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Jahrelang war Anja mit ihrem Vater Richard verkracht. Als er die Familie verließ, war sie gerade mal drei Jahre alt. Verziehen hat sie ihm nie. Eine mysteriöse Nachricht lässt sie jedoch aufhorchen: „Wenn du deinen Vater ein letztes Mal lebend sehen möchtest, solltest du schnell zu ihm an die Ostsee fahren.“ So groß die Wut auf Richard auch ist, die Angst, dass er wirklich todkrank sein könnte, zieht sie schließlich doch in das kleine Küstenstädtchen an der Ostsee, in dem er bereits seit Jahren lebt. Doch dort angekommen, stellt sich heraus, dass Richard kerngesund ist. Oder täuscht der Eindruck? Und was hat Richards geheimnisvoller Untermieter Norman mit alldem zu tun? Steckt er hinter dem rätselhaften Brief? Und warum schlägt Anjas Herz in Normans Gegenwart plötzlich so verboten schnell? Eine Liebesgeschichte über Familiengeheimnisse, unerwartete Gefühle und den Kampf zwischen Herz und Verstand.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
Über das Buch
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Epilog
Auszug „Seesterne lügen nicht“
Seesterne – Kapitel 1
Seesterne – Kapitel 2
Seesterne – Kapitel 3
Danksagung und Nachwort
Impressum
Nancy Salchow
Dein Herz, mein Anker
Liebesroman
Jahrelang war Anja mit ihrem Vater Richard verkracht. Als er die Familie verließ, war sie gerade mal drei Jahre alt. Verziehen hat sie ihm nie.
Eine mysteriöse Nachricht lässt sie jedoch aufhorchen: „Wenn du deinen Vater ein letztes Mal lebend sehen möchtest, solltest du schnell zu ihm an die Ostsee fahren.“
So groß die Wut auf Richard auch ist, die Angst, dass er wirklich todkrank sein könnte, zieht sie schließlich doch in das kleine Küstenstädtchen an der Ostsee, in dem er bereits seit Jahren lebt.
Doch dort angekommen, stellt sich heraus, dass Richard kerngesund ist. Oder täuscht der Eindruck? Und was hat Richards geheimnisvoller Untermieter Norman mit alldem zu tun? Steckt er hinter dem rätselhaften Brief? Und warum schlägt Anjas Herz in Normans Gegenwart plötzlich so verboten schnell?
Eine Liebesgeschichte über Familiengeheimnisse, unerwartete Gefühle und den Kampf zwischen Herz und Verstand.
Anmerkung:Fleesenow ist eine von der Autorin erfundene Kleinstadt an der Ostsee, die immer mal wieder in ihren Büchern vorkommt. Angesiedelt wäre Fleesenow, gäbe es den Ort wirklich, vermutlich irgendwo in der Nähe der Insel Poel oder Wismar, der Heimat der Autorin.
Für eine Weile hält die Welt den Atem an. Zumindest fühlt es sich genau so an. Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet? Wie lange davon geträumt?
Kein Windhauch kräuselt mehr die Wasseroberfläche, keine Möwe durchschneidet mehr den Himmel, nicht einmal die Wellen, die eben noch in sanften Bögen den feuchten Strand streichelten, scheinen sich noch zu bewegen. Alles steht still – wie eingefroren in einem einzigen, überwältigenden Augenblick.
Oder bilde ich es mir nur ein, weil ich nur noch Augen für SIE habe? Weil ich viel zu lange davon geträumt habe, genau hier zu sein? Hier mit ihr?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich wach bin oder träume. Alles ist wie ein einziger endloser Moment, in dem die Regeln von Zeit und Raum offenbar außer Kraft gesetzt sind.
Ihre Lippen liegen weich und warm auf meinen. Und alles in mir wird ruhig. Sogar mein ruheloses Herz, das noch Sekunden zuvor wild gegen meine Brustwand trommelte, schlägt nun im Takt mit diesem Kuss – als hätte es sich endlich geholt, was es all die Jahre so schmerzlich vermisst hat. Eine Berührung. Eine Antwort. Eine Wahrheit.
