Der Schiffbruch des Fiete B. - Harri Anholt - E-Book

Der Schiffbruch des Fiete B. E-Book

Harri Anholt

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Beschreibung

Völlig von der Rolle nach gescheiterte Ehe gelingt Fiete B. die Flucht, doch er scheitert im Westen. Wird schikaniert, zusammengeschlagen auf einem Vegesacker Fischdampfer. Von Heimweh geplagt, wagt er die Rückkehr., unterschreibt alles, was man ihm vorlegt. Ein schlimmer Fehler! Man versucht, Fiete zu erpressen, Doch er findet eine neue Liebe, die Tochter seine Chefs. Kann das gutgehen...

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Der Schiffbruch des Fiete B.

Geschniegelt und gebügelt saß Fiete Brinkmann im Wartesaal des Saßnitzer Bahnhofs. Graue Hose, dunkelblaues Sakko und dazu ein schneeweißes Hemd mit weinroter Krawatte, Fiete war mit sich zufrieden. Unten im Seemannsheim hatte er noch rasch einen Blick in den Spiegel geworfen – doch, so konnte er gehen, konnte sich mit gutem Gewissen unter die Leute wagen.

Nun schon fast dreißig, hatte Fiete Brinkmann, dessen Vorname eigentlich Friedrich lautete, bereits einiges an Illusionen verloren. Dennoch, auf sein Äußeres achtete er nach wie vor. Gut einsfünfundachtzig groß, von dunklem Teint und vollem schwarzen Haar, war Fiete noch immer ein Blickfang für die Damenwelt. Nur zu oft hielt man ihn für einen Südländer.

Heute stand ihm aber nicht der Sinn nach Damenbekanntschaften. Nach Leipzig wollte er, heim zu den Eltern. Denn die hatten nach seiner Flucht damals so einiges über sich ergehen lassen müssen.

Die steile Straße vom Seemannsheim hinauf zum Bahnhof hatte Fiete mit Bravour überwunden. Trotz des doch recht hohen Gewichts seines Koffers. Da hatte er nämlich noch ein Paket mit Flundern eingepackt und auch einen ordentlichen Kavenzmann von einem Dorsch dazugelegt. Da würdedn sie sich freuen, die Eltern. Sowas bekam man nicht jeden Tag da unten im Sächsischen.

Drinnen im Wartesaal begann Fiete der Magen zu knurren, der Hunger wollte ihn plagen. Im Seemannsheim hatte er heute früh noch nichts zwischen die Zähne bekommen. Höchste Zeit, das zu ändern.

Nunmehr ganz allein an seinem Tisch Platz genommen, kam auch die Kellnerin. Fiete blickte auf. Drei Schritt war sie noch entfernt, doch was war das? Diese Person, die kam nicht einfach so gegangen, sie schwebte heran!

Überrascht schaute Fiete sie an, schrak dann fast zusammen – diese junge Frau, mein Gott, diese Ähnlichkeit mit seiner Ex! Fietes Miene verfinsterte sich – doch nicht schon wieder! Drei Jahre lag das nun schon zurück mit seiner Scheidung. Und er kam einfach nicht drüber weg. Es schmerzte immer noch. Zu sehr hatte es ihn damals getroffen

„Was darf ich Ihnen bringen?“ Die junge Frau schreckte Fiete heraus aus seinen trüben Gedanken.

„Ich würde gern etwas essen“, beeilte sich Fiete Brinkmann zu sagen. „Was würden Sie mir denn empfehlen?“

„Ach Gott, das tut mir jetzt wirklich leid. Die Küche ist zu dieser Zeit noch kalt.“

„Und sonst“, sagte Fiete enttäuscht. „Gibt es denn gar nichts weiter?“

„Doch, doch, heiße Würstchen haben wir. Auch Salat. Möchten Sie…?“

„Gut, dann nehme ich ein Würstchen mit Salat. Doch halt, ich nehme gleich zwei. Mit nur einer Portion Salat, bitte.“

„Kommt sofort, mein Herr.“ Die Kellnerin schwebte wieder davon, nicht ohne einen tollen Augenaufschlag. Fiete konnte nicht anders, er schaute ihr nach. Eine hübsche Person. Die Beine. Und auch sonst. Bis sie in den hinteren Räumen verschwand.

Mit den Würstchen würde es wohl noch dauern. Fiete schaute sich im Wartesaal um. Kaum etwas los zu dieser frühen Stunde. Fast leer, der Saal. An einem Tisch nahe derTheke saßen Eisenbahner beim Bier. Fiete knurrte schon wieder der Magen. Er sah sich um, doch da kam sie ja bereits, die Schöne, schwebte heran mit den Würstchen.

Fiete war überrascht. Das war ja schnell gegangen. Ein prüfendere Blick auf die Würstchen, doch die dampften. Da rumorte der Magen schon wieder.

Hoffentlich hatte sie es nicht bemerkt, die Hübsche. Fiete griff zum Besteck. Drüben waren die Eisenbahner beim Bier – etwas trinken wäre wirklich nicht schlecht. Aber so früh am Morgen? Lieber nicht.

