Der fahrende Poet - Gerd Laudert - E-Book

Der fahrende Poet E-Book

Gerd Laudert

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Beschreibung

Hanns Dieter Hüsch (1925-2005) war einer der produktivsten und erfolgreichsten deutschen Kabarettisten des 20. Jahrhunderts. Heute droht er mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten. Zwar werden noch Bücher mit Texten von Hüsch gedruckt, gekauft und gelesen. Doch beschränken sich diese Publikationen meist auf "den Niederrheiner" und/oder auf "den christlichen Hüsch". Dabei wollte Hanns Dieter Hüsch stets mehr: Er war der Poet und der Philosoph unter den Kabarettisten. Das Buch beleuchtet Leben und Werk des Künstlers, wobei Hüschs "theologische" Texte hier auch in ihrer kirchenkritischen Dimension betrachtet und gewürdigt werden. Neben dem persönlichen Blick des Autors auf Hanns Dieter Hüsch kommen viele KollegInnen und Weggefährten mit aktuellen Statements zu Wort. Die Bedeutung dieses fahrenden Poeten liegt vor allem darin, dass er über mehr als fünf Jahrzehnte ein überaus eigensinniges, undogmatisches, ein existentielles Kabarett geschaffen und auf die Bühne gebracht hat. Für jüngere Kollegen wie Konstantin Wecker, Franz Hohler, Lars Reichow und viele andere wurde er so zum Vorbild und Mentor. Zahlreiche Texte aus Hüschs literarischem Gesamtwerk, das seit 2018 in acht Bänden erstmals geschlossen vorliegt, sind es wert neu entdeckt zu werden; sie sind heute noch - und heute wieder - überraschend aktuell.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. „Meine Geschichten“: Hanns Dieter Hüsch 1997

2. Kindheit am Niederrhein

3. Leben und Werk

Lebensweg bis 1997

Werkbiographie

Würdigung des Werkes durch Rudolf Jürgen Bartsch

Die Jahre 1998–2005

4. Ein neuer Blick auf Hanns Dieter Hüsch

Edition diá: Das Gesamtwerk

Neue Recherchen im Kabarettarchiv

Antworten und Statements von KollegInnen u. Weggefährten

5. Schlüsselerlebnisse, Krisen, Wendepunkte

„Du kommst auch drin vor“. Autobiographie

Waldeck 1968

Krisen- u. Wendejahr 1985

Krebserkrankung u. die Folgen

6. Hüschs unkonventioneller Glaube

Ein Prediger auf der Kabarettbühne

„Wir sehen uns wieder.“

„Gott ist aus der Kirche ausgetreten.“

Der eigensinnige, poetische, existentielle Glaube des Hanns Dieter Hüsch

7. Geistesverwandtschaften

Der gläubige Kabarettist u. die kritische Theologin

Sprachbegeisterte Rheinländer: Heine u. Hüsch

„An Rudi Dutschke“

H.D. Hüsch u. Reinhard Mey

„Nicht in meinem Namen.“ Bodo Wartkes Religionskritik

8. Anna Hüsch-Kraus: Mein Vater, der Poet

9. Sechzehn Texte von Hanns Dieter Hüsch

Anhang

Vorwort

Als mich Gerd Laudert angeschrieben hat, ich möge ein Vorwort für sein Buch über Hanns Dieter Hüsch schreiben, musste ich keine Sekunde zögern, zuzusagen.

Freilich - in so einer akribisch recherchierten umfassenden Textsammlung, die Gerds persönliche Erinnerungen und Einschätzungen mehr als ergänzt, ist selbstverständlich das Wesentlichste, was ich zu Hanns Dieter Hüsch schreiben kann, bereits berücksichtigt. (Man wird es beim Durchblättern rasch finden.)

Ergänzend dazu erinnere ich an dieser Stelle an einige unvergessliche Schlaglichter, voller Dankbarkeit in Richtung dieses meines so einmaligen Vorbilds, Lehrmeisters und Förderers:

... als Hanns Dieter Hüsch mir in den 70er Jahren erste Rundfunkauftritte ermöglichte;

... als er meine LP „Genug ist nicht genug“ (1977) mit einer mir sehr helfenden Rezension bedachte und mir darin Zeilen schenkte, in denen "Bäume waagrecht sterben, aber Menschen senkrecht Mut schöpfen";

... als er im Juni 1985 sein vielleicht bestes Programm "Und sie bewegt mich doch" in meinem Kaffee Giesing in München vorstellte;

... als wir beim 100. Gesellschaftsabend 1991 in Saarbrücken zusammen Hüschs "Wiegenlied für Mütter" gesungen haben;

... als er mir 1993 für mein politisches Liederbuch "Sage Nein" erneut ein wunderbar einfühlsames Vorwort schenkte;

... als ich ihn 1994 in "Hüsch & Co." bei "Ich sing für die Verrückten" am Klavier begleiten und davor schon "die seitlich Umgeknickten" aus diesem Lied in einem meiner Lieder zitieren durfte;

... als Hannes Wader und ich zu Hüschs 75. Geburtstag "Gut wieder hier zu sein" gesungen haben;

... und schließlich als wir (meine Band und ich) bei einem seiner letzten Auftritte beim 161. Gesellschaftsabend im SR im Juni 2001 unsere damals aktuellen "Vaterland"-Lieder vorstellen durften und wir zum Abschied noch einmal zusammen Hanns Dieters "Abendlied" gesungen haben ...

Über alles andere, über Leben, Werk und Wirken dieses wunderbaren Mannes, unter verschiedensten Gesichtspunkten, findet sich auf den folgenden Seiten, liebe- und respektvoll von Gerd erinnert und zusammengetragen, alles Lesenswerte.

In Hanns Dieters Sinn möchte auch ich noch (solange es geht) in meinen Konzerten weiter versuchen, seinem künstlerischen Erbe gerecht zu werden, gemäß seinen Zeilen:

Ich sing für die Verrückten

Die seitlich Umgeknickten

Die eines Tags nach vorne fallen

Und unbemerkt von allen

(…)

Sich aus der Schöpfung schleichen

Weil Trost und Kraft nicht reichen

Und einfach die Geschichte überspringen

Für diese Leute will ich singen

Konstantin Wecker

Einleitung

„Hanns Dieter Hüsch war Schriftsteller, Kabarettist, Liedermacher, Schauspieler, Synchronsprecher und Rundfunkmoderator. Mit über 53 Jahren auf deutschsprachigen Kabarettbühnen und 70 eigenen Programmen gilt er als einer der produktivsten und erfolgreichsten Vertreter des literarischen Kabaretts im Deutschland des 20. Jahrhunderts.“

So wird Hanns Dieter Hüsch im ersten Band der ab 2015 publizierten achtbändigen Werkausgabe den Leserinnen und Lesern vorgestellt. Erstmals wird dort sein zuvor in rund 60 Büchern und anderen Druckwerken verstreut publiziertes literarisches Gesamtwerk in Buchform dokumentiert - wohl wissend, dass Hüsch seine Texte nicht primär als Leseliteratur geschrieben hat, sondern für Freunde des Kabaretts, also für die Bühne. Er verstand sich nach seiner Frühphase als Liedermacher (Chansonnier) vor allem als ein literarischer Entertainer, als ein fahrender Poet, der seit 1947 wie kaum ein anderer zahllose - gefühlt: sämtliche - deutsche bzw. deutschsprachige (hier vor allem schweizerische) Kabarettbühnen mit seinen Programmen bespielt hat. Meist als Solo-Kabarettist und seit 1968 nicht mehr am Klavier sitzend, sondern an seinem „Örgelchen“, einer in Hüschs letzten Bühnenjahren mehr und mehr verstummenden, fast nur noch als Manuskriptablage dienenden Philicorda-Orgel.

