Der Fall in Singapur - Ross Thomas - E-Book
Beschreibung

Ross Thomas' einziger Mafia-Roman! Der ehemalige Stuntman Ed Cauthorne lebt in Los Angeles, wo er – von Panikattacken gequält – hochkarätige Oldtimer restauriert und verkauft. Bis eines Tages die Handlanger eines Mafiabosses in seiner Werkstatt stehen. Mit bewährten Methoden stellen sie eine Forderung, die keine Widersprüche zulässt: Cauthorne soll seinen Stuntman-Kollegen Angelo Sacchetti ausfindig machen. War dieser zwei Jahre zuvor nicht bei einem von Cauthorne verschuldeten Arbeitsunfall in Singapur ums Leben gekommen? Im Zuge seiner Recherchen für eine nie veröffentlichte Biografie über den amerikanischen Mafioso Joe Valechi lernte Ross Thomas nach Eigenaussage genug über die Mafia, um damit "sieben oder acht Romane" zu füllen. Entstanden ist schließlich "The Singapore Wink" der jetzt in gründlich bearbeiteter und erstmals vollständiger Übersetzung als 20. Band der gefeierten Ross-Thomas-Edition vorliegt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:338


Die Ross-Thomas-Edition im Alexander Verlag Berlin

Herausgegeben von Alexander Wewerka

Der Messingdeal. Ein Philip-St. Ives-Fall

Protokoll für eine Entführung. Ein Philip-St. Ives-Fall

Umweg zur Hölle. Ein Artie-Wu-und-Quincy-Durant-Fall

Am Rand der Welt. Ein Artie-Wu-und-Quincy-Durant-Fall

Voodoo, Ltd. Ein Artie-Wu-und-Quincy-Durant-Fall

Kälter als der Kalte Krieg. Ein McCorkle-und-Padillo-Fall

Gelbe Schatten. Ein McCorkle-und-Padillo-Fall

Die Backup-Männer. Ein McCorkle-und-Padillo-Fall

Dämmerung in Mac’s Place. Ein McCorkle-und-Padillo-Fall

Gottes vergessene Stadt · Teufels Küche · Die im Dunkeln · Fette Ernte · Der Yellow-Dog-Kontrakt · Der achte Zwerg · Dornbusch · Porkchoppers · Der Mordida-Mann · Dann sei wenigstens vorsichtig · Alle auch als eBook erhältlich!

Ross Thomas, geboren 1926 in Oklahoma, verarbeitete seine vielfältigen beruflichen Erfahrungen in seinen Politthrillern, in denen er vor allem die Hintergründe des (amerikanischen) Politikbetriebs entlarvt und bloßstellt. Ihm wurde zweimal der Edgar Allan Poe Award und mehrmals der Deutsche Krimipreis verliehen. Bis zu seinem Tod 1995 entstanden 25 Romane.

Ross Thomas

Der Fall in Singapur

Aus dem amerikanischen Englischvon Wilm W. Elwenspoek,bearbeitet von Jana Frey und Gisbert Haefs

Für Frances Phillips

Erste vollständige deutsche Ausgabe in durchgesehener Übersetzung.

Redaktion: Marilena Savino

Die gekürzte deutsche Erstausgabe erschien 1970 unter dem Titel Sing Sing Singapur im Ullstein Verlag, Frankfurt a. M./Berlin.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1969 unter dem Titel The Singapore Wink.

© 1969 by Ross Thomas

Licensed with The Estate of Ross E. Thomas

© für diese Ausgabe by Alexander Verlag Berlin 2019

Alexander Wewerka, Fredericiastr. 8, D-14050 Berlin

info@alexander-verlag.com · www.alexander-verlag.com

Umschlaggestaltung: Antje Wewerka

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-89581-520-1 (eBook)

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

1

Er war wahrscheinlich der einzige Mann, der an diesem Tag in Los Angeles Gamaschen trug. Perlgraue, die unten aus der aufschlaglosen Hose seines grauen Anzugs herausragten, der so dunkel war, dass er fast schwarz schien. Er trug ein weißes Hemd und eine sauber geknüpfte, blassgraue Krawatte, die sich etwas aufblähte, bevor sie unter einer Weste verschwand. Und da war ein Hut, aber das war nur ein Hut.

Falls einer der beiden, die aus dem Regen hereinkamen, ein Kunde sein sollte, musste es der andere sein, der Große mit den kurzgeschorenen grauen Haaren und dem spitz abgewinkelten linken Arm, als ob er ihn nicht ganz strecken könnte. Er umkreiste den Wagen langsam, öffnete eine Tür und schlug sie wieder zu, strahlte über den befriedigend dumpfen Knall und sagte dann etwas zu dem mittelgroßen Mann mit den Gamaschen, der darauf leicht die Stirn runzelte und den Kopf schüttelte.

Der Wagen, ein cremefarbener 1932er Cadillac V-16 Roadster, kam in meinen Besitz, nachdem sein Eigentümer, ein Großhändler für Lebensmittel, sich bei den Absatzaussichten für Sorghumhirse katastrophal verschätzt hatte. Die Rechnung für die Restaurierung des Wagens belief sich auf 4 300 Dollar, und der Großhändler hatte sich bedrückt und deprimiert eine ganze Stunde lang für seine Zahlungsunfähigkeit entschuldigt. Drei Tage später klang er optimistisch, sogar fröhlich, als er mich anrief, um mir zu versichern, dass ein Deal Gestalt annahm und bald alles geklärt sein würde. Gegen fünf am nächsten Morgen schob er sich den Lauf eines .32er Revolvers in den Mund und drückte ab.

Der Cadillac, mit einem 6 500-Dollar-Preisschild, bildete jetzt das Herzstück des Ausstellungsraums, flankiert von einem viertürigen 1936er Ford Cabriolet und einem 1938er SS 100 Jaguar. Für den Ford wollte ich 4 500 Dollar, und der Jaguar war bei 7 000 Dollar angesetzt. Aber jeder halbwegs anständige Fremde mit sauberem Hemd, Scheckbuch und Führerschein konnte den Wagen seiner Wahl auch für ein 500 Dollar niedrigeres Angebot haben.

Der Große – er war wirklich groß, gut über eins neunzig – blieb bei dem Cadillac, wobei er die wachsende Ungeduld seines Freundes mit den Gamaschen nicht ganz ignorierte. Der große Mann trug einen zweireihigen blauen Blazer mit Goldknöpfen, eine graue Flanellhose, einen weißen Rollkragenpullover und hatte den ekstatischen Ausdruck eines Würfelspielers, dem gerade zum siebten Mal hintereinander der große Wurf gelungen war. Ich fand, er war sowohl für den Gesichtsausdruck als auch für die Kleidung zu alt.

