Die Zeitzeugin - Gerd Laudert - E-Book

Die Zeitzeugin E-Book

Gerd Laudert

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Beschreibung

Ursula Rumin, 1923 in Langenbielau (Niederschlesien) geboren, hat ein ungewöhnliches und kein einfaches Leben geführt: Sie war Tänzerin, Vertriebene (1946), Mutter zweier nicht bei ihr aufwachsender Söhne. Sie war Drehbuchautorin in (Ost-) Berlin, 1953 Gefangene in einem russischen Straflager, 1954-59 Partnerin eines umtriebigen Publizisten in einer herausfordernden Ehe. Ab 1962 arbeitete sie erfolgreich als TV-Redakteurin bei der Deutschen Welle/TV. Seit den späten 1990er Jahren veröffentlichte sie als Zeitzeugin eine Vielzahl überwiegend autobiografischer Bücher, in denen sie auf ihr bewegtes Leben und auf die Zeitumstände zurückblickt. Ursula Rumin starb 2017 in Köln.

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2022

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In memoriam

Anke Ruhm (1955–1997)

INHALT

Einleitung

I.

„Ich möchte Tänzerin werden.“ (1923-1949)

II.

„Berlin - du Stadt meiner Träume!“ (1950–1952)

III.

Im FrauenGULag am Eismeer (1952–1954)

IV.

Kalter Krieg und Trauschein ohne Ehe (1954–1956)

V.

„Auch ich habe viel zu sagen!“ (1956–1959)

VI.

Silver Award und Verdienstorden: Die Redakteurin (1960–1984)

VII.

Die Malerin, Autorin, Zeitzeugin (1985–2017)

VIII.

Zwei Rückblicke

Anhang

Einleitung

Februar 2016, Köln-Rodenkirchen. Ursula, bereits über neunzig Jahre alt, lebt in einer Wohnanlage für Senioren im Süden der Stadt, nahe am Rhein.

In ihrer kleinen, mit vielen persönlichen Dingen geschmückten Wohnung lebt sie - wie fast zeitlebens - allein, doch hat sie sich diese ruhige, im fünften Stock gelegene Unterkunft mit dem weiten freien Blick sehr bewusst ausgesucht.

In ihrem Wohnzimmer umgeben sie zahlreiche eigene Werke: farbenfrohe Aquarelle und Ölbilder, sowie Bücher, von denen fast ein Dutzend ihren Verfassernamen tragen: Ursula Rumin. Eines dieser Bücher heißt "Im Frauen-GULag am Eismeer." Es berichtet von einer besonderen, der schlimmsten Zeit ihres Lebens.

Dazu kommen Schwarzweiß-Fotos, auf denen man Ursula (sie wird meist Ula oder Uli genannt) als junge Tänzerin sieht. Andere Fotos zeigen ihre "großen Jungs", die 1941 und 1947 geborenen Söhne - und die Redakteurin in ihrem Kölner Studio. Eines zeigt Niko, den schwarzen Riesenschnauzer, der Ursula in den 1980er Jahren den Ausstieg aus dem Berufsleben erleichtert und verschönert hatte.

Vom Balkon aus kann man bei guter Sicht in der Ferne die Hügelkette der Eifel erkennen und zur Linken einen Teil des Siebengebirges.

Seit mehr als fünfzig Jahren lebt Ursula in dieser Stadt am Rhein. Nach dem Mauerbau 1961 war sie von Berlin nach Köln übergesiedelt, weil sie sich in West-Berlin nicht mehr sicher genug fühlen konnte. - Die Domstadt ist ihr vertraut. Hier hat sie früher schon einmal gewohnt, mit ihrem Mann Joseph. Zwar wurde das kleine möblierte Zimmer, das Joseph Mitte der 1950er Jahre vor allem wegen der Nähe zu seinem Verlag gemietet hatte, nur selten einmal für längere Zeit gemeinsam genutzt. Doch war diese Unterkunft in Köln-Bayenthal die einzige eheliche Wohnung der beiden. Die längste Zeit ihrer Ehe lebte Joseph in seinem Geburtsort Kasbach bei Linz am Rhein, seine Frau dagegen in einer Wohnung "der Engländer" in Solingen, später in Berlin.

Jeden Freitagabend sitzt Ursula vor ihrem großen PC-Monitor und skyped mit ihrem zweitgeborenen Sohn, der heute in Kanada lebt. Fast 60 Jahre lang wusste sie nicht, konnte sie nicht wissen, wo er sich aufhält, wie und wo er lebt. Ein ihr nicht bekanntes Ehepaar, wie bei anonymen Adoptionen üblich, hatte ihren damals vierjährigen Sohn 1951 adoptiert, wozu Ursula schweren Herzens ihr Einverständnis gab. Der leibliche Vater, ein Student aus Bulgarien, den sie kurz nach dem Krieg in München kennen lernte, war seit dem Bekanntwerden der Schwangerschaft auf und davon gegangen.

2008 fand Ursula ihren verlorenen Sohn nach langer Suche glücklich wieder. Erst nach dem Tod der Adoptiveltern hatte sie begonnen, nach ihm zu forschen, zunächst erfolglos.

Etwa 70 Kilometer von Köln aus rheinaufwärts, wo südlich von Bonn in Höhe des Siebengebirges der "romantische" Abschnitt des Rheintales beginnt (und noch weiter im Süden, bei Koblenz, das berühmte "Tal der Loreley"), liegt das Dörfchen Kasbach. Hier hatte Joseph Schölmerich 1913, am Vorabend des ersten der später so genannten Weltkriege, das zu jener Zeit eher bedrohlich flackernde als freundlich-helle Licht der Welt erblickt. Am Ufer des Rheins hatte er, ein Lausebengel, wie er im Buche steht, seine Kindheit und Jugendzeit verbracht.

