Sturm über Bornholm - Harri Anholt - E-Book

Sturm über Bornholm E-Book

Harri Anholt

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Beschreibung

Orkan in der Ostsee! Es tobt das Meer und will sein Opfer haben. Verzweifelt kämpft die kleine Crew gegen haushohe Wogen, will die Rettende Küste von Bornholm erreichen - es gelingt! Über Bord, den Anker! Erschöpft sinke alle in ihre Kojen. Böses Erwachen am Morgen - einer fehlt! Das Grauen schleicht sich in die Seelen der Männer - wo ist ihr Kamerad - wo ist Heiner Panknin?!

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Harri Anholt

Sturm über Bornholm

Wo ist Heiner Panknin

Stürmische See, doch die Rettung ist nahe, die Bornholmer Küste ist fast erreicht.

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Sturm über Bornholm

Wo ist Heiner Panknin

Erstes Kapitel

Weihnachten und Neujahr waren vorbei. Mein Gott, Gerda hatte wieder gekocht, da konnte man doch nicht anders. Zu Weihnachten eine Gans und Neujahr noch eine Ente! Man musste da doch einfach zulangen, sich davon erst mal etwas erholen. Sein Bauch würde immer dicker werden, hatte Gerda gespottet. Dass sie auch immer so übertreiben musste. Okay, ein bisschen Bach gab es da schon. Aber das fiel doch weiter gar nicht auf. Immerhin war er doch eins achtzig groß. Na ja, eins neunundsiebzig. Aber die drei Millimeter. Aber geschmeckt hatte es ihnen alle vier. Den beiden kleinen Töchterchen, Gerda und ihm selbst natürlich ganz besonders. Willi Budstaff saß in seinem Sessel zu Hause und ruhte ab. Eigentlich hätte er jetzt draußen ein paar Schritte laufen müssen, doch dazu hatte er heute Mittag nun wahrlich keine Lust. Lausig kalt war es draußen. Und glatt obendrein. Sollte er sich etwa da die Knochen brechen? Wo es doch hier in der guten Stube so gemütlich war? Willi streckte die Beine weit von sich. Ein glücklicher Mann konnte er sein. Zufrieden mit sich und der Welt. Na schön, es war nicht immer so gewesen. Wie von selbst liefen die Gedanken. Liefen zurück in die frühe Kindheit. Fliehen hatte die Mutter damals mit ihm aus Rügenwalde. Der Krieg war noch nicht zu Ende, die Russen kamen. Der ganze Ort war auf den Beinen, bereit zu flüchten. Aus Angst vor den Russen, aber noch mehr vor den Polen. Hatte die Mutter gesagt. Einem Treck hatte die Mutter sich mit dem kleinen Willi angeschlossen. Der Vater war noch nicht aus dem Krieg heimgekehrt, würde vielleicht auch nicht mehr kommen, hatte Opa gesagt. Und nein, Opa würde nicht mitkommen und fliehen. Sein Bein hätten sie ihm im Ersten Weltkrieg zerschossen, die Franzosen. Und die Russen würden ihm nichts tun. Auch die Polen nicht. Nein, er hätte keine Angst. Nur etwas hatte Opa der Mutter noch mit auf den Weg mitgegeben: Nicht nur nach Westen sollte sie mit Willi gehen! Nach Norden, ans Wasser sollte sie. Nach Rügen. Da wäre es nicht mehr weit bis Schweden. Und in Schweden wäre kein Krieg. Schlimm war es auf diesem Treck. Zuerst ging es ganz gut. Ein Pferdefuhrwerk hatte sie beide mitgenommen. Aber dann, kurz vor Stettin, Hatten die Russen sie eingeholt und den Leuten alle Pferde weggenommen. Jetzt mussten sie alle zu Fuß weiter. Und das bei der Kälte! Willi erschauerte in seinem Sessel. Nach einigen Tagen hatten sie schon fast nichts mehr zu Essen gehabt. Die Mutter hatte es nicht gemerkt, doch er hatte es gesehen – die Mutter hatte kaum noch gegessen, sondern ihm das Meiste zugeschanzt. Über Greifswald, Stralsund waren sie am Ende mehr tot als lebendig in Saßnitz angekommen. Am Bahnhof hatte die Mutter eine Arbeit und ein Zimmer bekommen. Da war er dann in die Schule gekommen, hatte fleißig gelernt, die Schule auch gut abgeschlossen. Stolz war die Mutter da gewesen. Aber die Zeiten waren immer miserabel damals, erinnerte sich Willi. Mit einer Lehre sah es immer noch schlecht aus. Doch da nahte Rettung! Ein neuer Betrieb sollte in Saßnitz aufgebaut werden, ein Fischkombinat! Sofort hatte die Mutter ihn da angemeldet, doch es würde noch dauern. Noch fast ein Jahr. Bis zum ersten September.