Man musste Hanns Dieter Hüsch schon immer vor allem hören und sehen, ihn als ein kabarettistisches Gesamtkunstwerk auf der Bühne erleben, um sein unverwechselbares Kabarett authentisch kennen zu lernen. Die nun vorliegende Gesamtausgabe des literarischen Werkes ist eher zum genaueren Nachlesen von Hüsch-Texten gedacht, auch zum thematisch gezielten Stöbern und Verweilen im Hüsch-Kosmos, wahlweise in den poetischen, kabarettistischen, politischen, niederrheinischen, christlichen, den autobiographischen oder den Hagenbuch-Texten. Als solche sind die acht Bände – der letzte enthält auf 525 Seiten rund 240 Interviews – überaus verdienstvoll.

Das Prädikat besonders wertvoll verdienen aus heutiger Sicht vor allem audiovisuelle Medien mit Aufzeichnungen von Hüschs Bühnenprogrammen, TV-Auftritten, Rundfunksendungen, Interviews etc., wie sie via CD, DVD, Mediathek, Youtube u.ä. heute leicht zugänglich sind. Sie können einen kleinen, aber authentischen Eindruck davon vermitteln, wie es sich - von 1947 bis zum Beginn der 2000er Jahre - angefühlt hat, Hüsch live zu erleben.

Ich habe Hanns Dieter Hüsch, der im Alter von 80 Jahren starb und in seiner niederrheinischen Heimatstadt Moers in einem Ehrengrab bestattet wurde, nicht persönlich gekannt, abgesehen von einem längeren - im Blick auf mein Buchprojekt folgenreichen - Telefonat im Oktober 2000. Auch habe ich nur wenige seiner Bühnenprogramme live miterlebt: Zum ersten Mal, als 15-jähriger Schüler, habe ich ihn im Mainzer Unterhaus gesehen, seiner Hausbühne seit 1966. Doch war ich damals, anders als mein etwas älterer Freund, der mich in den unter Kabarettfreunden schon bald berühmten Unterhaus- Keller mitgeschleppt hatte, politisch noch zu unbedarft und zu uninformiert, konnte daher mit Hüschs Texten und mit den politischen Anspielungen (es muss das Programm „Eine schöne Gesellschaft“ gewesen sein) inhaltlich nur wenig anfangen. Mehr und nachhaltiger beeindruckt hat mich etwa 20 Jahre später das Programm „Und sie bewegt mich doch“, das ich als TV-Aufzeichnung gesehen habe.

Erst Ende 1997 konnte ich Hüsch wieder auf der Bühne erleben, in der Aula des Ratsgymnasiums in Stadthagen bei Hannover. An diesem Abend war ich anders vorbereitet, denn ich hatte kurz zuvor Hüschs fulminante Autobiographie „Du kommst auch drin vor“ gelesen, war entsprechend neugierig und gespannt auf ihn. Das Programm hieß „Meine Geschichten“. Kein politisches Kabarett, sondern eine Zusammenstellung von heiter-skurrilen Alltagsgeschichten, wobei Hüsch - und das war typisch für ihn - in sein humorvoll-leichtes Programm einige ernstere, politischere und auch literarisch anspruchsvollere Stücke „hineingeschmuggelt“ hatte.

Dieser Abend hat mich so sehr beeindruckt, dass er zum Auslöser meines Schreibprojektes wurde - und nun, in dem erst gut 20 Jahre später zu Ende geschriebenen Buch, zu dessen Anfangskapitel.

Dieses Buch ist keine lückenlose und objektive Biographie über Hanns Dieter Hüsch, schon weil mein Zugang zu ihm und meine Sicht auf ihn erkennbar persönlich gefärbt sind. Doch gebe ich, nach der im 2. Kapitel etwas ausführlicher geschilderten Kindheit, im dritten Kapitel auch einen Überblick über Hüschs Leben und Werk. In Kapitel 4 („Ein neuer Blick auf Hanns Dieter Hüsch“) geht es um erste Ergebnisse meiner 2021 wieder neu aufgenommenen Recherchen; auch werden hier das Mainzer Kabarettarchiv und die Werkausgabe der Edition diá vorgestellt und gewürdigt. Hinzu kommen die z.T. recht ausführlichen Antworten zahlreicher Weggefährten auf meine Fragen zu Hüsch und eine Auswahl weiterer Statements von KollegInnen. Das 5. Kapitel schildert „Schlüsselerlebnisse, Krisen und Wendepunkte“, die den Lebensweg des Künstlers stark geprägt haben.

Im umfänglichsten 6. Kapitel stehen die religiösen bzw. „theologischen“ Texte und der unkonventionell-eigensinnige Glaube Hüschs im Fokus, auch seine deutliche, wenngleich nur hin und wieder explizit geäußerte Kirchenkritik. In Kap. 7 stelle ich einige „Geistesverwandte“ Hüschs vor (von Heinrich Heine bis Reinhard Mey) und werfe zuletzt einen Blick auf einen jungen Musik-Kabarettisten, der inzwischen auch - vielbeachtete - religionskritische Lieder auf die Kabarettbühne bringt.

Im 8. Kapitel kommt Hüschs Tochter Anna zu Wort, u.a. mit ihrem Programm „Mein Vater, der Poet“. Im abschließenden 9. Kapitel sind sechzehn von mir besonders geschätzte Texte von Hüsch abgedruckt.

Und nun „Vorhang auf“ für eine erste Begegnung mit dem Kabarettisten anlässlich seines Bühnenauftritts im November 1997 in der Nähe von Hannover.