Der Mann mit den Gamaschen runzelte noch einmal die Stirn, sagte etwas, und der große Mann warf einen letzten lustvollen Blick auf den Cadillac, bevor sie in mein Eckbüro kamen, einen Glaskasten mit Schreibtisch, Safe, drei Stühlen und einem Aktenschrank. Der Große trat als Erster herein und hielt sich gar nicht erst mit Förmlichkeiten auf.

»Was wollen Sie für den Caddy?« Die Stimme passte nicht zu seiner Größe. Sie war hoch, fast piepsig.

Weil er vielleicht ein Käufer war, nahm ich die Füße vom Schreibtisch. »Sechstausendfünfhundert.«

Der Kleinere, der mit den Gamaschen, hörte nicht zu. Nachdem er mir einen kurzen Blick zugeworfen hatte, ließ er die Augen durchs Büro wandern. Es gab nicht gerade viel zu sehen, aber er sah so aus, als ob er auch nicht viel erwartete.

»Hier war früher mal ein Supermarkt«, sagte er. »Von A&P.«

»Früher mal«, sagte ich.

»Was heißt das Schild draußen – Les Voitures Anciennes?« Er kam mit dem Französisch besser zurecht als die meisten.

»Alte Wagen. Alte Gebrauchtwagen.«

»Warum schreiben Sie nicht das?«

»Weil dann niemand fragen würde, oder?«

»Das hat Klasse«, sagte der Große und starrte durch die Glaswand des Büros auf den Cadillac. »Echte Klasse. Jetzt mal ernsthaft. Wie viel wollen Sie wirklich für den Caddy?«

»Er ist vollständig restauriert, alle Teile sind original, und der Preis ist immer noch sechstausendfünfhundert.«

»Sind Sie der Besitzer?«, fragte der Kleine. Seine Rs verrieten ihn; seine Ts auch. Er kam von der Ostküste, aus New York oder New Jersey, aber es konnte schon länger her sein, dass er dort gelebt hatte.

»Einer davon«, sagte ich. »Ich habe einen Partner, der sich um alles Mechanische kümmert. Er ist hinten.«

»Und Sie verkaufen?«

»Manchmal«, sagte ich.

Der Große wandte sich noch einmal von seiner sehnsüchtigen Inspektion des Cadillacs ab. »Ich hatte mal so einen«, sagte er träumerisch. »Außer, dass er grün war. Richtig dunkelgrün. Weißt du noch, Solly? Wir sind damit nach Hot Springs, mit May und der anderen Puppe, die du hattest, und haben dabei Owney getroffen.«

»Das war vor sechsunddreißig Jahren«, sagte der Mann mit den Gamaschen.

»Verdammt, scheint noch gar nicht so lange her zu sein.«

Der Kleinere ging zu einem der Stühle, zog ein weißes Taschentuch hervor und klopfte damit ein paarmal auf die Sitzfläche, steckte das Tuch wieder in die Hosentasche und setzte sich. Seine Bewegungen waren klar, präzise und gelassen. Er lehnte sich zurück, zog ein goldenes Zigarettenetui heraus und nahm eine ovale Zigarette. Oder vielleicht war das Etui auch so schmal, dass es seine Zigaretten in die ovale Form presste. Er steckte sie mit einem goldenen Zippo an.

»Ich bin Salvatore Callese«, sagte er, und mir fiel auf, dass seine Anzugsjacke keine Taschen hatte. »Dies ist mein Geschäftspartner, Mr. Palmisano.«

Er bot mir nicht die Hand an, darum nickte ich beiden nur zu. »Interessieren Sie sich für ein bestimmtes Auto, Mr. Callese?«

Darauf runzelte er die Stirn und starrte mich aus seinen dunkelbraunen Augen an, die merkwürdigerweise keinen Glanz zu haben schienen. Sie sahen trocken und tot aus, ich erwartete fast, es knistern zu hören, wenn sie sich bewegten. »Nein«, sagte er. »Ich interessiere mich nicht für Gebrauchtwagen. Palmisano meint, er täte es, tut es aber nicht. In Wirklichkeit interessiert er sich für das, was vor fünfunddreißig Jahren war, als er noch einen hochgekriegt hat, und er meint, der Caddy da draußen könnte helfen. Aber das kriegt man nicht durch einen sechsunddreißig Jahre alten Wagen wieder, obwohl ich sagen würde, dass wahrscheinlich eine Menge Ihrer Kunden das denken.«

»Manche davon«, sagte ich. »Ich verkaufe viel Nostalgie.«

»Nostalgie«, sagte er. »Ein Secondhand-Nostalgie-Verkäufer.«

»Mir gefällt einfach der Wagen, Solly«, sagte Palmisano. »Verdammt nochmal, darf mir nicht mal ein altes Auto gefallen?«

Callese ignorierte ihn. »Sie sind Cauthorne«, sagte er. »Edward Cauthorne. Hübscher Name. Wo kommt der her, aus England?«

Ich hob die Schultern. »Wir waren nie wirklich hinter unserem Stammbaum her. Ich schätze mal, England passt.«

»Ich bin Italiener. Palmisano auch. Mein Alter war Itaker. Konnte nicht mal Englisch. Palmisanos auch nicht.«

Beide waren Ende Fünfzig oder Anfang Sechzig, und Palmisano sah trotz seines seltsam abgewinkelten Arms gut in Form und schlank aus und machte den Eindruck, als ob er ein oder zwei Tage schwerer körperlicher Arbeit gut aushalten könnte. Er hatte ein langes Spatengesicht und einen Mund mit dicken Lippen, der zu groß schien für die piepsige Stimme, die aus ihm herauskam. Seine Nase hakte sich schön in Richtung eines kräftigen Kinns, und seine schwarzen Augen wurden von langen grauen Wimpern schattiert, die viel blinzelten, als wäre er permanent überrascht.

»Verkaufen Sie was oder sind Sie nur reingekommen, weil Sie aus dem Regen wollten?«, sagte ich.

Callese ließ seine Zigarette auf den Boden fallen und zerquetschte sie sorgfältig mit seinem gepflegten schwarzen Schuh. »Wie ich schon sagte, Mr. Cauthorne, ich bin Italiener, und Italiener legen viel Wert auf Familie. Onkel, Tanten, Neffen – sogar Vettern zweiten und dritten Grades. Wir stehen uns nahe.«

»Eng verbunden«, sagte ich.

»Ganz richtig. Eng verbunden.«

»Versicherungen vielleicht? Ist nur eine Vermutung.«

»He, Palmisano, hast du das gehört? Versicherungen.«

»Ich hab’s gehört«, sagte Palmisano und lächelte beinahe.

»Nein, wir verkaufen keine Versicherungen, Mr. Cauthorne. Wir tun nur einem Freund einen Gefallen.«

»Und Sie glauben, ich könnte helfen?«

»Ich glaube schon. Sehen Sie, dieser Freund von mir lebt in Washington und kommt langsam in die Jahre. Noch nicht alt, aber er ist auf dem besten Weg. Und so ziemlich alles, was er an Familie hat, ist dieser Patensohn.«

»Das ist alles, was er hat«, sagte Palmisano.

