Der Hundemann - Dieter Paul - E-Book

Der Hundemann E-Book

Dieter Paul

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Beschreibung

Aber auf Ihre Verantwortung…" In über 30 Jahren als Hundetrainer hat Dieter Paul diesen Satz schon häufig gehört. Vertrauen, Respekt, Geborgenheit, Sicherheit. Auf diesen 4 Säulen sollte eine harmonische Hund-Mensch-Beziehung aufgebaut sein. Das klappt nicht immer und häufig braucht es einen kleinen oder großen Anstoß. In diesem Buch geht es jedoch nicht um Hundetraining oder Erziehungsmethoden, hier gewährt der Autor einen Einblick in den spannenden und abwechslungsreichen Alltag eines Hundetrainers. Lustige, traurige, skurrile und unglaubliche Geschichten sind unterhaltsam zusammengefasst. Dieter Paul fand vor über 30 Jahren seine Berufung als Hundetrainer. Seit dieser Zeit hat er auch zahlreiche soziale Projekte organisiert und unterstützt, engagiert sich aufopferungsvoll im Tierschutz und gründete seinen Rottweiler Gnadenhof "Rottihof", um alten, kranken, misshandelten und vergessenen Hunden ein neues Zuhause zu geben. Mit großem Engagement, viel Herz und Verstand, hilft er Hund und Mensch auf ihrem Weg. Immer getreu nach dem Motto: -Und während die Welt ruft: "Du kannst nicht alle retten!" Flüstert die Hoffnung: "Und wenn es nur einer ist…Versuche es!"-

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Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Die Wilde Cherie

2. Dickköpfige Kundin

3. Hund auf dem Tisch

4. Butsch der Kämpfer

5. Misshandelter Retriever

6. So kann es kommen

7. Mein schlimmster Fall

8. Unqualifizierter „Trainer“

9. Unvergessen

10. Glück auf Rädern

11. Junges Glück

12. Kaputte Couch

13. Schlaues Mädchen

14. Ungewöhnliche Freunde

15. 1000 Namen

16. Postbote

17. Miss Esoterik

18. Dänisch Dynamite

19. Schizophrenie

20. Territorialer Mix

21. Trennungshund

22. Familientragödie

23. Der Boss

24. Little Sweety

25. Blöde Kuh

26. Schicksal

27. Müllhalde

28. Kurios

29. Der Zerstörer

30. Unbelehrbar

31. Vanille

32. Falsch eingeschätzt

33. Unverstanden

34. Busfahren

35. Familientherapeut

36. Firmenhunde

37. Durchgeknallt

38. Rettungsschwimmer

39. Trauerfall

40. Kessi und ihr Personal

41. Unbefriedigender Termin

42. Befremdliche Welt

43. Angsthund

44. Taube Nuss

45. Polizeihund

46. Idioten

47. Wirbelwind

48. Alkohol ist keine Lösung

49. Uneinsichtig

50. Falsche Erziehung

Nachwort

Danksagung

Widmung

Impressum

Vorwort

Als Erstes:

ALLE Namen, auch die der Hunde, wurden mit Absicht geändert. Alle Bilder sind mein Eigentum und haben nichts mit den Geschichten zu tun. Sie sollen nur zur Auflockerung dienen.

In diesem Buch soll es in keinster Weise um Hundetraining gehen, ich möchte euch einfach nur mitnehmen und euch einen Einblick in meine Geschichten und Erlebnisse geben.

Die beschriebenen Ereignisse haben einen wahren Kern und basieren zum Großteil auf den Erfahrungen und Erlebnissen, die ich im Laufe meines Berufslebens gesammelt habe.

Aus rechtlichen Gründen wurden deshalb alle Namen der Menschen und der Hunde geändert. Auch die Bilder haben mit den Geschichten nichts zu tun.

Halbwahrheiten sind nur zur Hälfte erfunden.

Mein Name ist Dieter Paul,

in einer Spedition in Insheim groß geworden, war mein Leben von Anfang an auf Arbeiten eingestellt. Nach Schule und Berufsausbildung als Fahrzeuglackierer arbeitete ich in den verschiedensten Firmen und Berufszweigen als Schlosser, Sandstrahler, Automechaniker, Industrielackierer, Customizer, LKW-Fahrer im Europaverkehr, Disponent, Formenbauer, Ofenbauer oder Schweißer … all das füllte mich aber nie wirklich aus.

Mit 20 Jahren begannen mein Interesse und meine Freude an Hunden. Am Anfang nur durch deren Erscheinungsbild, wurde mein Interesse jedoch schnell größer und ich wollte mehr über den Umgang mit Hunden erfahren.

Speziell der Rottweiler gefiel mir und lies mich seither nicht mehr los. Ich suchte in verschiedenen Zeitungen und über Bekannte (Internet kannte man noch nicht) nach einem Hund.

Mein damaliger Chef kannte jemanden, der sich seines Rottweilers übers Tierheim „entledigt“ hatte, da er lt. Aussage „nicht zurechnungsfähig und gefährlich“ sei.

Ich dachte einfach zu wenig nach und schaute mir den Hund an. Rico, ein Rottweiler mit 55 kg und aus 3. Hand. Ich ließ den Papierkrieg über mich ergehen und nahm Rico mit nach Hause.

Wie sich schnell herausstellte, war das nicht gerade der beste Anfängerhund, den man sich holen sollte.

Was ich auch tat, welchen Rat ich auch befolgte, ich stieß einfach sehr schnell an meine Grenzen.

Rico machte mir unser gemeinsames Leben wirklich nicht einfach. Es gab viele Situationen, in denen ich über die Abgabe des Hundes mehr nachdachte als über das Behalten.

Also Hundeplatz aufsuchen, üben und alles wird gut, half hier überhaupt nicht. Ich suchte mir bei einigen Leuten, Hundeplätzen und Trainern Hilfe, aber zufrieden war ich nirgendwo. Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer mit Rico. Nach vielem „Probieren“ hörte ich von einem Hundetrainer aus Bayern, der sehr empfehlenswert sein sollte und sich besonders mit schwierigen Hunden gut auskennt.

Ich besorgte mir seine Telefonnummer, rief ihn an und erzählte ihm von meinem Problem. Wie sich herausstellte, war Herr Hubert Frührentner und hat seit vielen Jahren Rottweiler. Er wollte nach einem schweren Unfall und dem dadurch entstandenen Verlust seines geliebten Hundes eigentlich nicht mehr mit Hunden arbeiten.

Aber nach langem hin und her konnte ich ihn schließlich überreden, mich und meinen Hund mal anzuschauen. Wir haben einen Termin ausgemacht und ich bin mit Rico eine Woche nach Bayern gefahren, um mich mit Herrn Hubert zu treffen. Er sprach erst mal eine Zeit lang mit mir und dann sah er sich Rico an. Was er mir dann zeigte, hat mich echt verblüfft. So mit Hunden zu „sprechen“ und sie zu „verstehen“ habe ich noch nie gesehen.

