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Beschreibung

In geheimer Mission kehr Horst P. zurück nach Dresden. Eine Organisation will er aufbauen, den "Kraken", als Vorläufer des späteren MfS. Zum Oberst der Stasi befördert, kann sich P. nicht mit der Führung identifizieren. Nazi-Methoden werden angewendet! Der Krake droht, seine eigenen Kinder zu fressen! Will man ihn loswerden, den Unbequemen? Eine rätselhafte Krankheit befällt Oberst P. plötzlich! Selbst der Freund und Arzt Julian findet keine Erklärung. Eine Vergiftung?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Harri Anholt

Der Krake frisst seine Kinder

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Der Krake frisst seine Kinder

Wege, einsam und sehr obskur,

Wo trifft man böse Engel nur,

Wo ein Eidolon die Nacht

Auf schwarzem Throne hat die Macht,

Führten jüngst in diesem Lande

Mich von Thules düstrem Rande –

Das da wild liegt und erhaben weit,

Fern dem Raum – fern der Zeit.

(Edgar Allan Poe)

Hein Broders war mit seinem „Wartburg“ unterwegs auf der Straße von Rostock nach Wolgast. Sein Auto war nun nicht gerade der letzte Schrei der Automobilbaukunst, aber sehr zuverlässig. Diesem Wägelchen konnte man schon so einiges bieten.

Hein fuhr auch mal gern etwas schneller, als die Polizei eigentlich erlaubte. Als Seemann hatte man ja auch kaum Gelegenheit zum Autofahren.

Es war ein überraschend warmer Frühlingstag in diesem April1961. Und den wollte Hein so richtig genießen. Also doch nicht gar so schnell voran. Denn in Hein Broders war ein tiefes Gefühl der Freude. Zwar hatte er seine Berufung zum Kapitän bereits seit längerem in der Tasche, trotzdem war heute ein ganz besonderer Tag. Die Genossen der Betriebsleitung hatten ihm ihr Vertrauen ausgesprochen, hatten ihm, Hein Broders, ein eigenes Kommando übertragen – ein nagelneues Schiff! Und das lag an der Ausrüstungspier der Wolgaster Peenewerft und wartete auf seinen Kapitän.

Voller Spannung und Erwartung steuerte Hein Broders seinem ersehnten Ziel entgegen. Auch deshalb nich so schnell voraus. War nicht Vorfreude die schönste Freude? Einfach nur genießen, diesen Tag. In seinen Gedanken ging Hein noch mal seinen Lebensweg durch, wofür heute ein würdiger Anlass war. Musste gleich mal schmunzeln. Eigentlich hieß er ja Heinrich mit Vornamen. Ein Name, den er nicht besonders mochte. Bis heute nicht. Zum Glück nannte ihn niemand mehr so. Immer nur Hein.

Schon in der Schule hatten ihn Klassenkameraden oft gehänselt: Heinrich, der Wagen bricht, ohne Räder fährt er nicht. Immer wieder hatten sie es gerufen. Ausgemacht hatte es ihm kaum etwas damals. Am Ende hatten sie es dann auch aufgegeben. Aus Respekt. Denn bereits als Junge war Hein Broders groß und kräftig. Da hatte sich so leicht keiner herangetraut.

Später hatten ihn dann die Nazis eingezogen. Zu ihrer Kriegsmarine. An diese Zeit mochte er lieber nicht mehr denken. Das Thema war abgeschlossen. Es lohnte nicht, darüber zu sprechen. Vorzuwerfen hatte er sich nichts, hatte nichts Unrechtes getan. Etwas Gutes hatte die Zeit bei der KM doch gehabt. Da hatte auch ein Hein Broders Disziplin lernen müssen. Woraus am Ende so etwas wie ein Grundsatz entstanden war: Wer nicht Gehorchen lernt, kann später auch nicht befehlen. Und noch etwas war da. Knapp über eins achtzig groß, hatte

Für einener doch damals eine gute Figur gemacht in der schmucken Marineuniform. Jedenfalls hatte das seine Helena so gesehen. Gott, war das Mädel schön! Und Beine hatte sie! Okay, die hatte sie immer noch und hübsch auch. Machte ihrem Namen alle Ehre, Helena.

Wieder schmunzelte Hein, nahm wieder etwas Gas weg. Wie lange war das nun schon her. Sein sonst so schönes blondes Haar wurde langsam grau.

Und wenn man genauer hinsah, war auch ein kleiner Bauchansatz zu sehen. Hatte Helena gesagt. Vehement hatte er das bestritten. Na ja, ein winziger vielleicht. Noch gar nicht zu erkennen.

Der Ortseingang Stralsund war erreicht. Da entging nichts den scharfen graublauen Augen. Auf jedes Schild achtete Hein Broders. Doch sollte man nicht eine kleine Pause machen, etwa zu sich nehmen? Hein verwarf den Gedanken. Lieber nicht, hatte er doch ein klares Ziel vor Augen. Weiter ging die Fahrt. Bald schlängelte sich der Wagen durch die engen Wolgaster Gassen. Vor dem Tor der Peenewerft angekommen, stieg Hein aus. Kaum die Autotür geöffnet, traf es wie ein Schlag! Eine gewaltige Welle aus Hämmern, Nieten, Kreischen und Poltern brach über ihm herein, schlug über ihm zusammen!

Für einen Augenblick verhielt der Kapitän den Schritt. Was für ein Radau! Nicht auszuhalten, dieser Lärm! Das konnte ja heiter werden in den nächsten Tagen. Doch weiter jetzt. Erst mal durch die Betriebswache. Diese passiert, blieb Hein Broders wieder stehen. Eigentlich müsste er zur Betriebsleitung und zum Werftkapitän, doch ein starkes Gefühl hielt ihn zurück: Sein Schiff! Unbedingt mal einen Blick wenigstens darauf werfen! Ein wenig Zeit war ja auch noch. Wenn auch nicht schnell gefahren, war er doch gut vorangekommen. Viel Verkehr hatte es unterwegs auch nicht gegeben. Also, auf zur Ausrüstungspier. Diese Werft war nicht sehr groß, da brauchte man nicht viel herumfragen.

Und nun lag sie vor ihm, die „Spika“. Ein kleines geschütztes Plätzchen hatte sich Broders ausgesucht. Zwischen zwei Bretterstapeln. Von hier aus konnte er alles übersehen, ohne selbst gesehen zu werden.

Fast andächtig schaute Kapitän Broders auf sein Schiff, sah auf die schwarze Außenhaut mit den weißen Buchstaben vorne am Bug. Die weißen Streifen, die wie Flügel aussahen. Zurück schweifte der Blick, zur Kommandobrücke. In strahlendem Weiß lag sie da, wie auch die Aufbauten rundum. Masten und Bordkräne sandfarben gestrichen - Hein Broders konnte sich nicht sattsehen! Vergessen plötzlich all der Lärm und das Getöse um ihn herum. Die Gedanken schweiften ab. Die „Spika“, benannt nach einem Sternbild des südlichen Himmels. Ein Doppelstern, eigentlich, dessen einer den anderen verdeckte. Der Sage nach hielt die Jungfrau eine Kornähre in der Hand, die Spika. Broders schmunzelte. Um Doppelstern und Kornähre würde sich seine künftige Crew wohl wenig scheren. Doch die Jungfrau, das war schon eher etwas für Hein Seemann. Darunter konnte er sich etwas vorstellen. Groß und schlank, mit wohl geformten Beinen und schwellenden Brüsten, tausend Wochen alt vielleicht.

Ganz still stand Hein Broders in seinem Winkel. Ein fast erhabenes Gefühl hatte ihn ergriffen. An Helena dachte er in diesem Augenblick. Wie er sie zum ersten Mal in seinen Armen gehalten, sie geküsst hatte. Aber die „Spika“ konnte er weder umarmen noch küssen, doch er liebte sie jetzt schon.

Ein fürchterlicher Knall und ein Scheppern ließen Hein Broders zusammenfahren – die Betriebsleitung! Allerhöchste Zeit wurde es jetzt aber! Zu gern wäre er noch an Bord gegangen, doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Wie erwartet, zog sich die Konferenz hin. Broders hatte es befürchtet. Schier endlose Vorstellung der Teilnehmer, die sowieso keine kannte, dann die obligatorischen ideologischen Schwänzchen, Elogen auf Partei und Regierung – ermüdend. Doch dann endlich die „Spika“! Noch vierzehn Tage würde es dauern! Noch vierzehn Tage bei Lärm, Krach und Radau auf der Werft bis zum Flaggenwechsel. Bis zu dem Tag, an dem Kapitän Hein Broders endlich sein Schiff übernehmen konnte.