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Linz nahm Joseph (von Freunden meist "Jo" genannt) an der Bonner Universität ein Medizinstudium auf. Hier begann, im Sommer 1932, seine politische Phase, seine Begegnung mit linken, darunter vielen jüdischen Studentinnen und Studenten, seine Begegnung auch mit den sich immer aggressiver gebärdenden Sympathisanten des Nationalsozialismus. In Bonn startete Josephs wechselvolles, widerständiges, sein rastlos-unruhiges Leben, das ihn in der NS-Zeit für mehrere Monate zu einem Gefangenen der Gestapo und in den frühen 1950er Jahren, nach seiner Abkehr vom DDR-Stalinismus, zu einem Opfer stalinistischer Verfolgung werden ließ: Unter dem sowjetüblichen Vorwurf der Spionagetätigkeit wurde er für mehrere Jahre nach Workuta deportiert, in eines der berüchtigten Arbeitslager des GULag.

Ursula Rumin und Joseph Schölmerich lernten einander Ende 1953 kennen, in einem Sammellager in der Ukraine. Im Rahmen einer ersten großen Amnestie nach dem Tod Stalins waren sie in einem Heimkehrer-Transport aus Workuta nach Deutschland unterwegs. In den frühen 1950er Jahren waren beide von einem sowjetischen Militärtribunal zu Zwangsarbeit verurteilt worden, Joseph zu 25, Ursula zu 15 Jahren. Einen Teil ihres Lebens hatten sie in der Eishölle von Workuta verbringen müssen, zeitweise weniger als drei Kilometer voneinander entfernt, wie sie später erfuhren.

Als Ende 1954 in London Josephs Buch "Die Toten kehren zurück. Bericht eines Arztes aus Workuta" erstmals publiziert werden sollte, änderte der englische Verlag den für britische Leser unaussprechlichen Namen Schölmerich um in den Autorennamen Joseph Scholmer.

Auch Rumin ist ein Künstlername. Als Ursula 1923 in Niederschlesien, nahe Breslau, geboren wurde, hieß sie Ursula Ruhm. Mit zwei Brüdern wuchs sie im Weberdorf Langenbielau am Fuße des Eulengebirges auf. Schon als Jugendliche begeisterte sie sich mehr für das Tanzen als für die auf Wunsch des Vaters begonnene kaufmännische Ausbildung. 1944 wurde sie in das bekannte Hiller-Ballett aufgenommen, das zu dieser Zeit in Breslau gastierte. Für ihre seitdem herbeigesehnte Tanzkarriere legte Ursula sich den Künstlernamen "Uliana Rumin" zu, denn der strenge Vater hatte ihr verboten, als Tänzerin unter ihrem bürgerlichen Namen aufzutreten. Nach der Vertreibung aus Schlesien im April 1946 und nach dem Ende einer kurzen Karriere als Solotänzerin ging Ursula Anfang der 1950er Jahre nach Berlin - und geriet dort zwischen die Fronten des Kalten Krieges.

Ursula Ruhm und Joseph Schölmerich, Ursula Rumin und Joseph Scholmer, „Ula“ und „Jo“ begegneten einander erstmals am Lagerzaun in Almasnaja (Ost-Ukraine), der das Männerlager vom Frauenlager trennte. Kaum vier Monate später, im April 1954, heiirateten sie.

In diesem Buch wird die Lebensgeschichte von Ursula und deren kurze Ehe mit Joseph erzählt - die kaum eine war, denn auch als Paar lebten die beiden meist getrennt. Erzählt wird vom ungewöhnlichen Leben zweier "Spätheimkehrer" aus Russland, deren Ehe (-Versuch) aufgrund nicht kompatibler Lebensentwürfe schon bald scheitern, als ein großes Missverständnis erscheinen musste, wenngleich dieser Versuch, nach den traumatischen Erfahrungen beider in Ostberliner Gefängnissen und in Workuta, mit großen Hoffnungen und Erwartungen begonnen hatte.

Das Buch schildert auch das Erwachen und das mehr oder weniger tragische Scheitern von großen, vielleicht zu großen Lebensträumen. Es geht um zwei durch außergewöhnliche Höhen und Tiefen gelebte Leben. Ula und Jo - die "Großfürstin" (so nannte Joseph sie) und der "rote Doktor" (so nannten andere ihn) - sind in vielerlei Hinsicht gegensätzlich denkende und fühlende Menschen, die für wenige Jahre den Versuch unternahmen, ein gemeinsames Leben zu führen.

Eine Biographie über Joseph Scholmer erschien bereits 2019 (unter dem Titel „Der rote Doktor“). Im vorliegenden Buch wird das Leben von Ursula Rumin erzählt, darin auch ihr wechselvolles Leben vor Workuta und nach ihrer kurzen Ehe mit Joseph Scholmer.

Ein Hinweis zu den im Buch verwendeten Quellen

Als eine sehr rüstige 92jährige Seniorin stand Ursula Rumin dem Verfasser dieses Buches für Gespräche und Recherchen zur Verfügung. Sie war zudem gerne bereit, ihm neben sämtlichen Veröffentlichungen auch ihr privates Archiv - Tagebücher, Briefe, Fotos und andere Dokumente - zugänglich zu machen. Das geschah vor dem Hintergrund einer verwandtschaftlichen Verbindung zwischen ihr und dem Autor. (1)

Daher basieren die biographischen Angaben im Buch sehr weitgehend auf authentischen, wenngleich zum Teil auf mehr oder weniger subjektiv gefärbten Quellen. Doch konnte daneben auch ein Blick Dritter, etwa der oft sehr kritische Blick Joseph Schölmerichs auf seine zeitweilige Lebenspartnerin, aber auch der einer langjährigen Freundin in die Darstellung einbezogen werden, ebenso die Sichtweise von Familienangehörigen und, nicht zu vergessen, der teilweise recht kritische Blick journalistischer KollegInnen.

Eine Fülle biographischer und zeitgeschichtlicher Dokumente von und über Ursula Rumin (Tagebücher, Manuskripte, Briefe, digitalisierte Archivalien, Fotos) konnte im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde eingesehen und ausgewertet werden, zum Thema „Workuta“ auch das „Gulag-Archiv“, das zum Bestand der Bundesstiftung zur Aufarbeitung des SED-Diktatur gehört.

