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"Kara, schuldig geboren" Seit Jahren geht Dieter Paul dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf. Er hat sich mit Kara einen Rottweiler geholt, die für Geld Hundekämpfe bestreiten musste um zu überleben, und dabei hat sie auch nachweißlich 5 Hunde getötet. Dieser Hund wurde gequält, misshandelt und zu diesen Taten gezwungen. Mit all seiner Erfahrung und seinem Wissen, wollte er Kara wieder zurück führen zu einem normalen, liebenswerten Hund, der seine Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Dieses Unterfangen sollte das schwerste, gefährlichste und emotionalste sein, das er je gemacht hat. Wie auch in seinem Beruf als Hundetrainer sind ihm folgende Werte sehr wichtig: Vertrauen, Respekt, Geborgenheit, Sicherheit. Auf diesen 4 Säulen sollte eine harmonische Hund-Mensch-Beziehung aufgebaut sein. In diesem Buch geht es nicht um Hundetraining oder Erziehungsmethoden, hier gewährt der Autor einen tiefen und emotionalen Einblick in den spannenden, traurigen und abwechslungsreichen Alltag mit seiner Prinzessin Kara. Lustige, traurige und unglaubliche Geschichten sind mitunter unterhaltsam zusammengefasst.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Vorwort:
1. Gesucht & gefunden
2. Die ersten Tage
3. Rückschlag
4. Aus Lissy wird Kara
5. Vertrauen
6. Tierarzt
7. Wesenstest
8. Sozialdienst
9. Berlin
10. K9 Training
11. Psychiater
12. Vergiftung
13. Anti – Jagd - Seminar
14. Hochzeit
15. Karas Kurzgeschichten
16. Philosophie/Sprüche
17. Das traurige Ende
18. An meine Prinzessin
Nachwort
Danksagung
Widmung
Impressum
Meine emotionalste Geschichte.
Ich habe sehr lange überlegt, diese Geschichte über meine Kara hier überhaupt zu schreiben. Viele Leser wird sie abschrecken oder unverständlich und unbegreiflich zurücklassen.
Denn Kara war ein echter Kampfhund. Und das bedeutet, dass man sie zwang, für Geld gegen andere Hunde zu kämpfen.
Ich habe mich aber dafür entschieden.
Warum?
Sie gehört zu meinem Leben, mehr als alles andere.
Kurz zu meiner Person:
Mein Name ist Dieter Paul,
in einer Spedition in Insheim groß geworden, war mein Leben von Anfang an auf Arbeiten eingestellt.
Als ich 10 Jahre alt war, wurde mir sehr schlimm mitgespielt. Niemand half mir, als ich als kleiner Junge dringend Hilfe gebraucht hätte. Danach fing es an, dass es in mir brodelte, wenn ich Leid sah, und dass ich mich für Schwächere einsetzte. Eben so, wie es ein kleiner Junge eben machen konnte.Was mir passiert ist, lässt mich bis heute nicht los und auch deshalb bin ich so wie ich bin.
Mehrmals habe ich danach versucht, mein Leben zu beenden, aber anscheinend nicht mit der nötigen Entschlossenheit, die dazugehört.
Sei`s drum, ich bin noch hier.
Nach Schule und Berufsausbildung als Fahrzeuglackierer arbeitete ich in den verschiedensten Firmen und Berufszweigen als Schlosser, Sandstrahler, Automechaniker, Industrielackierer, Customizer, LKW-Fahrer im Europaverkehr, Disponent, Formenbauer, Ofenbauer oder Schweißer … all das füllte mich aber nie wirklich aus.
Mit 20 Jahren begannen mein Interesse und meine Freude an Hunden. Am Anfang nur durch deren Erscheinungsbild geweckt, wurde mein Interesse jedoch schnell größer und ich wollte mehr über den Umgang mit Hunden erfahren. Speziell der Rottweiler gefiel mir und ließ mich seither nicht mehr los. Ich suchte in verschiedenen Zeitungen und über Bekannte (Internet kannte man noch nicht) nach einem Hund.