Endlich fand diese Versammlung ihr Ende. Das Schlusswort war gesprochen. Im Saal war es angenehm ruhig gewesen. Draußen empfing Broders wieder der entsetzliche Lärm.

Daran würde sich ein Seemann wohl nie gewöhnen können. Aber nur vierzehn Tage. Auch die würden vergehen. Angekommen bei der „Spika“, erklomm der Kapitän die Gangway. Wollte sofort in seine Kammer, doch die Schlüssel! Er hatte ja noch keine bekommen. Von wem denn auch. Auf seinem Weg zur eigenen Kammer musste Broders an der Kammer des Chiefs vorbei. Dessen Tür stand halb offen, Stimmen waren zu hören. So klopfte er kurz, trat auch gleich ein. Chief Lothar Schemmer war im Gespräch mit sei0nem Ersten Maschinisten Friedrich Pohl. Gegenseitiges Vorstellen, Händeschütteln. So kannte Hein Broders nun schon mal zwei von seiner Crew.

Schemmer war schon länger an Bord, war der Dienstälteste und hatte die Schlüsselgewalt. Broders wollte auch schon seine Schlüssel nehmen und wieder gehen, doch da hatte Schemmer etwas dagegen. E machte sich an seinem Spind zu schaffen, während der Kapitän Muße hatte, seinen Chief zu beobachten. Schemmer förderte zwei Flaschen „Hafenbräu“ zutage: „Erst müssen wir uns doch bisschen beschnuppern, was, Hein.“

Hein Broders war es recht. Pohl verabschiedete sich und ging. Man setze sich auf die Couch des Chiefs, stieß mit der Buddel Bier an. Verstohlen schaute Broders wieder den Chief an. Ein kleiner Mann eher, dieser Schemmer, fand er. Wahrscheinlich Kettenraucher. Die gelblichen Zähne und die gelben Fingerkuppen deuteten darauf hin. Und schon brannte sich Schemmer wieder eine an. Kein gutes Kraut, was der da qualmte! Gut roch das jedenfalls nicht.

„Erzähl doch mal, Lothar“, begann Broders. „Was haben wir den bisher an Personal an Bord?“ In der Flotte war es üblich, dass Kapitän und Chief sich duzten.

„Da gibt es nicht viel zu erzählen, Hein. Las uns aber erst noch einen Schluck nehmen. Auf gute Zusammenarbeit also. Prost.“

He2n Broders spürte erst jetzt, wie durstig er war. Würzig, dieses Bier. Rann wie Öl, schmeckte ausgezeichnet. Ein Genuss. Broders wischte sich mit dem Handrücken den Bierschaum vom Mund ab.

„Also, weiter im Text, Hein“, fuhr Schemmer fort. „Von deinen Leuten ist bisher nur Bootsmann Karl Obermeier ab Bord. Da wirst du wohl noch etwas Betrieb machen müssen.“

Während der nächsten Tage trudelten dann auch mit den Matrosen Hans Bornemann, Egon Anders und Jörg Pätzel ein. Wobei sich Kapitän Broders gezwungen sah, alle persönlich zu begrüßen. Weil zu sei0nem Ärger der Erste Offizier noch immer fehlte. Auch ein Koch war noch nicht aufgetaucht. Okay, auf den konnte man zurzeit noch verzichten. Gekocht wurde an Bord noch nicht. Die Männer wurden alle noch in Hotels und Pensionen untergebracht, weil noch nicht geheizt werden konnte, wo sie auch verpflegt wurden.

Dann doch eine gute Nachricht, der Koch war angekommen. Kapitän Broders nahm es zur Kenntnis, konnte sich jedoch kaum darüber freuen – wieder kein Steuermann! Das wurde langsam ungemütlich. Um alles musste sich der Kapitän selbst kümmern! Ständig gab es neue Probleme. Die Heizung! Noch immer wollte die nicht funktionieren. Dabei war es nachts noch empfindlich kalt. Da konnte man doch keine Leute an Bord holen! Alles ging hier drunter und drüber.

Hein Broders schimpfte, doch es half alles nichts, noch immer kein Erster Steuermann an Bord. Und das zwei Tage vor der Probefahrt! Man mochte es nicht glauben. Ohne einen Ersten Offizier war doch an ein Auslaufen gar nicht zu denken!

Am nächsten Morgen kam er dann doch, der Langersehnte! Hein Broders war sauer. So richtig sauer: „Spät kommt Ihr, aber Ihr kommt“, begrüßte er den Steuermann gallig. Doch Broders nahm sich gleich zurück. Der Mann konnte schließlich kaum etwas dafür. Der zuckte auch sofort die Achseln: „Tut mir leid, Kapitän. Mich haben si0e aus dem Urlaub geholt. Amüsiert sehen Sie mich wirklich nicht. Sorry, Sir.“

Kapitän Broder wurde ruhiger. Nun war er ja da, der Steuermann. Also Schwamm drüber. Doch di0ese ewige Personalnot konnte einem schon gehörig zusetzen. Wenigstens die Probefahrt konnte halbwegs pünktlich stattfinden.

Die ließ sich dann auch gar nicht so schlecht an. Pünktlich kam der Lotse an Bord. Das Ablegen noch etwas holprig. Das musste besser werden. Doch dafür, dass die Crew nicht eingespielt war, schon ganz ordentlich. Der Matrose Pätzel war Broders positiv aufgefallen vorne auf der Back. Brauchbar, der Junge.

Das Ankermanöver draußen dauerte Hein Broders auch wieder zu lange. Doch was sollte es ihn eigentlich scheren? Das lag doch alles beim Werftkapitän. Der hatte hier die Verantwortung. Also ruhig Blut. Außerdem warn viele Werftleute mit an Bord. Die wollten alles ganz genau nehmen. War vielleicht gar nicht so verkehrt. Kostete aber viel Zeit. Ein ernsthaftes Problem schien es dann unten in der Maschine zu geben. Da schien selbst Schemmer nervös zu werden. Ausgerechnet die Hauptmaschine! Mit einem Lager sollte etwas nicht in Ordnung sein. Deshalb Anker auf und wieder in die Werft. Alles andere war zum Glück gut gelaufen. Die Geschichte mit dem Lager erwies sich zum Glück als nicht gravierend. Einen weitere Zag würde es allerdings wieder kosten. Ein Tag, der genutzt wurde, noch einmal die Heizung und den Herd in der Kombüse auf Herz und Nieren zu prüfen sowie Trinkwasser und Brennstoff für die Überfahrt nach Rostock zu bunkern. Für Notproviant musste auch gesorgt werden.

Endlich war es nun so weit, der feierlich Flaggenwechsel stand bevor! Hein Broders war nun doch ein bisschen gerührt. Der Ansprache des Werftleiters hörte er nur mit halbem Ohr zu, war viel zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. So erschrak er beinahe, dass er bereits mit seiner Rede dran war. Etwas zögerlich, sein Start. Doch schon bald fand der Kapitän sich drein. Mit Bedacht wählte er seine Worte. Immer leichter gingen sie ihm über die Lippen. Ohne zu stocken, wenn auch langsam. Seine Dankesworte kamen von Herzen. Da war nichts einstudiert, nichts gespielt. Das mochten die Anwesenden gespürt haben. Auf die zu solchen Anlässen üblichen Floskeln zu Partei und d Regierung verzichtete Hein Broders völlig. Doch für die Mitarbeiter der Werft fand er lobende Worte, ohne jemand besonders hervorzuheben. Dafür erntete Kapitän Broders den größten Beifall aller Redner vor ihm. Und am Ende war Broders heilfroh, diese Hürde so erfolgreich gemeistert zu haben. Richtig warm war ihm dabei geworden. Obwohl es doch achtern auf dem Bootsdeck doch recht kühl war. Sein Beifall hatte ihm gutgetan.

Am nächsten Tag sollte es nun losgehen. Der Lotse kam an Bord, und fort muss die Reise gehen! Endlich würde man diesem nicht enden wollenden Radau entgehen! Würde wieder die reine Seeluft atmen können. Bis Rostock waren es nur Stunden. Dennoch war es fast Abend geworden, als die „Spika“ in Rostocker Stadthafen festmachte. Dieser Tag war für Hein Broders gelaufen. Er übergab das Schiff seinem Erste Offizier. Obwohl der recht säuerlich dreinschaute. Vielleicht wollte er auch noch an Land, doch das war heute nicht drin. Auch die Männer ab Bord durften heute nur in Ausnahmefällen an Land, schärfte Broders seinem Ersten noch ein.

