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Jahn W. hat es geschafft, ist Hochseefischer. Rolf S. kommt neu an Bord, möchte zu See. Er wird seekrank, ist verzweifelt, möchte am liebsten über Bord. Wieder an Land, trifft er eine Entscheidung. Während eines Orkans liegen die "Antares" und die "Srom" in Cuxhaven fest. Eine Sturmflut kommt über die Deutsche Bucht. Die Kapitäne müssen abwarten, doch in der Nacht ist die "Srom" plötzlich verschwunden, ist ausgelaufen - mitten in einen neuen Sturm...
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
Impressum
In schwerer See
Das kleinere Übel
Bereits seit Generationen lebte Familie Steinle in Apolda, einer Stadt, die zu dieser Zeit etwa dreißigtausend Einwohner zählte. Hier ließ es sich ganz anständig leben. Es war auch einiges los in der Stadt. Was aber Rolf Steinle nicht so besonders interessierte. Anderes hatte er im Sinn.
Bei der Deutschen Reichsbahn hatte er Maschinenschlosser gelernt, war auch in Weimar zu manigfaltigen Reparaturen eingesetzt worde. Die Lehre mit „Gut“ abgeschlossen, verdiente er jetzt auch schon ganz ordentlich. Trotzdem, so recht zufrieden war Rolf nicht.
Es war gar nicht weit bis zur Westgrenze. Da hatte man schon so manches gehört von der großen weiten Welt. Nein, nicht, dass etwa flüchtig werde wollte! Das wirklich nicht. Aber die Ferne, die lockte! Schauen möchte er, wie es woanders auf der Welt aussah.
Am liebsten wäre Rolf bereits nach der Schule gleich nach Norden gezogen. Dorthin, wo es Schiffe gab. Schiffe, die in die ganze Welt hinausfuhren. Doch diie Eltern waren dagegen gewesen. Zuerst einen anständigen Beruf erlernen. Danach würde man weitersehen.
Den Beruf hatte er nun. Den auch gar nicht mal so schlecht abgeschlossen. Die Sehnsucht nach der Ferne war geblieben. Auch hatten die Eltern jetzt gar nichts mehr gegen einen Berufswechsel, wenn es denn unbedingr sein müsste. Hatte die Mutter gemeint. Der Vater war so gar der Meinung, die Jugend müsse sich doch die Hörner abstoßen.
Rolf Steinle bewarb sich beim VEB Deutsche Seereederei Rostock als Maschinenassistent. Schlosser hatte er gelernt. Warum also nicht als Maschinenassistent auf See arbeiten?
Die Bewerbunng war weg, jetzt hieß es, warten. Rolf wartete und wartete, wartete sehnsüchtig, die Antwort wollte nicht kommen. Wie das dauerte!
Schließlich kam sie doch! Ungeduldig den Umschalg aufgeissen, gelesen – Enttäuschung! Eine Absage. Dabei hatte er sich alles so schön ausgemalt! Und nun die Absage. Zu viele Bewerber hätte man zurzeit, stand in dem Brief. In diesem Jhr und auch im folgenden Jahr wäre es nicht möglich, weiteres Personal einzustellen.
Tief saß die Enttäushung. Nur langsam wollte sie weichen. Über ein Jahr warten! Doch aufgeben? Nein, so schnell wollte Rolf Steinle die Flinte nicht ins Korn werfen. Das war doch viel zu lange, beinahe zwei Jahre!
In die Stadt kamen des Öfteren Urlauber aus dem Norden! Auch dieses Jahr sollten welche gekommen sein. Ob man sich da nicht mal heranpirschte? Dem Vernehmen nach sollten auch Leute von der Hochsefischerei dabei sein. Wäre das nicht vielleicht…?
Rolf hielt es nicht länger zu Hause. Er bummelte durch verschiedene Kneipen. Das machte er sonst nicht, doch heute musste es mal sein. Und er hatte Glück!
In einem Lokal traf er auf Männer aus dm Norden. Wie es hier üblich, setzte sich Rolf zu ihnen, bestellte sich ein Bier. Vorsichtig versuchte er, herauszubekommen, welchen Beruf die Leute ausübten. Zu seinem Erstaunen war das überhaupt kein Problem! Ja, Hochseefischer wären sie, erzählten sie bereitwillig.
Immer besser kann man ins Gespräch. Was vielleich auch ein bisschen am Bier und Korn lag. Kostverächter waren sie nicht, die Leute aus dem Norden. Statt Bier, wie hier unten üblich, tranken sie auch noch Schnaps dazu.