1. „Meine Geschichten“: Hanns Dieter Hüsch am 25. November 1997 in Stadthagen

Schon die Anreise wird mir in Erinnerung bleiben. Für etwa zweieinhalb Stunden Bühnenprogramm bin ich gut neun Stunden unterwegs: Am Nachmittag mit dem Auto von Walsrode nach Hannover-Nord, mit der Stadtbahn zum Hauptbahnhof, mit dem Zug nach Stadthagen, mit dem Taxi zum Ratsgymnasium. Erst eine Stunde nach Mitternacht bin ich wieder zu Hause. - Das gehört zu meinen „Geschichten“: mein Horror vor nächtlichen Autofahrten bei strömendem Regen und auf unbekannten Straßen, meine Vorliebe fürs bequemere Bahnfahren und für den Luxus, notfalls auch mal ein teures Taxi zu benutzen.

Kurz vor 19 Uhr an der Abendkasse: Ein altersmäßig recht breit gestreutes, in der Mehrheit mittelalterliches Publikum, die meisten zwischen 35 und 50, unter ihnen, wie ich den Gesprächsfetzen entnehmen kann, viele Lehrerkollegen.

Ein GEW-Mann hastet mit wichtiger Miene zwischen Abendkasse und Aula hin und her, gibt Anweisungen, postiert einen Oberstufenschüler samt Freundin an einem strategisch wichtigen Punkt im langen Flur zur Aula: „Lasst keinen durch! Hüsch ist erst vor einer Viertelstunde angekommen, es ist noch Tonprobe, noch kein Einlass!“ - Ein soeben eintreffender Lokalreporter (mit fliegendem Schal und wehendem Mantel) darf die beiden Posten passieren. „Ich habe um 19 Uhr, jawohl, das ist abgesprochen, ein Interview mit Herrn, äh - mit Herrn Hüsch!“

Die Aula füllt sich allmählich, um kurz vor 20 Uhr sind alle Plätze (vielleicht fünfhundert) besetzt. Hüschs Philicorda-Orgel steht schon auf der Bühne, vor dem schweren, dunkelroten Vorhang, das Mikro ist installiert, der Hocker steht an seinem Platz, ein Glas Wasser neben dem Mikro-Stativ auf dem Boden. Die Bühne ist etwa 1,30 m hoch, ich sitze ganz vorne, in der Mitte der ersten Reihe, wenige Schritte von Bühne und Orgel entfernt. Bei normaler Kopfhaltung werde ich genau auf seine Füße schauen, fällt mir jetzt ein, auf jene ungewöhnlichen Füße, denen Hanns Dieter Hüsch, wie er in seiner Autobiographie schreibt, sein Leben verdankt.

Sie sind auch das erste, was ich an diesem Abend von ihm zu sehen bekomme. - Gegen 20 Uhr bemerke ich unterhalb des Vorhanges, in dem schmalen Streifen zwischen Vorhangsaum und Bühnenboden, einen schwachen Lichtschein, höre leise Schritte, Stimmen, sehe Füße hin- und hergehen, vier oder sechs, kann aber bei näherem Hinsehen, am leicht schleppenden Gang, seine Füße eindeutig identifizieren. Jetzt bleiben sie stehen, genau an der Stelle, wo Hanns Dieter Hüsch sich in wenigen Augenblicken durch die Lücke zwischen den beiden Vorhängen hindurchtasten wird. Es ist 20.05 Uhr, die Saalbeleuchtung wird heruntergedreht, ein Bühnenscheinwerfer strahlt auf, zeichnet einen weißen Lichtkegel auf den Vorhang.

Wer ist das, geht es mir jetzt wieder durch den Kopf, was für ein Mensch ist das, der in wenigen Sekunden die Bühne betreten, ins Rampenlicht treten wird? Ich bin neugierig, gespannt, ein bisschen aufgeregt.

Vor einem Monat erst hatte ich in Mainz, im Deutschen Kabarett-Archiv, einige der über vierzig Aktenordner durchgeblättert, in denen alles gesammelt und archiviert ist, was über die Person, das Leben und Werk von Hanns Dieter Hüsch Auskunft geben kann. Vierzig dicke Ordner, randvoll mit Informationen und Würdigungen, mit Fotos und Texten über einen Künstler, der seit 50 Jahren vorwiegend als Solo-Kabarettist unterwegs ist, als „fahrender Poet“, wie er sich selbst nennt, der in großen und kleinen Sälen und Städten der Bundesrepublik auftritt, regelmäßig auch in der Schweiz, der - seit 1947 - insgesamt mehr als 70 Kabarett-Programme geschrieben und auf die Bühne gebracht hat, und der noch heute - mit zweiundsiebzig - meist neben anderen Verpflichtungen (im Hörfunk, im Fernsehen ...) ein dicht gedrängtes Tournee-Programm absolviert: vorgestern Altenbeken, Eggemuseum; gestern Marburg, Stadthalle. Und heute also Stadthagen, Ratsgymnasium.

Jetzt taucht Hanns Dieter Hüsch plötzlich vor dem Vorhang auf, wird mit einem freundlichen, warmen Applaus begrüßt. - Da steht er nun, ein wenig geblendet vom Scheinwerfer, mit dunkler Hose und leuchtend rotem Pullover (mit V-Ausschnitt, versteht sich, Rollkragen mag er ja nicht mehr, wie hier jeder weiß) auf der Bühne, etwas verdeckt von der Orgel, verharrt einen Augenblick mit einer angedeuteten Verbeugung, nimmt die Hände auf den Rücken - ein freundlicher älterer Herr, der gerade seine gute Stube betritt, um den dort versammelten Familienbesuch zu begrüßen.

Er lächelt verschmitzt, genießt mit sichtlicher Freude den stürmischen Begrüßungsapplaus, wirkt im nächsten Augenblick, vielleicht weil der Beifall so lange anhält, für Sekunden - kaum zu glauben bei einem Profi mit dieser Publikums- und Bühnenerfahrung - fast ein wenig verlegen.

Dann nimmt der freundliche ältere Herr auf dem Hocker vor seiner Orgel Platz. Zwangsläufig schaue ich jetzt auf seine Füße, genauer: auf die spezielle Fußbekleidung. Es sind orthopädische Schuhe mit etwas höher gezogenem Schaft. Und nun wandert mein Blick einige Male zwischen Hüschs Kopf und seinen Füßen hin und her, als ob ich mich bei dieser Gelegenheit noch einmal anschaulich davon überzeugen müsste, was ich ohnehin weiß, gelesen habe: Dieser Kopf und diese Füße gehören bei diesem Mann auf eine ganz besondere Weise zusammen. Sein Leben - auch und gerade sein Leben als Kabarettist, als Sprachjongleur und Gedankenakrobat - verdankt er diesen Füßen. Weil seine Kinderfüße nicht springen konnten, springen Hüschs Wörter und Sätze, seine Gedanken und seine mitunter skurrilen Ideen umso höher und weiter, lustiger und freier, über Mauern und Grenzen.