So ist das hier vorgelegte Buch über den Lebensweg einer Frau, die bereits selbst in zahlreichen Büchern über sich und ihre bewegte Vergangenheit berichtet hat, ein weiterer, jedoch mehr von außen auf sie blickender Versuch einer Annäherung an die Journalistin, Autorin und Zeitzeugin Ursula Rumin.

Anmerkungen zur Einleitung

(1) An dieser Stelle eine persönliche Anmerkung des Buchautors: Ursula Rumin geb. Ruhm war die Tante und Taufpatin meiner 1955 geborenen und 1997 verstorbenen ersten Ehefrau Anke Ruhm. Das von mir ursprünglich geplante Projekt einer Doppelbiographie über Ursula Rumin und Joseph Schölmerich stieß bei Verlagen jedoch auf Skepsis und konnte daher nicht realisiert werden. Vor allem Frau Rumin sei als Autorin und Zeitzeugin zu wenig bekannt, hieß es. So konnte ich statt einer Doppelbiographie zunächst nur eine Biographie über Joseph Schölmerich veröffentlichen, die 2019 im Metropol Verlag (Berlin) erschien: Der rote Doktor. Arzt, Kommunist, Antistalinist, Autor. Joseph Schölmerich (1913–1995).

I. „Ich möchte Tänzerin werden!“

(1923–1949)

“Hurra, ich werde Hiller-Girl!“

“Dann nehmen Sie doch mich, und lassen Sie meinen Bruder in Ruhe!“

„Mit Entsetzen sehe ich ein Messer nach dem anderen auf mich zufliegen. Mit klatschendem Geräusch bohren sie sich neben meinem Körper in die Holzwand. Ich spüre den leichten Luftzug an meiner Haut. Nichts weiter ist zu hören als dieses Geräusch.“

(Ursula Rumin 1944, 1948, 1952)

Joseph Schölmerich war schon 10 Jahre alt, hatte gerade die ersten Monate am Humanistischen Gymnasium zu Linz am Rhein erfolgreich absolviert, da kam am 2. Dezember 1923 im kleinen niederschlesischen Dorf Faulbrück nahe Breslau, weit im Osten des Deutschen Reiches, das Mädchen Ursula Ruhm zur Welt.

Im Gegensatz zu Joseph, dessen Vater bereits früh starb, wuchs Ursula in einer Familie auf, in der beide Eltern sich um die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder kümmern konnten. Richard, der strenge, leicht aufbrausende Vater, war kriegsversehrt: Nachdem er im Ersten Weltkrieg, in der Schlacht von Verdun, schwer verwundet worden war, hohen Blutverlust und zusätzlich Wundbrand erlitten hatte, hatte man ihm seinen linken Arm amputieren müssen. Dora, die Mutter, war eine liebevolle, vielseitig interessierte und engagierte Frau.

Ursula wuchs mit zwei Brüdern auf, dem drei Jahre älteren Jochen und dem zwei Jahre jüngeren Horst. 1928 zog die Familie aus Faulbrück in das nahe gelegene einstige Weberdorf Langenbielau, wo die Kinder im Spielmannweg für einige Jahre eine behütete, unbelastete Kindheit verleben konnten. (Langenbielau war der Schauplatz, den der Dramatiker Gerhart Hauptmann für sein 1893 uraufgeführtes Schauspiel “Die Weber“ ausgewählt hatte.)

Richard und Dora konnten sich an ihrem neuen Wohnort den Wunsch erfüllen, in einem eigenen und zudem geräumigen Haus zu wohnen. Ab 1928 nahmen sie auch Doras Mutter Clara bei sich auf und ermöglichten es ihr, nach einem ungewöhnlich harten, entbehrungsreichen Leben, das Ursula schon als Kind sehr beeindruckte, ihre letzten Jahre im Ruhm´schen Familienhaus zu verbringen. Clara, geboren 1858, starb 1931.

Es ist ein Glücksfall für einen Biographen, wenn über die Personen, deren Leben er schildern möchte, authentische lebensgeschichtliche Dokumente vorliegen, etwa Briefe, Tagebücher und Fotos. Im Fall des Joseph Schölmerich konnte neben autobiographischen Niederschriften auch eine von seinem Bruder Paul schriftlich verfasste „Rückschau auf neun Jahrzehnte“ genutzt werden. Ebenso kann der Verfasser im Zusammenhang mit Ursulas Biographie - hier sogar in noch größerem Umfang - auf persönliche Zeugnisse und Aufzeichnungen zurückgreifen: Sowohl Großmutter Clara als auch Mutter Dora hinterließen sorgfältig geführte Tagebücher, die einen tiefen, oft berührenden Einblick in Lebens- und Zeitumstände der Familie gewähren. Doras Tagebuch erzählt auch von der Kindheit und Jugend ihrer einzigen Tochter Ursula. Es kann kaum überraschen, dass Ursula den Beispielen folgte und selbst zu einer leidenschaftlichen Tagebuch-Schreiberin wurde.

Die Enkelin erinnert sich an die Clara ihrer Kindheit mit großer Achtung und Bewunderung. 1928 hatte das damals vierjährige Mädchen die Großmutter als eine “verhärmte alte Frau“ kennen gelernt. Sie bewohnte im neuen Haus in Langenbielau ein eigenes Zimmer im Erdgeschoss, das die Enkel immer erst dann betreten durften, wenn Clara mit einem deutlichen “Herein!“ ihre Erlaubnis bekundet hatte.

Erst sehr viel später, Mitte der 1970 Jahre, als Ursula zum ersten Mal in Claras Tagebuch lesen konnte, erfuhr sie Näheres über das harte Leben, vor allem über die unglückliche Ehe ihrer Großmutter am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Alter von 24 Jahren war Clara mit einem deutlich älteren Mann verheiratet worden, der, herrisch und lieblos, ihre Ehe zu einem einzigen Leidensweg machte. Doch blieb sie stark, wenn auch oft der Verzweiflung nahe, und kämpfte für sich und ihre Kinder. Allein sie sorgte und kümmerte sich liebevoll um den Nachwuchs: um Dora, 1894 geboren, das Nesthäkchen Hanne, Claras “Herzenskind“, und zwei Söhne. Auf ihre Jungen war Clara besonders stolz; umso mehr schmerzte es sie, dass beide im dritten Jahr des Ersten Weltkriegs zu Tode kamen. “Zwei gute ehrliche Jungen musste ich hingeben. Ob solche Opfer das Vaterland wert war?“ schrieb sie in ihr Tagebuch.

