Deadly Ever After – Blut und Schnee - T. S. Orgel - E-Book

Deadly Ever After – Blut und Schnee E-Book

T. S. Orgel

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Beschreibung

Das große düstere Märchenepos vom erfolgreichsten Autorenbrüderpaar der deutschsprachigen Fantasy

In einer Welt, in der alle Märchenfiguren versammelt sind, geht das Leben nach dem „… und wenn sie nicht gestorben sind“ weiter. Schneewittchen hat als weiße Kaiserin die Macht an sich gerissen und überzieht das Land mit Krieg, um allen die Magie zu rauben. Allein Streich, der tapfere Schneider, und seine Rebellen stellen sich ihr entgegen. Doch sie scheitern – und nur sein Neffe, völlig magielos, überlebt. Jetzt muss er Verbündete suchen, um seinen Onkel zu rächen und die grausame Herrschaft Schneewittchens zu beenden.

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Seitenzahl: 769

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

Fünfzehn Jahre nach ihrem »Happy ever after« ist Catharina von Erval, besser bekannt als »Schneewittchen« die alleinige Regentin und Kaiserin eines unaufhaltsam anwachsenden Reiches. Ihre Armee aus Sagenfiguren und gewöhnlichen Rekruten, genannt »Rotkappen«, überzieht die benachbarten Fürstentümer und Kleinkönigreiche mit Krieg und verleibt sie sich in ihrem unstillbaren Hunger nach Magie gnadenlos ein. Einige Überlebende der gefallenen Reiche, vergessene Sagenfiguren und unerwartete Helden, schließen sich einer geheimen Rebellion an, um die neue Kaiserin zu stürzen – auch wenn das das Ende aller Magie der Welt bedeuten könnte.

Die Autoren

Hinter dem Pseudonym T. S. Orgel stehen die beiden Brüder Tom und Stephan Orgel. In einem anderen Leben sind sie als Grafikdesigner und Werbetexter beziehungsweise Verlagskaufmann beschäftigt, doch wenn beide zur Feder greifen, geht es in fantastische Welten. Ihr erster gemeinsamer Roman »Orks vs. Zwerge« wurde mit dem Deutschen Phantastik Preis für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Seitdem haben die beiden Autoren mit »Die Blausteinkriege«, »Terra«, »Die Schattensammlerin« und »Der Skandal« noch viele weitere Welten erkundet.

Roman

Deutsche Originalausgabe 2026

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe 02/2026

Copyright © 2026 by Thomas und Stephan Orgel

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Catherine Beck

Umschlaggestaltung: DASILLUSTRAT, München,unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com(Liliya Kulianionak, Daykiney, Gringoann.art, MD Simon Hossen), iStockphoto (Perfectfood)

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-26504-5V001

www.heyne.de

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Eine seltsame Stille lag über dem Tal. Seit Tagen schon hatte es nicht mehr aufgehört zu regnen. Ein Nieseln, das sich durch die Schichten der Kleidung fraß, bis alles bis auf die Haut durchnässt war. Jetzt endlich, nach langer Zeit, hatte der Regen nachgelassen und war in ein stetes Tröpfeln übergegangen. Tropfen, die von den Bäumen fielen, von Dachvorsprüngen und Nasenspitzen. Tropf, tropf, tropf.

Ein paar Tage zuvor war Streichs kleine Heerschar nach Brechstein zurückgekehrt, einem idyllischen kleinen Örtchen im beeindruckend einfallsreich benannten Brechstein-Tal. Mit hübschen Fachwerkhäusern, deren rote Schindeldächer mit Wimpeln geschmückt waren, einem beeindruckend hohen Kirchturm und einer soliden Burg, die auf einem Felsvorsprung über der Ortschaft thronte. Endlich hatten sie ihre müden Füße ausruhen und ihre Wunden versorgen können. Für ein paar wenige Tage hatten sie die Schrecken des Krieges hinter sich lassen und wieder zu Kräften kommen können.

Fürst Streich ließ den Blick von den Zinnen der Burg über das Tal hinwegstreichen. Der Krieg hatte aus ihm einen hartgesottenen Kämpfer geformt. Einen schlauen General, dem es gelang, dem Feind immer wieder ein Schnippchen zu schlagen und ihm dabei ein ums andere Mal empfindliche Niederlagen beizubringen. Nadelstiche zwar, die ihn aber nichtsdestotrotz zum Bluten brachten. Doch auch ihr kleines Heer hatte bluten müssen. Vielleicht mehr, als es vertragen konnte. Ihre Ressourcen waren überaus begrenzt. Ein ums andere Mal fragte sich Streich, ob er genug getan hatte. Ob der Schaden, den er ihrem Feind zufügte, ausreichen konnte, um ihn in die Knie zu zwingen. Oder ob all die Mühe letzten Endes vergebens war.

Aber hatten sie denn überhaupt eine Wahl?

Drinnen in der Halle spielten sie Doppelzwei. Leise Musik erklang und dazwischen das Klappern der Würfel in den Lederbechern. Vereinzeltes Gelächter. Ein kleines bisschen Normalität in einer Welt, die dem Irrsinn verfallen war. Die Tür öffnete sich, und ein Schwall warmer Luft drang heraus. Der Temperaturunterschied bescherte Streich eine leichte Gänsehaut. Er schlug den Umhang fester um die Schultern und wandte sich um.

»Ganz schön kalt hier draußen«, sagte Hans leicht trunken. »Ihr solltet zu uns hereinkommen, Fürst. Hier draußen holt Ihr Euch noch den Tod.«

»Die frische Luft tut mir gut«, sagte Streich. »Hilft mir beim Nachdenken.«

»Und über was denkt Ihr nach?« Hans trat neben ihn und stützte die Hände auf der Brüstung ab.

Streich bemerkte ein leichtes Zittern. Es war nicht das erste Mal, dass es ihm auffiel. Er bildete sich ein, dass es von Woche zu Woche mehr wurde. Viele Menschen trugen in diesem Krieg Wunden davon, die man sehen konnte. Bei anderen lagen die Wunden im Inneren.

»Keine Lust mehr auf Würfeln?«

Hans lachte. »Die Ritter des Barons wollen nicht mehr. Sie behaupten, dass ich betrügen würde.« Er schlug mit der Hand auf den prall gefüllten Geldbeutel an seinem Gürtel. »Ich habe aber ohnehin genug für heute. Ich werde mich wohl für ein paar Stündchen aufs Ohr hauen, und Ihr solltet das besser auch tun. Der Krieg läuft Euch nicht davon. Ich meine: Wann habt Ihr das letzte Mal eine ganze Nacht durchgeschlafen?«

In Meiningen? Oder Lichtertal? Wenn er das nur so genau wüsste … Streich zuckte mit den Schultern. »Hast du Nachricht vom Zaunkönig?«

Hans schüttelte den Kopf. »Er lässt sich Bedenkzeit, denke ich. Wägt Chancen und Risiken gegeneinander ab.«

»Chancen und Risiken …« Streich schnaufte. »Er hat die Risiken in Lichtertal mit eigenen Augen gesehen. Was will er denn da noch bedenken?«

»Ich weiß nicht.« Hans’ Auge zuckte nervös. »Ich kann ihn schon irgendwie verstehen.«

»Du?« Streich sah ihn überrascht an. »Was sind denn das für Töne aus deinem Mund?«

»Die Worte eines Mannes, der schon zu viele Dinge gesehen hat.« Hans ließ den Kopf hängen. »Viel zu viel Leid …«

»Du weißt, dass es notwendig ist.« Streich legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du weißt es doch, oder?«

Ein kurzes, kaum merkliches Zögern. Dann nickte Hans, und ein schmales Lächeln zog über sein Gesicht. »Ja, ich weiß.«

Die letzten Strahlen der Sonne tauchten das Tal in ein warmes, rötliches Licht. Beleuchteten steile Berghänge und satte, grüne Wiesen. Ein Idyll, das Erinnerungen an die gute alte Zeit weckte. Eine Zeit, in der die Welt noch in Ordnung gewesen war und das Wünschen noch geholfen hatte.

Oben am Waldrand verdichtete sich langsam die Luft. Nebel senkte sich über die dunklen Wiesen herab. Kroch zwischen den Bäumen hervor wie weiße Klauen, griff nach den Wiesen und schob sich behäbig dem kleinen Dorf entgegen, das zu Füßen der mächtigen Burgmauern lag. Streich spürte einen metallischen Geschmack auf der Zunge. Der Wind trug eine leise Melodie heran, die wie das Klimpern einer Spieluhr klang. Ein Kinderlied aus vergangenen Tagen.

Schlaf, Kindlein, schlaf,

Und blök nicht wie ein Schaf,

Sonst kommt des Schäfers Hündelein

und beißt das böse Kindelein,

Schlaf, Kindlein, schlaf!

Streich spürte, wie sich die winzigen Härchen auf seinen Unterarmen aufzurichten begannen. »Still! Hörst du das, Hans?«

»Was?«

»Hörst du das nicht? Das Lied?«

»Ich höre nichts.«

»Hm …« Streich kniff die Augen zusammen und ließ den Blick über den Waldrand wandern. »Jetzt höre ich es auch nicht mehr. Irgendwas stimmt dort nicht. Ich spüre es. Da ist etwas im Busch.«

»Da ist nichts«, brummte Hans. »Das ist nur der Wind. Er treibt Scherze mit uns.«

Streich schüttelte den Kopf. Seine Finger krallten sich in den kalten Stein der Brüstung. »Hol mir die Kneiß«, sagte er mit belegter Stimme.