Rico folgte Herrn Hubert ohne ein Wort, auch von Angst oder Aggression war nichts mehr zu sehen. Es hat mich so beeindruckt, dass ich das auch lernen wollte.

Es waren eine Menge Überredungskunst und „viele Flaschen Pfälzer Wein“ von Nöten, damit Herr Hubert mir sein großes Wissen über dieses Handwerk richtig beibrachte. Ich machte Lehrgänge und Seminare bei ihm und habe einige Jahre bei ihm gelernt, mit Hunden richtig umzugehen und diesen Tieren auch den nötigen Respekt entgegenzubringen. Der Schwerpunkt dieses Lernprozesses war der Umgang mit auffälligen, misshandelten und gefährlichen Hunden.

Er war es auch, der mir empfahl, andere Trainer zu besuchen, um unterschiedliche Methoden im Umgang mit Hunden zu sehen und zu erlernen. Daher habe ich auch mehrere Seminare bei Wolfsforschern absolviert, um mehr über den Ursprung unserer Hunde und das natürliche Rudelverhalten zu lernen. Jeder Hund ist ein Individuum und braucht eine auf ihn passende und abgestimmte Trainingsmethode. Leider ist Herr Hubert nach 4 Jahren, die ich bei ihm lernen durfte, verstorben.

Seit dieser Zeit habe ich mein erlerntes Wissen an weiteren Hunden von mir einsetzen und ausbauen können. Sie alle kommen aus dem Tierschutz und mussten schlimmstes über sich ergehen lassen. Ich versuche seitdem, seine Philosophie an meine Kunden weiterzugeben, damit wir alle mit unseren Hunden zusammen viel Freude haben.

Vertrauen, Respekt, Geborgenheit, Sicherheit

Nach diesen 4 Bedeutungen sollte jeder mit seinem Hund arbeiten und umgehen.

Im Laufe der Zeit kamen meine Familie und Freunde mit ihren Problemen zu mir und baten mich um Hilfe. Später deren Freunde und es wurden immer mehr.

Ich musste mich entscheiden, wie es weitergehen sollte, denn der Zeitaufwand wurde ja nicht weniger. Also machte ich ein Nebengewerbe auf. Nach einigen Jahren kam ich wieder an den Punkt, eine Entscheidung treffen zu müssen. Also machte ich mich schließlich im Jahr 2008 als Hundetrainer selbstständig.

Ich nehme regelmäßig an Fortbildungskursen teil und besuche weitere Seminare. Durch den Besuch von Seminaren und Tagungen, vielfältigster Literatur und natürlich dem täglichen Umgang und Training mit Hunden erweitere ich meinen Wissens- und Erfahrungsstand permanent.

Ich versuche seitdem, allen interessierten Hundebesitzern meine Hilfe anzubieten. In unserer sehr sensiblen Zeit ist es immer wichtiger, einen gut sozialisierten und erzogenen Hund zu haben.

Dazu müssen sich natürlich auch die Hundeausbildung und ihre Methoden weiterentwickeln. Ich trainiere mit den Hunden und ihren Besitzern nach meiner über 30-jährigen Erfahrung und meinen eigenen Methoden ohne Gewalt, hauptsächlich basierend auf Körpersprache. Dabei versuche ich mich - soweit es geht - an den natürlichen Gesetzen zu orientieren und nicht irgendetwas zu versuchen, das wir Menschen uns ausgedacht haben.

Besonders wichtig finde ich es, den Hundebesitzern bei ihren alltäglichen Problemen mit ihrem vierbeinigen Freund zu helfen. Probleme können sich zuhause, beim Spaziergang oder in der Stadt zeigen. Gezielte Hilfe ist jedoch nur möglich, wenn sich der Hundetrainer die Probleme auch in der jeweiligen Umgebung, in der sie sich zeigen, anschauen kann. Dies ist auf Hundeübungsplätzen nicht immer möglich.

Oftmals sind die gezeigten Probleme nur die Oberfläche, die eigentliche Ursache kann viel tiefer sitzen. Daher ist es wichtig, dass sich der Trainer einen Gesamteindruck von dem Hund und seinem Halter machen kann. Dazu gehört auch das Lebensumfeld, der Tagesablauf oder die grundsätzliche Beziehung zum Besitzer. Ich bespreche dies mit dem Halter gemeinsam beim ersten Treffen. Auf der Grundlage meiner Eindrücke und den Informationen, die ich aus dem Beobachten des Hundes und seines Besitzers ziehe, erstelle ich einen speziell auf diesen Hund und seinen Besitzer zugeschnittenen Übungsplan.

In diesem Buch sind lustige, aber auch traurige und tragische Kurzgeschichten dabei - denn das ist mein Leben.

Und nun viel Spaß beim Lesen

1. Die Wilde Cherie

Hund: Cherie

Halter: Kress

Vor vielen Jahren, am Anfang meiner Selbstständigkeit, bekam ich morgens einen Anruf. Eine Frau war am Telefon und sie war ziemlich fertig.

Sie sagte, dass ihr Hund beiße, und sie wisse sich einfach nicht mehr zu helfen.

Zufällig hatte ich an diesem Tag keine Termine und versprach, mich sofort auf den Weg zu machen.

Zu dieser Zeit stellte ich noch wenig Fragen am Telefon, heute bin ich klüger.

Also: Beißschutz ins Auto und los ging es. Der Termin war nur 20 Kilometer weit entfernt, aber das Wetter war ganz anders als zuhause.

Bei der vereinbarten Adresse angekommen schüttete es wie aus Kübeln und natürlich war direkt vorm Haus keine Möglichkeit zu parken. Ca. 50 Meter weiter bekam ich einen Parkplatz. Ich schnappte meine Sachen und rannte zum Haus.

Selbstverständlich war auch kein Vordach über der Tür.

Ich klingelte und hörte hinter der Tür das Gebell eines kleinen Hundes.

Mein erster Gedanke war, dass sie bestimmt noch einen Hund hat, denn am Telefon klang es ziemlich ernst.

Mein zweiter Gedanke war, dass mir der Regen so langsam in die Unterhosen lief.

Die Frau hinter der Tür hatte alle Kommandos wie Sitz, Ruhig, Still, Bleib, Platz, Fertig, Bitte, ……. lautstark durch, aber das Bellen hörte nicht auf.

Der Regen hatte meine Unterhosen nun völlig im Griff und ging bereits in meine Socken über.

Die Tür ging 10 cm auf, ich freute mich, leider zu früh, denn Frau Kress sagte nur, dass es noch etwas dauern würde und schlug mir die Tür vor der Nase zu.