Ja, klar! Leute wurden in der Hochseefischerei immer gesucht. Und natürlich auch welche für die Maschine – Musik in Rolf Steinles Ohren! Das waren doch mal gute Nachrichten!
Spät wurde es an diesem Abend. Gantz nüchtern kaum Rolf nicht nach Hause. Doch die Adressen, die hatte er in der Tasche.
Die Hochseefischerei ist ein hartes Brot. Jahn Wendorf hatte es am eigenen Leib erfahren. Mit fünfzehn Jahren hatte er seine Lehre in Rostock begonnen, sie auch mit Erfolg abgeschlossen. Mit der Eins des kleinen Mannes, wie es in der Berufsschule so hieß. Mit „Befriedigend“ also. Aber was für eine Lehrzeit war das gewesen, diese beiden Jahre!
Mit dere Seekrankheit war es so schlimm zum Glück nicht geworden. Nur das eine oder andere Opfer hatte er Neptun bringen müssen. Das hatte sich alsbald gegeben. Doch die Arbeit! Jugendschutz? Kein Mensch an Bord sprach über sowas. Wussten die überhaupt, was das war?
Zerschunden am ganzen Körper, die Hände voller blutiger Blasen, die zu vereitern drohten. Dazu die himmelhoch gehende See oben in der Barentssee. Kaum dass man sich noch auf den Beinen halten konnte. Hin und her wurde man geworfen an Deck, hatte mühsam nach Halt gesucht. Fast war es gewesen, als wollte die See ihn verschlingen!
Arbeiten Tag und Nacht. Keine Zeit, aich nur ein paar Stunden zu schlafen. Saß man doch mal iegendwo für einen Augenblick, sofort fielen die Augen zu vor Müdigkeit. Selbst beim Essen. Da passierte es, dass die Nase in die heißen Kartoffeln in der Schüssel fiel. Man aß ja immer aus Schüsseln. Mit Tellern wäre das kaum etwas geworden bei dem Seegang. Mitunter ware alles kaum noch zu ertragen gewesen.
Nach jeder Reise, die er lebend überstannden hatte, schor er sich damals, jetzt mustere ich ab! Hatte es dann aber doch nicht getan. Dreimal war das passiert. Wie hätte er den Eltern das auch erklären sollen? Er hatte doch selbst so sehr auf diesem Beruf bestanden. Hatte unbedingt zur See wollen. Nichts anderes wäre für ihn infrage gekommen. Nein, da konnte man doch nicht einfach alles hinwerfen!
Nach der dritten Reise war es dann leichter geworden. Viel gelesen hatte er schon als Junge. Gelesen auch, dass Menschen so unglaublich viel an Leid und Qualen erdulden können. Und er wollte das hier überstehen! Um jeden Preis.
Fast wäre es dann doch noch schiefgegangen! Ein gewaltiger Brecher hatte ihn oben in der Barentssee erwischt, den Logger. „Wahrschau“, hatte der Kapitän von oben auf der Brücke nochh gebrüllt – zu spät! Der Brecher überrollte das ganze Schiff mit allemm, was an Deck war. Ein ungeheurer Wasseerberg hatte alles mit sich gerissen. Auch ihn selbst. Eine mächtige Wassersäule hatte ihn hochgehoben! Keine Luft hatte er mehr bekommen, wäre fast erstickt, hatte viel Wasser geschluckt. Seewasser. Verdammt salzig.
Der Wasserberg hatte ihn an die zehn Meter nach achtern an die Winsch geschleudert! Angefühlt hatte es sich im esten Augenblick, als wären ihm sämtlich Knochen gebrochen worden! Fast ohnmächtig, halb erstickt, hatte er versucht, sich aufzurappeln. Es schmerzte fürchterlich, doch es ging – er hatte sich bewegen können!
Der Logger hatte den Wasserberg an Ende doch abgeschüttelt. Besorgt hatten ihn die anderen gefragt, ob denn auch alles in Ordnung wäre. Ja, es ginge wohl wieder. Gebrochen wäre wohl nichts.
So ganz hatte Jahn Wendorf dieses Erlebnis auch später nicht ausblenden können. Doch schwach oder gar ängstlich hatte es ihn nicht gemacht. Eher das Gegenteil. Gestärkt hatte es ihn. Seine Lehren hatte er daraus gezogen. Eine Hand fürs Schiff, die andere für sic selbst. Später, als ihm die Seebeine gewachsen waren, wie man an Bord so sagte, da hatte er dann fast geglaubt, ihm könne überhaupt nichts passieren auf See.