Bemerkenswert ist eine Äußerung Ursulas aus dem Jahr 2007, als sie selbst schon 80 Jahre alt war. In der Einleitung zu ihrem Buch “Die Kraft zu leben“, womit aus den persönlichen Tagebüchern dreier Frauen (Großmutter, Mutter und Tochter) ein eindrucksvolles, drei Generationen umfassendes Buch entstanden war, heißt es: “Wenn ich mich mit Clara vergleiche, so stelle ich fest, dass ich ihr äußerlich und im Charakter ähnlich bin. Auch ich bin zäh, wie mein langes Leben beweist; auch ich setze mir Ziele, gebe nicht so schnell auf ...“ (1)

Im Langenbielauer Spielmannweg 3 konnten die Geschwister Jochen, Ursula und Horst am Ende der 1920erJahre ein schönes Zuhause genießen, mit viel Platz zum Spielen. So gab es zum Beispiel einen großen Sandkasten hinter dem Haus, wo sie im Sommer, am liebsten barfuß und mit Badesachen bekleidet, mit Hilfe der Gartenpumpe das Wasser aus sechs Metern Tiefe nach oben pumpten, um es dann zum Bau der schönsten Sand- und Wasserburgen zu verwenden. Verlockend war auch das Getreidefeld gegenüber, weil man dort im Herbst in den schräg aufgestellten Garben herrlich Verstecken spielen konnte.

Am 14. August 1929 schauten die Langenbielauer Kinder und sicher auch viele Erwachsene gespannt zum Himmel, bestaunten ein seltsames Flugobjekt, das mit tiefem Brummen über die Köpfe hinweg glitt: Ein Zeppelin flog an diesem Tag von Breslau aus in gemächlichem Tempo am Eulengebirge entlang.

Jochen, der Älteste, war ein lebhafter, immer zu Streichen aufgelegter Junge. (“Ein rechter Flegel …“ schrieb Dora. “Nichts ist vor ihm sicher.“) Horst dagegen war eher ruhig und brav, gesundheitlich anfällig und manchmal ein wenig ängstlich. Und zwischen beiden: Ursula, das hübsche Mädchen in der Mitte.

1930 kam sie in die Schule, doch erwiesen sich in den folgenden Jahren die schulischen Pflichten nicht unbedingt als das, was Ursula wirklich begeistern konnte. Ihrem Bruder Jochen ging es ähnlich.

Richard, ein gebürtiger Schlesier, seit 1931 Oberbuchhalter in der Textil-Firma Dierig, und Dora, mütterlicherseits ebenfalls von Schlesiern abstammend, hatten sich nach Kriegsende in Magdeburg kennen gelernt, wo Richard zu dieser Zeit noch wohnte, nachdem er 1914 als Soldat dort stationiert worden war. Bereits ein Jahr später - Jochen war unterwegs - heirateten die beiden.

Dora war in Württemberg geboren, musste aber wegen der beruflichen Unstetigkeit ihres Vaters häufige Wohnortwechsel verkraften. 1914 ging ihr eine wichtige Freundschaft verloren, fast eine Verlobung. Sie hatte einen jungen Japaner kennen gelernt, der als Kunstmaler in der ganzen Welt unterwegs war: Hisa Hibino, ein “interessanter junger Mann aus guter Familie“. Bei Kriegsbeginn hatte er Deutschland verlassen müssen.

Auch Dora selbst, ausgebildet als Fremdsprachenkorrespondentin, aber aus Neigung überwiegend als Sportlehrerin tätig, war ein künstlerisch begabter Mensch. Sie konnte Violine, Klavier und Mandoline spielen. Ihr besonderes Interesse galt dem Turnsport, vor allem der rhythmischen Gymnastik und dem Ausdruckstanz. Begeistert war sie von der damals berühmten Tänzerin Mary Wigman, die sie einmal - 1935 in Breslau - sogar auf der Bühne erleben durfte. “Der Tanzabend war für mich eine Offenbarung. Sie tanzt so wie, ich es gern täte, sehr geschmeidig und mit ballettartigen Elementen. Das möchte ich auch können“, notiert Dora im Tagebuch. (2)

In Langenbielau arbeitete sie als ehrenamtliche Übungsleiterin für Frauenturnen und Gymnastik, beschäftigte sich intensiv mit der Entwicklung einer speziellen Gymnastik für Kinder mit Haltungsschäden. Dora war eine vielseitig begabte, vielfältig engagierte und emanzipierte Frau. Zwischen ihrem manchmal sehr impulsiven, leicht aufbrausenden Ehemann und den Kindern wusste sie geschickt zu vermitteln, wenn Richard wieder einmal allzu streng und ungeduldig mit ihnen war.

Die relativ unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit der drei Geschwister und ebenso das vor allem dank Dora meist harmonische Familienleben wurden ab den frühen 1930er Jahren mehr und mehr durch veränderte politische Rahmenbedingungen beeinträchtigt. Anfangs geschah das unmerklich und unspektakulär. Vermutlich nahm man die nationalsozialistische Bewegung nicht ernst genug, die Anfang der 1920er Jahre von München ausgegangen war und seither mehr und mehr im ganzen Reich ihre Spuren hinterließ, so auch in Langenbielau. Später jedoch führten die politischen Veränderungen nicht nur auf der Straße, sondern auch innerhalb von Familien zu Spannungen und Auseinandersetzungen. Nach Hitlers sogenannter “Machtergreifung“ 1933 nahmen nationalsozialistische Propaganda und Gesetzgebung deutlich zu und begannen, durchaus polarisierend, nicht nur auf das öffentliche Leben, sondern ebenso auf die innerfamiliären Verhältnisse einzuwirken. Vielleicht hatten Richard und Dora, die selbst weitgehend immun waren gegenüber der braunen Weltanschauung, die Gefahren unterschätzt, die von vermeintlich harmlosen nationalsozialistischen “Freizeitangeboten“ für Kinder und Jugendliche ausgehen mussten. Besonders labile Jungen wie der stille und etwas ängstliche Horst waren empfänglich für die anfangs nur subtil propagandistischen Lock-Angebote der “Hitler-Jugend“ und für deren sonstige alters- und flächendeckend gezielt offerierten Organisationsformen und Veranstaltungen.