Ich war sauer und ging in den Hof vom Nachbarhaus, um mich unter deren Dach vor dem Regen zu schützen. Endlich ging die Tür auf und ich rannte wieder zum Hauseingang.

Im Haus angekommen war ich dann komplett nass, dass sogar das Wasser in meinen Schuhen stand und ich war echt sauer.

Denn wir standen in einem Vorraum, in den mich Frau Kress auch gleich hätte reinlassen können.

Hinter der Glastür sah und hörte ich einen kleinen Chihuahua. Ich fragte, wo der große Hund sei, der sie attackiert habe.

Sie verstand das nicht, weil sie nur den kleinen hatte.

Mein Puls stieg.

Ich bat um ein Handtuch, um mich wenigstens etwas abzutrocknen und fragte, ob wir mal reingehen könnten. Darauf erzählte mir Frau Kress, dass dies keine gute Idee sei, da der Kleine mich sofort attackieren würde.

Na großartig.

Ich fragte, ob ich trotzdem rein gehen dürfe, da es in dem Vorraum keinen richtigen Sinn machte und mir von dem lauten Gebell so langsam das Gehör abhandenkam.

Ein Satz, den ich hierbei sehr oft höre:

„Aber auf Ihre Verantwortung.“

Ich machte die Glastür auf und der Chihuahua stürzte sich sofort auf meine Hosen.

Eine schnelle Berührung meinerseits und der Kleine hörte auf und war etwas verwirrt.

Kein Gebell mehr und auch keine Attacken mehr. Frau Kress holte mehrere Handtücher und legte sie auf einen Stuhl, damit ich mich setzen konnte und ihr Stuhl nicht nass wurde.

Dann erzählte sie mir von ihrem Problem:

Cherie, so hieß die kleine Hündin, war 4 Jahre alt und seit ca. 3!!!!!! Jahren durfte Frau Kress nicht mehr auf ihrer Couch Platz nehmen, weil Cherie sie sofort attackieren und beißen würde.

Wenn sie fernsehen wollte, holte sie einen Stuhl aus dem Esszimmer und stellte ihn neben die Couch, damit würde Cherie dann zufrieden sein.

Ich wusste nicht gleich, was ich sagen sollte oder ob das hier versteckte Kamera sei. Sie hatte sich damit einfach arrangiert.

Gerufen hatte sie mich nur, weil eine Freundin zu Besuch war und die Kleine auch Frau Kress’ Freundin gebissen hatte.

Ok. Auf meine Frage, ob Frau Kress mir das mal zeigen könnte, wich ihr vor Entsetzen die Farbe aus dem Gesicht.

Sie hatte echt Angst.

Ich erklärte ihr über 30 Minuten lang, wo das Problem lag. Cherie hatte hier alles im Griff, sie hatte gelernt, dass ausnahmslos nach ihrer Pfeife getanzt wird.

Bei mir hatte Cherie sofort gemerkt, dass ich mir nichts gefallen ließ und hat erst mal den Rückzug angetreten.

Während des ganzen Gesprächs lag Cherie in ihrem Körbchen und ließ mich nicht aus den Augen.

Frau Kress nahm ihren ganzen Mut zusammen und wollte versuchen mir zu zeigen, wie das Problem auf der Couch ablief.

Wohlgemerkt war diese Couch in einer 90° Form von ca. 3x3 Meter. Da sollten doch 2 Platz haben.

Frau Kress ging zur Couch und Cherie schoss von ihrem Körbchen hoch und rannte bellend zu ihr, um ihr die Couch zu vermiesen.

Frau Kress wich vor Angst sofort zurück und sagte, dass dies immer so sei.

Ich fragte, ob ich ihr das mal zeigen dürfe, da sie anscheinend nicht in der Lage war, dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Ich wickelte mir ein Handtuch um den Arm, ging zur Couch und setzte mich darauf - Cherie kam sofort angeschossen und wollte mir ans Leder. Doch ich korrigierte sie sofort und sie verstand nicht, was da gerade passierte.

Cherie setzte nochmals nach und ich korrigierte sie erneut.

Daraufhin saß die Kleine verdutzt neben mir und schaute ganz bedröppelt aus der Wäsche.

Was machte Frau Kress? Sie war erstaunt und freute sich, ging sofort zu Cherie und wollte sie streicheln.

Kein guter Plan.

Cherie saß noch auf der Couch und ging sofort auf Frau Kress los.

Ich korrigierte Cherie erneut. Das Ganze machte ich ca. 5-mal bis Cherie akzeptierte, dass ich mir das Recht rausnahm, auf der Couch Platz zu nehmen. Dann sagte ich Frau Kress, dass sie nun an der Reihe sei. Sie müsse sich durchsetzen, da es sonst nicht besser werden würde.

Sie sollte sich setzen, zur Not das Handtuch um den Arm gewickelt einsetzen und Cherie klar sagen, dass sie das nicht dürfe.

Ok, Frau Kress ging zur Couch und setzte sich, Cherie kam angerannt und ging bellend auf sie los.

Sie sprang auf, drehte sich zu Cherie und sagte:

„Cherie hör auf, Herr Paul hat gesagt, dass du das nicht mit mir machen darfst.“

Ok, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich musste es mit Frau Kress anders angehen.

Ich erklärte ihr, dass es so nicht funktionieren würde. Sie hatte Tränen in den Augen und sagte, dass sie das nicht hinbekäme.

Ich merkte, dass es ihr einfach zu viel war. Es war alles so eingeschliffen, dass sie nicht mehr aus ihrer Haut raus konnte. Ich versuchte nun was anderes.

Psychologie.

Ich redete mit ihr, was sie so beruflich gemacht hatte und wie es in ihrem Leben gelaufen sei.

Sie erzählte mir voller Stolz, dass sie in ihrem Beruf als Sängerin sehr erfolgreich war und ihr Publikum immer im Griff hatte.

Das nahm ich auf.

Nun gingen wir wieder zur Couch und stellten uns davor. Ich sagte zu ihr, sie solle an ihre Zeit als Sängerin denken und das ganze schöne Gefühl fließen lassen.

Als sie anfing zu lächeln sagte ich ihr, dass sie sich hinsetzten und den Hund zurechtweisen solle.

Sie setzte sich und Cherie fing wieder an Theater zu machen.

Sie schaute die Kleine streng an und sagte ihr, sie solle sich benehmen. Mit der einen Hand tippte sie den kleinen Kasper zusätzlich an.

Und siehe da: Cherie war richtig ruhig. Sie stand auf und lief um die Couch, um sich erneut zu setzen. Sie akzeptierte schnell, dass nun ein anderer das Sagen hatte.

Frau Kress war überglücklich und dieses Mal hatte sie Tränen der Freude im Gesicht.

Wir ließen Cherie eine Zeit lang in Ruhe und ich erklärte ihr, dass das erst der Anfang sei. Sie müsse dem Hund bei jeder Gelegenheit erklären, dass sie, und nur sie, das Sagen hatte und Cheries Prinzessinnen-Status nun vorbei war.