Willi Budstaff schmunzelte in seinem Sessel. Zwei Jahre Lehrzeit waren wie im Flug vergangen. Hinaus mit dem Siebzehn-Meter-Kutter, das erste Geld verdient! Von da an war es stetig aufwärts gegangen. Noch e0nmal hatte er die Schule besuchen müssen, sich qualifizieren. Eine mühsame Angelegenheit damals, doch er hatte es geschafft, hatte sein Paten als Kutterführer in er Tasche. Und heute war Willi Budstaff einer der Spitzenfischer im Kombinat! Seine große Liebe Gerda hatte die Mutter noch mit großer Freude erlebt. Auch die Geburt der ersten Tochter, ihrer Enkelin. Zuvor hatte der Betrieb schon für eine Wohnung gesorgt. Zweieinhalb Zimmer in einem Neubau in der Nähe vom Bahnhof. Und da war es damals geschehen, das größte Unglück bisher, dass ihm und seiner kleinen Familie passieret war – die Mutter! Hingelegt hatte sie sich am Abend und war am Morgen nicht wieder aufgestanden! Herzversagen, hatte der Arzt diagnostiziert. Geschwächt, ihr Herz. Was sagte man? Die Mutter war es doch! Und nun? Sie wäre sehr, sehr glücklich gestorben, hatte Gerda später gesagt. Und ganz stolz wäre sie gewesen auf ihren Sohn und seine ganze Familie. Was nun auch schon wieder ein paar Jahre zurücklag. Willi Budstaff schmunzelte. Übermorgen war es wiede soweit, es ging wieder auf See. Endlich! Doch zuerst musste er ja wieder in die Einsatzleitung. Geleitet von Egon Eusfatt. War selber Fischer gewesen. Und nicht mal der Schlechteste. Was mochte den nur geritten haben, sich auf diesen Sessel zu hocken? Vom ehrbaren Fischer zum Sesselfurzer zu werden? Nur, um es auch im grimmigsten Winter immer schön warm zu haben im Sessel? Okay, kein gar so schlechter Gedanke, nicht Tag und Nacht bei Wind und Wetter dem Fisch nachzujagen. Aber doch nicht für Willi Budstaff! Der gehörte auf See. Wieder schmunzelte Willi vor sich hin. Zwischen Egon und ihm herrschte sowas wie eine kleine private Fehde. Weil Egon eben so an seinem Sessel klebte, musste der doch immer mal wieder eins auf den Brägen kriegen! Das musste einfach sein. Vorigen Sommer hatte Willi ein kleines Fass mitgebracht, wollte sich Matjes machen von den kleinen fetten Heringen. Was er vorhatte, trat auch prompt ein:

„Moin, die Damen, Moin, Egon“. Die beiden jungen Damen versteckten sich bereits hinter ihren Papieren, kicherten. Die wussten sofort, was jetzt kommen würde. Es war immer so, wenn sich Willi Budstaff und Egon Eusfatt in der Einsatzleitung trafen.

„Moin, Willi, alter Fischkopp. Was willst du denn mit dem Fass hier?“

„Selber Fischkopp, Egon. Ist doch für dich, Mensch. Ein Geschenk.“

„Ein Geschenk, Willi? Für mich? Was ist den drin?“

„Leim, Egon. Vom Feinsten.“

„Du spinnst doch, Mann. Was soll ich denn mit Leim?“

„Deinen Arsch am Sessel festkleben, Egon. Nicht, dass der schon loslässt.“

Verhaltenes Kichern hinter Papieren, Rascheln. Dann Egon Eusfatt:

„Was sind wie heute wieder witzig, Willi! Und ordinär, Willi. Du wirst nie ein vornehmer Mensch. Und einen Stahlkutter, na, mit dem wird es wohl wieder nichts werden. Was für ein Jammer aber auch.“

Hier, an dieser Stelle gab es noch einen weiteren Punkt, der zwischen Egon Eusfatt und Willi Budstaff stand – ein Aufnahmeantrag auf Mitgliedschaft in der Partei. Der lag bei Egon in der Schublade. Immer wieder hatte Willi ihn nicht unterschrieben. Mal hatte er keine Zeit, dann war das Papier ihm zu zerknittert. Mein Gott, Egon! Sowas muss doch schier und glatt sein! Dann hatte Willi Fliegendreck auf dem Papier entdeckt – nee, Egon, das geht nun aber wirklich nicht! Scheiße auf dem SED- Antrag. Also... Wieder keine Unterschrift. Willi Budstaff grinste in sich hinein. Die Sache mit der Partei war eigentlich gar nicht auf Egons Mist gewachsen. Das hatte sich dieser Kladuhn, seines Zeichens Parteisekretär, ausgedacht. Einer, den Willi Budstaff nicht ausstehen konnte. Immer zog der im Hintergrund die Fäden. Aber an diesem Faden sollte er sich die Zähne ausbeißen! Egon konnte da eigentlich gar nichts dafür, aber warum hatte der das Ding denn dauernd in seiner Schublade? Und auch noch darauf herumhacken! Ob es da einen Zusammenhang gab? Zwischen dem Antrag und dem Stahlkutter? Wenn ja, dann sollten sie sich den Kutter sonst wohin klemmen! Aber soweit würden sie wohl dann doch nicht gehen. Tatsächlich hatte sich die Auslieferung des Kutters im Sommer hingezogen. Aber was zog sich hier nicht hin. Zur Überbrückung hatten sie ihm die „Tümmler“ übergeben. Aber nur, bis der Stahlkutter da wäre! Wer´s glaubt wird selig. Deshalb jetzt alles neue Leute an Bord. Einfach grauenhaft, wenn einer den anderen nicht kennt. Na ja, ganz so war es zum Glück dann doch nicht. Fiete Brinkmann war ja da, sein Maschinist. Richtige Freunde waren sie inzwischen geworden.