Mein damaliger Chef kannte jemanden, der sich seines Rottweilers übers Tierheim „entledigt“ hatte, da er lt. Aussage „nicht zurechnungsfähig und gefährlich“ sei.
Ich dachte einfach zu wenig nach und schaute mir den Hund an. Rico, ein Rottweiler mit 55 Kilo und aus 3. Hand. Ich ließ den Papierkrieg über mich ergehen und nahm Rico mit nach Hause. Wie sich schnell herausstellte, war das nicht gerade der beste Anfängerhund, den man sich holen sollte. Was ich auch tat, welchen Rat ich auch befolgte, ich stieß einfach sehr schnell an meine Grenzen. Rico machte mir unser gemeinsames Leben wirklich nicht einfach. Es gab viele Situationen, in denen ich über die Abgabe des Hundes mehr nachdachte als über das Behalten.
Also Hundeplatz aufsuchen, doch „üben und alles wird gut“, half hier überhaupt nicht. Ich suchte mir bei einigen Leuten, Hundeplätzen und Trainern Hilfe, aber zufrieden war ich nirgendwo. Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer mit Rico. Nach vielem „Probieren“ hörte ich von einem Hundetrainer aus Bayern, der sehr empfehlenswert sein sollte und sich besonders mit schwierigen Hunden gut auskenne.
Ich besorgte mir seine Telefonnummer, rief ihn an und erzählte ihm von meinem Problem. Wie sich herausstellte, war Herr Hubert Frührentner und hatte seit vielen Jahren Rottweiler.
Er wollte nach einem schweren Unfall und dem dadurch entstandenen Verlust seines geliebten Hundes eigentlich nicht mehr mit Hunden arbeiten.
Aber nach langem Hin und Her konnte ich ihn schließlich überreden, mich und meinen Hund mal anzuschauen. Wir machten einen Termin aus und ich fuhr mit Rico für eine Woche nach Bayern, um mich mit Herrn Hubert zu treffen. Er sprach erst mal eine Zeit lang mit mir und dann sah er sich Rico an. Was er mir dann zeigte, hat mich echt verblüfft. So mit Hunden zu „sprechen“ und sie zu „verstehen“ hatte ich noch nie gesehen.
Rico folgte Herrn Hubert ohne ein Wort, auch von Angst oder Aggression war nichts mehr zu sehen. Es hatte mich so beeindruckt, dass ich das auch lernen wollte.
Es waren eine Menge Überredungskunst und „viele Flaschen Pfälzer Wein“ von Nöten, damit Herr Hubert mir sein großes Wissen über dieses Handwerk richtig beibrachte. Ich machte Lehrgänge und Seminare bei ihm und habe einige Jahre bei ihm gelernt, mit Hunden richtig umzugehen und diesen Tieren auch den nötigen Respekt entgegenzubringen. Der Schwerpunkt dieses Lernprozesses war der Umgang mit auffälligen, misshandelten und gefährlichen Hunden.
Er war es auch, der mir empfahl, andere Trainer zu besuchen, um unterschiedliche Methoden im Umgang mit Hunden zu sehen und zu erlernen. Daher habe ich auch mehrere Seminare bei Wolfsforschern absolviert, um mehr über den Ursprung unserer Hunde und das natürliche Rudelverhalten zu lernen.
Irgendwann kam dann auch immer mehr der große Drang, den Tieren zu helfen.
Und somit fing ich also an, Hunden zu helfen, die sonst keine Hilfe bekamen.
Ich nahm immer wieder Rottweiler auf und resozialisierte sie. Die Unberechenbarsten behielt ich und die anderen vermittelte ich wieder.
Es sollte wohl so sein, dass sich eines Tages Karas und mein Weg kreuzten.
Und dies sind unsere gemeinsamen Geschichten.
Nach dem Tod meiner Hündin „Heidi“ hatte ich zu der Zeit noch 2 Rottweiler Rüden, „Arny“ und „Cash“.