Ich wollte es aber zum Abschluss noch einmal sehen.

Frau Kress ging schnurstracks zur Couch und setzte sich hin, der Hund sprang dazu und legte sich neben sie.

Das war’s. Kundin glücklich und ich glücklich.

Wir machten noch verschiedene Übungen im Haus, um Frau Kress sicherer zu machen.

Nach 2 Stunden verabschiedete ich mich.

Einige Tage später hat mich Frau Kress angerufen und mir erzählt, dass alles funktioniert und Cherie nicht mehr angreift. Auch die Freundin von Frau Kress ist nun sicher.

2. Dickköpfige Kundin

Hund: Peggy

Halter: Haber

Vor einigen Jahren kam Frau Haber mit der Bitte zu mir, mit ihr ins Tierheim zu fahren, um einen Hund zu begutachten.

Ich wusste nicht, auf was ich mich da eingelassen hate. Aber von vorn:

Termin gemacht, mit Frau Haber ins Tierheim gegangen und ich habe mir den Hund angeschaut.

Nach nur 10 Minuten mit dem Hund sagte ich Frau Haber, dass sie nicht bereit sei für diesen Hund. Sie war von meiner direkten Art begeistert, aber nach dem Spruch ziemlich erschrocken.

Man muss dazu sagen, dass es sich bei dem Hund um eine 2-jährige Rottweiler-Hündin namens Peggy handelte, die schon sehr oft gebissen hatte und die angeblich niemanden akzeptierte. Nur ein Pfleger konnte mit ihr Gassi gehen und sie füttern.

Ich erklärte Frau Haber, dass ich ihr so nicht helfen könne, sie sei einfach mental zu schwach und zu labil.

Wir fuhren wieder nach Hause und ich gab ihr den Rat, sehr viel und ganz genau darüber nachzudenken. Nach ein paar Tagen rief sie mich an und wollte nochmals, dass ich mit ihr zu Peggy ins Tierheim gehe.

Ich sagte ihr erneut, dass der Hund nichts für sie sei. Diese Hündin brauchte eine stabile Führung, das hatte Frau Haber aber nicht. Sie war sauer und legte auf.

Aber das sollte es nicht gewesen sein - im Gegenteil.

Nach ca. einer Woche bekam ich einen Anruf von Frau Habers Nachbarn.

Sie erzählten mir, dass Frau Haber einen Trainer gesucht hatte, der ihr helfen sollte, Peggy aus dem Tierheim zu holen, weil ich ja keine Ahnung hätte. Schließlich fand sie einen „Trainer“, der ihr zusagte zu helfen. Mit ihm ging sie ins Tierheim, um Peggy erneut zu begutachten. Sie holten Peggy schließlich nach Hause und es passierte das, was passieren musste.

Es gab eine üble Beißerei. Ich solle doch bitte kommen und Frau Haber helfen.

Ich machte mit den Nachbarn dann einen Termin aus und fuhr einen Tag später zu Frau Haber, die sich die ganze Zeit über bei den Nachbarn aufgehalten und bei ihnen geschlafen hatte.

Zitternd und mit etwas Angst öffnete Frau Haber die Tür. Ich sah eine verzweifelte Frau vor mir stehen die kurz davor war, zusammenzubrechen.

Ich nahm sie in den Arm und sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Wir gingen ins Wohnzimmer, wo auch die Nachbarn saßen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, nachdem Frau Haber sich etwas beruhigte, fragte ich sie, was denn nun alles vorgefallen sei.

Sie erzählte mir unter Tränen die ganze Geschichte:

„Der „Trainer“, den ich gefunden hatte, sagte mir, dass er mir helfen kann. Mein Herz sprang vor Freude und ich war froh, dass ich nicht auf dich gehört habe, denn er wollte mir helfen, du nicht. Nach einem Termin im Tierheim sagte der „Trainer“, dass der Pfleger Peggy einen Maulkorb anziehen und herausbringen soll, um einen Spaziergang zusammen zu machen.

Als Peggy rausgebracht wurde, war ich überglücklich.

Dass sie sich aggressiv an der Leine aufbaute, übersah ich, der „Trainer“ auch. Wir gingen Spazieren, erst mehr schlecht als recht, nach einiger Zeit wurde es besser. Der „Trainer“ hatte Peggy die ganze Zeit an der Leine. Er erzählte mir, dass Peggy nicht gelernt hatte, sich uns unterzuordnen. Er würde das locker hinbekommen, alles kein Problem.

Weil der „Trainer“ mir seine Hilfe zusicherte, bekam ich Peggy. Wir fuhren nach Hause und ließen Peggy erst mal ins Haus und in den Garten. Nach wenigen Minuten war sie sehr entspannt (das sagte der „Trainer“) und wir können jetzt den Maulkorb entfernen. Er ging zu ihr und löste den Maulkorb. Ich vertraute ihm, schließlich war er ja der „Fachmann“.

Kaum war der Maulkorb weg, sprang Peggy auf und biss den „Trainer“ in den Arm, er schrie, ich schrie, Peggy ließ von ihm ab und rannte auf mich zu. Sofort biss sie mir ins Bein.

Meine Nachbarn hatten alles beobachtet und kamen schnell herüber, um den Hund mit Wasser von uns abzuhalten.

Als das gelang, gingen wir zu unseren Nachbarn, um uns zu versorgen. Mein Bein war nicht so schlimm, aber den „Trainer“ hatte es übel erwischt. Wir holten sogar den Notarzt und er musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Meine Nachbarn waren mir eine große Hilfe und überredeten mich, dich doch bitte nochmals anzurufen, schließlich musste ich ja in meine Wohnung. Ich habe mich nicht getraut, deshalb haben sie dich angerufen.

Ich habe dann bei meinen Nachbarn geschlafen, weil du erst den nächsten Tag kommen konntest.“

Ok, ich hatte genug gehört.

Ich musste ins Haus von Frau Haber und nach Peggy schauen. Die Menschen mussten alle dableiben. Dafür konnte ich keine Ablenkung gebrauchen. Egal was passieren und egal wie lange es dauern würde, sie durften nicht kommen und nach mir sehen, klingeln oder sonst was.

Frau Haber gab mir den Schlüssel und wünschte mir viel Glück. Als ich die Tür langsam öffnete und hineinschaute, sah ich noch nichts von Peggy. Ich hatte nur ein Handtuch und meine Spezialleine dabei. Ich ging rein und schloss die Tür hinter mir. Erster Raum rechts war die Küche - Kot und Urin auf dem Boden. Im Flur Blut, musste von der Beißerei sein.

Nächster Raum links der Hauswirtschaftsraum, auch hier kein Hund. Dann weiter vor zum Wohnzimmer.

Da stand Peggy.

