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Dichter Nebel im Ärmelkanal! Der Kapitän ist auf der Brücke, der Zweite Offizier Marc W. steht in der Nock, starrt in den Nebel - da! Ein Schrei! Achtern am Heck klatscht etwas ins Wasser - Mann über Bord! Hektische Suche auf dem Schiff - ein Matrose fehlt! Einer den unbeliebt war bei der Crew. Ein Spitzel, wurde behauptet. Ein Unfall? Oder hatte da jemand nachgeholfen? Ein vorsätzlicher Mord gar auf dem Schiff?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Nebelfahrten
Tod auf See
Nach einer längeren Reise hatte die „Deneb“ im Rostocker Stadthafen festgemacht. Bisher stand noch nicht fest, wohin die nächste Reise gehen sollte und vor allem nicht, wann. Es war nun auch schon September geworden, der Sommer so gut wie vorbei. Ein hässlicher Nordwest wehte, und es war kühl und regnerisch.
Kapitän Rossmöller stand heute ein schwerer Gang bevor. Ins Haus der Schifffahrt musste er. Nach ganz oben, in die Abteilung „Befrachtung“. Um die nächste Reise sollte es gehen. Nicht weiter schlimm. Was Günter Grohsmüller aber gar nicht behagte, er musste auch noch zur Parteileitung!
Es sah so verdammt nach Regen aus! Sollte er nicht doch lieber einen Mantel überziehen? Andererseits, bis zum Haus der Schifffahrt war es nur ein Katzensprung. Nein, der Mantel blieb im Spind. War ja fast noch Sommer, und aus Zucker war man auch nicht.
Das Frühstück an Bord war vorzüglich wie immer. Dennoch, so recht wollte es nicht munden – zum Parteisekretär! Was Max Bremer wohl wollte? Immer hatten sie was zu meckern da oben. Hier was kritisieren, dort etwas zu bemängeln. Dabei war Max doch ein ganz verträglicher Kerl. Man kannte sich ja. Max war früher selbst mal zur See gefahren.
Rossmöller meldete sich bei seinem Ersten Steuermann ab. Plötzlich hatte er es eilig, wollte die Sache so rasch wie nur möglich hinter sich bringen. Sorgen wegen seiner Abwesenheit an Bord machte er sich nicht. Auf Marc Wiedenbohm, seinem Ersten, war Verlass. Ein guter Mann, würde wohl bald selbst Kapitän werden. Schade eigentlich. Einen solchen Mann würde man kaum wieder an Bord bekommen. Zum Glück war es noch nicht so weit.
Rossmöller stakte die Gangway hinunter. Etwas kurzatmig. Das Übergewicht. Mehr Sport müsste man treiben, ein wenig abspecken.
Eben die Hafenwache passiert, packte Rossmöller der Wind. Rasch versuchte er, den Kragen des Sakkos hochzuziehen, doch es nütze kaum etwas. Da hätte er doch wohl besser den Mantel… Egal. Zum Umkehren war es zu spät. Blieb nur zu hoffen, dass es nicht auch noch regnete.
Der Eingang zum Haus der Schifffahrt war trockenen Fußes erreicht. Rossmöller ordnete Sakko und Frisur. Rasch noch mit dem Kamm durch das bereits schütter werdende Haar – sollte er den Aufzug nehmen? Da stand doch schon wieder eine Traube Menschen davor! Meistens funktionierte das Ding gar nicht. Also, doch lieber die Treppe. Auch nicht das Schönste, dieses Treppensteigen. Zum Glück war es nur eine Treppe bis zu Max. Rossmöller entschloss sich, zuerst zu Max Brenner zu gehen.
Er klopfte, trat auch gleich ein, blieb jedoch wie angewurzelt auf der Schwelle stehen – das war doch nicht Max, der da hinter dem Schreibtisch hockte! Hatte er diesen Mann nicht schon mal gesehen? Rossmöller war nicht sicher. Bekannt kam der kleine Kerl ihm schon vor, doch er kam nicht drauf.
Noch bevor Günter Rossmöller überhaupt etwas sagen konnte, kam der Kleine hinter seinem Schreibtisch hervor. Jetzt konnte Rossmöller erst genau erkennen, dass der Bursch wirklich klein war. Einsfüfundsechtzig vielleicht.
„Nur herein, wenn´s kein Schneider ist, Kapitän.“ Es sollte wohl recht leutselig klingen, doch Rossmöller blieb reserviert. Grüßte kurz und schwieg dann.
„Ich bin Willi Fuhrgeld, Kapitän“, hörte Rossmöller den Kleinen sagen, der nun an ihn herantrat, ihm die Hand reichte. Rossmöller umschloss die Hand Führkells, dass kaum dessen Daumen noch aus der mageren Hand hervorragte.
„Ich bin Günter Grohsmüller“, sagte der Kapitän artig, ließ Fuhrgelds Hand nun los.
„Ich weiß, Kapitän, bitte.“ Damit wies Fuhrgeld auf einen Sessel vor seinem Schreibtisch. Rossmöller setzte sich ein wenig ächzend, hielt es jedoch nicht länger aus. Wer war der Kerl eigentlich und was wollte der? Wo Max nur blieb!
„Nun sagen Sie doch mal, wo ist Max denn nur?“, wurde Rossmöller ungeduldig, „Und seine Sekretärin ist auch nicht da.“
„Eins nach dem anderen, lieber Rossmöller“, lächelte Fuhrgeld wieder jovial. Rossmöller wollte das überhaupt nicht gefallen. Er machte es sich in seiem Sessel bequem, streckte die Beine weit von sich, entschlossen, jetzt nicht mehr zu fragen. Dieser Fuhrgeld! Der würde schon noch mit der Sprache herausrücken. Lange brauchte er auch nicht warten:
„Die Sache ist die, lieber Rossmöller. Der Max ist in Berlin, im Ministerium. Da wird es in Bälde Neuigkeiten geben, Kapitän. Und was die Sekretärin betrifft, ich habe ihr heute frei gegeben. So sind wir ganz ungestört.“
Ungestört? Rossmöller wurde mistrauisch. Sowas hatte es bei Max nie gegeben. Was der zu sagen hatte, konnte jeder hören. Auch, wenn es manchmal unangenehm war.
„Und Sie, Genosse Fuhrgeld? Verteten Sie nun Max? Oder bleibt er so gar in…?
„Aber, aber, Günter! Wir sind doch Genossen. Da bleiben wir doch gleich beim „Du“, nicht wahr?“
Wieder dieses joviale Grinsen in Fuhrgelds Gesicht. Das war doch nicht echt! Weil es auch immer gleich wieder wie weggewischt war.
„In Ordnung, Willi“, sagte Rossmöller verdrossen. „Jetzt sag mir doch mal, was ich hier soll, wenn Max nicht da ist. Wir kennen uns doch überhaupt nicht.“
„Sofort, Günter, sofort. Es sind zwei Dinge, die ich mit dir besprechen möchte.“ Willi Fuhrgeld tat plötzlich ganz geschäftig. Die kleinen Hände richteten einen Stapel Akten aus, schoben ihn hin und her, um dann die Hände daraufzulegen.
„Und die wären?“, fragte Rossmöller ungeduldg.
„Es ist der Plan, Günter. Die Planerfüllung. Da hapert es gewaltig in der Flotte, sage ich dir.“ „Geht´s etwas genauer“, fragte Rossmöller noch ungeduldiger. Was wollte dieser Mensch nur? Ihm die Zeit stehlen? Oder war das hier ein Spiel?
„Eines ist doch klar, Kapitän. Unsere Schiffe liegen viel zu viel im Hafen und kacken den voll, weil draußenn zu viel Wind ist, um auszulaufen.“
Günter Rossmöller hatte das Gefühl, als hätte ihm Fuhrgeld ins Gesicht geschlagen! Das war doch wirklich starker Tobak! Nicht zu glauben, sowas – den Hafen vollkacken! Hatte man das schon mal erlebt? Eine Unverschämtheit! Rossmöller zog seine Beine wieder an sich. Sein gedrungener Körper spannte sich, doch äußerlichh blieb der Kapitän scheinbar gelassen. Jetzt nur nicht gleich aufregen. Darauf lauert dieser Wicht doch nur. Doch warte, Freundchen!
„Also, der Max, Willi, der war doch früher auch auf See. Du auch?“ Günter Rossmöller zwang sich zu dieser doch recht freundlichen Frage.
„Leider nein, Günter. Ich bin Parteiarbeiter gewissermaßen, Arbeiterklasse. Habe ML studiert.“
„Ja, dann kannst du es nicht wissen, Willi“, sagte Rossmöller gelassen. „Marxismus und Leninismus, die helfen dir da draußen wenig, wenn es stürmt und du eine gefährliche Ladung an Bord hast.“
„Das ist aber nicht die Frage, Kapitän.“
Die kleine Hand klatschte nun etwas lauter auf die Aktendeckel. Grohsmüller registrierrte es mit leichter Befriedigung: „Und was ist nun hier die Frage?“
„Ein vertretbares Risiko eingehen, mein Lieber. Das ist die Frage.“
„Aha, da schau her, Willi. Wer entscheidet das wohl?“
„Ich glaube, so kommen wir nicht weiter, Günter.“
„Richtig, Willi. Nur der Kapitän entscheidet. Er ganz allein. Niemand kann ihm das abnehmen. Auch du nicht.“
Die kleine Hand auf dem Aktendeckel krampfte sich zusammen, ballte sich zur Faust, öffnte sich wieder: „Lass uns nun über meinen zweiten Punkt reden, Günter.“
„Dann lass mal hören“, erwiderte Rossmöller nun ruhiger.