Zu der Zeit war ich mit meinem Leben sehr unzufrieden und ich merkte, dass sich in meinem Leben etwas ändern musste, aber irgendwie fehlte mir die Kraft, das anzugehen.
Ich wusste ja auch gar nicht so richtig, was.
Meine Frau arbeitete sehr hart und viel, irgendwie war zwischen uns einfach die Luft raus. Ich fühlte mich allein und unverstanden. Unser gemeinsamer Urlaub (es sollte der letzte sein), lief auch nicht so, wie man sich das vorstellte.
Wir stritten und es machte einfach keinen Spaß mehr.
In der Vergangenheit hatte ich mich immer nach einem neuen Hund umgesehen, dem ich helfen konnte. Das hatte mich immer wieder aus meinem Loch gezogen.
Ich schaute mich also im Internet nach einer Rottweiler-Hündin um, die nach Heidis Tod diese Lücke füllen könnte.
Dann sah ich die Anzeige eines Tierschutzvereins.
Da es schon so lange her ist, habe ich diese Zeilen aus meinem Gedächtnis zitiert:
„Dieser Kurzbericht soll wachrütteln, was für Zustände immer noch herrschen.
Rasse: Rottweiler
Geschlecht: Hündin
Name: Lissy
Alter: 1,5 Jahre
Absolut gefährlich
Geschichte:
Lissy musste in ihrem Heimatland für Hundekämpfe herhalten. 5 Hunde hat sie nachweislich im Kampf für Geld getötet. Sie wurde schwer misshandelt und abgerichtet. Tierschützer haben sie gerettet, aber 7 (!!!) Trainer warfen das Handtuch und empfahlen, sie einzuschläfern. Dies wird nun am … … … gemacht. Wir haben sie Lissy getauft, weil sie keinen Namen hatte. Sie sollte nicht ohne gehen müssen.
Wir schreiben diese Geschichte und wollen wachrütteln, damit diese Missstände endlich aufhören.“
Ich schaute mir das Datum an und sah, dass es noch 3 Tage waren, die Lissy leben würde. 3 Tage, in denen man weiß, dass ein Lebewesen gehen muss.
Aber musste sie das wirklich?
Könnte ich helfen?
„Nein, das wäre wahrscheinlich auch für mich viel zu gefährlich, 7 Trainer hatten es ja schon erfolglos versucht“.
Am nächsten Tag dachte ich an nichts anderes als an Lissy. Noch 2 Tage, dann würde sie sterben.
Es ließ mich nicht los. Kurzerhand recherchierte ich und besorgte mir die Nummer des zuständigen Vereins. Ich rief bei dem Tierschutzverein an und man sagte mir, dass es nicht möglich sei, mit diesem Hund zu arbeiten, und dass der Termin zur Erlösung feststünde. Ok, dann eben nicht.
2 Stunden später rief ich wieder an. Ich wollte Lissy helfen. Der Verein dachte, dass sie sich verhört hätten.
Ob ich wüsste, was ich da tun wollte?
Ja, ich wusste es. Ich war fest entschlossen, das Unmögliche möglich zu machen.
Ich glaube, ich wollte mir damals selbst etwas beweisen.
Ich ließ nicht locker. Der ganze Vorstand des Vereins wurde zusammengetrommelt, um mit mir zu reden. Schließlich überzeugte ich sie. Nun müssten noch die Ämter zustimmen.
„Früher war alles besser.“
Dieser Spruch hatte hier Gültigkeit. Ich durfte es probieren.
Noch 1 Tag.
Zuhause sorgte ich dafür, dass Arny und Cash versorgt wurden und dann machte ich mich auf den Weg. 11 Stunden Fahrt und mehr als 850 Kilometer lagen vor mir.
3 Stunden, bevor der Termin zur Erlösung anstand, war ich da. Wir erledigten den Papierkram und Lissy wurde von 2 Personen und mit 2 Fangstangen in meine Transportbox gebracht.
Es sah fast so aus, als würde Hannibal Lecter zur Schlachtbank geführt.
Lissy war sehr dünn und abgemagert. Sie wünschten mir viel Glück und ich machte mich auf den Weg nach Hause.