Zweites Kapitel

Ein Kerl wie Samt und Seide war dieser Friedrich Brinkmann, nur Fiete genannt. Sah doch tatsächlich aus wie ein Filmstar, als der an Bord kam. Ein Glück, dass ein Willi Budstaff nicht voreingenommen und auch nicht mit anderen über andere tratschte. Ein Weiberheld, hatte er gedacht. Groß und schlank, schmale Hüften, breite Schultern. Brauner Teint und schwarzes Haar, konnte man Fiete Brinkmann glattweg für einen Italiener halten. Auf den mussten die Weiber doch geradezu fliegen. Doch so war es nicht. Glücklicherweise. Aber Willi Budstaff gestand es sich ein, er hatte sich geirrt! Und zwar gründlich! Was aber erst nach und nach herauskam. Fiete war aus Leipzig. Dass er nun Sachse war, dafür konnte einer ja nichts. Ob Sachse, Lappe oder Fidschi, das zählte nicht. Aber Fiete Brinkmann hatte eine Vergangenheit! Eine, um die ihm so leicht keiner beneiden würde. In Rostock war Fiete Erster Maschinist auf einem Kümo gewesen damals. Hatte sich zu Hause eine wunderhübsche Lady angelacht, sie geheiratet und eines Tages auch die Genehmigung bekommen, sie mit auf die Reise zu nehmen. Hatte er ihm selbst eines Tages erzählt. Willi Budstaff schloss die Augen. Mann, Mann. Die ganze Besatzung hatte auf Fietes Dampfer gelauert, als der mit seiner Lady ankam. Und Fiete hatte den Jungs nicht zu viel versrochen! Tja, es kann der Frömmste nicht in Frieden leben... In London sollte es dann passiert sein, hatte Fiete fast immer noch unter Tränen erzählt. Mit dem Koch hätte sie sich eingelassen, als er mit den anderen Jungs an Land war. Dabei hätte sie doch mitkommen können. Aber nein, Madame hatte eine Blase am Füßchen. Natürlich war alles rausgekommen. Tage später. Doch Fiete hatte sich kaum etwas anmerken lassen. Aufgefallen war nur, dass die Lady kaum noch zum Essen in der Messe auftauchte. In Rostock sei dann alles ganz schnell gegangen. Keine Verabschiedung. Fiete hatte ein Taxi gerufen, und beide waren abgerauscht. Fiete war auch nicht wieder an Bord gekommen. Hatte sich wohl kranschreiben lassen. Das hatte Fiete nicht so genau ausgeführt und Willi hatte nicht weiter gefragt. Drei Wochen später hatte Fiete Brinkmann auf einem anderen Kümo angeheuert und hatte dort in Kiel das Schiff und das Land verlassen, war republikflüchtig geworden, nach dem Westen abgehauen, wie man hierzulande sagte. Und im goldenen Westen? Fiete war da nicht glücklich geworden. Ins Lager hatten sie ihn da gesteckt, verhört, sogar von Amis, doch am Ende hatte er doch den Pass bekommen. Ja. Den Pass, aber keine Arbeit! Dann aber doch. Eine Wahl hatte er ja nicht, also das Angebot angenommen in yei0ner Not – als Ungelernter auf einem Fischdampfer aus Vegesack. Und da war er unter die Räuber gefallen! Fuhren da etwa nur Verbrecher zur See? Ständig hatten sie ihn da schikaniert, beschimpft als einen Kommunisten, als rote Socke wie alle, die von drüben kamen und nicht arbeiten wollten. Natürlich hatte er sich da gewehrt. Keine Ahnung hätten die hier doch! Nur Quatschköpfe! Und das hatten sie ihm mächtig übelgenommen. Unten im Logis war es da zu Rangeleien gekommen. Gewehrt hatte er sich nach Kräften! Fiete Brinkmann war weder ein Feigling noch ein Schwächling. Aber am Ende hatte er weichen müssen – ganz übel hatten sie ihn mit vier Mann zusammengeschlagen! Eine zweite Reise hatte er noch auf dem Verbrecherdampfer mitmachen müssen. Nach der ersten hatte es kein Geld gegeben. Aber dann hatte er die Segel streichen lassen. Immerhin einen Batzen Geld hatte es gebracht. Dann aber wieder kein Job als Maschinist. Fiete Brinkmann begann, sich nach seiner Heimat zu sehnen. Hatte er mit seiner Flucht einen Fehler gemacht? Was würde passieren, wenn er wieder zurück ging? Fiete Brinkmann hielt sein Geld sorgsam zusammen. Wieder arbeitslos, musste er Haus halten mit den Moneten. Und dann doch ein Lichtblick – auf der Heuerstelle wurde ein Maschinist gesucht! Ein kleines Schiff nur, aber auf die Größe kam es ja bekanntlich gar nicht an – Fiete sagte zu. Was blieb ihm auch anderes übrig. Und dann? Vom Regen in die Traufe war er hier gekommen! Der Kapitän ein übler Geselle offenbar, der mit sich selbst nicht zufrieden war. Der ihn wiederum schikanierte, wo es nur ging! Hier war er zwar als Maschinist gemustert, war in Wirklichkeit eher Mädchen für alles! Ein Moses, der jeden Dreck wegmachen musste. Mit zwei älteren Herren als Matrosen vorne im Logis, bei denen er fürchten musste, sein letztes Geld auch noch loszuwerden von diesen beiden versoffenen Lumpen – mit Messern hatten sie ihn bedroht! Aber nicht mit Fiete Brinkmann! Dem einen hatte er die Faust mitten ins Gesicht geschlagen, da war erst mal Ruhe im Schiff. Doch hier war er nicht mehr sicher – abmurksen wollte sie ihn! Bei nächster Gelegenheit. Und die würde kommen. Zum Kapitän? Ein Arsch! Doch nicht zu diesem Kerl! Nur der Koch, ein Filipino, der ganz ordentlich Deutsch konnte, hatte ihm geraten: Geflüchtet? Du zurück!