Am nächsten Morgen war der Kapitän in aller Frühe wieder an Bord. Eine Ladung Zucker für London sollte übernommen werden. Wo sich der Erste drum kümmern sollte. Dafür war er Ladungsoffizier. Alles, was damit zusammenhing, gehörte zu dessen Aufgaben. Broders selbst begab sich zur Reederei. Ihm fehlten immer noch zwei Matrosen. Nur vier Matrosen, das bedeutete englische Wachen zu gehen. Sechs Stunden Dienst, sechs Stunden frei. Eine strapaziöse Angelegenheit.

In der Firma hatte Kapitän Broders heute wirklich Glück – seine Leute wurden ihm bewilligt, trotz Personalnot. Schwein musste man haben.

Das Beladen sollte am Nachmittag beginnen. Mit einer kleinen Verzögerung ging es dann aber auch los. Der Erste beaufsichtige alles, während Broders den Zweiten Steuermann die Seekarten für London vorbereiten ließ. Da wurden plötzlich die Ladearbeiten eingestellt. Auf weitere Waggons müsse man warten, hieß es. Weshalb Ladeende erst am Mittag des folgenden Tages zu erwarten sei. Was Hein Broders in die Karten spielte. Konnte er doch noch eine Nacht mit Helena zu Hause verbringen.

Mit den Abschieden war es auch immer so eine Sache. So viele hatte es nun schon gegeben, doch ohne Tränen ging das kaum ab. Etwas, das Broders immer zu schaffen machte. Tränen konnte er eben nicht sehen.

Nach einer wunderschönen Nacht mit Helena und einem tränenreichen Abschied war Kapitän Broders am nächsten Morgen voller Tatendrang wieder an Bord. Die Ladearbeiten liefen wieder, Proviant für die Reise, Brennstoff und Ausrüstungen sowie Farben und Lacke wurden geliefert. Kurz nach dem Mittagessen war alles an Bord, der Kapitän war zufrieden. Die Luken dicht, Behörden und Zoll waren an Bord, der Lotse saß schon in der Kapitänskammer. Dieser Zoll, die ewigen Kontrollen, das dauerte wieder! Doch endlich waren sie alle gegangen – klar vorn und achtern! Leinen los, fort ging die Reise, die Jungfernfahrt der „Spika“ unter ihrem Kapitän Hein Broders!

Von allen Seiten war dem Kapitän Glück gewünscht worden. Eine glückliche Reise sollte es werden. Und es wurde eine! Dieser einen folgten noch viele. Alles lief prima. Selbst das Wetter spielte mit. Kein Sturm, kein Nebel, Seemannsherz, was willst du mehr!

Immer sommerlicher war es geworden. Mit jedem Tag. Die ganze Zeit beschäftigte sich Hein Broders in Gedanken mit seiner Crew. Ein richtiges Kollektiv wollte er formen auf seinem Schiff. Noch stellte ihn das alles hier an Bord nicht zufrieden. Zwei Dinge waren es, die ihm nicht gefallen wollten. Da war dieser Erste Steuermann. Fachlich ja völlig in Ordnung. Doch seine Arbeit mit den Menschen! Da schien es zu hapern. Es war zwar nicht so, dass er etwas nicht gut mit den Männern umging. Nur zu unnahbar war der Mann. Zu distanziert. In gewisser Weise war Distanz ja nötig. Kumpanei mit Unterstellten durfte es selbstverständlich nicht geben. Andes herum, die Menschen waren doch nicht nur zum Arbeiten da! Jeder hatte doch so seine Sorgen und Nöte. Die machten doch um keinen einen Bogen. Und genau da lag der Hase im Pfeffer. Diesen Steuermann kümmerte das nicht! Der fühlte sich da überhaupt nicht zuständig. Dennoch gehörte es doch zu seinen Aufgaben! Zu den Aufgaben eines Nautischen Offiziers! Wie konnte jemand ein Kollektiv leiten, wenn ihm die Menschen mit ihren Problemen gleichgültig waren?

Kapitän Broders entschloss sich, umgehend mit dem Ersten zu sprechen. Vor allem, welche Vorstellungen er selbst für sich und seine Zukunft sah. Dann war da noch der Koch. Seine Arbeit machte er ja. Da gab es nichts einzuwenden. Auch schmeckte alles, was er zubereitete. Nur war der Bursche nicht immer dort, wo er zu sein hatte. Im Hafen hatte er nämlich selbst den Wachmatrosen erwischt, wie er auf seine Hafenwache in der Kombüse Kartoffeln schälte. Der Bursche hatte herumgedruckst nicht mit der Sprache herauswollen, dass der Koch noch in seine Koje lag. Am Ende hatte er es doch noch zugegeben. Auch darüber würde er mit dem Steuermann reden.

Dem Matrosen hatte Hein Broders ins Gewissen geredet. Dessen Aufgabe sei es, Wache zu gehen. Um Gefahren von Menschen Schiff und Ladung abzuwenden. Aber nicht, die Arbeit anderer zu machen. Im Wiederholungsfall würde es Strafe setzen. Für alle würde das gelten.

Die „Spika“ hatte im Hafen Gent festgemacht. Hier ergab sich die Möglichkeit, mit dem Ersten zu reden. Zunächst noch skeptisch, verlief die Unterredung besser als gedacht. Bereitwillig gab der Erste zu, dass er seine Zukunft nicht auf der „Spika“ sah. Die Levante wäre sein Ziel. Das Mittelmeer überhaupt.

Sollte sich die Gelegenheit dazu ergeben, er würde gern dorthin wechseln. Was Hein Broders zuerst ein bisschen ärgerte. Die Zukunft nicht auf der „Spika“! Gabs denn sowas? Wer sollte das denn verstehen? So ein nagelneues Schiff! Doch dann kam auch die Erleichterung. Wenigstens ehrlich war der Mann. Und ihm konnte geholfen werden. Wer weiß, vielleicht bekam man doch mal einen Ersten Steuermann nach eigenem Geschmack.

Im Anschluss an dieses Gespräch mit seinem Ersten, sprach Broders noch mal mit Schemmer über den Koch. Zu seinem Erstaunen schien der Chief kaum überrascht!

„Du hast es gewusst, Lothar, nicht wahr? Der Mann trinkt! Oder etwa nicht?“

„Gewusst habe ich es nicht, Hein. Nicht genau. Aber man hört ja so einiges, was ein Kapitän eben nicht unbedingt mitbekommt. Leider ist das so. Aber das weißt du ja selbst.“

Hein Broders nickte zustimmend. Es war ja so. Man erfuhr nicht alles. Desto mehr sah sich Broders in seinem Vorhaben bestätigt, den Kollektivgeist in seiner Mannschaft zu stärken. Da

Würde er noch mal mit dem Ersten drüber sprechen. Broders kam mit Schemmer überein, den Ersten bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Gegen den Koch lag ja weiter nichts vor, doch konnte es hier nur heißen, Augen auf!

Wieder allein in seiner Kammer, kam Kapitän Broders ins Grübeln. Unzufriedenheit wollte sich in ihm ausbreiten. Es lief doch längst nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Es wollte in manchen Dingen einfach nicht vorangehen. Die Unterredung mit der Parteileitung in Rostock! Er sollte doch dafür sorgen, dass auf seinem Schiff eine Parteigruppe gebildet, ein Sekretär gewählt wurde! Und mit allem saß er hier allein da. Ärger konnte das geben. Und den konnte er hier nun wirklich auch noch gebrauchen. Nur keinen Ärger mit der Parteileitung! Da konnte so ein schöner Kapitänsposten ganz schnell wieder futsch sein. Nein, diese Geschichte musst ganz schnell aus der Welt! Broders ging noch einmal zu Schemmer hinüber:

„Schick mir doch gleich mal deinen Assi und den Zweiten in meine Kammer, Lothar. Und du kommst natürlich auch mit. Okay?“

„Jetzt gleich? Mann! Was hast du den jetzt schon wieder vor?“

„Erzähl ich dir alles später, Chief. Mach hin, es ist wirklich dringend.“

In der Messe suchte Kapitän Broders nun selbst nach dem Matrosen Pätzel, fand ihn dort aber nicht. Also zum Steuermann, der sollte ihm Pätzel umgehend schicken. Es dauerte dann noch etwas, doch schließlich hatte Kapitän Broders seine Leute in seiner Kammer beisammen. Einen kurzen Vorbericht gab der Kapitän noch über seinen Auftrag ab, nahm Papier und Stift zur Hand, fragte sofort: „Also, Genossen, wer will Sekretär unserer kleinen Parteigruppe werden?“

Schweigen zunächst. Hein Broders wartete, schaute in die Runde. Einer sah den anderen an, niemand sagte etwas. Broders wartete weiter. Offenbar mochte keiner den Anfang machen. War seine Frage vielleicht zu direkt gewesen? Wer wollte schon so einen Posten freiwillig übernehmen. Aber dieses Schweigen! Neu war das auch nicht. Schon öfter hatte man das erlebt. Broders hatte genug! Er musste wieder das Wort ergreifen, sonst saß man morgen früh noch hier!