»Die schläft doch schon längst.«

»Dann weck sie gefälligst auf!«

»Du weißt doch, wie sie ist, wenn sie …«

Streich wischte den Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Ich weiß. Ich weiß. Dann gehe ich eben selbst!«

Die alte Kneiß war ziemlich wirr im Kopf. Man sagte ihr nach, dass sie das dritte Auge besaß und außerdem entlaufene Kinder fressen würde. Das wies sie jedoch vehement von sich. »Viel zu mager«, hatte sie einmal grinsend gesagt, als sie von Streich darauf angesprochen wurde. »Und außerdem sind meine Zähne nicht mehr so gut wie früher. Hafer dagegen, der füllt den Magen recht zuverlässig. Über Nacht eingeweicht in frischer Rohmilch mit einem Löffelchen Zucker.« Ihr zahnloser Mund gab ein schmatzendes Geräusch von sich. »O ja, Hafer ist eine feine Sache und sehr gesund.«

Die Sache mit dem dritten Auge stimmte dagegen schon. Die Kneiß konnte aus dem Fließen von Wasser, dem Wuchs einer alten Weide oder sogar aus den ziehenden Wolken im Himmel eine ganze Menge über die Zukunft herauslesen. Diese Fähigkeit hatte Streich und seiner kleinen Heerschar in den vergangenen Monaten schon mehr als einmal das Leben gerettet.

Als der Fürst über die Schwelle ihres stinkenden Kellerloches trat, hockte die alte Kneiß gerade zusammengekrümmt in der Mitte des Raumes, wo sie unablässig winzige Knöchelchen in der Form und Größe von Fingern klackernd auf den Boden warf und dabei unverständliches Zeug vor sich hinbrabbelte. Sie sah dabei so hexenhaft aus, wie nur irgendeine Hexe aussehen konnte. Beim Anblick ihres halbnackten, ausgemergelten Körpers fuhr Streich ein eisiger Schauer über den Rücken. Unschlüssig blieb er stehen und räusperte sich.

Der Kopf der alten Kneiß fuhr herum. Dunkle Augen starrten dem Fürsten entgegen. Ihre Stimme war wie brüchiges Pergament und gleichzeitig wie die Spitze eines kaltgeschmiedeten Dolchs, die seine Magengrube kitzelte. »Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen …?«

»Hmpf«, machte Streich, der sich fühlte, als wäre er soeben bei etwas Verbotenem erwischt worden, und sich gleichzeitig ziemlich dumm vorkam. »Ich … ich meine … ich wollte sagen: Ich bin es.«

Sie starrte ihn an, ohne etwas darauf zu erwidern. Ihre Hand öffnete sich, und die winzigen Fingerknöchelchen hüpften klackernd über den Boden.

Streich räusperte sich erneut. Er musste sich krampfhaft daran erinnern, dass er der Anführer der Heerschar war und die alte Kneiß in seinen Diensten stand. »Entschuldige, dass ich so spät noch störe«, sagte er mit etwas festerer Stimme, »aber ich brauche deine Hilfe.«

Die Hand der alten Kneiß fuhr ruckartig nach unten, fegte über den Boden und sammelte die Fingerknöchelchen wieder ein. Dann neigte sie den Kopf zur Seite, hielt die geschlossene Hand an ihr Ohr und schüttelte sie so, dass die Knöchelchen darin leicht gegeneinanderrappelten. Erneut ließ sie die Knöchelchen über den Boden kullern. Sie schüttelte den Kopf. »Geh schlafen, Streich. Es ist ein langer Tag gewesen, und wir sind müde und erschöpft. Was immer dich umtreibt, hat sicherlich auch noch Zeit bis morgen.«

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich habe ein ungutes Gefühl.«

»Ich habe schon lange kein gutes Gefühl mehr.« Die Fingerknöchelchen klapperten über den Boden. »Alles ist im Aufruhr. Das Land, die Menschen, die gesamte Welt.«

»Hör auf mit den Klagen. Sag mir lieber, was du siehst.«

»Hm.« Ein weiteres Mal klapperten die Fingerknöchelchen über den Boden.

»Was ist?«

»Nichts.«

»Da muss etwas sein.«

»Wenn ich es doch sage.« Die alte Kneiß blickte auf. Streich runzelte die Stirn. Sah er da etwa Unsicherheit in ihrem Blick?

»Nun red schon. Was hast du gesehen?«

»Geh. Lass mich endlich in Ruhe.«

»Ich gehe nicht, bevor du es mir verrätst.«

»Das habe ich dir bereits gesagt: nichts. Ich sehe nichts. Die Zukunft ist so schwarz wie die Nacht.«

»Was hat das zu bedeuten? Ist das ein böses Omen?«

»Schlimmer als das.«

Eine schattenhafte Gestalt trat aus dem Nebel, winzig klein in der Ferne. Sie trug ein langes weißes Kleid oder vielleicht auch ein Nachtgewand, so genau konnte man das nicht erkennen. Schwarze Haare spielten um ihr Gesicht. Sie trat auf das satte Grün der Wiese hinaus, verharrte dort einen Augenblick auf der Stelle, hob den Kopf und blickte zur Burg. Der Wind trieb erneut einzelne Fetzen des Kinderliedes heran, das Streich zuvor schon vernommen hatte:

Schlaf, Kindlein, schlaf,

… wie ein Schaf,

… kommt des Schäfers Hündelein

und beißt …

Schlaf … schlaf!

Dann wurde es eine Weile totenstill. Selbst der Wind schien den Atem anzuhalten.

Ein Horn ertönte. Ein einzelner, klagender Ton in der Ferne, der langsam und stetig zunahm, bis er schließlich das gesamte Tal erfüllte – und dann, mit einem Mal, abbrach. In diesem Augenblick riss der Nebel auseinander und gab den Blick auf eine unüberschaubare Masse düsterer Gestalten frei. Junge und Alte, Männer und Frauen, Kinder und unzählige Tiere des Waldes. Wildschweine, Hirsche, Wölfe und was da sonst noch alles in den Tiefen der Wälder hauste. Eine dieser Gestalten war schrecklicher anzusehen als die nächste. Sie waren verkrüppelt und zerschunden und sahen aus, als wären sie soeben erst ihren Gräbern entstiegen. Und sie gaben Laute von sich, die nicht von dieser Welt waren. Ein Heulen und Jammern und Rasseln erfüllte das friedliche Tal, dass selbst dem hartgesottensten Kämpfer in Diensten des Fürsten kalt ums Herz wurde.

Die Wilde Jagd hatte sie eingeholt. Die Häscher der Kaiserin waren gekommen.

Die Gestalten, die dort unten aus dem Nebel gekrochen kamen, waren weder lebendig noch tot. Sie waren die Wilde Jagd. Männer, Frauen, Kinder und Tiere, die ein grausames Schicksal zu früh aus dem Leben gerissen und direkt in die Arme des Jägers getrieben hatte; ihres furchterregenden Anführers, der ganz vorne an der Spitze des Heerzuges aus dem Nebel herausgeritten kam. Mit Augen so tot wie ein Grab und einem einem Gewehr, das einen eigenen Namen besaß.

Streich spürte, wie sich seine Kiefermuskeln verkrampften. Seine Hand tastete unwillkürlich nach dem Griff seiner eigenen Waffe, einem nadelspitzen Degen, der ihm schon seit langer Zeit gute Dienste geleistet hatte. Aber war er auch geeignet, es mit der Wilden Jagd aufzunehmen? War überhaupt irgendjemand dazu in der Lage? Er atmete tief durch. »Ladet die Gewehre!«

»Ladet die Gewehre!«, rief Cyria. Ihre kräftige Stimme war noch in den hintersten Winkeln der Burg zu vernehmen. Die Wölfin stand aufrecht und stolz zur Linken von Streich. Zwei dicke rote Farbstriche zierten das Fell in ihrem Gesicht, quer über das Auge bis hinunter zu den Lefzen gemalt, unter denen ihre gewaltigen Reißzähne hervorblitzten.

Hektisches Geklapper ertönte, als überall auf der Mauer die Büchsen geladen und angelegt wurden. Streichs Blick glitt über die Gesichter seiner Getreuen hinweg. Die alte Kneiß mit ihrem dritten Auge; Bruns, der Riese, in dessen mächtigen Pranken eine eisenbeschlagene Keule ruhte, so groß wie ein Baumstamm, und Cyria, die silbergraue Wölfin, deren messerscharfe Krallen im Licht der Laternen von einem magischen Leuchten erfüllt zu sein schienen.

»Ein guter Tag zu sterben«, grollte der Riese und ließ seine Muskelberge spielen.

»Für die da unten ja«, knurrte die Wölfin.

»Wo ist Hans?«, fragte Streich.