»Richtig«, sagte Callese, »Alles, was er hat. Nun hat dieser Freund im Lauf der Jahre ein schönes, seriöses Geschäft aufgebaut und er beabsichtigt natürlich es jemandem, der ihm nahesteht, zu hinterlassen, etwa einem Verwandten, aber das Einzige, was er an Verwandtschaft hat, ist dieser Patensohn, und der Patensohn ist nicht zu finden.«

Callese schwieg und starrte mich weiter aus seinen staubtrockenen Augen an. Er hatte einen Schlitz als Mund, der sich an den Winkeln abwärts bog, sogar wenn er sprach. Zwei tiefe Falten zogen sich wie Klammern von seiner Nase um seinen Mund herunter, und eine dünne weiße Narbe wanderte vom rechten Auge über die Wange und zurück zum Ohrläppchen.

»Sollte ich diesen Patensohn kennen?«, fragte ich.

Callese lächelte; jedenfalls hielt ich es für ein Lächeln. Seine Mundwinkel gingen nach oben statt nach unten, aber dabei hielt er die Lippen geschlossen, als ob er seine Zähne nicht sehr ansehnlich fände.

»Sie kennen ihn«, sagte Callese.

»Hat er einen Namen?«

»Angelo Sacchetti.«

»Was ist mit ihm?«

»Sie kennen ihn also?«

»Ich kannte ihn.«

»Wissen Sie, wo er ist?«

Ich legte die Füße wieder auf den Schreibtisch, zündete mir eine Zigarette an und warf das Streichholz zu dem Stummel, den Callese auf dem Fußboden zertreten hatte.

»Wie viel haben Sie über mich ausgegraben, Mr. Callese?«

Der Mann mit den Gamaschen zog die Schultern zu einem ausdrucksvollen, italienischen Achselzucken hoch. »Wir haben uns hier und da umgehört. Wir haben ein bisschen was rausgefunden.«

»Dann müssen Sie auch rausgefunden haben, dass ich Angelo Sacchetti vor zwei Jahren im Hafen von Singapur getötet habe.«

2

Das war für keinen der beiden neu. Callese zog sein goldenes Etui raus und zündete sich noch eine seiner ovalen Zigaretten an. Palmisano gähnte, kratzte sich im Schritt und nahm seine Inspektion des Cadillacs wieder auf. Ich schaute auf meine Uhr und wartete darauf, dass einer von beiden etwas Interessantes sagte. Nach einigen Augenblicken seufzte Callese und blies dabei einen Schwall Zigarettenrauch aus.

»Vor zwei Jahren, hm?«, sagte er.

Ich nickte. »Vor zwei Jahren.«

Callese beschloss, die Decke zu mustern. »Wie ist es passiert?«

»Sie wissen, wie es passiert ist«, sagte ich. »Wenn Sie sich auch nur ein bisschen umgehört haben, haben Sie das herausgefunden.«

Er winkte mit der linken Hand ab. Es war eine verächtliche, zurückweisende Geste. »Zeitungskram«, sagte er. »Secondhand-Informationen, genau wie Ihre Wagen da draußen. Ich mach mir nicht viel aus Secondhand – egal was es ist, Mr. Cauthorne.«

»Sagen Sie seinem Paten einfach, dass er tot ist«, sagte ich. »Sagen Sie ihm, er kann alles den Söhnen Italiens hinterlassen.«

»Haben Sie vielleicht was gegen Italiener?«, sagte Palmisano und wandte sich zu mir.

»Ganz und gar nicht«, sagte ich.

»Wie, Mr. Cauthorne?«, sagte Callese. »Wie ist es passiert?«

»Es war ein Piratenfilm«, sagte ich, und meine Stimme schien jemand anderem zu gehören. »Der zweite Stab drehte gerade. Ich war Stuntkoordinator, und Sacchetti die Nummer zwei. Die Szene sollte ein Duell mit Entermessern auf einer chinesischen Dschunke zeigen. Die Dschunke hat draußen im Hafen an einer Stelle geankert, wo es eine tückische Strömung gab. Sacchetti und ich waren auf dem Heck der Dschunke und haben aufeinander eingeschlagen. Sacchetti sollte auf die Reling springen, ein Seil greifen und sich über das Wasser rauslehnen und dabei parieren. Er hat aber nicht pariert, als er es sollte, und mein Entermesser hat das Seil durchgeschnitten. Er ist über Bord gefallen und nie wieder aufgetaucht. Er ist ertrunken.«

Callese hatte aufmerksam zugehört, und als ich fertig war, nickte er. »Kennen Sie Angelo gut?«

»Ich hab ihn gekannt. Wir hatten davor schon ein paar Filme zusammen gedreht. Er war ein erstklassiger Fechter, aber mit Degen und Florett besser als mit Säbel oder Entermesser. Ich weiß auch noch, dass er ein guter Reiter war.«

»Konnte er schwimmen?«, sagte Callese.

»Er konnte schwimmen.«

»Aber als das Seil durchgeschnitten wurde, ist er nicht wieder aufgetaucht.« So wie er das sagte, war es keine Frage.

»Nein«, sagte ich. »Ist er nicht.«

»Angelo konnte gut schwimmen«, sagte Palmisano. »Ich hab’s ihm beigebracht.« Der große Mann beobachtete mich, als ich meine Füße vom Schreibtisch nahm, aufstand und anfing, in der Innentasche meiner Jacke nach der Brieftasche zu greifen. So weit kam ich nicht. Palmisano stand plötzlich direkt neben mir. Seine große rechte Hand umklammerte mein Handgelenk, riss es nach unten und drehte es mir auf den Rücken, wo er es leicht brechen konnte, falls sich das als gute Idee herausstellen sollte.

»Sagen Sie ihm, er soll seine gottverdammten Pfoten von mir lassen«, sagte ich zu Callese auf eine Art, die fast als Plauderton rüberkam.

»Lass ihn los«, sagte Callese scharf.

Palmisano zuckte mit den Schultern und gab meinen Arm frei. »Er hätte nach was greifen können«, sagte er.