„Also, nochmals, Genossen. Ich bin deer Kapitän und scheide deshalb schon aus als Parteisekretär. Das muss jemand aus der Besatzung machen. Ich bitte um eure Vorsachläge.“ Wieder dieses Schweigen! Doch jetzt wartete der Kapitän ab. Einer musste ja mal etwas sagen. Broders zwang sich zur Geduld, wartete immer noch. Schließlich wurde es ihm doch zu bunt. Broders Miene verfinsterte sich zusehends. Unerträglich, dieses Schw1eigen! Doch da hob der Zweite Maschinist den Blick: „Ich schlage den Genossen Pätzel vor Kapitän. Der Bursche ist zwar noch jung, der Bursche, doch er hat in Diskussionen bereits überzeugt.“

Endlich ein Vorschlag! Hein Broders holte tief Luft. Ob der Meister in der Maschine diesen Vorschlag nur machte, um nicht selbst...? Egal, es war ein Vorschlag. Schauen wir doch mal, was die anderen sagten: „Gibt es weitere Vorschläge“, hakte Broders nach. Es musste schließlich alles seine Ordnung haben. Doch keine weiteren Wortmeldungen, auch keine Vorschläge. Wenigstens Schemmer hätte ihm da etwas unter die Arme greifen können, dachte Broders ärgerlich.

„Da das offenbar nicht der Fall ist, genossen, bitte ich alle um das Handzeichen. Wer für den Genossen Pätzel ist, möge die Hand erheben.“ Alle Hände gingen hoch, nur die von Pätzel nicht! Etwas irritiert schaute Kapitän Broders in die Runde, sah es dann aber ein. Der Junge konnte sich wohl schlecht selber wählen. Also war die Wahl einstimmig erfolgt. Broders notierte den Fall im Protokoll, das er selbst führte.

„Nehmen Sie die Wahl an, Genosse Pätzel“, fragte Broders sicherheitshalber nach. Auch das musste seine Ordnung haben. Auch im Bestreben, die Sachen nun endlich hinter sich zu bringen. Pätzel nun auch: „Jawohl, Genosse Kapitän, ich nehme die Wahl an.“

Etwas zu schneidig, Fand Hein Broders, doch sei´s drum. Der Würfel war gefallen. Blieb zu hoffen, dass der Bursche nicht gleich übermütig wurde in seiner neuen Funktion. Jedenfalls war die Kuh jetzt vom Eis. Erleichtert griff Kapitän Broders in seinen Spind, holte eine Flasche und Gläser hervor. Zu diesem Anlass heute schien es ihm angemessen: „Meinen Glückwunsch, Genosse Pätzel. Und darauf einen Dujardin! Sehr zum Wohle, Genossen.“

Man stieß an, Jörg Pätzel bedankte sich artig für das ihm entgegengebrachte Vertrauen – und lächelte! Hein Broders sah es, und es wollte ihm nicht gefallen! Warum grinste der Bursche nur so impertinent? Der Kapitän schenkte noch einmal nach, doch dann war die Party beendet. Man musste ja nichtgleich übertreiben.

Die „Spika“ hatte ihre Reise erfolgreich fortgesetzt und hatte wieder im Rostocker Stadthafen festgemacht. Mit großer Spannung hatte Kapitän Broders schon auf der Heimreise den Heimathafen entgegengefiebert. Gespannt wie ein Flitzbogen. Wem würden sie ihm schicken als Ersten Offizier? Dem alten war es nicht schlecht ergangen auf der „Spika“, doch der richtige war er eben nicht. Schon schwierig, einen guten Steuermann zu bekommen. Der war schließlich immer so etwas wie die Seele des Schiffes.

Festgemacht in Rostock, war es doch fast Abend geworden. Die Zöllner hatten sich mal wieder reichlich Zeit gelassen. Eine Angst war das immer. Hatten sie etwas gefunden? Heute zum Glück wieder nicht. Da der Erste jetzt sowieso gehen wollte, drückte Hein Broders ihm noch den Hafentörn aufs Auge. Zur Strafe. In die Levante! Als ob die „Spika“ gar nichts wäre. Am nächsten Morgen war Hein Broders schon früh wieder an Bord. Die Mannschaft hatte ihr Frühstück beendet. Broders wollte noch rasch sene Papiere durchsehen, sich selbst auf den neuesten Stand bringen. Und natürlich auf den neuen Steuermann warten. Der allerdings ließ wirklich noch auf sich warten! Stunde um Stunde verging. Broders wurde ungeduldig. Zum Glück kam Chief Schemmer auf einen Plausch. Broders schwatze einen Augenblick mit ihm, da klopfte jemand – der neue Steuermann war da!

Die Höhe der Tür reichte nicht ganz aus, als deer Mann eintrat. Er musste sich ein wenig bücken. Broders stand rasch auf, gefolgt von Schemmer, den Neuen zu begrüßen. Nun war Hein Broders nicht der Kleinste, doch der Steuermann überragte ihn noch um einiges. Sicher über eins neunzig, schätzte Broders.

„Martin Granitz“, stellte sich de Steuermann vor.

„Ich freue mich sehr, Sie zu sehen, Kollege Granitz“, erwiderte Hein Broders aufrichtig. Denn dieser Granitz, der war ihm auf Anhieb sympathisch. Ein offenes Gesicht, ein fester Händedruck. Broder gefiel das sofort. Bei Männern mit laschem Händedruck, da war oft nur wenig dahinter. Granitz schüttelte nun auch dem Chief die Hand. Mit Erstaunen sah es Broders – die beiden kannten sich! Fragend schaute er von einem zum andern.

„Ja, es stimmt, Kapitän, wir sind uns schon mal begegnet, der Lothar und ich. Im Moment weiß ich allerdings nicht, wann und wo das war.“

„Das muss auf der „Denebola“ gewesen sein, Martin“, fiel nun Schemmer ein. Ich bin damals als Springe unterwegs gewesen.“

Martin Granitz hielt sich nicht lange beim Kapitän auf. Ich bitte um Entschuldigung, Kapitän, doch ich möchte meinen Kollegen nicht warten lassen. Wir sehen uns sicher später noch. Okay?“

Auch das gefiel Hein Broders wiederum. Machte nicht viele Worte, der Bursche. Es würde künftig noch viel Zeit geben, sich auszutauschen.

Martin Granitz ging hinüber zur Kammer des Ersten Steuermanns. Er schmunzelte. Es war ja nun auch seine Kammer, in die er ging. Die beiden Steuerleute bemühten sich nun, die Übergabe der Geschäfte des Ersten Offiziers möglichst kurz zu halten. Dennoch dauerte sowas immer seine Zeit.

„Sind eigentlich alle Leute an Bord“, fragte Granitz zwischendurch.

„Ja, sind sie wohl“ kam die Antwort. „Sitzen wohl alle in der Messe und warten aufs Essen.“

„Dann lass uns rüber gehen. Ich möchte mich gern allen Mitarbeitern vorstellen.“

Seinem Kollegen schien das nicht recht zu passen. Martin sah es ihm an. Sichere hatte der es auch eilig, von Bord zu kommen, doch er fügte sich. Höflich grüßte Granitz in der Mannschaftsmesse, sah dabei seinen Kollegen an, doch der rührte sich nicht, zeigte keinerlei Regung. So nannte Martin Granitz seinen Namen und Dienstgrad, reichte jedem der Männer die Hand, bat dabei stets um den Namen und Funktion des jeweiligen Kollegen. Als Vorletzter war Jörg Pätzel an der Reihe: „Jörg Pätzel, Vollmatrose und Parteisekretär“, kam es wie aus der Pistole geschossen mit einem eigenartigen Lächeln.

