Verführer Alkohol - Harri Anholt - E-Book

Verführer Alkohol E-Book

Harri Anholt

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Beschreibung

Die Fischer Eddi und Heiner sind Freunde, Hochseefischer. Schwer ist die Arbeit, doch an Land lassen sie es krachen! Locker sitzt das Geld. In Strömen fließt der Alkohol. Auch die Liebe kommt ins Spiel. Heiner genügt seine Liebe. Er braucht keinen Alkohol. Doch Eddi macht weiter, stürzt ab. Fällt in den Bach, doch Heiner kann ihn aus dem Wasser ziehen. Ein erstere Verdacht kommt auf - ist der Freund bereits abhängig? Und was ist das Ende vom Lied?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Harri Anholt

Verführer Alkohol

Das Ende vom Lied

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Verführer Alkohol

Mein Antrittsbesuch auf der „Storkow“ war damals nicht so gelaufen, wie ich mir das so ausgemalt hatte. Allzu viel hatte ich mir zwar nicht versprochen, dennoch war ich ein wenig enttäuscht, als ich vor dem kleinen Kutter stand. Gar kein Vergleich mit einem der Rostocker Logger, von dem ich kam. Wie eine Nussschale wirkte der Kutter dem gegenüber. Sorgen hatte ich mir gemacht. Die Kojen hier auf der Nussschale, würden sie überhaupt lang genug sein? Immerhin war ich knapp über ein Meter neunzig.

Seit kurzem den Facharbeiterbrief in der Tasche, wollte ich unbedingt zu den Saßnitzer. In Rostock hatte ich nämlich als Vollmatrose nicht das Salz auf dem Brot verdient, wie man wohl so sagt. Ganz so schlimm war es dann doch nicht gekommen, doch ich wollte weg. Unbedingt! Die Saßnitzer hatten nämlich draußen in der Nordsee das Deck so voller Fisch, dass der Hering in der leichten Dünung schon wieder über Bord schwappen wollte. Wo gegen wir gleich nebenan lediglich einen Klammerbeutel voll gefangen hatten. Erbleichen vor Neid hätte man da können.

Leicht war es mit dem Betriebswechsel auch nicht geworden. Wechsel hin, freie Berufswahl her, die stand zwar im Gesetzblatt, doch was tun, wenn sie einen nicht nahmen. Weil man eben aus der gleichen Branche kam. Was natürlich nicht laut gesagt wurde. Derart wurde die ach so freie Berufswahl eben umgangen. So war mir nichts anderes übriggeblieben, als vorübergehend eine andere Arbeit aufzunehmen. Eine, die ich im Hafen auch bald gefunden hatte. Für einige Monate war ich dort dann auch hängengeblieben.

Heute aber stand ich nun am ersten Februar im Wintermantel mit dem Koffer in der Hand vor meinem Schiff, meine neue Heimat für längere Zeit. Der „Storkow“, die eben mal siebzehn Meter in der Länge maß, die Nussschale.

An Bord regte sich nichts. Was sollte ich machen? Einfach an Bord klettern? Das tat man eigentlich nicht. Wie man ja auch nicht mir nichts, dir nichts, in eine fremde Wohnung ging. Aber hier am Anleger stehenbleiben, ging auch nicht. Lausig kalt war es in diesen Tagen. Also doch an Bord. Viel zu klettern gab es da nicht. Alles war klein und übersichtlich. Also gleich nach vorn, zum Niedergang ins Logis. Die Kojen waren draußen ja schon meine Sorge gewesen, wegen der Nussschale.

Ich zwängte mich mit dem Koffer den Niedergang hinunter. Vorbei an einer winzigen Kochgelegenheit vorn in der Piek. Ein Blick ins Logis – da schau her! Geräumig, die Kojen an Bord. Auch in der Länge durchaus passend. Nun mal den Koffer auf die Backskiste und umgeschaut. Dass hier Leute hausten, war nicht zu übersehen. Auch war es überraschend warm im Logis. Der Kanonenofen an Backbord sorgte dafür. Sehr angenehm warm, stellte man die Außentemperatur in Rechnung. Ein rascher Blick in den Ofen von oben – Glut war noh drinnen, doch von Kohlen nichts zu sehen.

Darauf bedacht, mir nicht den Kopf zu stoßen, kletterte ich die Stufen des Niedergangs wieder hoch, zwängte mich durch das enge Schott. Draußen aufgerichtet den Körper an Deck, kam jemand achtern hinter dem Ruderhaus hervor. Einer in schmuddeligem Kittel, eine Art Pudelmütze auf dem Kopf, unter dem blonde Locken hervorquollen.

„Was schleichst du hier an Bord herum?“, fragte der Blondgelockte, schaute mich mit bauen Augen an.

„Wer will das denn wissen“, hielt ich dagegen.

„Na schön, ich bin Eddi. Meines Zeichens Maschinist auf diesem Luxusliner. Und du?“

„Ich bin Heiner Kreuger, Matrose. Ich bin der Neue bei euch an Bord.“

Während des kurzen Dialogs waren wie ein paar Schritte auf einander zugegangen. Ich streckte Eddi die Hand entgegen. Ein kräftiger Händedruck. Was schon mal positiv war. Ein lascher Händedruck bedeutete für mich meistens nichts Gutes.

Schnell sah ich mir da meinen neuen Kollegen etwas genauer an. Ein Meter achtzig groß mochte Eddi sein. Zwei helle blaue Augen musterten mich. Schauten mich aus einem markanten Gesicht aus an. Markant auch Eddis Nase! Hallo, das war schon ein bemerkenswertes Organ! Wegen deren Größe. Dazu noch leicht gebogen, gab sie ihrem Träger etwas Kühnes.