So fing es mit Lissy an.
Ich fuhr die ganzen 11 Stunden nach Hause durch, nur zum Tanken hielt ich kurz an. Lissy lag während der ganzen Fahrt ruhig in ihrer Box, aber ließ mich nie aus den Augen, das sah ich ständig im Rückspiegel.
Zuhause angekommen fuhr ich direkt an den Gartenzaun, um sie rauszulassen. Ich öffnete die Box und sie sprang in den Garten. Hier ließ ich sie zunächst in Ruhe, dass sie ankommen konnte. Ich musste mich nun erstmal schlafen legen, denn ich war schon über 40 Stunden auf den Beinen und völlig übermüdet.
Am nächsten Morgen ging ich nach draußen an den Zaun, um nach Lissy zu sehen. Sie stand nur da und schaute mich an, aber so durchdringend, dass einem ein Schauer über den Rücken lief und die Unterhosen (hinten) feucht wurden.
Ich sah, dass sie sehr stark war, aber dennoch auch sehr verletzlich.
Wie sollte ich vorgehen?
Was als erstes tun?
Kamen da schon die ersten Zweifel?
Ich versuchte, ein bisschen mit ihr zu sprechen, doch sie stand nur da und schaute mich mit dem durchdringendsten Blick an, den ich je gesehen hatte.
Na gut, dann eben nicht.
Ich ging erstmal Futter holen für die Kleine. Zurück am Gartenzaun öffnete ich die Tür einen Spalt breit und Lissy schoss sofort auf mich zu, sodass ich ihr die Schüssel mit dem Futter entgegenwarf, um heil wieder rauszukommen.
Lissy stand über dem Futter, das am Boden lag, und schaute mich nur an.
Ok, dachte ich mir, das wird heftig werden.
Ich ging ins Haus, damit sie wenigstens in Ruhe fressen konnte. In der Zeit konnte ich mir überlegen, wie ich am besten vorgehen würde, um ihr zu helfen und nicht dabei zu sterben.
Nach einer Stunde ging ich entschlossen an die Gartentür. Lissy stand wieder da und schaute nur. Ich hatte mich dick angezogen, damit ich ein bisschen geschützt war, und öffnete die Tür einen Spalt. Lissy schaute nur. Ich ging langsam einen Schritt hinein. Lissy schaute nur.
Nun stand ich im Garten und schloss die Tür hinter mir. Lissy stand nicht mehr, sondern schoss auf mich zu und verbiss sich in meiner Jacke.
Ich weiß nicht, wie ich es gemacht hatte, aber nach einigen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, schaffte ich es wieder aus dem Garten heraus.
Bestandsaufnahme des Erstkontakts:
Jacke, Pullover, Handschuhe und Hosen kaputt, mehrere Wunden an Händen, Armen und Beinen.
So, das war unser erstes richtiges Kennenlernen.
Nun aufhören, aufgeben, Wunden lecken? Nix da. Tür auf und wieder rein.
Sofort kam Lissy und zeigte mir, was sie draufhatte. Und sie hatte richtig was drauf. Ich brauchte alle Kraft, um ihr standzuhalten. Sie verletzte mich immer mehr und ich musste nun wieder schauen, dass ich herauskam.
Meine Frau stand am Fenster und ich sah ihr die Angst im Gesicht an. Sie kam aus dem Haus und sagte kein Wort. Unter Schmerzen zog ich mich aus und sie verarztete mich so gut es ging. Ins Krankenhaus wollte ich nicht, denn zum Entsetzen meiner Frau wollte ich wieder zu Lissy. Wir stritten im Hof und es wurde mir einfach zu viel. Ich hatte Verständnis für ihre Sorgen, aber ich konnte einfach nicht anders. Ich holte mir eine neue Jacke und Hose, einen weiteren Pullover und Handschuhe. Ich nahm einen Maulkorb, der passen könnte, und begab mich wieder zu Lissy.
Der Kampf ging weiter.