„Um die führende Rolle der Partei geht es dabei, Kapitän. Um sie geht es. Sie muss überall durchgesetzt werden. Auch bei dir an Bord der „Deneb“ muss das sein. Ich denke, du verstehst.“
„Da sehen ich aber gar keine Gefahr, Genosse Fuhrgeld. Nicht die geringste. Bei mir an Bord ist alles klar.“
„Ist es eben nicht!“ Die kleine Hand schob wieder die Akten hin und her. Rossmöller reagierte nicht.
„Wenn ich richtig informiert bin“, fuhr Fuhrgeld fort, „So seid ihr lediglich drei Genosse an Bord.“
„Richtig, Genosse Fuhrgeld. Absolut richtig, im Moment ist es so. Doch schließlich kann ich doch nicht…“
„Das müsst ihr ändern, Günter! Drei Genossen – ich bitte dich! Das ist doch zu wenig. Ihr müsst das ändern. Überzeugen müsst ihr die Mnschen. In Gesprächen, Diskussionen. Du hast da doch diesen Weide…“
„Meinen Steuermann meinst du? Der heißt Wiedenbohm. Marc Wiedenbohm. Guter Mann.“
„Ja, genau, Günter. Den meine ich. Der wäre doch wirklich…“
„Was“, unterbrach Rossmöller, „Soll ich den etwa fragen, ob er eintreten will? Mensch, Willi! Ich kann den doch nicht so einfach fragen!“
Den Satz kaum beendet, wusste Rossmöller, er hatte einen Fehler gemacht. Himmel, A… und Zwirn! Den würde er ausnutzen, der Zwerg. Hoffentlich war das hier jetzt bald vorbei. Doch da legte dere Kleine auch schon los! In beide Hände nahm er seine Akten, hob sie hoch und ließ sie mit einem lauten Klatschen aif die Tischplatte niedersausen:
„Nein, nein und nochmals nein!“ Willi Fuhrgeld schrie jetzt fast: „Menschenskind, das sollst du eben nicht! So überzeugt man doch einen Menschen nicht von einer guten Sache!“
Fast wäre Rossmöller zusammengezuckt bei Fuhrgelds plötzlichem Ausbruch. Großer Gott, was war denn plötzlich in den gefahren? War er verrückt geworden? Günter Rossmöller zwang sich zur Ruhe. Gelassenheit vortäuschend, streckte er die Beine wieder von sich. Nein, den Triumph wollte er dem Kleinen nicht gönnen, sich hier noch zu ereifern.
„Ich glaube, ich muss euch einen GdK auf die „Deneb“ schicken, Günter. Allein kriegt ihr das offenbar nicht auf die Reihe.“ Fuhrgeld hatte seinen Anfall wohl überwunden, doch Günter Rossmöller erschrak nun doch! Einen GdK, Gehilfen des Kapitäns! Das war nichts anderes als ein Aufpasser, ein Politoffizier! Das hätte noch gefehlt. An Bord herrschte eine prima Stimmung. Auch dank eines Wiedenbohm. Und nun das!
„Einen GdK, sagst du, Willi?“ Rossmöller gab sich betont lässig. „Einen GdK auf einem Kümo? Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Die fahren doch sonst nur auf den großen Schiffen. Ostasien und so.“
„War auch nicht ganz ernst gemeint, Günter. Ich wollte da nur ein bisschen… Na. Du weißt schon.“
„Also, hör mal, Willi“. Bereits etwas versöhnt, blickte Günter Rossmöller auf seine Armbanduhr: „Ich muss noch in die Befrachtung. Wenn sonst nichts weiter ist…“
Nein, Willi Fuhrgeld hatte nichts weiter. Vorläufig nicht. Da war der Kapitän schneller draußen, als er hereingekommen war. Auf den Händedruck mit dem Giftzwerg hatte er verzichtet, nur kurz an die nicht vorhandene Mütze getippt. Mann, Mann! Was für eine Unterredung. Erst den Hafen vollkacken, dann auch noch einen GdK an Bord schicken! Nicht zu glauben, was denen hier an Land alles so einfällt.
Draußen auf dem Gang hätte sich Günter Rossmöller am liebsten geschüttelt wie ein nasser Hund, um dieses Gespräch wieder aus den Kleidern zu bekommen. Brrr! Doch nun zur Befrachtung nach oben in den achten Stock. Und wieder stand er vor dem Lift. Die Treppe? Lieber nicht. Außerdem schien der Lift heute einen guten Tag zu haben – er funktionierte!
Das Ergebnis beim Befrachter? Fast eine Beleidigung! In die Englandliniedsollte er mit der „Deneb“. Ein Kümo wäre ausgefallen in der Linie. Nun nach Wismar in Ballast, Teilladung übernehmen für Hamburg, dann nach Hull und Goole! Ein Albtraum, dieses Goole! Dahin nun die schönen Reisen in der Trampschifffahrt. Englandlinie jetzt. Zum Heulen!
Etwas überhastet verabschiedete sich Günter Rossmöller vom Befrachter. Verstehen wollten sie ihn nicht da oben. Zeigten sich so gar befremdet, weil doch angeblich die Linie so begehrt war unter den Seeleuten. Man wäre doch öfter daheim, hätte so gar einen Fahrplan. Für einen Rossmöller war das alles nichts.
Draußen packte ihn wieder der Wind. Dieses Mal vonn hinten, trieb er den Kapitän vor sich her, schneller, als gewollt. Rossmöller sinnierte unterwegs. Was für ein Tag heute! Und dieser Fuhrgeld! Mein Gott, wo der bloß herkam. Dem wollte man am liebste nicht wieder begegnen. Rossmöller seufzte. Sein Tag war das heute mit Sicherheit nicht. Und zu Ende war der auch noch nicht.
Die „Deneb“ war fast erreicht. Der Wind jagte Kapitän Rossmöller fast die Gangway hinauf! Eine heftige Böe erfasste ihn, fast währe er gestürzt! Gerade konnte sich Rossmöller noch am Tau der Gangway mit der linken Hand festklammern, schlug dabei jedoch mit dem rechten Ellenbohgen gegen das Schanzkleid – der Schmerz jagte hoch bis ins Gehirn!
Zum Glück hatte wohl niemand etwas gesehen. Es war auch Mittagszeit. Da saßen sie alle in der Messe. Doch der Wachmann! Hätte der nicht an der Gangway…? Egal, nur in die Kammer. Rossmöller ereichte sie ungesehen, doch der Arm schmerzte höllisch! Hoffentlich war da nichts weiter passiert. Da sollte Wiedenbohm wohl lieber mal nachschauen. Der hatte ja sowieso die Schiffapotheke unter sich. Mit einem „Mahlzeit“ betrat Kapitän Rossmöller die Offiziersmesse.
Marc Wiedenbohm, bereits im Begriff aufzustehen, schaute noch einmal auf seinen Teller. Es gab Reis mit Currygulasch. Der Backschafter brachte Rossmöller seine Portion. Das nutzte Marc: „Ich nehmen noch eine Portion, Jürgen.“ Marc Wiedenbohm sprach die Matrosen mit Vornamen an, blieb jedoch immer beim „Sie“.
„Bei Ihrer Länge, Wiedenbohm, da passt schon was rein, wie? Bei Ihren zwei Metern.“ Rossmöller hatte sich die Bemerkung nicht verkneifen können, doch Wiedenbohhm hielt dagegen: „Da ziehen Sie mal einen Dezimeter ab, Kapitän. Aber, was ist mit Ihrem Arm? Sind Sie verletzt?“
„Später, Wiedenbohm, später. Kommen Sie doch bitte gleich nach dem Essen in meine Kammer. Und du auch, Eike“, wandt sich Rossmöller auch an den Chief, den Leitenden Maschinisten Eike Kessling. „Es gibt Neuigkeiten, kann ich euch sagen.“
Kapitän Rossmöller kramte in seinem Spind herum, förderte schließlich eine Flasche Asbach Uralt zutage: „Also Kinder, ich brauche jetzt einen Schluck. Das war vielleicht ein Vormittag, sage ich euch.“
Marc Wiednbohm wäre ein kühles Hafenbräu jetzt lieber gewesen. Scharf war das Curry. Doch einem geschnkten Barsch guckt man nicht sonstwohin. In die Kiemen eher. Kaitän Rossmöller stieß mit seinen beiden Gästen an und berichtete. Dabei kam der Ärger wieder hoch: „Stellt euch das mal vor“, rief Rossmöller erbost. „Wir liegen viel zu lange im Hafen und kacken den voll, weil draußen zu viiel Wind ist! Das ist doch der Gipfel.“
Eike Kessking konnte sich das Lacchen kaum verkneifen. Auch Marc Wiedenbohm verzog das Gsicht, schmunzelte. Zu gut konnte er sich Günter Rossmöller vorstellen.
„Den Hafen, voll, Günter“, lachte Eike Kessling noch immer. „Also, das traue ich Max Brehmer eigentlich gar nicht zu.“
„Das ist es ja, Eike“, war Rossmöller wieder in Fahrt. „Max war gar nicht da! Nur dieser Fünfkell oder so.“
„Da hast du aber richtig Pech gehabt, Günter. Du bist an das Ferkel geraten. Wirklich Pech.“ „Das Ferkel, Eike? Was soll das heißen? Kennst du den etwa?“
Eike Kessling kannte Fuhrgeld, den Parteisekretär. War ja selbst Genosse. Da hatte sich die Bakanntschaft ergeben. Rossmöller beruhigte sich wieder. In der Regel war ein Asbach genug, doch heute war eine Ausnahme. Der Kapitän schenkte noch mal nach.
