Der Traum des Albert L. - Harri Anholt - E-Book

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Beschreibung

Hoch ging die See! Kaum noch möglich, sich an Deck auf den Beinen zu halten - da, ein dumpfer Schlag! Der Logger erbebte bis auf seine Grundfesten, Ein gewaltiger Brecher fiel her über das Schiff! Albert wurde mitgerissen, erstickte fast unter dem Wasserberg! Wurde gegen die Winsch geschleudert - hatte er sich das Rückgrat gebrochen? Diese Schmerzen!

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Harri Anholt

Der Traum des Albert L.

Der Weg ins Leben

Die große Liebe gefunden, war nun schon alles wieder vorbei?

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Der Traum des Albert L.

Der Weg ins Leben

Seine Kindheit hatte Albert Lichterhand auf dem Lande verbracht. Geboren im Oktober 1937. Bruder Karl im Januar 1936, Schwester Karola im April 1940. So ganz besonders groß war die Geschwisterliebe damals nicht. Doch wenn es gegen dritte ging, da hielt man eisern zusammen. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Eltern Landarbeiter auf einem der vielen landwirtschaftlichen Güter in Vorpommern, gehörten damit zu den Ärmsten des Proletariats. Mal lebte als eher schlecht als recht, und Blumentöpfe waren auch nicht zu gewinnen. Immerhin, man hatte zu essen und zu trinken. Trotzdem war der Vater auf die „Braune Suppe“, wie er die Nazis nannte, nicht besonders zu sprechen. Rangeleien und körperliche Auseinandersetzungen hatte es auch gegeben. Auch die Mutter mochte von den Nazis nichts wissen, weigerte sich konstant, dem BDM, dem Bund Deutscher Mädchen, beizutreten. Als der Braunauer dann den Krieg anzettelte war Albert gerade mal zwei Jahre alt, Schwester Karola noch gar nicht geboren. Die kam erst 1940. Dann kam es wie es hatte kommen müssen. Die Nazis hatten nichts vergessen, der Vater wurde eingezogen, musste in den Krieg! Und zwar als einer der ersten überhaupt. Rachsüchtig waren sie, die Nazis. Hatte die Mutter gesagt. Nun stünde sie da mit den beiden Jungs, ein weiteres Kind unterwegs. Ein Glück, dass Karl schon aus dem Gröbsten heraus war. Weil er ja auch fast zwei Jahre älter war als Albert. Eine schwere Zeit für die Mutter. Da war es schon ein Glück, dass die Oma da war. Die sorgte für alle, währen die Mutter immer noch auf dem Acker arbeitete. Der Vater kam nur noch sehr selten nach Hause. Schuld wären die Nazis, sagte die Mutter immer wieder. An die Ostfront hatten sie ihn geschickt, nach diesem Stalingrad. Trotz allem, den Kindern ging es so schlecht nicht. Von diesem Krieg spürte man hier in diesem kleinen Ort kaum etwas. Nur an das Bombardement auf Peenemünde erinnerte sich Albert später noch genau. An die „Tannenbäume“ am Himmel! An die hellen Scheinwerfer, die wie lange Finger in den Nachthimmel stachen. Auch daran, wie ein Flugzeug brennend in die Tiefe stürzte, getroffen vom Feuer der Flak. Nachts mussten plötzlich auch die Fenster verdunkelt werden. Damit dem Feind kein Lichtschein geboten wurde, das Haus zu bombardieren! Deshalb schlich dieser Gendarm durch das Dorf. Um zu kontrollieren, ob auch wirklich kein Licht nach außen drang. Aber vor allem wohl, um zu lauschen, ob nicht jemand Radio London hörte! Das sei nämlich streng verboten, hatte die Mutter gesagt. Und die wusste einfach alles. Wohl auch, dass manche es trotzdem taten. Albert hatte es nämlich heimlich mitbekommen, als sich die Erwachsenen unterhielten. Die hatten ihn nämlich nicht gesehen, als er sie belauschte. Unruhig geworden waren die Frauen im Dorf. Und manche hatten auch Angst. Und das musste mit Radio London zusammenhängen. Immer wieder versuchte Albert, etwas zu erlauschen, doch die Frauen flüsterten nur noch. Und dann war der Krieg ganz plötzlich vorbei! Verloren hatten die Deutschen ihn, hieß es, doch jetzt würden die Russen kommen! Die Russen kommen, Angst breitete sich aus. Auch die Mutter hatte Angst. Albert und Karl aber nicht. Wenn nur diese Göre nicht so schreien würde! Karola war zwar geboren worden, doch Karl und Albert waren nicht sehr begeistert von ihr. Die Frauen im Dorf hatten sich lange beraten. Männer waren ja nicht mehr da, waren alle im Krieg, der ja jetzt zu Ende war. Sollten sie bleiben? Warten, bis die Männer zurückkehrten? Schon lange hatte man vom Vater nichts mehr gehört. Die Mutter beriet sich noch mal mit der Oma und unserer Tanta Erna, dann war es entschieden: Fliehen! Fliehen vor den anrückenden Russen! Denn schlimme Sachen wurden über die Russen erzählt. Bolschwiken sollten sie sein. Mit Messern zwischen den Zähnen. Alle sollten sie umbringen, die mal Nazis waren. Auch Kinder sollten sie nicht verschonen. Nein, da half nur eilige Flucht. Zu Verwandten in die Kreisstadt. Gar zu weit weg war es ja auch nicht. Sechs Kilometer nur. Und es war ja schon Mai. Nur das Nötigste wurde eingepackt, und los ging der Marsch. Man würde ja bald wieder zurück sein. Wirklich schade. Hoffentlich würde das gutgehen, hier alles stehen und liegen zu lassen, murrte die Oma. Wenn nur der Vater bald heimkäme, klagte die Mutter. Auf unbefestigten Landwegen ging es nun in die Stadt. Zuerst durch das nächstgelegene Gut ohne weiteten Aufenthalt. Die Mutter drängte, vorwärts, Kinder! Nicht trödeln, Jungs. Karola quengelte immer wieder, wollte plötzlich nicht mehr laufen. Da half nichts, Mutter, Oma und Tante wechselten sich ab, den Schreihals zu tragen. Die spinnt, behauptete Karl. Wollte bloß nicht laufen. Immer wieder verhielten alle – schauten, ob nicht doch schon Russen irgendwo in deni Büschen... Doch nein, da war niemand. Karl und Albert nutzten diese Augenblicke sofort, etwas in der Gegend herumzustöbern, doch schon ging es weiter. Zu gen hätten sie nach Fuchs und Igel oder Mardern Ausschau gehalten. Nach einiger Zeit war der nächste große Ort erreicht – Neuenkirchen. Und jetzt könnte es richtig spannend werden! Hier könnten schon Russen sein! Mit äußerster Vorsicht die erste Hausecke angesteuert, um die Ecke gelinst, Karl natürlich wieder als erster. Immer musste der sich vordrängen. Auch Alber schaute, während die anderen noch warteten – nein, keine Russen zu sehen. Soweit waren die sicher noch gar nicht gekommen. Die Frauen waren jetzt sicherer geworden. Schon gleich war Neuenkirchen durchschritten. Jetzt ging es auf die Chaussee, die direkt in die Stadt führte. Schon in Neuenkirchen war an den Wänden der Häuser etwas geschrieben worden. Auch an den Häusern der Stadt war etwas zu lesen: „Kohlenklau“, las Karl vor. Doch auch Albert konnte schon lesen. Bei den Nazis war er schon mal zur Schule gegangen, war aber zurückgestellt worden. Zu weit, der Weg von Zuhause bis Neuenkirchen damals. „Feind hört mit“, stand an manchen Mauern. Und „Wattfraß“ auch. Auf der Chaussee wurde es nun etwas belebter. Pferdefuhrwerke verließen die Stadt, andere fuhren hinein. Von Russen war auch hier weit und breit nichts zu sehen. Mehr und mehr legte sich die Angst der Frauen. Die Kinder merkten es deutlich. Auch Karola schrie jetzt nicht mehr, lief sogar wieder. Schon war nun das Steinbecker Tor erreicht. Nun die Straße hoch, dann nach links abbiegen. Die Straße wollte kein Ende nehmen! Wie weit war es denn noch? Albert taten schon die Füße weh, Karola quengelte auch wieder, wollte getragen werden. Die Oma erbarmte sich ihrer. Und dann plötzlich war die kleine Karawane am Ziel! Die Mutter klingelte, die Tür wurde geöffnet. Tante Trude, völlig überrascht, ließ alle in ihre gute Stube. Was4 für Karl und Albert auch höchste Zeit wurde. Albert hatte nämlich großen Hunger bekommen inzwischen. Und Karl doch bestimmt auch. Durch das Anhalten und Herumspähen hatte es bestimmt viel länger gedauert. Dann auch noch Karola, die nicht laufen wollte, also da musste man ja hungrig werden. Tante Trude hatte ihre Überraschung überwunden – großer Gott! Alles stehen und liegen gelassen! Und wenn nun Diebe kamen? Nein, nein, versuchte die Oma zu beruhigen. Lange würden sie alle doch gar nicht bleiben. Die Tante machte sich nun daran, etwas zu Essen zu bereiten. Fast war es nun auch schon Mittag geworden. Doch was war das? Ein dunkles Brummen war plötzlich in der Luft! Was mochte das sein? Das klang nicht gut! Hatte etwas Drohendes! Karl sprang auf, Albert folgte auf dem Fuße. Karl war schon durch die Tür geflitzt, wieder mal als erster draußen, schrie laut: „Die Russen kommen!