Sie drückt sich nicht weg, sie zieht sich nicht zurück. Ganz im Gegenteil. Ihre Hand sucht nach meiner, erst zögerlich, dann fester und voller Entschlossenheit. Und in der Art, wie sie den Kuss erwidert, liegt etwas, das mich fast erschreckt: dieselbe Sehnsucht, dieselbe Gewissheit, dass all das unausweichlich war. Dass es immer hierauf hinauslaufen musste.
Sie schmeckt nach Erdbeeren. Und nach etwas, das ich nur als Freiheit bezeichnen kann. Nicht die Sorte von Freiheit, die laut ist, wild und rebellisch – sondern eine stille, zärtliche. Eine, die sich nicht aufdrängt, sondern sich in einem sammelt wie die warme Luft kurz vor Sonnenuntergang. Wie Salz auf der Haut. Wie Wind, der erst mit geschlossenen Augen richtig spürbar wird.
Um uns herum breitet sich die Ostsee schweigend und endlos aus. Der Horizont verschwimmt mit dem Himmel, dort, wo sich das Licht der untergehenden Sonne golden auf dem Wasser bricht. Die Wellen rollen kaum noch. Sie flüstern nur noch, streifen zärtlich den Sand, als wollten sie unser Spiegelbild sein: Nähe, Rückzug, wieder Nähe.
Ihre Stirn berührt fast meine, ihr Atem trifft meine Haut – warm wie der Abend, vertraut wie das Meer. Und ich bin mit einem Mal nicht mehr ganz sicher, ob wir wirklich noch hier sind. Alles scheint so surreal.
Hinter uns schlägt eine Möwe mit den Flügeln und holt mich für einen Moment in die Realität zurück. Als hätte ich für ein paar Sekunden vergessen, wo wir sind.
Ihre Finger graben sich in meine, während ich mich frage, wie ich so lange ohne sie sein konnte.
Ich weiß nicht, wie lange wir so da stehen. Vielleicht sind es Minuten. Vielleicht eine Stunde.
„Ich kann nicht glauben, dass du da bist“, flüstere ich.
„Das war ich immer“, antwortet sie beinahe lautlos. „Irgendwie bist und bleibst du der Anker für mein Herz.“
„Ich glaube, so etwas Kitschiges habe ich nie zuvor gehört …“ Ich lache leise, während ich die Konturen ihres Kinns nachziehe. „… und auch nie zuvor etwas Schöneres.“
Anja
Ein alter Song der Carpenters dudelt im Autoradio, während ich die schmale Landstraße entlangfahre und die Ostseebrise inhaliere, die sich durchs offene Fenster schleicht. Die Fahrt hat ein bisschen was von Neuanfang, von Freiheit, von Abenteuer, aber tief in meinem Inneren weiß ich, dass das nur ein Trugschluss ist.
Der Wind bringt meine bernsteinfarbenen Locken zum Tanzen und weht wie ein Aphrodisiakum durch den Innenraum des Wagens, intensiv und salzig – und voller Erinnerungen, die schön und schmerzlich zugleich sind.
Was für ein Widerspruch. Ich habe die Gegend hier immer geliebt und mir eine Zeit lang sogar gewünscht, hier zu leben. Aber das Schicksal hatte seine eigenen Pläne.
Links von mir breiten sich die Felder aus wie auf einem lebendig gewordenen Aquarell: sanft geschwungene Hügel, durchzogen von Zäunen, die wie mit einem Lineal gezogen wirken. Auf einer Weide trotten ein paar Pferde am Horizont entlang, ihre Mähnen tanzen in der Brise, während sich die Ostsee dahinter wie eine silberblaue Ahnung glitzernd in der Sonne zeigt.
Die Felder fließen in leuchtendem Grün und Weizengelb ineinander, so weit das Auge reicht. Kornblumen und Mohn blitzen wie verstreute Farbtupfer zwischen den Ähren hervor. Am Wegesrand wippen Margeriten im Takt des Windes, ihre weißen Blütenköpfe drehen sich sanft wie kleine Sonnenräder. Über allem liegt ein Schimmer, als würde die Luft selbst vibrieren – durchtränkt vom Duft nach Heu, Salz und dieser leisen, melancholischen Hoffnung, wie sie nur Sommertage an der Küste in sich tragen.