Zwischen Schrank und Sessel und mit einem Blick in meine Richtung, dass einem die Unterhosen feucht werden konnten. Ich nahm meine Spezialleine, um bereit zu sein, falls Peggy etwas Dummes machte.

Sie legte sich hin und beobachtete mich.

Ich bewegte mich im Raum, jedoch nur langsam und immer so, dass Peggy mich auch sehen konnte. Ich ging langsam in ihre Richtung und versuchte ihr die Leine umzulegen.

Alles ohne Probleme. Ich hatte das Gefühl, dass Peggy spürte, dass ich es gut mit ihr meinte und ihr helfen werde.

Ich führte sie aus dem Haus und brachte sie in mein Auto.

Dann ging ich ins Nachbarhaus, alle Anwesenden standen vor mir und wollten wissen, was passiert sei. Ich erzählte Frau Haber, dass ich Peggy mit zu mir nach Hause nehmen und mit ihr arbeiten würde. Das werde aber etwas dauern und ich würde mich melden, wenn ich was berichten könne.

Nach 5 Wochen rief ich mal bei Frau Haber an, um ihr kurz einen Zwischenstand mitzuteilen.

Es gab einen Beißvorfall gegen mich, aber nichts Dramatisches. Ich versprach weiterzumachen und mich wieder zu melden.

Nach weiteren 9 Wochen war Peggy so weit. Sie wurde komplett resozialisiert und war ein fester Teil meines Rudels geworden. Doch das sollte nicht so bleiben, denn es war von Anfang an geplant, Peggy wieder zu Frau Haber zu bringen.

Ich rief Frau Haber an und wir vereinbarten einen Termin, damit sie vorbeikommen konnte, um mit mir zusammen und Peggy zu arbeiten, damit es keine Rückschläge mehr gäbe.

Als Frau Haber ankam, zitterte sie am ganzen Körper.

Wir machten erst mal einen kleinen Spaziergang mit meinen Hunden zusammen, dass sie etwas lockerer wurde. Dann gingen wir zu mir nach Hause und ich holte Peggy raus.

Sie ging ganz ruhig zu Frau Haber und legte sich gleich zu ihren Füßen ab.

Nun gab es kein Halten mehr. Frau Haber heulte vor lauter Freude und konnte es gar nicht fassen.

Sie konnte Peggy mit nach Hause nehmen.

Im Anschluss arbeiteten wir jede Woche im Training zusammen und Peggy entwickelte sich zu einer traumhaften und lieben Hündin.

3. Hund auf dem Tisch

Hund: Lillyfee

Halter: Matusch

Mein Telefon klingelte und der Stimme nach war eine ältere Frau am Telefon.

Frau Matusch schien laut ihren Aussagen sehr gebildet und hatte schon sehr viel Hundeerfahrung.

Ihr Problem war, dass wenn es an der Tür klingelte, Lillyfee so laut bellte, dass niemand irgendetwas verstand. Frau Matusch erklärte mir, dass Lillyfee eine kleine Havaneser Dame und die Königin zuhause sei, das sei völlig normal.

Ok, das sollten wir doch hinbekommen.

Termin machen und gut. Als ich zu Frau Matusch fuhr und mich an der Klingel ankündigte, brach drinnen schon die Hölle los. Dass so ein kleiner Hund so ein Theater veranstalten konnte, war schon Weltklasse.

Frau Matusch öffnete die Tür und Lillyfee sprang an mir hoch und freute sich ein Loch in den Bauch. Sie war kaum zu beruhigen. Dass Frau Matusch sie dann auf den Arm nahm, machte die Sache auch nicht besser. Aber wir konnten wenigstens ins Haus und uns hinsetzen.

Frau Matusch hielt das zappelige Etwas die ganze Zeit auf dem Arm und streichelte Lillyfee. An ein entspanntes Gespräch war erst mal nicht zu denken. Doch Frau Matusch schien das überhaupt nicht zu stören. Nach ca. 10 Minuten hatte sich Lillyfee endlich beruhigt und Frau Matusch sagte voller Stolz, dass es sonst länger gehe, aber heute hätte sie sich extra durchgesetzt ???????????

Wir saßen im Esszimmer und Frau Matusch setzte Lillyfee auf den Stuhl neben sich. Wohlgemerkt, nicht auf den Boden. Ok, es gibt Schlimmeres.

Sie sagte, dass sie extra frischen Tee gemacht habe und fragte mich, ob ich auch eine Tasse trinken möchte.

Ich glaube, dass ich das Problem da schon erahnt hatte.

Ich sagte ja, und Frau Matusch ging in die Küche und holte einen Teller mit Keksen und stellte ihn auf den Tisch, dann ging sie wieder in die Küche, um den Tee zu holen. Lillyfee sprang vom Stuhl auf den Tisch und spazierte ganz selbstverständlich zu den Keksen, schlabberte etwas daran, nahm sich einen Keks heraus und aß ihn auf dem Tisch.

Ich war perplex, wusste nicht, was ich sagen sollte, und rief nach Frau Matusch. Sie kam herein, sah alles und fragt mich was los sei. Ich sagte ihr, dass Lillyfee sich einen Keks geholt und auf dem Tisch gefressen habe.

Frau Matusch schaute mich an und sagte: „Und?“

Ok, Problem erkannt.

Sie stellte den Tee ab und setzte sich mir gegenüber. Sie sagte, dass ich doch bitte ihre Kekse probieren sollte, sie hatte sie selbst gebacken. Ich erwiderte, dass Lillyfee alles voll geschlabbert hatte. Frau Matusch meinte ganz trocken „Dannnehmen Sie doch einfach einen von unten.“

Was sollte ich tun? Ich merkte, dass Frau Matusch allein war, Lillyfee schien ihr einziger Kumpel, Freund, Zuhörer, Partner, …. zu sein.

Ich sprach sie darauf an und Frau Matusch fing an zu weinen. Sie erzählte mir, dass sie keine Familie mehr hatte, keine Freunde, nur Lillyfee.

Ich hatte einen Kloß im Hals, was sollte ich da sagen?

Ich nahm einen Keks und Frau Matusch fing an zu lächeln. Zum Hundetraining war ich nicht gekommen, sie brauchte jemanden zum Reden.

Sie erzählte mir 2 Stunden von ihrem Leben. Die Zeit war mir egal, ich würde ihr sowieso nichts berechnen.

Einige Tassen Tee und 2 Kekse später, zeigte ich ihr dann doch, wie sie das Problem an der Klingel in den Griff bekommen könne, auf eine Weise, dass sie auch Freude daran hatte.

Immer, wenn es klingelte und Lillyfee zur Tür rannte, sollte sie Lillyfee aufmerksam machen und Leckerlies nach hinten werfen.

Es war jedoch schon lange egal, was wir tun sollten, denn Frau Matusch brauchte andere Hilfe.