Spätestens hier werden sich einige fragen, warum ich das getan habe. Warum dieses Vorgehen und nicht mit Leckerchen und Wattebällchen.
Weil das einfach nicht ging. Wer schon mit einem richtig gefährlichen Hund zu tun hatte, versteht das.
Also wieder rein und Lissy ging wieder auf mich los, doch ich merkte, dass sie nicht mehr 100 % gab.
Ich spürte, dass sie versuchte, mich zu respektieren. Sie zeigte mir, dass ich mich verpissen sollte, aber das tat ich nicht. Lissy hatte noch so viel, das sie mir entgegensetzten konnte, aber sie tat es nicht mehr. Schließlich ließ sie von mir ab und ging 2 Schritte zurück. Blutend saß ich da und wir schauten uns nur an.
Plötzlich kam mein Schwager in den Hof, um uns zu besuchen. Als er am Zaun stand, sprang Lissy an mir vorbei und gegen den Zaun, sodass mein Schwager ins Haus rannte.
Lissy umkreiste mich, aber griff nicht an. Sie stellte sich vor mich hin und ich wartete nur, dass sie gegen mich gehen würde. Doch das blieb aus.
Ich hatte Schmerzen, aber durfte ihr das nicht zeigen. Ich holte nun etwas Futter aus meiner Jacke und legte es langsam vor mich hin. Dann rutschte ich auf dem Rasen zurück, um Lissy zu zeigen, dass ich ihr das Futter überlassen würde. Langsam kam sie auf mich zu und nahm die Nahrung auf, ohne mich aus den Augen zu lassen. Dann ging sie wieder zurück. Ich rutschte wieder vor und legte Futter hin.
Das Ganze machten wir ein paar Mal. Dann stand ich auf und ging aus dem Garten.
Im Haus erwarteten mich meine Frau und ihr Bruder mit finsterer Miene. Nicht enden wollende Vorwürfe musste ich mir anhören, während ich meine Wunden verband. Ich sagte nicht viel, kam ohnehin nicht zu Wort. Und Argumente hatte ich ja auch keine, damit die beiden Ruhe geben würden.
Ich ging und legte mich zum Ausruhen auf die Couch. Denn Lissy hatte mir bis dahin alles abverlangt.
Nach zwei Stunden fragte mich meine Frau, wie das nun weitergehen solle. Ich antwortete ihr, dass ich Lissy nicht aufgeben würde. Ich sah ihr an, dass sie diese Antwort nicht hören wollte. Sie ging kommentarlos ins Geschäft und ließ mich zurück. Obwohl ich nachvollziehen konnte, was in ihr vorging und dies auch verstand, konnte ich einfach nicht auf sie zugehen.
Am Nachmittag ging ich wieder in den Garten zu Lissy. Sie stand schon bereit, um mir zu zeigen, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Also wieder rein und Türe schließen.
Nur dieses Mal passierte erstmal nichts. Lissy und ich schauten uns aus ca. 4 Metern Entfernung nur an. Ich bewegte mich nun langsam ein paar Schritte im Garten, Lissy ging langsam hinterher. Kein Kampf und kein Stress.
Ich holte einen Brocken Fleisch aus meiner Jacke und legte ihn Lissy hin, dann ging ich ein paar Schritte zurück. Sie schaute mich an, nahm ihn und kam auf mich zu, legte den Brocken vor meine Füße und ging rückwärts weg.
Das hatte mich schwer beeindruckt.
So schwer, dass mir Tränen in die Augen schossen, doch das durfte ich nicht zulassen. Noch nicht.
Sie respektierte mich, aber mehr noch nicht.
Vertrauen war da nicht dabei, nur Respekt.
Das habe ich bei den langen Trainings mit Wölfen gelernt.
Ich nahm das Fleisch vom Boden und biss ein Stück davon ab. Ich musste mich richtig überwinden, um das zu schaffen. Lange kaute ich darauf herum, bis ich das kleine Stück endlich runterbekam.
Den Rest der „Beute“ legte ich wieder hin und überließ ihn Lissy.