Ich schalte einen Gang runter, als die Straße etwas holpriger wird. Kleine Schlaglöcher zwingen mich, langsamer zu fahren, doch ich bin sowieso nicht in Eile. Fast kommt es mir so vor, als würde ich absichtlich das Tempo drosseln, nur um mir darüber klarzuwerden, ob es wirklich die richtige Entscheidung war herzukommen.
Ich sehe es schon von weitem: Das Schild, das mich an alles erinnert, was hätte sein können – und doch niemals wahr wurde.
Fleesenow.
Der Name auf dem Ortseingangsschild wirkt fremd und vertraut zugleich. Schwarze Buchstaben auf gelben Grund, der wie ein Wendepunkt zwischen Vergangenheit und Gegenwart scheint.
Die Straße führt jetzt zwischen niedrigen Hecken hindurch, hinter denen sich Gärten mit verwilderten Apfelbäumen verstecken. Die Luft verändert sich – wird schwerer, satter, als würde die Welt um mich herum für einen Moment den Atem anhalten. Im Hintergrund hört man das ferne Dröhnen eines Traktors. Die Sonne steht schräg über den Dächern und malt langgezogene Schatten auf den Asphalt. Ein paar Schwalben schneiden wie flüchtige Gedanken durch den Himmel.
So wie meine eigenen Gedanken, die noch nicht so recht wissen, wie sie sich einig werden sollen. Dafür sind die Gefühle, die in meiner Brust toben, viel zu widersprüchlich.
Die Hauptstraße zieht sich durch das Herz des Ortes, von Bäumen gesäumt, deren Blätter leise zu flüstern scheinen. Unter den rot-weißen Markisen der kleinen Geschäfte blitzen bunte Stühle hervor. Ein Junge schleckt an einem Eis, während ihm die Kugel über die Finger läuft.
Neben der Eisdiele steht mit Kreide auf einem Schild geschrieben: „Heute: Erdbeerbecher – 5,50 Euro". Eine ältere Frau gießt Blumen vor dem Friseursalon, ihr Blick wandert kurz zu mir, bleibt aber nicht an mir hängen.
Mein Wagen rollt langsam weiter. Fast so, als wäre ich nur ein stummer Passagier, der das Steuer nicht selbst in der Hand hat.
Ein Hund liegt im Schatten eines Hauseingangs und hebt neugierig den Kopf. Nur sein Blick folgt mir, als wüsste er ganz genau, dass ich eigentlich nicht hierhergehöre.
Ich lasse das Fenster ganz herunter und atme tief ein, wieder und wieder, als wäre jeder Zug von dieser intensiven Meeresbrise eine weitere Antwort auf all die Fragen in meinem Kopf. Möwen rufen irgendwo über mir, ihr Klang klingt wie eine ferne Erinnerung an vergangene Tage.
Hinter der alten Schule biege ich links in den Dünenweg ein. Ein Weg, den ich trotz allem noch immer kenne. Zu beiden Seiten wiegen sich hohe Dünengräser im Wind, ihre Halme rauschen leise und stoßen manchmal gegen die Seitenspiegel, als wollten sie mich davon abhalten weiterzufahren.
Kleine Kiefern ducken sich dem Wind entgegen, ihre knorrigen Äste recken sich wie Zeigefinger in Richtung Himmel.
Zwischen den Gräsern blitzen Muschelschalen und alte, sonnengeblichene Treibholzstücke hervor – Spuren des nahen Meeres, die der Wind hergetragen hat wie Nachrichten aus einer anderen Welt. Der Sand wird feiner, heller, fast weiß – hier und da durchzogen von den zarten Spuren kleiner Tiere, die in der Dämmerung unterwegs gewesen sein müssen. Der Himmel weitet sich über mir, wolkenlos und so blau, dass es fast schmerzt.
Ja, Schmerz brennt noch immer in meiner Brust, wenn ich an damals denke. Aber da ist auch Hoffnung. Hoffnung auf einen neuen Abschnitt in meinem Leben.
Ich höre das Meer nun ganz nah – das beruhigende Rauschen der Wellen. Und für einen surrealen Moment scheint es, als würde die Welt für eine Weile stillstehen. Kein anderer Wagen, kein Mensch weit und breit.