„Da ist noch etwas“, hob Rossmöller sein Glas. „Der Kerl behauptet doch tatsächlich, wir hätten zu wenig Genossen an Bord. Da wäre die führende Rolle der Partei nicht gewährleistet.“
Bisher hatte Marc Wiedenbohm nur zugehört und zumeist geschwiegen. Was sollte man auch groß dazu sagen. Etwas uninteressiert, fragte doch noch: „Was haben Sie ihm denn darauf geantwortet, Kapitän?“
„Ich habe ihn gefragt, ob ich vielleicht Sie fragen sollte, Wiedenbohm. Ob Sie in die Partei eintreten wollen. Aber damit bin ich so richtig ins Fettnäpfchden getreten, sage ich Ihnen.“
„Aber so verkehrt war das doch gar nicht, Günter“, feixte Eike Kessling wieder.
„Das glaubst aber nur du, Eike“, erwiderte Rossmöller. „Das war noch immer nicht alles. Einen GdK wollte uns der Gnom an Bord schicken. Stellt euch das mal vor!“
Überrascht schaute Marc Wiedenbohm von einem zum anderen. Einen GdK? Hier auf einem Kümo? Kaum zu glauben.
„Mann, Günter! Das ist doch Quatsch mit Soße“, lachte Eike Kessling wieder. „Der wollte dir nur einen Schrecken einjagen.“
Die Flasche Asbach wurde wieder im Spind verbannt. Marc Wiedenbohm wollte gehen, da fiel ihm Rossmöllers Arm ein: Lassen Sie doch mal sehen, Kapitän. Sind Sie gestürzt?“
Der Chief verließ die Kammer des Kapitäns. Rossmöller wollte seinen Ärmel hochkrempeln, doch es gelang ihm nicht. So zog er einfach das Hemd aus.
„Auf der Gangway, Steuermann. Der Wind, der ganze Ärger mit dem Suppenknilch, da hat´s mich an das Schanzkleid geknallt. Ist wohl nicht weiter schlimm, oder?“
Vorsichtig betastete Marc den Ellenbogen. Eine Prellung und eine Abschürfung. Eine heftige so gar. Das Blut war bereits geronnen, doch Rosmöllers Hemd war besudelt.
„Ich hole Ihnen eine Heilsalbe aus der Apotheke, Kapitän. Darüber einen kleinen Verband. Der wird die Beweglichkeit kaum einschränken, denke ich. Nun bewegen Sie doch mal den Arm auf und wieder nieder – okay, gebrochen ist nichts und auch nicht gesplittert. Sie sollten trotzdem Ihren Arm röntgen lassen. Gleich hier beim Hafenarzt.“
„Auf gar keinen Fall, Wiedenbohm! Kommt nicht infrage. Doch nicht wegen solch einer Kleinigkeit“, protestierte Rossmöller energisch.
Vier Tage später lag die „Deneb“ im Hamburger Hafen. Alles war zügig vorangegangen. Die Ladung für Hull und Goole übernommen. Rossmöllers Arm schien auch in Ordnung zu sein. Zum Arzt war er nicht gegangen. Marc Wiedenbohm gefiel das nicht, doch wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen. Er selbst hatte noch mit den Ladungspapieren zu tun. Eine Menge Schuhe standen auf der Liste. Damenschuhe! Da schlag einer lang hin – Schuhe waren auch eine Art gefährlicher Ladung! Gefährlich deshalb, weil im Hafen erhöhte Diebstahlgefahr bestand! Was wiederum hieß, dass Lukenwache eingeteilt werden musste. Unbeliebt bei den Matrosen.
Am Morgen war Marc Wiedenbohm der erste an Deck. Noch bevor die Stauer anrückten, hatte er die Luken öffnen lassen. Die Lukenwache war eingeteilt, die Arbeiten konnten beginnen. Seinen Männern schärfte der Steuermann noch ein, höllisch aufzupassen, möglichst unauffällig zu kontrollieren, um mögliche Diebstähle unten im Laderaum zu verhindern. Er vergaß auch nicht, die Einteilung der Wache im Logbuch zu vermerke. Sicher ist sicher.
Auslaufend Hamburg, meinte es das Wetter recht gut mit der „Deneb“. Nordwest Stärke vier, damit ließ es sich leben. Kapitän Rossmöller hatte angewiesen, nach Passieren des Feuerschiffes ELBE 1 keine weiteren Kursänderungen mehr vorzunehmen bis Hull. Die Tide würde die „Deneb“ zwar versetzen, doch würde sich das nach sechs Stunden wieder ausgleichen. Man würde so noch Zeit sparen.
Marc Wiexdenbohm hielt niicht viel von derlei Praktiken. Sowas entsprach nach seinem Dafürhalten nicht der seemännischen Praxis und der nautischen Vorsicht. Doch Rossmöller brauchte er damit nicht kommen. Er war der Kapitän und des Menschen Wille ist schließlich auch sein Himmelreich. Ergo rücken wir der Planerfüllung ein Stückchen näher.
Die Übernahme des Lotsen bei Spurn Head würde in seinne Wache fallen. Marc hatte sich das zuvor bereits ausgerechnet. Da war das Fallreep bereits klar, bevor der Lotse überhaupt in Sicht war. Rossmöller brauchte deshalb nicht geweckt werden. Er hatte das auch nicht verlangt. Nur das Anlegen in Hull übernahm Rossmöller wieder selbst.
Die Teilladung für Hull war am nächsten Tag bald gelöscht. Mit dem Abendhochwasser sollte es den Humber River hinauf nach Goole gehen. Die erste Wache hatte Rossmöller zwar, doch mochte Marc noch nicht in die Koje. Eine Weile beobachtete er noch die Fahrt durch Wiesen und Auen. Weit ragten die Äste der Bäume in den River. Man möchte meinen, sie würden jeden Augenblick die „Deneb“ streifen. Doch das schien nur so. Ganz so weit reichten sie dann doch nicht. Aber viel zu sehen gab es jetzt auch nicht mehr. Zur Dunkelheit kam auch noch die Bewölkung. Marc Wiedenbohm begab sich zur Koje.
Zum Anlegen in Goole hatte Rossmöller Marc nicht wecken lassen. Oft kam das nicht vor. Rossmöller mochte es nicht, wenn sein Steurmann nicht vorne auf der Back stand beim An -und Ablgen.
Pünktlich um acht Uhr GMT begannen die Löscharbeiten. An Bord wurden die Uhren nicht umgestellt. Das dauernde Hin und Her mit der Zeitumtellung war einfach zu umständlich. Die Löscharbeiten ließen sich gut an. Alles sah nah einer raschen Abfertigung aus. Rossmöller würde seine Freude haben. Bis dann dieser Engländer auftauchte!
Marc hatte sich unten an der Pier die Beine ein wenig vertreten wollen, als der Mann auf ihn zusteuerte. An der Mütze musste er wohl erkannt haben, wen er vor sich hatte. Ja, ob er ihm nicht einen Augenblick folgen wolle, bat der Engländer nach einem höflichen „Good Morning“. Höflich waren sie ja auf der Insel. Doch Marc schwante bereits Böses, als er dem Mann in die Lagerhalle folgte.
Und da sah er die Bescherung auch schon! Eine Menge aufgserissene Kartons lag auf dem Boden! Breit verstreut das Ganze.
Marc Wiedenbohhm ballte die Fäuste – dieses Pack in Hamburg, das erbärmliche! Da hatten sie also doch die Kartons aufgeissen und die Schuhe geklaut! Trotz Wachen.
Die beiden Männer schauten sich an – Marc erbost über den Diebstahl, der Engläder mit feinem Lächeln. Warrum grinste der denn noch? Wieder starrte Marc auf das Chaos zu seinen Füßen. Den Engländer jedoch schien das kaum weiter zu berühren. Der hatte seinen Block aufgeschhlagen, fragte: „You have seen that?“ Klappte auch schon seinen Bloch wieder zu. Marc konnte nur zustimmen nicken: „Yes, Sir“. Mehr wurde nicht gesprochen. Marc kfühlte sich nicht recht wohl in seiner Haut. Hoffentlich verlangte der Engländer jetzt keine Unterschrift. Die würde er nicht bekommen. Doch der lächelte nur freundlich: „Thank you very much.“
Wieder an Bord, knurrte Rossmöller ärgerlich, als Marc Wiedenbohm ihm alles erklärte, regte sich aber nicht weiter auf: „Sie hatten doch Lukenwache angeordnet, Wiedenbohm?“
„Habe ich, Kapitän. Ist auch im Journal festgehalten. Aber Sie sehen ja selbst. Dieses Pack…“
„Soll jetzt nicht weiter unser Bier sein, Wiedenbohm. Da soll sich die Versicherung drum kümmern. Hauptsache, wir sind weg von dieser Insel, Wiedenbohm. Die liegt mir überhaupt nicht, sage ich Ihnen.“
Die Insel, die Kapitän Rossmöller so gar nicht mochte, lag bereits achteraus. Marc Wiedenbohm hatte die Wache nach Spurn Head übernommen. Es war wenige Minuten nach Mitternacht. Die Lichter von Hull waren kaum noch zu erkennen. Dafür blinkte das Leuchtfeuer von Spurn Head um so klarer.
Kapitän Rossmöller hatte sich nicht lange auf der Brücke aufgehalten nach dem Wachwechsel. Knappe Hinweise auf Wind und Wetter, den Kurs, die position mit dem Finger auf der Karte, das war´s.
Nachdem Rossmöller weg war,sprintete der Decksmann Jürgen Wiese auch schon hinunter in die Kombüse. Der Pott Kaffee war fällig. Auch einige Sandwiches durften nicht fehlen. Mit ihren sechs Stunden würde es eine lange Nacht werden. Ein frischer Kaffee würde da guttun.