Die Kellnerin stand noch da. So fragte Fiete: „Würden sie mir noch ein Kännchen Kaffe bringen, bitte?“

„Aber sehr gern, mein Herr. Kommt sofort. Ich wünsche guten Appetit.“ Appetit hatte Fiete Brinkmann jetzt wirklich. Allserhöchste Zeit, dass er etwas in den Magen bekam. Ja, heiß und knackig, die Würstchen. Fiete aß mit Heißhunger. Aber wieso erinnerten ihn die knackigen Würstchen schon wieder an die Hübsche? Auch der Salat war nicht übel. Könnte vielleicht ein bisschen würziger sein. Aber er schmeckte.

Der größte Hunger war gestillt. Nach dem Kaffee fühlte Fiete sich bedeutend besser. Es wäre wohl gut, jetzt zu zahlen. Man wusste ja nicht, wann sie den Zug reinschieben würden. Ob er die Hübsche mal fragte? Man könnte sich eine Abfuhr holen. Schließlich war sie ja nicht die Auskunft.

Fiete angelte nach seiner Brieftasche. Hatte sie ihn beobachhtet? Ohne, dass er ihr zugewinkt hätte, kam sie heran. Viel zu tun war ja nicht. Was würde das Essen und der Kaffee wohl kosten? Sicher kaum mehre als fünf Mark. Fiete entschloss sich:

„Darf ich Sie etwas fragen, junge Frau?“

„Aber natürlich. Ich bitte Sie, fragen Sie nur.“

„Dieser Zug nach Stralsund, können Sie mir sagen, wann der hier einrollt?“ Fiete sah der Hübschen in die Augen, sah enen kleinen Schatten über das hübsche Gesicht huschen – hatte sie etwas anderes erwartet?

„Der Zug steht bereits am Bahnsteig. Sie könnten schon einsteigen. Wenn Sie auf den Bahnsteig kommen, gleich links.“

„Vielen Dank“, sagte Fiete. Die Würstchen waren vorzüglich. Nochmals danke.“

Es machte fünf Mark und paar Zerquetschte. Fiete reichte einen Zehner hinüber, stimmt so. Ein „Dankeschön“ und ein wundervoller Augenaufschlag waren der Lohn. Und Fiete gab es einen Stich – da waren sie wieder, die Erinnerungen an seine Ex. Ob das jemals ein Ende finden würde?

Entschlossen stand er jetzt auf, packte seinen Koffer, der neben seinem Stuhl stand. Noch einmal nickte er der Kellnerin zu, sagte jedoch nichts. Diese Augen! Fiete drehte sich um und ging.

„Eine gute Reise wünsche ich“, hörte er die Kellnerin noch hinter sich mit leiser Stimme sagen. Fiete antwortete nicht, nickte ihr nur noch einmal dankend zu.

Der Zug schien noch völlig leer zu sein. In Gedanken versunken, ging Fiete am ersten Waggon vorbei. Doch wäre es nicht besser, gleich vorne einzusteigen? Je weiter er hinten einstieg, desto mehr müsste er in Stralsund laufen. Nein, dann lieber gleich in den ersten Wagen.

Den Koffer ins Gepäcknetz gewuchtet, setzte er sich in die Fensterecke des Abteils. Es würde wohl noch dauern, bis der Zug anfuhr. Seinen trüben Gedanken würde er wohl kaum entgehen, heute früh. Den Gedanken an die Vergangenheit, an das furchtbare Geschehen damals. Die hübsche Kellnerin hatte alles wieder wachgerufen. Auch, wenn sie das mit Sicherheit nicht beabsichtigt hatte. Trotzdem, der Schmerz und auch ein bisschen Wehmut, alles war wieder da. Auc h die Zweifel. Warum hatte das nur alles so kommen müssen, damals? So verliebt waren sie doch beide gewesen! Hatten gar nicht von einander lassen können. Immer wieder war sie doch neu entfacht worden, wenn er von See wieder heimkam. Dann die frohe Botschaft – sie, seine Frau, sie durfte mit an Bord, durfte die ganze Reise mitmachen! Welch Aufregung damals. Fiete schloss die Augen in seinem Abteil. All die Vorbereitungen.

Ein Reisepass musste beantragt werden. Er erinnerte sich. Wie sie beide gefiebert hatten! Würde die Zeit überhaupt noch reichen? Sie hatte. Maschinist Friedrich Brinkmann war mit seiner Gattin, seiner Lady, auf hoher See!

Und welche Bewunderung hatte sie unter den Männern ausgelöst, seine Lady. Stolz war war damals gewesen. Auch ein bisschen besorgt. Die Männer an Bord hatte längere Zeit keine Frau mehr gesehen. Und dann plötzlich diese junge knackige Lady.

Doch besonders groß waren seine Bedenken da gar nicht gewesen. Um so härter dann der Schlag! Ein fürchterlicher Tiefschlag war es gewesen damals! Verraten hatte sie ihn, seine Frau, seine Lady! Hatte ihn mit dem Smutje betrogen, diesem abgemagerten Ihlen, den keiner ernstgenommen hatte, so spack wie der war. Sah eher aus, wie ein Hungerkünstler. Nicht, wie ein Koch. In der Nacht, als er noch nicht vom Landgang zurück war, da hatten sie es getan. Böse Tage waren gefolgt. Tage voller Schmerz und Pein. Immer die Angst im Nacken, alle an Bord würden Bescheid wissen.

Der Reiseplan des Schiffes war dann plötzlich geändert worden. Das Schiff musste auuf Heimreise. Da waren es dann nur noch knapp drei Tage der Qual und Pein gewesen. Fiete Brinkmann und Gattin hatten das Schiff verlassen in Richtung Heimat, nach Leipzig.