Am Ende des Weges sehe ich es schließlich: Das alte Reetdachhaus mit den schwarzen Fensterläden und der blassblauen Haustür.
Wann habe ich es das letzte Mal gesehen? Wann das letzte Mal einen Fuß hineingesetzt? Ich hatte mir doch geschworen, nie wieder herzukommen.
Da ist sie wieder, die altvertraute Wut, die sich in mein Herz bohrt und einen Schmerz in mir weckt, den ich zu Hause in Plau am See so gut zu verdrängen gelernt habe.
Ich bringe mein Auto am Straßenrand zum Stehen, einige Meter von der Einfahrt entfernt, als könnte ich auf diese Weise eine gewisse Distanz wahren. Mit schwerem Atem schalte ich schließlich den Motor aus und halte für einen Moment inne.
Mein Blick wandert zu meinem Handy, das unberührt neben mir auf dem Beifahrersitz liegt. Erst jetzt sehe ich, dass ich zwei verpasste Anrufe habe.
Mama.
Ich atme schwer ein und wieder aus, während ich ihre Nummer anwähle. Sie nimmt ab, kaum dass es geklingelt hat.
„Liebes“, begrüßt sie mich. „Endlich meldest du dich. Ich habe es schon ein paar Mal versucht.“
„Ich bin gefahren, Mama. Und das Handy war auf lautlos. Tut mir leid.“
„Das heißt, du … du bist wirklich nach Fleesenow gefahren?“
Ich zögere kurz, als würde das irgendetwas ändern.
„Ja, bin ich. Ich bin gerade angekommen.“
„Und? Hast du ihn schon getroffen?“
„Nein, ich sitze noch im Wagen … und am liebsten würde ich auch wieder umdrehen. Das fühlt sich alles so … so falsch an.“
„Ach, Schatz, du musst niemandem etwas beweisen. Wenn es dir zu viel wird, dann komm nach Hause. Du weißt, ich bin für dich da.“
„Ja, aber du bist eben nicht hier, Mama. Hier, wo ich dich am meisten brauchen würde.“
Sie hält einen Moment inne. Es ist nicht das erste Mal, dass ich diesen Vorwurf ausspreche. Und ich komme mir dabei selbst ein bisschen unfair vor, aber die Angst vor dem, was auf mich zukommt, schiebt mein Taktgefühl irgendwie in den Hintergrund.
„Tut mir leid, Anja, aber es war deine Entscheidung, zu deinem Vater zu fahren. Und ich finde es gut und mutig von dir, das zu tun. Aber du weißt, dass mich keine zehn Pferde in seine Nähe bringen würden – und nichts und niemand kann etwas daran ändern.“ Sie seufzt. „Aber unser Krieg ist nicht deiner. Du sollst und musst deine eigenen Entscheidungen treffen. Ich will dir da nicht im Weg stehen.“
„Und trotzdem rufst du mich an, um zu erfahren, ob es etwas Neues gibt …“
„Aber nur, weil ich mir Sorgen gemacht habe, ob du gut angekommen bist. Dieser alte Stinkstiefel ist mir doch völlig egal.“
Mein Blick wandert durch die Windschutzscheibe und bleibt an der Häuserfront hängen. Rechts neben dem Haus sehe ich seinen alten Kombi stehen, aber ansonsten deutet nichts auf irgendein Lebenszeichen hin.
„Weißt du denn inzwischen, wer dir den Brief geschickt hat?“, fragt Mama.
„Nein. Wie gesagt, ich bin ja gerade erst gekommen. Ich weiß nichts außer dem, was ich dir schon erzählt habe: Wenn du deinen Vater ein letztes Mal lebend sehen möchtest, solltest du schnell zu ihm an die Ostsee fahren.“
„Und er ist unter seiner alten Handynummer nicht mehr zu erreichen?“
„Nein, ich habe es ja mehrmals probiert. Weißt du doch.“
Sie schweigt eine Weile, ebenso wie ich, während ich mit dem Gedanken spiele, einfach wieder umzukehren. Was auch immer mich in diesem Haus erwartet, ich weiß wirklich nicht, ob ich bereit dafür bin.
