avancierte die Toskana zum Land ohne Klassenjustiz. Leopolds nächstes Großprojekt war die radikale Abschaffung von Handelsprivilegien zugunsten des Freihandels. Dazu forderte er am 26. November 1766 ein wirtschaftliches Gutachten an. Er rief eine Kommission ins Leben, die den Auftrag hatte, einen Rapport über den Umfang des Exports und Imports und über den Zustand der Landwirtschaft, des Bodenertrages und des Viehbestandes zu erstellen. Die Hindernisse für die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion sollten erfasst und Vorschläge gemacht werden, diese zu beseitigen. Auch sollten der Zustand des Gewerbes und der Fabriken, die Anzahl der Beschäftigten, die Höhe des Kapitals und des Gewinns sowie die Absatzmärkte genau beschrieben werden.
Der Neunzehnjährige erwies sich als blendender und unermüdlicher Organisator, der vor keinen Schwierigkeiten zurückschreckte. Bei der Vorbereitung seiner Reformen bezog er sogar die Gegner seiner Pläne mit ein und versuchte, breite Akzeptanz herzustellen. So fanden bei ihm auch die Gegenargumente Gehör. In zahlreichen Schriften von Neri, Cennini und anderen Beratern wurde das Für und Wider des Freihandels ausführlich besprochen.
Danach wurden die Erneuerungen stufenweise erprobt, bis sie endgültig in Kraft traten. Am 18. September 1767 trat als erste Stufe zum allgemeinen Freihandel Leopolds epochales Getreidegesetz in Kraft. Es besagte, dass sämtliche Steuern auf Brot und Mehl aufgehoben wurden und dass Herstellung und Verkauf nicht eingeschränkt werden durften. Gleichzeitig wurden die Monopole abgeschafft. Binnenzölle und Ausfuhrzoll auf Brot und Getreide wurden ebenfalls aufgehoben. Als nächster Schritt wurde eine Behörde etabliert, die den Auftrag hatte, über die Einhaltung des neuen Gesetzes zu wachen. Diese Handlungsweise steht in schroffem Gegensatz zum Regierungsstil Josephs, der sich überhaupt nicht um die Durchführung seiner vielen Gesetze und Dekrete kümmerte.
Im Jahre 1771 wurde Leopolds Getreidegesetz erweitert, indem auch der Einfuhrzoll auf ausländisches Getreide wegfiel. Schließlich wurde im Sommer 1775 der Getreidehandel uneingeschränkt freigegeben. Die ebenfalls sorgfältig vorbereitete Aufhebung der Generalpacht 1768 und das Amortisationsgesetz von 1769 gaben der neuen Wirtschaftspolitik ein solides Fundament.
Im Jahre 1770 setzte Leopold seine Reformen mit der Reorganisation der Verwaltungsstruktur, der Justiz und des Polizei-, Schul- und Armenwesens fort. Er vereinfachte die Bürokratie, gab den Gemeindebehörden größere Selbständigkeit, trennte die Gewalten der Justiz und Polizei, reorganisierte die Bildungspolitik und arbeitete auf eine staatliche Unterstützung für unverschuldet arm Gewordene hin. Große Anstrengungen ließ er der Verbesserung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung angedeihen, indem er öffentliche Spitäler modernisieren und neue Krankenhäuser bauen ließ. Am 23. Januar 1774 wurde ein Gesetz erlassen, dass Geisteskrankheit als Krankheit zu behandeln sei, eine Sensation in der damaligen Welt.