Warum interessiere ich mich plötzlich so für diesen Mann? Was fasziniert mich so an ihm? Warum ist er mir - und auch gerade jetzt, wo ich ihn, zum ersten Mal seit fast 28 Jahren, wieder einmal live erlebe - so unerhört sympathisch? Warum lese ich in letzter Zeit so viel von ihm und über ihn? Wie hat das angefangen?

Noch vor ein paar Monaten wusste ich kaum Näheres über Hanns Dieter Hüsch, weder über seine Person noch über sein künstlerisches Werk, sein literarisch-philosophisches Kabarett. Ich kannte nur wenige seiner Programme, hatte immer nur sporadisch mal etwas von ihm gehört oder gesehen. Zudem alles schon ziemlich lange her: Mal hatte ich eher zufällig eine Folge der ZDF-Serie „Goldener Sonntag“ gesehen, in der Hüsch einen Familienvater spielte, eine Rolle, die ihn damals auch bei einem breiteren Publikum bekannt gemacht hatte, wogegen der Solo-Kabarettist Hüsch meist nur unter Insidern ein Begriff war. Mal hatte ich mich darüber gewundert, dass mir die Synchronstimme bei „Dick und Doof“ so bekannt vorkam. (In den 1970er Jahren war Hüsch für einige Zeit beim ZDF unter Vertrag gewesen, als Synchronsprecher für Stummfilmklassiker.) Vor 28 Jahren etwa, ich war damals fünfzehn, hatte ich ihn einmal live im Mainzer Unterhaus gesehen. Ich war von einem befreundeten Hüsch-Fan eingeladen worden, hatte aber, soweit ich mich erinnern kann, von dem Programm inhaltlich wenig verstanden, es war mir zu hoch, zu politisch, zu intellektuell. - Ist das schon alles, was mir vor ein paar Monaten zu Hüsch eingefallen wäre? Nein, da gab es, Jahre später, zwei TV-Sendungen mit Hanns Dieter Hüsch, die mich fasziniert, beeindruckt hatten, die haften geblieben sind in meiner Erinnerung: das Programm von 1984 mit dem Titel „Und sie bewegt mich doch“; diese Sendung hatte ich auf einem alten Beta-Videorecorder aufgenommen, später aber versehentlich gelöscht oder überspielt, und das Hüsch-Porträt „Abschied von einer Stadt“ (ZDF, 1987).

Vor einem Vierteljahr etwa, im Spätsommer 1997, entdeckte ich eines Tages das Buch „Du kommst auch drin vor. Gedankengänge eines fahrenden Poeten“, die Autobiographie von Hanns Dieter Hüsch, die Taschenbuchausgabe, in meinem Bücherregal. Ich hatte es irgendwann gekauft, aber nie gelesen. Jetzt las ich es, mit wachsender Faszination und Neugier. Ich interessierte mich zu dieser Zeit sehr für (auto-)biographische Literatur, hatte im Februar 1996 mein erstes eigenes Buch veröffentlicht (ein Sachbuch über den historischen Jesus) und beschäftigte mich gerade mit einem neuen, ebenfalls biographie-ähnlichen Schreibprojekt.

In der dicken Hüsch-Biographie (gut 400 Seiten) lernte ich nun den Menschen Hanns Dieter Hüsch kennen: den durch einen Fußfehler behinderten Jungen vom Niederrhein, der jedes Jahr zur Behandlung in die orthopädische Klinik nach Süchteln gebracht wird - und der als Zehnjähriger den Tod der geliebten Mutter verkraften muss. Den schlaksigen jungen Mann im Mainz der Nachkriegszeit, der nicht recht weiß, wo es langgeht für ihn, bis er endlich den Weg zu seinem Kabarett gefunden hat. Den Ehemann und Familienvater, den es immer wieder von Frau und Kind forttreibt und in die Städte, auf die Bühne zieht. Den 60-Jährigen, der nach dem frühen Tod seiner Frau das geliebte Mainz verlässt - und in Köln dann doch noch einmal ein neues Glück findet.

Beim Lesen dieser ebenso rasant wie aufrichtig, völlig uneitel und ganz ohne Pathos geschriebenen Autobiographie entdeckte ich einige biographische Parallelen zwischen Hüsch und mir bzw. zwischen seiner und meiner Familie: Dass wir beide am Rhein und beide linksrheinisch, er in Moers am Niederrhein, ich nahe Bacharach am Mittelrhein, geboren und aufgewachsen sind, dass wir beide - im Blick auf unsere religiöse Sozialisation - reformiert - protestantisch geprägt wurden in einer katholisch dominierten Umgebung, ist noch kaum bemerkenswert oder ungewöhnlich. Etwas mehr schon dieses: Hüsch war das erste Kind einer überwiegend kleinbürgerlichen Familie, das ein Gymnasium besuchte - wie ich. Er und mein Vater, der vor drei Jahren starb, wurden fast zeitgleich geboren, mein Vater am 4. Mai 1925, er zwei Tage später. Hüschs erste Frau Marianne starb früh an Krebs (an Lungen-, zuletzt Knochenkrebs), meine Frau vor einem Jahr, an einem aggressiven Tumor. Bedrückend und rätselhaft auch dieses: Hüschs Mutter, die er sehr geliebt hat, starb mit 41 Jahren an einer unheilbaren neurologischen Krankheit (Multiple Sklerose). Meine Frau ist an einem Gehirntumor gestorben. Sie wurde 41 Jahre alt.

Zurück zur Bühne in Stadthagen. Gleich zu Beginn meint Hüsch beiläufig, auf offenbar auch in Stadthagen kursierende Gerüchte anspielend: „Nein, nein, ich will schon noch ein paar Jährchen leben und Kabarett machen, ich will noch nicht aufhören. - Im Oktober, bei meinem Besuch im Mainzer Kabarett-Archiv, hatte ich erfahren: das für 1998 geplante neue Programm mit dem Arbeitstitel „Wir sehen uns wieder“ soll definitiv das letzte Hüsch-Programm sein, daher auch der Untertitel: „Tschüss zusammen!“. Die Premiere ist für den 14. Dezember geplant, wie immer im Mainzer Unterhaus.

Ebenso beiläufig höre ich Hüsch jetzt sagen (Gott sei Dank, denke ich, und merke dabei, wie vertraut mir die Details seiner Biographie schon geworden sind): „Ich hab´ mir ja vor 11 Jahren das Rauchen abgewöhnt.“ - Das muss, rechne ich, in dem Jahr unmittelbar nach dem Tod seiner Frau gewesen sein. Vorher hatte er bis zu 40 Zigaretten geraucht. Das hatte ich in einem 1985 erschienenen Buch von Bernd Schroeder gelesen: Hanns Dieter Hüsch hat jetzt zugegeben. 40 Zigaretten pro Tag, Marke Overstolz, ohne Filter.