„Was auch immer in Fleesenow geschehen wird“, sagt Mama schließlich nach einer Weile. „Du darfst es dir nicht so sehr zu Herzen nehmen, okay? Lass nicht zu, dass dir dein Vater wieder wehtut oder enttäuscht. Du bist eine erwachsene Frau und brauchst ihn nicht zum Glücklichsein.“
„Das weiß ich, Mama.“ Ich versuche, meine Stimme so ruhig wie möglich klingen zu lassen, auch wenn es in meinem Inneren brodelt. „Aber egal, was ich von ihm halte, er ist nun mal mein Vater. Und sollte er wirklich im Sterben liegen, kann ich das nicht einfach ignorieren. Ich … ich würde mir ewig Vorwürfe machen.“
„Ich weiß, Liebes. Deshalb bewundere ich auch deinen Mut. Und wenn du irgendwas brauchst, dann …“
„… du meinst, solange ich dich nicht bitte, ebenfalls herzukommen?“ Ich lache leise.
„Bitte … red mir nicht schon wieder ein schlechtes Gewissen ein, ja? Wenn ich der Meinung wäre, du kriegst das allein nicht hin, wäre ich über meinen Schatten gesprungen und mitgekommen. Aber wenn ich ehrlich bin …“ Sie verstummt.
„Was?“
„Na ja … es würde mich nicht wundern, wenn es nur ein Trick deines Vaters war, um dich an die Ostsee zu locken. Seien wir doch ehrlich: Er hat es mit der Wahrheit nie so genau genommen.“
„Der Gedanke ist mir natürlich auch schon gekommen.“ Ich lege die Hand an die Stirn und atme langsam ein und wieder aus. „Aber selbst er würde nicht so weit gehen, oder?“
„Das hoffe ich. Hauptsache, du passt auf dich auf.“
„Mama.“ Ich rolle mit den Augen, auch wenn sie es nicht sehen kann. „Was soll denn schon passieren, bis auf die Tatsache, dass er mich wieder mal enttäuscht? Und wenn es so ist, setze ich mich eben wieder ins Auto und fahre heim.“
Doch während ich diese Dinge sage, wird mir klar, dass ich eine Coolness vortäusche, die ich eigentlich nicht empfinde. Vielleicht, weil ich die Wahrheit, dass er wirklich sterben könnte, auf diese Weise verdrängen möchte? Weil es gleichzeitig auch bedeuten würde, nie die Chance auf einen richtigen Vater zu haben?
Aber wem mache ich etwas vor? Auch, wenn er nicht todkrank ist, wird er niemals ein richtiger Vater sein. Diese Illusion habe ich eigentlich schon vor langer Zeit aufgegeben.
„Ich hab dich lieb“, höre ich sie am anderen Ende der Leitung sagen.
„Ich dich auch, Mama. Ich gehe jetzt rein, okay?“
„Alles klar. Ich denke an dich.“
Ich sitze noch eine Weile regungslos im Wagen, als müsste ich erst darüber nachdenken, wo ich bin. Aber irgendwann öffne ich schließlich die Fahrertür und steige aus.
Mit den Händen in den Taschen meiner Strickjacke stehe ich einfach nur da, während der Ostseewind mein Haar zerzaust. So sehr ich es auch versuche, ich kann mich nicht rühren. Sekunden dehnen sich zu Minuten, vielleicht sogar zu einer Ewigkeit.
Das Reetdach ist vermoost, das Gebälk darunter wirkt stabil, aber müde. Die Fensterläden hängen schief, als hätten sie den Blick nach außen längst aufgegeben. In den Fugen des alten Mauerwerks nisten sich zarte Farne ein. Die Haustür ist noch immer blassblau – aber der Lack blättert an manchen Stellen, das kann ich selbst von hier aus sehen.
Ich straffe die Schultern, eine Art Reflex gegen den auffrischenden Wind – oder gegen die Erinnerung, ich weiß es nicht. Etwas in mir will wieder umdrehen und in den Wagen steigen. Jetzt. Auf der Stelle.