„Wenn ich nicht irre, Eddi, sollen hier vier Mann an Bord sein, nicht wahr?“ Eddi nickte kurz, sah sich suchend um: „Da, schau hin, da sind sie ja, Max und Ben.“

„Dann sag mir doch rasch noch, wer ist Max und wer Ben?“

„Mann! Jetzt sei doch nicht so ungeduldig! Die sind doch gleich hier.“

Die beiden Ankömmlinge kamen an Bord geklettert. Sogleich ergriff Eddi das Wort: „Hier siehst du unseren Kapitän. Max Westhoff heißt er. Und das hier ist Ben Freese, unser Decksmann.“

Dass Eddi eigentlich gar nicht Eddi, sondern Edmund Gehrken und Ben eigentlich Benjamin hieß, erfuhr ich erst viel später. Wobei das nicht so wichtig war. Kurzes Händeschütteln nun. Max fragte auch gleich: „Du kommst vom Logger in Rostock, Heiner. Kennst unser Geschirr also noch gar nicht. Oder?“

Ehe ich antworten konnte, mischte sich Eddi schon ein: „Herr im Himmel! Ein Greenhorn haben wir uns eingefangen. Das kann ja heiter werden, draußen auf See.“

„Nimm das bloß nicht so ernst, Heiner, was der Heizer redet. Der sagt viel, wenn der Tag lang ist“, kniff Max ein Auge zu, lächelte leicht.

„Wie nun weiter, Max?“, ignorierte ich Eddis Einwurf einfach.

„Zieh dich erst mal um, Heiner. Dann gehst du mit Ben zum Seefahrtsamt zum Anmustern. Auf dem Rückweg bringt ihr dann gleich Fischkisten mit. Ben wir dir alles zeigen.“

„Ist es nicht besser, Max, ihm noch zwei Mann als Geleit mitzugeben? Einen Kuchen könntest du ihm auch backen. Nicht, dass der Kleine noch Hunger bekommt unterwegs.“

Eddi wieder! Sollte ich darauf reagieren? Lieber nicht. Auf derlei Wortgefechte hatte ich noch nie besonderen Wert gelegt. Solche Quatschereien entsprachen einfach nicht meinem Wesen. Da hielt ich mich gern zurück. Die Zeit für Revanche ergab sich oft von ganz allein.

Ben und ich taten, was Max angeordnet hatte. Wir zogen los zum Seefahrtsamt. Unterwegs versuchte ich, Ben ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Es würde nicht schaden, seine neuen Kollegen ein bisschen besser kennenzulernen.

So erfuhr ich Stück für Stück, das wir alle, Ben selbst, Eddi und ich fast im gleichen Alter waren. So um die zwanzig Jahre jung. Ben taute auf, je länger wir uns unterhielten. In Lietzow würde er wohnen. Ein Motorrad hätte er, mit dem wäre es von Saßnitz nur ein Katzensprung nach Hause. Da würde er jeden Abend hinfahren mit der RT.

Vorsichtig brachte ich natürlich auch die Rede auf Eddi. Ich war richtig neugierig auf Bens Antwort, gestehe ich. Denn so richtig konnte ich diesen Heizer, wie Max ihn genannt hatte, noch nicht einordnen.

„Ach, unser Eddi, Heiner! Das ist schon eine Nummer, sage ich dir. Ein richtiger Typ ist das“, sagte Ben. „Immer lustig, immer einen Streich auf Lager, eine schnoddrige Bemerkung. Aber nie böse gemeint. Und ein ausgezeichneter Maschinist“, schwärmte Ben fast. „Auch an Deck kann Eddi zupacken, du wirst schon sehen.“

Für mich hörte sich das alles gar nicht so schlecht an. Nun wollte ich aber auch noch gern über Max Westhoff hören.

„Was meinst du, Ben, wie alt könnte Max sein?“

„Ich glaube, so um die dreißig, Heiner. Aber genau weiß ich es auch nicht.“

Ich nickte Ben aufmunternd zu. An die dreißig deckte sich mit meiner Vermutung. Max erschien mir gleich etwas gesetzter.

„Und wie ist er sonst, Ben? Ich meine, so bei der Arbeit? Gibt es da vielleicht Geschrei?“

„Überhaupt nicht, Heiner. Max ist die Ruhe selbst. Und fischen kann der, sage ich dir! Na, du wirst es ja erleben.“

Mit der Ausbeute meiner Fragerei war ich sehr zufrieden. Gar so schlecht hatte ich es vielleicht doch nicht getroffen mit meinem neuen Job. Von der Winzigkeit des Kutters mal abgesehen. Und was das Geschirr betraf, ich war von Natur optimistisch. Da würde ich mich zurechtfinden.

Beim Amt ging alles vonstatten. Unmengen von Kisten schleppen wir an Bord, Ben und ich. Ben kannte sich da bestens aus. Schon hier hatte ich das Gefühl, es könnte gut werden im neuen Job. Doch plötzlich begann mein Magen bedrohlich zu knurren! Bei der ganzen Schlepperei hatte ich gar nicht auf die Uhr geschaut – es war Mittag!

„Wie ist es eigentlich mit dem Essen Ben? Ich habe ziemlichen Knast. Wo könnten wir denn etwas zwischen die Zähne bekommen?“

„Kein Problem, Heiner. Noch jeder einen Arm voll Kisten, dann sollte es reichen. Komm einfach mit mir. Wir gehen ins Sozialgebäude.“

Ich war angenehm überrascht! Ein ganz vorzügliches Essen gab es hier im Gebäude. Und billig! Für ein riesiges Eisbein mit Bratkartoffeln zahlte man um die drei Mark. Eine Etage höher konnte man ein Werkessen für nur achtzig Pfennige bekommen. Doch da riet Ben ab. Dort oben sollte es nicht so besonders sein.

Nach dem Essen dann noch ein kühles Bier, so ließ es sich wieder gut leben. Der Magen gab Ruhe. Doch dann wieder an Bord. Max hatte noch weitere Aufgaben für uns parat. Proviant einkaufen im Sozialgebäude. Für eine Woche zunächst. Das dauerte seine Zeit. Danach mussten auch Netze vom Netzboden geholt werden. Da war dann auch schon Feierabend für heute. Eis und Dieselkraftstoff sollten morgen übernommen werden, entschied Max. Ebenso Transitware, wie Tabak, Zigaretten und Alkohol. Dazu sollte sich jeder bei Ben in eine Liste eintragen.