War es ein Wink des Schicksals? Fiete Brinkmann glaubte weder an einen Gott noch an das Schicksal. Hier konnte er sich nur noch selber helfen. Nach Stralsund wollte der Kapitän. Mit einer Ladung Zellulose nach Stralsund. War sie es, seine Chance? Zurück in die Heimat? Den Kopf würden sie ihm bestimmt nicht abreißen. Ins Gefängnis vielleicht. Für ein halbes Jahr. Damit musste er rechnen. Aber war es das auch wert? Vielleicht auch gar kein Gefängnis. Weil er doch freiwillig heimkehrte und reumütig war. Reumütig? Doch! Er bereute sie inzwischen wirklich, seine Flucht. Seine gescheiterte Ehe hatte ihn dazu nur veranlasst. Einen politischen Grund hatte er ja nie gehabt. Ja, Fiete Brinkmann würde diese Chance nutzen, würde in seine Heimat zurückkehren! Auf der Stelle. Sobald dieser erbärmliche Kahn in Stralsund festgemacht hatte! Nur die Auseinandersetzung mit diesem Kapitän stand ihm jetzt noch bevor. Und der tobte dann auch gleich los: „Was? Absteigen? Hier in Stralsund? Ja, sind Sie denn ganz und gar von Gott verlassen? Sie gehen in den Knast, Mensch! Und im Übrigen, wo soll ich hier bei den Kommunisten einen Maschinisten herbekommen? Nein, Brinkmann, Sie bleiben. Basta.“