Doch meine Beine tragen mich keinen Schritt weiter. Ich bleibe dort stehen, wie angewurzelt, mit dem Gefühl, dass das Haus mich beobachtet.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Die Stimme reißt mich aus meinem Gedankenstrudel. Ich drehe mich erschrocken zur Seite. Und da sehe ich ihn: Ein junger Mann steht am linken Rand des Grundstücks, eine Gartenschere in der einen Hand, in der anderen einen kleinen Korb. Er trägt ein schlichtes, verwaschenes T-Shirt und Shorts. Seine dunklen Locken sind vom Wind zerzaust, ein Zehn-Tage-Bart rahmt sein markantes Gesicht ein. Seine eindringlichen Augen mustern mich freundlich, aber wachsam. Auch die Tatsache, dass er recht sportlich zu sein scheint – oder ziemlich gute Gene hat – ist unter seinem enganliegenden Shirt nicht zu übersehen.
Er tritt langsam näher und lässt den Blick kurz über mein Auto schweifen, dann wieder zu mir.
„Ähm … was machen Sie auf dem Grundstück meines Vaters?“, frage ich. „Sind Sie mit ihm befreundet?“
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, während er die Gartenschere zur Seite legt.
„Ich wohne hier … schon seit drei Jahren“, erklärt er. „Ihrem Vater wurde das Haus irgendwann zu groß und er hat mir die andere Hälfte vermietet.“
Er streckt mir die Hand entgegen. „Dann sind Sie also … Anja?“
„Ähm, ja, die bin ich. Dann hat mein Vater von mir erzählt?“
„Aber natürlich hat er das. Und zwar mehr als einmal.“ Er lächelt. „Ich bin übrigens Norman. Schön, dass du endlich mal vorbeischaust. Ich dachte schon, wir würden uns niemals kennenlernen. Ihr zwei scheint euch ja nicht besonders nahezustehen, wenn du so selten herkommst. Oder genauer gesagt: Nie.“
So viele unterschwellige Vorwürfe in einem Kommentar, dass ich erst mal durchatmen muss. Auch zwischen Duzen und Siezen kann er sich offenbar nicht so recht entscheiden.
„Ich hatte meine Gründe, nicht herzukommen“, sage ich knapp. „Außerdem kenne ich Sie gar nicht und möchte mich eigentlich ungern vor Ihnen rechtfertigen.“
„Oh, das haben Sie falsch verstanden“, winkt er ab. „Das war nicht als Vorwurf gemeint. Ich weiß, dass Richie sehr“, er grinst, „speziell ist. Ich verstehe gut, dass du eher auf Distanz zu ihm gehst.“
„Richie?“, wiederhole ich verwirrt.
„Ja, seine Freunde nennen ihn so.“ Er schiebt die Hände in die Hosentaschen.
„Seine Freunde“, plappere ich nach, ohne zu wissen, was genau ich hier eigentlich tue. „Ist er denn jetzt gerade … ich meine, ist er zu Hause? Hast du … ähm … hast du ihn in letzter Zeit gesehen?“
„Wie es aussieht, weiß er vermutlich nicht, dass du kommst?“, fragt er, ohne meine Frage zu beantworten. Dabei betrachtet er mich mit wissendem Grinsen, während er die Arme vor der Brust verschränkt.
Irgendetwas an der Art, wie er mich anschaut, fängt an, mich zu nerven. Er hat etwas leicht Spottendes an sich, etwas Überhebliches. Oder bilde ich mir das nur ein, weil ich gerade ziemlich nervös bin? Und warum, zum Teufel, bin ich eigentlich nervös?
Weil dein Vater vielleicht bald das Zeitliche segnen wird, verdammt noch mal! Und weil es vielleicht das allerletzte Mal ist, dass du ihn sehen wirst.
„Vergiss es“, winke ich schließlich ab, lasse ihn stehen und gehe mit vorgetäuschtem Selbstbewusstsein an ihm vorbei. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist ein aufdringlicher Nachbar, der zu neugierig ist – und eine Spur zu anmaßend.
Ich nehme Kurs auf die Haustür, spüre die unebenen Pflastersteine unter meinen Füßen, während das Herz wie wild in meiner Brust hämmert. Nur noch ein paar Schritte, dann bin ich da. Dann gibt es kein Zurück mehr.