Und dann beginnt das Programm „Meine Geschichten“. - Nach einer Orgel-Ouvertüre, die George Gershwin gewidmet ist und die den Titel „1926“ trägt („Jede Ouvertüre braucht ja einen Namen, schon wegen der GEMA“), geht es in der ersten Geschichte um Hüschs Vorliebe für Pullover („Da kannst du sonst tragen was du willst, in einem Pullover siehst du immer angezogen aus“), dann um das Thema „Namensgebung“ („Anna ist ja schwer im Kommen, Katrin geht etwas zurück, Petra auch ...“) später geht es um gewisse Leute, die immer in Kur sind („Ich hätte gern Frau Doris Trotha-Röchel gesprochen von der Bibelausstellungsaktion im Kaufhof.“ – „Tut mir leid, Frau Trotha-Röchel ist in Kur ...“)

Hüschs Geschichten sind fast ausschließlich und immer herrlich komische, augenzwinkernd erzählte, heitere Alltagsgeschichten („Die Leute sagen immer: Der muss bei uns im Schrank gesessen haben!“), es sind nur wenig ernste und „anspruchsvollere“ Texte und Lieder darunter: politische, philosophische, poetische. Die wenigen etwas anderen Texte (vor allem: „Das Phänomen“, das er gewöhnlich ganz am Schluss vorträgt / „Ich möcht ein Clown sein“ / „Wenn der Mond sich silbern schminkt“ / „Großes Gelächter“) wirken fast wie Fremdkörper in einem solchen Programm heiterer Alltagsgeschichten; mancher Zuhörer, manche Zuhörerin scheint denn auch etwas irritiert zu sein. Ist das von Hüsch so gewollt? Vermutlich ja, aber warum? Schenkelklopfende, prustende Lacher sind im Übrigen vor allem bei den eher vordergründig witzigen, manchmal, ganz untypisch für Hüsch, fast kalauerhaften Stellen zu hören („Warum in die Ferne schweifen - sieh, die Gute liegt so nah“). Werden dann, frage ich mich, die differenzierteren, die sprachlich subtileren Texte überhaupt wahrgenommen und verstanden? Oder will man, will das heutige Hüsch-Publikum, nur den urkomischen Hüsch hören, den „leicht ausgeflippten Märchen-Onkel“, die „Ratterschnauze“, den „menschenklugen Quatschkopf“ mit seinem harmlos „dummen Zeug“? Zugegeben: Ich habe an diesem Abend oft schmunzeln und auch laut und herzhaft lachen können über die genauen Alltagsbeobachtungen und den herrlichen Humor von Hüsch („Meine Frau sacht dann immer: ´Man merkt doch, wenn so´n Knopp abgeht ...“), aber ich habe zunehmend den ernsten, den engagierten, den melancholisch-traurigen, den poetischen Hüsch vermisst: nicht den bissigen Polit-Kabarettisten, nicht den dogmatisch eifernden „Missständebeseitiger“ - so einer war Hüsch nie gewesen und wollte es ausdrücklich nie sein. Aber ich habe den Hüsch vermisst, der Texte geschrieben hat wie „Ich seh´ ein Land mit neuen Bäumen ...“ oder „Wenn die Krieger kommen ...“ oder „Ich setze auf die Liebe ...“ - ganz abgesehen von einigen älteren Titeln („Für wen ich singe“/ „Ich glaube es nicht“ / „Den möcht ich sehn“.) - Warum, so frage ich mich, kommen in Hüschs neueren Programmen solche anspruchsvoll-engagierten Texte vergleichsweise selten vor? Er wird Gründe haben, denke ich, aber die kann ich nicht - noch nicht - nachvollziehen.

In der Pause: Hüsch wird von dem GEW-Mann zum Büchertisch geführt, auf dem eine beeindruckende Anzahl von Bücherstapeln aufgebaut ist. Er wirkt jetzt, auf dem Weg durch den Saal, völlig anders als auf der Bühne. Er trägt eine dunkle Jacke über dem roten Pullover, geht langsam, schleppend, mit ernstem Gesicht. Er wird nicht angesprochen, die Leute machen ihm fast ehrfürchtig Platz. Er sitzt dann gut 20 Minuten (in seiner Vortragspause) am Büchertisch und signiert - mit schneller, über das Papier fliegender Schreibbewegung - unentwegt Bücher: die neue, knapp 50 DM teure Bühnenchronik von Jürgen Kessler („Hanns Dieter Hüsch: Kabarett auf eigene Faust“), auch die beiden als Taschenbuch neu aufgelegten Titel „Du kommst auch drin vor“ und „Wir sehen uns wieder“. Ich beobachte ihn dabei, schaue ihm ein bisschen über die Schulter. Er signiert mit „Herzlichst - Hanns Dieter Hüsch“. Auf die Frage einer mutigen Frau: „Wie heißt dieses Wort bitte?“ antwortet Hüsch mit einem ebenso knappen wie freundlichen: „Herzlichst“.

Nach der Pause geht es Schlag auf Schlag weiter mit heiteren Geschichten, nur der Text „Halleluja Herr Pfarrer“, worin Hüsch auf seine Bekanntschaft mit dem „lieben Gott“ hinweist, den er kürzlich in Dinslaken getroffen habe, und das Lied „Wenn der Mond sich silbern schminkt“ fallen etwas aus dem Rahmen. Gegen 22.15 Uhr, nach dem Titel „Ganz ruhig bleiben“, scheint das Programm zu Ende zu sein - und Hüsch hat noch nicht „Das Phänomen“ vorgetragen. Ist er müde, frage ich mich, erschöpft? Oder rechnet er ganz sicher mit Zugabewünschen aus dem Publikum?

Zunächst trägt er, nach einem ersten, vorläufigen Schlussapplaus, das Stück „Großes Gelächter“ vor, in dem er, das sei ihm „neulich so eingefallen“, zu einem „allumfassenden philosophischen Gelächter über unsere alberne Welt“ aufruft, „die ja an allen Ecken und Kanten krank und kriminell ist“, dann folgt „Wenn meine Frau ihren Mann im Fernsehen sieht ...“ Zuletzt kommt schließlich doch noch die Ansage, auf die ich lange gewartet hatte: „Wie Sie vielleicht wissen oder auch nicht wissen, trage ich seit etwa vier Jahren am Schluss meiner Programme meist einen ganz bestimmten Sprechgesang vor. Sie werden schon selbst merken (hier hört man einen kurzen, aber schnell abgebrochenen Lacher), warum ich diesen Text hier und jetzt vortrage.“ Und dann höre und sehe ich einen eindrucksvollen, faszinierenden Vortrag, in dem Hüsch nun auch - wie sonst selten an diesem langen Abend - seine Orgel wirkungsvoll einsetzt:

Was ist das für ein Phänomen

Fast kaum zu hören kaum zu sehn

Ganz früh schon fängt es in uns an

Das ist das Raffinierte dran

Als Kind hat man´s noch nicht gefühlt

Hat noch mit allen schön gespielt (…)

Doch dann hieß es von oben her

Mit dem da spielst du jetzt nicht mehr

(…)

Nur weil ein andrer anders spricht

Und hat ein anders Gesicht (…)

Und wenn man´s noch so harmlos meint

Das ist das Anfangsbild vom Feind

(…)

Dann nehmt euch alle an die Hand

Und nehmt auch den der nicht erkannt

Das früh schon in uns allen brennt

Das was man den Faschismus nennt

(…)

Nur wenn wir alle in uns sehn

Besiegen wir das Phänomen

Nur wenn wir alle in uns sind

Fliegt keine Asche mehr im Wind.

