Der feine Unterschied - Philipp Lahm - E-Book

Der feine Unterschied E-Book

Philipp Lahm

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Beschreibung

Als Junge hat er bloß gern Fußball gespielt. Philipp Lahm spielt beim FC Bayern München und war bis Juli 2014 Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Wie gelingt so eine Karriere als Spitzenfußballer? Und was muss ein moderner Fußballer dafür alles mitbringen? Philipp Lahm berichtet in vielen überraschenden Details über seinen Aufstieg vom Nachwuchsspieler des FC Bayern zu einem der besten Außenverteidiger der Welt. Er erzählt von unvergesslichen Momenten deutscher Fußballgeschichte und schildert, was hinter den Kulissen von Bundesliga, Champions-League und großen Turnieren geschieht. Und er beantwortet entscheidende Fragen: Welchen Anforderungen muss ein Spitzenfußballer heute genügen? Was bedeutet es, permanent in der Öffentlichkeit zu stehen? Was heißt es, im richtigen Moment Zivilcourage zu zeigen – und wie kann man als Einzelner eine ganze Mannschaft mitreißen? Philipp Lahm zeigt nicht nur auf dem Platz, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen, sondern auch in diesem Buch. »Der feine Unterschied« hilft mit, die Welt des Fußballs besser zu verstehen. Kinder und Jugendliche, die Fußball spielen, können das Buch als Gebrauchsanweisung für ihre eigene Karriere lesen. Fans erkennen plötzlich Zusammenhänge, die sie so noch nie gesehen haben. Für alle anderen ist »Der feine Unterschied« eine authentische Einführung in den populärsten Sport der Welt.

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Seitenzahl: 323

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PHILIPP LAHM

DER FEINEUNTERSCHIED

Wie man heute Spitzenfußballer wird

Aufgezeichnet vonChristian Seiler

Verlag Antje Kunstmann

Dank an meine Frau Claudia, meine Familie und Freunde,acta7 und Roman Grill.Ein besonderes Dankeschön an Veronika Oelschlegelfür den Titel dieses Buches.

INHALT

Vorwort

1. KapitelIm richtigen Moment Ja sagen

2. KapitelUm den Zaun zu den Profis

3. KapitelSchön, dass du da bist

4. KapitelMindestens fünf Monate Pause

5. KapitelKein Problem, Herr Lahm

6. KapitelNie vergessen wir deinen Namen …

7. KapitelWas ist das für ein Ball?

8. KapitelZeit für Klartext

9. KapitelBackhendl mit der Kanzlerin

10. KapitelPhilipp, du musst was unternehmen

11. KapitelWie geil ist das denn …

12. KapitelPhilipp, ab jetzt sind Sie Kapitän

13. KapitelWie das Dressieren von Raubtieren

14. KapitelMan darf Spieler nicht nur kaufen, weil sie gut sind

15. KapitelPhilipp, ich hab mich so in dich verliebt

16. KapitelEin Traum ist kein Ziel

 

Epilog

VORWORT

Ich bin 27 Jahre alt. Ich spiele beim FC Bayern München, der besten Mannschaft Deutschlands. Ich bin Verteidiger der deutschen Nationalmannschaft, diesem Team von jungen, vielversprechenden Fußballern, mit denen ich 2012 die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine gewinnen möchte. Meine Karriere ist bereits reich an Höhepunkten, aber vieles steht noch bevor.

Dieses Buch ist ein Buch, wie ich es selbst gerne gelesen hätte, als ich ein junger Fußballer war. Es ist ein Buch darüber, wie Spitzenfußball heute funktioniert.

Denn ein moderner Fußballer muss nicht nur Fußball spielen können. Er muss seine Karriere detailliert planen, mit verschiedensten Chefs, Trainern und Spielern auskommen, sich in unterschiedliche, herausfordernde Spielsysteme einfügen, mit einer anspruchsvollen Medienlandschaft umgehen, das Leben eines Prominenten führen, sich seiner Verantwortung als öffentliche Person bewusst sein.

Davon, wie ich diesen Anforderungen begegnet bin und meine Karriere erfolgreich gestartet habe, handelt dieses Buch.

Ich habe den Titel »Der feine Unterschied« gewählt, weil oft nur Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob ein Profifußballer eine große oder nur eine mittelmäßige Karriere macht. Welche Feinheiten das sind, darüber berichten die sechzehn Kapitel dieses Buches.

Ich habe jedem Kapitel die Punkte vorangestellt, um die es mir im Besonderen geht – Kernfragen für jede Sportlerin und jeden Sportler, für jede Leserin und jeden Leser, die den Fußballsport besser verstehen möchten. In den Kapiteln selbst werden die entsprechenden Antworten gegeben, erzähle ich, wie die Schlüsselmomente meiner Karriere verliefen – in der Einleitung stehen die Hinweise darauf, welche Lehren daraus gezogen werden können.

Es ist ein Buch geworden, das ein Bild vom Beruf des modernen Fußballprofis zeichnet, wie ich diesen Beruf sehe. Es ist ein anspruchsvoller Beruf, vielfältiger, als man vielleicht meint, wenn man sich ein Fußballspiel im Fernsehen ansieht.

Ein schöner Beruf, mein Traumberuf. Ich wünsche mir, dass dieses Buch hilft, diesen Beruf und den Fußballsport in seiner ganzen Vielfalt ein bisschen besser zu verstehen.

Philipp Lahm, München, 14. Juni 2011

     1. Kapitel     

IM RICHTIGEN MOMENT JA SAGEN

In sechs Monaten von der Regionalliga in die Nationalmannschaft

Über das Ergreifen von Möglichkeiten – Flexibilität zur richtigen Stunde – penibel auf Kleinigkeiten achten – Selbstbewusstsein lernen – Flirten mit dem Unwahrscheinlichen

Mein Handy läutet.

»Ja. Hallo?«

»Felix Magath hier.« Das »hier« dehnt sich wie eine Ziehharmonika.

Magath. Der Magath? Zur Sicherheit bin ich erst mal sprachlos.

»Philipp?«

»Herr Magath?«

»Ich würde dich gern zum VfB Stuttgart holen.«

Dazu fällt mir im Moment auch nichts Schlaues ein, außer kurz die Luft anzuhalten.