Sie freute sich und weinte, als ich kein Geld von ihr wollte. Daher gab sie mir eine Tüte Kekse mit.

Ich versprach ihr, in Kürze wieder zu kommen.

Zu Hause dachte ich lange über diesen Termin nach und hatte eine Idee.

Am nächsten Tag rief ich den Bürgermeister von Frau Matusch an, erklärte ihm das Problem und was ich mir vorstellte. Er sagte, dass es in ihrem Ort eine Gruppe Landfrauen gebe, die sich umeinander kümmern. Ich nahm in den nächsten Tagen Kontakt mit ihnen auf und erzählte ihnen von meiner Idee.

Alle waren begeistert und wollten sich einbringen.

Anschließend rief ich Frau Matusch an, um einen weiteren Termin zu machen. Ich sagte ihr, dass sie bitte Kaffee und Tee kochen sollte, denn ich hätte eine Überraschung dabei.

Was es denn sei, fragte sie, und ich entgegnete, dass es doch keine Überraschung mehr wäre, wenn ich es ihr sagen würde.

Ok, sie war einverstanden.

Zum besagten Termin kam ich mit 6 Landfrauen aus der Gruppe zu Frau Matusch. Sie hatten sogar Kuchen gebacken.

Als wir klingelten, brach drinnen wieder die Hölle los. Die Frauen wussten alle Bescheid was sie zu tun hatten und was sie erwartete. Eine von ihnen hatte einen kleinen Mischling dabei, um Lillyfee etwas abzulenken.

Ich wusste nicht, ob das alles funktionieren würde, aber ich war guter Dinge.

Frau Matusch öffnete und erschrak kurz, sie fragte was los sei. Ich fragte, ob wir reinkommen dürften.

Ich nahm Lillyfee auf den Arm, um erst mal das Haus zu betreten. Wir gingen ins Esszimmer und setzten uns. Die Frauen fingen gleich an, den Kuchen aufzutischen, Kaffee und Tee stand auch schon in der Küche bereit.

Ich erzählte Frau Matusch kurz, was das hier sollte:

Die Frauen kämen nun öfters vorbei und Frau Matusch sollte an der Gruppe auch teilnehmen, zusammen mit Lillyfee. Nur bitte nicht mehr auf dem Tisch.

Die beiden Hunde verstanden sich prächtig und sprangen zusammen durchs Wohnzimmer. Hier konnte ich nun nichts mehr tun.

Ich verabschiedete mich von Frau Matusch und wünschte ihr alles Gute. Sie umarmte mich und wollte mich nicht mehr loslassen. Also alles richtig gemacht.

4. Butsch der Kämpfer

Hund: Butsch

Halter: Bauer

Eines Tages bekam ich einen Anruf von meiner Tierärztin, Frau Dr. Kaan. Sie fragte, ob ich zufällig Zeit hätte und mal kurz vorbeikommen könnte.

Es sei ein Notfall. Ein Mann sei bei ihr und wollte, dass sie einen gesunden, aber aggressiven Hund einschläfert. Vielleicht könne ich was tun, bevor der letzte Schritt eingeleitet wird.

Ich sagte, dass ich in ca. 40 Minuten da wäre.

Als ich auf den Parkplatz fuhr, fiel mir gleich ein US-Fahrzeug auf. Ich ging an dem Auto vorbei zur Praxis, im Auto sah ich einen Brocken von einem Mastiff sitzen. Wie sich gleich herausstellte, ging es auch um den Kleinen. An der Anmeldung empfing mich Dr. Kaan und stellte mir Herrn Bauer vor.

Ein Schrank von einem Mann.

Wir setzten uns ins Wartezimmer und Herr Bauer erzählte mir seine Geschichte:

„Ich bekam Butsch, einen Bullmastiff, von einem Saisonarbeiter im Dorf geschenkt, weil er zu viel Schwierigkeiten machte. Butsch war ein lieber Kerl mit ca. 3 Jahren und 65kg. Aber nur solange er mit mir im Haus war. Er müsste etwas abnehmen, aber dafür müsste er ohne Probleme auch Spazieren gehen. Gehen wir Gassi oder sonst wo hin, ist der Teufel los. Er stellt sich auf die Hinterfüße und schreit förmlich seine Aggression raus. Ich kann ihn nur mit Mühe halten, Laternen, Bäume und Schilder haben mir oft dabei geholfen. Ich suchte in einer Hundeschule Hilfe. Als sie Butsch sahen, musste ich gleich wieder gehen.

Man riet mir, den Hund einzuschläfern, weil es unmöglich wäre, mit ihm zu arbeiten.

Nächste Hundeschule, derselbe Ablauf.

7 !!!!!!! verschiedene Stellen habe ich aufgesucht, keiner wollte mir helfen. Wofür sind die denn überhaupt da???

Ich bin verzweifelt und ratlos, ich kann doch nicht den Rest meines Lebens mit Butsch im Haus bleiben, das ist doch kein Leben. Ich bin am Resignieren und hab Dr. Kaan angerufen, um das Leben von Butsch zu beenden.

Als ich nun hierherkam, sagte sie mir, dass sie es nicht tun kann, der Hund ist gesund und ich sollte doch mal zu Ihnen gehen. Ich hatte bis dato noch nichts von Ihnen gehört und wollte auch nicht mehr, ich war einfach am Ende.

Dr. Kaan hat dann Sie dann angerufen und nun sitzen wir hier.“

OK, ich wollte mir selbst ein Bild von Butsch machen.

Da er allerdings keinen Maulkorb kannte, bat ich Herrn Bauer, bitte die Leine an ihm zu befestigen und aus dem Auto hängen zu lassen, sodass ich die Leine fassen konnte und Butsch noch im Auto saß. Herr Bauer tat wie geheißen und kam wieder in die Praxis.

Ich bat Herrn Bauer, in der Praxis zu warten und unter keinen Umständen nach draußen zu kommen. Ich wollte Butsch alleine kennlernen und einschätzen.

Ich ging also zum Auto und nahm die Leine in die Hand, Butsch war ruhig.

Ich öffnete die Tür des Fahrzeugs, Butsch war ruhig.

Ich zeigte Butsch, dass er aussteigen sollte, Butsch war ruhig.

Dann kam Herr Bauer raus, weil er es nicht mehr ausgehalten hat. Großer Fehler.

Butsch drehte komplett durch, warf mich zu Boden und ging auf Herrn Bauer los. Ich hatte ihn noch an der Leine und zog ihn zu mir und irgendwie ins Auto zurück.

Dann habe ich mir Herrn Bauer vorgenommen. Ich war wütend, aufgeregt und schrie ihn an, dass so eine Scheiße nicht abgemacht war. Ich hatte deutlich zum Ausdruck gebracht, dass ich mir Butsch alleine anschauen wollte.