Marc machte auf der Brücke seinenn Rundgang, ging von einer Nock in die andere. Günter Rossmöllers Übergabe war doch ein wenig dürftig ausgefallen, da schaute man lieber noch mal nach, was sich hier in der Gegend so tat. Aber da war nichts. Heute schien die „Deneb“ mutterseelenallein über die Nordsee zu schippern. Rundum nichts zu sehen. Auch kein Wind. Schon eigenartig. Aber so war das eben mit den Wetterfröschen. Den deutschen, wie den britischen.
Marc wollte von der Nock wieder auf die Brücke, da spürte er enen eigenartigen Geruch in der Nase. Nur ganz schwach, der Geruch. Er schnupperte – was mochte das sein? Hier draußen auf See ein undefinierbarer Geruch, hier, wo doch weit und breit nichts war!
Eike Kessling saß bereits auf der kleinen Bank an der Backbordseite der Brücke, da kam der Kaffee. Marc zwängte sich zu Eike auf die Bank. Die beiden Männer hatten sich angefreundet auf der „Deneb“. Mit der Freundschaft hatte es sich so ergeben. Ein Marc Wiedenbohm öffnete sich nicht gern dritten Personen. Doch bei Eike war es von Anfang an anders gewesen. Ihm hatte Marc auch von seiner großen Liebe erzählt. Noch heute würde es schmerzen, dass es nicht gehalten hatte. Viel zu oft hatte er noch an sie denken müssen, an das so anschmiegsame Weib, das so hingebungsvoll sein konnte. An ihren Körper, den wundervollen, ihre Beine, die Brüste und überhaupt. Sie hatte es wohl nicht ertragen können, das Alleinsein. Seemann war man ja nun mal. Da dauerte es schon mal einige Wochen, bis man zurück war. Und da wäre es eben passiert. Mit einem anderen hatte sie sich eingelassen. Nicht mal ein richtiger Kerl sei das gewesen. Dabei liebte sie große Männer. Hatte sie selbst gesagt. Und dann diesen Halbgaren!
Doch, Eike hatte er davon erzählt. Das Verrückte daran, Eike kannte diesen Bengel! Diesen Paul oder Gert oder auch beides. War ja auch egal. Nein, in flagranti hatte er sie nicht erwischt, die beiden. Im Gegenteil. Sie hatte alles sofort zugegeben. Genützt hatte es nichts. Es ging eben nicht. So hatte man sich getrennt. Unter großen Schmerzen beiderseits.
Die Sandwiches kamen. Da waren sie weg, die trüben Gedanken. Eike hatte auch schon wieder die Kaffeekanne in der Hand, sagte beim Einschenken: „Was meinst du, Marc, wollen wir nachher nicht den WG reinnehmen?“
Marc verzog das Gesicht ein wenig. Der Wellengenerator wieder. Immer das geiche mit den Leuten aus der Maschine. Zu gern wollten sie stets den Hilfsdiesel zur Stromerzeugung abstellen und auf Wellengenerator umschalten. Der lief auf der Schwanzwelle und erzeugte so den Strom. Es war dann da untenn nicht mehr so laut und obendrein sparte man Diesel. Marc fand das nicht sehr sympathisch. Die Sache hatte einen Nachteil, man konnte nämlich im Falle einer Gefahr nicht das Schiff stoppen! Musste man es doch, brach die ganze Stromversorgung zusammen, black out! Da ging dann gar nichts mehr. Kein Strom, kein Maschinentelegraf, alles tot.
„Ich mach nach dem Kaffee noch eine Runde, Eike. Ich ruf dich dann an.“
Eike gab sich zufrieden. Marc nahm den Kieker und ging in die Steuerbordnock. Hatte zuvor noch ein ganz laues Lüftchien geweht, war es jetzt totenstill. Nur den Fahrtwind konnte Marc noch im Gesicht spüren. Un da war er doch wieder, dieser eigenartige Geruch! Nur schwach, eben noch zu riechen. Oder täuschte ihn sein Geruchssinn?
„Komm doch mal in die Nock, Eike“, rief Marc in die Brücke. „Hier ist etwas ganz Merkwürdiges in der Luft.“
Eike Kessling hätte viel lieber unten den Hilfsdiesel abgestellt, kam nun aber doch nach draußen in die Nock: „Ich sehe nichts, Marc.“
„Du sollst auch nichts sehen, sondern schnuppern, Mann! Riechst du denn nichrs?“
Eike hob den Kopf, schnupperte – wollte dieser Wiedenbohm ihn etwa verkackeiern? Hier war doch nichts zu schnüffeln! Oder vielleicht doch? Eike schnüffelte noch mal – doch, da war doch etwas! Nur ganz schwach, dieser merkwürdige Geruch. Kaum spürbar.
„Du mussst ja einen ganz feinen Rüssel haben, Marc. Aber es stimmt. Jetzt rieche ich es auch. Keine Ahnung, was das sein könnte. Sowas haben wie sicher nicht an Bord. Brandig riecht es auch nicht, Marc. Aber wollen wir nicht den Wellen…“
Weiter kam Eike Kessling nicht, sah es selbst – es war wie eine Wand! Urplötzlich war die „Deneb“ in dichten Nebel gehüll! Und dabei hatte es zuvor nicht das geringste Anzeichen für etwaigen Nebel gegeben!
„Hat sich was mit Wellengenerator, Eike. Tauch unter, Nebelfahrt! Erschrocken stürzte Marc Wiedenbohm auf die Brücke, Eike Kessling in die Maschine hinunter. Nebelfahrt! Das hatte gerade noch gefehlt. Eben noch alles klar, kein Lüftchen, auch kein einziges Fahrzeiug in der Nähe und nun das!
EikeKessling war bereits im Niedergang verschwunden, Marc bediente das Typhon. Gab am Maschinentelegrafen „Ganz langsam voraus“. Wenn auch kein Fahrzeug in der Nähe war, Signal musste trotzdem gegeben werden. So verlangte es die Seestraßenordnung nun mal. Ein langer Ton mit der Dampfpfeife, hieß es dort. So ein Ding hatte man heutzutage nicht mehr, dafür das Typhon.
Marc Wiedenbohm fühlte sich nicht gut, spürte zunehmend eine innere Unruhe – hier war heute etwas nicht so, wie es sein sollte. Auch musste er wohl oder übel Kapitän Rossmöller wecken. Die Vorschriften verlangten es bei dichtem Nebel. Doch zuvor noch einen raschen Blick auf den Schirm des Radargerätes, das schon lief.
Kaum die Nase in die Maske des Gerätes gesteckt, zuckte Marc zurück, als hätte ihm eine Natter ins Gesicht gebissen – alles voller Reflexe, also Fahrzeige rundum! Herrgott, wo kamen die denn her?! Das gab es doch gar nicht! Die Nackenhaare wollten sich ihm sträuben! Ebenen war doch kein einziges Fahrzeug in Sicht und jetzt – entsetzt schaute Marc Wiedenbohm wieder auf den Bildschirm. Kaum zu zählen, die Fahrzeuge, einige bereits bedrohlich nahe! Mit einem Satz war er am Telegtafen – stopp Maschine! Das Brückemfenster niedergekurbelt, zugleich wiederum Signal gegeben, gelausch – keineAntwort! Aber das war doch nicht normal! Warum antwwortete denn hier keiner? Marc lauschte - nichts, keine Antwort! Himmel und Hölle noch mal, was war hier los?
Marc schickte den Matrosen, Rossmöller zu wecken. Die „Deneb“ machte kaum noch Fahrt durch das Wasser. Angestrengt schaute Marc Wiedenbohm in die Nebelsuppe, starrte dann wieder aufs Radar – das gleiche Bild, überall Fahrzeuge! Sollte er sie zählen? Quatsch! Beobachten. Genau beobachten. Aber so langsam wurde die Geschichte hier unheimlich! Fast ein Spuk! Und da, ein dicker Reflex! Ganz in der Nähe, also wieder Signal! Nicht mal mehr eine Meile entfernt, dieser Spuk! Unnd jetz, verschwunden, der Reflex!
Marc Wiedenbohm schüttelte den Kopf. Spuk und Zauberei auf See? Das gab´s doch nicht! Jetzt die Ruhe bewahren. Es musste für alles eine vernünftige Erklärung geben. Aber welche? Wieder steckte er den Kopf durchs Brückenfenster – nicht das leiseste Geräusch! Erneut Signal geben, Maschine ganz langsam voraus, noch einen Blick aufs Radar – Himmel, da lief ihm doch einer direkt vor den Steven! Nicht mal drei Kabellängen entfernt – stopp Maschine!
Marc wurde es zu bunt – wo blieb denn Rossmöller nur!? Wenn man vom Teufel spricht! Erleichtert seufzte Marc Wiedenbohm auf. Kapitän Rossmöller betrat die Brücke.
Nach seinem Wachwechsel hatte Grohsmüller zufrieden die Brücke verlassen. Endlich raus aus diesem Albion. Die Tür hinter ich zugezogen, sollte er nicht vielleicht doch einen kleinen Asbach…? Er entschied sich dagegen. Viel zu viel hatte er im Hafen schlucken müssen. Zoll Behörden, Maklerei, alle willten sie sich immer die Bäuche vollschlagen. Da brauchte man Stehhvermögen. So mancher war dabei schon abhängig geworden.