»Denk drüber nach«, sagt Felix Magath und hängt auf.

Nachdenken? Worüber? Ich bin 19, ich habe gerade den letzten Spieltag der Saison mit den Amateuren des FC Bayern in der Regionalliga absolviert, und Felix Magath ruft an. Er hat den VfB Stuttgart nach einer jahrelangen Durststrecke endlich wieder in die Champions League geführt, er stellt gerade sein Team für die nächste Saison zusammen, und er will mich dabeihaben. Ich muss die Fakten sortieren. Gut, ich habe jetzt zwei Jahre sehr ordentlich bei den Bayern-Amateuren auf der rechten Außenbahn gespielt, und es ist klar, dass jetzt etwas passieren muss. Dass ich nach dieser Saison Profi werden soll, steht schwarz auf weiß in dem Vertrag, den ich vor zwei Jahren unterschrieben habe, aber von den Amateuren zu den Profis des FC Bayern zu wechseln ist ein gewaltiger Schritt, auch wenn die Profis am Trainingsplatz nebenan üben. Wir hören sie jeden Tag rufen, lachen, keuchen.

Die Stars des FC Bayern. Stefan Effenberg. Giovane Elber. Owen Hargreaves. Oliver Kahn. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dass die auch nur Fußball spielen, so viel Respekt hatte ich vor ihnen. Manchmal wurde einer von uns zu den Profis gerufen, weil die einen Mann für ein Trainingsspiel brauchten, dann spielte man zwar mit denen, aber was hieß das schon? Einer von uns kam rein, und bevor er sich an das Tempo, an die Energie, die Selbstverständlichkeit der Profis gewöhnen konnte, war er schon wieder zurück bei den Amateuren, ohne zeigen zu können, dass er da auch mitspielen könnte, wenn …

Das »wenn« war das Problem. Ich wusste, dass der Unterschied zwischen den Profis und mir nicht extrem groß war. Wenn ich regelmäßig mit den Spitzenspielern trainieren dürfte; wenn ich den Besten täglich auf die Beine schauen könnte; wenn ich die Gelegenheit hätte, mich in jedem Training mit ihnen zu messen; dann könnte ich auch beweisen, dass ich mithalten kann, dass mich das Training mit besseren Spielern selbst besser macht; dass ich die Qualität habe, für den FC Bayern zu spielen.

Aber zeigen konnte ich bei den Profis noch nicht viel. Im November 2002 war ich beim Champions-League-Spiel gegen den RC Lens zwei Minuten vor Schluss eingewechselt worden. Der FC Bayern war zu diesem Zeitpunkt längst ausgeschieden, und in den zwei Minuten Spielzeit konnte ich im schlecht besuchten Olympiastadion nicht viel mehr zeigen, als dass ich das Bayern-Trikot mit der Nummer 29 trug.

Dabei ging es für mich um eine Menge Geld. Hätte ich mit den Profis gewonnen, hätte ich eine Punkteprämie kassiert, die höher als mein Monatseinkommen bei den Amateuren gewesen wäre. Als ich eingewechselt wurde, sah es noch gut aus. Markus Feulner hatte gerade das 3:2 für den FC Bayern erzielt. Aber eine Minute später war der Traum auch schon wieder vorbei. Ausgleich, Prämie gestrichen.

Ein Platz bei den Bayern-Profis scheint derzeit nicht in Reichweite, und Felix Magath bietet mir an, zu einem Klub zu kommen, der ebenso Champions League spielt wie der FC Bayern.

Täglich mit den Profis trainieren.

Selbst Profi sein.

Ich rufe meinen Berater an. Roman rät mir zu. Wir machen einen Termin mit dem FC Bayern aus. Der FC Bayern ist einverstanden, mich an Stuttgart auszuleihen. Wir fahren nach Stuttgart. Felix Magath ist clever, also überaus freundlich. Er sagt, er holt mich für rechts hinten, eine Position, auf der beim VfB Andreas Hinkel spielt, ein Nationalspieler. Aber du kannst ja auch rechts im Mittelfeld spielen, sagt Magath, oder Hinkel spielt im Mittelfeld und du in der Verteidigung. Ich höre immer nur »spielen«. Nichts anderes will ich. Regelmäßig Bundesliga spielen, wenn möglich als Stammspieler. Ein Traum für einen 19-Jährigen wie mich. Nach dem Gespräch mit Magath stehe ich auf und bin überzeugt davon, dass er mich wirklich, wirklich haben will. Dass ich spielen werde. Regelmäßig. Nachdem ich mich zuerst noch einmal mit Roman beraten habe und mit meinen Eltern, sage ich zu.

Am ersten Trainingstag beim VfB Stuttgart muss ich von Mann zu Mann gehen und mich vorstellen. Niemand kennt mich, außer drei jungen Spielern, mit denen ich bereits in der Jugendnationalmannschaft gespielt habe.

»Hallo, ich bin Philipp Lahm …, hallo, ich bin Philipp Lahm …«

Ich habe jetzt einen eigenen Spind. Links von mir sitzt Timo Hildebrand, der schon in der Nationalmannschaft gespielt hat, rechts von mir Silvio Meißner. Ich darf mir eine Rückennummer aussuchen, ich nehme die 21.

In der Kabine ist der Umgang noch ein bisschen steif. Jemand fragt mich, ob der Umzug gut geklappt hat. »Ja«, sage ich. Viel mehr fällt mir nicht ein.

Aber auf dem Trainingsplatz fällt die Beklommenheit von mir ab. Ich weiß ja, dass ich Fußball spielen kann, und ich will wissen, ob ich mit den erfahrenen Spielern mithalten kann.

Das Training ist straff. Die erste Mannschaft spielt gegen die zweite. Ich stehe in der zweiten. Es dauert ein bisschen, bis ich orientiert bin, aber da höre ich schon den Trainer: »Philipp!«

Felix Magath, der ohnehin schon von Beruf Respektsperson ist, lässt mich vortreten und faltet mich vor versammelter Mannschaft zusammen. »Beweg dich mehr«, befiehlt er in bestem Kasernenhofton, »nimm mehr am Spiel teil.«

Mit eingezogenem Kopf renne ich zurück aufs Spielfeld. In meinem Kopf ein dumpfes Gefühl. Ist da eine Dampfwalze über mich drübergefahren? Aber nach dem Training sagen mir die Kollegen: »Nimm das nicht zu ernst. Der Trainer will dir helfen, und er macht das eben so.« Okay, denke ich, okay. Er scheißt mich zusammen, weil er mich wie jeden anderen Spieler behandelt. Er sieht kein Nachwuchstalent in mir, sondern ein echtes Mannschaftsmitglied. Er will nur, dass ich mich am Riemen reiße. Okay. Okay.