Eddi hatte ich den ganzen Nachmittag nicht mehr gesehen. Keine Ahnung, wo der sich aufgehalten hatte. Aber was fing ich nun mit diesem angebrochenen Abend an? Im Logis vorne zunächst meine Klamotten richtig ausgepackt und im Spind verstaut. Max hatte sich verabschiedet, wollte die Nacht zu Hause bei seiner Familie verbringen. Ben hatte es nach Lietzow zu seiner Freundin gezogen, wie Eddi mir später erzählte.

Ich war noch mit meinen Sachen beschäftigt, als sich draußen an Deck etwas regte. Ich steckte den Kopf aus dem Niedergang – Eddi!

„Was ist, Eddi“, nahm ich die Gelegenheit wahr. Wollen wir heute Abend nicht mal an Land? Ich gebe einen aus.“

„Wird aber auch Zeit, dass dir das noch einfällt, Mann! Höchste Zeit sogar, finde ich.“

„Na, dann ziehen wir uns doch mal was über und los geht die Fahrt. Aber wohin, Eddi?“

„Erst mal zu Emmi.“

„Wer ist Emmi?“

„Ach so. Na, komm, du wirst schon sehen. Sie ist die Wirtin vom „Seestern“. Du könntest ihr gefallen, vermute ich mal.“ Eddi grinste.

Ich sagte nichts weiter dazu. Schaden konnte es ja nicht, wenn man jemanden gefiel. So stiefelten wir los. Die Betriebswache passiert, begann gleich die Strandpromenade mit ihren Kneipen, die da noch nicht kannte. Nach wenigen Schritten auch schon die erste. „Gaunermax“, sagte Eddi. So nannte man die Destille hier. Doch da wollte Eddi nicht hinein mit mir. Bei Emmi wäre es gemütlicher, die Gläser auch voller.

Vom „Gaunermax“ bis zum „Seestern“ waren es wiederum nur wenige Schritte. Eddi ging voran, ich hielt mich dicht hinter ihm. Auch, nachdem wir drinnen waren.

Eddi schien hier wohl jeden zu kennen, der hier hockte. Er grüßte nach links, winkte nach rechts, hatte für jede Seite einen Spruch bereit, steuerte zielbewusst auf den Tresen zu. Mich immer im Schlepptau.

„Das ist unser Neuer, Emmi. Kommt aus Rostock und hat heute seinen Einstand.“ Ich reichte der Wirtin artig die Hand. Die nahm sie auch, griff jedoch mit der linken sofort nach meinem Nacken, zog mich hinunter zu sich. Im letzten Augenblick konnte ich gerade noch meinen Kopf etwas drehen, sonst hätte sie meine Lippen getroffen!

Eddi konnte sich kaum beruhigen vor Lachen! Wies dann aber doch auf die kleine Nische links von Tresen. Offenbar so etwas wie ein Stammtisch. Emmi nickte uns zu, also setzen. Da saßen wir auch kaum, da stand schon für jeden ein Bier auf dem Tisch.

Bestellt hatte ich zwar noch nichts, doch warum nicht. Ich hatte wirklich Durst.

Das erste Glas kaum geleert, stand auch bereits das nächste da. Nun setzte sich Emmi zu uns. Konnte es wohl auch, weil im Augenblich noch nicht gar so viel zu tun war. Noch waren nicht alle Tische im Gastraum besetzt. Wenn auch schon fast dunkel draußen, war es noch relativ früh am Tage. Und da Emmi nun schon mal mit am Tisch saß, bestellte ich noch eine Runde Weinbrand für uns drei. Was mit Wohlwollen akzeptiert wurde.

Mit der Zeit wurde das Gespräch mit Eddi und Emmi immer angeregter. Ich dachte, Emmi wäre wohl am liebste bei uns sitzengeblieben, doch sie musste hoch, neue Gäste waren gekommen, hatten ihre Wünsche. Doch Emmi beeilte sich, war kurze Zeit später wieder bei uns. Und jetzt lief Eddi zu großer Form auf! Überbot sich fast selbst in witzigen Erzählungen und Anekdoten. Manches ging auch unter die Gürtellinie, doch Emmi schien das nicht zu stören. Ganz im Gegenteil! Ihre Augen begannen zu glänzen! Der Alkohol? Ich schaute genauer hin. Wie alt mochte Emmi sein? Die Vierzig hatte sie sicher schon hinter sich gelassen, aber sie schaute gut aus für ihr Alter. Dunkler Teint, schwarzes Haar und schwarze Augen, auch sonst alles dran. Aber immerhin, sie könnte meine Mutter sein, nach Jahren gerechnet.

Der „Seestern“ hatte sich inzwischen weiter gefüllt. Plötzlich waren alle Tische besetzt. So hatte Emmi kaum noch Gelegenheit, sich zu uns zu setzen. Was ihr vermutlich missfiel, wenn ich ihre Miene richtig deutete.

Meine anfängliche Zurückhaltung hatte ich aufgegeben. Da waren Bier und Weinbrand sicher nicht ganz unschuldig dran. Doch was soll´s. Aus ihrem Radio hinter dem Tresen hatte Emmi Musik hervorgelockt. Die tat ein Übriges. Es wurde immer lustiger und schon bald meldete sich bei mir wieder der Hunger. Ich hatte zwar gut zu Mittag gegessen, doch das war schon wieder lange her. Das Bier und der Schnaps, da war es schon besser, etwas im Magen zu haben. Auch, wenn es nur Bockwurst gab. Ich nahm gleich zwei. Mit Salat, wie üblich. Und wieder Bier und Weinbrand.

Ein langer Abend wurde es. Doch der sollte für mich noch zum Glücksfall werden. Auf ihrem Anwesen vermietete Emmi nämlich auch Zimmer! Und das war natürlich etwas für mich. Im Winter auf einem Kutter schlafen war bestimmt kein Vergnügen. Das allerdings sollte ich noch in dieser Nacht am eigenen Leib erfahren.