Aber Fiete Brinkmann blieb nicht. Wutschnaubend musste der Alte ihn nicht nur ziehen lassen, sondern auch seine Heuer auszahlen. Gleich bei der Einklarierung trug Fiete sein Anliegen vor, hatte seine Siebensachen bereits gepackt. Fiete Brinkmann ging von Bord, war voller Sorge und Ungewissheit. Was würden sie mit ihm machen? Ihn ins Gefängnis bringen und wegen Republikflucht anklagen? Doch nichts dergleichen geschah! Ganz im Gegenteil! Ein gewisser Herr Stöver kümmerte sich um ihn. Fiete war sofort klar, was das für einer war. Stasi natürlich. Aber so lange der ihn nicht in den Knast brachte... Tat er nicht, in eine Pension dafür. Vorläufig. Und mit Frühstück. Morgen würde man weitersehen. Am nächsten Morgen wurde Fiete Brinkmann abgeholt. Von Stöver, mit Auto. Fiete hatte das erwartet. Jetzt würden sie ihn in die Mangel nehmen! Heute würde sich seine Zukunft entscheiden. Doch wiederum kam es anders. Zur Bank wurde er chauffiert. Sein ganzes Westgeld musste er abgeben, bekam dafür Ostgeld, auf Heller und Pfennig. Eins zu eins natürlich. Danach dann aber doch zum Verhör. Aber konnte man das Folgende als ein solches bezeichnen? Um eine Arbeitsstelle ging es zunächst. Fiete kam aus dem Staunen nicht mehr heraus – kein Wort über eine Klage vor Gericht! Kein Gefängnis also. Fiete Brinkmann spürte, wie sich langsam die innere Spannung zu lösen begann – würden sie ihn in Freiheit lassen? Weiter ging es. Er würde sicher verstehen, dass er nunmehr nicht mehr zur Deutschen Seereederei könne. Aber da er doch bereits Erfahrung mit der Hochseefischerei hätte... Vielleicht ein Job als Maschinist im Fischkombinat Saßnitz? Ob das nicht etwas wäre? Fiete fühlte Freude in sich aufsteigen – ein Job als Maschinist! Alles hätte er gemacht! Selbst bei der Müllabfuhr angefangen! Wenn er nur in Freiheit blieb! Unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte Fiete Brinkmann. Alles unterschrieb er, was ihm heute vorgelegt wurde, einfach alles. All die Unterschriften, er hatte sie gar nicht gezählt – er war frei! Und so landete Friedrich Brinkmann auf einem Kutter, geführt von Willi Budstaff, seinem heutigen Freund. Mit den Unterschriften damals hatte es noch ein böses Nachspiel gehabt. Fiete Brinkmann hatte sich damit als IM der Stasi verpflichtet. Und die forderten dann Ergebnisse von ihm! Böse Auseinandersetzungen hatte es gegeben! Denn Fiete hatte sich entschieden geweigert, ein nur ein einziges Wörtchen zu liefern. Untergeschoben hätten sie ihm dieses Papier. Keine Rede wäre jemals von einem IM gewesen. Und wenn sie Kopfstehen würden, keine Silbe würden sie von ihm hören. Zwar hatten sie ihn danach in Ruhe gelassen, doch Fiete wusste genau, sie würden ihn beobachten, ihn nicht aus ihren Fängen lassen, ständig hinter ihm her sein. Aber sollten sie nur. Nie und nimmer würde er sich auf sie einlassen, Kameraden bespitzeln. Nicht mit Fiete Brinkmann. Es war fast ein halbes Jahr vergangen. Fiete hatte Urlaub und wollte nach Leipzig zu seinen Eltern. Geschrieben hatte er ihnen. So wussten beide in groben Zügen, was alles passiert war. Er hatte nicht die geringste Lust über all das Ungemach noch mal zu sprechen. Nun saß er auf dem Saßnitzer Bahnhof – und war fast gelähmt vor Überraschung! Was für eine Schönheit, die ihn da bediente. Ein Wesen wie aus dem Märchen, wie Milch und Blut! Und er musste fort. Hatte nicht mal die Zeit, sich mit ihr bekannt zu machen. Aber er war ja bald zurück. Und hatte er nicht auch an ihr Interesse bemerkt? Es hatte später doch gedauert, sie wiederzufinden, doch es war gelungen! Mit Willis Hilfe. Der kannte wohl jeden hier in Saßnitz. Auch Marlene Rohrbach. Nd Knall und Fall hatten sich beide unsterblich in einander verliebt, Marlene Rohrbach und Fiete Brinkmann. Was Fiete damals noch nicht wusste, Marlene war die Tochter von Konrad Rohrbach, dem Direktor! Und damit sollten beide in Dinge verwickelt werden, an die niemand erwarten konnte. Manche Dinge geschahen mitunter einfach. Sie waren nicht vorhersehbar und passierten. Konrad Rohrbach war die Frau gestorben. Sie hatte den Krebs nicht besiegen können. Doch vorher hatte sie lange zu leiden gehabt. Konrad hatte alles für sie getan, was nur möglich war. Aus der Klinik hatte er extra eine Krankenschwester kommen lassen, die seine Frau pflegte und umsorgte, wenn er selbst wieder mal auf Reisen war. Meistens nach Berlin. Über viele Monate zog sich das hin. So blieb es nicht aus, dass Konrad Rohrbach einiges über diese Krankenschwester erfuhr. Als Waise sei sie aus Ostpreußen nach dem Krieg geflohen. Hatte als ganz junges Ding einen fast ebenso jungen Leutnant kennengelernt. Schwer verletzt war der im Krieg geworden, hatte einen Lungenschuss abbekommen. Gepflegt hatte sie ihn. Bald auch in ihn verliebt, in Wilfried Kroppka. Doch Wilfried hatte immer schreckliche Angst vor den Russen. Jeden Offizier der Nazis würden die erschießen. Er müsste hier weg aus Deutschland, nach Schweden am besten. Geheiratet hatten sie zuvor noch schnell. Doch in Bergen hatten sie Wilfried dann doch noch geschnappt, die Russen. Eingesperrt hatten sie ihn, gefoltert. Halbtot hatten sie ihn wieder freigelassen, doch bald darauf war Wilfried gestorben. Nie im Leben, und wenn sie hundert Jahre würde, das würde sie den Russen und ihren deutschen Helfershelfern nie verzeihen! Doch das würde Herr Rohrbach am besten gleich wieder vergessen. Sie möchte ihn damit nicht auch noch in Schwierigkeiten bringen. Hanna Kroppka hatte danach nicht mehr über sich gesprochen. Bald darauf war dann auch Frau Rohrbach gestorben. Untröstlich war Marlene. Und auch der Vater. Doch die Zeit heilt alle Wunden. Konrad Rohrbach hatte Schwester Kroppka einfach nicht vergessen können. Zu nahe waren sich beide gewesen. Und Hanna Kroppka war immer noch eine wunderschöne Frau! Gut zehn Jahre älter als Marlene war sie. Und Marlenen konnte sich so recht mit Hanna verstehen. Zu schade eigentlich. Doch es ereigneten sich Dinge, die alles veränderten. Konrad Rohrbach hatte nicht lockergelassen. Er liebte Hanna und wollte sie zu sich in sein Haus holen. Denn Hanna war auch ihm inzwischen zugetan. Zugetan, aber nicht heiraten! Wegen der Politik. Sie war doch die Frau eines Nazioffiziers gewesen. Und auch wegen Marlene, die doch gewisse Vorbehalte... Doch Konrad gab nicht auf. Er verlangte von Marlene zwar nun nicht Zuneigung zu Hanna, aber sie könne Hanna doch wenigstens respektieren, wenn sie beide heirateten – und Marlene versprach es. Wie könnte sie es dem Vater denn auch abschlagen. So wurde damit begonnen, Heiratspläne zu schmieden. Inzwischen jedoch hatte man in der Betriebsleitung und vor allem In der Parteileitung Wind davon bekommen – Hotte Kladuhn war persönlich bei Rohrbach vorstellig geworden, ohne den geringsten Erfolg. Richtig böse war Direktor Rohrbach geworden! Nahe dran, den Parteisekretär rauszuwerfen. Was er nicht hätte versuchen sollen! Denn wutschnaubend verließ der Rohrbachs Büro verlassen. Worauf kurze Zeit später das MfS in Gestalt des Genossen Stöver bei ihm auftauchte – auf gar keinen Fall dürfe Genosse Direktor Rohrbach diese Person, diese Frau Kroppka heiraten. Noch immer wurde gegen sie ermittelt! Einen Nazikriegsverbrecher hätte sie geheiratet. Mit allen möglich Umtrieben aus dem Westen. Niemals würden Partei und Staatsführung einer solchen Heirat zustimmen! Zustimmen? Wessen sich dieser Suppenknilch den erfrechte? Hinausgeworfen hatte Konrad Rohrbach den Stöver! Willi Budstaff grinste in sich hinein. Zu gerne wäre er da dabei gewesen. Doch das Ganze war immer schlimmer geworden. Einen gewaltigen Auftritt hatte es bei der internen Parteikonferenz auch noch gegeben. Ohne Erfolg. Konrad Rohrbach würde heiraten, basta! Umgehend hatte er sich ans Telefon begeben, einen Hochzeitstermin zu bekommen. Aber was war das denn? Keine Termine frei? Auch das nächste halbe Jahr nicht? Konrad Rohrbach konnte es nicht fassen. Sollten wirklich so viele Ehen geschlossen werden? Na schön, danke. Der Direktor rief sofort in Bergen an. Das müsste ja mit dem Teufel zugehen, sollte hier nicht einen... Nicht? Alles belegt? Auch die nächsten Monate nichts? Konrad Rohrbach schwollen die Zornesadern an – das war doch nicht zu glauben! Sollten da etwa...? Na wartet, Freunde! Freunde? Schöne Freunde, das! Da wollen wir doch gleich mal in Stralsund – was? Alle Termine vergeben? Rohrbach knallte den Hörer auf die Gabel, dass es nur so schepperte – so war das also! Geimpft hatten sie die Standesämter! Doch was nun? Sollte er sich etwa geschlagen geben? Sich dieser Verschwörung beugen. Zum Glück waren Hanna, Marlenen und Fiete Brinkmann da, als Konrad nach Hause kam. Hanna spürte sofort, dass etwas nicht stimmte- die finstere Miene Konrads! Und dann brach es auch schon aus ihm heraus – alle Standesämter der Umgebung hätten sie geimpft, diese Aasbande! Man mochte es gar nicht glauben! Hinterhältig, sowas. Alle vier saßen da, wie begossene Pudel, völlig ratlos. Wie war sowas nur möglich? Konnte man überhaupt etwas dagegen tun? Fatale Stille breitete sich aus, niemand sprach. Bis sich plötzlich Hanna zaghaft meldete. Konrad munterte sie auf: „Sprich nur, Hanna, Liebes. Ich weiß im Moment nicht weiter.“