Ich fixierte Callese. »Wann haben Sie den denn von der Leine gelassen?«

»Er war eine Weile weg«, sagte er. »Jetzt passt er auf mich auf. Es ist sein erster Job seit langer Zeit, und er will ihn gut machen. Wonach haben Sie gegriffen, Mr. Cauthorne, nach Ihrer Brieftasche?«

»Ja«, sagte ich. »Da ist eine Karte drin.«

»Was für eine?«

»Eine Karte mit einem Namen drauf. Es ist der Name des Mannes, der Ihnen den Film zeigen kann, der gedreht wurde, als Sacchetti über Bord gegangen ist. Wenn Sie sehen wollen, wie er gestorben ist, es ist alles da, in Farbe.«

»Nein«, sagte Callese, »ich glaube nicht.« Er schwieg einen Augenblick. »Was – äh – was war mit Ihnen, Mr. Cauthorne, als Angelo nicht mehr aufgetaucht ist?«

»Ich kann Ihnen nicht folgen.«

»Ich meine, haben die Cops ermittelt?«

»Ja. Die Polizei von Singapur. Sie haben es als Unfall eingestuft.«

»Hat sich sonst jemand dafür interessiert?«

»Ein Mann von der Botschaft. Der hat ein paar Fragen gestellt, und als ich dann in die Staaten zurückgekommen bin, haben sich Sacchettis Gläubiger gemeldet. Davon schien er eine ganze Menge zu haben.«

Callese nickte, anscheinend zufrieden. Dann fixierte er mich wieder. »Was war mit Ihnen?«

»Anscheinend kann ich Ihren Fragen nicht besonders gut folgen.«

Callese ließ seinen Blick durch den Ausstellungsraum wandern und hob dann die Schultern. »Ich meine, keine Filme mehr?«

»Ich hab mich zurückgezogen.«

»Wegen dem, was mit Sacchetti passiert ist?«

»Das könnte etwas damit zu tun gehabt haben.«

Callese vollführte wieder ein vielsagendes Schulterzucken. »Und jetzt verkaufen Sie also Gebrauchtwagen.« Er ließ es schlimmer klingen, als es war, aber vielleicht nicht sehr viel schlimmer. Auf jeden Fall nicht schlimmer, als eine Abtreibungsklinik zu leiten.

Eine Weile war es still. Ich nahm eine Büroklammer vom Schreibtisch und bog sie gerade. Dann fing ich an, sie in ihre ursprüngliche Form zurückzubiegen, was schwieriger ist, als es klingt. Palmisano und Callese schauten mir beide dem Anschein nach interessiert zu. Dann räusperte sich Callese.

»Der Pate«, sagte er.

»Gibt es einen Paten?«

»Er will Sie sehen. In Washington.«

»Warum?«

»Damit er Ihnen fünfundzwanzigtausend Dollar bezahlen kann.«

Ich bog weiter an der Büroklammer herum. »Wofür?«

»Um seinen Patensohn zu finden.«

»Da gibt’s nichts mehr zu finden.«

Callese griff in die Brusttasche seiner Jacke, zog einen einfachen weißen Briefumschlag heraus und warf ihn auf den Schreibtisch. Ich öffnete ihn und nahm drei Fotos heraus. Eins war mit einer alten Polaroidkamera aufgenommen worden und fing bereits an zu vergilben. Das zweite schien eine Vergrößerung von einer 35-Millimeter-Kamera zu sein, und das letzte war quadratisch, möglicherweise das Produkt einer Rolleiflex. Die fotografierte Person hatte auf jedem der Bilder eine dunkle Brille auf, prunkte mit einem neuen Schnurrbart und hatte längere Haare, aber das Profil auf dem Polaroidbild war unverkennbar. Es gehörte Angelo Sacchetti, der auf dieses Profil immer stolz gewesen war. Ich steckte die Fotos wieder in den Umschlag und gab ihn Callese zurück.

»Und?«, sagte er.

»Das ist Sacchetti«, sagte ich.

»Er lebt.«

»So scheint es.«

»Der Pate möchte, dass Sie ihn finden.«

»Wer hat die Fotos gemacht?«

»Verschiedene Leute. Der Pate hat viele Kontakte.«

»Dann sagen Sie ihm, dass die Kontaktmänner seinen Patensohn finden sollen.«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Es ist eine sensible Angelegenheit.«

»Sagen Sie ihm, er soll sensible Personen dafür nehmen.«

Callese seufzte und zündete sich noch eine Zigarette an. »Hören Sie zu, Mr. Cauthorne. Ich kann Ihnen nur drei Dinge sagen. Erstens, Angelo Sacchetti lebt. Zweitens, es bringt Ihnen fünfundzwanzigtausend Dollar ein, wenn Sie ihn finden. Und drittens, der Pate will mit Ihnen in Washington reden.«

»Dann steckt also mehr hinter der Geschichte?«, sagte ich.

»Es steckt mehr dahinter. Aber der Pate muss es Ihnen erzählen. Sehen Sie es einfach so: Sie finden Angelo und waschen Ihren Namen wieder rein.«

»Wovon?«

»Von Ihrer Schuld.«

»Damit kann ich leben.«

»Warum reden Sie nicht einfach mit dem Paten?«

»In Washington«, sagte ich.

»Ganz genau. In Washington.«

»Der erzählt mir, worum es bei dem Ganzen geht?«

»Alles.« Callese stand auf, als ob alles geregelt wäre. »Sie fahren also.« In seinem Ton war keine Frage enthalten.

»Nein«, sagte ich.

»Überlegen Sie’s sich«, sagte er.

»Okay. Ich überleg es mir, und wenn ich damit fertig bin, sage ich immer noch nein.«

»Morgen«, sagte Callese. »Ich ruf Sie morgen an. Selbe Uhrzeit.« Er ging Richtung Bürotür, blieb stehen und sah sich wieder um. »Sie haben ein nettes kleines Geschäft hier, Mr. Cauthorne. Ich hoffe, es wirft viel Geld ab.« Er nickte, als ob er mit dem Tagewerk zufrieden wäre, drehte sich um und ging durch den Ausstellungsraum auf die Eingangstür zu. Palmisano folgte ihm, blieb dann aber stehen und drehte sich schnell zu mir um.

»Was ist Ihr endgültiger Preis für den Caddy?«

»Für Sie sechstausend.«

Er lächelte und zog allem Anschein nach ein wirklich blendendes Geschäft in Betracht. »Ich hatte mal genauso einen, außer, dass er grün war. Richtig dunkelgrün. Was fahren Sie?«

»Einen VW«, sagte ich, aber er ging schon durch den Ausstellungsraum, um sich den Cadillac noch einmal genau anzusehen, und ich glaube nicht, dass er mir zugehört hatte. Ich glaube nicht, dass es ihn wirklich interessierte.

3

Als die Great Atlantic and Pacific Tea Company endlich einsah, dass der abgewetzte Supermarkt, den sie in der Nähe von La Brea und Santa Monica eingerichtet hatte, ein Reinfall war, wahrscheinlich wegen des Niedergangs der Innenstadt und des exzessiven Ladendiebstahls, räumten sie die mehreren hundert Sorten von Frühstücksprodukten aus den Regalen, verluden die Fleischtheke und die Ladenkassen und zogen in ein fernes, vorstädtisches Einkaufszentrum mit ehrlicheren Kunden und gut acht Hektar Parkfläche.