Noch aber war dieser Abend nicht vorbei, Emmi sehr beschäftigt. Zu einer ordentlichen Vereinbarung wegen eines Zimmers kamen wir nicht mehr, Emmi und ich. Dafür wurden die Gespräche mit Eddi intensiver.

„Ich glaube, bei Emmi hast du jetzt schon einen Stein im Brett, Heiner“, raunte Eddi mir zu.

„Ist doch wunderbar, Eddi. Ich brauche doch das Zimmer. Das weißt du.“

„Das meine ich aber nicht, Menschenskind“, wurde Eddi etwas lauter.

„Und was meinst du, wenn ich fragen darf?“

„Emmi meine ich, Mann! Die liebt junge starke Männer.“

„Willst du damit etwa sagen, Emmi und ich...“

„Genau das wollte ich sagen. Ja.“

„Mann, Eddi! Sie könnte meine Mutter sein. Ist dir das denn nicht kar?“

Eddi schwieg. Auch ich machte mir so meine Gedanken. Die jüngste war Emmi nicht mehr. Dennoch sah sie immer noch gut aus mit ihrem südländischen Typ. Meiner war sie trotzdem nicht. Und wenn ich wirklich mal in einem ihrer Zimmer wohnen sollte, ein Verhältnis mit der Vermieterin? Wo sollte das denn hinführen? Nein, kam nicht infrage. Die Gedanken schweiften ab. Jetzt machte sich der Alkohol doch bemerkbar. Schwerer wurde das Denken.

„Was ist, Eddi, alter Schwede. Nehmen wir noch einen? Dann wird es aber langsam Zeit.“

„Da fragst du noch, du Schnapsnase? Eine Bergziege kann nicht durstiger sein als ich.“

Emmi brachte noch eine Runde. Für sich selbstverständlich einen Weinbrand mit. Danach aber mochte ich nicht mehr. Trotzdem gab es noch eine Runde. Träge wurden die Gedanken dann. Ben hatte mit seiner Einschätzung voll ins Schwarze getroffen. Dieser Eddi, das war wirklich ein Typ! Und trinkfest allemal. Blieb nur noch abzuwarten, wie es später draußen auf See ausschaute.

Einen Scheidebecher jetzt aber wirklich nur noch! Ich hatte genug. Immerhin schien mein Einstand gelungen, doch nun musste es reichen. Ich zahlte die Zeche. Ziemliche Ebbe in meiner Brieftasche. Höchste Zeit, dass da die Flut kam.

Der Abschied gestaltete sich herzlicher als die Begrüßung. Umarmung mit Emmi, Küsschen links, Küsschen rechts oder doch umgekehrt?

Eddi wohnte im Seemannsheim, hatte dort ein schönes Zimmer. Hatte er jedenfalls behauptet. Doch leider nichts mehr frei. Im Betrieb trennten sich unsere Wege für heute. Eddi den Schlängelweg hinauf zum Seemannsheim, ich auf die „Storkow“. Erst später erfuhr ich es. Eddi hatte diesen Abend noch etwas verlängert, noch tiefer ins Glas geschaut.

Bitterkalt war es auf dem Kutter! Keine Zeit mehr, noch länger über diesen Abend nachzudenken. Eiskalt der Kanonenofen, auch nicht das allerkleinste Fünkchen Glut mehr drin! Also, wieder neu anheizen. Da hatte ich mir zum Glück schon etwas bei Ben abgeschaut. Eine Handvoll altes Netzzeug, einen Schuss Diesel, Späne aus alten Fischkisten und Brikett drüber. Schon brannte es lichterloh. Ein paar Minuten noch, da zog wohlige Wärme durch das Logis.

Allgemein und bei Licht besehen, war ich mit meinem ersten Tag in Saßnitz doch recht zufrieden. Eddi ein Pfundskerl! Da hatte Ben keineswegs übertrieben. Okay, auf See, das blieb noch abzuwarten. Und Emmi? Wenn es stimmte, was Eddi über sie gesagt hatte, ich würde mich zurückhalten müssen. Derlei Bratkartoffelverhältnisse waren nichts für mich. Mit diesem Gedanken musste ich dann wohl eingeschlafen sein.

Ein unangenehmer Traum weckte mich. Ich träumte, als läge ich an einem plätschernden Bach. Die rechte Hand in eiskaltem Wasser! Die Augen aufgerissen, zog ich die Hand zurück. Dunkelheit und eisige Kälte um mich! Und die Blase drückte fürchterlich.

Rasch kam ich zu mir. Klar, der Kanonenofen war ausgegangen, hatte die Glut nicht halten können. Das sollte mir mit der Blase nun nicht auch noch passieren. Also hoch, an Deck. Zum Glück weit und breit niemand zu sehen. Über Bord damit. War ja auch nur Wasser.

Unten im Ofen auch nicht das kleinste Fünkchen Glut! Somit auf ein Neues. Anheizen jetzt schon fast Routine. Das Feuer brannte wieder. Gott sei Dank würde das ein Ende finden, wohnte ich erst bei Emmi. Der Ofen bullerte bereits wieder. Ich legte mich noch mal hin.

Schon früh war ich wieder auf den Beinen. Der Ofen hatte noch etwas Glut. Doch Durst und auch Hunger plagten mich. Zu essen hatte ich ja, Wir hatten eingekauft, aber kalt eben. Schlimm, der Durst am Morgen. Hatte ich nicht vorne in der Piek den Teekessel gesehen?

Da könnte Trinkbares drinnen sein. Ja, war es auch. Pfefferminztee, ungesüßt! Schmeckte wie Knüppel auf Kopf. Doch der Durst war stärker.

Was nun? Waschen und Zähneputzen, aber doch nicht mit kaltem Seewasser aus dem Hafen! Eine Schüssel konnte ich auch nicht entdecken. Es half nicht, ich musste warten. Warten, bis jemand kam. Irgendwo in diesem Betrieb musste es doch eine Waschgelegenheit geben!