Müde legte sich Rossmöller auf seine Koje. Erst einen Augenblock dösen. Die Geschichte mit diesem Ferkel war wieder da. Mann, Mann, hatten sie dem einen Namen verpasst. Ferkel, statt Führkell. Einmal ins Grübeln geraten, wollte der Schlaf nicht kommen. Doch noch einen kleinen… Nein! Rossmöller schalt sich selbst. So weit war er dann doch noch nicht! Der Kapitän mahte sich lang audf seiner Koje. An angenehmerew Dinge solltte man denken. An die Frau, die Kinder, die schon aus dem Haus waren. Rossmöller träumte von einem Ferkel. Was wollte dass denn nur? Warum schlug der so auf den Tisch? So ein Krach…
„Reise, reise, Kapitän“ Der Steurmann schickt mich. Nebelfahrt. Sie möchten auf diie Brücke kommen.“
Jetzt hörte es Rossmöller auch – das Typhon brüllte! „Ja, ja, Mann! Ich komme ja schon.“ Rossmöller fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Teufel noch mal, das durfte doch nicht wahr sein! Das Wetter war doch bestens gewesen! Er tastete mit den Füßen nach seinen Schuhen, so ein Mist aber auch!
„Was ist denn hier oben bloß los“, grollte Rosmöller. „Das stinkt hier ja wie in einer Opiumhöhle in Shanghai.“
Auf den Geruch hatte Marc Wiedenbohm gar nicht mehr geachtet. Doch jetzt, wo Rossmöller es sagte, fiel es ihm auh wieder auf. Roch es nicht noch intensive als vorher?
Tuuut. Wieder ein langer Ton mit dem Typhon. Marc hatte es wieder bedient, sagte nun:
„Werfen Sie doch bitte mal einen Blick aufs Radar, Kapitän.“
Noch immer schlecht gelaunt wegen der nächtlichen Störung, wollte Rossmöller eine gallige Antwort geben, ließ es aber doch, als er aufs Raddar sah: „Mann! Wiedenbohm, stoppen Sie die Maschine! Kollisionsgefahr!“
„Wollen Sie die Wache übernehmen, Kapitän“, fragte Marc Wiedenbohm ruhig.
„Wie käme ich denn dazu, Wiedenbohm? Was fragen Sie denn? Sie haben doch…“
„Weil Sie hier die Befehle geben, Kapitän.“
„Jetzt treiben Sie es nicht zu weit, Wiedenbohm! Was ist denn nur in Sie gefahren? Und was geht hier vor, verdammt und zugenäht!“
„Augenblick, Kapitän. Ich habe da so eine Idee. Ich schau mal kurz in den Kartenraum.“ Tatsächlich hatte er zuvor in der Karte etwas gesehen. Etwas, woran keiner gedacht hatte. Und richtig, da stannd es: SUBMARIN EXERCISE AREA!
Marc Wiedenbohm saugte tief die Luft in seine Lungen – dass er daran nicht gedacht hatte! Hier waren U-Boote unterwegs! Herrgottnochmal! Ein Manöver, wahrscheinlich. Das erklärte auch das plötzlich Verschwinden der Reflexe und dass sie einem da vor den Bug laufen konnten und abtauchen!
„Wir sind eine Übung der britischen Marine geraten, Kapitän. Ich fürchte, es ist gar kein Nebel, in dem wir stecken. Die nebeln uns ein und spielen mit uns Katz und Maus.“
Rossmöller starrte aus der Brückennnock und brummte versönlicher: „Ich denke nicht daran, die Wache zu übernehmen, Wiedenbohm. Ich brauche auch meinen Schlaf. Oder wollen Sie, dass wir hier beide zusammenbrechen vor Übermüdung?“
„Sie wissen aber, dasss die Seestraßenordnung…“
„Papperlapapp, Wiedenbohm.“ Sprach ´s und verschwand mit einem gemurmelten „Gute Wache“ im Niedergang.
Verblüfft schaute Marc ihm eine Sekunde nach, eilte dann ans Radargerät. Achteraus und querab noch immer Fahrzeuge, doch voraus nichts mehr! Also erst mal halbe Fahrt voraus. Ein sanfter Luftzug ging durch die Brücke, als Marc an Steuerbord dieTür öffnete und in den Nebel starrte. War es der Fahrtwind? Bei halber Fahrt konnte dss schon sein. Eine schöne Brise. Das könnte es jetzt sein, um aus diesee abscheulichen Brühe herauszukommen. Marc schnupperte. Dieser Geruch, man spürte ihn kaum noch! Wieder ans Radar – die nächsten Reflexe lagen bereits zwei Meilen achteraus, voraus nichts in Sicht. Also, in Rossmöllers Namen, volle Kraft voraus!
Erneut schaute Marc angestrengt durch das Brückenfenster. Den Blick etwas nach oben, narrten ihn seine Augen? Da war doch ein Blinken, das skonnte doch nur ein Stern sein! Rasch in die Nock – es wurde lichter! Mehr und mehr breitete sich die Pracht der Sterne am Nachhimmel aus, dann auch die Kimm klar zu erkennen! Marc ging ans Telefon: „Eike, du kannst jetzt den Wellengenerator reinnehmen.“
Froh, diese aufregende Wache endlich hinter sich zu haben, übergab Marc um sechs Uhr früh die Schiffsführung wieder an Kapitän Rossmöller. Doch mit dem Schlafen wollte es trotzdem nicht gleich klappen. Hin und her wälzte er sich auf seiner Koje. Was mochte es mit dem Manöver der Briten auf sich haben? Dazu auch noch dieser mehr als seltsame Nebel. Einiges stimmte hier nicht. Dann auch noch Rossmöllers Verhalten! Das gab es doch gar nicht, einfach bei Nebelfahrt die Brücke verlassen. Gegen jede Vorschrift! Warum machte der Mann das? Es musste das doch wissen. Da müsste man mit Eike drüber reden. Schön, dass der wenigstens da war. Einer, mit dem man über alles sprechen konnt.
Marc Wiedenbohm war dann doch eingeschlafen. Meistens wusste er nach dem Aufwachen gar nicht, was er geträumt hatte. Heute war das anders. Als ihn Rossmöllers Matrose weckte,wusste er es. In den Tropen war er, hatte fliegende Fische gesehen.
Wie große Heringe waren die. Mit Brustflossen wie Flügel kamen sie aus der Dünung und segelten an die fünfzig Meter durch die Luft! Und Delfine hatte er gesehen. Vorne in der Bugwelle spielten sie, sprangen plötzlich hoch in die Luft und überschlugen sich. Richtig geklatscht hatte es, als sie ins Wasser stürzten. Da war er aufgewacht, als es klopfte.
Ein schöner Traum. Nachdenklich ging Marc auf die Brücke, Rossmöller abzulösen. Man war in der Nordsee. So richtig ausschlafen konnte man sich kaum. Sechs Stunden Wache, sechs Stunden frei. Essen musste man zwischendurch ja auch, dazu die Hygiene, viel Zeit zum Schlafen blieb da oft nicht.
Von Fahrzeigen in der Nähe hatte Rossmöller beim Wachwechsel nichts gesagt. Brauchte er auch nicht, denn weit und breit nichts in Sicht. Auch das Wetter hatte sich gehalten. Nordwest vier. Die „Deneb“ machte gute Fahrt.
Aus alter Gewohnheit ging Marc in den Funkraum, den Wetterbericht von Norddeich Radio abzuhören. Rügen Radio war in der Nordsee hier nicht zu empfangen. Nach einigen Minuten meldete sich Norddeich auch. Schwach windig, umlaufende Winde in der Deutschen Bucht, aber Nebel! Starker Nebel mit Sichtweiten unter fünfzig Metern – Marc erschauerte! Kaum dieser Brühe bei England entronnen, drohte bereits die nächste. Dichter Nebel am Feuerschiff ELBE 1! Das könnte heiter werden. Da wurden die Lotsen mit Lotsenversetzbooten, klein wie Nussschalen, zu den wartenden Schiffen gebracht.
Kapitän Rossmöller hatte schlecht und vor allem wenig geschlafen. Er fühlte sich nicht besonders. Dieser Druck in der Brust! Irgendetwas stimmte da nicht. So ein Stechen manchmal auch. Zum Arzt? Rossmöller verwarf den Gedanken sofort. Diese Weißkittel. Hatten sie einen erst mal, fanden sie auch was. Mit trüben Gedanken erklomm Rossmöller die Stufen zur Brücke. Missgestimmt blickte er um sich.
„Moin“, brummte er missmutig. Seine Miene verfinsterte sich noch mehr, als Marc ihm vom Wetterbericht und dem vorhergesagten Nebel berichtete.
Ein weiterer Tag war vergangen. Früh um sechs Uhr hatte Kapitän Rossmöller wieder die Wache übernommen. Ein Klopfen mit dem Zeigefinger auf das Wetterglas – das Ding stand doch auf Sturm! Aber noch war es doch ganz ruhig, von Nebel auch noch keine Spur. Nach der Visite im Kartenraum, nahm er sich das Fernglas, hielt es vor seine Augen. Weit konnte es nicht mehr sein bis zum Feuerschiff. Also würde die Übernahme des Lotsen noch in seine Wache fallen. Doch waren da vorn nicht Fahrzeuge? Die konnten doch nicht plötzlich… Rossmöller nahm erneut das Glas, suchte – und erstarrte förmlich – Nebel! Dichter fetteer Nebel wie eine Wand da vorne! Wie auf einen Schlag! Und jetzt war auch schon das vordere Topplicht nicht mehr zu sehen! Pottendick alles. Rossmöller stöhnte auf, stopp, Maschine! Der Blick auf das Radar ließ Rossmöller erneut seufzen – voraus ein Heer von Fahrzeugen, Reflexe auf dem Radar wie ein Bienenschwarm! Und miittendrin das Feuerschiff mit den Lotsen. Hundert Schiffe musste dort liegen, wenn nicht mehr.