Ich reiße mich am Riemen und haue mich im Training voll rein. Der Trainer sagt nichts mehr zu mir, also muss die Leistung, die ich abliefere, in Ordnung sein. Bald beginnen die Kollegen mit mir kleine Witze zu machen. Witze sind das Konversationslexikon des Fußballprofis. Wenn du einem Mitspieler den Ball durch die Beine gespielt, ihn getunnelt hast, gibt es Anerkennung in Form eines durch die Zähne gepressten »Supertunnel!«. Nach ein paar Tagen auf dem Trainingsplatz ist das Fremdeln vorbei. Jetzt wird frei von der Leber geredet, meistens über Fußball. Einer nach dem anderen kommt zu mir und will wissen, wie es beim FC Bayern so zugeht.

Die Saison 2003/04 beginnt am 3. August, wir spielen auswärts gegen Hansa Rostock. Ich stehe im Kader, aber nicht in der Startaufstellung. Auf meiner Position, der des rechten Verteidigers, ist Andreas Hinkel gesetzt. Er spielt souverän, was ich von der Bank mit gemischten Gefühlen beobachte. Klar, ich will, dass die Mannschaft gewinnt. Aber ich will auch meinen Teil zum Gewinnen beitragen.

Zu meinem Bundesligadebüt für den VfB komme ich dann wegen einem Paar Schienbeinschützern. Zu Beginn der zweiten Halbzeit schickt der Trainer einen ganzen Schwarm Spieler zum Aufwärmen, auch mich, und gegen Mitte der Halbzeit gehen wir durch ein Tor von Imre Szabics 1:0 in Führung. Jetzt will der Trainer den Vorsprung absichern. Er holt Silvio Meißner vom Feld, aber der Spieler, der ihn eigentlich ersetzen soll, hat seine Schienbeinschützer noch nicht richtig in den Stutzen und trottet dem Trainer zu langsam Richtung Ersatzbank.

Also sagt Magath: »Nein, du nicht« und zeigt stattdessen auf mich.

Ich bin fertig. Silvio hat mir schon vor dem Spiel gesagt, dass ein Einsatz blitzartig kommen kann und dass ich besser meine Schienbeinschützer in den Stutzen habe, sobald ich mich auf die Bank setze. Danke für den Tipp, Silvio.

Der Platzsprecher meldet Vollzug: »Aus dem Spiel geht die Nummer 7, Silvio Meißner. Für ihn kommt mit der Nummer 21, Philipp Lahm.«

Hört sich gut an. Ich spiele links im Mittelfeld, nicht unbedingt meine Position, aber dann läuft sofort eine gute Aktion über meine Seite, ich erobere den Ball vom Gegner, spiele ihn weiter, schneller Angriff, und Imre Szabics macht sein zweites Tor, 2:0, jetzt lassen wir den Gegner nicht mehr kommen, und dann ist das Spiel auch schon vorbei. Alle sind zufrieden, nur der Kollege mit den Schienbeinschützern hat an seinem verpassten Einsatz zu knabbern.

In den nächsten Spielen habe ich immer wieder kurze Einsätze, meistens rechts im Mittelfeld vor Andreas Hinkel. Bei einer Partie im Ligapokal verletzt sich Timo Wenzel, der links hinten gespielt hat, und der Trainer fragt: »Philipp, kannst du auch linker Verteidiger spielen?«

Ich zögere keine Sekunde und sage: »Kein Problem.«

Das ist gewagt, denn ich habe in all den Jahren als Fußballer noch nie auf dieser Position gespielt. Aber hätte ich sagen sollen, das mache ich nicht? Hätte ich die Chance auf einen Einsatz willkürlich vergeben sollen? Ich spiele also eine Halbzeit linker Verteidiger, nicht brillant, aber ganz ordentlich.

Zwei Spieltage später stehe ich als linker Verteidiger in der Startaufstellung gegen Borussia Dortmund. Was ich noch nicht weiß: von nun an werde ich fünf Jahre lang auf dieser Position spielen.

Der VfB hat eine starke Mannschaft. Felix Magath weiß, wie er ein Team zusammenstellen muss. Kompakte Abwehr, Aljaksandr Hleb als fantastischer Individualist und viele Junge, die sich für die Mannschaft die Seele rausrennen: solche wie ich.

Parallel zur Meisterschaft beginnt die Champions League. Wir spielen in einer starken Gruppe mit Manchester United, den Glasgow Rangers und Panathinaikos Athen. Bei der Auftaktniederlage in Glasgow hatte ich noch nicht gespielt, aber als das Heimspiel gegen Manchester United vor der Tür steht, habe ich schon meine ersten beiden Spiele in der Startformation hinter mir.

Aber Bundesliga und Champions League, das sind zwei Paar Schuhe. Manchester United kommt mit allen Stars, Scholes und Giggs im Mittelfeld, Rio Ferdinand in der Verteidigung, Cristiano Ronaldo und Ruud van Nistelrooy im Sturm. Ich bin nicht sicher, ob der Trainer sich traut, mich gegen den besten Sturm Europas auflaufen zu lassen.

Aber im Training läuft es gut. Gegen 1860 in München habe ich anständig gespielt und sogar ein Tor vorbereitet. Das Feedback, das ich kriege, ist ermunternd – ein paar Scherze in der Kabine, die Anerkennung durchklingen lassen, bedeuten mehr für mich als eine gute Note in den Medien. Ich habe schnell begriffen, dass das Lesen der Sportseiten mehr Energie kostet, als du zurückbekommst, deshalb kümmere ich mich nicht darum. Das Wichtigste kriegst du sowieso mit.

Die Kollegen wissen jetzt, was ich draufhabe. Der Trainer hat gesehen, dass ich auch auf Bundesliganiveau gut mithalten kann. Ich denke, dass mein Ziel, Stammspieler in der Bundesliga zu werden, in greifbare Nähe gerückt ist.