„Ich habe dir doch von meiner Flucht erzählt, Konni. Von Ostpreußen über Stettin. Da waren wir kurze Zeit auch in Greifswald. Wenn wir nun...?“

Alle waren plötzlich wie elektrisiert! Was für eine phantastische Idee – so weit würden sie sicher nicht gedacht haben. Da hätten sie ja auch gleich ganz Berlin unter Druck setzen können. Dann war alles ganz schnell gegangen. Wieder lachte Willi in sich hinein. Denen hatte Rohrbach eine schöne Nase gedreht. Hatte seinen Termin bekommen, kein vierzehn Tage noch. Geschwiegen hatten sie alle vier, niemandem etwas verraten. Einen „Wolga“ als Taxi hatte Konrad bestellt und los ging die Reise. Hanna Kroppka und Konrad Rohrbach kehrten als glückliche Eheleute nach Saßnitz zurück! Womit die Sache jedoch längst nicht gegessen war. Konrad hatte keinen Grund mehr gesehen, seine Heirat mit Hanna nun etwa geheim zu halten. Nicht, dass er groß damit herumprahlte. Er erwähnte es nur – und hatte damit in ein Wespennest gestoßen! Hotte Kladuhn war einem Schlaganfall nahe, als er davon hörte! Umgehend wurde eine Leitungssitzung anberaumt, Genosse Rohrbach wurde vorgeladen – und der lachte auch noch! Sofortige Ehescheidung wurde verlangt – und wieder lachte Genosse Rohrbach nur! Da musste scharfes Geschütz her: Hotte Kladuhn wütete – entweder Scheidung, sofort! Oder Parteiverfahren, wahrscheinlich Ausschluss! Da war Konrad Rohrbach wohl doch ein bisschen blass geworden, hörte man später. Doch der tat, was wohl keiner erwartet hatte. Er zog sein Parteibuch hervor und warf es auf den Tisch! Kein Mitglied einer solchen Partei wolle er mehr sein, fertig! Das Tischtuch wäre hiermit zerschnitten. Doch so durfte es nicht passieren. Eine Woche später wurde Direktor Rohrbach seines Postens als Direktor enthoben. Ein Parteiverfahren wurde eröffnet, Herr Konrad Rohrbach aus der Partei ausgeschlossen. Wo gab es den sowas! Die Partei verließ man nicht. Da wurde man ausgeschlossen. Danach mussten die Eheleute Rohrbach ihr Haus verlassen. Es gehörte ihnen ja nicht. Sie bekamen eine Neubauwohnung, zwei Zimmer mit Küche und Bad. Immerhin. Willi Budstaff erhob sich. Eine Riesensauerei, das mit Hanna und Konrad Rohrbach. Und Marlene und Fiete mittenmang. Sollte er nicht doch noch paar Schritte nach draußen machen? Allerdings hatte es über Nacht gefroren. Erst mal aus dem Fenster schauen – nein, die Kälte da draußen! Willi Budstaff zögerte eine Sekunde – die Couch! Ein paar Minuten noch. Sein Gedankengang war doch noch gar nicht abgeschlossen, hatte bei Fiete geendet. Doch was war mit den anderen an Bord, den Neuen? Überhaupt nicht schön, neue Leute an Bord. Der Steuermann hatte sich ja in den letzten Wochen ganz gut gehalten. War aus Rostock rübergekommen, hatte sein Patent gemacht. Eigentlich war er ihm, Willi, deer Qualifikation nach gleich. Doch was hatte er vor., der große Kerl? Würde er an Bord bleiben? Als Steuermann Klasse. Als Seemann auch. Da gab es nichts zu deuteln. Man würde wohl mal ganz privat mit ihm sprechen müssen. Mit den anderen auch. Okay, die beiden Matrosen waren jung, hatte hier im Betrieb gelernt, waren ganz in Ordnung, Hanno Bahls und Heiner Panknin. Und Werner Pohlke? Ein unbeschriebenes Blatt, der Mann. Egon Eusfatt hatte ihm den geschickt. War auch ein paar Jährchen älter als die beiden Matrosen. Als Decksmann hatte Egon ihn geschickt, war also ungelernt. Doch so völlig unbeleckt schien deer gar nicht zu sein. Nee, sein erstes Schiff schien die „Tümmler“ nicht zu sein. Aber wo kam der her? Kein Wort hatte Egon über ihn verloren. Na, dem war abzuhelfen. Egon Eusfatt wollte er doch sowieso noch mal eins überbraten. Und wusste auch schon, wie!