Abb. 1:

Ulla und ihr Bruder Horst (1933)

Aufmerksam registriert Dora im Tagebuch, wie die Nationalsozialisten an Einfluss gewinnen, doch schätzt sie, wie auch Richard, deren Erfolgsaussichten und damit die Gefahr, die von ihnen ausgeht, eher gering ein. Noch 1933, nach Hitlers “Machtergreifung“, schreibt sie: “Hitler bezeichnet sich als ‘von der Vorsehung berufen´. Er verspricht uns ein besseres Leben in der Zukunft. Ich glaube, der Kerl spinnt! Er soll in Landsberg in Festungshaft gesessen und während dieser Zeit ein Buch geschrieben haben, ´Mein Kampf´. Bei den Reichstagswahlen 1930 hat Richard die SPD gewählt, er sagte damals: ‘Die Nazis halten sich nicht lange, das sind doch alles dumme Jungen´.“

So hatte Dora zunächst auch keine Einwände, als Jochen der Hitlerjugend beitrat, wie alle Jungen seiner Klasse. Sie sah darin sogar einen Vorteil für ihren pubertierenden, oft mit Freunden “herumstreunenden“ Sohn: so seien die Jungs doch wenigstens “von der Straße“.

Ursula dagegen, anders als die meisten Mädchen ihrer Klasse, weigerte sich hartnäckig, in den Bund deutscher Mädel einzutreten. “Sie hasst alle größeren Zusammenkünfte“, schreibt Dora. Nun wurde der Familie angekündigt, man werde ihre Tochter künftig in den Pflicht-BDM (den „Bund deutscher Mädel“) abholen.

Ab 1934 ändert sich Doras anfangs eher indifferente Haltung: “Im Ort gibt es den ersten SA-Mann in brauner Uniform ... Und die Nazis im Ort werden immer mehr... Auch an die Kinder machen sie sich mehr und mehr ran, auf Plakaten heißt es: ´Die Jungen gehören in die Hitlerjugend, die Mädchen in den BDM, die Frauen in die Reichsfrauenschaft.´ Das öffentliche Leben verändert sich dadurch spürbar.“

Richard sehe bereits schwarz für die Zukunft, so Dora. Er halte Hitler für größenwahnsinnig. Reichspropagandaminister Goebbels sei in Richards Augen nur noch “der Mann mit der großen Schnauze“. Dora, die sich selbst im Vergleich zu Richard als eher unpolitisch einschätzt, bleibt eine aufmerksame Beobachterin: “Neben den braunen SA-Uniformen tauchen jetzt auch die schwarzen SS-Uniformierten auf ... Bei ihren Märschen auf der Straße führen die SA-Leute Standarten mit sich. Dabei grölen sie: ´SA marschiert mit ruhig festem Tritt´. - Wir haben jetzt einen Ortsgruppenleiter der NSDAP, der die Bevölkerung kontrolliert, ja, man kann schon sagen, überwacht ... Eine Führerin der NS-Frauenschaft war dieser Tage bei mir und drängte mich, der Frauenschaft beizutreten. Ich schützte viel Arbeit bei den Turnern vor ...“

Als Horst sich Ende 1936 für das “Jungvolk“ begeistert, sind beide Eltern zunächst ähnlich sorglos wie bei Jochens Eintritt in die Hitlerjugend, selbst dann noch, als sie erfahren, dass die Jungen bereits “geschult“ werden. Sie freuen sich darüber, dass aus ihrem “Horstl“, der immer ein stilles, in sich gekehrtes Kind war, nun plötzlich ein “zackiger Junge“ geworden ist. Zwar ist Richard wütend darüber, dass Horst ihnen jetzt ständig den Hitlergruß vorführt, doch fühlen sie sich als Eltern weitgehend machtlos. (3)

Auch Ursula ist inzwischen kein Kind mehr, das am liebsten mit ihren Puppen spielt. Anfang Dezember 1937 wurde sie vierzehn. Das Gymnasium hat Ursula auf eigenen Wunsch verlassen, auch weil es nach ihrer Rückkehr von einem mehrmonatigen Aufenthalt bei Verwandten in Bremen einige schulische Schwierigkeiten gegeben hatte. Mit Freude und auch mit Ehrgeiz nahm sie dagegen bei einer Ballett-Meistern in Breslau an dem dort angebotenen Unterricht teil.

Ursula, inzwischen im Besitz der Mittleren Reife, soll nun auf Wunsch des Vaters eine dreijährige kaufmännische Ausbildung absolvieren, vielleicht bei der Textilweberei-Firma Dierig in Langenbielau, wo auch Richard beschäftigt ist. Danach könnte sie Stenotypistin werden. Auch eine Handelsschule soll die Tochter auf Wunsch ihrer Eltern besuchen und dort Stenographie, Schreibmaschine und Buchführung lernen. Ursula ist einverstanden, wenn auch nicht sonderlich begeistert. Auf dem Gymnasium wollte sie ohnehin nicht bis zum Abitur bleiben, sie will nicht - wie Dora es gern gesehen hätte - studieren, sondern lieber gleich einen Beruf erlernen.