Nun auch dem letzten der Männer die Hand geschüttelt, ging Granitz auf Pätzel nicht weiter ein. Die Prozedur war beendet, alle Namen würde man sich kau so schnell merken könne. Den des Matrosen Pätzel schon. Warum der wohl den Parteisekretär so betonte? Dazu dieses merkwürdige Grinsen.

Der letzte Papierkram wurde nun in der Kammer des Ersten erledigt. Den obligatorischen Gang durch das Schiff ließ Granitz wegfallen. Nur die Rettungsboote kontrollierte man noch. Auch das musste seine Ordnung haben. Auf den Rundgang durfte verzichtet werden, weil die „Spika“ ein Schwesterschiff der Denebola und einigen andere Schiffen des Typs war.

Als nun alles erledigt war, verabschiedete sich Granitz´ Kollege zunächst von Kapitän Broders, dann von Granitz selbst. Weiteres hielt er nicht für nötig. Die Crew interessierte den Mann nicht. Martin Granitz stellt es mit Befremden fest.

Nach dem Essen lud Kapitän Broders zu einer ersten Besprechung ein. Lothar Schemmer saß bereits auf der Couch des Kapitäns, als Granitz eintrat. Broders deutete auf den Stuhl Schemmer gegenüber. Die Sitzordnung beim Kapitän schien auf allen Schiffen dieses Typs die gleiche zu sein. Granitz setzte sich.

„Also, nun mal raus mit der Sprache, Steuermann Granitz“, fiel Hein Broders gleich mit der Tür ins Haus. „Wie sieht es denn nun mit Ihnen aus, Steuermann. Wollen Sie länger bleiben oder haben Sie andere Pläne?“

Martin Granitz war die direkte Art des Kapitäns durchaus recht. Große Umschweife liebte auch er nicht: „Ich würde gern bleiben, Kapitän. Hängt aber nicht von mir allein ab. Ich habe mich auch mal in der Großen Fahrt versucht, auch mal in der Levante, doch für mich ist das nichts, wissen Sie.“

Schweigen trat für einen Moment ein. Granitz sah zu Chief, sah, dass der schmunzelte. Den Grund dafür erkannte er nicht, ahnte auch nicht, dass Hein Broders gleich sein Steckenpferd reiten würde – das Kollektiv!

Sogleich begann der Kapitän auch, seine Vorstellungen vorzutragen. Eine Stammbesatzung wollte er haben auf seinem Schiff. Ein eingespieltes Kollektiv, das allen Herausforderungen gewachsen wäre. Was jedoch derzeit noch längst nicht gegeben wäre. Alles neue Leute an Bord. Und der so eben abgemusterte Erste, na ja, der hätte keinen rechten Draht zu den Leuten gefunden. Auch die Geschichte mit dem Koch vierschwieg Broders nicht. Ein Problem, das eigentlich gar keines war, weil doch nichts beweisen sei.

Aufmerksam hatte Martin Granitz dem Kapitän zugehört. Dass der ein eingespieltes Kollektiv um sich haben möchte, war nur zu verständlich. Es war immer von Vorteil, ein gutes Team zu haben, auf zuverlässige Leute bauen zu können.

„Ich stimme Ihnen da völlig zu, Kapitän.“ Granitz sprach langsam, noch überlegend. „Zuvor müsste ich aber noch mit allen Männern einzelne Gespräche führen. Müsste wissen, welche Pläne, Absichten und private Vorstellungen jeder einzelne hat. Erst danach könnte ich etwas Genaueres sagen. Und es wird auch etwas dauern, Kapitän.“

Lothar Schemmer war sein Schmunzeln schon vergangen. Mit Staunen hatte er Granitz zugehört! Was war das denn? Da hatten sich wohl die beiden richtigen getroffen! Und Hein Broders mochte es nicht zeigen, doch wer war begeistert! Wenn dieser Kerl auch noch fachlich einschlug, da konnte es doch keinen besseren geben! Broders konnte gar nicht anders, er holte eine Flasche Martell aus dem Spind, dazu drei Gläser: „Aber nur einen, Männer. Zur Feier dieses Tages, dem noch viele folgen mögen! Also, sehr zum Wohle.“

Lothar Schemmer trank mit Genuss. Zu seinem Leidwesen gab es nur diesen einen Martell. Damit war dieses Zusammentreffen auch schon beendet. Martin Granitz richtete sich in seiner Kammer ein. Zwar kannte er das Schiff, doch mit seinen Papieren musste er sich trotzdem beschäftigen. Die waren eben nicht immer gleich.

Derweil hatte Hein Broders völlig vergessen, seinen Steuermann nach dessen persönlichen Status zu fragen. War der Mann verheiratet? Hatte er Familie? Einen Ring an dessen Hand hatte er nicht gesehen, doch das musste noch nichts bedeuten. Man würde es aber sicher in den nächsten Tagen noch alles erfahren. Gelegenheiten für vertrauliche Gespräche würde es noch geben. Kapitän Broders war sehr zufrieden. Ein guter Tag war es heute noch geworden. Dieser Steuermann! Schon auf der ersten Reise mit ihm, aber auch in den folgenden, sollte sich erweisen, welchen Glücksgriff er mit dem Mann gemacht hatte. Da war sich Hein Broders jetzt schon sicher. Er kam gar nicht mehr heraus aus seiner Begeisterung! Dieser Granitz war nicht nur ein ausgezeichneter Nautiker! Auch mit den Männern an Bord arbeitete er auf eine Art und Weise, um die ihn Hein Broders fast beneidete. Die Leute schienen gern mit ihm zu arbeiten, schätzten ihn offenbar.

Wie versprochen, führte Martin Granitz die Gespräche mit den Männern an Bord. Kapitän Broders sah es mit Freude. Doch warum nicht mit dem Koch? Broders wusste zwar nicht, warum, doch Granitz würde seine Gründe haben. Der wusste, was er tat.

In der Mannschaft war eine Veränderung vor sich gegangen. Broders spürte es, war sich jedoch nicht sicher, woran es lag oder was es überhaupt war. Wieder einmal wurde ihm bewusst, dass ein Kapitän nicht immer über alles informiert war, was bei den Leuten an Bord stattfand. Nur eines vermutete Broders. Es konnte nur mit dem neuen Steuermann zusammenhängen. Bahnte sich da etwas an? Vielleicht die ersten Schritte zu einem Kollektiv? Wie auch immer, diesen Granitz, den würde er nicht von Bord lassen, schwor sich Hein Broders. Aus seiner eigenen Zeit als Steuermann wusste er genau, dass Leute wie Granitz gern selbstständig arbeiteten. Da würde er ihm so lange es irgend ging, nicht hineinreden. Es lief ja auch ausnehmend gut während der letzten Zeit. Die „Spika“, obwohl nicht die schnellste, machte gute und vor allem auch schnelle Reisen. Wobei es auf die Geschwindigkeit gar nicht ankam. Die „Spika“ erreichte nur zehn Knoten Marschfahrt.

Wie erwartet, hatte Granitz alles im Griff. Da machte sich Hein Broders keine Sorgen. Nur diese Geschichte mit dem Koch. Was mochte Granitz da nur vorhaben? Oder hatte er vielleicht gar nichts vor? Noch immer war die Sache in der Schwebe. Noch immer nichts. Konnte auch alles nur blinder Alarm gewesen sein. Wie es momentan aussah, trank der Koch auch nicht. Unter Umständen damals nur ein Ausrutscher.

Martin Granitz seinerseits hatte immer ein Auge auf den Koch gehabt. Auch, wenn es nicht jedem an Bord aufgefallen war. Aufgefallen jedoch war ihm, dass deer Koch und der Matrose Pätzel nicht so miteinander zurechtkamen, wie man es unter Kollegen erwarten durfte. Rein zufällig hatte Granitz im Vorübergehen Gesprächsfetzen der beiden Männer aufgeschnappt. Dinge, die nichts Gutes verhießen! Heftige Dispute schienen die beiden da auszufechten. Da schien Achtung geboten. Zank und Streit innerhalb der Besatzung? Dem musste der Nährboden entzogen werden.

Martin Granitz hatte sich nach dem Essen in seine Kammer begeben. Seine Kammer lag gleich hinter der Kombüse, nur eine dünne Wand trennte die beiden Räume. So dünn, dass man durchaus verstehen konnte was da gesprochen wurde, bei einer gewissen Lautstärke. Immer vorausgesetzt, der Hafenlärm übertönte nicht alles. Heute aber war es still. Granitz lauschte unwillkürlich – da waren doch Stimmen! Nebenan in der Kombüse. Tatsächlich! Der Koch und Pätzel. Die lagen sich da in den Haaren und zwar laut! Richtig laut! Granitz stand auf, die Streithähne zu beruhigen. Dieser Krach ging dann doch zu weit!