Doch noch bevor ich die Klingel erreiche, höre ich ein Geräusch. Ein rhythmisches Kratzen, gefolgt von einem dumpfen, ungeduldigen Schlag. Dann ein kehliges Fluchen, wie durch zusammengebissene Zähne gepresst. Es kommt von der Seite des Hauses – vom Garten, den man über die Einfahrt erreicht.
Ich bleibe kurz stehen, doch das Geräusch zieht mich an wie ein Magnet. Mein Körper reagiert, noch bevor mein Verstand es begreift. Langsam, fast lautlos, folge ich der Einfahrt, mein Blick gleitet über die bröckelnden Pflastersteine, über wilde Kamille, die sich durch die Fugen drängt, hin zum verwilderten Garten.
Und dort steht er.
Richard.
Er scheint tief in Gedanken versunken, während er sich über ein Beet beugt, das von Brennnesseln und vertrockneten Stauden überwuchert ist. Mit einer rostigen Hacke zieht er grobe Furchen durch die krustige Erde. Sein Hemd ist an den Armen aufgeknöpft, die Ärmel hochgekrempelt, der Stoff klebt ihm am Rücken. Ein feiner Schleier aus Staub tanzt um seine Schultern und lässt ihn noch surrealer erscheinen.
Dann hebt er plötzlich den Kopf.
Der Blick, mit dem er mich betrachtet, ist kein bloßes Sehen … es ist ein regelrechtes Starren, voller Fassungslosigkeit und Staunen.
Die Hacke bleibt halb in der Luft stehen. Seine Stirn legt sich in Falten. Er kneift die Augen zusammen, als wäre gerade ein Raumschiff direkt vor seinen Füßen gelandet.
Ich sehe, wie die Farbe aus seinem Gesicht weicht. Wie er blinzelt, ein zweites Mal, ein drittes. Seine Lippen öffnen sich, aber es kommt kein Ton heraus. Erst als er die Hacke sinken lässt und sich mit schmutzverkrusteten Fingern über den Nacken fährt, bringt er ein einziges Wort hervor:
„Anja …“
Es ist eher ein Flüstern, aber ich höre es. Vielleicht lese ich es auch von seinen Lippen ab.
Aber ich nicke nur. Mehr bringe ich nicht zustande. Die Tatsache, ihn so quicklebendig und offenbar wohlauf vor mir zu sehen, verwirrt mich zu sehr.
Er macht einen Schritt auf mich zu, dann bleibt er stehen, als hätte er vergessen, wie man sich bewegt. Sein Blick irrt über mein Gesicht, über meine Kleidung. Ich sehe die feine Zitterbewegung in seiner Hand.
„Was … was machst du hier?“, fragt er schließlich.
Seine Stimme klingt brüchig, nicht vor Schwäche, sondern vor Erstaunen. Fast kindlich.
„Ich habe einen Brief bekommen. Jemand hat mir geschrieben, dass ich schnell kommen soll … weil du … weil du vielleicht nicht mehr lange lebst.“
Ein Flackern. Etwas wie Unglauben durchzuckt seine Miene. Dann lacht er – ein kurzes, raues Aufstoßen, das mehr Verwirrung als Belustigung ausdrückt.
„Ich? Todkrank?“ Er schüttelt den Kopf und wischt sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Wer hat dir denn diesen Blödsinn erzählt?“
Ich zucke mit den Schultern. „Der Brief war anonym. Keine Unterschrift, kein Absender.“
Er starrt mich an, als würde er in meinem Gesicht nach einem Hinweis suchen, dass das alles ein schlechter Scherz ist. Dann geht er ein paar Schritte zur Gartenbank und setzt sich schwerfällig, als hätten ihn die letzten Minuten mehr Kraft gekostet als die ganze Gartenarbeit davor.
„Also deshalb bist du gekommen? Weil du dachtest, ich …“ Er bricht ab. „Na ja … alles andere hätte mich auch überrascht.“
Ich trete näher, den Kies unter meinen Sohlen spüre ich kaum. Das Knirschen scheint viel zu laut in dieser seltsamen, aufgeladenen Stille.