Drittes Kapitel

Schon früh war Willi Budstaff heute früh aufgestanden, doch Gerda war ihm noch zuvorgekommen, hatte ihm das Frühstück bereitet. Eigentlich wollte er das selber machen, aber wenn es nun mal so war, umso schöner. Ein Bienchen für Gerda und ein Küsschen. Gerda wollte später mit den beiden Mädels frühstücken, sah ihm jetzt bei Essen zu.

„Pass mir auch gut auf, Willi. Es wird glatt sein, draußen. Wenn ich nur an diesen Schlängelweg denke...“

„Mach dir nicht immer solche Gedanken, Liebes. Du weißt doch, Unkraut vergeht nicht.“

„Kommst du noch nach ober, bevor ihr rausgeht?“

„Klar, mein Kind. Zu Mittag bin ich wieder da. Koch uns was Schönes.“

„Und dann?“

„Na ja, lange kann ich mich dann nicht mehr aufhalten. Du weißt ja, wir müssen ausrüsten. Aber am Abend komme ich noch mal heim. Ich denke, so gegen zehn Uhr abends werden wir auslaufen.“

„Was hast du denn da in deinen Beutel gesteckt, Willi?“

„Ach, das hast du gesehen, was? Ist nur das Glas mit den Halberstädter Würstchen, meine Liebe.“

„Die hätten wir auch gerne verspeist, Willi. Wieso nimmst du die denn mit?“

„Erstens, weil sie so gut schmecken, Gerdachen und zweitens habe ich damit noch etwas vor. Mit Egon Eusfatt.“

„Das glaube ich jetzt nicht! Du willst ihm doch nicht etwa unsere Würstchen...?

„Im Leben nicht, Gerda. Das wird nur ein Spaß. Der muss mal wieder ´n Ding kriegen. Nee, du. Die Halberstädter verspeise ich höchstselbst. Ich bekomme schon wieder welche.“

Willi verabschiedete sich von seiner Frau, warf noch rasch einen Blick ins Zimmer der Mädels, doch die schliefen noch. Nun aber hinunter zum Hafen. Die erste Serpentine hinunter, stand dort ein Polizist in seinem Wärterhäuschen. Gut gelaunt, sagte Willi: „Ein frohes und gesundes Neues Jahr, Genosse. Kalt wieder heute, was?“ Willi fingere nach seinem Ausweis, doch der Polizist sagte: Ihnen auch, Herr Budstaff. Und lassen Sie mal stecken. Mann kennt Sie ja.“ Willi nickte dem Mann noch mal zu, stiefelte vorsichtig den zweiten Teil der Serpentine hinunter. Im Büro der Einsatzleitung angekommen, zog er die Tür hinter sich zu und rief laut: „Allen Anwesenden ein gesundes Neuers Jahr!“

„Danke schön. Ihnen ebenfalls, Kollege Budstaff“, kam es von den Sachbearbeiterinnen. Nur Egon Eusfatt brummte etwas wie „Jahr“ vor sich hin.