Das Gelände, auf dem unser Unternehmen stand, war Teil eines komplizierten Pacht-Rückkauf-Pakets, das ich nie verstanden habe, außer, dass der zuständige Immobilienmakler uns einen spottbilligen Fünfjahresvertrag gab, wenn wir die Bedingung akzeptierten, »keinen Lebensmittel-Einzelhandel zu betreiben.« Damit waren wir einverstanden, und keiner der Nachbarn erhob Einspruch, als wir Les Voitures Anciennes eröffneten. Die Nachbarn waren ein kantonesischer Imbiss, eine Autowäscherei, ein Blechhändler und drei Bars.

Wir beschränkten uns beim Umbau des Gebäudes auf ein Minimum, und es gelang uns, das Flair von Katzennahrung, Wiener Würstchen und Bleichmitteln zu erhalten. Wir verlegten die innere Trennwand näher an die Schaufenster, bauten den Glaskasten für das Büro um den Safe herum, den aus seinem Betongehäuse zu entfernen die A&P für zu aufwendig gehalten hatte, und benutzten fast vier Fünftel des Raumes für die Lackiererei, die Karosserie- und die Mechanikwerkstatt. Im Ausstellungsraum behielten wir drei oder vier Wagen zum Verkauf, auch um gelegentlichen Passanten zu zeigen, was wir als Spezialität des Hauses zu bieten hatten – nämlich die Restaurierung jedes Wagens, der vor 1942 gebaut worden war.

Trotz des Schickimicki-Namens der Firma, den mein Partner in einem seltenen Augenblick geistiger Verwirrung beigesteuert hatte, war unsere Bilanz fast von Anfang an überraschend profitabel. Mein Partner war Richard K. E. Trippet, der 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin Mitglied des britischen Fechtteams gewesen war. Er wurde Dritter mit dem Florett, geschlagen von einem Gentleman aus Costa Rica. Nachdem sowohl Hitler als auch Göring ihm die Hand geschüttelt hatten, war Trippet zurück nach Oxford gegangen, um über den Zustand der Welt zu brüten. Im nächsten Jahr schloss er sich den regierungstreuen Truppen in Spanien an, entwickelte eine Faszination für die Anarchisten und behauptete jetzt, Chief Poohbah (Vorsitzender, wie ich annehme) aller Anarcho-Syndikalisten in den elf westlichen Staaten zu sein. Neben Trippet gab es davon, glaube ich, sieben. Er war auch Vorsitzender seines demokratischen Wahlkreises in Beverly Hills und tat beleidigt, wenn ich ihm manchmal politische Zweigleisigkeit vorwarf.

Ich war Trippet und seiner Frau vor fast zwei Jahren an einem Sonntagnachmittag auf einer Cocktailparty begegnet, die das vermutlich anrüchigste Paar in ganz Los Angeles gab, und das will schon was heißen. Das Paar waren Jack und Louise Conklin. Jack war Filmeditor, einer der besten, und Louise war eine der Schauspielerinnen, die in der Fernsehwerbung über neue Waschmittel oder eine neue Möbelpolitur oder Bohnerwachs in sexuelle Ekstase geraten. Wenn sie nicht arbeiteten, kreuzten sie gern in ihrem viertürigen Jaguar vor Supermärkten herum, auf der Suche nach jungen, mit Lebensmitteln beladenen Hausfrauen, die eine Mitfahrgelegenheit nach Hause brauchten, aber nichts gegen einen Halt bei den Conklins auf einen Drink hatten. Wenn sie zu Hause waren, machten Jack und Louise sich beide an die junge Hausfrau ran, und Jack behauptete, sie bekämen sie in fünfundsiebzig Prozent der Fälle ins Bett oder auf den Esszimmertisch oder wo auch immer sie es trieben. Aber Jack war ein notorischer Lügner, und ich kürzte seine Schätzung um mindestens fünfundzwanzig Prozent. Er war außerdem ein Großmaul, ein Langweiler und schummelte wahrscheinlich beim Kartenspielen. Der Grund, an diesem Sonntagnachmittag auf seiner Cocktailparty zu sein, war, dass ich nicht wusste, wo ich sonst hingehen sollte; ich bin überzeugt, dass dies der einzige Grund ist, weshalb überhaupt jemand zu einer Cocktailparty geht.

Conklin muss dazu geboren worden sein, Ehemännern Hörner aufzusetzen. Wenn er und seine Frau mit einer jungen Hausfrau rumgemacht hatten, kamen sie und ihr Mann auf die Gästeliste für die nächste Cocktailparty. Conklin unterhielt sich gern mit den Ehemännern; Louise schwelgte gern mit den Frauen in Erinnerungen. An diesem Sonntag war ich bei meinem dritten Drink, als ich in eine Diskussion geriet, die mein zukünftiger Partner, Richard Trippet, seine Frau, Barbara, und ein ziemlich angetrunkener Kinderarzt führten, der, wie ich annahm, einer der Ehemänner war, mit denen Conklin sich gern unterhielt. Der Kinderarzt, ein kleiner Mann so um die fünfzig, mit einem glattrasierten rosa Schädel, der bei seinem kleinen Gesicht nicht sehr vorteilhaft war, drängte den Trippets in allen Einzelheiten auf, wie er gerade ein 1937er Plymouth Coupé für 250 Dollar gekauft habe und beabsichtige, weitere 2 000 Dollar dafür auszugeben, um ihn in New York in einen – wie er es beschrieb – »neuwertigen Zustand« versetzen zu lassen.

»Wissen Sie, wo ich ihn gefunden habe?«, fragte er, wobei er mit der linken Hand ein Longdrinkglas umklammerte und mit der rechten nachdrücklich in der Luft herumfuchtelte. »Ich hab ihn in einer Anzeige in der New York Times gefunden. Ich hab nach dem Telefon gegriffen, den Typen in Delaware angerufen und ihm noch am gleichen Tag per Luftpost einen Scheck geschickt.«

»Wie interessant«, sagte Barbara Trippet, eine höflichere Bemerkung als mir je eingefallen wäre.

Trippet jedoch schien der Kinderarzt zu faszinieren. Er legte dem Doktor eine Hand auf die Schulter, beugte sich vor und bekannte mit leiser, vertraulicher Stimme: »Nach reiflicher Überlegung bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass in den Vereinigten Staaten in den Dreißigerjahren zwar eine sehr große Anzahl von Automodellen hergestellt wurde, dass aber keines dem 1937er Plymouth an Vulgarität oder minderwertiger Verarbeitung auch nur entfernt nahekommt.«

Der Kinderarzt erwog dies sorgfältig, trank einen weiteren Schluck und erwiderte dann: »Meinen Sie also, hm? Vulgär, hm? Na dann sagen Sie mir eins, Kumpel, was für einen Wagen fahren Sie?«

»Gar keinen«, sagte Trippet. »Ich habe kein Auto.«

Ein Ausdruck, den ich für ehrliches Mitleid hielt, erschien in den Augen des Kinderarztes. »Sie haben kein Auto – in Los Angeles?«

»Kein Auto. Normalerweise gehe ich zu Fuß.«

»Manchmal fahren wir auch per Anhalter«, sagte Barbara Trippet.