Als Granitz draußen auf dem Gang war, wurden die beiden noch lauter. Das waren doch keine Dispute mehr, das waren Beschimpfungen und Beleidigungen!

„Du bist ein Reaktionär, Mensch“, hörte Granitz. Vielleicht so gar ein Feind unseres Arbeiter - und Bauernstaates, du Ratte!“ Noch8 hatte Granitz die Ecke des Ganges nicht erreicht, da ging es schon weiter: „Eine richtige Dummsau bist du“, erwiderte nun der Koch. „Eine rote Socke mit Spatzengehirn. Dich werden vor lauter Dämlichkeit noch mal die Schweine beißen, du nasser Sack.“

Inzwischen hatte sich Martin Granitz an die Kombüse herangeschlichen. Vor seiner Spüle stehend, beschäftigte sich der Koch mit seinem Geschirr. In der Mannschaftsmesse stand Pätzel und steckte seinen Kopf durch die Durchreiche zur Kombüse. Er zuckte zurück, als er den Steuermann bemerkte. Granitz zwang sich, ruhig zu bleiben: „Es ist doch Arbeitszeit, nicht wahr, Genosse Pätzel? Sie beenden jetzt unverzüglich dieses Geschrei! Ist das klar? Granitz sah auf seine Armbanduhr. Der Koch hatte seine Arbeit nur ganz kurz unterbrochen, als Granitz auftauchte, arbeitete nun weiter. Pätzel hingegen schien längst nicht zufrieden, muckte auf: „Also Steuermann, Sie können doch nicht...“

„Doch, Genosse Pätzel, ich kann“ fiel Granitz dem Matrosen ins Wort. „Ich kann wirklich! Sie gehen jetzt unverzüglich an Ihre Arbeit. Sofort!“ Mit eisigem Blick sah Granitz den Matrosen an. Widerspruch! Das fehlte gerade noch! Pätzel wollte wohl doch noch etwas sagen. ließ es aber dann. Nur einen bösen Blick schoss er noch zu Granitz hinüber, trollte sich dann. Granitz wandte sich nun dem Koch zu, doch der kam ihm zuvor: „Haben Sie das eben gehört, Steuermann? Der Kerl ist das reine Gift. Giftiger als eine Seeblase, sage ich Ihnen.“ Eine Seeblase sollte der Pätzel also sein. Granitz war erstaunt. Eine Seeblase – was war das den eigentlich für ein Ding? Im Augenblick konnte er damit nichts anfangen.

„Jetzt sagen Sie mir doch mal, worum geht es eigentlich bei diesen Streitereien mit Pätzel?

„Politisch, Steuermann, alles nur politisch. Der Kerl, der bildet sich sonst was ein auf seien Parteisekretär, sage ich Ihnen. Jeden will er bevormunden, allen seine Ansichten aufzwingen. Nicht auszuhalten ist es mit dem Kerl.“

Granitz wurde bewusst, dass hier ein Konfliktpotential vorlag. Damit musste jetzt aber Schluss sein. Die Sache musste umgehend entschärft werden.

„Sie lassen sich ab sofort auf keinerlei Diskussionen mit Pätzel ein! Ist das jetzt klar? Künftig auch keinerlei Beschimpfungen und Beleidigungen mehr!“

Von der Schärfe im Ton des Steuermanns betroffen, schwieg der Koch, nickte nur zum Zeichen des Einverständnisses. Granitz wandte sich ab. Diese Geschichte wollte ihm ganz und gar nicht gefallen. Politisch motivierte Streitereien! Sowas ging nur selten gut aus. Da müsste man mit Broders drüber sprechen. Der dürfte kaum erbaut sein.

Tatsächlich war Hein Broders schockier, als Granitz ihm berichtete. Da hatte man sich8 schon so große Hoffnungen auf ein Kollektiv gemacht, und nun das! Granitz sah dem Kapitän an, wie sehr ich die Sache gegen den Strich ging. Irrte er oder wollte Broders nichts unternehmen? Da sagte Broders auch schon: „Ich glaube, Steuermann, das ist eher Ihre Sache. Sie regeln das. Gehört ja auch zu Ihren Aufgaben, nicht wahr?“

Seinen Aufgabenbereich kannte er selbst, dachte Martin Granitz ärgerlich. Hier aber lagen die Dinge doch wohl anders.

„Allgemein betrachtet, haben Sie Recht, Kapitän. In diesem Fall wohl eher nicht, fürchte ich. Denn Pätzels dauerndes Vorpreschen gefährdet nach meiner Ansicht das Zusammenhalten des Kollektivs.“

Mit voller Absicht hatte Granitz das Kollektiv ins Spiel gebracht. Wohl wissend, dass Kapitän Broders darauf reagieren würde. Was auch prompt eintrat: „So ernst nehmen Sie die Sache also, Granitz?“, fragte Broders erschrocken.

„Ja, sehen Sie, Kapitän, Agitation und Propaganda sind ja schön und gut, aber doch nicht mit dem Holzhammer! Nicht mit Drohungen und Beleidigungen. Ich bitte Sie, wo soll das denn hinführen.“

„Mann, Granitz! Das hört sich ja schlimm an!“

„Ich denke, das ist es auch, Kapitän. Deshalb sollten Sie das mit Pätzel besprechen und nicht ich. Sie wissen, immerhin ist der Mann Parteisekretär.“

Kapitän Broders ließ sich überzeugen. So schlimm hatte er es sich nicht vorgestellt, doch Beleidigungen, Drohungen sogar, wo gabs den sowas!

„Gut, Granitz, Sie haben da wohl recht. Ich werde mit Pätzel sprechen. Liegt sonst noch was an?“

„Nein, Sir. Das war es schon“, war Granitz ehrlich froh, diese blöde Geschichte doch noch losgeworden zu sein. Einfach widerlich, solche Politsachen. Etwas Gutes kam nie dabei heraus. Oft kam jemand dadurch zu Schaden. Hoffentlich hatte Broders Erfolg.

Tatsächlich blieb es in der Folge ruhiger. Da hatte Broders dem Pätzel wohl gehörig den Kopf gewaschen. War schon recht kleinlaut geworden, der Genosse Parteisekretär. Alles lief wieder in geordneten Bahnen. So schien es jedenfalls. Nur etwas war Martin Granitz nach einigen Wochen doch aufgefallen. Kapitän Broders machte plötzlich so einen merkwürdigen Eindruck. Granitz machte sich Sorgen. Sollte er den Kapitän fragen? Wohl eher nicht. Broders mochte es nicht, über sich selbst zu sprechen. Sprach nur ungern über persönliche Angelegenheiten. Dennoch, irgendetwas schien nicht zu stimmen. Mitunter sah es so aus, als unterdrückte Broders Schmerzen! Was hatte der Mann nur? Schließlich fasste sich Granitz doch ein Herz: „Ich glaube, es geht Ihnen nich besonders gut in letzter Zeit, Kapitän. Haben Sie Schmerzen?“

„Was denn, Sie...“ fuhr Broder prompt auf, brach aber sofort ab, erkannte, dass seine Reaktion nicht angemessen war: „Ach Gott, Granitz, tut mir leid. Entschuldigen Sie schon. Sie können es ja nicht wissen. Es sind die Hämorrhoiden, die mich seit längerem plagen. Dann auch noch dieses Ziehen im linken Arm. Scheußlich, sage ich Ihnen.“

Besorgt sah Martin Granitz den Kapitän an. Von diesem Ziehen im linken Arm wusste er. Hatte es auch von anderen Kollegen schon gehört. Auch auf der Seefahrtsschule hatte man darüber gesprochen.

„Sie wissen, was das bedeutet, Kapitän? Ich meine, das Ziehen im Arm?“

Broders nickte. Längst hatte er sich kundig gemacht. Literatur gab es ja auch an Bord. Auch medizinische. Außerdem hatte man früher schon mal etwas gelernt über solche Dinge.