“ Mutter und Tante stürzten ans Fenster, während Karl und Albert schon längst auf dem Fußweg waren. „Mein Gott, die Russen“, rief die Tante entsetzt. Auch die Mutter war schockiert, riss sich aber zusammen – nur jetzt keine Panik! Doch wohin jetzt? Würden sie auch ins Haus kommen, die Russen? Alber und Karl standen dicht an der Straße und schauten: Pferdefuhrwerke fuhren vorbei. In schier endloser Schlange. Panjewagen, sagte Karl. Woher wusste der denn sowas? Albert stand da – sollte er es wagen? Ein Stück mit fahren auf so einem Panjewagen? Schnell fuhren die ja nicht, diese kleinen Wagen, also hinauf mit einem Satz, geschafft! Deer Russe schaute, schien überrascht. Grinste der etwa? Aber lange konnte er hier oben nicht sitzenbleiben. Da schubste ihn auch schon der Russe an: „Dawai!“! Noch ein sanfter Schubs, Albert sprang ab. Gar kein Problem. Schon lief er wieder zurück zu Karl. Die Panjewagen waren inzwischen alle vorüber. Der Russe hatte ihm doch gar nichts getan! Ob die überhaupt so schlimm waren? Die hatten doch sicher auch selber Kinder! Ganz bestimmt. Jetzt kam eine lange Schlange LKW. Langsam fuhren sie. Nur Schritttempo. Da konnte man ganz bequem mitlaufen. Und dann plötzlich Geschütze! Kanonen mit langen Rohren – da. Jetzt auch noch Panzer! Ob das die Wolgaster Straße aushielt? Ganz deutlich, die Spuren von den Ketten der Panzer. Aus Richtung Berlin mussten die alle kommen, fuhren weiter nach Westen. Albert passte da nun gar nicht, doch die Mutter rief: Sofort hereinkommen, Jungs!“ Da half nichts. Wenn die Mutter so rief, gab es keine Widerrede. Dafür waren aber ab sofort die Fenster der Tante Trude belegt. Mann! Dieser Treck wollte fast kein Ende nehmen! So viele Russen. Doch dann war die Parade doch vorbei, alles beruhigte sich. Es wurde wieder mal beraten. Uninteressant. Wo Karl bloß wieder war? Um die Unterbringung sollte es nun gehen. Das sei ganz wichtig, behauptete die Mutter. Also gut, da hörte man schließlich doch zu. In dem großen Nebenhaus, da kannte dien Oma jemanden. Ganz oben unter dem Dach wäre noch Platz für Oma und Tante Erna. Wir drei mit der Mutter würden bei Tante Trude bleiben, würden hier auf den Vater warten. Für Albert und Karl brachen nun abenteuerliche Tage an! Zuerst wurde nächste Nähe erkundet. Hinter dem Haus die schon halb verfallenen Gebäude. Morsch, die Bretter auf dem Boden! Die Mutter verbot es auch sofort, da durften niemand mehr rauf. Also in die weitere Umgebung jetzt! Karl übernahm die Führung. Er war nun mal der Ältere. Schon am zweiten Tag hatten wir Anschluss gefunden. Jungs gab es hier ja auch. Die kannten sich hier besser aus als wir. So vergingen die ersten Tage, völlig unbeschwert. Es gab wenig zu essen. Und die Mutter weinte manchmal, hatte Albert das Gefühl. Gesehen hatte er es nicht. Das hätte sie sicher auch nicht gewollt. Albert und Karl schlichen sich immer öfter mal zur Oma nach oben ins Nebenhaus. Da gab es immer etwas Essbares. Und Hunger hatten sie immer beide. Trotzdem, das Herumtollen in der Gegend ging weiter. Da waren doch die Baracken am Stadtrand. Durch eine Ritze, ein kaputtes Brett, hatten sie sich hineingeschlichen: Mensch! Was da alles lag! Uniformen, Hüte und Mützen vom Militär – und da, Bonbons! Berge von Bonbons in Tüten! Und die schmeckten! Rasch noch ein paar eingesteckt und mit nach Hause genommen. Eine Tasche hätte man haben müssen, einen Sack oder Beutel. Da würde man morgen schlauer sein. Doch daraus wurde nichts, die Baracken wurden bewacht! Jammerschade. Die schönen Bonbons. Aber es gab ja noch andere Ecken zu erkunden. Weiter ging es. Doch dann war plötzlich alles anders. Als Albert und Karl heimkamen. Es war nachmittags und so merkwürdig still in Tante Trudes Stube. Sonst wurde doch immer gesprochen! Heute nicht. Sonst machte Karola immer Geschrei, heute war die auch still. Albert trat als erster heute ein, blieb sofort völlig überrascht stehen, so dass Karl ihn beine umrannte – der Vater war gekommen! Karl rannte an Albert vorbei zum Vater, Albert hinterdrein. So eine Freude! Doch die währte nicht lange – wie sah er nur aus, der Vater? Völlig abgemagert! Schmutzig und zerschlissen, die alten Uniformsachen. Eingerissen an manchen Stellen. Das war aber noch nicht das Schlimmste, sein rechter Arm hing in einer Schlinge! Mein Gott, die Russen! Sie hätten ihm bei Stalingrad den Arm völlig zerschossen! Nur mit großer Mühe und Not, mit Hilfe der Kameraden dem sicheren Tod entronnen. Im Lazarett hätten sie ihn dann notdürftig zusammengeflickt, doch schon da hätte festgestanden das der Arm und vor allem auch die rechte Hand, nicht mehr werden würden. Hand und auch Ellenbogengelenk würde für immer steif bleiben! Und die Hand sah auch wirklich ganz schrecklich aus. Später fertigte die Mutter dem Vater einen besonderen Handschuh an, damit es nicht gar so schrecklich aussah. Das Handgelenk blieb auch steif, die Finger unbeweglich. Die Muskeln des Oberarms waren zerschossen, nicht mehr vorhanden! Das Ellenbogengelenk ließ sich nur in einem kleinen Winkel bewegen, das Schultergelenk ebenfalls. Karl und Albert war deer Schreck so in die Glieder gefahren, dass sie sich kaum rührten. Nur Karola! Die quietschte natürlich weiter, dabei war die doch schon fünf! Doch der Vater fand die auch noch richtig gut! Er lachte und scherzte mit ihr, und Karl und Albert waren abgemeldet. Karola wurde das Nesthäkchen des Vaters. Doch dann kehrte wieder Ruhe ein. Die Kinder mussten zu Bett, während wohl in der Stube noch lange erzählt wurde. Die nächsten Tage dann blieb Albert lieber zu Hause. Weil es da so vieles zu hören gab! Und spannend war das, wenn der Vater erzählte. Aber in der Stube wurde es immer unruhiger, der Vater drängte auf Rückkehr in unser Dorf! Wo die Mutter aber skeptisch blieb – wovon sollten wir denn leben dort? Hier in der Stadt gab es inzwischen Lebensmittelkarten. Aber das, was es dafür zu kaufen gab, war zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, sagte die Oma. Aber der Vater ließ nicht locker, setzte sich durch – es würde wieder nach Hause gehen! Und schon wurden die Vorbereitungen getroffen. Denn der Vater hatte erfahren, dass es Gerüchte gab, eine Bodenreform sollte in Vorbereitung sein. Da sollten die gesamten Ländereien des damaligen Gutes aufgeteilt werden unter denen, die dort mal als Knechte gearbeitet hatten! Da hielt es den Vater natürlich nicht länger in der Stadt, war er doch Landwirt mit Leib und Seele! Nun aber war es wirklich soweit. In aller Herrgottsfrühe das karge Frühstück eingenommen. Die Oma und Tante Erni waren schon unten. Karl und Albert hätten gern noch etwas gegessen, doch mehr gab es nicht. Und Karola quengelte auch schon wieder! Ob da s wohl jemals aufhörte? Da war man froh, dass der Marsch jetzt aber auch losging. Der Vater ging voran, Albert und Karl folgten, danach die anderen alle. Es ging zügig voran. Ein flottes Tempo legte deer Vater vor! Für Karl und Albert kaum eine Möglichkeit, sich mal seitlich in die Büsche zu schlagen, so dort umzuschauen, wie sie es gern