Sie schaute mich die ganze Zeit an und erst als ich wieder aus dem Garten ging, nahm sie das Fleisch.
Mehr machte ich an diesem Tag nicht. Lissy hatte mir so viel abverlangt, dass ich mich ausruhen und meine Wunden versorgen musste.
Ich rief eine befreundete Tierarzthelferin an, dass sie bitte vorbeikommen sollte, um meine Wunden zu versorgen, einige davon musste sie sogar nähen.
Und wohlgemerkt, wir sind erst bei Tag 1.
Am nächsten Morgen brachte ich Lissy Futter in einer Schüssel nach draußen. Sie stand bereits am Zaun und wartete, was passieren würde. Ich setzte mich ca. 2 Meter vom Tor entfernt auf den Boden und schaute in ihre Richtung, aber ohne sie anzustarren.
Nach einer Weile wich sie zurück und ich ging zum Tor, um dieses zu öffnen und den Garten zu betreten. Die Schüssel stellte ich auf den Boden und ging wieder raus. Lissy kam langsam nach vorne und aß in Ruhe die Schüssel leer. Ich ging wieder ins Haus, weil mir alles höllisch weh tat.
Gegen Mittag wollte ich im Garten die Futterschüssel holen, um diese wieder zu füllen. Doch sie stand nicht mehr da, wo sie sich heute Morgen befand.
Lissy hatte die Schüssel mit in ihren Unterstand genommen.
Na toll, was nun?
Ich ging in den Garten und langsam zu Lissys Unterstand.
Das war ein 4 x 5 Meter überdachter Bereich, mit einer Hütte darunter und von vorne offen. So konnte sie sich zurückziehen und sich bei Regen auch im Trockenen aufhalten.
Langsam bewegte ich mich zu dem Unterstand. Lissy lag in einer Ecke und die Schüssel ca. 2 Meter vor ihr. Ich nahm sie und ging rückwärts aus dem Garten. Draußen füllte ich die Schüssel und brachte sie zu Lissy. Ich stellte sie auf den Boden und ging wieder aus dem Garten und ins Haus.
Das machte ich 3-mal am Tag für die nächsten 3 Tage.
Mehr konnte ich momentan nicht tun, weil meine Schmerzen einfach zu groß waren.
Mit meinen beiden anderen Hunden, Arny und Cash, musste ich auch raus und dabei musste ich immer am Garten vorbei gehen. Lissy ging dabei so gegen den Zaun, dass einem Angst und Bange werden konnte. Daher baute ich am hinteren Ende des Gartens, den wir abtrennen konnten, einen zweiten Ausgang, damit sich die Hunde nicht öfter sahen, als es sein musste. Wir konnten nun durch den neuen Ausgang Gassi gehen und Lissy konnte sich mehr entspannen und brauchte nicht immer so hochzufahren.
Jeden Abend faltete mich meine Frau zusammen und machte mir die größten Vorwürfe. Ich schlief nachts auf der Couch mit Sicht in den Garten. So konnte ich immer mal wieder einen Blick auf Lissy erhaschen.
An Tag 5 nach Lissys Einzug fühlte ich mich besser, um mit der Arbeit mit ihr weiterzumachen. Aber besser heißt nicht gut, denn die Wunden, die sie mir zugefügt hatte, heilten langsam.
Ich ging mit dem Futter und einem Stuhl in den Garten. Den Stuhl stellte ich gleich neben die Eingangstür des Gartens und die Schüssel mit Futter brachte ich wieder zu Lissy. Dann setzte ich mich einfach nur in den Stuhl, um sie zu beobachten und mir Gedanken über den weiteren Verlauf zu machen.
„Wie bekomme ich ein Halsband dran?
Wie mache ich das Maulkorb Training?
Ein Geschirr wäre auch gut, damit ich sie besser sichern konnte.
Also mit was fange ich an?“
Ich entschied mich für die Handfütterung. Da dies sehr gefährlich werden könnte, zog ich mir sehr dicke Kleidung an, in der ich mich allerdings noch bewegen konnte. Dann holte ich etwas Futter, legte die paar Brocken in die Schüssel und ging zu Lissy. Ich kniete mich vor sie hin und hielt ihr die Schüssel entgegen.