Der Kinderarzt schüttelte betrübt den Kopf und wandte sich schwankend mir zu. »Was ist mit Ihnen, Mister? Sie haben doch ein Auto, oder?«, Er schien fast zu flehen. »Ihr Freund hier mit dem komischen Akzent hat keins. Nicht ein einziges.«

»Einen Motorroller«, sagte ich. »Einen 1947er Cushman.«

Jetzt war der Doktor sichtlich gerührt. »Sie sollten sich einen Wagen zulegen. Wissen Sie, sparen Sie genug für die Anzahlung. Ich hab einen Continental, meine Frau hat einen Pontiac, und meine Kinder haben beide einen Mustang, und jetzt lege ich mir den kleinen 1937er Plymouth zu, und ich werde den kleinen Wagen mehr lieben als all die anderen zusammen. Wissen Sie, warum?«

»Warum?«, sagte Trippet, und mich überraschte das echte Interesse in seiner Stimme.

»Warum? Ich will Ihnen sagen, warum. Weil ich 1937 aufs College gegangen bin und arm war. Sie beide müssen ja wissen, wie es ist, arm zu sein.«

»Eigentlich nicht«, sagte Trippet. »Ich bin nie arm gewesen.«

Aus irgendeinem Grund glaubte ich ihm.

»Da haben Sie Glück gehabt, Mann«, sagte der Doktor, offensichtlich überzeugt davon, dass jemand, der in Los Angeles keinen Wagen hatte, wahrscheinlich nicht nur arm, sondern komplett mittellos war. »Ich war arm wie eine Kirchenmaus. Ich war so arm, dass ich einmal abends aus meinem Zimmer geflogen bin, weil ich die Miete nicht bezahlen konnte. Also bin ich auf dem Campus rumgelaufen und hab dann diesen Wagen gefunden, diesen 37er Plymouth, der einem reichen Typen aus einem meiner Kurse gehört hat. Biologie. Ich bin reingekrabbelt und hab mich schlafen gelegt. Mein Gott, irgendwo musste ich doch schlafen. Aber dieses reiche Arschloch – Verzeihung, Lady –, kommt gegen elf Uhr raus, um seinen Wagen abzuschließen, und findet mich drin. Und meinen Sie, dieser Hurensohn hätte mich den Rest der Nacht darin schlafen lassen? Pah, nein, hat er nicht. Nie im Leben. Er hat gesagt, er hätte Angst, ich würde ihn schmutzig machen. Und, wissen Sie, was ich mir da auf der Stelle geschworen habe?«

»Dass Sie eines Tages«, sagte Barbara Trippet, »genug Geld verdienen würden, um sich genau so einen Wagen zu kaufen, wie den, den Ihr Freund hatte.« Sie lächelte süß. »Das reiche Arschloch aus dem Biologiekurs.«

Der Doktor sah Mrs. Trippet zustimmend an. »Richtig«, sagte er. »Genau das hab ich mir damals geschworen.«

»Warum?«, sagte Trippet.

»Warum was?«

»Warum haben Sie sich das geschworen?«

»Herrgott nochmal, Mister, das hab ich Ihnen doch gerade erzählt.«

»Aber was wollen Sie damit machen? Mit dem Plymouth, meine ich.«

»Damit machen? Was meinen Sie, damit machen? Ich werde ihn besitzen.«

»Aber Sie haben doch schon vier andere Autos«, sagte Trippet. »Welch denkbar nützlichem Zweck wird er dienen?«

Der rosa Schädel des Doktors wurde um eine Schattierung dunkler. »Er soll nicht nützlich sein, verdammt noch mal! Er soll nur da sein – draußen in der Auffahrt stehen, damit ich ihn anschauen kann. Oh Mann, mit Leuten wie Ihnen kann ich nicht reden. Ich hol mir noch einen Drink.«

Trippet sah dem Doktor zu, wie er sich schwankend seinen Weg durch die Menge bahnte. »Faszinierend«, sagte er zu seiner Frau, »absolut faszinierend.« Dann wandte er sich an mich und fragte: »Haben Sie tatsächlich einen Motorroller?«

Ich hatte keine Möglichkeit, ihm zu antworten, denn Jack Conklin, der Hörneraufsetzer Nummer eins in Los Angeles, knallte mir mit einem Schlag, den er für herzlich hielt, seine Hand zwischen die Schulterblätter. »Eddie, alter Junge! Freut mich, dich zu sehen. Schon eine abgekriegt?«

Noch bevor ich antworten konnte, wandte er sich zu den Trippets. »Ich glaube nicht, dass wir schon einmal das Vergnügen hatten. Ich bin Jack Conklin, der Bursche, der die Rechnung für diese kleine Zusammenkunft hier übernimmt.« Conklin redete tatsächlich so.

»Ich bin Richard Trippet, und das ist meine Frau Barbara. Wir sind mit Freunden gekommen, den Ramseys, aber ich fürchte, wir hatten noch keine Gelegenheit, uns vorzustellen. Ich hoffe, Ihnen machen ungebetene Gäste nichts aus.«

Conklin legte seine schwere rechte Hand auf Trippets Rücken und den linken Arm um Barbaras Taille. Sie rückte von ihm weg. Conklin schien es nicht zu bemerken. »Alle Freunde von Billy und Shirley Ramsey sind auch meine Freunde«, sagte er. »Besonders die von Shirley, was?«, und diesmal stieß er Trippet den Ellbogen in die Rippen.

»Aber gewiss«, murmelte Trippet, nachdem er fertig gestöhnt hatte.

»Wenn Sie irgendwen kennenlernen wollen, fragen Sie einfach den alten Eddie Cauthorne hier. Der alte Eddie kennt jeden, stimmt’s Eddie?«

Ich fing an, ihm zu sagen, dass der alte Eddie nicht jeden kannte und auch nicht jeden kennen wollte, aber Conklin war schon weitergegangen, um seine fleißigen Hände bei anderen Gästen einzusetzen.

»Ich glaube«, sagte Trippet und wandte sich wieder mir zu, »wir waren bei Ihrem Motorroller. Haben Sie tatsächlich einen?«

»Nein«, sagte ich. »Ich fahre einen Volkswagen, aber ich habe noch einundzwanzig andere Autos. Möchten Sie eins davon?«

»Danke, nein«, sagte er.

»Alle von vor 1932. In erstklassigem Zustand.« Wie ich bereits sagte, ich war bei meinem dritten Drink.

»Wozu, um alles in der Welt?«, sagte Trippet.