In dieser Zeit der noch unsicheren Zukunftsplanungen vertraut sich Ursula eines Tages ihrer Mutter an: “Ich möchte Tänzerin werden!“ Dora ist davon weit weniger überrascht als Richard, denn sie hat längst bemerkt, dass Ursula nicht nur große Freude, sondern auch viel Talent bei sportlichen und tänzerischen Bewegungen zeigt. Zu ihren Frauengymnastik-Abenden hatte sie Ursula oft mitgenommen, und das Mädchen turnte die neuen Übungen immer sehr gekonnt vor. Zudem sind Mutter und Tochter begeisterte Rollschuhläuferinnen, auch hier zeigt sich bereits nicht nur Ursulas sportliche, sondern auch ihre tänzerische Begabung. Ende der 1930er Jahre erringt Ursula Ruhm den Titel einer schlesischen Jugendmeisterin im Rollkunstlauf.

Anfang 1938 meldet sich Jochen ohne Wissen der Eltern freiwillig zur Marine. Nach dem für junge Männer verpflichtenden Halbjahr im Reichsarbeitsdienst würde man ihn dort umgehend übernehmen. Ursula hat inzwischen in Langenbielau ihre kaufmännische Lehre begonnen.

Im Sommer 1938 wurden eine unbedachte NS-kritische Äußerung und eine damit verbundene Denunziation Dora zum Verhängnis. Sie hatte sich im Jahr zuvor einmal abfällig über die Nazi-Größen Goebbels und Göring geäußert, an den Wortlaut konnte sie sich nachher gar nicht mehr erinnern. Ein Nachbar zeigte sie daraufhin wegen Volksverhetzung an, und Dora wurde prompt verurteilt: wegen einer “vorsätzlich unwahren Behauptung, die geeignet ist, das Wohl des Reiches und das Ansehen der Reichsregierung schwer zu schädigen“. Nach einer zweiwöchigen Untersuchungshaft in der Kreisstadt Reichenbach kam sie zum Vollzug der Strafe für drei Monate ins Gefängnis nach Schweidnitz.

In der Zeit ihrer Haft habe sie über vieles nachdenken müssen, schreibt Dora im Rückblick, über ihre Familie, über die Entwicklung der Kinder, auch über den Fortgang der Naziherrschaft. Sie empfinde es als ein sehr beunruhigendes Zeichen, dass man wegen ein paar harmloser Worte für Monate ins Gefängnis gesteckt wird.

Nach ihrer Haft in Schweidnitz erfuhr Dora, was während dieser Zeit in Langenbielau passiert war: “Vom 9. zum 10. November wurden hier im Ort die Schaufensterscheiben von drei Geschäften eingeschlagen und die Auslagen verwüstet. Es waren Geschäfte von Juden, bei einem von ihnen haben wir immer unsere Kleidung gekauft ... Im Radio wurde bekanntgegeben, dass in dieser Nacht in ganz Deutschland die Synagogen in Brand gesteckt worden sind ... Hitlers Begründung: ´Spontane Empörung der Bevölkerung über das von einem jüdischen Terroristen verübte Attentat auf den deutschen Gesandten von Rath in Paris.´ - Jeder hier weiß, daß dies eine befohlene Aktion der Nazis gegen die Juden war. Wohin soll das noch führen?“ (4)

Horsts Begeisterung für die Hitlerjugend blieb indessen ungebrochen. Besorgt registrierte Dora Anfang 1939 in ihrem Tagebuch, Horst sei nun fast keinen Nachmittag mehr zu Hause, sondern treffe sich gleich nach den Schularbeiten mit Gleichgesinnten. “Das Jungvolk, wie sie sich nennen, beansprucht ihn mehr, als uns lieb ist.“

Kurz darauf wurde Horst in die Hitlerjugend aufgenommen, die Organisation für Jungen ab dem 14. Lebensjahr. Stolz trug er den Eltern seine Verpflichtungserklärung vor: “Ich verspreche, in der Hitlerjugend allzeit meine Pflicht zu tun in Liebe und Treue zu Führer und Fahne.“

Seit Juli 1939 gehörte Jochen zur Besatzung eines Schlachtschiffes, des schweren Kreuzers “Admiral Hipper“. Seine erste Fahrt auf diesem erst ein Jahr zuvor in Dienst gestellten Kreuzer mit 1660 Mann Besatzung ging nach Schweden und Russland.

Im Sommer desselben Jahres darf Ursula zum ersten Mal eine Tanzschule besuchen; ihr Partner („Tanzherr“) Bernd ist ein 17-jähriger Junge aus Reichenbach. “Die beiden scheinen sich auch außerhalb der Tanzstunden zu treffen“, schreibt Dora. “Sie mögen sich, wie Ula mir gestand. Im nächsten Februar soll der Abschlussball stattfinden.“

Für Ende August 1939 war in dem Städtchen Langenbielau ein großes Ereignis geplant: die Aufführung des berühmten Dramas “Die Weber“, in dem der Dichter Gerhart Hauptmann schildert, wie in dem einstigen Weberdorf 1844 ein Aufstand der hier ansässigen Weber blutig niedergeschlagen wurde. Viele Langenbielauer waren als Komparsen engagiert, darunter auch Dora und Ursula. Zur Generalprobe kam Hauptmann persönlich nach Langenbielau. Dora beschreibt, wie der berühmte Mann “in derber Sportkleidung, mit Knickerbockerhosen“ auf einer erhöhten Terrasse stand und wie “sein volles, weißes Haar wie reifes Wollgras im Sommerwind wehte.“

Doch die geplante Aufführung der “Weber“ konnte in jenen August-Tagen schon nicht mehr stattfinden: “In der Nacht zum Freitag, dem 26. August, haben Polizei und Hitlerjugend erste Gestellungsbefehle erteilt - der Krieg mit Polen steht bevor! ... Es herrscht eine gedrückte Stimmung, wohin man auch kommt. Was soll nun werden?“

“1. September 1939, Sondermeldung im Radio: Heute ist die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert, der Zweite Weltkrieg hat begonnen! ... Was haben Hitler und seine Genossen vor?“

Der Überfall auf Polen markierte den Beginn eines Krieges, den Hitler von Anfang an als einen gnadenlosen Eroberungs- und Vernichtungskrieg plante.