Max war der erst, der an Bord kam. Nach wenigen Minuten von Ben gefolgt. Das Treffen hatte Max für acht Uhr festgelegt. Da war noch gut eine halbe Stunde Zeit, meine Morgentoilette nachzuholen. Ich fragte Ben.

„Da gehst du zum Sozialgebäude, den letzten Eingang hinten links, eine Treppe hoch. Kannst du nicht verfehlen.“ Ich marschierte los.

Ein Traum, diese Dusche hier! Das tat richtig gut, sich ordentlich heiß abzuduschen. Danach kalt, da lief der Kreislauf wie geölt.

Von Eddi nichts zu sehen, als ich zurück war. Beunruhigt sah ich auf die Uhr - nur noch wenige Minuten bis um acht! Eddi würde doch nicht...? Rasch sprang ich auf den Anleger. Vom Seemannsheim kommend, musste Eddi die Serpentine herunterkommen, den Schlängelweg. Vom Kutter aus hatte ich den nicht sehen können. Nun ein Blick nach oben – doch, Eddi kam, gemessenen Schrittes!

„Moin, Genossen! Alles wohl an Deck?“

Eddis Gruß erwidernd, schaute ich ihn an. Recht zerknittert sah er aus, Freund Eddi! Eigentlich hätte er ausgeschlafen sein müssen. Wir hatten zwar ganz schön gebechert gestern, doch so schlimm war es dann ja auch wieder nicht gewesen. Doch viel Zeit blieb nicht mehr. Max rief:

„Avanti, Jungs! Wir schmeißen los. Ab, zum Tanken, Eddi. Ihr beiden macht den Raum fertig zum Eisnehmen. Anschließen den Transitsack holen und die Getränke an Bord!“

So weit, so gut. Etwas anders wollte ich aber noch wissen. Würden wir denn heute auslaufen?

„Eine Frage noch, Max. Wenn alles erledigt ist, wann laufen wir dann aus? Und wohin?“

„Kannst es wohl kaum erwarten, was Heiner? Also, heute Abend um zehn. Zum Fangplatz Süd-Ost Bornholm. Und besauft euch nicht! Ist das klar?“

Mir fiel auf, dass Eddi gar nichts sagte. Fühlte er sich nicht wohl? Ich versuchte, ihm ins Gesicht zu schauen, doch just in dem Augenblick wandte Eddi sich ab und verschwand im Maschinenraum. Es dauerte eine kleine Weile, da sprang er an, der Diesel. Das Röcheleisen, wie Eddi die Maschine selbst gern nannte.

Ben achtern, ich vorne, warfen wie die Leinen los. Max schipperte uns hinüber zur Tankstelle. Da übernahm Eddi jetzt. Während des Tankens füllten Ben und ich den Frischwassertank auf. Das Eis gebunkert, brachte Max uns mit der „Storkow“ wieder an unseren Liegeplatz. Alles klappte auch wieder beim Ab – und Anlegen. Max verstand sein Handwerk. Gleich darauf verschwand Max wieder, wollte noch zur Einsatzleitung. Eddi kam aus der Maschine, fragte:

„Wie ist es, Männer, eine Frühstückspause ist fällig. Wir könnten uns bei Gaunermax etwas aufwärmen. Ein steifer Grog bei der Schweinekälte, das wäre doch was. Wer geht mit?“

„Ich bleibe an Bord, Eddi“, sagte Ben rasch. „Ich muss auf den Ofen achten.“

Ich zögerte noch. Aufwärmen bei Gaunermax, was hieß das?

„Gut, Eddi, ich komme mit. Aber nur eine halbe Stunde.“

In der Kneipe war es überraschend voll heute am Vormittag. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Offenbar machten hier nicht nur Eddi und ich Frühstückspause. Einheimische kamen hier ganz bestimmt nicht her zu so früher Stunde. Urlauber gab es auch nicht um diese Jahreszeit, also alles Fischer.

Einen Sitzplatz bekamen wir zunächst gar nicht! Was meine Stimmung um einige Grade sinken ließ. Im Stehen Grog trinken? Eddi bestellte bereits zwei.

Da half nichts, wie mussten unseren Grog stehend trinken. Den zweiten auch noch. Beim dritten wurde dann etwas frei, wir konnten uns setzen. Immerhin waren da bereits zwanzig Minuten vergangen.

Und Eddi machte noch gar keine Anstalten, die Zelte hier abzubrechen. Im Gegenteil! Der Grog schien ihn zu beflügeln! Eddi war in seinem Element. Lachen, Witze nach allen Seiten! Winken und Lachen hier und dort. Doch mir brannte die Zeit schon auf meiner Sitzfläche – wir konnten doch hier nicht sitzen und Grog schlürfen, während im Hafen die Arbeit auf uns wartete!

„Ich denke, wir müssen jetzt los, Eddi. Die halbe Stunde ist längst um. Komm, lass uns gehen.“

„Nur keine jüdische Hast, Kleiner. Gar lang ist noch der Tag. Einen nehmen wie noch.“

Ich hatte das Gefühl, der Grog würde immer dünner. Mir wollte das Zeug plötzlich nicht mehr schmecken. Vielleicht hatte dieser Grog tatsächlich etwas mit dem Namen „Gaunermax“ zu tun.

„Also, ich gehe jetzt, Eddi. Es ist höchste Zeit. Kommst du?“

„Geh du nur schon mal vor, Heiner. Ich komme gleich nach. Habe nur noch kurz etwas zu bereden.“

Ich war ärgerlich, als ich ging. Zu bereden! Was konnte Eddi denn hier noch zu bereden haben. Kein Wort glaubte ich ihm.