Die „Deneb“ mahte kaum noch Fahrt durchs Wasser. Kapitän Rossmöller griff zum Telegrafen, ganz langsam voraus. Nur noch wenige Meilen bis zum Feuerschiff, und er saß hier fest! Fest, in einem unfassbaren Knäuel von Schiffen! Stunden würde das wieder dauern, Tage vielleicht! Ein grauenhaftes Bild. Wie sollte das kleine Versetzboot hier das Schiff finden? Und vor allem, wann mar man mit der „Deneb“ überhaupt dran?
Langsam hatte sich Rossmöller an den Pulk voch Schiffen herangepirsch. Nun rief er Marc Wiednbohm auf die Brücke, zu Anker sollte es gehen. Marc nickte zufrieden. Wenigstens beim Lotsen auf dem Feuerschiff hatte Rossmöller sich angemeldet.
Niemand an Bord wusste, wann der Lotse kommen würde. Eine ärgerliche Situation. Besomders für Günter Rossmöller. Der litt! Marc sah es ihm an, der kochte! Da ließ man ihn am besten in Ruhe.
Marc Wiedenbohm hatte auf der Back einen Matrosen postiert. Alle paar Minuten musste die Glocke geläutet werden im Bebel. So verlangte es die Vorschrift. Mit der Stimmung an Bord ging es mehr und mehr bergab. Die Männer wollten nach Hause. Man lag doch schon fast vor der Haustür, konnte nicht weiter.
Ungewöhnlich, dass der Nebel so lange anhielt. Einen ganzen Tag lag die „Deneb“ nun schon vor Anker an der Elbmündung. Den Tag der Ankunft nicht mal mitgerechnet. Auch heute war wohl wieder kaum mit einem Lotsen zu rechnen. Zwei Tage verloren und noch immer kein Ende abzusehen. Auch Marc Wiedenbohm war genervt. Wieder machte er sich ans Radar: Immer noch ein großer Pulk von Fahrzeugen. Oder waren es doch weniger geworden? Sehr schwer einzuschätzen. Einige waren sicher gegangen, doch waren auch neue hinzugekommen. Die Lotsen dortr drüben auf dem Fuerschiff waren auch nicht zu beneiden. Da würde auch kaum jemand zum Schlafen kommmen.
Schon aus Langerweile kletterte Marc nach oben aufs Peildeck. Bei dieseer Nebelsuppe würde man wahrscheinlich auch nichts sehen können. Oben angekommen, schaute er in die Runde – nichts zu sehen, nichts zu hören. Bis auf das Gebimmel vorne auf der Back. Resigniert, wollte er herunterklettern vom Peildeck, hatte bereits einen Fuß Auf der Sprosse der Leiter, den zweiten Fuß nach unten, blickte er unwillkürlich nach oben – die Sterne! Fast zuckte er zusammen, er konnte die Sterne sehen!
Aufgeregt schaute Marc Wiedenbohm oben in die Runde. Hier unten noch immer dichter nebel, doch lange konnte es nicht mehr dauern, bis der sich auflöste! Sollte er Rossmöller wecken lassen? Nein, lieber noch nicht. Mit dem war im Moment nicht gut Kirschenessen. Man wusste ja auch nicht, ob dass hier so eine Art Bodennebel über Wasser war.
Hinterher war Marc wirklich froh, Rossmöller nicht geweckt zu haben. Beim Wachwechsel um sechs Uhr früh war es noch immer pottendick. Rossmöller grüßte auch kaum, knurrte irgendetwas.
Nach seiner Ablösung war Marc unten in seiner Koje sofort eingeschlafen. Hell war es plötzlich in der Kammer! Hatte ihn das geweckt? Nein, das Vibrieren war es! Die Hauptmaschine lief! Die „Deneb“ hatte wieder Fahrt aufgenommen. Für Günter Rossmöller fast so etwas wie eine Erlösung!
Nun die Elbe hoch bis Brunsbüttel. Den Nord-Ostsee-Kanal und die Kieler Förde achteraus. Der Lotse von Bord und ab, nach Wismar. Und dieser Hafentörn ging an Marc Wiedenbohm. So hatte Kapitän Rossmöller frei.
Marc gönnte es ihm auch. Er hatte nichts weiter vor, die Braut war er ja los. Nur die Mutter würde wartren, doch die wusste Bescheid.
Günter Rossmöller hatte sich sofort auf die Socken gemacht. Man hatte ihn wieder ins Haus der Schifffahrt beordert. Zum Rapport. Diesen Gang konnte keinem Kapitän jemand abnehmen, auch wenn Rossmöller es sich sehnlichst gewünscht hätte.
In der Inspektion erwartete Günter Rossmöller eine gute und eine weniger gute Nachricht. Ergeben hörte er sich beide an. Die gute Nachricht: Er war die ungeliebte Englandlinie wieder los! Was ihn sichtlich besser stimmte. Gott sei Dank! Nach Schweden sollte die nächste Reise gehen. So viel wusste man in der Inspektion bereits. Mit Kali nach Malmö. Danach in Ballast nach Sundsvall und mit Zellulose zurück nach Rostock.
Konnte es besser laufen? Hoch zufrieden kraulte sich günter Rrossmöller den nicht vorhndenen Bart. N ch aber stand sie aus, die schlechte Nachricht! Rossmöller wappnete sich innerlich. Die Parteileitung erwartete ihn, und Max Brenner war nicht da! Würde auch so schnell nicht wiederkommen, so Inspektor Dorn.
Es wäre auch keineswegs sicher, ob Brenner in Berlin bleiben würde. Alles wäre da noch offen. Und ja, der Gnosse Führkell würde bereits auf ihn warten.
Dorn hatte es ihm fast bedauernd mitgeteilt. Oder bildete er sich das nur ein? Mein Gott, dieser Führkell! Günter Rossmöller wünschte, er wäre weit, weit weg oder könnte sonstwie um diese Begegnung herumkommen. Doch es nützte nichts. Er klopfte beim Genossen Führkell.
An sein Gespräch mit Willi Führkdell erinnerte sich Rossmöller später nur ungern. Zu schlimm waren die Erinnerungen. Zunächst aber hatte es ganz gut angefangen bei Dorn. Den gesamten Reiseverlauf hatte er geschildert. Hatte nichts wggelassen. Auch das mit den Schuhen in Hamburg und Goole nicht. Nun in der Höhle des Löwen, beim Ferkel. Ein Löwe, dieses Ferkel? Zum Lachen, der Wurzelgermane. Doch das Lachen sollte Günter Rossmöller sofort vergehnn – die erste Kollision ließ nicht lange auf sich warten.
Kaum gegrüßt, das ging es auch schon los: Die letzte Tagung dea ZK, das wievielte Plenum, bla, bla, bla. Still in seinen Sesel gekauert, ließ Kapitän Rossmöller die Tiraden über sich ergehen. Nur nicht unterbrechen, den Mann! Einmal musste der ja wohl aufhören. Da kam er dann auch auf die Letzte Reise der „Deneb“. Gar zu viel Zeit hätte man da doch verloren. Nebel hin, Nebel her, ein vertretbares Risiko hätte man da doch eingehen können! Als Kapitän, bitte schön! Der Plan wäre doch Gesetz! Das müsse man doch immer und überall berücksichtigen. Da dürfe doch niemand in verantwortlicher Position Zeit verschwenden.
Hier aber platzte Günter Rossmöller doch der Kragen! Ob ihn denn der stellvertretende Parteisekretär zu rechtswidrigem Handeln drängen wolle auf See, fuhr Rossmöller wütend auf. Sowohl Menschen, Schiff und Ladung aufs Spiel setzen, um wenige Stunden schneller im Hafen zu ein? Ob er, Genosse Führkell, das wohl wollte? Richtig laut war Kapitän Rossmöller geworden in seinem Zorn, seiner Empörfung
Ein Fehler, gestand sich Rosmöller sofort ein, doch es war nun mal gesagt. Prompt kam auch die Reaktion des Ferkels! Ob er, Kapitän Rossmöller, etwa die Partei verunglimpfen wolle!
Geschrien hatte Führkell. Wie ein kleiner Teufel sei er aufgesprungen, hatte sich mächtig aufgeregt, der Knirps. Auch wäre es sehr fraglich, ob jemand mit einer solchen Einstellung noch Kapitän bleiben könne!
Da wäre er dann auch aufgesprungen – wieder ein Fehler! Sofort sei ihm das bewusst geworden. Denn der Kleine war seine Akten mit lautem Klatschen auf die Tischplatte, brüllte mit einer Lautstärke los, die ihm wohl kaum jemand zugetraut hätte: „Du bleibst jetzt hier, Genosse Rossmöller! Wir sind noch nicht fertig.“
Ganz erschrocken hätte er sich wiede hingesetzt in seinen Sessel, die Fäuste geballt und das Ferkel starr angeschaut, voll von innerer Wut.
Auch Führkell hätte wieder Platz genommen, war plötzlich wie verwandelt! War dieser Kerl denn auch noch Schauspieler? Rossmöllers Zorn war längst nicht verraucht. Wie konnte sich ein halbwegs normaler Mensch so verwandeln?
Ganz unvermittelt hätte Führkell das Thedma gewechselt. Von Marc Wiedenbohm begann Führkell nun plötzlich zu sprechen! Da hätte er, Rosmöller beschlossen, auf der Hut zu sein. Was wollte dieses Ferkel von seinem Steuermann? Das fehlte gerade noch. Ihm diesen Mann abspenstig zu machen.
Ob man denn auf der letzten Reise mit Wiedenbohm gesprochen hätte, wegen der Partei und so? Nein, Wiedenbohm hätte keine derartigen Absichten verlauten lassen, Der würde keinen Antrag stellen.