»Ich hab sie geerbt.«

»Und was machen Sie damit?«, sagte Barbara Trippet. »Hierhin und dorthin fahren?«

»Ich vermiete sie. An Filmstudios, Produzenten, Werbeagenturen.«

»Das klingt vernünftig«, sagte Trippet. »Aber der Herr, mit dem wir gerade gesprochen haben, der mit dem 1937er Plymouth, der hat ein Problem.«

»Wenn das stimmt, dann haben das Tausende andere auch.«

»Tatsächlich?«

»Klar«, sagte ich. »Nehmen Sie die einundzwanzig alten Karren, die ich hab. Ich hab sie in einer Lagerhalle am Arsch der Welt stehen, draußen in East Los Angeles – hinter der hundertneunzigsten. Niemand sieht sie; ich mache keine Werbung für sie; meine Nummer steht nicht im Telefonbuch. Aber ich bekomme jeden Tag mindestens einen oder zwei Anrufe von irgendwelchen Verrückten, die einen bestimmten Wagen kaufen wollen – oder sogar alle.«

»Warum verkaufen Sie nicht?«

Ich hob die Schultern. »Sie verschaffen mir ein Einkommen, und ich kann das Geld gebrauchen.«

Trippet blickte auf seine Uhr, ein Gebilde aus Gold und dicker als ein Silberdollar, aber nicht viel dicker. »Sagen Sie, mögen Sie Autos?«

»Nicht besonders«, sagte ich.

»Wie großartig. Wollen Sie nicht mit uns zu Abend essen? Ich glaube, mir ist gerade eine ganz wunderbare Idee gekommen.«

Barbara Trippet seufzte. »Wissen Sie«, sagte sie zu mir, »als er das das letzte Mal gesagt hat, sind wir mit einer Skihütte in Aspen, Colorado gelandet.«

Nachdem wir von der Cocktailparty geflohen waren, aßen wir in einem dieser Lokale am La Cienega Boulevard, die alle paar Monate den Besitzer zu wechseln scheinen. Barbara Trippet war eine kleine, intelligente Brünette etwa in meinem Alter, dreiunddreißig, mit grünen Augen und einem angenehm ironischen Lächeln, das sie oft zeigte. Mit fünfundfünfzig war Richard K. E. Trippet knapp jenseits von elegant. Vielleicht lag es an der Art, wie er seine Kleidung trug oder wie er sich bewegte. Es konnte aber auch seine Haltung sein, die zunächst völlig spannungslos schien, bis man dann bemerkte, dass er sich aufrecht wie ein Zaunpfahl hielt und dass es die Anmut seiner Bewegungen war, die ihm diese seltsame, aus Trägheit und Energie gemischte Ausstrahlung verlieh. Sein Haar war lang und grau und fiel ihm ständig in die Augen, während wir uns über unseren Steaks unterhielten. Er war in keiner Weise zurückhaltend über sich selbst, und das meiste, was er mir an diesem Abend erzählte, stimmte. Vielleicht alles. Ich habe nie etwas Gegenteiliges herausgefunden.

Nicht nur war er theoretisch Anarcho-Syndikalist und praktisch eingetragenes Mitglied der Demokratischen Partei, sondern auch naturalisierter amerikanischer Staatsbürger, erstklassiger Fechter, beachtlicher Saxophonist und Spezialist für mittelalterliches Französisch; er war zeitweise auch Hauptmann in »einem anständigen Regiment«, wie er es nannte, gewesen, außerdem Mechaniker für Rennwagen, Skilehrer und Besitzer einer Skihütte (in Aspen) und war schließlich nach wie vor finanziell unabhängig.

»Großvater hat das ganze Geld in Malaya gemacht, wissen Sie«, sagte er völlig entspannt. »Hauptsächlich mit Zinn. Als er nach London zurückgekommen ist, um sich zur Ruhe zu setzen, konnte er das Klima nicht vertragen und ist innerhalb von zwei Wochen gestorben. Mein Vater, der absolut nichts von Geschäften verstanden hat und nicht die Absicht hatte, es zu lernen, hat sich einfach die konservativsten Bankiers, die er in der City finden konnte, gesucht und ihnen gesagt, sie sollten sich um alles kümmern. Das machen sie heute noch. Barbara ist auch reich.«

»Weizen«, sagte sie. »Tausende Morgen Weizen in Kansas.«

»Ich fühle mich wie der Schweinehirt unter den Prinzen«, sagte ich.

»Keine Sorge«, sagte Trippet. »Ich möchte nur, dass Sie sicher sind, dass wir die nötige Finanzierung aufbringen können, wenn ich zu meiner einfach wunderbaren Idee komme.«

Das führte uns zu Kaffee und Brandy, aber es dauerte noch eine Weile, bis er zur Sache kam.

»Dieser Bursche auf der Party mit seinem Plymouth«, sagte er.

»Was ist mit ihm?«

»Bedauernswerter Fall, wahrlich. Aber typisch.«

»Wieso?«

»Bei den meisten Amerikanern mittleren Alters habe ich bemerkt, dass sie mit übertriebener Sentimentalität an ihrem ersten Wagen hängen. An die Geburtstage ihrer Kinder erinnern sie sich vielleicht nicht, aber von ihrem ersten Wagen können sie einem Baujahr, Modell, Farbe, sogar das Kaufdatum und was genau sie dafür bezahlt haben, bis auf den Cent genau nennen.«

»Wahrscheinlich«, sagte ich.

Trippet nippte an seinem Brandy. »Worauf ich hinauswill: Es gibt kaum einen Amerikaner über dreißig, dessen Leben nicht in irgendeiner bedeutsamen Weise durch ein bestimmtes Fabrikat und Modell berührt worden ist – und wenn er darin nur trotz des störenden Schalthebels seine Unschuld verloren hat.«

»Das war ein 1950er Ford Cabriolet, und der Schalthebel hat gar nicht gestört«, sagte Trippets Frau. »In Topeka.«

Trippet ignorierte sie. »Snobismus, Gier und Status spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Ich weiß von einem Rechtsanwalt in Anaheim, der tatsächlich fünf 1958er Edsels hortet. Hortet, wohlgemerkt, und darauf wartet, dass sie im Preis steigen. Ein anderer Bursche, von dem ich gehört habe, hat sich mit fünfunddreißig aus seinem Beruf zurückgezogen, was auch immer das war, irgendetwas Lukratives, und hat angefangen, Rolls-Royce zu sammeln. Warum? Weil er ›große Dinge‹ geliebt hat: große Häuser, große Hunde, große Autos. Solche Temperamente eignen sich bestens zum Ausbeuten.«

»Jetzt kommt es«, warnte mich seine Frau.

»Ich bin auf alles gefasst,« sagte ich.