„Wie schmeckt dir denn die Arbeit im neuen Jahr, Egon? Alles gut mit dem Plan? Er ist doch nicht etwa wieder in Gefahr?“ Leises Blätterrascheln, kaum hörbares Kichern der Damen. Die ahnten, dass noch etwas kommen würde Es war immer so, wenn Willi Budstaff zu Egon Eusfatt kam. Und richtig. Neugierig, wie er nun mal war, fragte Eusfatt:

„Was schleppst du denn da schon im neuen Jahr in deinem Beutel herum, Willi? Doch nicht faule Fuchseier wieder?“

„Iwo, Egon. Ein Geschenk zu Neujahr.“

„Ein Geschenk? Für wen denn?“

„Na für dich, Mann. Du weißt doch, kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.“

„Wirklich für mich, Willi? Was ist denn drinnen?“

„Schwarze Farbe, Egon.“

„Schwarze Farbe! Mensch, Willi! Was soll ich denn mit schwarzer Farbe?“

„Na, deinen Sessel schwarz malen Egon. Der ist doch schon ganz braun vom vielen reinfurzen.“ Fast ein kleiner Aufschrei bei den beiden Sachbearbeiterinnen, dann Wispern und Papierrascheln.

„So kann man sich irren, Willi. So viele neue Jahre kann es gar nicht geben, dass du ein vornehmer Mensch wirst.“

„Genau das wollte ich hören, Egon. Du siehst, wir verstehen uns.“

„Jetzt sagst du aber doch, was im Beutel ist, oder?“

„Sicher, Egon. Es ist ein Glas Halberstädter Würstchen. Lecker, sage ich dir.“

„Jetzt sag nicht, die wolltest du mir schenken.“

„Doch, Egon“, sagte Willi in einer plötzlichen Eingebung. „Wenn du sie haben willst?“

„Im Ernst? Bei dir weiß man ja nie...“ Willi Budstaff langte in den Beutel und stellte das Glas vor Egon auf den Tisch. Die Damen schauten mit großen Augen herüber – kam da noch was?

Nein, es kam nichts. Willi rückte ein bisschen näher und fragte: „Du hast mir doch diesen, diesen, also, wie heißt er noch schnell, den Pohlke. Ja, Werner Pohlke. Den hast du mir doch geschickt. Wer ist der Mann, Egon?“

„Wieso, Willi. Was nicht in Ordnung mit ihm? Aber erst mal, danke für die Würstchen.“

„Nicht dafür, Egon. Nein, ich weiß nur immer gerne, mit wem ich es zu tun haben.“

„Also, ich glaube, ich kann dir da auch nicht weiterhelfen, Willi. Am besten, du gehst in die Kaderabteilung. Die haben doch alle Unterlagen.“ Egon Eusfatt griff an eine Schublade seines Schreibtischs – Willi Budstaff wusste sofort, was die Glocke geschlagen hatte, sein Antrag auf Eintritt in die SED! Den würde Egon mal wieder heervorziehen. Wetten? Es war zwar niemand zum Wetten da, doch Willi behielt recht:

„Ich habe zwar keine Papiere über Pohlke hier, lieber Willi“, säuselte Egon Eusfatt süffisant. „Doch für dich habe ich noch etwas gefunden.“ Eusfatt zog einen Bogen Papier hervor aus seiner Schublade: „Den hier, lieber Kollege Budstaff, den wolltest du doch heute gern unterschreiben, nicht wahr?“

„Ach Gottchen, Egon. Ja, dieses alte Papier. Mal war es vergilbt, mal haben die Fliegen drauf gen... , na, du weißt schon. Heutzutage wird so viel vergessen. Mal kommt ein Stahlkutter nicht, dann wieder eine Unterschrift. So ist das halt im menschlichen Leben.“

„Was im Klartext heißt, du unterschreibst wieder nicht, Willi. Willi, Willi. Du spielst mit deiner Zukunft, sage ich dir. Willst du nicht lieber doch...

„Ach, weißt du, Egon, ich bin heute mal wieder etwas in Eile. Muss noch zur Kaderabteilung. Weißt du ja, warum. Also heb ihn gut auf, Egon. Servus, für heute.“

Willi Budstaff schritt zur Tür, winkte den Damen noch mal zu, schaute auf Egons Tisch – das Glas mit den Halberstädter Würstchen stand nicht mehr dort. Nun also eine Treppe höher, zur Kaderabteilung. Willi klopfte, wartete gar nicht lange, sondern trat gleich ein: „Ein gesundes Neues Jahr wünsche ich“, sagte er fröhlich.

„Ihnen auch“, kam die Antwort der Sekretärin. „Womit kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin Willi, junge Dame. Willi Budstaff und habe eine Frage. Der Chef nicht da?“

„Der Willi also. Nee, Franz Thürk ist in Berlin. Ich bin Nele. Nele Menzel, und vertrete ihn.“

„Sehr schön, Nele, Mädchen. Kannst du nicht mal nachschauen? Ich bräuchte etwas über meinen Decksmann Werner Pohlke, wenn´s genehm ist.“

„Pohlke, Werner – auf der „Tümmler?“

„Richtig, Nele.“

Nele Menzel begann zu suchen. Nahm einen Aktendulli zur Hand, blätterte darin herum, schüttelte den Kopf und nah, den nächsten. Blätterte wieder, schaute Willi Budstaff ein wenig ratlos an und sagte ungläubig: „Nix, Willi. Hier ist nichts zu finden.“

„Vielleicht in den Neueingängen, Nelchen?“

„Nee, Willi. Da ist bestimmt nichts. Das wüsste ich.

---ENDE DER LESEPROBE---