getan hätten. Auch flößte der Vater einigen Respekt ein. Die Chaussee entlang, war Neuenkirchen bald durchschritten. Voraus nun schon die Mühle rechts, dann das erste Gut passiert und schon kam der Kreuzweg in Sicht. Am Kreuzweg, dem Abzweig zum dritten Gut in der Gegend, hatte die Mutter zunächst Sorgen gehabt. Hoffentlich sei auch noch alles an Ort und Stelle! Hatten sie doch alles stehen und liegen lassen müssen. Was alles hätte geschehen können, während sie in der Stadt waren. Die ganze Einrichtung! Wenn sie nur dran dachte. Und die Betten, die Wäsche! Ob die Mutter eine Vorahnung hatte? Ganz bestimmt. Aber es sollte noch schlimmer kommen! Karl und Albert hatte es nun hinter dem Vater nicht länger gehalten, sie waren am Vater vorbeigestürmt, hatten den Berg erreicht, der natürlich kein Berg war. Nur eine kleine Anhöhe. Kaum mehr als einen Meter. Darunter das Dorf mit dem Teich. Schon von weitem konnte Albert sehen, dass da unten am Haus etwas nicht stimmte! Sie liefen beide noch schneller, weil es ja auch bergab ging – und richtig! Etwa drei oder vier Meter vor der Haustür hatte doch der große Birnbaum gestanden – der war jetzt weg! Abgesägt, der Baum! Einfach abgesägt. Das konnten nur die Russen gewesen sein. Gut einen halben Meter über der Erde hatte sie den schönen Baum abgesägt und etwas draufgenagelt. War das etwa ein Teil von unseren Betten? Die Rückwand vielleicht? Und unser schöner Birnbaum lag daneben. Der Vater und die anderen waren inzwischen alle angekommen. Der Vater schüttelte den Kopf: „Na, da haben wir wenigstens Brennholz für den Winter.“ Die Mutter war schon an der Haustür, Albert hinterher. Was stank denn hier schon auf dem Flur so grauenhaft? Die Mutter öffnete die Stubentür und prallte förmlich zurück, schrie auf vor Schreck und Gestank! Albert linste hinter ihrem Rücken in die Stube – ein grausiger Anblick bot sich ihm! Der ganze Fußboden vollgeschissen! Überall diese Wachtmeister! Die Fliegen überall. Und wie das hier stank! Jetzt kamen auch die Oma und Erna. Die schrie auch entsetzt auf. Da fiel natürlich auch Karola mit ein in das Geschrei. Dieser Gestank aber auch! Der war wirklich nicht lange auszuhalten. Albert schlich sich nach draußen, ehe er noch kotzen musste. Jetzt kämpfte sich der Vater durch das Minenfeld, schaute nach den Möbeln. Die waren soweit alle noch da. Bis auf die Rückwand seines Bettes natürlich. Die lag ja auf dem Stumpf des Birnbaums. Doch wo waren die Betten? Die Kissen und die Zudecken? Alles weg! Und die gesamte Bettwäsche auch, wie sich später erst noch herausstellen sollte. Doc h nun wurde der Vater energisch: „Los, Karl und Albert! Ihr holt Eimer und Schaufel, besorgt Sand. Den streuen wir erst mal über die ganze Scheiße hier. Los, los, dalli.“ Ein Eimer war bald gefunden. Auch eine Schaufel, aber kein Sand! Wo sollten wir den jetzt Sand herholen? Bis nach unten zum Deich am Strand? Quatsch, meinte Karl. Am Weg. Da liegt doch welcher. Sauschwer, dieser Eimer voller Sand! Alber fasste mit an. Nicht, dass der Henkel noch abriss. Aber in die Stube mit dem Eimer wollten beide nicht. Die Mutter machte das mal wieder. Immer die Mutter, wenn es unangenehm wurde, dachte Albert. Ob das immer so blieb? Die ganzen Exkremente mit Sand übergestreut, alle Fenster geöffnet, ließ auch der entsetzliche Gestank bald nach. Selbst die Fliegen hatten sich alle verzogen. Den ganzen Dreck hatte der Vater in mehreren Eimern weggebracht und in eine Grube geschüttet – alles mit einem Arm und einer Hand! Dann wurde geschrubbt und gewischt. Oma und Tante übernahmen das. Der Mutter aber hatte es keine Ruhe gelassen – die ganze Wäsche weg! Das gab es doch gar nicht. Die Russen? Aber wieso sollten die Russen die ganze Bettwäsche mitnehmen. Außerdem, es musste etwas zu Essen beschafft werden. Für alle sollte es ein langer und hektischer Tag werden. Es war einfach zu viel, woran an diesem Tag alles gedacht werden musste. Der Vater machte sich zunächst daran, den Teil seines Bettes wieder vom Birnbaum zu lösen. Zum Glück hatten die Russen die Werkzeuge nicht mitgenommen. Hammer, Kneif – und Nagelzange, sagte der Vater zufrieden. Karl und Albert halfen, so gut es eben gehen wollte. Ganz verrostet, die Nägel. Aber vorsichtig! Schließlich gelang es, das Teil wieder zu lösen. Das Bett war wieder brauchbar, sah man von den Nagellöchern mal ab. Auch die Räume waren jetzt wieder sauber. Alber schnüffelte – ein bisschen roch es doch noch. Türen und Fenster blieben deshalb noch den ganzen Tag über offen. Macht nichts, dachte Albert. Es war fast schon Sommer, und warm war es auch. Wo die Mutter nur blieb? Albert rannte um die Hausecke – da kam sie doch! Hatte einen alten Sack dabei, mit ein paar Kartoffeln. Auch ein paar Eier brachte sie mit. Einige alte Frauen waren im Dorf geblieben, waren nicht geflüchtet. Fürs erste war damit die Ernährung gesichert. Aber auch etwas anderes brachte die Mutter mit aus dem Dorf – ein Gerücht! Ein Gerücht? Was sollte das den sein? Karl wusste es: Heimliches Gerede, meinte er. Manchmal würden sie nämlich auch lügen, die Erwachsenen. Die Mutter hatte gehört, die alte Vettel, die allein links vom Berg ihr Haus hatte, die sollte gesehen worden sein, dass sie in der Lichterhandschen Wohnung Zeug geholt hatte! Nein, die Russen waren das nicht. Die wären jetzt weg. Hatten überall herumgestöbert und nach Nazis gesucht. Dabei warn doch hier gar keine Männer mehr. Im Neuen Gutshaus hätten sich die Russen einquartiert. Eine ganze Gruppe. Die Kommandantur sei das, hieß es jetzt. Die Mutter lud nun ab, was sie ergattert hatte und stürmte los! Diese alte Vettel, einem die Wäsche klauen! Das wollen wir doch mal sehen. Albert lief mit. Das konnte heiter werden! Natürlich wollte die Alte alles abstreiten, doch die Mutter ließ nicht locker. Zur Kommandantur würde sie gehen. Ihre Kissen und Wäsche aus ihrer Wohnung zu holen! Plünderei wäre das. Und die Kommandantur würde Plünderer erschießen lassen. Ja, das hatte die Mutter gesagt! Und da war sie umgeschwenkt, die Alte. Hatte doch glattweg behauptet, sie hätte doch die Sachen nur vor Plündrern retten wollen. Wer sollte sowas den glauben. Aber alles rausgerückt hatte sie dann doch noch. Und es war alles vollständig, alles wieder da. Am Ende war di Mutter froh, dass Albert mitgekommen war. Allein hätte sie gar nicht alles wegbekommen. Die Kommandantur wurde auch nicht verständigt. In den folgenden Wochen sollten sich die Ereignisse förmlich überschlagen! Flüchtlinge aus Hinterpommern strömten überall in die kleinen und großen Dörfer. Und die waren nicht immer willkommen. Jedenfalls nicht alle. Überall wurden welche einquartiert. War es so schon knapp an Wohnraum, wurde es jetzt so richtig eng. Auch brachten die Flüchtlinge Kinder mit. Für Karl und Albert ein Vergnügen und viel Spaß. Bald war man befreundet mit den Neulingen. Neue Spiele wurden ausgedacht. Eigentlich nur den Erwachsenen nachgemacht, das Spiel „Siedeln“. Weil jetzt nämlich wirklich alle Ländereien im Land aufgeteilt wurden, und jeder der wollte, zehn Hektar Land zugesprochen bekam. Ein Landvermesser wurde geschickt, kam mit einem riesigen Zirkel, um die Felder auszumessen. Albert natürlich mittendrin. Das war doch mal was ganz Neues! Da musste man doch einfach dabei sein. Und die Eltern erst! Besonders aber der Vater. War es ei0n Traum, der nun Wirklichkeit wurde? Albert glaubte, so etwas am Abend gehört zu haben. Doch einfach würde es nicht werden, hatte der Vater noch hinzugefügt. Ein wahrer Berg an Arbeit würde auf alle zukommen. Zehn Hektar Land würde deer Familie nun gehören. Und nicht nur das! Ein Stück Wald gehörte noch dazu. Ein Teil der Wiesen ebenfalls noch. Da hatten die Eltern