Sie schaute mich an und ging wie in Zeitlupe auf mich zu. In diesem Moment rechnete ich mit einem Angriff. Doch der blieb - Gott sei Dank - aus. Sie fraß aus der Schüssel, die ich in den Händen hielt. Da es nur wenige Brocken waren, war sie schnell fertig. Sie schaute mich an, zog die Lefzen hoch und ging nach hinten weg. Ich ging auch wieder zurück und füllte die Schüssel erneut mit ein paar Brocken. Wieder ging ich zu Lissy und wiederholte das Ganze. Nach 6 Wiederholungen hatte sie genug zu fressen bekommen und die ersten Schritte waren getan.
Das Ganze machte ich nun wieder 3-mal täglich und nie gab es einen Angriff. Doch sie zeigte mir deutlich, dass wir keine Freunde waren.
Nach einigen Tagen nahm ich einen Maulkorb und schmierte Leberwurst hinein. Diesen hielt ich mit dicken Handschuhen zu Lissy hin. Sie kam her und schnüffelte, ging aber wieder weg. Doch ich gab nicht auf.
Bei dem 4. Versuch streckte sie das erste Mal ihren Kopf in den Maulkorb und schleckte die Leberwurst heraus. Wieder ein Schritt in die richtige Richtung.
Füttern aus der Schüssel, die ich mit den Händen hielt und das Maulkorb-Training waren fürs Erste auch genug.
Nach jeder „Sitzung“ berührte ich Lissy mit meinen Handschuhen mehr und mehr. Nur kurze Berührungen, kein Streicheln.
Nach weiterem Training konnte ich schließlich den Maulkorb schließen und sie dabei mit der Futtertube füttern.
Obwohl es jeden Tag besser wurde und wir wirklich große Fortschritte machten, waren wir noch meilenweit davon entfernt, von Erfolg zu sprechen.
Keiner gab ihr eine Chance, auch jetzt war jeder gegen sie.
Doch ich gab nicht auf. Ich wollte jedem beweisen, was für ein toller Hund Lissy doch ist.
Die Streitereien mit meiner Frau und ihrer Familie wurden immer heftiger. Im Schlafzimmer war ich schon lange nicht mehr.
Lissy und ich waren nun schon so weit, dass ich ihr ohne Handschuhe den Maulkorb aufzog und sie damit und der Futtertube durch den Garten führen konnte. Jeder Schritt war ein Schritt in ein hoffentlich gutes Leben.
Nun war die Leine dran. Als erstes entschied ich mich für eine Moxonleine, weil ich dazu kein Halsband benötigte. Die ersten paar Male wollte Lissy das nicht. Das zeigte sie mir, doch nach ein paar Übungseinheiten funktionierte auch das sehr gut.
Tag für Tag trainierten wir in sehr kleinen Minischritten, um Lissy nicht zu überfordern.
Dann war es so weit: Das Brustgeschirr war der nächste Trainingsschritt. Ich entschied mich für ein K9 Geschirr. Ich halte grundsätzlich zwar nichts davon, doch es ließ sich leicht anlegen.
Auch das funktionierte recht gut. Erst als ich den Gurt unter Lissys Bauch schließen wollte, reichte es ihr. Sie wehrte sich und sprang mit dem Maulkorb gegen mein Gesicht, dass meine Lippe aufplatzte.
Verdammt, so konnte ich nicht aufhören.
Das Geschirr zog ich ihr wieder aus und mit der Futtertube machte ich noch kleine Übungen, um einen positiven Abschluss hinzubekommen.
Dann Leine und Maulkorb aus und Schluss für heute.
Ich ging ins Haus und sah erst dort das ganze Ausmaß der Verletzung.
Mein ganzer Pullover war voller Blut, das von meiner Lippe tropfte. Da reichte dieses Mal auch kein Pflaster mehr.