Hüsch wirkt bei diesem Vortrag noch einmal voll konzentriert, spricht präzise und eindrücklich - und dies nach mehr als zweieinhalb Stunden Soloprogramm, Hüsch allein auf der Bühne mit seinen Texten und Textblättern, mit der kleinen Orgel, mit seiner Stimme, seiner Mimik und Gestik.

Langandauernder Beifall, zum Schluss stehender Applaus, das Publikum ist, jeder spürt es, von diesem letzten Vortrag betroffen, ergriffen. Man sieht viele ernste, nachdenkliche, aber auch dankbare, leuchtende Gesichter.

Meine Nachbarin reicht Hüsch einen Blumenstrauß hinauf auf die Bühne. Sie dreht sich rasch um, geht zu ihrem Platz zurück, da streckt Hüsch, um sich zu bedanken, so hartnäckig die Hand nach ihr aus, dass sie doch noch einmal zu ihm gehen und seine Hand ergreifen muss.

Auch ich bin sehr berührt, stehe unmittelbar vor der Bühne, applaudiere und schaue - mit feuchten Augen - zu ihm auf. Und denke in diesem Augenblick: Warum trägt er nicht mehr solcher Texte vor, die brauchen wir doch auch - man sieht es doch! Wir brauchen doch das Lachen und das Nachdenken, den Zorn und die Heiterkeit ... Warum ist der jetzt 72 Jahre alte Hüsch nicht wieder ein bisschen mehr „der alte“ Hüsch?

Vor einer Stunde hat er das schöne Lied vom Clown gesungen:

Ich möcht ein Clown sein

Und immer lachen

Ich möcht ein Clown sein

Und die anderen lachen machen

Ich möcht ein stillvergnügter Clown sein

Und kein großer Held

Ein klitzekleiner Spaßmacher

In unsrer bitt´ren Welt ...

Ist es das, denke ich, will er heute, auf der Bühne jedenfalls, nur noch der stillvergnügte Clown sein? Ist sein Pessimismus so groß geworden - aber auch seine heitere Gelassenheit?

Zum letzten Mal kommt Hüsch vor den Vorhang, gibt dem Publikum, wie er dies am Ende seiner Programme oft tut, als letzte Zugabe einen Gedanken mit auf den Weg, heute wieder den schönen Vers aus dem „Arche-Blues“, aus den späten 1950er Jahren:

Ich bin gekommen euch zum Spaß

Und gehe hin wo Leides ist

Und Freude

Und wo beides ist

Zu lernen Mensch und Maß

Mein Taxi kommt, bringt mich zum Bahnhof. Ich steige in den fast leeren Zug nach Hannover ein; es ist eine Stunde vor Mitternacht. Beim Blick aus dem Fenster fällt mir ein Hüsch-Satz aus dem Buch von Bernd Schroeder ein: „Im fahrenden Zug zu schreiben, das ist wunderbar. Von Mainz nach Köln, auf den Knien in zwei Stunden eine Geschichte.“

So schnell bin ich nicht. Aber diese Geschichte, die Geschichte vom heutigen Abend, die ist schon - und bleibt für lange Zeit - in meinem Kopf.

2. Verkehrte Füße und eine Welt im Kopf: Kindheit am Niederrhein

In den Tagen und Wochen nach meinem Stadthagen-Besuch begann ich damit, recherchierend und auch schon schreibend, mich weiter in Hüschs Biographie zu vertiefen, zunächst vor allem in dessen außergewöhnliche Kindheitsjahre. Mich faszinierte das Nebeneinander von traurigen und glücklichen Erlebnissen in dieser Kindheit, und ich fragte mich, wie stark solche Erfahrungen das spätere Leben Hüschs wohl geprägt haben.

Die ersten Seiten über Hüschs Kindheit am Niederrhein verfasste ich Anfang 1998:

„ … Moers liegt nicht direkt am Rhein, aber man kann den Rhein schon riechen.“1 Mit Sympathie und Zärtlichkeit erinnert sich Hanns Dieter Hüsch an die Orte seiner Kindheit. Das flache Land am Niederrhein, die grünen Deiche, Windmühlen, schwarz-weißen Kühe. Die Kleinstadt Moers und die Uerdingerstraße, das Haus mit dem Erker. Hochheide, Homberg, die schwarzen Schlackenberge von Homberg. Schwafheim, Vluyn - immer wieder tauchen diese Namen auf, wenn Hüsch von seiner Kindheit erzählt. Vor allem Moers, und vor allem der Niederrhein.

Dem Rhein ist er sein Leben lang treu geblieben: in Mainz, das ihm für vierzig Jahre zur zweiten Heimat geworden war, und später in Köln, wo er seit 1988 lebt. „Da habe ich den Rhein hundertfünfzig Meter neben mir, und ich spüre ihn überall, in meinen Füßen, in meinen Augen und in meinem Magen.“ Den Rhein hat Hüsch nie verlassen, ist als 60-Jähriger fast wieder an den Niederrhein zurückgekehrt, an den Ort einer glücklichen und doch alles andere als unbeschwerten Kindheit und Jugend.

Am 6. Mai 1925 wird Hans Dieter Hüsch in dem kleinen Moers geboren, einem Städtchen mit damals etwa 25.000 Einwohnern. Moers liegt auf der linken Seite des Niederrheins, gegenüber von Duisburg. Der Vater, Heinrich Hüsch, ist als Verwaltungsobersekretär beim Landratsamt von Moers beschäftigt. Er stammt aus dem benachbarten Homberg, ganz nah am Fluss, gegenüber von Ruhrort. Hein Hüsch hatte eigentlich nicht Beamter werden wollen, viel lieber Tenor oder Kapitän, aber beides blieb zeitlebens ein Traum. Der Großvater, Johann Hüsch, war mit Katharina, einer geborenen Husmann, verheiratet, die nach ihrem ersten Sohn Heinrich noch drei weitere Kinder zur Welt gebracht hatte. Johann Hüsch, von Beruf Fuhrmann, ein ruhiger, schweigsamer Mann, der tagaus tagein mit einem Pferdewagen in der näheren Umgebung von Homberg unterwegs war, seinen Wagen mal mit dicken Rüben beladen hatte, mal mit Briketts. Er sei ein freundlicher Mann gewesen, erinnert sich der Enkel später, vor allem aber ein Mann, „der eigentlich immer schwieg“. Die Tatsache, dass dieser Mensch nie etwas sagte, habe auf ihn den größten Eindruck gemacht.