„Ich fürchte, Granitz, ich muss demnächst wohl mal eine Auszeit nehmen. Die Hämorrhoiden müssen operiert werden.“

„Das mit den Hämorrhoiden ist wohl das kleinere Übel, Kapitän. Aber das Herz, der Aorten Schmerz. Sicher der Stress. Da sollten Sie dringend etwas dagegen tun.“

Broders nickte, bekümmert, wie es schien. Er wusste es wohl, dass er um eine längere Pause kaum noch herumkommen würde: „Da werde ich die Sache umgehend in Angriff nehmen, Granitz. Sie werden wohl eine ganze Weile auf mich verzichten müssen.“

Die nächste Reise der „Spika“ ging nach Stettin. Dort sollte eine Ladung Koks übernommen und nach Stralsund verschifft werden. Wobei Koks nun wirklich nicht zur angenehmsten Ladung zählte. Das ganze Schiff wurde dabei mit Dreck und Staub förmlich überflutet. Da hieß es hinterher Farbe waschen bis in die Toppen. Nach dem Löschen der staubigen Fracht das Ganze noch mal. Doch man konnte es sich eben nicht aussuchen.

Die Reise wollte Hein Broders noch mitmachen, dann hieß es Abschied nehmen von der „Spika“ und auf die Vertretung warten. Und für Kapitän Broders war diese Reise viel zu schnell vorüber. Es war ja auch nur ein Katzensprung von Stettin nach Stralsund. Seine Vertretung war Broders bereits per Funk zugesagt worden. Wer ihn vertreten sollte, blieb zunächst unbekannt.

Am späten Abend war die „Spika“ in Stralsund eingelaufen. Damit warf mir der Ankunft des neuen Kapitäns nicht mehr zu rechnen. Am nächsten Vormittag begrüßte ihn Kapitän Broders dann an Bord.

Zu acht Uhr hatte Martin Granitz die Luken öffnen lassen, da hatten die Löscharbeiten noch nicht begonnen. Die Sache schien sich zu verzögern. Zu oft war das so. Immer in der Heimat. Wieder waren es die Waggons, die fehlten.

Die beiden Kapitäne hatten noch nicht Platz genommen, als Granitz eintrat. Rasch trat er hinzu, streckte dem neuen Kapitän die Hand hin, nannte seinen Namen. Händeschütteln, doch Granitz zuckte fast zurück – Kapitän Schülle hatte eine Fahne! Großer Gott, und das am hellen Vormittag! Etwas schief lächelnd, behielt sich Granitz im Griff. Nur jetzt nichts Falsches sagen! „Sie entschuldigen mich bitte, ich muss an Deck, die Löscharbeiten beginnen.“ Granitz wusste, die würde noch nicht beginnen, doch erst mal raus hier! Nach draußen an Deck. Mein Gott, diese Fahne! Ob Broders das auch gerochen hatte? Das konnte ja heiter werden auf der Reise. Vielleicht war es aber auch nur der Restalkohol von de2r letzten Party, beruhigte sich Granitz selbst. Gleich wieder Zweifel – Restalkohol? Bei der Fahne? Kaum anzunehmen. War Schülle vielleicht Trinker? Abwarten und Tee trinken. Man war schließlich gewarnt. Soß selten war das nämlich gar nicht, dass Kapitäne dem Alkohol verfielen. Die Versuchung war groß. In jedem Hafen wurde im Ausland getrunken. Für heute schien allerdings Entwarnung angesagt. Beim Mittagessen war alles okay.

Nach dem Essen machten sich die beiden Kapitäne an die Übergabe ihrer Geschäfte. Um die zwei Stunden würden sie brachen, vermutete Granitz. Ob Alkohol im Spiel war? Granitz mochte es nicht glauben. Nein, Broders war nicht der Typ dafür. Die Übergabe war erledigt. Hein Broders ließ sich von seiner Frau mit dem Wartburg abholen. Das nützte Schülle sofort: „Sie bleiben ja an Bord, Steuermann. Ich bin morgen dann früh wieder da.“

Erst jetzt fiel Martin Granitz auf, dass Schülle Sachse war. Zuvor war ihm das entgangen. Viel war ja auch nicht gesprochen worden. Mit Schülle jedenfalls nicht. Es war eher selten, dass Kapitäne aus Sachsen kamen. Bisher hatte er noch keinen angetroffen. Doch schließlich war es egal, aus welcher Gegend jemand kam.

Granitz hatte plötzlich das unangenehme Gefühl, etwas vergessen zu haben. Es wollte ihm partout nicht einfallen – was war das nur? Hing es mit der Abreise der beiden Kapitäne zusammen? Da lief ihm Pätzel über den Weg, und das war es wieder – die Seeblase! Da wollte er doch nachschauen, was für ein giftiges Ding das eigentlich war, diese Seeblase. In der Kammer das Lexikon aufgeschlagen: Se... See... Seeblase da war es doch! Die portugiesische Galeere. Eine weltweit verbreitete Qualle. Oft in riesigen Schwärmen auftretend und ganz besonders giftig! Hin und her wiegte Granitz seinen Kopf. In riesigen Schwärmen. Das fehlte gerade noch. Von derartigen Blasen war schon eine zu viel. Die hatte er also gemeint, der Koch. Wo der das nur her hatte? Wie der zu, das Lexikon. Es galt, Wichtigeres zu tun. Die kommende Reise wollte vorbereitet sein. Immer ein besonderer Stress. Da lief kaum etwas so, wie es sollte. Das einzige, was klappte, waren die Türen, hieß es da im Kollegenkreis.

Nach Turku sollte die Reise gehen. So viel hatte Kapitän Broders noch über Telefon erfahren können. Mit einer Ladung Soda. Dann von Turku hoch nach Mäntyluoto, Schnittholz laden für Scarborough übernehmen. Eigentlich eine schöne Reise eigentlich. Allemal besser als Koks. Außerdem sollte dieses Scarborough ein ganz mondäner Badeort an der englischen Ostküste sein. Da durfte man gespannt sein, was es dort zu sehen und zu erleben gab.

Ernst Schülle war am nächsten Morgen pünktlich an Bord. Martin Granitz vermied es tunlichst, dem Mann zu nahe zu kommen. Dennoch nahm er sich vor, den Kapitän ein wenig im Auge zu haben unterwegs und auch im Hafen.

Die Ladung Koks war bald gelöscht. Umfangreich Reinigungsarbeite wurde wieder nötig. Das Deck, die Aufbauten und die Masten bis in dieToppen, alles musste gewaschen werden. Bis in die Kammern war der Staub gedrungen. Man schleppte es sich auch teilweise selbst an den Füßen von Deck herein. Auch die Matrosen atmeten auf, als das schließlich geschafft, die „Spika“ wieder in altem Glanz erstrahlte.

Die Übernahme des Sodas begann. Granitz hatte keine Zeit und Muße mehr, sich um Kapitän Schülle zu kümmern. Alles ballte sich zusammen. Die Ladung beaufsichtigen, auch die Besatzungslisten mussten geschrieben werden, in sechsfache Ausfertigung! Da musste man schon gehörig auf die Tasten de Schreibmaschine klopfen, damit der letzte Durchschlag auch noch lesbar blieb. Doch dann war auch diese Hafenstress mal vorüber. Da war man ehrlich froh, wieder in See gehen zu können. Die letzte Hürde war aber noch zu nehmen – der Zoll und die Grenzer. Mann, Mann, die schnüffelten immer herum, dass es so seine Art hatte.

Dann endlich auf See. Tiefes Durchatmen. Nach einigen Stunden fiel alles von einem ab, was es an Aufregung und Stress im Hafen gegeben hatte. Granitz vermied es auch jetzt, Kapitän Schülle zu nahe zu kommen. Was leichter gedacht, als getan war. Zumindest beim Wachwechsel auf See ließ es sich kaum vermeiden. So auch heute. Und wieder roch Schülle nach Alkohol! Immerhin, betrunken schien e nicht zu sen. Doch getrunken hatte er auf jeden Fall. Granitz schmunzelte. Sei dem, wie ihm wolle, pflegte Hein Broders zu sagen. So lange Schülle seine Wache ging, war alles in Ordnung.

Im Hafen von Turku festgemacht, stellte Martin Granitz mit Entsetzen fest, er hatte sich geirrt! Geirrt, was den Alkoholkonsum des Kapitäns betraf. Viele Leute kamen in den Häfen stets an Bord. Zöllner, Grenzbeamte, Lotsen und Makler. Die selbstverständlich auch bewirtet wurden. Wobei diese Leute kaum auf gutes Essen aus waren, dass es an Bord gab. Denen ging es eher um Getränke. Um geistige natürlich. Tüchtig gebechert wurde da.