»Mein Vorschlag ist«, fuhr Trippet unbeeindruckt fort, »dass wir eines der nutzlosesten und unsinnigsten Geschäfte im ganzen Land gründen.«

»So etwas wie die Skihütte?«, sagte seine Frau.

»Für die jungen Leute«, sagte er, »werden wir zu Händlern von Snobismus und Statussymbolen. Bei den alten und mittleren bedienen – oder vielmehr befriedigen wir, meinen Sie nicht auch? – ihre nostalgische Sehnsucht nach der Vergangenheit. Wir geben ihnen ein greifbares Bindeglied zum Gestern, zu der Zeit, in der nicht nur ihre Autos einfacher waren, sondern auch ihre Welt.«

»Kann er nicht schön reden?«, sagte ich zu Barbara.

»Er läuft erst warm.«

»Wie gefällt Ihnen mein Vorschlag?«, sagte Trippet.

»Interessant, schätze ich. Aber warum gerade ich?«

»Offensichtlich, Mr. Cauthorne, scheren Sie sich keinen Deut um Autos – nicht mehr als ich. Sie verfügen über eine sehr ansehnliche Erscheinung, und Sie besitzen ferner einundzwanzig robuste Relikte in East Los Angeles, die wir als Köder benutzen können.«

»Köder für was?«

»Für Dummköpfe«, sagte seine Frau.

»Für zukünftige Kunden«, sagte Trippet. »Meine Idee ist, dass wir eine Werkstatt eröffnen – nein, keine Werkstatt. Das ist ein zu vulgäres Wort. Eine Klinik. Ja! Wir gründen eine Klinik, die sich darauf spezialisiert, alte Blechkisten in ihren originalen, makellosen Zustand zurückzuverwandeln. Beachten Sie, dass ich das Wort ›original‹ betone. Zum Beispiel, wenn ein Mikrofon für die Sprechanlage mit dem Chauffeur in einem 1931er Rolls gebraucht wird, werden wir uns nicht mit einem Mikrofon zufriedengeben, das – sagen wir – in einem 1933er Rolls verwendet wurde. Nein, wir werden das ganze Land, was sage ich, die ganze Welt nach dem Originalteil absuchen. Nur das Mikrofon aus dem Jahr 1931 wird in Frage kommen. Garantierte Authentizität wird unser Grundsatz sein.«

»Unglücklicherweise bin ich nicht finanziell unabhängig«, sagte ich.

Trippet wischte meinen Einwand beiseite. »Wir werden Ihre einundzwanzig Wagen zu Kapital machen, das reicht völlig. Für das Übrige komme ich auf.«

»Also gut«, sagte ich. »Jetzt verstehe ich meine Rolle dabei. Aber Ihre?«

»Er will aus dem Haus kommen«, sagte seine Frau.

Trippet grinste und strich sich zum dreiundzwanzigsten Mal an diesem Abend die Haare aus den Augen. »Können Sie sich eine bessere Methode vorstellen, den Verfall des Systems zu studieren, als die Gründung eines völlig nutzlosen Unternehmens, das von törichten Menschen für absolut überflüssige Dienstleistungen und Produkte exorbitante Preise fordert?«

»Nicht auf Anhieb«, sagte ich. »Aber ich glaube nicht, dass Sie es wirklich ernst meinen.«

»Er meint es ernst«, sagte seine Frau. »Er ist nur ernst, wenn er mit einem so verrückten Einfall kommt.«

»Selbstverständlich meine ich es ernst«, sagte Trippet. »Während ich Sentimentalität und Snobismus verhökere, versetze ich den Grundpfeilern des Systems einen Schlag und streiche gleichzeitig einen hübschen Gewinn ein. Da stehe ich nicht drüber, wissen Sie. Das muss ein Zug sein, den ich von meinem Großvater geerbt habe.«

»Nehmen wir mal an, wir wären im Geschäft«, sagte ich. »Wer macht dabei die Arbeit? Ich meine die, bei der man sich die Hände schmutzig macht?«

Trippet blickte mich erst überrascht, dann beleidigt an. »Ich, selbstverständlich. Ich kann mit Autos wirklich ganz gut umgehen, auch wenn ich keine besondere Vorliebe mehr für sie habe. Ich bevorzuge Pferde, genaugenommen. Natürlich werden wir uns ein paar Leute suchen und ausbilden, für die niederen Arbeiten. Übrigens, was machen Sie eigentlich, wenn Sie arbeiten?«

»Ich bin arbeitsloser Stuntman.«

»Wirklich? Wie faszinierend. Fechten Sie?«

»Ja.«

»Ausgezeichnet. Wir sollten uns köstlich amüsieren. Aber, sagen Sie, warum sind Sie arbeitslos?«

»Weil«, sagte ich, »ich die Nerven verloren habe.«

In den beiden folgenden Jahren entwickelte es sich weitgehend so, wie Trippet es an jenem Abend in dem Restaurant am La Cienega Boulevard vorausgesagt hatte. Er entdeckte das Gebäude der A&P in der Nähe von La Brea und Santa Monica, überwachte den größten Teil des Umbaus, kaufte die notwendige Ausrüstung, beschaffte die gesetzlich vorgeschriebenen Dokumente und riet mir dann, mir meinen eigenen Anwalt zu nehmen, um sie überprüfen zu lassen. Als alles so weit war, machte Trippet sich daran, einen 1930er Packard zu restaurieren, der ein Teil meines Erbes war. Es handelte sich um einen Sportwagen Modell 7/34 mit Acht-Zylinder-Reihenmotor und verjüngtem Heck und einer hochübersetzten Hinterachse, die es ihm ermöglichte, auf gerader Strecke 160 km/h zu schaffen, falls sein künftiger Besitzer darauf Wert legte. Trippet gab der Karosserie eine Handlackierung von vierzehn Schichten, polsterte ihn innen mit handschuhähnlichem Leder, versah ihn mit einem neuen Verdeck und Weißrandreifen, inklusive der in den Kotflügeln, und beauftragte mich dann, ihn für 8 000 Dollar zu verkaufen.

»Keinen Penny weniger«, sagte er eindringlich.

Am ersten Tag, an dem der Packard im Ausstellungsraum stand, kamen dreiundzwanzig Leute, um ihn sich anzusehen. Der dreiundzwanzigste war ein siebzigjähriger Cowboysänger im Ruhestand, der jetzt in Palm Springs lebte. Er ging zweimal um den Packard herum, dann kam er nach hinten in mein Büro.

»Läuft er?«, sagte er.

»Wie geschmiert«, sagte ich.

»Wie viel wollen Sie?«

»Achttausend.«

Sein Gesicht nahm einen gerissenen Ausdruck an. »Ich gebe Ihnen sieben. Bar auf die Hand.«

Ich hob eine Augenbraue und zeigte ein, wie ich hoffte, eisiges Lächeln. »Tut mir leid, Sir. Wir feilschen nicht.«