»Hab ihn nicht gesehen.«

Streichs Degen fuhr nach vorn und bohrte sich schmatzend in eine knöcherne Brust. Die Kreatur stieß einen Laut aus, der aus den Niederungen der Hölle zu kommen schien, doch sie hielt nicht einmal inne, sondern ließ sich über die Brüstung auf den Wehrgang hinunterfallen, kam überraschend behände wieder auf die Füße und schlug schon im nächsten Augenblick mit ihrer krallenbewehrten Hand nach Streichs Gesicht. Streich fuhr zurück, ließ den Degen zurückschnellen und trennte die Hand mit einer eleganten Bewegung vom Arm des Angreifers, der daraufhin erneut schrecklich aufzuheulen begann. Wieder schoss Streichs Degen nach vorn, direkt in die Brust der Kreatur hinein. Doch auch dieser Treffer konnte nicht viel ausrichten. Er machte die Kreatur im Gegenteil noch viel wütender. Schritt für Schritt musste Streich vor den heftigen Attacken zurückweichen. Überall um ihn herum sah er weitere Kreaturen über die Brüstung klettern. Die Verteidiger feuerten aus allen Rohren, doch die Kugeln ihrer Gewehre blieben weitgehend wirkungslos, zertrümmerten lediglich hier und da mal einen morschen Knochen, konnten aber den Vormarsch der Kreaturen kaum noch aufhalten.

Ein Schütze neben Streich feuerte seine Waffe ab und wurde im nächsten Augenblick schon von zweien zu Boden gerissen, die mit spitzen Krallen sein Gesicht zu zerreißen begannen, noch ehe der arme Mann sich mit dem Kolben seiner Waffe zur Wehr setzen konnte. Einer der Angreifer war ein abgemagerter Junge von gerade mal einem Dutzend Jahren, der Streichs eigener Sohn hätte sein können. Es kostete den Fürsten etliche Überwindung, ihm den Garaus zu machen. Die Klinge seines Degens fuhr zischend zwischen Kinn und Brust in den Hals des Jungen hinein und trennte den Kopf beinahe vollständig vom Rumpf. Der Junge stieß einen kreischenden Laut aus und fiel in sich zusammen wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hatte.

»Schlagt ihnen die Köpfe ab!«, brüllte Streich, während er noch vorsprang und nach einer Axt griff, die herrenlos auf dem Wehrgang lag. Krachend schlug er sie in den Schädel des nächsten Angreifers, der daraufhin, ohne einen Laut von sich zu geben, nach hinten kippte und über die Brüstung stürzte. Die übrigen Verteidiger nahmen sich Streichs Worte zu Herzen und konzentrierten ihre Attacken nun auf die Köpfe der Angreifer. Streich blickte sich um und sah auf der einen Seite des Wehrgangs die Keule des Riesen eine gewaltige Schneise in die Reihen schlagen, während auf der anderen Seite des Wehrgangs die Wölfin wie ein Berserker von einem Angreifer zum nächsten sprang, Fleisch von Knochen riss und mit ihren gewaltigen Kiefern Knochen zertrümmerte, als wären sie Zahnstocher. Oben auf der Brüstung stand die alte Kneiß und wob mit ausgebreiteten Armen einen Zauber, der unten vor den Mauern eine Dornenhecke aus dem Boden sprießen ließ, in der sich die Angreifer hilflos verfingen. Das verschaffte den Verteidigern genügend Zeit, ihre Reihen zu schließen und zum Gegenangriff überzugehen.

Erschöpft sackte die Hexe in sich zusammen. »Die Hulda fehlt«, ächzte sie mit schwacher Stimme. »Meine Schwester könnte sie mit Leichtigkeit aufhalten.«

»Natürlich könnte sie das«, sagte Streich. »Aber sieh mal: Ich glaube, dein Zauber hat ihnen den Rest gegeben. Es sieht ganz so aus, als zögen sie sich zurück.«

»Du hast recht«, rief die Wölfin und bleckte die Zähne. »Sie fliehen. Sie fliehen tatsächlich zurück in den Nebel.«

»Wir haben gewonnen!«, rief der Riese, und dann gab es kein Halten mehr. Überall auf den Wehrgängen rissen die Verteidiger ihre Waffen in die Höhe und brachen in Jubel aus. Hier und da gab es zwar noch kleinere Scharmützel, doch der Großteil der Wilden Jagd hatte sich bereits von den Mauern zurückgezogen. Offenbar hatten sie genug davon, sich von den Soldaten des Fürsten die Köpfe einschlagen zu lassen.

Streich lächelte und wandte sich wieder der alten Kneiß zu, die vor ihm auf dem Boden hockte. Er sah ihren Blick, und sein Lächeln erstarb. Sie hatte die Fingerknöchelchen in die Hand genommen und warf sie beinahe achtlos auf den Stein. »Nichts«, sagte sie dann mit tonloser Stimme. »Ich sehe nichts in der Zukunft – weil es da nichts mehr gibt.«

Streich drehte den Kopf und sah hinaus über die Mauern auf die Heerschar der sich zurückziehenden Wilden Jagd, die immer weiter vom Nebel verschluckt wurde. Er sah die Umrisse ihres Anführers, des Jägers auf seinem Pferd, der sich die ganze Zeit nicht vom Fleck gerührt hatte. Warum hatte er nicht in die Schlacht eingegriffen? Streich runzelte die Stirn.

Neben dem Jäger tauchte jetzt eine weitere Gestalt aus dem Nebel auf. Sie war nicht besonders groß oder auffällig, doch Streich erkannte sie dennoch sofort, denn sie trug einen Mantel, dessen grellrote Farbe selbst im Dunkeln noch bis hinauf zu den Zinnen erkennbar war. Langsam hob sie die Hand, Streich riss die Augen auf, und …

… dann machte die Welt einen gewaltigen Satz und zersprang in tausend Stücke.

Streich lag auf dem Rücken, über und über mit Dreck und Schutt und Holzsplittern bedeckt, die bis vor wenigen Augenblicken noch Teil der mächtigen Burganlage gewesen waren. Seine Ohren dröhnten, und Staub verstopfte seine Nase und seinen Mund. Er hustete und würgte, wälzte sich herum und blickte umher. Überall lagen seine Soldaten. Erschlagen, verdreht, zerschmettert und wild durcheinandergeworfen wie die Fingerknöchelchen der alten Kneiß. Dumpfe Geräusche drangen an seine Ohren, so als würde er sich unter einer dicken Glocke befinden. Erst langsam dämmerte ihm, dass es sich um die Schreie der Verletzten handelte, und vielleicht auch um seine eigenen.

Mühsam stemmte er sich auf alle viere und kroch zu dem Riesen hinüber, der unter Bergen von Schutt begraben lag. Sein mächtiger Schädel war von einem Steinbrocken zerschmettert worden wie eine Walnuss. Streich legte ihm die Hand auf die Brust. Ein Schluchzen entrang sich seiner Kehle. Er schniefte, wischte den Rotz unter der Nase fort und kroch weiter. »Hans!« Seine Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. »Hans, wo bist du? Trommel die Männer zusammen! Und ruf die alte Kneiß. Die wird wissen, was zu tun … ah, da ist er ja!« Seine tastende Hand bekam den Griff seines Degens zu fassen. Er lächelte und wollte sich gerade erheben, als ein dunkler Schatten über ihm auftauchte und ein Stiefel die Waffe zurück in den Staub trat.

Streich musterte ihn einen Augenblick lang verständnislos. Er war lang und spitz und besaß einen außerordentlich eleganten Schnitt. Das Leder war zwar über und über mit Schlamm verschmiert, dennoch war noch klar zu erkennen, dass es eine rote Farbe besaß.

»Der große Streich«, sagte eine angenehm klingende Stimme direkt über ihm. Es war die Stimme einer Frau, die er nur zu gut kannte. »Beschützer von Witwen und Waisen. Bezwinger der Riesen und Herrscher über ein ganzes Fürstentum. Gar nicht schlecht für einen Mann deiner Herkunft und deines … Standes.« Sie stieß ein leises Lachen aus. »Für einen gemeinen Lügner und Betrüger hast du es ziemlich weit gebracht, das muss dir der Neid lassen. Auch wenn ich fürchte, dass dein Weg an dieser Stelle nun zu Ende gegangen ist.«

»Fick dich, Baronin«, murmelte Streich, ohne aufzublicken.

»Das ist alles? Mehr fällt dir dazu nicht ein?«

»Fick dich«, wiederholte Streich.

»Oh, welch geistreiche Worte.« Die Baronin schnaufte amüsiert. »Ich verspreche dir, dass ich sie in deinen Grabstein meißeln lassen werde. Damit die Welt auch in Zukunft noch sehen kann, was für ein wortgewandtes Genie du gewesen bist … Schneiderlein.«

Von Eisen und Strang

Der Soldat stand über Tristan, das Schwert in seiner Faust bereits zum Stoß zurückgezogen, und seltsamerweise zog sein Leben nicht vor seinem geistigen Auge vorüber. Wofür er im Grunde recht dankbar war. Es einmal erlebt zu haben, war Strafe genug. Rückblick oder nicht – es gab nichts, was er noch tun konnte. Selbst wenn er sich noch schnell hätte bewegen können, selbst wenn sein Arm nicht zertrümmert wäre. Die blutige Säbelklinge würde in seine Brust fahren, und das war es dann. Es war seltsam, wie klar er in diesem Moment alles wahrnahm. Die Scharten in der zerkratzten Klinge, das von vergangener Krankheit vernarbte Gesicht des Soldaten. Borstige Haare wucherten aus den Kratern auf den Wangen. Vermutlich war es unmöglich, ein solches Gesicht glatt zu rasieren. Fettige, dünne Haare klebten in schlaffen Strähnen an dem verzerrten Gesicht, und in den Augen konnte er nichts als Wut und den Rausch des Krieges sehen.

In diesem Moment wich alle Anspannung aus Tristan. Sein Kopf sank zurück in den Schlamm der Hauptstraße, und sein Blick blieb an den niedrigen Wolken hängen, die vielleicht auch nur Rauch waren und von flackernden Feuern in ein gespenstisches Orangerot getaucht wurden. Das war es also.