Einen Plan hatte er damals gehabt. Einen konsequenten Plan. Und den hatte er auch umgesetzt. Sich zunächst krankgemeldet. Nein, richtig krank war er ja nicht. Physisch jedenfalls nicht. Wenn es auch alles sehr schwergefallen war. Die Scheidung hatte er nach wenigen Tagen schon eingericht. Da hatte er sich auch nicht durch die Eltern beirren lassen.

Nach drei Wochen hatte sich dann der Maschinist Friedich Brinkmann bei der Reederei einsatzbereit gemeldet, hatte auch gleich ein anderes Schiff bedkommen. Personal fehlte ja dauernd.

Sein Konto bei der Bank hatte er zum größtten Teil geleert, jedoch etwas stehenlassen. Es durfte ja nicht auffallen. Und Millionen hatte sowieso nicht gehabt. Etwas mehr als zweitausend Mark.

Gemeinsam mit anderen Kollegen war er dann in deer Schleuse Brunsbüttel an Land gegangen. Da hatte niemand auch nur das Geringste geahnt. Erst viel später hatten einige etwas bemerkt. Aber da war es längst zu spät gewesen – der Erste Maschinist Fiete Brinkmann war an Land gegangen und kehrte nicht mehr zurück. Etwas fülliger sollte er da ausgesehen haben.

Danach begannen unruhige Tage. Denn sein Seefahrtsbuch, da hatte er ja zurücklassen müssen. Die Bücher lagen stets alle beim Kapitän unter Verschluss. Da war kein Herankommen gewesen. So hatte er nur seinen Personalausweis, sich im Westen zu legitimieren und um Aufnahme zu bitten.

Es war dann alles ganz anders gekommen, als er sich hatte vorstellen können. Was hatte er sich damals nur gedacht? Klar, sie würden ihn überprüfen. Doch dann käme er doch sicher auch bald wieder auf See! Ja, das hatte er wirklich gedacht damals. Doch er kann in ein Lager. Ein Aufnahmelager in Bergedorf. Grauenhaft, dachte er heute daran. Und mit einem neuen Pass wollte es dann auch nicht klappen. Dann noch die Journalisten! Die witterten Storys, wollten fotografieren. Groß herausbringen würden sie ihn, hatten sie behauptet.

Rundweg abgelehnt hatte er das. Und schlagartig war das Interesse an ihm erloschen! Unterstützung hatte er kaum erfahren. Auch die Sache mit dem Pass zog sich. Doch als die Rede auf die Seefahrt kam, da hatte er doch mal auch ein bisschen Glück gehabt.

Ja, wenn er unbedingt zur See wollte, ein Seefahrtsbuch würde man ihm rasch besorgen. Nur eine Stelle als Maschinist, daraus würde wohl nichts werden. Das würde dauern. Aber eine Stelle als Decksmann auf einem Fischdampfer, ja, das wäre möglich.

Seine zwei Mille Ostgeld hatte er umgetauscht. Nicht mal fünfhundert Mark West waren ihm geblieben. Weit würde er damit nicht kommen. Was also tun? Ein Fischermann war er ja nicht. Andererseits, hier auf eine Stelle als Maschinist zu warten ging auch nicht.

In seiner Not hatte ein Fiete Brinkmann eine Entscheidung getroffen, die er noch bitter bereuen sollte. Er heuerte auf einem Fischdampfer aus Bremen Vegesack an. Als Decksmann, sozusagen als ungelernte Hilfskraft.

Es war dann auch gleich in See gegangen. Hoch, nach norden in die Barentssee. Bei Wind und Wetter. Was ihm aber weniger ausmachte. Seemann war er ja, hatte manchen Sturm erlebt. Aber das hier, Mann, Mann! Alle Rotbarsche der Welt schienen sich hier versammelt zu haben! Man kamm überhaupt nicht mehr aus den Klamotten heraus. Hin und her wurde man zudem auch noch an Deck geschoben. Man kannte sich doch nicht so genau mit dem Geschirr hier an Bord aus! Und die Menschen hier auf dem Schiff. Einer von ihnen stieß ihn mit dem Höhenscherbrett in die Nieren, dass er fast gestürzt wäre! Sich mühsam aufrappelnd, hatte er demn Kerl mit der Rückhand mitten ins Gesicht geschlagen! So ein Halunke. War selbst ein wenig überrascht gewesen von seiner Reaktion. Aber die Niere hatte noch tagelang geschmerzt.

„Du verdammter Zonenheini“, hatte der Kerl noch geschrien. „Dir wede ich es zeigen, du roter Hundesohn!“

Ganz genau konnte er sich noch an diese Worte erinnern. Auf sein Gedächtnis konnte sich ein Fiete Brinkmann immer noch verlassen. Und tatsächlich hatte die Sache noch ein Nachspiel gehabt. Als nämlich alle für Minuten unter Deck waren, geschah es: Völlig unerwartet schlugen sie mit drei Mann auf ihn ein! Wieder und wieder! Aus Leibeskräften hatte er sich da zur Wehr gesetzt, den einen odder anderen auch getroffen. An der Lippe den einen, am Kopf den anderen. Doch dann hatten sie ihn in die Ecke des Logis gedrängt, ihn auf Nieren und Magen geschlagen, wo immer es hintraf. Eigenartigerweise jedoch nicht ins Gesicht. Das hatte er noch begriffen. Dann war es dunkel um ihn geworden.