Es ist der Tag vor dem Spiel gegen Manchester United, und Felix Magath hat mir noch nicht persönlich gesagt, ob ich in der Mannschaft stehen werde. Aber er lässt mir ausrichten, dass ich mich für die Pressekonferenz bereit machen soll. Super. Denn zur Pressekonferenz geht nur, wer morgen auch spielt.

Die Reporter wollen wissen, ob ich Angst vor dem Killerduo Ronaldo und van Nistelrooy habe. Ich bin zu nervös, um mit etwas anderem als einer Floskel zu antworten. »Respekt ja«, sage ich, »Angst nein.«

Am Spieltag scheint Stuttgart zu vibrieren. Die Luft ist elektrisch. Unser Spiel gegen United ist in der ganzen Stadt das erste Gesprächsthema, das Gottlieb-Daimler-Stadion ist so was von ausverkauft, dass der schwäbische Kassenwart angesichts der vielen Karten, die er noch zusätzlich hätte verkaufen können, in Tränen ausbricht. Es ist viele Jahre her, seit ein Spiel in der höchsten, der aufregendsten Spielklasse in Stuttgart stattgefunden hat, und unser Gegner ist einer der großen Favoriten auf den Titel. United. Gleich werde ich den legendären Alex Ferguson Kaugummi kauend auf der Bank sitzen sehen. Bisher kannte ich ihn und sein Team nur aus dem Fernsehen.

Wir wärmen uns auf, und die Nervosität, die mir in den Knochen steckt, verwandelt sich in eine warme, belebende Entschlossenheit. Ich bin 19, habe erst ein paar komplette Bundesligaspiele hinter mir, aber ich fühle mich angesichts der Aufgabe, die auf mich zukommt, nicht überfordert. Ich erinnere mich an meine Wortmeldung bei der Pressekonferenz und muss schmunzeln. Meine Floskel vom Respekt entpuppt sich gerade als die pure Wahrheit. Ich habe Respekt, aber dieser Respekt schwächt mich nicht, sondern schießt belebend in meine Adern ein, ich bin wach, ich bin konzentriert, ich freue mich auf das, was jetzt kommt. In meinem Kopf tauchen Bilder auf, Bilder von gewonnenen Zweikämpfen, von Spielsituationen, wie ich sie schon erlebt habe, aber auch Bilder von problematischen Situationen und wie ich sie löse. Ein Bild nimmt Gestalt an, ein Stürmer, der mit Tempo auf mich zukommt, und ich weiß instinktiv, wie ich ihm den Ball abnehme. Ich rufe das Bild ab: zwei Angreifer sind vor mir, und wieder gibt mir der prompte Einfall, was zu tun ist, Sicherheit.

Als wir aufs Spielfeld laufen, dröhnt die Hymne der Champions League aus den Lautsprechern. 50.000 Zuschauer verwandeln Emotionen in Lärm und Rhythmus. Freude, dass heute dieses Fest stattfindet. Ungewissheit, was uns erwartet. Erwartung an Spieler, deren Namen Synonyme für großartigen Fußball sind, für Dynamik, Technik und Unterhaltung.

Man sagt, dass ein Spieler auf dem Spielfeld gar nicht wahrnimmt, was um ihn herum stattfindet. Bei mir stimmt das nicht. Ich nehme alles wahr. Ich sehe, wie hell das Licht ist, das von den Flutlichtmasten über den Platz strömt. Ich höre das Rufen und Pfeifen einzelner Menschen. Mein Geist ist so klar, dass ich viel mehr wahrnehme, als wenn ich bloß als Zuschauer auf der Tribüne sitze. Jeder Chor, jeder Ruf, jeder Pfiff gehört jetzt mir.

Es kann losgehen.

Ich spiele links in der Verteidigung, mein direkter Gegner ist Cristiano Ronaldo. Cristiano ist noch jünger als ich, ein Wunderkind aus Portugal. Was er am Ball kann, ist erstaunlich, dazu verfügt er über einen harten, platzierten Schuss. Er tauscht immer wieder Position mit van Nistelrooy, der in der vorangehenden Saison Torschützenkönig in der Premier League gewesen ist.

Erster Ballkontakt, der Ball tut, was er soll. Es ist, als würde die Ausnahmesituation auf den Tribünen das Spiel verdichten und beschleunigen. Der Gegner ist schneller, steht besser, ist aufmerksamer als alle Mannschaften, gegen die ich bis jetzt gespielt habe – was keine Überraschung für einen Spieler sein kann, der vor ein paar Monaten noch in der Regionalliga am Werk war. Aber wir halten mit. Wir sind beseelt von einer rauschhaften Leidenschaft. Jede gelungene Aktion findet ihr Echo im Publikum. Sobald wir uns dem Tor der Engländer nähern, nimmt die Elektrizität zu. Wenn wir uns ihren Angriffen in den Weg stellen und ihre Ideen vorausahnen und unterbinden, strömt Sicherheit in jeden Einzelnen von uns.

Das Spiel ist nicht besonders gut, aber höllisch intensiv. Ich habe weder mit Ronaldo noch mit van Nistelrooy ein Problem, ich finde sogar Zeit, mich in Angriffe einzuschalten. Nach zwanzig Minuten schnappe ich mir an der Mittellinie nach einer Kopfballkerze den Ball, lasse einen Gegenspieler aussteigen und habe plötzlich Platz, gehe allein Richtung Tor, überspiele auch noch einen Verteidiger, aber der holt mich drei, vier Meter außerhalb des Strafraums mit einer Grätsche von den Beinen. Der Freistoß bringt nichts ein, aber mein Herz schlägt bis zum Hals. Es ist möglich, denke ich mir, wir können das packen, auch gegen die.

0:0 zur Halbzeit. Der Trainer heizt uns zusätzlich auf. »Die wackeln«, sagt er. »Da geht heute was.«

Und es geht was. Nach einem Eckball gleich nach der Pause muss Scholes auf der Linie retten. Drei Minuten später erwische ich einen Kopfball an der Mittellinie, der Ball springt weit in die Hälfte der Engländer, Imre Sabiczs startet am schnellsten, lässt Ferdinand stehen, nimmt den Ball mit und macht cool das 1:0.