wirklich zu tun. Dann wurde auch noch der gesamte Viehbestand des Gutes aufgeteilt! Und schon bald würde es mit der Ernte des Getreides auf den Feldern losgehen. Natürlich mussten die Eltern auch für die Ernährung der Familie sorgen. Und damit sah es zunächst gar nicht gut aus. Da blieb kaum Zeit, sich viel um die Kinder zu kümmern. Aber die Oma und Tante Erni waren ja auch noch da. Und die hatten immer einen kleinen Bissen für Karl und Albert übrig. Immer hatten sie Hunger, die beiden. Waren kaum sattzukriegen. Plötzlich hieß es auch noch, umziehen! Aber wohin denn? Albert musste einfach fragen. Doch nicht wieder in die Stadt? Nein, natürlich nicht. Nach oben, auf den alten Gutshof. Die Behörden hatten den Eltern die Hälfte des alten Gutshauses zugewiesen. Etwas alt war das Haus ja schon, aber noch ganz gut in Schuss, meinte der Vater. Auch viel geräumiger als unsere enge Wohnung hier unten. Schade nur, dass di Oma und Tante Erni nicht mitkamen. Der Platz würde nicht reichen, sagte die Mutter. Das Haus lag etwa hundertfünfzig Meter vom Deich entfernt. Dahinter kam ein See, der mit der großen Ostsee verbunden war. Ein wunderbarer Platz zu Toben und zum Baden hinterm Deich. Weil der Sommer ja nun mit Macht ins Land gekommen war. Die Sonne schien zwar zehn Pfund von oben, doch war nicht alles eitel Sonnenschein. Die Schattenseite war, wir hatten alle kaum etwas Neues anzuziehen! Und neues Schuhwerk gab es überhaupt nicht. Im Sommer ja kein Problem. Die Jungs liefen hier sowieso alle barfuß. Doch wie würde es im Winter werden? Doch soweit war es ja noch längst nicht. Dann mussten eben Holzpantoffeln her. Etwas Neues wurde schon wieder angekündigt. Die Mutter sagte, es würden alle Kinder zur Schule gehen. Das hätte die sowjetische Administration befohlen. Aber es gab hier doch gar keine Schule, hatte Albert gesagt. Doch nicht alle wieder nach Neuenkirchen? Keine Schule, aber eine Menge Kinder, jetzt durch die vielen Flüchtlinge. Doch Not macht erfinderisch. Versammlungen wurden sowieso alle naselang abgehalten. Man kam auf die Idee, den Kornboden zu nutzen. Der war in einem Nebenhaus des Gutes. Da hatte man immer das Getreide gelagert in deer Nazizeit. Das Korn hatte man bereits aufgeteilt, jetzt musste nur noch saubergemacht werden. Kein Problem, aber es gab weder Tische noch Bänke! Und die Zeit drängte, denn am ersten September sollte die Schule beginnen! Aber auch da wussten die Erwachsenen Rat: Alles, was an Bretten und Hölzern im Dorf zu finden war, wurde zusammengesammelt und auch zusammengenagelt – die Schule könnte beginnen. Könnte, aber es gab gar keinen Lehrer! Wo nahm man jetzt im Spätsommer so plötzlich einen Lehrer her? Ein paar Wochen Zeit blieb ja nich bis zum ersten September. Doch die Lehrer aus der Nazizeit durfte man nicht nehmen. Die meisten waren auch längst verschwunden. Albert selbst war 1944 noch eingeschult worden, doch vergeblich. Die Kriegswirren hatten bei ihm damals für den Ausfall gesorgt. Nun ging es nicht anders, wer musste wieder in der ersten Klasse von vorn anfangen. Und jetzt war es so weit: Der erste Schultag war da! Einen Lehrer hatte man auch ausfindig gemacht. Herr Gaffrey, einer der vielen Flüchtlinge. Er war schon mal Lehrer gewesen, war nicht mehr der Jüngste, aber kein Nazi. Schulbücher, wie es sie später geben sollte, heute gab es keine. Nur die ABC – Zeitung für die Kinder war gedruckt worden. Daraus lernten die Kinder die ersten Buchstaben. Aber nach der Schule ging das Treiben weiter wie zuvor. Die Gegend unsicher machen, spielen, herumtollen und vor allem baden! Immer noch schön war das Wetter. Die Sonne schien und der See lud doch förmlich ein zum Baden. Oft war Albert auch ganz allein am Deich. Bei günstiger Sicht konnte man draußen am Horizont Schiffe vorüberziehen sehen. Da ließ es sich so schön träumen. Wie mochte es wohl weit in der Ferne aussehen? In der Fremde, in anderen Ländern? Auf den Feldern war die Ernte nun in vollem Gange. Alles was geerntet worden war musste abgeliefert werden. Es sollte für die Leute in der Stadt sein. Weil die ja auch leben wollten. Die Behörden achteten streng darauf, niemand durfte etwas für sich behalten! Doch am Ende wurde dann doch nicht alles abgeliefert. Diem Menschen im Dorf mussten doch auch leben. Die Schule ging weiter mit dem freundlichen Herrn Gaffrey. Ob der wohl immer so freundlich blieb? Albert hatte mit einem Lehrer in Neuenkirchen damals so eine Erfahrung gemacht. Einem Nazilehrer. Gnubbi hatten sie den immer heimlich genannt. Hören durfte der das natürlich nicht. Ein furchtbarer Man war Gnubbi. Der schlug die Kinder! Auch die Mädchen. Mit einem langen Lineal auf du Finger! Die mussten sie ihm auf der Schulbank hinhalten, damit er auch richtig traf. Albert hatte er mal eine Ohrfeige verpasst, dass ihm danach der Schädel brummte! Und Ali Zander musste sich einmal auf die Bank legen und wurde mit dem Rohrstock verprügelt. Immer drauf auf den Arsch! Geschrien hatte Ali! Wie verrückt. Doch nur einmal. Er war der größte von allen, aber nicht dumm. Beim nächsten Mal gabs kein Geschrei mehr. Ali hatte sich etwas unters Hemd gestopft, die Hiebe kamen nicht mehr durch! Ob sowas jetzt auch noch passieren konnte? Wohl kaum. Die Sache hatte sich nämlich doch herumgesprochen. Obwohl Albert zu Hause kein Wort gesagt hatte. Ein Gespräch der Eltern hatte er daheim mitbekommen: Das Schlagen von Kindern sei verboten worden! Gut, es zu wissen. Pünktlich waren Albert und Karl in der Schule. Zuerst jedenfalls. Karl später nicht mehr. Er musste öfter zu Hause aushelfen. Albert hingegen ging gern in die Schule, mochte es überhaupt nich, zu spät zu kommen. Es lief auch sehr gut bei ihm. Was keine Überraschung war. Hatte er doch bereits einen kleinen Vorsprung, was das Lesen und Schreiben anging. Und Her Gaffrey hatte es ganz und gar nicht leicht mit den Kindern. Vier Klassen musste er unterrichten, alles in einem einzigen Raum. Aber geschlagen hat er keinen einzigen. Wochen vergingen so. Albert lernte fleißig, konnte sich auch alles gut merken, hatte eine vortreffliche Auffassungsgabe. Hatte Herr Gaffrey gesagt. Und der musste es ja wissen. Bei Karl wollte es nicht so gut klappen, und Karola würde ja erst nächstes Jahr in die Schule kommen. Der Herbst war ganz plötzlich gekommen und auch wieder fast verschwunden, der Winter nahte. Kalt wurde es auf dem Kornboden, denn geheizt konnte der nicht werden. Aber es wurde auch hierfür eine Lösung gefunden – die alte Schule, in der wir damals mal gewohnt hatten! Das Ehepaar, das darin wohnte, wollte ins nächste Dorf ziehen. Damit war auch dieses Problem gelöst. Außerdem gab es neue Hoffnung auf Wohnraum. Die Kommandantur im neuen Gutshaus sollte schon bald aufgelöst werden. Bei Albert ging das Lernen auch weiterhin gut voran. Schon nach kurzer Zeit konnte er alles lesen und auch schreiben. Dennoch gab es Sorgen zu Hause. Beim Schuhwerk haperte es gewaltig! Und mit der Bekleidung sag es kaum besser aus. Es war kaum etwas zu bekommen. Da wurde aus alten Militärsachen geschneidert was das Zeug hielt. Und an Schuhe war überhaupt nicht zu denken. Eine deer Flüchtlingsfamilien hatte auch ihren Opa dabei. Die ganze Familie zog in das Gutshaus, das die Russen jetzt verlassen hatten. Doch der Opa konnte aus Holz gute Pantoffeln schnitzen! Und die passten gut! Oben drüber kein Leder zwar, aber der Gummi aus alten Reifen tat es auch. Nachdem nun die Ernte eingebracht worden war, hatte die Mutter manchmal etwas Zeit, las dann ein Buch. Sie hatte sich nämlich in der Stadt bei Wichmanns Leihbibliothek eintragen lassen. Wenn sie mal in die Stadt musste, brachte die Mutter sich immer etwas zu Lesen mit. Das letzte Mal auch eines