Eine Woche zuvor hatten Deutschland und die Sowjetunion, zur Überraschung der Weltöffentlichkeit, den “Hitler-Stalin-Pakt“ geschlossen, in dem sich beide Seiten im Kriegsfall zu “wohlwollender Neutralität“ verpflichteten - und in dem Hitler und Stalin mittels eines geheimen Zusatzprotokolls bereits Polen unter sich aufteilten.

Aufgrund der anfänglichen “Blitzkrieg“-Erfolge Hitlers in Polen und später auch an der sogenannten Westfront ist auf deutschem Gebiet von den fatalen Vorgängen lange Zeit noch nicht viel zu spüren.

In den ersten Monaten üben Dora und Ursula den Stepptanz. “Wir können den Krieg nicht aufhalten!“ so Doras Kommentar. Fast täglich trainieren Mutter und Tochter nach Schallplattenmusik auf einer großen Spanplatte, die sie auf den Fußboden gelegt haben. Im Dezember 1939 und im Februar 1940 tritt Ursula bei Bunten Abenden als Solo-Stepptänzerin auf - mit großem Erfolg. Manchmal tanzen die beiden auf der Bühne auch gemeinsam: “Rassig und temperamentvoll steppten Mutter und Tochter - Frau und Fräulein Ruhm - das Spatzenkonzert und wurden zu Zugaben gezwungen“, schreibt die Reichenbacher Zeitung im März 1940.

In diesen Wochen und Monaten sitzt Richard jeden Abend vor dem Radio, über sich und dem Gerät eine dicke Decke, die jedes Geräusch schlucken soll. Er hört die Abendnachrichten von BBC, die so anders klingen als die Goebbels ‘ sche Propaganda, die aus dem Volksempfänger zu vernehmen sind. Fast täglich ist im Radio das Kampflied der SS zu hören: “Wir werden weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt …!“

Für Anfang 1941 hat Bernd, der inzwischen in Breslau studiert, seine Tanzpartnerin Ula zu einem Semesterball eingeladen; Dora und Richard geben ihr Einverständnis, Ula ist schon siebzehn.

Abb. 2

Ula als 17-Jährige

(1940)

„Mitten in die Kriegsmeldungen, die uns über das Radio erreichen“, schreibt Dora wenige Monate später in ihr Tagebuch, „donnerte Anfang April eine besondere, eine private Meldung: Ula ist schwanger!“

Richard tobt: “Konntet ihr nicht aufpassen?“ Ula kleinlaut: “Wie denn?“ Müßig, darüber zu streiten, wie und warum es passiert ist, nun ist “es“ passiert.

Nach ein paar Tagen kommt ein Brief des Vaters von Bernd, in dem er mitteilt, dass sein Sohn das Studium fortsetzen werde und eine Heirat nicht in Frage komme. Bernd selbst hat nach dem Bekanntwerden der Schwangerschaft die Beziehung zu Ula abrupt abgebrochen, vielleicht auch auf Druck seines Vaters abbrechen müssen.

„Am 22. Juni 1941 marschierte die deutsche Wehrmacht in Russland ein. Die Juden, die noch hier sind, müssen einen Stern aus gelbem Stoff auf ihrer Kleidung tragen; nun ist jeder Jude gekennzeichnet, die Menschen tun mir leid.“

Am 21. Oktober 1941 gegen zehn Uhr kam das Kind zu Welt. Ula war tapfer, Mutter und Kind wohlauf - so sagt man wohl ...“ (5)

Richards Zorn angesichts der von ihm als “Schande“ empfundenen Tatsache, nun Vater einer Tochter zu sein, die ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hat, sollte noch lange Zeit anhalten. Dora dagegen stand auch in dieser schwierigen Situation von Anfang an ganz auf der Seite ihrer Tochter. Sie gab Ursula zu verstehen, dass sie und Richard sich um den kleinen Ingo kümmern würden.

Am 19. Februar 1942, seinem 17. Geburtstag, eröffnet Horst seinen Eltern, dass er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hat. Er stellt Richard und Dora vor vollendete Tatsachen. Der Schock vor allem bei Richard saß tief. Sein jüngster Sohn - zur Waffen-SS!

Dora schreibt: “Richards Protest und meine Vorhaltungen nutzten nichts. Horsts Antwort auf Vatis Schimpfkanonade war: ‘Ach, du bist ja verkalkt!‘ Richard verschlug es die Sprache, er schnappte regelrecht nach Luft ... Das haben wir von unserem Jüngsten nicht erwartet!“

Bereits zwei Wochen später verlässt Horst das Elternhaus. Er ist zu einer vierwöchigen Grundausbildung nach Weimar eingezogen worden. Sehr abrupt hatte er sich von seinen Eltern verabschiedet, immer noch entrüstet darüber, dass sie ihn von seinem Vorhaben hatten abbringen wollen.

“Im Frühjahr 1942 stehen die deutschen Truppen vor den Toren Moskaus, sie haben Leningrad umzingelt und marschieren auf Stalingrad zu ...“

Anfang 1943 wird der allgemeine Kriegsdienst für Frauen eingeführt, alle arbeitsfähigen Frauen müssen in Fabriken arbeiten - wer sonst sollte für den Kriegsnachschub sorgen? Alle gesunden (das heißt alle “kriegstauglichen“) Männer sind Soldaten.

Auch Ursula wird zum Kriegsdienst verpflichtet, da sie ihr zehn Monate altes Kind nicht mehr stillt. Ingo lebt ohnehin überwiegend bei seinen Großeltern und wird von ihnen versorgt. (Auch Richard hat sich inzwischen, zur Freude von Ursula und Dora, mit seiner anfangs ungeliebten Rolle als Großvater angefreundet.)

Abb. 3

Ulas Sohn Ingo (1942)

Da Ursula “Mutter mit Kleinkind“ ist, wird sie nicht, wie die meisten jungen Frauen, als Luftwaffenhelferin eingesetzt. Man verpflichtet sie als Schreibkraft in ein Ausbildungslager der Luftwaffe nach Reichenbach, wo sie in der Schreibstube Marschbefehle für die Soldaten ausstellen muss.