Wir gingen wieder in die Praxis und Herr Bauer sah seinen Fehler ein. Dr. Kaan hatte vom Fenster aus alles beobachtet und bat uns, noch 30 Minuten zu warten. Dann wäre kein Kunde mehr da und wir könnten ruhiger arbeiten.

Wir warteten.

Als der letzte Patient ging, begann die 2. Runde.

Dr. Kaan und Herr Bauer schauten vom Fenster aus zu. Keiner durfte rauskommen.

Als ich wieder raus ging bemerkte ich, dass durch das Chaos vorher die Leine mit Butsch zusammen im Auto lag und Butsch auch nicht mehr so ruhig war wie zuvor.

„Na toll“, dachte ich. „Kunde hört nicht und ich kann es ausbaden.“

Ich öffnete schnell die Tür und griff nach der Leine.

Butsch war so überrascht, dass er nicht sofort reagierte. Nach 2 Sekunden aber schon. Er versuchte mich anzugreifen und ich konnte mir den Brocken nur sehr schwer vom Leib halten.

Nach kurzer Diskussion entschied sich Butsch, es erstmal ruhiger angehen zu lassen und ging mit mir über den Parkplatz. Nicht sehr gut, aber er ging mich auch nicht an. Nach mehreren Minuten lief es immer besser. Butsch fing an zu verstehen, dass ich ihm nichts Böses wollte und ließ sich immer mehr auf mich ein. Wir liefen nun relativ entspannt über den Parkplatz.

Ich setzte Butsch dann wieder ins Auto und ging zurück in die Praxis. Dr. Kaan fiel sofort auf, dass ich am Bein verletzt war, das hatte ich noch nicht einmal bemerkt. Ich wurde verarztet und wir besprachen alles weitere.

Ich fragte Frau Kaan, ob ich noch ein bisschen weiterarbeiten könnte. Sie stimmte zu, weil sie auch interessiert war und weil ich eine große Chance sah, dass Butsch auf keinen Fall eingeschläfert werden musste.

Ich rief einen Kunden von mir an, dass er bitte mal mit seinem Hund kommen sollte. Er wohnte nur 3 Straßen weiter und war in wenigen Minuten da.

Wieder musste Herr Bauer in der Praxis bleiben.

Ich ging raus zu Butsch, öffnete die Tür und holte ihn ohne große Probleme raus.

Mein Kunde sollte mit seinem Hund als Ablenkung einfach über den Parkplatz laufen und ich ging ihm mit Butsch entgegen. Er wollte gleich etwas Stress machen, aber eine kurze Korrektur meinerseits und Butsch spielte mit. Sehr gut sogar.

Wir beendeten die Aktion nach ungefähr 20 Minuten. Butsch kam fix und fertig wieder ins Auto und ich besprach das weitere Vorgehen mit Herrn Bauer.

Eine Euthanasie stand nach den ganzen Tests nicht mehr im Raum.

Frau Kaan freute sich und Herr Bauer war skeptisch.

Wir besprachen, dass ich erst einige Tage später anfangen könne mit Butsch zu arbeiten, da ich noch einige Termine hatte, die nicht aufschiebbar waren.

Dann machte Herr Bauer mit Butsch ein 5-wöchiges Intensivtraining bei mir.

Auch Frau Kaan schaute immer mal vorbei, um die Fortschritte zu beobachten.

Viele Kunden halfen mit ihren Hunden mit, um Butsch zu resozialisieren.

Butsch wurde von Tag zu Tag ruhiger und souveräner. Auch das Spazierengehen klappte immer besser, fast etwas zu schnell. Doch es gab in der ganzen Zeit keine Rückschläge.

Nach weiteren 4 Wochen war Butsch so weit hergestellt, dass Herr Bauer auch ohne meine Hilfe weiterarbeiten konnte.

Ein schöner Abschluss, aber auch ein schwerer Weg.

5. Misshandelter Retriever

Hund: Seal

Halter: Jüliger

Morgens um kurz vor 7 Uhr klingelte das Telefon und Frau Jüliger war dran. Ich war gerade mit meinen Hunden spazieren und dabei telefoniere ich nicht gerne, aber ich hörte, dass es ernst war.

Unter Tränen entschuldigte sie sich für den frühen Anruf. Sie schluchzte und weinte, sodass ich kaum ein Wort verstand. Ich bat sie, einmal tief durchzuatmen, damit wir uns unterhalten könnten.

Sie sagte, sie habe einen 3-jährigen Golden Retriever aus dem Tierheim. Er wurde misshandelt und aggressiv gemacht.

Ich versprach zu helfen.

Da ich keinen Terminkalender bei mir hatte, sagte ich zu ihr, dass ich mich zwecks eines Termins in einer Stunde bei ihr melden würde.

Als wir zuhause waren, rief ich Frau Jüliger zurück und vereinbarte einen Termin in einer Woche mit ihr.

Am Tag des Termins musste ich leider einen unserer Hunde vom Gnadenhof zu seiner letzten Reise begleiten und daher den Termin eine weitere Woche verschieben. Denn bei einem so traurigen Ereignis bin ich nicht in der Lage, mit bissigen Hunden zu arbeiten. Frau Jüliger verstand das und so kam ich eine Woche später zu ihr.

Als ich klingelte, bellte es drinnen und das Bellen klang nicht freundlich. Ich hörte, wie eine Frau schrie und den Hund von der Tür entfernte.

Dann ging die Tür auf: Die Frau stand zitternd vor mir und stellte sich als Frau Jüliger vor. Sie sagte, sie hätte Seal in ein Zimmer gesperrt, damit ich eintreten konnte.

Ich wurde ins Haus gebeten. Alles war ganz still, wir gingen ins Wohnzimmer und setzten uns. Ich sagte Frau Jüliger, dass ich ihr helfen würde und sie sich beruhigen könne. Dann wollte ich wie immer ihre Geschichte hören.

Sie erzählte mir kurz ihr Problem:

„Vor 2 Jahren habe ich mir einen Golden Retriever aus dem Tierheim geholt. Er wurde misshandelt und war 3 Jahre alt. Mehr wusste man nicht.

Seal war sehr misstrauisch Menschen gegenüber und mir wurde dringend empfohlen, eine Hundeschule mit ihm zu besuchen. Ich tat wie geheißen und meldete mich in einer Hundeschule an. Gleich am ersten Tag als wir da waren mussten wir ein Training mitmachen, was Seal überhaupt nicht wollte.

Der Trainer motzte uns ständig an, dass ich schon Tränen in den Augen hatte.

Nach ca. 15 Minuten ging der Trainer auf uns zu und riss mir die Leine aus der Hand, um Seal mal zu zeigen, wie er sich zu benehmen hatte.

Es passierte, was passieren musste: Seal biss zu.