Völlig zerschlagen schien sein Körper. Grausame Schmerzen hatten ihn geplagt, als langsam das Bewusstsein zurückkehrte. Was war passiert? Geschlagen hatten sie ihn hier! Auf See überfallen! Wohin war er hier geraten? Waren hier Verbrecher an Borfd? Entlaufene Sträflinge gar? Und wie sollte er sich nun verhalten? Zum Kapitän auf die Brücke?

Nein, zunächst die Knochen sortieren, versuchen, auf die Beine zu kommen. Übel war ihm gewesen. Hatten sie ihm die Rippen eingeschlagen? Schwer war der Atem, doch die Beine hatten ihn wieder getragen.

Nein, nicht zum Kapitän. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Wie hätte er auch beweisen sollen, was ihm widerfahren war? Am Ende würden sie ihn hier noch über Bord gehen lassen, auf diesem Verbrecherdampfer. Ihn heimlich umbringen.

Als wäre überhaupt nichts geschehen, ging die Arbeit an Bord weiter. Da musste man mit. Schlimm, diese Schmerzen. Doch nach einigen Stunden ließen sie nach. Doch was würde werden? Würden sie ihn erneut angreifen?

Zunächst schien es nicht so. Über das Vorgefallene fiel kein Wort. Nur böse Blicke wurden gewechselt. Und er wusste ja ganz genau, wer sie waren, die Übeltäter. Nur jetzt keine Furcht zeigen. Einzeln würde er es mit jedem von ihnen aufnehmen. Was die Banditen offensichtlich auch wussten. Also, durchhalten! Auch diese Reise würde einmal zu Ende gehen. Aber in Vegesack, da würde er diesen Fischdampfer wieder verlassen. Das war der Plan. Mit diesem Gesindel würde er nie wieder in See gehen. Doch es sollte anders kommen.

Wieder in Vegesack, hatte er kein Geld bekommen! Ein Konto hatte er ja noch nicht und im Büro hatten sie noch keine Lohnabrechnung für ihn. Damit auch kein Geld.

Außerdem, es sollten nach nur drei Tagen wieder in See gehen! So wären es nur noch Stunden, bis es wieder losging!

Da half nun kein Ach und Weh! Hier, im Westen ohne Geld? Da war man ein Nichts, eine Null! So viel war schon nach der kurzen Zeit klargeworden. Das Geld war hier alles! Es war das Lebenselixier. Ohne ging gar nichts. Dann also doch wieder mit hinaus. Doch Vorsicht, dieses Mal. Nur keinen von dieser Band eim Rücken haben.

Auf der Reise passierte dann auch nichts weiter. Ein wenig hatte man sich inzwischen auch an die entsetzlich schwere Arbeit gewöhnt. Auch mit dem Geschirr ging es schon besser. Man hatte dazugelernt. Allerdings auf schmerzliche Weise.

Einen Zwischenfall hatte es dann doch gegeben. Der eine von den Kerlen schien so etwas wie ein Anführer zu sein, wolltte sich mit dem Zonenheini anlegen. Vorne, allein im Logis, während die anderen gerade mal an Deck waren.

„Jetzt habe ich dich, due rote Sau! Dich mach ich alle jetzt, du Hundesohn.“ Mit Ähnlichem hatte er schon eher gerechnet, war ruhig geblieben. Mit eisigem Blick hatte er den anderen in die Augen gesehen, starr und unbeweglich. Und was geschah? Das Großmaul kniff! Wandte sich plötzlich ab und drohte nur noch mit der Faust.

Wie geplant, hatte Fiete Brinkmann den Fischdampfer in Vegesack endlich verlassen. Heil und gesund. Auch sein Geld hatte er im Büro erhalten. Einen ganz schönen Batzen. Der würde eine Zeitlang reichen. Obwohl er nicht vom Fach war, hatte er doch gut verdient. Das musste man denen lassen im Westen. Verdienen konnte man hier etwas.

Nun abere drohte ein ganz anderes Problem – eine Unterkunft! Praktisch stand er ja auf der Straße. Wo die Nacht verbringen? Keine Wohnung, nicht mal ein Zimmer, das müde Haupt zu betten.

Wieder zurück nach Hamburg? Nach Bergedorf? Nur das nicht! Und ob sie ihn da überhaupt aufnahmen! Mann, Mann. Wie würde das nur alles enden hier. Hier, wo man keine Menschenseele kannte, wo stets Mistrauen herrschhte, jeder um sein Geld fürchtete.

$chon auf der ersten Reise auf diesem unseligen Fischdampfer waren die Zweiifel aufgekommen. Immer wieder hatte er sich gefragt: Fiete Brinkmann, hast du dich richtig entschieden? Entschieden, in den Westen zu gehen?

Zuerst war er sich da auch ziemlich sicher gewesen. Aber jetzt? Ohne eine Bleibe? Vielleicht in ein Nachtasyl. Sowas gab es ja hier in Hamburg. Etwas Gutes allerdings hatte man nicht darüber gehört. Klauen sollten sie da wie Elstern! Und seine Brieftasche, heute gut gefüllt, die wäre ein gefundenes Fressen. Nein, das wäre keine Lösung. Also, auf nach Hamburg. Wer Geld hat, bekommt auch ein Zimmer. Und in Hamburg, da wimmelte es doch geradezu von Schiffen. Ein Zimmer und ein Job als Maschinist. Das wäre es jetzt.