Ein Schrei, und dann diese unvergleichliche Erleichterung, wenn ein Ball im Tor liegt. Imre rennt jubelnd zur linken Eckfahne, und ich sprinte nach, muss unbedingt auf den Haufen der Spieler in den weißen Trikots hinaufspringen, der sich dort auf dem Rasen wälzt.

Es ist – schon wieder eine Floskel – Gänsehautstimmung pur. Natürlich hat keiner von uns eine Gänsehaut, aber der Moment, in dem so ein Tor gelingt, hat aller Dynamik zum Trotz etwas Feierliches, Pathetisches. Es ist der Moment, in dem du weißt, warum du Fußball spielst. Warum du schon in der Jugend sechs Mal pro Woche auf dem Platz gestanden hast, während deine Freunde beim Schwimmen waren. Es sind die Momente, in denen die Stammhirnrinde Endorphine und Glückshormone ausschüttet. Wir sind high. Wir haben zehn, zwanzig Sekunden Zeit für dieses kollektive Glück, Sekunden, die mit Glückwünschen, Abklatschen, Schulterdrücken vergehen, dann trotten wir wieder zurück in unsere Hälfte, aufgeladen von noch mehr Energie, noch mehr Spannung, bereit, den Gegner zu fressen.

Zwei Minuten später spielen wir einen Ball schnell aus der Verteidigung nach vorne, Soldo schickt Szabics, der spielt sofort weiter zu Kurányi, Kevin hebt den Ball über den Keeper von Manchester, und von der Innenseite der Querlatte tropft der Ball ins Tor.

Es steht 2:0. Weihnachten!

Jetzt bloß nicht nachlassen.

Manchester kann das Tempo nicht steigern. Das Spiel findet hauptsächlich im Niemandsland des Mittelfelds statt. Erst als nach einem Eckball Cristiano Ronaldo umfällt und der Schiedsrichter auf Elfmeter entscheidet, wird es noch einmal eng. Van Nistelrooy haut den Elfer mit dem ganzen Selbstvertrauen des Stürmers, der gewohnheitsmäßig trifft, unter die Querlatte. Er holt den Ball aus dem Netz und trägt ihn zurück zum Mittelpunkt, um seinen Kameraden zu zeigen, hey, gebt Gas, wir sind wieder dran.

Aber das war es dann schon. Wir verteidigen hinten so entschlossen wie die Schweizer das Bankgeheimnis. Ein paar Minuten später holt mich der Trainer runter. Ich bin platt, und er hat es gesehen. Zwei durchgespielte Bundesligapartien und das Spiel heute haben mich auch physisch an meine Grenzen gebracht.

Magath gibt mir einen Klaps, sagt »Super, Philipp«, und ich wäre bestimmt happy und stolz gewesen, wenn wir das Spiel schon gewonnen gehabt hätten, aber es fehlen noch fast zwanzig Minuten.

Verrückt: Als ich in meinen Trainingsanzug geschlüpft bin und auf der Bank sitze, spüre ich plötzlich die ganze Nervosität, die mein Gehirn auf dem Spielfeld in Energie umgewandelt hat. Ich spüre das Tempo, das ich gegangen bin, den Stress, der nicht zu vergleichen gewesen ist mit irgendeinem anderen Spiel, das ich je zuvor gemacht habe. Weit hinten im Kopf und unten in den Beinen machen sich Müdigkeit und Anstrengung bemerkbar, aber meine Aufmerksamkeit ist auf dem Platz geblieben, wo Manchester United jetzt den Ausgleich schaffen will und ich nichts mehr dagegensetzen kann.

Aber die Chancen haben wir. Soldo scheitert mit zwei Kopfbällen, dann spielt Hleb auf Kurányi, Ferdinand grätscht Kevin um, Elfmeter.

Jetzt haben wir sie. Wir beglückwünschen uns schon auf der Bank. Fernando Meira wird schießen, unser routinierter Innenverteidiger, ein sicherer Schütze, dann steht es 3:1, noch zehn Minuten zu spielen, das holt selbst Manchester United nicht auf.

Fernando läuft an, schießt in die linke Ecke, aber dort ist vor dem Ball schon Tim Howard, der Keeper. Gehalten, Chance vergeben. Die ganze Bank unter Schock, während drüben bei den Engländern zwei neue Leute bereitstehen, um mit frischen Kräften doch noch für den Ausgleich zu sorgen, der gerade noch meilenweit entfernt schien.

Aber unsere Abwehr bleibt konzentriert. Manchester drückt zwar, aber eine zwingende Torchance bekommen sie weder in den restlichen zehn Minuten noch in den ewig langen vier Minuten der Nachspielzeit.

Dann ist das Spiel aus.

Das Stadion singt, tanzt, feiert, als wäre hier kein Fußballspiel, sondern Oktoberfest. Wir singen, tanzen, feiern mit. Als ich in der Mitte des Spielfelds stehe und die vollen Ränge betrachte, wo die Zuschauer auch jetzt, zehn Minuten nach dem Spiel, nicht nach Hause gehen, denke ich kurz, wie unwahrscheinlich das doch alles ist. Vor ein paar Monaten spielte ich noch vor tausend Zuschauern gegen den SC Pfullendorf, und jetzt haben wir Manchester United in der Champions League geschlagen, und ich habe eine so gute Partie gemacht, dass ich kaum mehr daran zweifle, dass ich auch im nächsten und im übernächsten Spiel in der Startelf stehen werde. Ich denke, dass Fußball eben immer Fußball bleibt, dass jede Situation, die du erlebst, neu und doch vertraut ist, und dass ich immer Fußball gespielt habe, also auch in dieser unwahrscheinlichen Spirale, die mich gerade nach oben treibt, etwas habe, das mir Halt gibt.

Dann gehe ich in die Kabine. Heute muss gefeiert werden.

In der Bundesliga spielen wir eine tolle Hinrunde. Nach 17 Partien stehen wir punktgleich mit dem FC Bayern und Bayer Leverkusen auf Platz 4, Werder Bremen hat vier Punkte Vorsprung. Wir haben die dichteste Abwehr der Bundesliga, in 17 Spielen kassierten wir nur sieben Tore. Auch in der Champions League läuft es blendend, wir haben uns souverän für das Achtelfinale qualifiziert, wo wir gegen Chelsea spielen.