Etwas huschte mit einem Fauchen durch sein Blickfeld, ein Schatten vor dem brennenden Nachthimmel schlug im Gesicht des Soldaten ein und riss ihn aus Tristans Blickfeld. Er blinzelte, starrte verständnislos nach oben und atmete schließlich rasselnd ein, als ihm klar wurde, dass kein Schwertstreich folgen würde. Ein Schatten tauchte über ihm auf, verdeckte einen Teil der Wolken, und der Widerschein der Feuer verlieh der Gestalt über ihm einen seltsam goldenen Schein.

Dann trat ihn eine Stiefelspitze in die Seite. Nicht hart, gerade genug, um ihn dazu zu bringen, mit einem Stöhnen zusammenzuzucken.

»Lebst noch, hm?« Die Gestalt sah sich um und beugte sich dann herunter. Jetzt fiel der Lichtschein auf ihr Gesicht. Es erschien ihm im ersten Moment unbekannt. Andererseits war er sich nicht sicher, ob er überhaupt jemanden unter einer solchen Schicht von Ruß erkannt hätte. Oder vielleicht war es auch Schlamm oder Blut. Vielleicht war es auch die Fratze des Todes. Woher sollte er das wissen? Das Flackern der Feuer ließ es unmenschlich genug wirken. »Moment, du bist das schwarze Balg aus dem Fürstenhaus, richtig?«

Er runzelte die Stirn. Erst mit Verzögerung wurde ihm klar, dass die Stimme nach seiner Herkunft fragte. Es war die Stimme einer Frau, schroff und rau von zu viel Rauch und zu viel Schreien. »Kannst du aufstehen?«

Tristan blinzelte erneut, nahm einen weiteren Atemzug. Eine Locke hing ihm ins Gesicht. »Keine Ahnung?«

Die Frau zuckte mit den Schultern. »Bleib liegen und denk drüber nach. Oder komm mit. Mir egal. Aber ich warte nicht. Da kommen mehr.«

Er blinzelte zum dritten Mal und setzte dazu an, die Locke wegzuwischen, als ein gleißender Schmerz seinen Arm durchfuhr und ihn dazu brachte, unwillkürlich aufzuschreien.

Die Frau sah von ihm weg, die Straße hinunter. »Ach zum Teufel«, knurrte sie dann. Sie packte ihn am Kragen und riss ihn mit erstaunlicher Kraft vom Boden hoch. »Beweg dich!« Irgendwie gelang es Tristan, die Füße unter seinen Körper zu bringen und sein Gleichgewicht zu finden. Nur einen Schritt weiter lag der Soldat im Schlamm und starrte blicklos in den Nachthimmel. Sein Kopf wirkte seltsam verformt, und ihm wurde klar, dass der Mann nie wieder aufstehen würde. Die Frau deutete mit einer kurzstieligen Axt in die Richtung einer nahen Gasse. »Verschwinde, Kleiner! Brechstein ist gefallen. Die Nächsten werden nicht so blöd sein, sich von mir erwischen zu lassen.« Sie drehte sich um und lief los, und Tristan fiel nichts Besseres ein, als seinen Arm zu umklammern und ihr zu folgen. Zwischen den eng stehenden Häusern waren die Schatten tiefer, der Rauch jedoch dichter, und es fiel ihm zusehends schwerer, zu atmen und dabei nicht von Hustenkrämpfen geschüttelt zu werden. Schließlich blieb die Frau stehen, schob ein Fass beiseite und öffnete eine winzige Pforte, die Tristan mit Sicherheit übersehen hätte. Wortlos bückte sie sich in die Öffnung und verschwand in der Dunkelheit.

Tristan zögerte nur einen Moment.

»Mach die verdammte Tür zu. Da ist ein Riegel dran.«

Grunzend stemmte er die anscheinend verzogene Pforte zu, fand den Riegel und legte ihn vor, um sich schließlich an der Tür hinab auf den kalten Stein der Schwelle rutschen zu lassen. In der Dunkelheit hörte er das Schaben eines Feuerzeugs, sah Funken sprühen, und dann erwachte flackernd ein Docht zum Leben. Es dauerte eine Weile, bis der Hustenreiz nachließ, und in dieser Zeit hatte die Frau eine weitere Kerze angezündet. Erst jetzt kam Tristan dazu, sie näher zu betrachten. Sie war tatsächlich beinahe größer als er, breitschultrig und mit muskulösen Armen, trug ein vollkommen verdrecktes Kleid mit einer ledernen Arbeitsschürze und einen langen, dicken Zopf, der im Licht der Kerzen silbrig schimmerte. Erst als sie sich mit einem Lappen über das Gesicht wischte, wurde ihm klar, dass er sie kannte. Gut, das war so nicht ganz richtig. Brechstein war ein kleiner Ort mit nur wenigen Hundert Einwohnern, und Tristan hatte sein ganzes bisheriges Leben hier verbracht. Natürlich kannte er jedes Gesicht der Stadt vom Sehen. Trotzdem war dieses Gesicht eines der wenigen, das er nicht erwartet hatte.

»Frau Gothelinde?« Jeder in Brechstein kannte die große Frau. Um wenige Leute im Fürstentum rankten sich mehr düstere Gerüchte als um sie mit dem Silberhaar, die jetzt bereits Ende fünfzig sein musste. Vor allem, weil niemand irgendetwas über ihre Vergangenheit wusste. Sie war eines Tages vom verwitweten Schlachtermeister Gothelinder in die Stadt gebracht worden. Dass Gothelinder kaum ein halbes Jahr später angeblich von einem Stier zertrampelt wurde, hatte die Gerüchte natürlich nicht beruhigt, und Tristan erinnerte sich gut an seine Kindheit, als sie und ihr Schlachtkeller von vielen Erwachsenen als Drohung genutzt worden war, um die Kinder der Stadt zu erschrecken. Die Witwe Gothelinde hatte zu allem geschwiegen, die Metzgerei ihres verstorbenen Mannes weitergeführt und seine zwei Töchter schnell wegverheiratet. Was immer in ihrem Keller vor sich ging, war Stoff für Legenden. Dem Keller, in dem er sich jetzt befand. Schinken hingen von Holzstangen unter der gewölbten Decke und neben ihnen einige Fasane, Rebhühner und Ketten von Würsten. Zumindest für den Moment konnte Tristan keine menschlichen Teile erkennen. Er schluckte und stellte fest, dass ihn die Frau aufmerksam beobachtete.

»Die Leichen hängen im Nebenkeller«, sagte sie trocken, wie um der Frage zuvorzukommen, die sich in seinem Kopf noch gar nicht fertig geformt hatte. »Nenn mich Linde. Du bist Tristan, der Neffe vom Schneider, richtig?«

»Der Neffe von Fürst Streich«, korrigierte Tristan, mehr aus Reflex.

Linde zuckte mit den breiten Schultern. »Einmal ein Schneider, immer ein Schneider. Nichts Unehrbares an dem Beruf. Auch wenn er vermutlich ein besserer Aufschneider ist. Komm her.«

»Warum?« Tristan spürte die Tür in seinem Rücken. Der Riegel wäre schnell entfernt.

Die Frau verdrehte die Augen. »Dein Arm. Das muss gerichtet und versorgt werden, oder du verlierst ihn. Falls du nicht vorher am Brand verreckst.« Sie musterte ihn kritisch. Dann seufzte sie und nahm ein ordentlich gefaltetes Tuch von einem Wandregal. »Das mit den Leichen im Nebenkeller war nur ein Witz.«

Zögerlich löste sich Tristan von der Tür und ging die fünf Stufen bis in den Keller hinab.

»Mach schon hin. Haben nicht die ganze Nacht Zeit. Vermutlich sogar weniger. Die werden dich suchen. Und wenn sie clever sind, dann mich auch.« Sie packte Tristans zögerlich hingestreckten Arm so fest, dass er für einen Moment befürchtete, ohnmächtig zu werden oder sich zu übergeben. Vielleicht auch beides. Ohne sich um seinen Schmerzenslaut zu scheren, schob sie seinen blutigen Ärmel zurück. »Glück gehabt«, stellte sie wenig später fest. »Das war eine beschissen stumpfe Klinge. Ist mehr gequetscht als zerschnitten. Heißt, du könntest die meisten Muskeln behalten, und es ist nur einer der Knochen gebrochen. Das bekomm ich hin.« Sie nahm ein Messer von der Werkbank an der Wand und hielt es Tristan, Griff voran, hin. »Beiß hier drauf.«

»Was?«

»Ich kann keine Zähne richten. Also wenn du sie behalten willst – beiß drauf.«

Zögerlich schob er sich den hölzernen Griff zwischen die Zähne, während die Metzgerin seinen anderen Arm nachdenklich hin und her drehte – und dann ruckartig daran zerrte. Tristan biss so fest auf den Messergriff, dass er Blut schmeckte. Vermutlich hatte er geschrien, doch sicher war er sich nicht, weil er gleichzeitig in Ohnmacht gefallen sein musste. Auf jeden Fall kam er auf dem Boden zu sich, als die Metzgerin gerade die letzten Knoten an einer improvisierten Schiene festzog. »Könnte jetzt etwas wehtun«, stellte sie fest, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen.

Tristan atmete rasselnd durch. »Hättest du das nicht vorher sagen sollen?« Seine Stimme fand ihren Weg lediglich als Krächzen aus dem Hals.