Ich fuhr zu meiner befreundeten Tierarzthelferin, um meine Lippe nähen zu lassen. Für das Krankenhaus hatte ich weder Lust noch Zeit.
Und mal ehrlich: Arzt ist erstmal Arzt.
Danach wieder nach Hause und mich erstmal hinlegen. Auch für mich war Ruhe wichtig, nicht nur für Lissy.
Am frühen Abend ging ich wieder zu Lissy, um ihr Futter zu bringen, doch ich merkte, dass seit dem Vorfall etwas anders war. Sie stand unter dem Dach, allerdings auf ihrer Hütte und schaute mich mit ihren durchdringenden Augen an.
Ok, ich ging ins Haus, um mich dicker anzuziehen.
Dann nahm ich wieder ihr Futter und ging zu ihr in den Garten. Ich stellte das Futter hin und wollte sie erstmal in Ruhe lassen. Also drehte ich mich um, um wieder rauszugehen. Kurz vor dem Ausgang kam sie von hinten und biss mir in den Allerwertesten. Ich schrie laut auf und schlug einfach um mich. Lissy ging wieder gegen mich wie am ersten Tag. Ich kämpfte, um aus dem Garten zu kommen.
Draußen stand ich am Zaun und schrie Lissy an:
„Was soll der Scheiß du blödes Miststück, ich will dir helfen und du blöde Sau gehst auf mich los. Das lass ich mir nicht gefallen.“
So wie ich Lissy anschrie, so schrie sie auch mich an. Sie stand auf der anderen Seite des Zauns und bellte, dass ihr der Rotz aus dem Maul flog.
Ich war so sauer und voller Adrenalin, dass mir alles egal war. Sollte sie mich doch angreifen.
Ich ging in den Garten zurück und Lissy ging auf mich los. Ich packte sie am Hals und irgendwie konnte ich sie auf den Boden werfen und mich auf sie legen. Ich weiß nicht mehr, wie lange das dauerte, aber es kam mir wie Stunden vor.
Als mir die Kraft ausging, fing ich an zu weinen. Ich konnte einfach nicht mehr anders. Meine Gefühle und Emotionen gingen mit mir durch. Ich ging von ihr runter und schrie ihr meine Verzweiflung entgegen, dass sie mich doch angreifen sollte. Aber Lissy stand nur da und schaute mich an.
Ich schleppte mich aus dem Garten ins Haus. Ich musste ins Bad, mich ausziehen und sehen, was los war.
Alles war voller Blut.
Mein Hintern hatte ein Loch mehr als das Original und dieses musste dringend geschlossen werden. Ich rief meine Tierarzthelferin an und bat sie, zu kommen.
Als sie eintraf und mich sah, machte sie mir die größten Vorwürfe und bat mich, Lissy zu erlösen. Doch das war keine Option. Sie nähte mir den Hintern zu und versorgte noch die weiteren Verletzungen. Dann ging sie, mit der erneuten Ermahnung, das Richtige zu tun, wieder nach Hause.
Ich legte mich auf die Couch, um mich zu erholen. Draußen sah ich Lissy, die im Garten umherstreifte und immer wieder durch die Terassentür zu mir reinschaute. Ich beobachtete sie und irgendwann schlief ich ein.
Früh am nächsten Morgen wachte ich auf und sah Lissy an der Terassentür sitzen. Sie saß da und schaute mich nur an.
Meine Frau stand in der Küche und sagte, dass meine Prinzessin schon seit über einer Stunde da säße.
Meine Prinzessin!!!!!
Ich kroch zur Tür und legte mich davor, sitzen konnte ich ja nur unter Schmerzen. Lissy legte sich und wir beide schauten uns nur an.
Was ging wohl in ihrem Kopf vor?
Ich versuchte etwas anzuwenden, das mir Xaver 20 Jahre zuvor beibrachte:
Ich schaute in ihre Seele.
Mit dem, was ich da sah, hatte ich nicht gerechnet. Ich brach in Tränen aus. Ich bemerkte, dass auch Lissy weinte.