Viel Glück hatte er damals auch in Hamburg nicht gehabt. Die Hacken hatte er sich schiefgelaufen. Einen Job als Maschinst aber nicht gefunden. Als Decksmann vielleicht. Bei einem Hungerlohn. Zum Verzweifeln! Doch wieder so einen Job in Vegesack?

Einmal hatte ihm Fortuna dann doch zugelächelt: Fiete Brinkmann bekam einen Job als Maschinist! Auf einem kleinen Küstenfrachter in Kiel! Aber da müsste er sofort hin. Der Kapitän würde bereits voller Ungeduld warten.

Da hatte er sich natürlich sofort auf den Weg gemacht. War ja wieder Maschinist! Doch rasch, wie die Euphorie von ihm Besitz ergriffen hatte, so schnell wich sie auch wieder. Die „Antares“, die nun seine neue Heimstatt werden sollte, hatte nur fünf Mann Besatzung. Was im Grunde weiter kein Problem war. Auch nicht, dass er nun ständig an Deck aushelfen mussste. Schlimm aber die Leute an Bortd! Was war nur los mit der Christlichen Seefahrt in Westdeutschhland?

Der Kapitän ein übellauniger Patron! Mit dem war keiun vernünftiges Wort zu wechseln. Schrie immer nur herum, erinnerte fast an die „Bounty“. Und die Matrosen erst. Zu Hause hatte es immer nur junge Leute gegeben auf den Schiffen. Hier aber hatte man es mit bärbeißigen älteren Herren zu tun, die auch zu allem Übel noch zur Gewalt neigten. Was sofort Erinnerungen an den Fischdampfer wachrief. Deren ständiger Begleiter war der Alkohol. Und Geld hatten die wohl auch nicht, hatten wahrscheinlich alles versoffen. Den Alten hatten sie wohl auch schon anpumpen wollen, als es nach Malmö ging. Der wollte wohl nicht, hatte dann aber nachgegeben und zahlte.

Das mit der Lohnzahlung hatte nachdenklich gemacht. In seiner Freude über den Job hatte er an Geld gar nicht mehr gedacht. Er war ja noch ganz gut bei Kasse. Trotzdem hatte er die Gelegenheit wahrgenommen, mit dem Kapitän darüber zu sprechen.

Ein Fehler, wie sich sofort herausstellte. Da hatte der Kerl doch losgepoltert: „Noch keine drei Tage an Bord und schon wollen Sie Geld? Was wollen Sie denn heute schon mit Geld? Wohl alles versoffen, was?“

Fiete schreckte plötlich auf - mit einem Ruck war der Zug angefahren! War er wirkklich eingeschlafen auf seinem Fensterplatz? Tatsächlich! Er öffnete die Augen, sah sich um. Nur schwach beleuchtet, das Abteil. Einen üblen Traum musste er da geträumt haben.

Fuchsteufelswild war er damals geworden! Von wegen, alles versoffen. Das überlasse ich Ihnen und ihren Säufern hier an Bord, hatte er noch gerufen, erinnerte Fiete sich. Fast hatte es ausgesehen, als wollte sich der Alte da auf ihn stürzen nach diesem Satz. Fiete lächelte. Das hatte der Bursche dann doch lieber gelassen. Statdessen hatte nur noch gebrüllt, dass er ihn, Fiete Brinkmann, nicht mehr haben wollte. Im nächsten Hafen zu verschwinden hätte.

Praktisch hinausgeworfen, hatte er die Fäuste geballt, war gegangen. Aber dieses Gespräch, das ja eigentlich gar keines war, hatte etwas ausgelöst: So musste sich doch ein Fiete Brinkmann nicht behandeln lassen! Was waren das für Leute im Westen? Waren die alle verrückt? So verfuhr man nicht mal mit dem eigenen Vieh!

Der einzige auf diesem Fahrzeug war der Koch. Der zeigte Verständnis. Vielleicht, weil man ihm ein bisschen geholfen hatte in der Kombüse. Da hatte man ein bisschen geplaudert. Du bist aus dem Osten, hatte der Koch mehr festgestellt als gefragt. Hatte es gesagt, obwohl er, Fiete, das Sächsische längst abgelegt hatte. Zustimmend genickt hatte er da nur.

Er würde hier nicht herpassen, hatte de Koch noch gesagt. Er solle doch einfach zurückgehen.

Richtig erschrocken hatte er da den Koch angeschaut: „Zurück? Menschenskind, die sperren mich doch gleich ein, wenn ich da nur einen Fuß an Land setze.“

„Glaube ich kaum, Fiete. Die werden das benutzen, um dem Klasseenfeind eins auszuwischen, sage ich dir.“

„Wie kommst du nur darauf? Bist du etwa auch…?

„Nee, bin ich nicht, Fiete. Aber ich sehe doch, was lost ist auf der Welt.“

Sehr gut hatte er sich erinnert an dieses kurze gespräch mit dem Koch damals. Das war er gewesen, der Augenblick, der ihn nicht mehr losgelassen hatte. Dieser Gedanke! Zurück in die Heimat – ob das wirklich möglich war? Oder würden sie ihn doch gleich einsperren wegen Republikflucht? Was, wenn der Koch doch falsch lag? Andererseits, ein Fiete Brinkmann war ja jetzt Bundesbürger! Da konntenn sie ihn doch jetzt nicht einfach… Ja, das könnte Ärger geben. Politischen Ärger. Vielleicht hatte der Koch doch recht. Vielleicht würden sie wirklich versuchen, daraus Kapital zu schlagen.