Sie zuckte mit den Schultern. »Dann hättest du dich nur verkrampft. Belaste den Arm nicht, dann hält das schon fürs Erste.« Sie nickte ihm zu, stand auf und begann, Dinge in einen großen Sack zu stopfen. Würste, Messer, Schinken, Kochgeschirr – systematisch ging sie den Kellerraum durch, während sich Tristan mühsam aufsetzte. Der Schmerz in seinem Arm war zu einem dumpfen, heißen Hämmern geschrumpft. »Was hast du vor?«

Die Metzgerin hob eine Hand. Fast zeitgleich hörte Tristan die Schritte mehrerer beschlagener Stiefel, die durch die Gasse marschierten. Für einen Moment hielt er den Atem an, doch wer immer dort draußen vorbeilief, verlangsamte den Schritt nicht. Schließlich senkte die Frau den Arm wieder. »Ich verschwinde von hier. Wenn du schlau bist, tust du das auch. Sie werden jeden, der danach aussieht, als hätte er an der Verteidigung teilgenommen, hinrichten. Den Rest lassen sie laufen. Nachdem sie ihren Scheißspaß gehabt haben. Und glaub mir – für beides will ich nicht hier sein.« Sie betrachtete ein Bündel Kerzen, bevor sie es mit einem Achselzucken in ihren Sack warf.

»Aber wir können denen Brechstein doch nicht einfach so überlassen!«

Linde schnaubte. »Haben wohl kaum ’ne Wahl. Es ist vorbei. Wir haben verloren.« Sie stützte sich schwer auf ihre Werkbank. »Ich hab das schon mal mitgemacht. Heute Nacht ist hier die Hölle auf Erden. Und spätestens morgen früh werden sie alle, die die Schlacht überlebt haben, hinrichten. Falls sie das nicht jetzt schon tun. Außer die mit Kräften, wenn die Gerüchte wahr sind. Denen steht Schlimmeres bevor.« Sie sah ihn über die Schulter an. »Hast du Kräfte, Schneiderneffe? Magische?«

Tristan sah sie verwirrt an. »Kräfte? Ich? Nein, nicht dass ich wüsste. Warum …?«

»Tja. Dann nützt du denen nichts.« Sie sah sich um und nahm dann den Sack auf die Schulter. »Besser, du tauchst unter. Bist jung und kräftig. Keine Chance, dass du nicht gekämpft hast. Heißt wohl, dass du hängen wirst, wenn sie dich erwischen.«

»Also läufst du weg?«

Die Metzgerin sah ihn düster an, und um ihre Augen lag derselbe kalte Zug wie um ihre Mundwinkel. »Ist nicht das erste Mal. Ist keine Schande. Man muss wissen, wann man gehen muss.« Sie wandte sich der steilen, ausgetretenen Treppe zu, die ins Haus selbst hinaufführen musste, und Tristan hastete ihr nach, auch wenn ihm die plötzliche Bewegung Tränen in die Augen trieb.

»Moment mal, du weißt doch gar nicht, was passiert. Vielleicht haben sie gar nicht alle gefangen. Vielleicht lassen sie die Überlebenden laufen.«

Die Frau hielt inne und lachte freudlos auf. »Klar. Und vielleicht zeichnet Katharina die Huldvolle ihre Gegner aus dafür, dass sie sich ihr so tapfer und ehrenvoll widersetzt haben. Mit ’nem verschissenen Orden am Bande. Sieh’s ein, Junge. Eselbach ist ausradiert, die Schlacht verloren, und Brechstein ist ebenfalls gefallen. Wer überlebt hat, taucht unter oder ist tot, bevor die Sonne richtig aufgegangen ist. Oder wünscht es sich.«

»Das kannst du nicht wissen!«

Die Metzgerin sah über die Schulter zurück. Dann seufzte sie. »Kann ich nicht? Ich hab sie gesehen. Sie haben Leute auf dem Marktplatz in Eisenkäfige gesteckt. Weißt du, warum Eisen?«

Tristan runzelte die Stirn. »Damit niemand daraus entkommt?«

»Weil Eisen die Kräfte unterbindet. Wie viel Kraft jemand auch hat, gegen Eisen ist er machtlos. Oder sie. Ich hab gesehen, wie sie die Kneiß eingeschlossen haben. Vielleicht deinen Onkel. Und ein halbes Dutzend andere. Alles, was von seiner Heerführung noch übrig ist. Auf jeden Fall knüpfen sie jetzt Galgenschlingen.«

»Du hast meinen Onkel gesehen?«

»Möglich. Ist dunkel dort draußen, und die halbe verdammte Stadt brennt. Oder er war’s nicht. Aber wenn er die Schlacht überlebt hat, steckt er dort. Bis die Galgen fertig sind.« Sie schnaubte, wandte sich wieder um und stieg die Treppe hinauf. »Nimm dir, was du brauchen kannst. Besser du als die. Viel Glück.«

»Warte! Du lässt mich zurück?«

»Ich kann nicht gut mit Menschen. Kannst gehen, wohin du willst. Aber ich denk, du wirst ’ne verdammte Dummheit machen. Und dabei werd ich nicht zusehen.«

Tristan hörte, wie sie oben eine Tür öffnete und schloss.

Für einen Moment stand er ratlos inmitten des Kellerraumes, atmete den Geruch aus abgehangenem Fleisch und brennenden Häusern ein, der inzwischen bis hier unten wahrzunehmen war, und hatte keine Ahnung, was er denken sollte. Vom Tun ganz zu schweigen. Er betrachtete seinen bandagierten Arm, in dem dumpfer Schmerz im Takt seines Herzschlags pulsierte. Jetzt, da er darüber nachdachte, wurde der Schmerz mit jedem Klopfen intensiver. Er verzog das Gesicht. Ablenkung. Ablenkung oder Branntwein. Das war es, was er jetzt brauchte. Er sah sich um, doch nichts hier unten sah danach aus, als würde es Branntwein enthalten. Das meiste war Schlachterwerkzeug, Schüsseln, Schleifsteine, Garne, Stricke und Ketten. Von denen er zumindest hoffte, dass sie nur dazu da waren, Schlachtvieh zu halten. Die Menschen erzählten freilich gern Gerüchte. Aber war nicht meist etwas dran an den Geschichten? Er schüttelte den Kopf. Die Frau hatte ihm geholfen, und er lebte noch. Zumindest für den Moment. Vermutlich gab es selbst für Mord geeignete und weniger geeignete Zeiten. In einer Schüssel auf der Werkbank vor ihm lag ein alter Feuerstarter zwischen einigen Münzen. Er steckte das Werkzeug ein und zögerte. Zwischen den Münzen schimmerte ein abgenutzter Silberschilling mit dem Gesicht seines Onkels. Es gab nicht viele von diesen Münzen. Fürst Streich hatte nur einige Handvoll anlässlich seiner Krönung machen lassen, doch Brechstein war zu unwichtig, um regelmäßig neues Geld prägen zu lassen. Nachdenklich betrachtete er das Gesicht des Fürsten, das hagere Gesicht mit dem spitzen Bart und der ebenso spitzen Nase unter den tief liegenden Augen, die sogar auf der Münze stechend wirkten. Die Tatsache allein, dass die Rotkappen in Brechstein waren, sprach dafür, dass der Fürst seine große Schlacht verloren hatte. Vielleicht war das hier alles, was von ihm übrig bleiben würde. Beinahe zögerlich nahm er die Münze aus der Schale und ließ sie zwischen seinen Fingern wandern, vom Daumen über den Handrücken zum kleinen Finger und zurück, und wieder hin und erneut zurück. Die Übung beruhigte ihn, wie immer, seit Onkel Streich sie ihm beigebracht hatte. Schließlich verzog Tristan das Gesicht, schloss die Münze in seiner Faust ein und folgte der Frau die steile Treppe hinauf. Die Tür am oberen Ende führte in einen beinahe vollständig finsteren Flur, der nur durch das Flackern der Feuer in der Stadt durch ein kleines Fenster gerade genug erhellt wurde, um sich darin zurechtzufinden. Aus einer Tür links von ihm kam der eigentümliche Geruch eines Schlachthauses, der den hier stärkeren Gestank von Rauch beinahe überlagerte. An der Wand gegenüber konnte er eine Garderobe erahnen. Nach kurzem Zögern griff er sich ein Tuch von einem der Haken und improvisierte eine Schlinge, in die er vorsichtig seinen Arm schob. Das reichte jedoch schon aus, um ihm erneut das Wasser in die Augen zu treiben. Für eine Weile stand er in der Dunkelheit und versuchte, seinen Atem wieder zu beruhigen, bevor er sich schließlich einen Mantel von der Garderobe nahm und mühsam über die Schultern hängte. Die Münze schob er in eine der Taschen, bevor er vorsichtig die nur angelehnte Tür aufschob. Es war die Vordertür, die hinaus auf die Hauptstraße führte. Er zögerte. Vielleicht sollte er doch dem Rat der Metzgerin folgen. Wenn er die Hintertür nahm, konnte er über den Hof vermutlich die Stadtmauer erreichen. Von innen schlossen sich überall Häuser und Scheunen an die alte Mauer an, und es wäre wahrscheinlich kein Problem, auf sie hinauf und mit einer Leiter auf der anderen Seite hinab zu gelangen. Die Einfriedung war dazu gedacht, kleinere Räuberbanden und gelegentliche Wildtiere aus der Stadt zu halten und die Zolleintreibung an den Stadttoren zu vereinfachen. Ein richtiges Hindernis stellte sie nun wirklich nicht dar. Tristan ertappte sich in diesem Moment dabei, durch den Flur auf die andere Seite des Hauses zu sehen. Aber was, wenn es stimmte? Was, wenn sein Onkel wirklich noch am Leben war und in einem der Käfige am Markt saß. Und mit ihm vielleicht andere? Er schloss die Augen und fluchte stumm. Mit zusammengebissenen Zähnen tastete er nach dem Riegel der Vordertür und schob sie auf. Der Rauch kroch dicht durch die Straße, doch die größeren Feuer brannten auf der anderen Seite der Stadt, wo der Nachtwind sie vom Zentrum wegdrückte. Tristan hörte weiter entfernt spitze Schreie, wütendes Brüllen und immer noch das Klirren einzelner Waffen, doch die Metzgerin hatte recht gehabt: Die eigentliche Schlacht war vorbei. Brechstein war gefallen. Einige gebeugte, gebrochene Gestalten hasteten die Straße entlang, bepackt mit Säcken, Kiepen, Handkarren ziehend oder Kinder hinter sich herzerrend, doch niemand schenkte ihm mehr als einen flüchtigen Seitenblick. Jeder war sich selbst der Nächste. Erneut zögerte er. Möglicherweise war das untere Stadttor noch offen. Die Leute der Kaiserin kamen von der anderen Seite. Vermutlich war es ihnen egal, wenn ein paar Dutzend Leute in die Nacht verschwanden. Sie hatten, was sie wollten.