Der Großvater mütterlicherseits, Jakob Sonnen, hatte zunächst ebenfalls als Fuhrmann gearbeitet, später aber seinen Beruf aufgegeben und in Moers eine kleine Gaststätte gekauft, das Haus „Zum kleinen Reichstag“ in der Uerdingerstraße. Dort verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als niederrheinischer Schankwirt und war zugleich Oberhaupt einer stattlichen Großfamilie geworden; seine Ehefrau, eine geborene Lohbeck, hatte hier nicht weniger als zwölf Kinder zur Welt gebracht.

Adelheid Auguste hieß die jüngste Tochter. Mit elf Geschwistern wuchs Adele im elterlichen Wirtshaus in Moers auf. „Meine Mutter ist“, wie Hüsch zu sagen pflegt, wenn er mal wieder typisch niederrheinisch denkt und spricht, was er bekanntlich oft tut, eigentlich immer, „meine Mutter ist ja am Zapfhahn groß geworden“.

Heinrich Hüsch und Adele Sonnen lernten sich Anfang der zwanziger Jahre in einem Tanzzelt kennen. Adele war eine schöne Frau geworden, die sehr viel lachte, aber manchmal auch ein wenig melancholisch wirken konnte. „Eine dunkle Schönheit. So ein bißchen spanisch. Eine merkwürdige Mischung aus Strenge und Weichheit.“ Seinen Vater beschreibt Hüsch als einen eher schwachen, unsicheren Menschen, der Auseinandersetzungen scheute und jedem Streit am liebsten aus dem Wege ging.

Hanns Dieter ist das erste Kind von Adele und Heinrich Hüsch, und er ist, weil die Mutter bald schwer erkrankt, ihr einziges Kind geblieben. Wegen einer komplizierten Steißlage muss er mit Kaiserschnitt entbunden werden. Vom ersten Tag an ist Hanns Dieter ein ungewöhnliches, auffälliges, alles andere als ein pflegeleichtes Kind. Schon eher ein Sorgenkind, von Kopf bis Fuß gewissermaßen: „Ich soll ja auch mit pechschwarzen Haaren auf die Welt gekommen sein. Die fielen aber urplötzlich aus, und auf meinem kleinen Schädel machten sich dann diese irischen Roßhaare breit, Drahthaare, rostrot.“

Ein Sorgenkind ist er aber vor allem wegen seiner „verkehrten Füße“: Hanns Dieter Hüsch war mit einer hochgradigen, dringend behandlungsbedürftigen Fußfehlstellung zur Welt gekommen. „Meine Füße standen bei meiner Geburt 180 Grad exakt nach hinten und in der Achse 90 Grad nach innen.“ Ein solche im Volksmund als „Klumpfuß“ bezeichnete, meist angeborene Deformation kommt bei Jungen doppelt so häufig vor wie bei Mädchen. Die Fehlstellung besteht in einer starken Abknickung der äußeren Fußkante nach unten und einer Einwärtsdrehung des Vorderfußes samt der Zehen. In besonders schweren Fällen muss die Behandlung - eine sogenannte Redression - operativ erfolgen, in leichteren Fällen lässt sich die Fehlstellung durch Gipsverbände und orthopädische Übungen korrigieren.

Bei dem kleinen Hanns Dieter war eine ungewöhnlich langwierige Behandlung erforderlich: Es musste nicht nur möglichst frühzeitig operiert werden, bei ihm musste mehrfach, und zwar jedes Jahr einmal, in einer unblutigen Operation, aber unter Narkose, redressiert werden, und das über einen Zeitraum von insgesamt 14 Jahren. Die Behandlung fand immer in Süchteln statt, einer großen orthopädischen Kinderklinik in der Nähe von Viersen.

„Süchteln, das war damals für mich ein Schreckenswort.“ - Mit dem Wagen des Landrates, den Hein Hüsch sich zu diesem Zweck ausgeliehen hatte, fuhren sie zur Klinik nach Süchteln. Auf dem Nachhauseweg saß der kleine Hanns Dieter Hüsch, in dicke Kissen einpackt, auf dem Rücksitz und betrachtete seinen frischen Gipsverband, froh, endlich wieder nach Hause zu kommen. Nach jeder Redression mussten die Füße nämlich eingegipst werden, vom Knie an abwärts. Sechs Wochen lang musste der Gipsverband getragen werden, wurde dann, wieder in Süchteln und wieder im Anschluss an eine jetzt manuelle Redression, durch einen Gehgips ersetzt. „Gott sei Dank ohne Narkose, aber da mußten die Ärzte die Redression mit der Hand machen und kamen dabei sehr ins Schwitzen. Und wenn ich sagte: Ich kann nicht mehr, dann sagten die Ärzte: Wir auch nicht.“ Nach acht Wochen wurde der Gehgips abgenommen und Hans Dieter musste nur noch nachts seine Füße in Gipsschalen legen - sie aber tagsüber in enge orthopädische Schuhe zwängen. „Es war ein Kampf mit den Schuhen. Später habe ich um Halbschuhe gekämpft. Ich wollte auch mal schöne Füße haben, wenigstens schöne Schuhe.“

Eines Tages, man schrieb das Jahr 1939, konnte endlich die aufwändige Schlussoperation durchgeführt werden. Ein blutiger Eingriff, denn bei dieser Operation musste zuerst der linke Mittelfußknochen entfernt werden, um eine jetzt endgültige, die Behandlung abschließende Redression überhaupt zu ermöglichen. Gerade erst einer von häufigen Klinikaufenthalten schon hinlänglich geprägten Kindheit entwachsen, wurde der 14-jährige Hanns Dieter Hüsch nun - am Vorabend des Zweiten Weltkrieges - noch einmal und wegen des komplizierten Eingriffs nun auch für längere Zeit nach Süchteln verbannt. „Acht Stunden soll die Operation gedauert haben ... Am nächsten Morgen kamen meine Gipsbeine unter eine Trockenhaube, und als die Betäubung langsam nachließ, fielen die Schmerzen ganz schön über mich her ...“