Anfang Februar 2004, die Rückrunde hat gerade begonnen, ruft mich Felix Magath in sein Büro. Er macht die Tür zu und sagt: »Philipp, nur dass du’s weißt. Du wirst nächste Woche in die Nationalmannschaft berufen.«

     2. Kapitel     

UM DEN ZAUN ZU DEN PROFIS

Jugend in Gern und beim FC Bayern

Immer die Freude am Fußball behalten – Vertrauen in das eigene Gefühl entwickeln – immer nur an den nächsten Schritt denken – nicht zu große Ziele setzen – aus Schwächen Stärken entwickeln – die Freude, Teil einer Mannschaft zu sein – die eigenen Möglichkeiten erkennen – die richtige Unterstützung suchen

Am Anfang verlieren wir jedes Spiel. Wir verlieren hoch, wir verlieren knapp, wir holen nicht einmal ein Unentschieden.

Ich bin hin- und hergerissen. Macht mir das Fußballspielen mehr Spaß, als mich das Verlieren ärgert? Oder nervt mich das Verlieren so, dass ich irgendwann keine Lust mehr auf Fußball habe?

Ich bin fünf Jahre alt, als ein Kindergartenfreund vor unserer Haustür in Neuhausen steht und fragt: »Darf der Philipp mit zum Training kommen?«

Meine Mama lacht und sagt, was sie seither immer gesagt hat: »Wenn er will …«

Okay, dann will ich halt. Gehe zum ersten Mal ins Training der Freien Turnerschaft Gern und füge der stattlichen Zahl der Lahms in diesem Verein einen weiteren hinzu.

Mein Papa spielt bei der FT Gern. Mein Onkel spielt bei der FT Gern. Mein Opa hat bei der FT Gern gespielt. Meine Mama wird bald im Büro der FT Gern sitzen und darauf schauen, dass jede einzelne Jugendmannschaft hat, was sie braucht. Der Platz der FT Gern ist genau fünf Minuten von unserer Wohnung in Neuhausen entfernt.

Man könnte also denken, dass mein Weg in diesen Klub vorgezeichnet ist.

Aber ich will im Grunde nur bolzen. Gegenüber von unserem Haus beginnt der Olympiapark, dort finden sich immer ein paar Jungs, die miteinander spielen. Eine Gruppe von Kindern, ein Ball, zwei Tore: gibt es was Schöneres?

Die FT Gern spielt in der Kreisklasse. Mein Papa hat Talent, die Sechziger wollten ihn haben. Aber statt Zweite Bundesliga zu spielen, ist der Papa lieber am Wochenende daheim.

Fußball gehört in unserer Familie zum Alltag, aber nie in Verbindung mit enormem Ehrgeiz. Für den Ehrgeiz bin offenbar ich zuständig.

Sobald ich mit meinem neuen Klub die erste Niederlagenserie kassiert habe, schmeiße ich mich noch mehr rein als bisher. Wäre doch gelacht! Beim Training merke ich, dass es mir leichter fällt als den meisten anderen, dem Ball klarzumachen, was ich von ihm will. Ich schieße ganz gut, und ich kann fast jeden Ball stoppen. Weil mir der Ball nicht dauernd vom Fuß springt, kriege ich ihn auch öfter zugespielt als die anderen. Es dauert also nicht lange, und ich spiele in meiner Mannschaft eine Rolle. Wir spielen kreuz und quer, aber ich bin immer in der Mitte.

Das gefällt mir. Aber noch mehr gefällt mir, dass wir nicht mehr so sicher verlieren, wie das Amen in der Kirche. Wir spielen hie und da unentschieden, und an guten Tagen gewinnen wir sogar.

Meine Mitspieler sind meine Freunde. Würden wir nicht gemeinsam Fußball spielen, würden wir irgendetwas anderes aushecken. Aber wir kommen nicht dazu, denn Schule und Fußball nehmen den ganzen Tag in Anspruch.

Auf Münchens Fußballplätzen treiben sich immer Nachwuchsscouts der großen Vereine herum. Sie schauen sich Spiele aller Jugendmannschaften an und versuchen, die vielversprechenden Jungs zu ihren Klubs zu lotsen. Viele Profikarrieren haben auf diese Weise begonnen.

Eines Tages, ich bin gerade zehn geworden, spricht mich nach einem Spiel ein freundlicher Mann an. Ihm habe gefallen, wie ich die Mannschaft nach vorn trieb. Ob wir nicht noch ein bisschen auf dem Nebenplatz kicken wollen?

Mit meinem Papa und zwei Kumpels kicken wir noch ein bisschen auf dem Nebenplatz. Der Mann schaut aufmerksam zu, wie wir den Ball behandeln, ihn stoppen und weiterspielen. Dann rückt er mit seinem Anliegen heraus. Ob ich nicht Lust hätte, zu 1860 München zu kommen? Wenigstens für ein Probetraining.

»Hm«, sage ich. »Weiß nicht.«

Aber dann interessiert mich doch, wie bei den Sechzigern trainiert wird. Obwohl ich fast sicher bin, dass ich nicht von der FT Gern weggehen werde, fahre ich zum Probetraining nach Giesing.

Das Erste, was ich sehe, ist der Zaun hinter dem Tor. Der hat große Löcher.

»Nein«, sage ich. »Hier will ich nicht spielen.«

Ein paar Wochen später treffen wir in der Meisterschaft der U12 auf die Löwen, genau auf die Mannschaft, bei der ich nicht spielen wollte. Wir verlieren 2:7, aber immerhin haue ich ihnen unsere beiden Tore rein.

Es dauert ein Jahr, bis mir nach einem Spiel wieder ein Mann entgegenkommt, den ich nicht kenne.

»Servus, Philipp. Hast du vielleicht Lust, zur U11 des FC Bayern zu kommen? Ich bin der Trainer.«

Jetzt ist die Antwort nicht mehr so einfach. Mein Ehrgeiz hat ziemliche Fortschritte gemacht. Schon wenn ich zu Hause beim Mensch-ärgere-dich-nicht verliere, ist die Hölle los, und mit der FT Gern werden wir bei aller Freundschaft nichts Großes gewinnen. Hm.