Einige Wochen des Nachdenkens, des Zweifelns hatte es noch gebraucht. Immer wieder hatte er über seiine Flucht in den Westen nachdenken müssen, hatte hin und her überlegt. Was hatte ich eigenttlich dazu gebracht? Zu dieser Flucht getrieben?

Seine Eltern, die Freunde, Kollegen und Bekannten, einfach alle klammheimlich zu verlassen? Doch nicht das Geld! Sicher, verdienen konnte man hier. Aber nicht einen einzigen Menschen kannte man hier! Hatte auch keine Verwandten im Westen. Die waren alle in Sachsen. Trostlos war das doch! Was für ein Leben! Ohne Freunde, ohne Verwandte. Wie ein Zigeunere trieb er sich in der Welt herum, ohne Plan und Ziel! Hatte keine Bleibe, keine Wohnung, nicht mal ein Zimmer. War auch noch gedemütigt, ja, geschlagen worden! Was für ein Leben würde er denn künftig führen wollen?

Wochen waren vergangen. Rausgeschmissen hatte ihn der finstere Alte bisher immer noch nicht. Hatte wohl keinen anderen finden können. Immr noch hetzte man von einem Hafen zum nächsten. In Sundsvall hatte der Rübezahl eine Ladung Zellulose aufgegabelt. Eine handliche Ladung, diese Zellulose. Diebisch hatte er sich darüber gefreut, der Rumpelstilz. Aber dieser Bestimmungsort!

Wie elektrisierrt war da ein Fiete Brinkmann gewesen – Nach Stralsund sollte es gehen! Mein Gott, war das ein Zeichen? Nach Stralsund! In die Heimat! Wieder in die Heimant. Sollte er es riskieren? Herrgott, die Heimat – den Kopf würde es nicht kosten! Selbst, wenn sie ihn da einsperrten, ein Jahr höchstens! Wenn überhaupt. Und vielleicht hatte der Koch doch recht, und sie ließen ihm seine Freiheit!

Fast fieberhaft war er in Sundsvall an die Vorbereitungen gegangen, hatte noch mal alles durchdacht, jedoch kein Sterbenswörchen gesagt. Fast unbemerkt seine Sachen schon gepackt. Viel war es ja nicht, was er hatte. Und Neues war kaum hinzugekommen. Hatte ja nur herumvagabundiert, die ganze Zeit. Aber das sollte jetzt sein Ende finden, das Zigeunerleben.

Den Berechnungen des Alten zufolge sollte Stralsund gegen Mittag erreicht sein. Schon gegen acht Uhr am Morgen hatte er da schon beim Alten auf der Brücke vorgesprochen, hatte sen Anliegen vorgetragen. Ganz wohl war ihm dabei nicht gewesen, doch der Plan stand fest. Was auch immer der Alte vorbringen würde, Fiete Brinkmann würde abmustern!

Doch kaum den ersten Satz ausgesprochen, tobte der Alte auch schon los: Was er sich denn dabei dächte! Ob er denn jetzt ganz und gar verrückt geworden wäre. Der reine Wahnsinn wäre das doch! Sich hinter dem Eisernen Vorhang zu verkriechen! Da müsse man ja völlig irre sein.

Gerechnet hatte er ja damit, sich gewappnet und die Ruhe bewahrt. Die ganze Litanei sich angehört und gesagt, dass er seine Papiere möchte. Und den Lohn natürlich auch. Hatte sofort die Brücke vrerlassen und abgewartet.

Hinter ihm hergeschrien hatte der Kapitän noch. Woher er denn jetzt einen neuen Mann kriegen solle. Doch was sollte das? Von Stralsund bis Lübeck war es doch nur ein Katzensprung. Und arbeitslose Seeleute hattten sie doch drüben genug. Aber das hatte er dem Alten schon nicht mehr gesagt.

In Stralsund festgemacht, hatte er dann doch noch einige Sorgen, hatte feuchte Hände. Was würde jetzt passieren? Wie war das überhaupt anzustellen, wenn er wirklich hierbleiben wollte? Der Koffer war ja gepackt. Sein Geld hatte er auch bekommen. Ein paar Tausender insgesamt. Hatte es gar nicht richtig durchgezählt in der Aufregung.

Zoll und Grenzbehörden waren an Bord gekommen, doch er wusste noch immer nicht, wie er vorgehen sollte. Warten? Nein, jetzt musste es sein! Zusammengerissen hatte er sich, einfach noch mal beim Alten geklopft, war eingetreten.

Schon hatte de Alte wieder losbrüllen wollen, da da war er ihm zuvorgekommen. Ich möchte hier abmustern! Möchte in meiner Heimat bleiben. Ja, das hatte er einfach gesagt. Und ungläubiges Staunen damit ausgelöst. Völlige Stille in der Kammer des Kapitäns.