Immer freundlicher wäre Führkell geworden. Nein, einen GdK würde man nicht schicken. Ein kleiner Scherz wäre es doch nur gewesen. Doch dann wieder plötzlich ganz andere Töne! Man hätte da gewisse Möglichkeiten, wenn an Bord und auf See versagt würde…
Da hätte es ihn wieder kaum auf dem Sessel gehalten! Die Fäuste hätte er geballt, sich trotzdem zusammengerissen.
„Mann“, hätte er dann doch gerufen. „Wenn du mal auf See gewesen wärst, zwishen U-Booten und Zerstörern und was weiß ich noch alles, da draußen im Nebel, die Hosen hättest du dir vollgeschissen bis an die Knie, du Großmaul!“ Und da wäre er dann endgültig aufgestanden, hätte mit zwei Fingern an die Mütze getippt, die er gar nicht dabei hatte und wäre gegangen. Wohl wissend, dass er sich mit diesem Ferkel einen Feind gemacht hatte. Diese Kleinwüchsigen, die könnten mitunter ein elefantöses Gedächtnis haben.
„Starker Tobak, Günter“, entfuhr es Eike Kessling. „Die Hosen vollgesch… Mein lieber Schwan.“
„Und? Was meinst du, Eike, ob der Kerl mir wirklich an den Wagen fahren kann? Von gewissen Möglichkeiten hat er doch gesprochen. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache, sage ich dir.“
„Ich glaube kaum, dass der dir was will, Günter“, rieb sich Eikde Kessling das Kinn. „Etwas anderes stört mich dabei. Was hat das Ferkel mit Wiedenbohm vor? Mit Marc hat der doch nichts weiter zu tun.“
„Ich habe wirklich keine Ahnung, Eike. Vermutlich braucht er Leute für die Partei. Wenn bloß Max da wäre. Dieses Würstchen bringt uns noch die ganze Flotte durcheinander.“
„Ach, was, Günter. Alles halb so schlimm. So schnell kann der keinem etwas. Wer sollte euch denn ersetzen? Du kennst doch die Personalknappheit hier.“
Die „Denab“ hatte ihre Ladung Dünger in Malmö gelöscht. Alsbald war auch Sundsvall erreicht. Regen drohte. Sofort hatte Marc Wiedenbohm die Lukenzedlte setzen lassen. Nur keine nasse Zellulose. Rossmöller war auch schon wieder sauer. Wertvolle Zeit könnte durch den Regen verloren gehen! Ein Albtraum für Rossmöller, dem dieser Führkell offenbar ständig im Nacken saß. Zum Glück war es mit dem Regen nichts geworden. Die Zellulose kam in trockenen Tüchern in die Laderäume.
Wieder auf See. Mehr und mehr heiterte sich Rossmöllers Stimmung auf. Das war noch mal gutgegangen in Sundsvall. Der Lotse von Bord, auch das Wetter spielte draußen mit. Kühl und regneriscch zwar, doch die Sicht war ganz passabel.
Alles sah rcht gut aus, als Marc um Mitternacht die Wache übernommen hatte. Rossmöller zeigte sich zufrieden, so rasch aus Sundsvall gekommen zu sein, dabei noch günstiges Wetter. Da würde es kaum noc h verzögerungen geben bis Rostock.
Marc Wiedenbohm hingegen verspürte ein gewisses Unbehagen. Die Gelenke schmerzten leicht, ein Ziehen eher. War es das Wetter? Feucht und kühl, das konnte schon sein. Marc ging in den Kartenraum, schaute noc mal auf den Kurs, den Rossmöller abgesetzt hatte, dann aufs Weetterglas – und stutzte - das Barometer war gefallen! Und zwar tüchtig gefallen. Das hieß, es würde Wind geben, doch hier war es im Augenblick völlig windstill! Was auch während der ganzen Wache so blieb
Auch Günter Rossmöller zeigte sich überrascht, als er um sechs Uhr seine Wache antrat. Der erwartete Wind blieb weiterhin aus. Rossmöller rieb sich innerlich die Hände. Es ging voran! Man würde den Plan nun möglicherweise doch noch halten können! Es sah jedenfalls alles danach aus. Auch das Wetter war den ganzen Tag über unverändert.
Um Mitternacht hatte Marc Wiedenbohm die Wache wieder übernommen. Noch immer stand das Barometer tief im Keller. Bornholm lag voraus. Rossmöller hatte sich gleich nach de Übergabe verzogen. Die Koje lockte wohl, denn viel hatte er nicht gesagt.
Bornholm lag nun bereits an Backbord. Marc schaute nach achtern. Doch wieso war das Leuchtfeuer von Hammaren nicht zu sehen? Das sollte es doch! War die Sicht etwa schlechter geworden? Das Radar lief noch. Rossmöller hatte es sowieso immer am Laufen.
Argwöhnisch warf Marc einen Blick auf den Schirm. Weit und breit nichts an Fahrzeugen. Wieder beschlich ihn das vage Gefühl, als stimmte irgendetwas nicht. Er ging hinüber in die Backbordnock.
Diesig war es. Von der Bornholmer Küste nichts zu sehen. Doch im Augenblick schien es mit der Sicht noch ganz gut bestellt. Genau einschätzen allerdings war die Sichtweite nicht. Da frehlte es an Vergleichsmöglichkeiten, wenn auf dem Radargerät so gar nichts auftauchen wollte. Trotzdem, das merkwürdige Gefühl war immer noch da. Hier war doch etwas! Auch das Wetter mochte einem ganz und gar nicht gefallen. Irgendwie unheimlich!
Den blick voraus, schaute Marc zufällig nach oben auf das Topplicht. Düster sah es aus. Hatte es nicht vorhin noch viel heller ausgesehen? Immerhin, man sah es noch. Also konnte die Sicht so schlecht nicht sein.
Wieder war eine Stunde vergangen. Zeit, eine Ortsbestimmung vorzunehmen. Mit dem Deccagerät war das schnll gemacht. Interpolieren zwischen den Hyperbeln, fertig. Noch en Blick aufs Wettrerglas – ganz tief im Keller, das Ding!
Auf der Brücke kurbelte Marc nun daas Fenster nieder und schaute. Das Topplicht oben – er konnte nur erahnen, dass es mal dort war! Ruhig Blut, befahl er sich selbst. So schimm musst es ja nicht gleich sein. Dennoch, Marc Wiedenbohm rief in der Maschine an – Nebelfahrt und raus mit dem Wellengenerator! Dann wieder ans Radar – weit und breit kein Fahrzeug zu erkennen. Das war schon mal beruhigend. Aber auch weiterhin volle Fahrt voraus? Eigentlich müsste man auch den Kapitän…
Marc ließ es zunächst dabei. Es konnte ja auch nur eine Nebelbank sein. Das gab es öfter. Da war man dann schon gleich wieder durch. Deshalb den Alten wecken? Stocksauer würde der wieder sein!
Dreißig Minuten später. Das Radar hatte Marc inzwischen auf vierundzwanzig Meilen eingestellt. So war man rechtzeitig im Bilde, wenn sich etwas tat. Wenn nicht ständig diese innere Unruhe wäre. Es war nämlich nicht richtig, was er hier tat! In mehrfacher Hinsicht so gar. Eine Nebelbank konnte das hier auch nicht mehr sein. Und mit voller Fahrt durch den Nebel zu düsen, sowas wäre vor keinem Gericht der Welt zu begründen! Zu allem Übel war es nun auch pottendick hier draußen geworden! Aber kein Verkehr – oder doch? Marc sah noch mal genauer hin – doch, ganz oben am Bildschirmrand, ein Fahrzeug. Ein Gegenkommer, wie sich herausstellte. Marc behielt ihn ständig im Blick, kam rasch näher, lief also auch mit voller Fahrt. Also umschalten, das Radar, auf zwölf Meilen. Jetzt wurde es ganz deutlich. Genau auf Ggenkurs, der Gegenkommer. Blieb es dabei, würden sich die Schiffe in einem Abstand von anderthalb Meilen passieren. Also völlig ungefährlich, das Ganze. Da konnte nichts passieren, zumal weitere Fahrzege nicht auf dem Radar waren.
Die innere Unruhe wollte und wollte nicht weichen! Lag es daran, dass er hier mit voller Kraft durch die Gegend bretterte? Du lieber Gott, den Alten! Er hatte Rossmöller total vergessen!
Der Gegenkommer war nun aber schon vier Strich an Steuerbord! Marc gab Signal – lauschte kurz – keine Antwort! Dann schnell das Radar auf sechs Meilen. So ließ sich alles noch genauere erkennen. Und gleich würden sich die beiden Schiffe in einem Abstand von zwsölf Kabelllängen passieren. Das war reichlich. Marc gab erneut Signal – wieder nichts von drüben! Nun ein Blick aus der Stseurbordnock. Sehen konnte man einander ja nicht bei diesem Nebel. Aber warum gab denn dieser Kerl dort düben kein Signal? Der musste doch etwas gehört haben!
Wieder ein Blick aufs Radar – ganz nahe war der Kerl drüben bereits! Marc schaute durch die Tür – und fuhr zusammen! Plötzlich gab man einen kurzen Ton drüben! Das hieß doch aber, ich ändere meinen Kurs nach Steurbord, also genau auf die „Deneb“ zu!
Marc Wiedenbohm hatte das Gefühl, als packte ihn eine Lähmung! Was für ein Wahnsinn, dieses Manöver dort drüben! War der verrückt geworden?!
Doch er war nicht gelähmt. Mit einem Satz war er am Telegtrafen, riss den Griff auf“ Stopp Maschie“, schrie fast den Ruxdergänger an: „Hart Steuerbord, das Ruder!“, im gleichen Augenblick den Telegrafen auf dreimal voll zurück! Darauf mit dem Typhon drei kurze Töne, die bedeuteten, meine Maschinen gehen volle Kraft zurück.