Wahrheitsgemäß antworte ich: »Ich weiß nicht.«

Aber der Trainer ist hartnäckig. Er redet mit meinen Eltern. Die sind irgendwie geschmeichelt, aber sie warten ab, was der Bub sagt. Was ich sage.

»Wir rufen Sie an.«

Aber der Trainer lässt nicht locker. Er wirft eine Angelschnur mit einem fetten Köder nach mir aus.

»Wenn du zum Probetraining kommst, darfst du im Olympiastadion den Balljungen machen.«

Verdammt. Jetzt muss ich also doch zum Probetraining.

Aber ich bleibe skeptisch. Die Vertrautheit unseres Fußballplatzes, der Geruch der Kabinen, der Spaß, den ich mit den Jungs habe – kriege ich beim FC Bayern etwas, was mir genauso viel wert ist? Wird das Training dort ein Kampf statt dem vertrauten Spaß in Gern? Und: bin ich überhaupt gut genug für den großen FC Bayern?

Als mich die Mama zum Probetraining fährt, schaut sie mich vom Fahrersitz aus prüfend an. Sie merkt, dass ich nervös bin. Aber sie will mir die Peinlichkeit ersparen, es abzustreiten, deshalb schweigen wir.

Ich weiß nicht, was ich mir erwartet habe, aber die Schülermannschaft des FC Bayern ist voll in Ordnung. Ein Spieler, der ein halbes Jahr älter ist als ich, nimmt mich sofort unter seine Fittiche. Er heißt Enzo. Sein kleiner Bruder Diego Contento wird Jahre später mit mir bei den Profis des FC Bayern spielen.

Enzo ist sofort so was wie ein Verbündeter. Außerdem hat er die Aufgabe übernommen, mit mir ins Olympiastadion zu fahren und mich dort in die Pflichten eines Balljungen einzuweisen.

Auf der Rückfahrt nach Gern habe ich das Gefühl, dass ich auch beim FC Bayern sehr schnell Freunde finden werde. Das Gefühl ist stärker als die Traurigkeit, dass ich meine Freunde von zu Hause in Zukunft nicht mehr so oft sehen werde. Als ich darüber nachdenke, merke ich, dass ich mich bereits entschieden habe. Ja, ich werde zum FC Bayern wechseln.

Zum ersten Mal begreife ich, was Ordnung auf dem Platz ist. Unser Trainer Jan Pienta unterbindet alle Versuche, wie in Gern draufloszubolzen, mit einem Pfiff seiner Trillerpfeife. Er schärft jedem Spieler ein, die Position zu halten, die ihm zugewiesen ist, und sich an das Grundmuster zu halten, das unserem Spiel zugrunde liegt.

Ich spiele auf der Position des Achters. Defensives Mittelfeld mit ein bisschen Spielraum nach vorn. Liegt in der Familie, auch der Papa hat immer mit der 8 gespielt. Zum ersten Mal höre ich den Begriff »Stellungsspiel« in Verbindung mit verständlichen Anweisungen. Zum ersten Mal begreife ich den Zusammenhang zwischen den Zeichnungen, die der Trainer in der Kabine an die Wand pinnt, und dem Lauf des Balls auf dem Feld. Ich wittere Fußball. Ich ahne Niveau.

Aber ich muss viel lernen, um ganz in der Mannschaft anzukommen. Ich muss zum Beispiel lernen, von zu Hause fort zu sein. Ich habe bis jetzt noch nie auswärts geschlafen, und jetzt fahren wir zu einem Turnier nach Berlin, wo wir bei Gasteltern untergebracht werden. Ich muss lernen, auf meine Freunde zu verzichten, denn ich habe drei Mal in der Woche Training an der Säbener Straße, und am Wochenende wird gespielt.

Meistens gewinnen wir, das macht Spaß.

Als wir in der Münchner Olympiahalle den Hertie-Cup spielen, treffen wir im Finale auf 1860. Unentschieden nach der regulären Spielzeit, und als ich in der Nachspielzeit das Golden Goal erziele, bin ich in dem Knäuel von Spielern, die dieses Tor feiern, ganz unten. Alle anderen liegen auf mir.

Am Abend merke ich, dass ich ganz dicke Stellen am Hals habe. Wir gehen zum Arzt. Der Doktor untersucht mich und stellt schnell fest, dass ich eine geschwollene Milz habe, vermutlich durch eine Infektion, die ich bis dahin nicht bemerkt habe. Bloß nicht stark draufdrücken, sagt der Doc, die Milz könnte reißen. Gut, dass er mir das jetzt schon sagt.

Beim FC Bayern spielen die besten Nachwuchsspieler Münchens. Eine zusätzliche Herausforderung besteht darin, dass die U12 in den Wettbewerben der U13 antritt, die U13 in denen der U14, die U14 in denen der U15. Erst die U17 misst sich wieder mit gleichaltrigen Gegnern.

Als wir 14 werden, beschließt der Verein, eine neue U15 ins Rennen zu schicken. Wir müssen ganz unten anfangen, gegen die schlechtesten Klubs. Alle regen sich darüber auf, nicht über die zweistelligen Packungen, die wir den Gegnern verpassen, aber über die roten Staubplätze, auf denen wir in diesem Jahr spielen müssen.

In der U14 werde ich für die Münchner Auswahl nominiert: meine erste Berufung in ein Auswahlteam. Zwei Jahre später folgt die Berufung in die Bayern-Auswahl, und als ich 16 bin, werde ich von Uli Stielicke in die U17-Nationalelf eingeladen. Wir spielen gegen Finnland, ich bringe nichts Besonderes auf die Reihe, und Uli Stielicke lässt ein Jahr lang nichts von sich hören.

In Duisburg gewinne ich mit der U16 der Bayern-Auswahl meinen ersten Titel, die Deutsche Meisterschaft im Ländervergleich. Auf der Rückfahrt lassen wir die Sau raus. Der Bus muss bei einer McDonald’s-Raststätte ranfahren, und die Mannschaft stößt mit Sekt auf den Titel an: in Plastikbechern, versteht sich.