Den Rest der Arbeit an Bord erledigten Ben und ich ohne Eddi. Die Getränke an Bord bringen, den Transitsack holen, das war bald getan. Langsam machte ich mir Sorgen. Eddi noch immer nicht da, saß sicher noch in der Kneipe. Zu bereden gab es da wohl kaum etwas. Oder doch? Kurz vor dem Mittagessen war er dann doch wieder da, unser Heizer. Aufgeräumt und spritzig wie eh und je. Sollteich ihn fragen, was es denn zu bereden... Auf der Zunge lag es mir schon, doch ich ließ es. Immerhin war es kein Spaß, einfach der Arbeit fernzubleiben. Oder war sowas hier üblich? Ich schluckte meine Fragen hinunter. Wir kannten uns noch zu wenig. Man würde sehen, wie es künftig lief.

Im Grund waren alle Arbeiten erledigt. Im Sozialgebäude hatten wir gut gegessen, auch ein Bier dazu getrunken. Auch noch ein zweites. Ben natürlich nicht. Der schwang sich gleich auf sein Motorrad und zischte ab nach Lietzow. Max hatte uns für den Rest des Tages frei gegeben, hielt sich nicht weiter auf, ging zu seiner Familie. So blieben wir beiden, Eddi und ich mal wieder übrig. Ein paar Stunden blieben uns noch bis zum Auslaufen. Was fingen wir mit ihnen an?

„Wir warten noch ab, Heiner“, meine Eddi. „Emmi macht erst um vier am Nachmittag auf. Du gehst doch mit?“

„Aber nur auf ein Bier, Eddi“, sagte ich. Denn mir war klar, dass ich nach dem Auslaufen das Ruder würde übernehmen müssen. Schließlich konnte Max nicht Tag und Nacht am Ruder stehen. Also musste ich nüchtern bleiben.

Emmi hatte auch noch gar nicht den Schlüssel umgedreht um vier, da standen wie auch schon auf der Matte. Wir waren auch nicht die einzigen. Ein paar durstige Seelen waren schon vor uns dagewesen, strömten mit uns ins Lokal. Mir kam es so vor, als hätte ich den einen oder anderen schon mal gesehen, war mir dessen jedoch nicht ganz sicher.

Unsere Ecke war frei. Kaum Platz genommen, stand das Bier auch schon da. Es bedurfte dafür wohl keiner Worte.

Zeit hatte Emmi zunächst nicht für uns. Der Schwall durstiger Fischermänner hielt sie auf. Doch Emmi war wirklich flink. Im Nu hatten alle ihr Bier. Und da huschte sie auch schon an unseren Tisch.

Am liebsten hätte ich sie da schon nach dem Zimmer gefragt, tat s jedoch nicht. Man fiel doch nicht immer gleich mit der Tür ins Haus. Sowas kam meistens nicht gut an. So nahmen wir zunächst einen ordentlichen Zug aus dem Glas.

Und Eddi hatte wirklich einen heftigen Zug am Leib, denke ich bei mir. Da stand auch schon das nächste Glas auf dem Tisch. Dabei hatte ich gar keinen großen Durst mehr. Sollte ich Emmi nicht doch nach dem Zimmer fragen?

Ich kam nicht dazu. Emmi fragte plötzlich: „Wie lange bleibt ihr denn draußen, dieses Mal?“ Emmi sah mich dabei an, doch ich zuckte die Achseln. Ich wusste es wirklich nicht. Fragend schaute ich auf Eddi.

„Vier oder fünf Tage, schätze ich, Emmi“, antwortete Eddi. „Wieso interessiert dich das denn?“

„Gut, Heiner, dann kannst du bei mir einziehen. Bis dahin habe ich dein Zimmer fertig.“

„Mein Gott, Emmi!“ Ich sprang auf, umarmte sie, küsste ihre Wange, wie sie so auf dem Stuhl saß. „Das ist ja großartig, Mädel! Komm, das muss gefeiert werden! Eine Flasche Sekt, bitte.“

Hatte Emmi erwartet, dass ich sie auf ihren Mund küsse? Fast hatte ich den Eindruck. Doch der Sekt kam! Wir stießen an. Und schnell ging die Flasche zur Neige. Also noch so eine Buddel. Verstohlen sah ich auf die Uhr. Schon jetzt war es später, als geplant. Eine Stunde hatte ich veranschlagt. Doch nun war es gleich achtzehn Uhr. Hunger hatte ich auch schon wieder. Eine Bockwurst? Oder lieber eine Boulette? Anderes hatte Emmi ja nicht. Konnte auch kaum mehr leisten, ganz allein in der Kneipe. Länger bleiben wollte ich aber auch nicht. Unwiderstehlich lockte das Essen im Sozialgebäude doch!

„Emmi war enttäuscht, als ich aufbrach. Ich konnte es ihr ansehen, sagte jedoch nichts. Ich war entschlossen, zu gehen. Ob Eddi mitkam? Es sah nicht danach aus. Nein, Eddi blieb einfach sitzen, als ich aufstand. Nur zur Sicherheit fragte ich noch: „Was ist, Eddi? Kommst du mit mir oder willst du noch bleiben?“ Ich wusste sofort, meine Frage war rein rhetorischer Natur.

„Nun setz dich doch bloß wieder hin, Mann“, rief Eddi ärgerlich.“ Es ist doch noch so viel Zeit bis zehn Uhr.“

„Geht wirklich nicht, Kinder“, sagte ich rasch. „Ihr wisst doch, ich muss gleich ans Ruder nach dem Auslaufen. Tut mir echt leid, aber ich muss los. Mach´s gut, Emmi. Und danke nochmals.“

Damit war es entschieden. Bei Emmi verabschiedete ich mich mit Handschlag. Hatte sie mich erwartungsvoll angesehen? Langsam bildete ich mir das wohl schon ein. Aber auf die Umarmung wollte ich lieber verzichten. Nur nicht zu viel Nähe. Wieder beschloss ich, mich zurückzuhalten, was Emmi betraf.