Später hatte er sich über die Gesichter der Zöllner und Grenzer amüsiert. Doch im Augenblick des Geschehens viel zu aufgeregt. Denn fast sprachlos hatten ihn alle angeshen. Auch der Alte hatte kein Wort hervorgebracht. Fast war es schon ein bisschen peinlich geworden. Doch da hatte der Grenzer das Wort ergriffen, hatte ihn aufgefordert, draußen zu bleiben, bis hier alles erledigt wäre.

An Deck hatte er dann gestanden und gewartet. Beklommen. Was würde jetzt mit ihm passieren? Von hier aus gleich ins Gefängnis? Jetzt war schon alles egal.

Dann waren sie drinnen beim Kapitän fertig, kamen heraus. Mitgehen hatte er müssen. War den Beamten gefolgt, die gemessenen Schrittes das Schiff verließen. War ihnen voller Zweifel hinterher. War es nun richtig, was er getan hatte? Großer Gott, nach dieser Odyssee im Westen nun wieder daheim, um geradewegs im Gefängnis zu landen!

Letztlich war dann alles ganz anders gekommen. Im Bürogebäude des Zolls hatte man ihn ganz zuvorkommend behandelt! Da hatte er etwas anderes befürchtet. Ein Marathon an Fragen hatte eingesetzt. Alles, aber auch wirklich alles hatte er erzählen müssen. Jede noch so geringe Kleinigkeit hatten sie wissen wollen über die Behörden drüben. Ob denn auch Amerikaner dabeigewesen wären bei den Befragungen. Und ob man ihm Angebote gemacht hätte.

Nein, hätten sie nicht. Da hatte er sich exakt an die Wahrheit gehalten. Hatte nichts verschwiegen und auch nichts hinzugefügt, was nicht der Wahrheit entsprach. Auch mit Urteilen jeglicher Art sich zurückgehalten. Aus politischen Gründen wäre er ja nicht geflohen. Private Gründe wären es gewesen. Das unselige Ende seiner Ehe.

Seine Aussagen mussten die Zolloffiziere am Ende zufriedengestellt haben. Blicke hatten sie gewechselt, sich zugenickt, während eine junge Frau im Hintergrund protokollierte.

Hatte man ihn verhört? Manchmal war es ihm so vorgekommen. Dann wiederum schien es, als sei es nur eine zwanglose Unterhaltung. Doch das war es beileibe nicht! Das hatte er bald bemerkt. Als die Rede auf das Geld kam, das er mit sich führte. Mit sich führen. So hatten sie es genannt, die Zöllner. Dabei war das doch nur sein Lohn für einige Monate Arbeit.

Aber dieses Geld, das Westgeld, das müsse er nun unbedingt umtauschen! Eins zu eins natürlich. Die westdeutschen Schwindelkurse wären ein Verbrechen am sozialistischen Staat.

Die Verhandlungen oder was immer es waren, dauerten dann schon Stunden. Anfängliche Furcht und Unruhe waren gewichen. Viel ruhiger war er da schon geworden. Denn die Gefahr, im Gefängnis zu landen, schien zunächst gebannt. Doh diese Fragen dauernd! Der Nachmittag neigte sich schon. Und wo sollte er bleiben? Eine Unterkunft hatte er nicht, und das ganze Geld war jetzt auch erst mal weg. Nicht einen Pfennig hatten sie ihm gelassen, nicht mal das Hartgeld durfte er behalten!

Langsam schienen sie nun doch mit den Fragen am Ende zu sein. Jetzt ging es ans Unterschreiben. Bogen um Bogen hatten sie ihm da zugeschoben, unter die er seinen Willem setzen musste. Lieber Himmel! Das schien kein Ende nehmen zu wollen. Doch dann war auch damit endlich Schluss.

Voller Erwartung hatte ein Fiete Brinkmann da die Offiziere angeschaut, hatte gehofft, dass man ihm irgendwo vielleicht eine Bleibe, eine Unterkunft vorschlagen würde! Doch das war nicht passiert. Im Gegenteil! Ganz erschrocken war er, als sie ihm nun alle Papiere abnahmen. Auch sein Seefahrtsbuch und den westdeutschen Pass.

Seinen Personalausweis hatte er sorgfältig aufbewahrt. Für den hatte sich niemand im Westen interessiert. Keiner hatte ihn haben wollen. Doch auch den behielten sie ein. Jetzt war er also alles los!

Sein bestürztes Gesicht hattew die Männer wohl bemerkt. Der eine hatte jovial gelächelt. Doch, einen provisorischen Ausweis würde er bekommen. Natürlich nur, bis der neue fertig wäre. Alle anderen Papiere würden eingezogen, hier wären die Quittungen.

Der Offizier hatte einen Zettel über den Tisch geschoben, doch was nun? Fast wollte es scheinen, als wäre alles erledigt. Aber seine Bleibe! Auch würde er doch eine Arbeit aufnehmen müsen. Ein Fiete Brinkmann konnte doch nicht ohne Arbeit auf der faulen Haut liegen!

Seinen Fragen aber kam der Offizier zuvor damals. Seinen provisorischen Ausweis hätte er ja nun, müsse ihn sorgfältig aufbewahren. Man würde sich morgen früh wiedersehen und alles Weitere besprechen. Und ehe er es vergesse – hier eine Adresse. Dort könne er übernachten. Auch etwas Geld könne er morgen bekommen. Sehr wichtig wäre das. Man könne sonst straffällig werden. Und das würde man doch nicht wollen.