Ein Kapitän musste schon einiges an Stehvermögen aufbieten. Zumal ein Schiff in diesem Fahrtbereich jede Woche einen anderen Hafen ansteuerte. Und wie die Sache hier und heute aussah, hatte Kapitän Schülle dieses Stehvermögen ganz und gar nicht mehr! Was sich in der nächsten Zeit erweisen sollte. Sehr zum Unmut des Steuermanns Martin Granitz.

Gleich nach dem Einlaufe in Turku war es in der Kammer des Kapitäns hoch hergegangen. Kaum an der Pier festgemacht, ließen sich schon die Zöllner viel Zeit mit dem Versiegeln des Transitschrankes. Auch deer Lotse und der Vertreter der Maklerei waren noch lange an Bord geblieben. Noch spät am Abend hatte Granitz noch für Nachschub an Alkoholika sorgen müssen.

Am Morgen war Martin Granitz schon früh auf den Beinen, denn die Löscharbeiten sollten beginnen. An dem Gelage beim Kapitän hatte er nicht teilgenommen, hatte es auch bei Hein Broders nicht getan. Auch, wenn dort nicht so viel getrunken wurde.

Von Kapitän Schülle war den ganzen Vormittag nichts zu sehen. Seinen Rausch würde der rausschlafen, vermutete Granitz nicht zu Unrecht. Gegen halb zwölf legten die Stauer eine Pause ein. Das nutzte der Steuermann, um selbst zu Mittag zu essen. Lange wollte er sich nicht aufhalten. Die Arbeite würde alsbald fortgesetzt werden. Eben seinen letzten Bissen auf der Gabel, kam Kapitän Schülle aus seiner Kammer. Granitz saß so auf seinem angestammten Platz an der Back, dass er den Gang den Schülle nun kommen musste, genau übersehen konnte. Doch der ging nicht etwa, er wankte! Schwankte den Gang entlang, stützte sich an beiden Seiten des schmalen Ganges ab. Doch wie sah der Mann aus! Wirr, das Haar, ähnelte er einem Klaviervirtuosen! Verquollen, das Gesicht, die Augen rot wie bei einem Kaninchen. An der Back angekommen, wollte sich Schülle setzen, wäre aber fast gestürzt! So eben konnte er sich noch an der Kante der Back festklammern. Es gelang ihm sich niede2zulassn auf seinem Stuhl. Der Backschafter brachte sein Essen. Nur aus Höflichkeit blieb Martini Granitz noch sitzen. Er sah, Schülle schien etwas nicht zu passen. Er murmelte etwas vor sich hin, doch Granitz verstand ihn nicht, wollte schon aufstehen. Da schob Schülle plötzlich seinen Teller mit dem herrlichen Currygulasch von sich. Wieder murmelte er etwas. Granitz lausche – hatte er richtig verstanden? Was sabbelte der Alte da? Ein Korb Fisch? Sicher eine Anspielung. War Granitz doch früher bei der Hochseefischei gewesen. Doch was hatte das hier und heute mit dem Essen zu tun?

Gegessen hatte Schülle kaum etwas. Hatte offenbar keinen Appetit. Mit seinem Stuhl wippte er. Vor und zurück. Fast wäre es plötzlich schief gegangen, doch Schülle wippte weiter. Mit beiden Händen drückte er sich von der Backkante ab – und dieses Mal ging es wirklich schief! Ganz nach hinten kippte Schülles Stuhl, doch Granitz hatte es kommen sehen, griff geistesgegenwärtig zu und hatte Schülle am Schlafittchen, zog ihn zurück.

Der Kapitän schien nun völlig am Ende seiner Kräfte zu sein. Sein Kopf sank ihm vornüber. Fast wäre er mit dem Gesicht in sein Essen gefallen. Den Teller konnte Martin Granitz gerade noch wegziehen. Schülle landete mit dem Gesicht auf der Back.

Besorgt schaute Granitz auf den Kapitän. Der Mann konnte doch jeden Augenblick vom Stuhl fallen! Könnte stürzen, sich die Knochen brechen! Nein, so ging das hier nicht weiter. Der Kapitän musste umgehend in seine Kammer verfrachtet werden. Genug Aufsehens hatte es ohnehin bereits gegeben. Die Zwischenwand, eine Ziehharmonikawand, stand immer offen. Die ganze Mannschaft hatte das Geschehen hier verfolgen können – eine unglaubliche Blamage! Martin Granitz schämte sich für seinen Kapitän. Trotzdem packte er nun den völlig willenlosen Mann, nahm dessen Arm, legte ihn um seinen Nacken, packte Schülle um die Hüfte und trug ihn den Gang entlang in Kapitänskammer. Abgelegt auf seiner Couch, schnarchte Schülle und schlief.

Wieder an Deck, fragte sich Granitz, was Schülle da wohl von einem Korb und Fisch gefaselt hatte. Woher konnte er überhaupt davon wissen? Hatte er zuvor in den Kaderakten geschnüffelt? Und wenn schon. Da gab es nichts zu sehen. Nichts Nachteiliges Jedenfalls. Doch was für ein Bild hatte dieser Mann vor der versammelten Mannschaft abgegeben! In deer Mittagszeit, da alle in der Messe versammelt saßen.

Turku lag nun bereits achteraus. Die „Spika“ war in Ballast von Turku nach Mäntyluoto versegelt. Eine Ladung Schnittholz war zu übernehmen. Was Tage dauern würde. Brett für Brett musste im Laderaum verstaut werden. Gut für die Männer und ihren Landgang. Nach drei Tagen war es dann aber geschafft. Die Decksladung ließ Martin Granitz mit Drahtstropps sichern. Noch war zwar Sommer, doch sicher ist sicher. Niemand konnte wissen., wie sich das Wetter unterwegs entwickeln würde. Bis Scarborough konnte sich das manches ändern.

Die Fahrt durch die Ostsee bis Kiel-Holtenau verlief völlig problemlos. Auf See war Kapitän Schülle seine Wache wieder gegangen. Doch gut schaute er nicht aus, der Mann. Das Gesicht abgezehrt, rot, die Augen, fast gelb, der Teint. Nein, gesund sah Kapitän Schülle wirklich nicht aus. Die Leber, vermutete Granitz.

Das Wetter hatte sich bisher gehalten. Bei der Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal konnte ohnehin nichts passieren. Wie das Wetter, hatte sich auch Kapitän Schülle gehalten. Über das Geschehen in der Messe in Mäntyluoto und den Zusammenbruch Schülles sprach niemand mehr. Auch Granitz sprach nicht darüber. Es würde auch kaum Sinn machen, denn Schülle würde sich an nichts erinnern können. Den ganzen Tag war der Mann aus dem Suff nicht herausgekommen. Auch jetzt, nach fast vier Tagen, roch der Mensch wieder nach Alkohol beim Wachwechsel. Wahrscheinlich ging es bei Schülle schon gar nicht mehr ohne Alkohol. Zum Glück war er draußen auf See nie betrunken. Es hätte in eine Katastrophe führen können.

Für die Nordsee und die Deutsche Bucht hatte Norddeich Radio Wind der Stärke sieben angesagt. In Anbetracht der Decksladung hatte Granitz Schüller vorgeschlagen, dieses Tief in Cuxhaven abzuwarten, doch Kapitän Schülle hatte abgelehnt, hatte davon nichts wissen wollen. Und Granitz war sauer – abgelehnt! Durchlaufen wollte der Mann! Trotz Decksladung. Was viel zu riskant war und deshalb kaum zu verantworten.

Nach Verlassen der Schleuse Brunsbüttel briste es dann auch schon heftig auf! Stärke sieben schon jetzt auf der Elbe. Was man im Kanal gar nicht so empfunden hatte. Das konnte heiter werden draußen in der Nordsee! Der Ärger wollte bei Granitz gar nicht weichen – was für eine Unvernunft, das hineinzulaufen! Spürte Kapitän Schülle den Ärger des Steuermanns? Immer wieder trafen sich die Blicke. Granitz sagte nichts, sprach kurz mit dem Elblotsen. Auch der hatte seine Zweifel. Wahrscheinlich würde der Wind noch weiter zunehmen. Hatte Schülle etwas gehört? Der Kapitän schien nun doch unsicher zu werden. Er wandte sich plötzlich doch zum Lotsen: „Ich denke, wie machen doch lieber in Cuxhaven fest. Was meinen Sie?“

Endlich! Martin Granitz war erleichtert. Das hatte gedauert. Manch einer braucht wohl Zeit. Um zur Vernunft zu kommen.

---ENDE DER LESEPROBE---