Wir wurden aufs Übelste beschimpft und aus dem Hundeverein geworfen. Ich war völlig fertig mit den Nerven und Seal traute mir seit diesem Vorfall noch weniger.

Ich suchte Rat bei einer Trainerin, die mir vom Tierheim empfohlen wurde. Wir machten einen Termin aus und ich fuhr zu ihr. Sie schaute sich meinen Seal an und machte einige Tests mit ihm.

Er reagierte richtig aggressiv auf sie und mir wurde gesagt, dass Seal gefährlich sei und sie mit so einem nichts zu tun haben wollte.

Ich war völlig fertig und wusste nicht mehr weiter. Ich traute Seal nicht und er mir nicht. Ich rief im Tierheim an, um Seal schweren Herzens zurückzugeben. Das Telefonat dauerte lange und Sie wurden mir mit den Worten empfohlen:

„Wenn einer noch helfen kann, dann Sie.“

Eigentlich wollte ich schon gar nicht mehr, aber der Herr vom Tierheim hat mich überredet. Also habe ich Sie angerufen und nun sind Sie hier und helfen mir hoffentlich, dass Seal nicht mehr beißt.“

Ok, ich musste mir selbst ein Bild von Seal machen. Wir gingen in den Flur und ich bat Frau Jüliger, ihren Hund an der Leine herauszuholen.

Als Seal mich sah, ging er auf die Hinterbeine und machte mehr als deutlich, dass ich verschwinden sollte, sonst setzt es was. Ich schrie Frau Jüliger an (durch das Bellen verstand man sein eigenes Wort nicht mehr), dass sie Seal nochmal in das Zimmer bringen sollte.

Welch eine Ruhe.

Ich sagte ihr, dass ich allein zu Seal in das Zimmer müsse, um ihm zu helfen. Als Frau Jüliger das hörte, glaubte ich, dass sie kurz vorm Zusammenbruch stand.

Ich erklärte ihr, dass ich nichts tun würde, was Seal schadet. Ich müsste in das Zimmer, und zwar allein. Sie durfte nicht reinkommen und musste warten, bis ich wieder rauskam. Egal, was sie hörte oder auch nicht.

Sie ging ins Wohnzimmer und ich in das Zimmer von Seal. Er stand in einer Ecke und starrte mich nur an. Ich schaute ihm nicht in die Augen, aber natürlich ließ ich ihn nicht aus meinem Blickfeld, genau wie er mich auch nicht. Ich lief langsam an der Wand entlang hin und her. Plötzlich setzte sich Seal hin.

Ich bewegte mich nun etwas mehr im Zimmer, ohne ihn aber zu sehr zu bedrängen. Er schaute mich nur weiter an. Dann legte er sich hin. Ich setzte mich an der gegenüberliegenden Wand auf den Boden. Er kroch langsam auf mich zu. Ich war vorbereitet, denn es könnte blöd werden. Als er fast bei mir war, legte er sich auf die Seite - das wars.

Er verstand, dass ich ihm nichts Böses tun wollte.

Ich nahm seine Leine, die er noch von Frau Jüliger anhatte und ging langsam in die Höhe. Er blieb ruhig liegen. Ich zeigte ihm, dass er aufstehen sollte, und das tat er auch.

Dann gingen wir aus dem Zimmer zu Frau Jüliger, die mit offenem Mund und Tränen in den Augen im Wohnzimmersessel saß. Ich setzte mich ihr gegenüber und Seal legte sich neben mich.

Frau Jüliger fand erst gar keine Worte, weil sie nicht glauben konnte, was sie sah. Seal war ruhig. Ich erklärte ihr, was ich in dem Zimmer gemacht habe und was Seal gezeigt hat.

Jeden Schritt erklärte ich ihr ausführlich, damit sie verstehen konnte, wie sie Seal in Zukunft führen musste. Er brauchte eine sehr konsequente Führung. Keine Gewalt und keinen Druck, nur Konsequenz und Verständnis für dieses Tier.

Nach der Misshandlung und der unqualifizierten Handhabung von den „Trainern“ brauchte er eine Person, an der er sich erst mal orientieren konnte.

Das musste Frau Jüliger lernen und verstehen.

Ich gab ihr viele Hausaufgaben, die sie mit Seal umsetzen musste. Gleichzeitig kam Frau Jüliger 3x pro Woche zu mir ins Training. Manchmal waren die beiden nur 20 Minuten da, weil an dem Tag der Stress für Seal zu groß war. Es muss immer auf den Hund geachtet werden.

Es wurde von Woche zu Woche besser.

Nach wenigen Monaten war es geschafft. Hund und Frauchen sind zu einem super Team zusammengewachsen und schaffen es nun auch ohne meine Hilfe, ein schönes Leben zu bestreiten.

6. So kann es kommen

Hund: Amy und Hilde

Halter: Gauß

Heute kam ein ungewöhnlicher Anruf bei mir an. Ein Herr von einer Hausverwaltung bat mich, mal bei einer Mieterin vorbeizuschauen. Sie hätte 2 riesengroße Hunde und ging fast nie mit ihnen aus der Wohnung.

Ich sagte, dass ich doch nicht einfach bei Fremden klingeln könne, um meine Hilfe anzubieten.

Er erzählte mir, dass es um Frau Gauß ginge. Sie wohnte im 3. Stock des besagten Hauses und die beiden Hunde wären so eine Art Bernhardiner. Sie könne die Hunde nicht halten und die Mieter des Hauses bekämen so langsam Angst. Wenn das so weiterginge, werde irgendwann das Ordnungsamt oder die Polizei tätig werden müssen. Das wollte er gerne vermeiden, daher sein Anliegen an mich.

Ich fragte, ob man mit Frau Gauß sprechen konnte oder ob sie von vorneherein Hilfe ablehnte. Er erwiderte, dass er es bestimmt schaffen würde, sie und mich zusammen zu bringen.

Ok, er redete mit ihr und 2 Tage später rief mich Frau Gauß an.

Sie erzählte mir kurz, dass sie einen Bernhardiner von 3 Jahren und einen Berner Sennenhund von 4 Jahren habe.

Beide in der Wohnung sehr brav, aber wenn es vor die Tür geht, könne sie die beiden nicht halten. Ihr Ex-Mann hatte beide Hunde angeschafft und sich nun von ihr getrennt und die Hunde bei ihr gelassen. Sie wisse nicht, was sie tun solle, unzählige Bücher habe sie gelesen und genauso viele Methoden versucht anzuwenden, alles ohne Erfolg.

Sie arrangierte sich folgendermaßen mit der Situation: Jeden Abend stellte sie sich den Wecker auf 2 Uhr nachts, ging ins Treppenhaus, um zu schauen, dass niemand da ist, dann ließ sie die Hunde aus der Wohnung, weil sie die beiden noch nicht mal die Treppe runterführen konnte. Sie rannte dann hinterher bis unten vor die Haustür.