Dann die erste Reise als Vollmatrose. All die schwere Arbeit, der ständige Mangel an Schlaf, all das hatte ihn nicht mehr schrecken können. Angeheuert auf der „Pariot“, ging es zum Fischfang hinaus in die Nordsee – das erste Geld sollte verdient werden!
Dann kam alles ganz anders. Bereits untewegs zum Fangplatz hatte der Kapitän das Transitschapp öffnen lassen. Nichts Ungewöhnliches eigenlich. Doch dass er hier nun den ganzen Schnaps vertilgen lassen wollte, das war eben nicht alltäglich. Hatte die Welt sowas schon gesehen?
Ein riesiges Besäufnis hob da an! Viele an Bord nutzten das weidlich aus. Nur wenige waren nüchtern geblieben. Jahn Wendorf gehörte dazu. Fast grenzte es an ein Wunder, das man überhaupt unbeschadet am Fangplatz ankam.
Schließ war es dann doch soweit, das Geschirr wurde ausgesetzt. Für drei Stunden herrschte Ruhe an Bord. Die wackeren Zecher konnten sich noch etwas von ihren Strapazen erholen. Dann wurde gehievt.
Große Spannung bis der Stert endlich oben war – maßlose Enttäuschung! So gut wie leer, der Sack. Nur ein Klammerbeutel mit ein paar Heringen, die sich bestimmt nur verirrt hatten. Nicht mal für eine Mahlzeit der Besatzung reichte das!
Beim nächsten Hol wurde es auch nicht besser. Fangplatzwechsel, also. Über Funk hatte der Alte gehört, dass die Saßnitzer gute Fänge gemacht haben sollten. Also hin da. Ein paar Stunden zu laufen, dann wieder zu Wasser, das Geschirr. Warten, hieven – wieder nichts! Und dabei hatten die Saßnitzer neben an, man konnte es direkt beobachten, das Deck so voll von Hering, dass sie bei der leichten Dünung der Nordsee wieder über Bord zu schwappen drohten!
Diesen Anblick war Jahn nie wieder losgeworden. So viel Fisch! Und nichts, aber auch gar nichts hatten sie hier! Ein Desaster! Grauenhaft.
Auf dieser Reise änderte sich kaum etwas an dieser Misere. Die Fänge geradezu lächerlich, verglichen mit den Saßnitzern.
Jahn erinnerte sich genau. Wieder in Rostock, hatte er in den knapp drei Wochen der Reise zweihundertfünfzehn Mark verdient! Und das war des Schlechten denn doch zu viel gewesen. Ohne viel Trara und Aufhebens hatte er sowohl den Logger als auch den Betrieb verlassen. Ganz einfach war es nicht gelaufen, doch schließlich war er doch in Saßnitz gelandet.
Februar war es geworden. Und kalt obendrein. Eined Unterkunft hatte er noch nicht, musste also fürs Erste auf dem Kutter schlafen. Nicht schön, hatte er doch gehofft, auf einen der Kutter zu kommen, die er in der Nordsee gesehen hatte. Doch daraus war nichts geworden. Auf einen der kleinen Kutter musste er. Nur siebzehn Meter über alles. Fast eine Nussschale, verglichen mit einem Logger. Doch was soll´s. Wer A sagt, muss auch B sagen.
Auf so einem Kutter ging es legerer zu. Man war hier sofort mit jedem per „Du“. So hatte er sich beim Kutterführer Max Deckert gemeldet damals. Auch der Maschinist Hans Pärner war dabeigewesen. Mit Wohlwollen hatte man ihn begrüßt. Wohl deshalb, weil er Hochseefischer gelernt hatte.
Für so einen Kutter wären nur vier Mann vorgesehen, erfuhr Jahn. Der viete Mann sei immer ein Ungelernter, hatte Max erklärt. Auf den würde man noch warten. Der bisherige sei krank geworden.
So wohlwollend Jahn auch aufgenommen worden war, bei seinem Problem konnten weder Max noch Hans helfen: Die nterkunft. Im Seemannsheim war nichts mehr frei gewesen. Und in der Stadt kannte er keine Menschenseele. Blieb also nur der Kutter zum Übernachten. Fürs Erste jedenfalls. Keine sehr angenehme Sache bei Wintertag.
Was sich sehr schnell herausstellte. Vorn im Logis ein Kanonnofen. Dort ein Feuer zu entfachen war kein Problem. Eine Handvoll altes Netzzeugs, paar Stücke von Kistenbrettern drüber, Briketts obendrauf. Eine Spritze Dieselkraftstoff, der Ofen brannte.
Schon bald breitete sich wohlige Wärme im Logis aus.