Im Sozialgebäude ließ ich mir ein riesiges Eisbein schmecken. Mit Bratkartoffeln, versteht sich. Nur auf ein weiters Bier verzichtete ich heute Abend. Auch ließ ich mir Zeit. Denn lausig kalt würde es auf der „Storkow“ wieder sein. Zwanzig vor zehn ging ich dann doch. In Gedanken schon beim Anheizen. Doch zu meiner großen Überraschung war Ben schon an Bord, hatte Feuer gemacht! Wunderbar warm war es im Logis.

Petrus meinte es recht gut mit der „Storkow“ auf meiner ersten Reise. Kalt war es draußen auf See, doch der Wind nur mäßig. Wider Erwarten, hatte Max nun doch den ersten Rudertörn übernommen. Wenige Kutter waren in dieser Nacht unterwegs. Hatte Max gedacht, es wären mehrere? Egal. Gegen Mitternacht sollte ich ihn ablösen.

Pünktlich um Zwölf löste ich ihn dann auch ab. Mit der Maßgabe, ihn halb vier wieder zu wecken. Danach könnte ich ich mich auch noch mal hinhauen.

Die Stunden am Ruder, hatte ich Zeit genug zum Überlegen. Zumal die Sicht gut war, das Wetter durchaus passabel, kaum Schiffsverkehr im Seegebiet.

Eddi fast zu spät gekommen, grübelte ich. Aber warum? Wieso war er nicht mit mir zusammen an Bord gegangen? Sicher, manchmal war es nicht leicht, sich zu lösen, saß man erst mal bei Bier oder Grog. Doch deshalb riskieren, zu spät an Bord zu kommen? Für mich kaum denkbar. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Ich hielt mich dran, Eddi offenbar weniger. Wie es aussah, ließ Eddi gern mal alle fünfe gerade sein.

Max hatte die richtige Wassertiefe mit dem Echolot gefunden. Stockdunkel war es noch immer, trotzdem, alles klar zum Aussetzen des Geschirrs. Wovor ich nun doch ein bisschen Bammel hatte. Wenn auch gleichartig, neu war doch einiges.

Mit der Theorie hatte ich mich schon beschäftigt, mir alles angeschaut an Bord. Trotzdem ist die Praxis das Kriterium der Wahrheit. Es lief dann auch besser, als befürchtet. Gute Vorbereitung zahlt sich halt aus. Wenn es heute auch nur geistige war. Ein kleines Problem hatte es beim Wegsetzen mit der Achterleine gegeben. Gut aufgeschossen, musste das Ding so zu Wasser gelassen werden, dass es nicht verknotete. Da wäre sonst alles für die Katz, das ganze Geschirr wieder eingeholt werden. Der Kelch ging noch mal an mir vorüber. Doch aufpassen, beim nächsten Mal!

Nach dem Aussetzen konnten wir uns alle noch für gut zwei Stunden aufs Ohr legen. Da rief Max zum Hieven. Der spannende Augenblich nahte! Was würde er bringen, der erste Hol? Wie gebannt blickten wie alle auf den Beutel, der jetzt übers Schanzkleid kam – berauschend war er nicht, unser Fang! Doch auch keine Luftnummer, wie sie mitunter mal vorkam. Beutel aufgerissen, alles wieder vorbereitet und erneut zu Wasser, das Geschirr. Wenigstens konnte man vernünftig sehen. Heller war es geworden am Morgen. Aber lausig kalt.

Nun ging es ans Schlachten. Mit Eddi. Und das flutschte nur so! Bald war jeder Dorsch geschlachtet. Dann gewaschen, dass kein Blut mehr dran war. Sortiert nach Größe, in Kisten vepackt und ab damit in den Fischraum. Die Sache da unten war mein Job. Die Kisten bekamen jede eine Schaufel Eis drüber, dann gut gestapelt, dass nichts umkippte bei Seegang. Und den gabs ja immer.

Der Ungelernte, in unserem Fall also Ben, musste kochen an Bord. Das war ein ungeschriebenes Gesetz, wie ich bald mitbekam. Von Eddi natürlich. Damit hatte sich Ben auch längst abgefunden. Gekocht konnte auch nur werden, wenn das Wetter es zuließ.

So lief es nun den ganzen Tag über. Einholen, aussetzen, schlachten und sortieren und verstauen. Die Superfänge warn es nicht, doch Max war ganz zufrieden. Es läppert sich, war ein beliebter Satz von ihm.

Die folgenden drei Tage blieb es bei beständigen Fängen. Auch das Wetter spielte noch immer mit. Doch es war kalt. Das Thermometer hielt sich eben noch über null. Und ich beobachtete Eddi während der Arbeit ein bisschen. Aber so, dass er es nicht merkte. Ben hatte mir ja so einiges schon erzählt. Und Ben behielt recht! Eddi machte richtig mit an Deck! Beim Schlachten hatte ich ihn ja schon gesehen. Da stand er mir kaum etwas nach. Der schlachtete wie ein Weltmeister! Auch die Winsch bediente er meisterlich. Ob beim Hieve, beim Wegsetzen, es klappte alles. Auch beim Verstauen der Kisten, die ja mit dem Doppelhaken angepickt, hochgehievt und mit Gefühl wieder weggefiert wurden in den Fischraum, wo ich sie in Empfang nahm.

Nach vier Tagen hatten wir einen ordentlichen Fang im Raum. Voll war der nicht, doch es war schon richtig etwas zu sehen. Doch jetzt wurden plötzlich die Fänge magerer. Max zog bereits einen Wechsel des Fangplatzes in Erwägung, entschied dann aber doch anders: „Wir machen diesen Hol noch, Männer, dann geht´s ab, nach Hause!“

Es war kurz nach Mitternacht, als die „Storkow“ in Saßnitz festmachte. Das Wetter hatte sich unterwegs schon spürbar verschlechtert. Mehr und mehr hatte es aufgebrist. Auch der Seewetterbericht verhieß nichts Gutes! Wie es aussah, waren wir einem aufziehenden Sturm noch mal entronnen. Doch nun unsere geldwerte Ladung löschen. Eddi wieder an der Winsch, Ben an der Luke und ich unten im Fischraum. Es begann zuerst ein bisschen holprig, doch dann kamen wir mit vereinten Kräften immer besser in Schwung. Am Ende stand in der Fischhalle unsere Beute bereit zur Begutachtung.