Irgendwo in der Stadt schrie eine Frau gellend auf, und Tristan zuckte zusammen. Er riss den Blick vom fernen Torturm los, setzte die Kapuze des Mantels auf und trottete in Richtung Marktplatz. Zumindest nachsehen musste er.

Wider Erwarten erreichte er den Marktplatz weitgehend unbehelligt. Die Soldaten der Kaiserin trieben die verängstigten Einwohner der Stadt zwar zusammen, doch da er bereits in die richtige Richtung lief, beließen sie es in seinem Fall bei ein paar Stockschlägen und Tritten, bevor sie einem Schustergesellen hinterherstürmten, der versuchte, in eine der Seitengassen zu fliehen. Tristan hielt den Kopf gesenkt und schlurfte zwischen zwei alten Mütterchen vorwärts, bis die Häuser im Stadtzentrum von der Hauptstraße zurückwichen. Die Menge der zusammengetriebenen Bewohner war groß. Tristan schätzte sie auf sicherlich die Hälfte aller Bewohner Brechsteins, die hier an schwer bewaffneten Landsknechten der Kaiserlichen vorbei auf den Platz getrieben worden waren und jetzt dicht gedrängt um den Marktbrunnen standen, weil es nichts mehr gab, wohin sie hätten gehen können. Die Soldaten hatten den Platz abgeriegelt, und niemand schien sich um die Feuer zu kümmern, die im Viertel hinter dem Rathaus Funken in den Nachthimmel steigen ließen. Die Augen der meisten waren auf das Rathaus gerichtet, und ein Raunen und Flüstern wanderte zwischen den Gefangenen umher. Die Menschen warteten auf etwas. Vorsichtig reckte er den Hals. Dort vorn, im Widerschein der Feuer wie ein Scherenschnitt zu erkennen, standen Gestalten auf der steinernen Empore, die rund um den ersten Stock des Rathauses lief. Es sah ganz so aus, als wollten die Anführer der Kaiserlichen zu den Besiegten sprechen.

Er zog die Kapuze tiefer und humpelte am Rand der Menge entlang. Erschöpft und zerschlagen zu wirken, fiel ihm nicht schwer. Der Schmerz in seinem Arm hämmerte mit jedem Schritt auf ihn ein, und Hals und Augen brannten von Rauch und ohnmächtigem Zorn. Er hatte beinahe die Hälfte der Strecke bis zum Rathaus zurückgelegt, als er die Käfige entdeckte. Tristan starrte sie verwirrt an. Sie standen auf vier schweren Ochsenkarren, jeweils drei oder vier davon aufgestapelt und festgezurrt. Jeder der Käfige maß vielleicht drei auf fünf Schritte und war gerade hoch genug, damit ein normal großer Mensch darin sitzen konnte, und sie schienen aus massiven Eisenstangen zu bestehen. Bilder von Höllenhunden tauchten vor seinem geistigen Auge auf, und von geflügelten Monstern, die in diesem Augenblick auf den Dächern hocken konnten. Niemand wusste genau, über welche Truppen die Kaiserlichen verfügten, aber wie jeder hatte er die Gerüchte gehört. Darüber, dass die Kaiserin Monster befehligte, übernatürliche Schrecken, vor denen es kein Entrinnen gab. Was zum … was hatten die Kaiserlichen in die Stadt geschleppt? Und warum hatten sie die Dinger hier aufgestellt? Oder …

Er hielt inne. Was hatte die Gothelinde gesagt? Sie hatten Gefangene in die eisernen Käfige gesteckt? Weil … irgendwas mit Kräften? Er massierte sich die Schläfe und versuchte, besser in die Käfige hineinzusehen. Bewegte sich dort etwas? Sie wirkten leer, aber andererseits konnte er nicht einmal die Hälfte davon einsehen. Was, wenn die Metzgerin recht hatte? Hieß das nicht, dass zumindest einige die Schlacht überlebt haben mussten? Steckte sein Onkel in einem der eisernen Kästen?

Unauffällig sah er sich um, doch die Augen der meisten um ihn waren inzwischen auf das Rathaus gerichtet. Selbst die Kaiserlichen, die in der Nähe der Wagen standen, die Hände an Hellebarden oder auf den Griffen von Schwertern, schienen sich mehr für das Rathaus und die Menge an sich zu interessieren. Na gut, die Käfige würden wohl nirgendwohin gehen, und niemand wäre verrückt genug, hier und jetzt Ochsenkarren zu stehlen. Oder darunterzukriechen.

Erneut sah sich Tristan um, doch tatsächlich schien weder den Wagen noch ihm irgendjemand Beachtung zu schenken. Mit drei, vier schnellen Schritten war er bei den Wagen und duckte sich in die Dunkelheit darunter. Allein die Bewegung ließ erneut beißenden Schmerz durch seinen Arm lohen und Lichtfunken vor seinen Augen tanzen. Er unterdrückte einen Aufschrei und die aufsteigende Galle und blieb auf den Knien unter dem Wagen, bis der Schmerz verebbte. Dann kroch er vorsichtig unter dem Gefährt hindurch, bis er in der Lücke zwischen zwei der Wagen auftauchte. Tatsächlich war es hier dunkel genug, und so stand er vorsichtig auf. Der Abstand zwischen den Wagen war erstaunlich eng, und der Geruch nach rohem Eisen überdeckte beinahe den Rauch. Das, und … nasser Hund? Er drehte sich vorsichtig zum Käfig direkt hinter ihm. Auf dem Boden des eisernen Kastens lag eine Gestalt. Keine menschliche, sondern ein großer, struppiger Wolfshund, dessen magere Flanken sich in unregelmäßigen, zitternden Atemzügen hoben und senkten, jede Bewegung begleitet von einem leisen, rasselnden Pfeifen.

»Sie stirbt«, raunte eine Stimme direkt hinter ihm. Tristan fuhr zusammen und hielt nur mit Mühe einen Schrei zurück. »Das Eisen bringt sie um. Das, was sie von ihr übrig gelassen haben.«

»Was?« Er drehte sich erneut um. In diesem anderen Käfig hockte, eingehüllt in eine grobe Decke, eine zusammengesunkene Gestalt, die er genauso wenig einordnen konnte wie die dünne, zerbrechliche Stimme, die aus ihr gekommen sein musste. »Wer …«

Die Gestalt kicherte, ein hohles, gackerndes Geräusch, das er auch dann kaum wiedererkannte, als ihm bewusst wurde, dass er es bereits oft genug gehört hatte.

»Frau Kneiß?«

Die Frau kicherte erneut, bis das Geräusch in einem hässlich klingenden Hustenanfall erstickte. »Das, was von mir noch übrig ist«, krächzte sie schließlich, und im Widerschein der Fackeln auf dem Markt konnte er das Gesicht der alten Hexe sehen, eingefallen und mit so tief liegenden Augen, dass sie mehr einem Totenschädel als einer lebenden Frau glich. Tristan zuckte unwillkürlich zurück. »Und du bist?«

»Tristan.«

Die Alte starrte ihn an.

»Der Neffe von Fürst Streich«, fügte er hinzu.

»Ah. Der dunkle. Meine Augen mögen nicht mehr.«

Von der Furcht und Ehrfurcht einflößenden Aura der Hexe war kaum eine Spur übrig geblieben – und das war möglicherweise noch erschreckender. Es dauerte einen Moment, bevor er die Sprache wiederfand. »Was ist mit Euch passiert?«

Die Alte schnaubte. »Sehe ich so schlimm aus?« Das Schnauben endete in einem neuerlichen Husten. »Das, was mit ihr passiert ist.« Sie deutete auf den Hund im anderen Käfig. »Was mit uns allen passiert, wenn die uns in die Klauen kriegen. Sie zehren uns aus. Sie stehlen uns unsere Kraft. Und sperren uns in Eisen, aus dem wir uns nicht befreien können.« Sie hob eine Hand und tippte gegen einen der Eisenstäbe.