für Albert: „Halbblut“. Von Karl May. Albert erschauerte bereits beim Titel – Halbblut! Was mochte das sein? Ging es da um viel Blut? Eine recht eigenartige Schrift hatte dieses Buch. Das bereitete doch einige Schwierigkeiten. So hatten sie es in der Schule nicht gelernt. Lange hatte es jedoch nicht gedauert, da hatte Albert auch diese Schrift intus. Von nun an gab es kein Halten mehr! Mann, wie spannend! Albert konnte einfach nicht aufhören, zu lesen. Den ganzen Winter über ging das so. Zu schade, dass die Mutter so selten in die Stadt ging, neue Bücher zu holen. Längst war doch „Halbblut“ verschlungen! Man könnte vielleicht auch noch mal lesen, doch Albert wollte mehr. „Winnetou“ war jetzt an der Reihe. Die Mutter fürchtete schon um Alberts schulische Leistungen, doch da gab es nichts auszusetzen. Die waren gut wie immer. So sahen die Eltern zunächst über Alberts Lesewut hinweg. Der Junge las aber auch wirklich schnell! Diesen dicken Wälzer „Winnetou“ fast in einem Tag! Die Mutter wurde nun doch ungehalten. Nein, so ginge das einfach nicht weiter. Sie könne doch nicht alle Augenblicke in die Stadt rennen! Sechs Kilometer wären das immerhin. Dann müsse er erEssen doch selber in die Stadt laufen und sich Bücher ausleihen! In die Stadt? Selber Bücher holen? Albert Lichterhand war begeistert! Die Mutter hätte sein Kommen bereits avisiert? Na wunderbar! In der Bibliothek wusste man tatsächlich Bescheid, als Albert kam. Die Dame breitete wahre Schätze vor ihm aus – Albert wusste gar nicht, was er zuerst anschauen sollte. Da mahnte die Bibliothekarin noch, nur nicht gleich so viel mitzunehmen. Weil er doch nur vierzehn Tage Zeit hätte, die Bücher wieder zurückzubringen. Schweren Herzens entschloss Albert sich, nur „Winnetou“ Band zwei und Jack London „Der Seewolf“ mitzunehmen. Damit hätte er wohl fürs Erste ausgesorgt. Zufrieden machte Albert sich auf den Heimweg. Im Dorf liefen die Dinge wie gewohnt. Nach der Ernte hatte der Vater mit Hilfe anderer Bauern die halbe Scheune ausgebaut und Ställe für Kühe, Schweine und ein Pferd abgeteilt. Selbst für Hühner und Gänse war noch Platz gewesen. Albert hatte keine Ahnung, woher der Vater das alles hatte! Aber er hatte es. Tauschgeschäfte warn da an der Tagesordnung, hieß es. Ein Pferd war nun auch da neben den Kühen und Schweinen, doch was wirklich fehlte, war ein Wagen. Wie sollte man denn die nächste Ernte einfahren ohne Wagen? Und überhaupt, es musste doch stets so vieles transportiert werden! Manchmal schnappte Albert auf dem Hof etwas auf, wenn sich die Männer unterhielten. Teile nur. Lauschen durfte man ja nicht. Aber manches sollte nicht mit rechten Dingen zugehen, hatte er trotzdem gehört. Besonders das mit dem Wagen. Denn plötzlich war über Nacht einer da! Von Geschäften mit den Russen hatte man gesprochen. Aber egal. Albert Lichterhand wurde in die zweite Klasse versetzt! Das stand jetzt schon fest, obwohl das Schuljahr noch längst nich vorüber war. Danach in die dritte und vierte Klasse. Unterrichtet wurde aber nur bis vierte Klasse im Dorf, wo man inzwischen auch einen neuen Lehrer hatte, Herrn Esters. Nach Abschluss der vierten Klasse würden alle Kinder nach Neuenkirchen in die Schule laufen müssen. Doch noch war es nicht so weit. Dennoch, die Zeit lief und lief, verging ie im Fluge! Nach den großen Ferien ging es los! Jeden Tag drei Kilometer Fußmarsch in die Schule. Jetzt, im September, war da alles noch ganz prima. Und im Sommer richtig schön. Im Winter allerdings... Befestigte Straßen gab es hier in der ganzen Gegend kaum. Den ganzen Weg bis Neuenkirchen nicht. Da hieß es, aufpassen, nicht zu spät in die Schule zu kommen. Zuspätkommen war Albert höchst zuwider. Im Frühjahr, wenn die Saat aufgegangen war, kamen die Wildgänse. In großen Schwärmen kamen sie geflogen über die Gruppe der Schülerinnen und Schüler, ließen natürlich immer etwas fallen! Die Jungs hatten sich dann meistens schon unter den nächsten Baum gerettet. Den Mädchen war das mitunter nicht gelungen. Die bekamen schön was ab! Da war das Gelächter natürlich groß. Sicher war es ein Zufall, das Albert Lichterhand in der Neuenkirchener Schule am ersten Tag neben Robert Dürkopp in der Schulbank zu sitzen kam. Das hatte er sich nicht aussuchen können, erwies sich jedoch bald als Glücksfall. Albert war der längste in der Klasse, dicht gefolgt von Robert. Der war nur ein paar Zentimeter kleiner als Albert. Zuerst waren beide noch skeptisch, was den Nachbarn betraf. Sie kannten sich ja noch gar nicht. Da war Albert immer sehr zurückhaltend. Doch wenn man Tag für Tag so nahe bei einander sitzt, da war das Eis bald gebrochen. Auch wenn Albert immer ein wenig scheu war, was Fremde betraf. Mit Robert war das anders. Mit Robby, wie ihn alle nannten. Immer besser verstanden sich die beiden. Der Dritte im Bud war Arno, ein Kumpel von Robby hier in Neuenkirchen. In den Pausen waren die drein jetzt immer zusammen. Jeden Tag. Und bald waren die drei Freunde geworden, ohne, dass sie es überhaupt merkten. Selbst nach der Schule trafen sie sich öfter noch, sprachen über vieles. Auch darüber, was man einmal werden wollte. Für Robby war die Sache gleich klar. Er würde Förster werden. Daran gab es keinen Zweifel. Der Wald mit all seinen Tieren und Pflanzen hatte es ihm angetan. Arno hingegen wollte unbedingt zur See – wie Albert auch! Aber das würde ja noch drei Jahre dauern. Die fünfte Klasse war nun auch schon überstanden. Es war natürlich keiner sitzengeblieben. Nach der sechsten Klasse gab es bei den Lichterhands eine Veränderung: Karl verließ das Elternhaus. Mit der Schule hatte er es nicht so, hatte immer viel geholfen in der Landwirtschaft beim Vater. Nun aber sollte er in die Lehre. Fischer wollte er werden. Das wollte Karl schon immer. Und jetzt hatte ihm die Mutter eine Lehrstelle im Fischkombinat Saßnitz besorgt. Albert war fast ein bisschen neidisch. In die weite Welt hinaus konnte Karl, und er musste hierbleiben! Zwei lange Jahre noch. Karl war jetzt weg, doch nun fehlte er an allen Ecken und Enden! Gearbeitet hatte Karl wie ein Alter. Was sollte der Vater machen? Allein, mit nur eine Hand! Da war man gezwungen, jemand zur Hilfe einzustellen. Brunhilde, eine junge Frau kam. Manchmal brachte die ihren Freund mit. Die beiden wollten bald heiraten. Da war die Mutter jetzt wenigstens etwas entlastet. Brunhilde machte den Haushalt und versorgte das Vieh auf dem Hof. Da kamen nun auch auf Albert neue Verpflichtungen zu. Er sah das auch ein. Ob er sich denn traute, mit dem Braunen und dem Wagen aufs Feld zu fahren? Der Klee wäre schon gemäht. Den aufkaden und gleich noch die Runkeln. Das Vieh müsste zu fressen haben. Klar, Vater. Kein Problem. Albert spannte den Braunen ein und fuhr los. Es wurde auch Zeit. Denn es war schon später Nachmittag. Viel geregnet hatte es in diesem Herbst auch wieder. Überall standen Pfützen, manchmal auch schon kleinen Seen. Da sah man oft gar nicht mehr wo die Wagenräder waren. Den Klee hatte Albert rasch8 aufgeladen. Mit den Runkeln dauerte es etwas länger. Zum Glück regnete es nicht auch noch. Das hätte gerade gefehlt. Das Wasser stand so schon überall auf den Feldwegen. Albert setzte sich auf den Wagen, der Braune zog an. Es ging auch eine ganze Weile alles gut. Schwer beladen war de Wagen ja nicht. Doch dann plötzlich ein Ruck – der Wagen stand still! Und jetzt war passiert, was nicht hätte passieren sollen! Durch das Fahren der Fahrzeuge und den vielen Regen hatten sich tiefe Furchen und auch Löcher gebildet. Die konnte man von oben einfach nicht sehen! Und in ein solches war nun der Wagen geraten! Alber stieg ab. Überall dreckiges Wasser. Und das Vorderrad rechts – mein Gott, versackt, fast bis an die Achse! Was nun? Das würde der Braune nie und nimmer schaffen, da wieder herauszukommen! Ratlos schaute Albert in die Runde – weit und breit niemand zu sehen! Was sollte er nur machen? Keiner da, der hier hätte helfen können. Und es wurde immer später! Den Braunen ausspannen und nach Hause reiten? Unmöglich, sowas! Oder die Runkeln wieder abladen? Sie hier in den Schlamm schmeißen? Wahnsinn! Wieder schaute Albert sich um. Wenn er die Runkeln loswerden wollte, müsste e sie ein ganzes Stück hintragen, wo es halbwegs trocken war. Aber das würde ewig dauern. Bald würde es dunkel werden! Albert war verzweifelt. Immer später wurde es doch! Er ging nach vorne zum Braunen, klopfte ihm auf den Hals, der Braune schnaubte – wollte er ihm etwas sagen? Er streichelte den Brauen, redete ihm gut zu. Der Gute. Er konnte ja nichts dafür. Aber einmal wollte er es noch versuchen mit dem Braunen. Die Leine hatte er oben auf dem Wagen festgemacht. Noch einmal klopfte er dem Brauen den Hals, redete ihm gut zu: „Wir schaffen es, Brauner. Wir beide, wir schaffen es.