18. Februar 1943: Propagandaminister Joseph Goebbels fragt die ihm zujubelnde Menge im Berliner Sportpalast: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Der aufbrausende Jubel schwillt zu einem ohrenbetäubenden ‘Jaaa!‘ an.

„Anfang Februar soll das katastrophale Ende der Schlacht um Stalingrad gewesen sein, so ein Bericht der BBC ... Am 24. und 25. Juli ist Hamburg bombardiert worden ...“

Ursula, die ihren Ballett-Unterricht in Breslau wieder aufgenommen hat, lernt eines Tages im Liebig-Theater das dort gastierende „Hiller-Ballett“ kennen. Sie ist auf der Stelle begeistert von dieser Tanztruppe, die vor allem durch Auftritte in Filmen bekannt ist - und von der Idee, vielleicht Mitglied des Hiller-Balletts werden zu können.

Abb. 4:

Familie Ruhm (v.l.: Jochen, Ursula, Richard, Dora, Horst)

Als sie den Eltern davon erzählt, beginnen diese - nach dem ersten Schock vor allem bei Richard - schließlich doch in Ruhe und gemeinsam mit Ursula zu überlegen, was das kleinere Übel für ihr Kind wäre. Wer weiß, wohin man sie in diesem immer schlimmer wütenden Krieg noch dienstverpflichten würde? Dora und Richard stimmen schließlich zu: Ursula soll bei Frau Hiller vortanzen dürfen, und Richard ist bereit, falls seine Tochter die Aufnahmeprüfung bestehen würde, den Vertrag für die noch nicht volljährige Ursula zu unterschreiben.

Das Vortanzen bei der Ballettmeisterin verläuft erfolgreich, und kurz darauf kommt der Vertrag: Laufzeit vom 1. April 1944 bis zum 31. März 1947. Herr Hiller, der offenbar über gute Kontakte zu NS-Funktionären verfügt, hat über die Reichstheaterkammer ein Engagement für sein Ballett im neutralen Schweden bekommen. Da das Hiller-Ballett zeitweise auch zur Truppenbetreuung eingesetzt wird, gilt es als “kriegswichtig“, daher werde man Ursula von ihrer bestehenden Dienstverpflichtung wohl entbinden. Richard unterschreibt den Vertrag: “Besser, Ursula wird eine Ballett-Tänzerin als eine Soldatin. Besser tanzen als für Hitler Granaten drehen.“

Beim Abschied drückt Dora ihrer Tochter ein sorgfältig mit einem Umschlag versehenes Schulheft in die Hand. Sie rät Ursula, das Heft als Tagebuch und als „Freundin“ zu benutzen, ihm alles anzuvertrauen, Schönes und Bedrückendes. Sie selbst habe gute Erfahrungen damit gemacht.

“Hurra, ich werde Hiller-Girl!“ - Mit diesen Worten beginnt das dritte Tagebuch in Ursulas Trilogie “Die Kraft zu leben“. Im Buch folgt nach den Aufzeichnungen von Clara und Dora nun Ulas Bericht über ihr Leben in den Jahren 1944 bis 1952. (6)

Das Schulheft mit dem schwarzen Wachstuchumschlag wurde tatsächlich (Dora kannte ihre Tochter gut) zum ersten von sehr vielen weiteren Tagebüchern, die Ula seitdem geschrieben hat und die sie als einen lebenswichtigen Schatz sorgfältig und lückenlos bis heute aufbewahrte.

Abb. 5

Ursula mit ihren beiden Brüdern (1943)

Im April 1944 fängt Ulas aufregendes, wenn auch zeitlich nur kurzes Leben als Hiller-Girl an, mit Auftritten in Stockholm, Göteborg und Oslo. “Vorgestern hatte das ganze Ballett einen Termin beim Königlichen Hof-Photographen, der Aufnahmen von uns für das Programmheft des Theaters machte. Im Photo-Atelier waren Scheinwerfer aufgebaut, jeder wurde ‘ausgeleuchtet´ so heißt es in der Fachsprache. - Das Ergebnis ist phantastisch: Ich sehe aus wie ein Filmstar!“ schrieb Ula begeistert.

Abb. 6–9:

Ursula als „Hiller-Girl“ in Schweden und Norwegen (1944)

Die Auftritte der Hiller-Girls in Stockholm werden allerdings ein wenig getrübt durch die zum Teil “schlechte Presse“ in der schwedischen Hauptstadt. Jeder weiß, dass das Ballett aus Hitler-Deutschland kommt. Vor allem das Stockholm Dagblatt ist nicht gut auf die Deutschen zu sprechen.

“In Göteborg haben wir mehr Erfolg mit unseren Tänzen als in Stockholm. Wir haben täglich zwei Vorstellungen, nachmittags und abends, und die Vorstellungen sind ausverkauft.“

Abb. 10

Bernd Hiller und sein Ballett

Doch währt Ulas Karriere als Tänzerin im Hiller-Ballett nur insgesamt acht Monate. Nach letzten Auftritten in Oslo - wieder vor ausverkauftem Haus - und nach mehreren Unstimmigkeiten, die im wesentlichen Herrn Hiller zuzuschreiben waren (den Ula ohnehin nicht mochte, vor allem wegen seiner sexuellen Zudringlichkeiten am Beginn ihres Engagements), wird das Ballett vor Jahresende 1944 sang- und klanglos aufgelöst. Im zerstörten Deutschland gibt es ohnehin keine Bühnen mehr, auf denen ein großes Ballett tanzten könnte. Schon Ende Oktober 1944 kehrt Ula zu ihren Eltern und zu ihrem Bübele nach Langenbielau zurück; Ingo ist wenige Tage zuvor drei Jahre alt geworden.

Bereits zum 1. November wird Ursula wieder dienstverpflichtet, im Dierig-Werk, das als Hauptsanitätspark beschlagnahmt wurde. Hier muss sie Verbandsbinden zuschneiden und verpacken. (