Tristan glaubte, es zischen zu hören. Er sah die Alte verständnislos an. »Kräfte? Ich dachte, Eisen wirkt nur auf Feenvolk und Monster. Aber Ihr …«

Die alte Kneiß kicherte, jedoch dieses Mal nur kurz. »Schon seltsam, nicht? Ich kann Feen nicht mal ausstehen, aber wir teilen dasselbe Schicksal.«

Tristan schluckte. »Tut mir leid!«

Die Kneiß schnaubte. »Das sollte es.« Noch bevor er etwas antworten konnte, winkte sie ab. »Keine Zeit mehr dafür. Ich denke, du bist nicht meinetwegen hier.«

»Na ja …« Er stockte, bevor er den Kopf schüttelte. »Ich suche eigentlich den Fürsten.«

»Und da suchst du hier?«

»Es hieß, die magischen Wesen würden …«

»Seit wann hat der Fürst irgendwelche Kräfte?«, fiel ihm die Alte ins Wort. »Und eine Fee ist er auch nicht gerade.«

Tristan runzelte die Stirn, doch die Alte schien seinen Einwand vorauszuahnen.

»Der Schneider verfügt genauso wenig über Kräfte wie du. Er denkt schnell, beobachtet scharf und ist nicht auf den Mund gefallen. Aber das war’s auch schon.«

»Hey, er hat die Kraft eines Riesen!«

»Er hat einen Gürtel, Bürschchen. Magischer Firlefanz. Aber auch der wird ihn nicht retten.« Etwas flackerte in ihren Augen und erlosch wieder. »Nichts kann irgendwen von uns retten. Wen sie einmal hat, den gibt sie nicht wieder her.« Die Stimme der Kneiß wurde zusehends schwächer, kaum mehr als ein Wispern.

Tristan lehnte sich vor. »Von wem redest du? Wo ist er?«

»Sie hat ihn. Die Rote. Und es gibt nichts, was du tun kannst.« Sie hustete erneut und sackte in sich zusammen.

Tristan biss die Zähne aufeinander. »Ach komm schon, Hexe! Warum muss das in Rätseln sein? Wer …«

Die Alte schnellte so überraschend gegen das Gitter, dass Tristan zurücktaumelte und um ein Haar gestürzt wäre. Ihre Klauenhand setzte dazu an, nach ihm zu greifen, hielt jedoch um Haaresbreite vor dem eisernen Gitter an. Ihre Finger bebten, doch sie berührte das Eisen nicht. »Verschwinde von hier! Sie darf nicht damit durchkommen!«, zischte sie stattdessen. Ihre eingefallenen Lippen zogen sich zurück und legten viel zu lange, viel zu dunkle Zähne frei. »Finde den Weg! Zerschneide die Fäden!«

Tristan riss den Blick endlich von der Klauenhand los, die noch immer vor seinem Gesicht hing. »Was? Was für Fäden?«

»Sie hält sie in der Hand«, zischte die alte Kneiß und bewegte ihre langen Finger, als hielte sie das hölzerne Kreuz einer Marionette. »Die Fäden sind der Schlüssel. Gib nur Acht, an welchem du ziehst.«

Tristan holte verwirrt Luft, stieß sie jedoch gleich darauf wieder aus und beäugte den Käfig. »Wir haben jetzt wirklich keine Zeit dafür. Kann ich dich irgendwie hier rausholen?«

Die alte Kneiß starrte ihn an, und für einen Augenblick meinte er, ihre Augen im Dunkel glimmen zu sehen. »Hast du einen Schlüssel?«

»Schlüssel?«

»Für gewöhnlich öffnet man so was damit.« Sie deutete nach rechts, wo Tristan erst jetzt ein großes schwarzes Vorhängeschloss entdeckte. »Nein? Zu schade.« Die Hexe bleckte verächtlich die Zähne. »Und zu spät«, fügte sie hinzu, und ihr Kopf ruckte in Richtung Rathaus. In diesem Moment durchlief ein Murmeln die Menge auf dem Marktplatz, so als striche ein Windstoß durch ein Getreidefeld, bevor sich eine seltsame Stille über die Menschen legte, gleichermaßen lauernd und verängstigt. Verblüfft folgte Tristan ihrem Blick.

Auf der Rathausempore über dem großen Tor tauchten jetzt weitere Gestalten mit Fackeln auf, und in ihrer Mitte schritt eine zierliche Frau, aufrecht und mit hoch erhobenem Kopf.

Sie trug eine Uniform und etwas, das wie ein leichter Kürass aussah, der das Fackellicht reflektierte. Über ihre Schultern war ein Reitumhang gelegt, dessen Kapuze sie so aufgesetzt hatte, dass ihr Gesicht nicht zu sehen war. Tristan konnte im Schein der Fackeln nicht erkennen, welche Farbe dieses Kleidungsstück hatte, doch das musste er auch nicht. Er wusste, wer diese Frau war, selbst wenn er sie noch nie gesehen hatte. Das war sie, die legendäre rote Baronin, Heerführerin der Kaiserin und der Schrecken jedes Fürstentums, jedes Königreichs, auf das sie ihre Augen richtete. Die kaiserliche Armee trug ihr zu Ehren rote Kappen, die im Blut ihrer Feinde gefärbt wurden. Man sagte …

Die Frau auf der Empore hob ihre Hand, und ihre Worte brachen in Tristans sich überschlagende Gedanken. »Bürger von Brechstein!«

Ihre Stimme war unerwartet voll und ganz und gar nicht so jung, wie er es erwartet hatte. Außerdem war sie laut genug, um auf dem gesamten Platz und vermutlich darüber hinaus gehört zu werden. Verwendete sie etwa Magie?

»Euer Widerstand ehrt euch, so wie er alle ehren würde, die ihre Heimat verteidigen. Doch er endet hier und jetzt. Wer immer noch gewillt ist aufzubegehren, soll wissen, dass er oder sie damit sich und die gesamte Familie dem Tode weiht. So wie diese hier!«

Diese Worte schienen ein Signal zu sein, denn im selben Augenblick flammten gleißende Lichter über dem Balkon auf, heller, als Tristan sie je gesehen hatte. Ein erschrockenes Aufatmen lief durch die Menge. Dort oben, links und rechts der Baronin, flankiert von Soldaten, deren rote Kappen jetzt im fauchenden Lichtschein deutlich zu erkennen waren, stand ein gutes Dutzend Männer und Frauen. Jedes der Gesichter war den Brechsteinern wohlbekannt, selbst jene, die bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen waren. Gemurmel setzte ein.

Auch Tristan hatte Mühe, einen Aufschrei zu unterdrücken. Unwillkürlich beugte er sich vor. Doch, es gab keinen Zweifel: Die zerschlagene Gestalt, die rechts neben der Baronin reglos zwischen zweien ihrer Männer hing, war sein Onkel. Fürst Streich, der Schneider. Sie hat ihn. Die Rote. Und es gibt nichts, was du tun kannst …

Er musste die Worte gemurmelt haben, denn aus der zusammengesunkenen Gestalt der Hexe am Boden des Wagens kroch ein heiseres Kichern. »Hab ich doch gesagt!«

»Aber es muss doch irgendwas geben, das ich …«

»Verrecken kannst du, wenn du das willst«, zischte die alte Kneiß. »Oder zusehen, leben und dich erinnern. Du hast die Wahl.« Sie kicherte erneut, rasselnd. »Man hat immer die Wahl.«

Tristan ballte die Fäuste. Oder die Faust, denn der Schmerz erinnerte ihn daran, dass es nicht viel brauchte, um ihn hilflos zu machen. Vermutlich hatte Streich das gewusst. Wahrscheinlich war das der Grund gewesen, warum er nicht mit aufs Schlachtfeld gedurft hatte, sondern bei den Verteidigern der Stadt zurückbleiben musste. Das war ja äußerst nützlich gewesen …

Die Baronin ließ der Menge einen Augenblick lang Zeit, bevor sie erneut die Hand hob. »Diese Männer und Frauen hier, genauso wie diese erbärmlichen, verabscheuungswürdigen Kreaturen dort.« Sie deutete mit ausgestrecktem Arm auf die Käfige, und Tristan fuhr zusammen, als ihr Finger direkt auf ihn zu zeigen schien. »Sie haben es gewagt, sich der Kaiserin zu widersetzen, und damit auch gegen eure Interessen gehandelt. Denn sie wussten«, sie betonte das letzte Wort, »was es für euch und eure Stadt bedeuten würde. Sie wurden gewarnt! Sie erhielten ein Schreiben, das ihnen klar mitteilte, dass diese Stadt vom Erdboden verschwinden würde, wenn ihr euch nicht dem Reich der wundervollen Kaiserin anschließt. Doch sie haben sich geweigert. Sie haben nicht in eurem Interesse gehandelt. Ist es nicht so?« Bei diesen Worten packte sie den Fürsten am blutigen Haarschopf und zog ihn in die Höhe, sodass er in die Menge starren musste. Eines seiner Augen war komplett zugeschwollen, und aus zahlreichen Wunden war Blut über sein Gesicht gelaufen. »Dieser Mann hier und seine Spießgesellen haben ihr eigenes Wohl, ihren Stolz, ihren eigenen Gewinn über euer Wohlergehen gesetzt. Sie haben damit vollkommen unnötig eure Leben aufs Spiel gesetzt. Aber die Kaiserin verspricht, dass sie dafür bezahlen werden. Und ich bin hier, um dieses Versprechen einzulösen.« Während ihrer Worte waren auch noch die letzten, wispernden Gespräche auf dem Platz verstummt, alle Augen hatten sich auf die Baronin und den Fürsten gerichtet.