“ Albert nahm das Halfter am Kopf des Pferdes: „Los, Brauner!“ Fast wollte es Albert vorkommen, als hätte das Pferd ihn verstanden. Auf Alberts Zuruf zog der Braune an, schien es nicht zu schaffen, legte sich auf die Knie vorne – der Wagen bewegte sich, das Vorderrad kam hoch und höher – geschafft! Parr. Der Braune stand still. Albert umarmte den Hals des Pferdes, spürt nicht, wie ihm die Tränen der Freude und des Glücks die Wangen herunterrannen. Voller Dankbarkeit stieg Albert wieder auf den Wagen und fuhr heim. Hinein in die Scheune und ausgespannt, den Braunen. Ihn in die Box gebracht und kein wenig mit Stroh abgerieben. Das mochte er, der Braune. Einen Eimer Wasser stellte Albert ihm noch hin. Den schlürfte er aus, der Brave. Dann tat Albert etwas, das er eigentlich nicht tun sollte. Er gab dem Pferd eine Extraportion Hafer, klopfte ihm noch mal auf den Hals. Das hatte er sich verdient. Im Haus wartete die Mutter schon: „Du kommst aber spät, Albert. Ist etwas passiert?“ Draußen setzte bereits die Dämmerung ein. Albert überlegte kurz – nein, doch nicht lügen. Albert erzählte, was geschehen war. Die Mutter strich ihm übers Haar: „Hast du gut gemacht, mein Junge.“ Wenig später war das Essen fertig. Auch der Vater kam heim. Karola saß auch schon am Tisch. Albert hatte bis dahin kaum bemerkt, wie hungrig er geworden war. Das Essen mundete ihm vorzüglich. Später ließ er sich das Erlebte noch einmal durch den Kopf gehen. Ja, es stimmte. Richtig verzweifelt war er da gewesen. Doch aufgegeben hatte er nicht! Hatte es erneut versucht, gemeinsam mit dem Braunen hatte er es geschafft. Das würde ihm eine Lehre sein für die Zukunft. Vielleicht sogar fürs Leben. Es musste weitergehen. Immer. Wenn man nicht aufgab. In der Schule ging auch weiterhin alles seinen Gang. Alle bestanden und wurden in die Siebte versetzt. Nur für Arno wurde es plötzlich schwer. Der Freund wollte einfach nicht mehr, wollte die Achte gar nicht mehr machen! Robby und Albert versuchten alles, redeten auf Arno ein, doch es half alles nicht. Der wolle nicht, hatte einfach keine Lust mehr auf Schule, wollte auf See, koste es was es wolle! Selbst seinen Eltern gelang es nicht, Arno umzustimmen. Arno ging nach der Siebten ab und folgte Karl ins Fischkombinat Saßnitz. Selbst die Schulleitung hatte vergeblich interveniert. Arno ging zur See. Was auch bei Albert die Sehnsucht beförderte. Doch nein, so wie Arno wollte er es nicht machen. Auch würden da die Eltern kaum mitmachen. Doch Arno fehlte nun Robby uns Albert. Drei Jahre warn sie Freunde, sie drei. Jetzt war Arno plötzlich weg. Wie es ihm wohl erging, da draußen auf dem weiten Meer? Doch Robby und Albert hielten jetzt noch mehr zusammen als zuvor. Sie sprachen so gut wie gar nicht über Freundschaft und so. Aber beide wussten, sie würden Freunde bleiben. Wohl fürs ganze Leben. Nachdem Arno nun weg war, geschah bei Robby und Albert auch etwas. Das Interesse an Schule ließ bei beiden nach. Auch die Leistungen waren bei beiden nicht mehr so glänzend wie vordem. Nach Unterrichtsschluss gingen beide nicht mehr gleich nach Hause, wie es in der Siebten mit Arno noch getan hatten. Nach der Schule bogen sie beide gleich rechts ab, gingen durch die Wiesen, suchten sich en Plätzchen bei den Weiden, um eine zu rauchen! Einmal damit angefangen, taten sie es nun so gut wie jeden Tag nach Schulschluss. Robby hatte alles mitgebracht, Zigaretten und auch Streichhölzer. Sicher von seinem großen Bruder Martin. Albert und Robby wähnten sich absolut sicher bei ihrem Tun. Wer sollte sie auch sehen? Die Schule war weit weg. Nur ein Adler hätte so weit sehen können. Und doch waren die Aktionen der beiden nicht unentdeckt geblieben, was weder Robby noch Albert ahnten. Deshalb waren sie bass erstaunt, als beide zu Frau Eichel, der Direktorin, gerufen wurden. Nach Schulschluss natürlich. Wirklich, keine Ahnung, was die von ihnen wollte. Doch schon bald wurde die Sache klarer – Frau Eichel wusste Bescheid über die Raucher – Ausflüge! Böse Vorwürfe gab es nun. Frau Eichel schimpfte was das Zeug hielt! Was sie sich da beide nur bei gedacht hätten! Starker Tobak sei das! Wobei sich Robby und Albert kaum das Grinsen hatten verkneifen können. Du lieber Gott, starker Tobak! Dennoch senkten beide wie auf Kommando die Köpfe. Frau Eichel erkannte dann auch wohl ein, dass das mit dem Tobak nicht so ganz passte. Robby und Alber versprachen auch sofort, nicht wieder dort hinzugehen. Beide wurden mit letzten mahnenden Worten entlassen. Es kam auch weiter nichts hinterher, wie das oft bei Missetaten der Fall war. Kein Eintrag und auch keinerlei Benachrichtigung der Eltern. Bei Albert hätte es sowieso nichts gebracht. Der Vater, selber starker Raucher, wusste davon. Gab manchmal, wenn die Zuckerrüben in die Stadt gefahren werden mussten, ihm und Willi Köster, der manchmal aushalf, jedem eine Zigarette. Heute allerdings fiel das Rauchen unter den Weiden aus. Musste es ja notgedrungen. Waren sie nun ja entdeckt worden. Doch von wem? Wie konnte das überhaupt geschehen? Wie dien Schießhunde hatten sie doch aufgepasst! Kein Aas war doch weit und breit zu sehen gewesen! Und doch, es war passiert. Ein Rätsel. Wie, zum Teufel, konnte Frau Eichel davon erfahren haben? Beide marschierten links am Kirchhof vorbei, wo Robbys Eltern wohnten. Beide verabschiedeten sich, Albert hatte noch drei Kilometer zu laufen. Für heute war das Rätsel also nicht mehr zu lösen. Dafür hockten Robby und Albert am nächsten Schultag noch mehr zusammen als sonst: Robby hatte eine Idee! Eugen Jung, einer von den Lehrern! Robby hatte ein wenig in Neuenkirchen herumgehorcht. Ein Gesundheitsfanatiker sollte der sein. Und Jobi Karls, der eine Klasse tiefer in der Schulde war, hatte ihn gesehen! Mit dem Fernglas hätte Eugen Jung von ganz oben aus dem Giebelfenster der Schule geschaut! Damit war die Sache endgültig geklärt – nur der konnte frau Eichel informiert haben, dieser Petzer! Dort zu den Weiden durften sie jetzt also nicht mehr. Aber es gab genügend andere Plätze hier im Dorf. Schließlich wollte Robby ja Förster werden. Der kannte sich hier aus. Und zwar so gut, das nicht mal ein Adler sie beim Rauchen entdecken würde. Alles blieb beim Alten. Nur in die Wiese nicht mehr. Alles war gutgegangen. In der Schulde lief es weiter. Bis auf eine Ausnahme. Und die hieß mit Namen Jochen Barnekow. Ein böser Bube war Jochen. Schon zwei Jahre älter als Albert und Robby. Sitzengeblieben war er auch schon mal. Ob ihn das so bösartig machte? Albert hatte mit dem bisher nichts zu tun gehabt, sich auch von ihm ferngehalten. Doch heute sollte sich das ändern: In der großen Pause schlich sich Jochen heimlich hinter Alberts Rücken. Der hatte gar nichts gemerkt, bis er plötzlich zusammenzuckte – Jochen hatte ihn mit einer Nadel in den Hintern gestochen! So tief, das es fürchterlich schmerzte! Wie wild fuhr Albert herum – Jochen! Klar, kein anderer wäre je auf eine solche Sauerei gekommen. Doch Jochen war entdeckt worden bei seinem Tun – Helena Witte hatte alles beobachtet! Sie kam gelaufen, schimpfte wie ei0n Rohrspatz: „So eine Schweinerei! Hinterrücks! Wie feige! Melden würde sie ihn bei der Direktion.