Der Gedanke, Profi zu werden, ist in jeder Schüler-, in jeder Jugendmannschaft zu Hause. Jeder Junge, der fünf Mal die Woche trainiert und am Wochenende spielt, hat den Traum, irgendwann Bundesliga zu spielen oder Champions League. Nichts ist reizvoller als der Gedanke an das Trikot deines Klubs, wo unter einer super Nummer dein Name steht.

Natürlich träume auch ich davon. Aber ich habe auch einen anderen Plan in Reserve. Vielleicht will ich Banker werden wie mein Opa und mein Onkel. Zahlen liegen mir. In der Schule zählt Mathematik zu meinen Lieblingsfächern. Noch belastet mich der Gedanke an Entscheidungen, die in der Zukunft fallen, nicht.

Am spannendsten wird es immer zu Saisonende. Zu Saisonende sagt der Trainer, wen er nächstes Jahr noch in der Mannschaft sehen möchte. Das bedeutet das Ende mancher Träume. Drei, vier, fünf Spieler müssen gehen, einen anderen Verein suchen, manche hören mit dem Fußball überhaupt auf.

Ich rutsche von Jahr zu Jahr in die nächste, höhere Mannschaft. Andere Spieler, vor denen ich großen Respekt hatte, werden nicht mitgenommen.

In den Mannschaften bin ich immer einer der Jüngsten. Ich habe im November Geburtstag, und da die Jugendmannschaften nach Geburtsjahr zusammengestellt werden, spiele ich oft gegen Jungs, die fast ein Jahr älter sind als ich. Das ist für Zwölf-, Dreizehn-, Vierzehnjährige oft ein Unterschied von einiger Tragweite.

Weil ich nicht besonders groß bin, muss ich mein Spiel so anlegen, dass ich das durch besonders fixes Denken ausgleiche. Dass ich schon am richtigen Ort stehe, bevor der Ball dorthin gespielt wird. Dass ich vorausahne, was der Gegner als Nächstes tun will, und ihm den Weg abschneide.

Die Trainer stellen mich zuerst als Achter auf, dann als Rechtsaußen und schließlich als rechten Verteidiger.

Das Training wird zum Motor meines Alltags. Zuerst drei, dann vier, dann fünf Mal die Woche quer durch die Stadt fahren, trainieren, zurückfahren. Meine Freunde aus Gern gehen am Nachmittag schwimmen, ich gehe trainieren. Wir lernen Mädchen kennen. Die Freunde gehen am Samstag in die Disco, ich gehe schlafen: wir spielen ja am nächsten Tag.

Es sind die Jahre, wo viele Jungs, die gut Fußball spielen, beschließen, mit dem Fußball aufzuhören. Das heißt, sie beschließen es gar nicht. Aber sie bleiben zuerst einmal, dann öfter dem Training fern, rufen den Trainer an und sagen, dass sie erkältet sind, um mit den Mädels ausgehen zu können, und irgendwann sind sie so weit von der Seele des Spiels entfernt, dass sie nicht mehr zurückfinden.

Ich kann diese Unsicherheit verstehen. Ich möchte auch gern zum Schwimmen gehen. Aber ich will auch am Fußball dranbleiben. Wenn ich heimlich überlege, ob ich einmal das Training schwänzen soll, muss ich nur bei meinem Ehrgeiz nachfragen. Bleib dran, sagt der Ehrgeiz, wenigstens dieses Jahr, wenigstens, bis du weißt, dass du von der U14 in die U15 mitgenommen wirst.

Den Rest erledigt der Fußball selbst. Sobald ich auf dem Platz stehe, sobald der Trainer uns in zwei Mannschaften aufteilt und in ein Spiel schickt, sieben gegen sieben oder elf gegen elf, ist auch der Spaß wieder da, der Spaß am Spiel, am Trick, am Gefühl, wie herrlich es ist, den richtigen Pass zu spielen und der Stürmer tunnelt den gegnerischen Torwart. Fußball ist so ein Vergnügen.

Ich glaube, Ehrgeiz allein genügt nicht, um Fußballprofi zu werden. Disziplin allein genügt auch nicht. Es braucht diesen Spaß am Spiel, dieses erfüllende Gefühl, sobald du auf dem Platz stehst, das Nicht-mehr-an-die-Freunde-Denken, die jetzt beim Schwimmen sind, der Ball, du, das Tor, deine Welt.

Ich spiele jetzt in der U17 des FC Bayern. Ich brenne für die Mannschaft. Als wir das Finale um die Deutsche Meisterschaft in Berlin gegen Hertha BSC 0:1 verlieren, sitze ich in der Kabine und heule vor Zorn, und es ist mir nicht einmal peinlich. Neben mir sitzen ein paar andere, denen es genauso geht. Selbst in diesen bitteren Momenten merke ich, wie großartig es ist, Teil einer Mannschaft zu sein.

Wir teilen alles. Die Niederlage, den Zorn über die Niederlage, die Entschlossenheit im Training, den Ehrgeiz im nächsten Spiel, das erste Tor, den Sieg, den Jubel, die Party in der Kabine und später am Abend. Du bist nie allein. Du teilst mit allen Kameraden das gemeinsame Ziel. Du musst dich nicht mehr fragen, warum du dir das alles antust, das viele Training, die knappe Freizeit.

Meine Eltern kommen zu jedem Spiel. Sie sehen uns oft gewinnen. Meine Mutter ist genauso Fan der Mannschaft wie mein Vater, aber obwohl beide durchaus etwas vom Fußball verstehen, halten sie sich mit Kommentaren zum Spiel zurück. Sie loben mich, ja, aber sie bilden sich nie ein, mir erklären zu müssen, was ich besser machen könnte.

Das finde ich großartig. So bleibt uns der Fußball ein gemeinsamer Schatz, der nie zum Schauplatz von Konflikten wird.

Als ich mit 17 Jahren in die U19 aufrücke, verdiene ich wie alle anderen 400 Mark im Monat, Aufwandsentschädigung und Fahrgeld. In der U17 waren es 100 Mark gewesen, in der U18 200 Mark. Neben der Chance, für die A-Jugend zu spielen, geht auch schon ein Fenster in die Welt des Erwachsenenfußballs auf. Ich könnte auch für die Amateure des FC Bayern eingesetzt werden, die damals in der Regionalliga spielen, der dritten Liga des deutschen Fußballs. Darüber gibt es nur noch die Zweite Bundesliga und die Bundesliga.