Es bedarf keiner besonderen Vorstellungskraft und keines besonderen Einfühlungsvermögens, um sich auszumalen, wie einschneidend solche Erlebnisse die Kindheit und damit den Lebensweg von Hanns Dieter Hüsch geprägt haben müssen. Vierzehn Jahre lang, Jahr für Jahr, die Klinikaufenthalte in Süchteln, die Operationen in dem kalten Saal hinter den Milchglasscheiben, die ewigen Gipsverbände, die Schmerzen, die verdammten Schuhe, das Sich-nicht-frei-bewegen-können, das Herumsitzen- und Zuschauenmüssen. - Angesichts einer solchen Kindheit mag es naheliegen, die künstlerische Karriere des Hanns Dieter Hüsch unter dem Aspekt der Kompensation zu betrachten, nach dem Muster: Hier kompensiert einer sein körperliches Handikap, das Außenseitertum, die frühkindlichen Einsamkeitsgefühle, indem er als Erwachsener allabendlich in ausverkauften Sälen zu artistischkabarettistischen Höhenflügen auf der Bühne ansetzt, um sich auf diese Weise, nachträglich, die Anerkennung und den Applaus zu holen, den er im normalen, bürgerlichen Leben, in der Ellbogengesellschaft, nicht so leicht bekommen kann bzw. lange entbehren musste. Aber so einfach ist das nicht: Hüsch ist als Mensch und als Künstler eine vielschichtige, auch widersprüchliche Persönlichkeit, der man mit einem solchen Konstrukt nur ansatzweise gerecht werden kann.

Hanns Dieter Hüsch war zudem keineswegs das introvertierte und passive, das ängstliche und von Gleichaltrigen ignorierte oder gar gemiedene Außenseiterkind. Sicher gab es dies alles auch: das Leid und die Einsamkeit des behinderten Kindes, das auf dem Fußballplatz und anderswo nicht so mitspielen konnte wie die Altersgenossen, nicht von Mauern herunter springen konnte wie sie. Sicher kann man auch von Kompensation sprechen, kann in dem heutigen Bühnenapplaus für den beliebten, von vielen geliebten Künstler einen späten Ausgleich für in der Kindheit empfundene Minderwertigkeitsgefühle erkennen.

Hüsch selbst spricht in schöner Offenheit davon, wie er es heute genießt, sich auf der Bühne Erfolgserlebnisse verschaffen zu können („wenn´s sein muß, jeden Abend“). Aber es gab eben auch die andere Seite, das Sorgenkind durfte sich oft genug auch als ein Glückskind erleben: Hüsch war zwar ein körperlich behindertes Kind, oft gehemmt und schüchtern, in seiner motorischen, sozialen und seelischen Entwicklung beeinträchtigt, sogar etwas autistisch, wie er selbst rückblickend diagnostiziert. Er mag tatsächlich auf eine übertriebene Weise umsorgt, verwöhnt worden sein, wie ein geliebtes Sorgenkind eben, und doch war er einer, der von sich sagen kann: „In meiner Kindheit fühlte ich mich nie als Außenseiter. ... Ich stand nie am Rande. Ich habe mich immer in alle Spiele hineingeschmissen. Ich konnte den körperlichen Nachteil mit meiner viel größeren Phantasie ausgleichen. Ich war immer der, der die Spiele erfand, die wir spielten ... war unter den Kindern immer der Spaßmacher und Phantast, der Geschichtenerzähler und Träumer.“

Vielleicht übertreibt er hier ein wenig („nie am Rand, immer der Spaßmacher“), vielleicht schönt und verklärt er seine Kindheit ein bisschen, wie man das rückblickend meistens tut, auch wenn man sich den kleinen Hanns Dieter als Spaßmacher und Geschichtenerzähler gut vorstellen kann. Oft nämlich - jedes Jahr einmal und dann einige Monate lang - konnte er sich nicht in die Spiele der anderen hineinschmeißen, konnte nicht einmal zuschauen und für die Freunde neue Spiele erfinden. Dann blieb er für lange Zeit allein mit seinen Träumen und seiner Phantasie - und mit einem Gefühl der Verlassenheit und Traurigkeit. Er sagt es selbst: „Neben all dem gab es auch eine große Einsamkeit und Verlorenheit, die mit meinem Fußleiden zusammenhing ... Man vergißt, daß das Schicksal oft ganz schön zugeschlagen hat.“

Dennoch überwiegt in Hüschs Erinnerung das, was er oft mit großer Dankbarkeit als „die Wärme meiner Kindheit“ bezeichnet hat: zum einen seine große Liebe zu der von ihm als einzigartig - melancholisch und geheimnisvoll - erlebten Landschaft am Niederrhein, und zum anderen die ebenso liebevolle wie selbstverständliche Fürsorge der Familie und der großen Verwandtschaft, der zahlreichen Onkel und Tanten (vor allem mütterlicherseits) für ihr geliebtes Sorgenkind.

Hanns Dieter Hüsch 1928

Mit den Eltern Adele und Heinrich Hüsch (ca. 1930)

Offensichtlich hat Hanns Dieter Hüsch trotz oder auch wegen seiner körperlichen Behinderung schon in früher Kindheit intensive Erfahrungen von Glück und Leid gesammelt, selbst durchlebt, hat früh schon die Höhen und Tiefen des Menschenlebens erfahren und in seiner Kinderseele gespeichert: das Nebeneinander von Glück und Leid, Freude und Trauer, von Verlässlichkeit und Verlassenheit. Diese ganz besondere - und besonders kostbare - Erfahrung hat er später in einem Lied für Hedwig (sie war sein Kindermädchen) in Worte gefasst. Und in Klänge, man muss das Lied hören:

Hedwig hieß damals mein Kindermädchen

Sie schob mich im Kinderwagen durch die Welt

Meine Beine bis zu den Knien in Gips

Doch Hedwig hatte ein Kopftuch auf

Und lachte mit ihrem traurigen Mund

Und dann wurde ihr Kopf kugelrund

Hedwig fuhr mich durch Wiesen und Schlacke

Und zeigte mir Höfe und Zechen

Hedpich Hedpich rief ich dann immer

Denn ich konnte das W noch nicht sprechen

Und wenn sie lachte dann lachte ich mit

Und wenn ich weinte dann weinte sie auch (...)

Hedwig Hedwig wo fährst du mich hin

Zu den Schwänen wohl auf dem Teich

Und die Schwäne kamen im Fluge herbei

Und waren so stolz und so bleich

Und wir fütterten sie und wir freuten uns

Vergaßen Welt und Gebrechen

Hedpich Hedpich juchzte ich dann

Denn ich konnte das W noch nicht sprechen ...

Schon kurz darauf, Hanns Dieter war vier Jahre alt, hat das Schicksal besonders hart zugeschlagen, als seine Mutter an einer schweren Krankheit zu leiden begann. Adele Hüsch, die schöne Frau, die "wie eine Zigeunerin" aussah und so gerne lachte, war