Den Maschinentelegrafen dreimal voll zurück war ein verabredetes Signal mit den Maschinisten unten. Es hieß, höchste Gefahr, alles heraus aus der Maschine, was sie nur hergab.
Marc stützte sich auf den Telegrafen. Ihm war plötzlich derart übel, dass ihm die Knie den Dienst verweigern wollten, so zitterten sie! Kollision drohte, der Wahnsinnige dort drüben hielt doch genau auf die „Deneb“ zu!
Die „Deneb“ drehte jetzt hart nach Steuerbord, mit äußerster Kraft lief die Maschine rückwärts – das Entsetzen sprang Marc Wiedenbohm an wie ein wildes Tier! Wieder musste er sich auf den Telegrafen stützen! Wieder wollten die Knie nachgeben. Zum Glück stand das Radar direkt neben dem Maschinentelegrafen. Es gelang Marc, einen Blick drauf zu werfen, doch was nützte das – die Schffe waren so nahe an einandeer, dass das Radargerät sie nicht mehr trennen konnte! Die Nebenkeulen verschmolzen bereits mit dem Kollisionsgegner! Marc fiel das Atmen schwer – wurde er ohnmächtig? Das Entsetzen, die Furcht vor der Kollision, Panik drohte! Marc Wiedenbohm wurde bewusst, dass er nichts mehr tun konnte! Nur noch warten, warten auf das furchtbare Krachen beim Zusammenstoß der Schiffe. Endlose Sekunden verstrichen, dehnten sich zu Ewigkeiten! Wann wsürde es geschehen, das Entsetzliche? Jeden Augenblick konnte es krachen! Würden die Funken stieben, durch die Nacht und den Nebel.
Die Beine gehorchten wieder. Den Kopf nun durch das Brückenfenster gesteckt, starrte Marc in den Nebel, den Nebel des Grauens. Wartete hilflos, gefangen in lähmendem Entsetzen. Wartete auf die unvermeidliche Kollision. Tun konnte er schon längst nichts mehr. Sein Schiff drehte sich wie wahnsinnig über Steuerbord, mit äußerster Kraft lief die Masxchine rückwärts. Doch voraus, dort oben, dieses weiße Licht – das war doch nicht das eigene Topplicht! Das war das des Kollisionsgegners! Und da – da s rote Licht! Mein Gott, rot an Steuerbord! Das war das Ende – der Gegener lief direkt auf die „Deneb“ zu!
Fast wollten die Beine wieder nicht mehr! Nie imLeben war ihm so etwas passiert. Gleich würde es scheppern und knallen, würde das geschundene Metall aufkreischen, die Funken stieben und er konnte nichts, aber auch gar nichts mehr tun!
Einen Schritt noch zum Telegrafen, sich festhalten, einen Blick in den Nebel durch das Brückenfenster – warum knallte es nochh nicht? Mit beiden Händen krallte sich Marc an den Fensterrahmen, starrte hinaus – grün! Ein grünes Lichht voraus! Ganz nahe ware es, zum Greifen nahe! Doch es war grün! Herr im Himmel, grün!
Die Mütze fiel Marc fast vom Kopf, als er den durch das Brückenfenster zurückzog. Er wollte sie packen, doch sie landete neben dem Telegtrafen. Er sah es nicht, denn es war noch nicht vorbei! Das grüne Licht bedeutete zwar, dass die Schiffe auseinander drehten, doch die Gefahr war noch nicht gebannt!
Noch immer fast einem Schlaganfall nahe, stürzte Marc in die Backbordnoch, schrie von dort: „Mittschiffs, das Ruder!“ Erschrak dann fast zu Tode – fast majestätisch langssam schob sich eine schwarze Wand heran! Kam immer näher wie in Zeitlupe, war bereits zum Greifen nahe!
„Backbord zwanzig, das Ruder“, rief Marc dem Rudergänger zu. „Und geben sie mit dem Teelegrafen „Ganz langsam voraus“.
Die Gefahr des Zusammenstoßes war noch nicht vorüber! Denn drehten die Schiffe weiter beide über Steuerbord, konnten sie est recht zusammenstoßen!
„Mittschiffs, das Ruder. Gehen Sie wieder auf Kurs“, wies Marc den Rudergnger an. Er war draußen in der Nock stehengeblieben. Noch immer schob sich der große schwarze Pott an der „Deneb“ wie in Zeitlupe vorbei, wie der schwarze Tod! Jetzt war er fast vorüber. Achtern am Heck konnte Marc noch „Helsinki“ lesen als Heimathafen. Der Name war nicht zu entziffern. Alles versank im dichten Nebel.
Eine gewaltige Last fiel von Marc Wiedenbohm ab. Fast hätte ihm das Grauen die Luft abgeschnürt. Die Beine hatten gezittert, wären fast eingeknickt. Ob der Rudergänger das alles gemerkt hatte? Wohl doch nicht. Ein Glück, dass es nachts auf der Brücke immer so dunkel war. Da konnte man den Rudergänger meistens nur als Schattenriss wahrnehen. Da würde es umgekehrt kaum anders sein.
So eben war der Tod vorbeigeschrammt! Die Neven vibrierten noch leicht, doch wie hatte das nur geshehen können? Siedend heiß schoss es plötzlich im Marc Wiedenbohm hoch – das Signal! Er hatte doch glatt vergesen, das Dignal zu geben! Das Signal mit der Klingel, das die Männer aus ihren Kojen holte! Er hätte es schon geben müssen, als die Gefahr drohte! Alle wären sie ertrunken, wäre es wirklich zur Kollision gekommen, und er, Marc Wiedenbohm, hätte die Schuld am Tod der ganzen Mannschaft gehabt! Sicher, er wäre auch selbst umgekommen. Doch das machte es auch nicht besser. Er hatte sich schuldig gemacht durch sein eigenes Verhalten. Niemand wäre mehr aus seiner Koje herausgekommen! Ertrunken im Schlaf!
Wieder ein Blick auf den Radarschirm. Voraus nichts in Sicht. Noch immer dichter Nebel. Wieder Signal mit dem Typhon, ob es nun jemand hörte oder nicht. Dieser verxdammte Kasten aus Helsinki. Noch immer ging der Gedanke Marc nicht aus dem Sinn. Noch immer klanng die Aufregung nach. Dieser Unglücksrabe! Dieses Greenhorn! Wer, um alles auf der Welt, mochte dort bei dem auf der Brücke gestanden haben?
Das Brückenfenster hatte Marc zwischenzeitlich geschlossen. Jetzt kurbelte er es wieder hinunter. Kalt wehte ihm der Fahrtwind entgegen. Nass uns hässlich. Aber er kühlte die heiße Stirn. Die Maschine lief jetzt halbe Fahrt. Da machte die „Deneb“ kaum weniger Fahrt, als bei „Voll voraus“. Marginal, der Unterschied. Also doch wieder volle Fahrt.
Bereits wieder im Begriff, dass Fenster wieder hochzukurbeln, wurde Marc stutzig – das Topplicht vorne! Bis vor kurzem war doch davon nichts zu sehen gewesen, aber jetzt war es da! War die Sicht besser geworden? Ja! Auf der Back vorne war alles bereits zu erkennen. Sollte dieser grauenhafte Nebel etwa doch…
Einige Minuten später war es dann voerbei mit der Nebelfahrt. Die Sterne kamen durch, auch die Kimm wurde wieder sichtbar. Marc Wiedenbohm fühlte sich besser, verspürte große Erleichterung. Vorüber, der Albtraum, der Nebel gewichen. Durch die Brücke wehte eine frische Brise, als Eike Kessling die Tür öffnete. Marc hatte angerufen. Umschalten auf Wellengenerator.
Am Ruder lösten sich die Matrosen ab. Zeit für einen ordentlichen Pott Kaffee. Besonders Marc sehnte den herbei. Zu gern wollte Eike wissen, was es denn da oben auf der Brücke gegegeben hatte, doch Marc vertröstete ihn auf später. Der Rudergänger musste das ja nicht alles hören.
Auch Günter Rossmöller sagte Marc nicht viel beim Wachwechsel. Alles verschweigen mochte er auch nicht. Der Alte würde es sowieso erfahren. So erzählte er in wenigen Worten, dass es Schwierigkeiten gegeben hätte mit einem Finnen. Da hätte durchaus die Gefahr eines Zusammenstoßes bestanden. Wenn man eben mit voller Fahrt durch den Nebel jagte. Diese kleine Spitze hatte er sich dann doch nicht verkneifen können.
„Ja, ja, der Nebel, Wiedenbohm“, hatte Rossmöller da nur gesagt. „Der kann einem schon zuschaffen machen. Aber Sie haben das ja gut gemeistert.“
Nein, mehr hatte Rossmöller nicht gesagt. Ob er vielleicht doch mehr mitbekommen hatte? Wenn ja, auch gut. Aber zu denken konnte einem das geben. Dachte der Kapitän wirklich nur daran, möglichst schnell nach Hause zu kommen? Seinen Fahrplan einzuhalten, koste es., was es wolle?
Marc Wiedenbohm fühlte sich nach dieser Wache wie zerschlagen. Die Müdigkeit war es sicher nicht nur. Das grauenhafte Erlebnis mit dem Finnen wirkte nach. Da musste man den Kopf wieder freikriegen! Da würde es kaum helfen, gleich in die Koje zu kriechen. Schlafen würde man doch nicht gleich können nach diesem Beinahe-Drama.
Ganz achtern hielt Marc sich an der Reling fest und starrte in das Kielwasser der „Deneb“. Er zwang sich, vernünftig zu denken. Es musste einfach sein, sich mit diesem furchtbaren Erlebnis auseinanderzusetzen! Zu analysieren, wie es überhaupt so weit hatte kommen können.