“ Albert ging zu Hella, wie alle sie hier nannten: „Tu es bitte nicht, Hella“, bat Albert. „Sie sagen dann bloß alle, dass du nur petzen willst.“ Hella ließ sich dann auch ihr Vorhaben ausreden. Eine Petze wollte natürlich auch nicht sein. Damit sah es so aus, als wäre alles vorüber, obwohl Albert die eine Backe noch wehtat. Doch es sah nur so aus. Dieser Jochen, hatte der noch nicht genug angestellt? Albert sah, dass sich Jochen nun plötzlich hinter Hella schlich! Was hatte der denn jetzt schon wieder vor? Hella war zwar spindeldürr, hatte lange dünne Beine, aber einen langen Zopf, die ihr bis weit in den Rücken fiel Schöne Haare hatte sie. Hatte dieser Unhold es etwa auf sie abgesehen? Und richtig! Er riss an dem Zopf, dass Hella vor Schreck und Schmerz laut aufschrie! Mit zwei Sätzen seiner langen Beine war Albert heran und schlug Jochen mit der rechten Faust auf den ausgestreckten Unterarm – so, das hatte gesessen! Zum Glück hatte Jochen Hellas Zopf schon losgelassen. Sonst wäre es wohl noch viel schlimmer gekommen. Jochen schrie nun auch laut auf. Wohl eher vor Schreck und Überraschung, dass es jemand wagte, ihn zu attackieren: „Dich mach ich alle!“. Doch Albert funkelte ihn an: „Du nicht. Du bist doch feige! Sich an einem Mädchen zu vergreifen.“ Albert spuckte Jochen verächtlich vor die Füße. Der wollte sich da auf Albert stürzen, doch da kam Robby, redete gefährlich leise auf Jochen ein. Nur ganz kurz. Da läutete es, die Pause war zu Ende, alles lief in die Klassenräume. „Was hast du ihm denn gesagt, vorhin, Robby?“, fragte Albert noch rasch, bevor die Lehrerin kam. „Die letzte Verwarnung, habe ich ihm gesagt, Albert“, entgegnete Robby. „Noch mal so ein Ding und due fliegst von der Schule. Wir haben ja jetzt Zeugen. Mehr als genug.“ Danach hatte Jochen wirklich aufgehört mit seinen Schweinereien. Er hatte es wohl eingesehen. Oder nur Angst vor dem Rauswurf aus der Schule. In Alberts Dorf standen nun Veränderungen an. Unter den Neusiedlern gab es nur noch ein Thema: Die Genossenschaft! Die Regierung und die Parteileitung machten Druck. Verlangten, dass überall Genossenschaften gegründet werde sollten. Manche waren dafür, andere wiederum dagegen. Die Eltern, wie auch manch andere, waren für die Genossenschaft. Aus gutem Grund. Denn wer sollte die viele Arbeit auf dem Feld und in den Stallungen machen? Karl war gegangen, albert würde ihm in Bälde folgen. Und überhaupt, die Jugend wollte nicht auf dem Land bleiben. Das war nicht nur in der Familie Lichterhand so. Bei anderen auch. Da kam es schließlich zur Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Mit nur etwa der Hälfte der Neusiedler. Die wurden vom Staat großzügig unterstützt mit Maschinen und Aggregaten. Alles wurde den Bauern zugesagt und der Vater sollte deer erste Vorsitzende der Genossenschaft werden. Für Albert aber ging die Schule weiter, doch nicht mehr mit dem größten Elan bei ihm und Robby. Nur noch die letzten Wochen, dann war es geschafft. Was sagte Robby, der immer von irgendwo einen Spruch hatte: „Die Drei ist die Eins des kleinen Mannes.“ Alle hatten es geschafft. Selbst Jochen war durchgekommen. Wenn auch nur mit Hängen und Würgen und dem Wohlwollen einiger Lehrer. Man wäre wirklich froh, den Jungen endlich los zu sein, hörte man hintenrum. Robby wollte jetzt unbedingt seinen Traum verwirklichen, wollte Förster werden. Für Albert gab es nur eins – zur See! So schnell es nur ging. Doch im Augenblick ging es in der Landwirtschaft weiter. Aber die Bewerbung für das Fischkombinat Saßnitz hatte die Mutter längst abgeschickt. Albert konnte sich mit der Landwirtschaft nicht wirklich anfreunden, fieberte der Antwort aus Saßnitz entgegen. Hochsommer war es geworden, Erntezeit. Und viel, viel Arbeit für die Eltern und auch für Albert. Er musst helfen, tat es auch. Doch hoffentlich kam bald Nachricht aus Saßnitz! Mann, die ließen sich wirklich Zeit. Doch alle Ungeduld half nicht, die Arbeit musste getan werden. Es war wieder mal kurz vor Mittag. Albert hatte heute im Stall zu tun, deshalb den Briefträger weder gehört noch gesehen. Als er in die Küche kam, saßen die Eltern mit ernsten Gesichtern da – was war passiert? Das konnte nichts Gutes bedeuten! Die Mutter hatte einen Brief in der Hand – hatte Saßnitz geschrieben? Albert sah nicht auf, als die Mutter vorlas – eine Absage! Der Betrieb würde bedauern. Es gäbe keine freien Lehrstellen mehr! Auch nicht im nächsten Lehrjahr. Später vielleicht. Albert war fassungslos, eine Welt stürzte für ihn zusammen! Wie war das möglich? Was sollte den jetzt aus ihm werden? Ein Landwirt etwa? Dahin all, die schönen Träume! War jetzt alles vorbei? Albert stand auf. Essen! Er konnte doch nichts essen in diesem Augenblick, da alles zusammenbrach! Geheult hätte er am liebsten. Wie Karola immer. Aber die war ein Mädchen. Die durften sowas. Albert ging auf sein Zimmer oben, warf sich auf das Bett. Fast hätte e jetzt doch noch geheult! Nass waren die Augen fast schon. Was sollte nur aus ihm werden? Immer wieder fragte e sich das, eine Antwort fand er nicht. Die Eltern ließen Albert in Ruhe, konnten sich denken, was nun in ihrem Jungen vor ging. Am Nachmittag kam die Mutter. Albert hatte sich schon etwas beruhigt. Still ging er mit der Mutter nach unten. In der Küche krähte Karola: „Mensch, denn machst du eben was anderes! Ist doch nicht schlimm.“ Schmallippig entgegnete Albert: „Es heißt „dann“, Karola. Nicht „denn“. Sprich vernünftig.“ Die Tage vergingen. Überraschend oft war die Mutter jetzt plötzlich in der Stadt, obwohl doch so viel Arbeit war. Doch sie sagte nichts. Albert erwartete auch nichts mehr. Nach einer weiteren Woche hatte sie wieder mal einen Brief in der Hand. Den las sie aber gar nicht vor, sondern sagte nur leise: „Ich habe eine Lehrstelle für dich, liebe Albert.“ Albert aber sah gar nicht auf, sagte nur: „Was kann das schon sein. Wohl als Kutscher. Der Braune gehorcht mir ja.“ Doch die Mutter wedelte plötzlich mit dem Brief: „Nein, nicht als Kutscher, Albert. Als Hochseefischer im Fischkombinat Rostock; Junge! Da brauchen sie Lehrlinge. Am ersten September geht´s los!“ Albert wusste gar nicht, wie ihm geschah – er sprang auf das beinahe der Stuhl hinter ihm umfiel, den er gerade noch auffangen konnte, fiel der Mutter um den Hals – was für ein Glückstag heute! Aber die Mutter! Sie war einfach die Beste. Wie hatte sie dieses Wundere nur wieder vollbracht? Den Brief nun ergriffen, lief Albert nach oben in seine Kammer. „Nicht mal bedanken kann sich deer Bengel“, krähte Karola hinter Albert her. „Lass den Jungen in Ruhe, Kind“ sagte die Mutter darauf. „Das hat er doch längst getan.