»Also, Fürst, was habt Ihr dem Volk dieser Stadt zur Verteidigung zu sagen?«

Fürst Streich starrte auf das versammelte Volk hinab – oder zumindest hatte Tristan den Eindruck, denn auf diese Entfernung war im flackernden Licht der Fackeln nicht wirklich viel zu erkennen. Dann verzog Streich das Gesicht. Worte krochen krächzend aus seinem Hals, und welche Magie auch immer die Baronin über sich selbst gelegt hatte, schien auch seine Worte über den Platz zu verstärken. »Flieht«, rief er heiser. »Lasst sie nicht über euch herrschen. Gebt die Hoffnung nicht auf. Sie darf nicht gewinnen! Die Kaiserin darf nicht …«

Die Baronin riss ihn an den Haaren hoch, so heftig, dass dem Fürsten nichts anderes übrig blieb, als auf die Füße zu kommen, und zum ersten Mal fragte sich Tristan, über wie viel Kraft die zierliche Frau verfügte. Im nächsten Moment jedoch wurde ihm klar, dass er den breiten Gürtel kannte, der um ihre Hüften geschlungen war und im gleißenden Licht blinkte. Die Baronin trug den Gürtel des Fürsten, jenen, der ihm seine Kraft verliehen hatte. »Heroische Worte, aber leider unnütz. Sie hat bereits gewonnen. Ihr dürft also die Hoffnung aufgeben – falls das eure Hoffnung war. Falls sie allerdings war, dass ihr eure Leben behalten dürft, dann könnt ihr auch diese Hoffnung behalten. Ich freue mich, euch mitteilen zu dürfen, dass ihr ab jetzt alle Untertanen und Bürger des kaiserlichen Reiches seid, mit allen dazugehörigen Rechten und Pflichten. Das bedeutet auch, dass die Kaiserin euch vor allen Gefahren, inneren wie äußeren, schützen wird. Zugegeben, ihr seid vorerst mittellose Bürger, aber wenn ihr eure Muskelkraft und euren Willen in den Dienst des Reiches stellt, werdet ihr sicherlich eure Mägen füllen können. Das Reich weiß treue Untertanen durchaus zu schätzen und zu belohnen. Und diese einträgliche Treue schließt übrigens Informationen über Leute ein, die dem Reich nicht treu ergeben sind, die für den Feind arbeiten und damit Schuld tragen am drohenden Untergang und den kommenden dunklen Zeiten für alle.« Sie zog den Fürsten am Schopf so weit in die Höhe, dass er auf den Zehenspitzen stehen musste. »Um es kurz zu machen: Widerstand wird bestraft, Treue zur Kaiserin wird belohnt. Bringt mir die Familien und Freunde dieser Verräter hier, und die Kaiserin wird sich erkenntlich zeigen. Bringt mir alles, was Magie enthält, und ihr werdet einen Platz im Reich finden.« Der Fürst schien etwas zu ihr zu sagen, das dieses Mal jedoch nicht von der seltsamen Verstärkung erfasst wurde. Dann spuckte er aus, und etwas landete auf dem Kürass der Baronin. »Das war nicht nett«, sagte sie. »Benehmt euch dagegen wie die hier, und euch erwartet«, sie hielt kurz inne. »Das«, setzte sie gleich darauf hinzu und stieß den Fürsten vorwärts in Richtung Menge. Erst jetzt bemerkte Tristan die Seilschlaufe, die um den Hals seines Onkels lag. »Verdammte …« Instinktiv stolperte er einen Schritt vorwärts und wollte schon einen zweiten machen, als eine Hand ihn an der Schulter packte. Er fuhr so heftig zusammen, dass er gegen den Wagen taumelte und neuerlicher Schmerz seinen Arm durchfuhr.

»Bleib stehen«, raunte eine Stimme hinter ihm. »Wenn sie dich sehen, hängst du neben ihm.«

Tristan fuhr zusammen und versuchte, seine Schulter loszureißen, doch die Hand hielt ihn umklammert. Ein Blick über die Schulter ließ ihn innehalten. »Linde? Ich dachte, du wärst schon längst verschwunden.«

Die Metzgerin sah ihn düster an. »War ich auch«, flüsterte sie heiser. »Aber ich wusste, du machst Mist. Und ich hasse es, wenn ich Arbeit umsonst mache.« Sie sah bedeutsam auf seinen Arm hinunter. »Machen wir, dass wir wegkommen, solange alle abgelenkt sind.«

»Aber …« Tristan schluckte und deutete dann zum Balkon hinauf. »Sie bringen ihn um!«

»Unzweifelhaft.« Die Metzgerin nickte, löste jedoch nicht ihren Griff. »Und deshalb müssen wir jetzt gehen.«

»Du kannst nichts dagegen tun!«, zischte die alte Kneiß dicht neben ihm, und er zuckte erneut zusammen. Er hatte sie bereits völlig vergessen. »Du kannst ihn nicht retten.«

»Halt die Klappe, Vettel«, knurrte die Metzgerin. Dann jedoch nickte sie. »Aber sie hat recht.«

»Du brauchst den Wolf!«

»Was?« Tristan starrte die Hexe an.

Sie hielt seinen Blick fest, und zum ersten Mal bemerkte er, dass ihre Augen unterschiedlich große Pupillen hatten. »Aber der Wolf ist fort.« Ein Schauer durchlief sie. »Also rette den Hund.«

Tristan blinzelte und schüttelte den Kopf. »Scheiß drauf. Wir müssen den Fürsten …« Er erstarrte. »Nein …«

Während er kurz abgelenkt gewesen war, hatte die Generalin wohl weitergesprochen. Was immer sie gesagt hatte – jetzt riss sie den Fürsten vorwärts, sodass er halb über die Brüstung hing. »Neue Bürger des Reiches, verlasst diese Stadt. Bei Sonnenaufgang wird dieser Ort von den Karten getilgt, und so wird es jedem Ort, jeder Stadt und jedem Weiler ergehen, der sich dem Willen der Kaiserin widersetzt. So will es das Gesetz.« Sie zog den Fürsten, der jeden Widerstand aufgegeben zu haben schien, am ausgestreckten Arm in die Luft. »Im Namen der Kaiserin verurteile ich die Anführer dieses Widerstandes zum Tod durch den Strang. Das Urteil wird hiermit sofort vollstreckt.« Mit diesen Worten ließ sie den Fürsten über die Brüstung des Balkons fallen.

»Nein!«

Der magere Körper des Fürsten fiel, erreichte das Ende des Seiles, und mit einem Ruck, den Tristan bis zu sich zu hören glaubte, überschlug er sich, erschlaffte und schwang unter der Baronin wie eine Marionette, die man an ihren Fäden herumgeschleudert hatte. Das schien das Zeichen zu sein, denn noch während ein Aufschrei durch die Menge ging, stießen die Kaiserlichen die übrigen ihrer Gefangenen einen nach dem anderen vom Balkon in den Tod.

Tristans eigenes Brüllen ging im Entsetzen der Menge unter. »Ich schwöre, ich …!«

»Red keinen Scheiß, Kleiner!« Linde riss ihn herum und presste ihn mit aller Gewalt gegen den Käfig der Hexe. »Wenn du jetzt da rausgehst, hängen sie dich daneben!«

»Und wenn schon!«

»Dann ist er völlig umsonst gestorben. Alle sind dann umsonst gestorben. Dann gewinnen die!«

»Und sie darf nicht gewinnen«, zischte die Hexe dicht hinter ihm. »Hat sie erst die Macht, wird sie alles vernichten!«

»Niemand hat dich gefragt!«, blaffte Linde. »Aber sie hat recht. Wir müssen jetzt wirklich verschwinden, Kleiner. Hast du nicht gehört? Sie will die Familien und Freunde der Rädelsführer! Das schließt dich mit ein! Und glaub mir – irgendein Arsch wird dich verraten, wenn er dich sieht! Ich kenne diese Leute!«

»Es sind unsere Leute!«, widersprach Tristan. Er stemmte sich vergebens gegen die Metzgerin. Genauso gut hätte er versuchen können, den Wagen hinter sich wegzuschieben.

»Nicht mehr. Vertrau mir.«

»Warum sollte ich?«

»Vertrau ihr!«, echote die alte Kneiß hinter ihm.

»Halt dich raus.« Linde atmete tief durch. »Weil ich dich rausbringen kann und weil ich dem Schneider noch was schulde. Und ich begleiche meine Schulden.«

»Und wenn ich das nicht will?«

»Nimm einfach an, dass es mir egal ist.« Sie packte Tristan am Arm und setzte dazu an, ihn vom Käfigwagen wegzuziehen, als die dürre Hand der Hexe aus dem Käfig geschossen kam und ihrerseits das Handgelenk der Metzgerin packte. »Was? Ich kann dich nicht mitnehmen. Tut mir leid.«

»Nicht mich«, zischte die Hexe eindringlich. »Den Hund.«

Linde zögerte. »Warum sollte ich einen Köter …«

»Tu es einfach! Ihr braucht ihn!«

»Wofür?«

»Ihn und das hier.« Die Hexe ging nicht auf ihre Frage ein. Stattdessen ließ sie die alte Decke fallen und streckte ihre zweite Klauenhand in Tristans Gesicht. Von ihrem knorrigen Zeigefinger baumelte ein Leinenbeutel, verschlossen mit einem Lederband.