Auch Max kam wieder zurück aus dem Glaskasten, dem Büro in der Fischhalle, das Tag und Nacht besetzt war. Hier konnte sich auch jeder Fischer einen Vorschuss auf seinen Verdienst auszahlen lassen.

„Will jemand von euch Geld holen“, fragte Max. „Der Glaskasten ist noch besetzt.“

Ben winkte ab, Eddi sah mich fragend an, doch ich konnte mich nicht gleich entschließen. Es war Ebbe in meiner Brieftasche. Aber Vorschuss? Das mochte ich nicht so recht.

„Viel habe ich nicht mehr, Eddi. Bodensehen in der Brieftasche.“

„Mach doch nicht die Hälfte, Mann! So lange ich was habe, hast du auch was.“

Was sollte ich sagen? Am besten gar nichts. Eddi hatte ja alles gesagt. Dankbar nickte ich ihm zu. Doch es war jetzt drei Uhr in der Frühe. Was anfangen mit diesem frühen Morgen? Selbst in Saßnitz mit all seinen Kneipen war um diese Zeit kaum etwas möglich. Da blieb nur die Koje.

Max und Ben waren sowieso schon wieder weg. Max nach Hause, Ben mit dem Krad nach Lietzow.

Max hatte uns allen drei Tage Freizeit verordnet. Eddi wollte ins Seemannsheim, sich dort in seinem Bett mal richtig ausschlafen.

„Aber um zehn bei Emmi“, rief Eddi mir noch zu. „Heute ist Samstag. Da macht sie um zehn schon auf. Und sei pünktlich.“

Unpünktlich war ich eigentlich nie, soweit ich denken konnte. Doch jetzt noch mal in die Koje. Glut hatte der Ofen ja noch. Im Logis war es noch warm. Rasch noch ein paar Briketts drüber, fertig.

Einschlafen konnte ich nicht gleich. An Eddi dachte ich. Wirklich ein Pfundskerl. Wollte ausschlafen. Ob daraus was würde? Lange hin war es gar nicht mehr bis um zehn. Und dann? Eine Kneipentour würde es wahrscheinlich werden.

Ich wachte auf, weil mir kalt war. An Armen und Beinen. Im Logis eine Hundekälte! Einige Sekunden brauchte ich noch, die Lage zu peilen. Dieser verdammte Ofen! Schon wieder aus, das blöde Ding! Ein Glück, dass das nun bald sein Ende hatte. Ein Blick auf die Uhr – fast schon acht! Der Magen knurrte auch wieder. Zu essen hatte ich ja noch in der Backskiste. Das Brot war nach den Tagen auch nicht mehr das Beste. Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen. Harte Wurst und Butter, damit war der größte Hunger zu stillen. Leider mal wieder kein Kaffee. Den vermisste ich an Bord ganz besonders. Alles Gute war halt nie zusammen.

Nach einer ausgiebigen Dusche im Sozialgebäude kam ich schließlich doch noch zu meinem Kaffee. Da fühlt man sich doch gleich viel besser, mit etwas Warmem im Leib.

Die Betriebswache passiert, schlenderte ich das Stück Strandpromenade entlang. Nur das Sakko hatte ich angezogen, es war ja nicht weit. Doch es war empfindlich kalt! Dazu wehte auch noch ein schneidender Wind. Aber pünktlich würde ich auf jeden Fall sein. Kaum am Gaunermax vorbei, sah ich Eddi auch schon vor dem „Seestern“ ungeduldig von einem Bein aufs andere trampeln. Offenbar hatte Emmi den Schlüssel innen noch nicht umgedreht. Doch sie tat es, als ich bei Eddi angekommen war. Sofort war auch Eddis Ungeduld verflogen.

„Moin, Emmi, schönste Wirtin aller Schönen.“

„Moin, Eddi, alte Russbutte. Und Heiner, goldenes Fischlein. Alles wieder im Lande? Kommt nur herein. Ihr seid die ersten heute. Richtig kalt heute, nicht?“

Recht hatte Emmi. Viel zu dünn, mein Sakko für den Winter. Aber den langen Mantel mochte ich einfach nicht. Ein steifer Grog würde mich schon bald durchwärmen.

Eddi hatte einen Plan für den heutigen Tag. Nicht nur für den. Auch für die Nacht. Eddi flüsterte plötzlich! Erstaunt sah ich ihn an, fragte aber nicht. Eddi flüsterte weiter: „Emmi braucht das nicht hören, Heiner! Sie mag es gar nicht, wenn wir in andere Lokale gehen. Und sie mag es ganz und gar nicht, wenn ihre Mieter junge Damen mit aufs Zimmer nehmen. Nur, damit das auch klar ist.“

Eddis Plan war es, heute Abend in die „Freundschaft“ zu gehen. Ein Lokal, gleich hinter dem „Seestern“. Nur höher gelegen. Steile Stufen würde es da hochgehen.

Den Tag heute überstanden wir beide ganz leidlich, Eddi und ich. Fast ein bisschen viel Grog bis Mittag. Gutes Essen im Sozialgebäude, danach eine Siesta.

Eddi im Seemannsheim, ich in meiner neuen Bude bei Emmi, wo ich meine Habseligkeiten noch nicht eingeräumt hatte. Was ja auch noch Zeit hatte.

Um halb vier wollten wir uns im Hafenhotel treffen, hatte Eddi beschlossen. Er musste mir den Weg dahin beschreiben, denn ich kannte das Hotel ja noch nicht.

Dort angekommen, war hier alles anders. Weniger Fischer im Lokal. Meistens Einheimische. Arbeiter und Handwerker vielleicht. Eine hübsche junge Brünette bediente uns. Mit ordentlich Holz vor der Hütten. Und auch die kannte Eddi natürlich! Wie sollte es auch anders sein.

---ENDE DER LESEPROBE---