“ Albert hörte es schon nicht mehr. „Ich habe aber gar nichts gehört“, nörgelte Karola weiter. Während der nächsten Wochen arbeitete Albert wie ein Bauer. Keine Arbeit war ihm zu schwer. Manchmal musste der Vater ihn schon etwas bremsen. Heimlich bedauerte der Vater es, dass Albert nun auch gehen würde. Wäre nicht vielleicht nicht doch noch ein guter Bauer aus dem Jungen geworden?! Die Mutter aber verstand Albert. Sie wusste, warum der sich solche Mühe gab. Wie im Flug waren nun auch die letzten Wochen und Tage vergangen. Das Reisefieber hatte Albert längst gepackt. Nun also war es so weit, der Koffer war gepackt. Die Mutter wollte Albert mit dem Zug nach Rostock begleiten, in aller Frühe ging es zu Fuß los zum Bahnhof. Ein Glücksfall noch, sie brauchten beide nicht laufen, den schweren Koffer schleppen, denn der milchwagen nahm beide mit. Der sammelte jeden Morgen die Milchkannen ein und brachte sie zur Molkerei. Nur das letzte Stück zum Bahnhof mussten beide zu Fuß zurücklegen. Im Zug wurde nicht viel gesprochen. Albert war innerlich aufgeregt, versuchte, es nicht zu zeigen. Nach Rostock-Marienehe sollte es gehen. Umsteigen in Stralsund, dann weiter nach Rostock. Albert hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie beide dort hinkommen sollten. Noch nie war er so weit gereist. Mit der Schulklasse einmal mit dem Zug nach Budden Hagen. Das war´s aber auch schon. Und jetzt die weite Reise nach Rostock und wer weiß wohin dann später mit dem Schiff! Dann der Hauptbahnhof Rostock, alles aussteigen, der Zug endet hier! Keine Ahnung, wie nun weiter, doch die Mutter wusste Rat wie immer. Sie fragte einfach. Den Mut hätte Albert kaum aufgebracht. Die Nummer der Straßenbahn bis Reutershagen, dort umsteigen, nach Marienehe. Albert passte auf wie ein Schießhund! Er wusste, er musste sich alles merken, den die Mutter würde noch heute wieder heimfahren. Dan würde er allein zurechtkommen müssen. Aber er würde es schaffen, war Albert sich sicher. Von sei0ner Merkfähigkeit hatte er nichts eingebüßt. Nun standen beide vor dem Internat für Lehrlinge des Fischkombinates Rostock. Ein schöner Neubau mit vier Etagen. Hier also würde er, Albert Lichterhand, die nächste Zeit zubringen. Doch welch ein Glück wieder, dass die Mutter da war. Wieder fragte sie sich durch zu Personalabteilung. Dort waren sie alle sehr freundlich und zuvorkommend. Die Papiere wurden gesichtet, sofort der Lehrvertrag unterschrieben. Nun bekam Albert einen Zettel in die Hand gedrückt – den Laufzettel! Da stand einiges drauf, wo er sich überall zu melden hatte. Und der Koffer? Zum ersten Mal hatte Albert einen Einwand gewagt! Sollte er etwa die ganze Zeit mit dem schweren Koffer...? Nein, musste er nicht. Zimmer Nummer 112 im ersten Stock. Jetzt konnte die Mutter Albert nicht mehr helfen. Sie musste so rasch wie möglich wieder zum Bahnhof, um Zug zurück nach Hause noch zu erreichen. Der Abschied nahte! Noch einmal drückte die Mutter Albert, dann ging sie und Albert Lichterhand war in der Fremde nun ganz allein auf sich selbst gestellt. Viel Zeit für trübe Gedanken blieb allerdings kaum – dieser Laufzettel! Der musste abgearbeitet werden. Das konnte dauern. Und keinen Schimmer, wo das alles war, wo er hinmusste. So tat er es einfach der Mutter nach und fragte sich durch. Schon bald wurde es Mittag, der Magen begann zu knurren. Die Essenmarken hatte er mit den Papieren erhalten – ein riesiger Saal, dieser Speiseraum! Da passten wohl mehr als hundert Menschen rein. Albert ging mit seiner Marke zur Essenausgabe, was auch wunderbar klappte. Das Essen allerdings, es war längst nicht so wie zu Hause. Trotzdem. Der Hunger. Albert setzte sich an einen der vielen Tisch und aß alles auf, was er auf dem Teller hatte. Einige Stationen standen noch aus auf seinem Zettel. Die waren dann auch bald erledigt. Alber suchte sein Zimmer auf, klopfte gar nicht. Es war ja niemand da gewesen. Doch Überraschung – zwei Burschen waren schon drinnen! Seine beiden Zimmergenossen von nun an. Die erste Scheu war dann auch rasch überwunden, man machte sich bekannt mit einander. Albert erzählte wo er herkam, wo er zu Hause war. Die beiden auch. Manfred war aus einem Dorf bei Wismar. Das war Albert schon mal sympathisch. Klaus hingegen kam aus Leipzig. An seiner Aussprache konnte man es auch erkennen. Die drei kamen in der Folge gut zurecht. Keiner von ihnen war ein Streithammel, Albert sowieso introvertiert. Oft führte Klaus das Wort. Allerdings nicht das große. Er wusste bereits einiges, wie es hier langgehen sollte. Die Schulbank würden sie zunächst wieder drücken müssen. Für Albert kein Problem. Lernen machte doch Spaß. Und dann? Vorgesehen wäre, drei Monate Schule, drei Monate auf See und anschließend drei Monate auf den Netzboden, Fangnetzte Stricken und das Geschirr kennenlernen. Neue Fächer kamen nun in der Berufsschule auf alle zu. Wie die Fächer Nautik, Seemannschaft – unglaublich interessant! Besonders Nautik hatte es Albert angetan. Das wurde schon gleich für sein Lieblingsfach. Nun also ein Zyklus von drei Monaten, wurde allen Neulingen in der ersten Stunde verkündet. Wobei in diesem Beruf die drei Monate nicht genau eingehalten werden konnten. Ein Schiff zum Beispiel sei nicht immer gleich zur Stelle, wenn drei Monate vergangen waren. So kam es dann auch, dass Albert Lichterhand bereits Anfang November Bescheid bekam, aufzusteigen. So hieß das hier, wenn jemand aufs Schiff musste – aufsteigen, anmustern. Und zwar mit Manfred zusammen auf einem Schiff! Was für eine Aufregung – aufs Schiff! Die erste Fahrt in See! Er konnte mit Manner zusammenbleiben. Doppelte Freude. Viel Zeit blieb nun wieder mal nicht. Offenbar musste hier immer alles sehr schnell gehen. Also auf, zur Kleiderkammer im Betrieb, im Hafen. Seefahrtsbuch und einen Betriebsausweis hatten sie alle schon vorher bekommen. In der Kleiderkammer bekamen sie beide jeder einen Seesack, Ölzeug und Südwester sowie Gummistiefel und noch vieles mehr. Damit dann an Bord der „Anton Saefkow“! Manfred und Albert kletterten an Bord, wollten sich beim Kapitän melden. So gehörte es sich, wussten beide. Doch der Kapitän war nicht an Bord, so meldeten sich beide beim Steuermann. Der begrüßte sie auch recht freundlich. Die neuen Lehrlinge also. Wenig Zeit hätte er im Moment, da der Alte nicht an Bord sei. Er rief einen der Matrosen, der den Neuen ihre Kojen zeigen sollte, in denen sie von nun an schlafen würden. Danke schön und ab mit dem Koffer nach vorne ins Logis. Beide einigten so sofort. Manner nahm freiwillig die obere Koje, Albert die untere. Inzwischen war es Mittag geworden. Alle Klamotten aus dem Koffer und im schmalen Spind untergebracht. Viel passte da wirklich nicht rein. Dann wieder nach achtern, zur Kombüse. Hier wurden sie vom Koch empfangen, Backschaft machen, also den Männern in der Messe das Essen reichen! Albert schaute Manner an – sie waren doch keine Kellner! Doch jetzt nur nicht gleich aufmucken. Beide taten, was ihnen gesagt worden war. Aber das ließ sich hier mal gar nicht gut an! Albert stellte sich in deer Messe gar nicht so ungeschickt an. In der Offiziersmesse zuerst, wo der Kapitän mittlerweile auch angekommen war. Später dann alles wiede abräumen, dem Koch das Geschirr durch die Durchreiche zur Kombüse geben. Und plötzlich wurde es richtig hektisch – Vorbereitung zum Auslaufen! Alles schien jetzt rasend schnell zu gehen. Weder Albert noch Manfred wussten wohin und was sie zu tun hatten. Dann plötzlich „Leinen los!“ Die „Anton Saefkow“ legte ab, langsam löste sie sich von der Pier und lief die Warnow hinunter nach Warnemünde. Da rief plötzlich der Koch nach ihnen – Geschirr spülen. Das Mittagessen hatte nur aus einer Reissuppe bestanden, wie es sie auch öfter im Internat gegeben hatte. Heute Abend jedoch sollte es eine richtige Mahlzeit geben. Also ran an die Arbeit, Kartoffeln schälen! Wieder schauten sich die Lehrlinge an – sollten sie wirklich? Egal, Albert und Manner schälten. Würde man sie hier beide zu Küche jungen ausbilden? Hochseefischer wollten sie doch werden! Das Essen war fertig, wieder die gleiche Prozedur. Dieses Mal Manner in de Messe, Offiziere und Mannschaft zu bedienen.

---ENDE DER LESEPROBE---