War es nun vorbei? Mit steigendem Unbehagen hatte er zugehört, sich seine Gedanken gemacht. Um das Westgeld hatten sie sich hier wohl die größte Sorge gemacht. Aber weiter war er da mit den Gedanken nicht gekommen – ein weiterer Mann war durch ejne Seitentür eingetreten, war auch sofort auf ihn zugekommen, ihm die Hand gereicht, die er auch ergriffen hatte. Man wollte ja nicht unhöflich sein. Oberleutnant Stöver, hatte der sich vorgestellt. Vom MfS. Hatte sich für die weitere Betreuung zuständig erklärt.

Das war es also! Längst hatte er, Fiete Brinkmann, es erwartet, das MfS, die Stasi! Ja, und morgen früh würde er kommen und den Neuankömmling abholen. Es wäre da doch noch so einiges zu besprechen. Doch nun würde er Herrn Brinkmann zu seiner Unterkunft fahren.

Ging das nun alles von vorne los? Etwas zu besprechen! Hatte er es nicht befürchtet? Doch wieder kam es anders. An einem recht unschdeinbaren Haus hatte ihn der Oberleutnant abgesetzt. Schien so etwas wie eine kleine Pension zu sein. Etwas in der Art, jedenfalls. Denn offenbar wusste man hier bereits Bescheid. Vielleicht war es auch nicht das erste Mal, dass das MfS hier jemand einquartierte.

Den Schlüssel hatte er von einer älteren Dame entgegengenommen, sich sofort auf sein Zimmer begeben. Eine unruhige Nach war es dann geworden. Lange hatte er nicht einschlafen können. Trotzdem, er hätte ganz zufrieden sein können. Eingesperrtr hatten sie ihn hier nicht. Hatten nicht mal andeutungsweise drüber gesprochen. Und dennoch! Es war dran an ihm, das MfS. Da war Vorsicht geboten. Aber so war es nun mal. Wer A sagt muss auch B sagen.

Wie gerädert war er am Morgen aufgewacht, war trotzdem früh auf den Beinen gewesen. Wieder waren die Gedanken bei diesem Stöver. Was mocht der von ihm wollen?

Das Frühstück kam! Mein Gott, damit hatte er gar nicht gerechnet. Ein Kännchen Kaffe, Brote, belegt mit Wurst und Käse. Richtig gutgetan hatte das. Aber wie nun weiter? Gleich würde er kommen, der Oberleutnant.

Wennman vom Teufel spricht. Oder auch nur an ihn denkt – er kam, der Herr Stöver. Händeschütteln, Freundlichkeit.

Zur Bank sollte es zuerst gehen. Das Geld tauschen, dann ins Büro. Doch zunächst umgetauscht, das Geld. Auf Heller und Pfennig. Auch das Hartgeld. Gleichzeitig ein neues Konnto auf den Namen Friedrich Brinkmann eröffnet. Fünf Hunderter hatte er da gleich behalten. Knapp sechstausend blieben stehen auf dem nagelneuen Konto. Und etwas abseits stehend, hatte Stöver alles beobachtet. Er, Fiete, hatte es genau bemerkt. Auch wenn Stöver vielleicht dachte, es wäre nicht so.

In Stövers Büro dann die Überraschung – kein Verhör! Und Stöver kam auch gledich zur Sache, was die Zukunft des Fiete Brinkmann betraf. Was ihm denn da so vorschwebte, dem Herrn Brinkmann. Was er denn nun am liebsten tun möchte.

Da war wirklich guter Rat teuer gewesen. Was er tun möchte? Das würde wohl kaum in seiner Hand liegen. Was sollte er da sagenn? Wieder zur Reederei? Wieder Maschinist sein. Ja, das wäre es jetzt. So ähnlich hhatte er es auch gesagt. Aber nach seiner Flucht…

Ganz recht, hatte Stöver da fast fröhlich geflötet. Lieber Brinkmann hatte er gesagt. Das mit der Flucht würde man gleich wieder vergessen. Aber da gäbe es vielleicht eine andere Möglichkeit, hatte er noch hinzugefügt.

Überrascht hatte er Stäver da angeschaut. Was mochte der mit ihm vorhaben? Dessen Tonfall war so freundlich – also Vorsicht! Aber gespannt war er doch gewesen. Wie ein Flitzbogen so gar!

Na ja, zur Seereedrei, das würde nicht gehen, hatte Stöver da gesagt. Aber oben in Saßnitz, beim Fischkombinat, da würden sie Leute suchen. Natürlich auch Maschinisten. Und da wäre er doch qualifiziert, der Herr Brinkmann.

Großer Gott, überwältigt war er da gewesen, der Herr Brinkmann! Völlig erschlagen von diesem Angebot! Nie und nimmer hätte er mit sowas gerechnet. Etwas Erfahrung hatte er ja beriets gesammelt auf dem Vegesacker Fischdampfer. Und so, wie auf dem würde es in Saßnitz ganz bestimmt nicht zugehen. Sowas gab es hier nicht. Fast aufgelöst von Freude und Dankbarkeit hatte er da alles unterschrieben, was Stöver ihm vorgelegt hatte – Mann! Wieder Maschinist, wieder zur See fahren als freier Mann, nicht ins Gefängnis!

Fast hatte es ihn aus dem Sitz des Zuges gehoben – der Lokführer hatte gebremst! Himmel, A… und Zwirn! War der Kerl von allen guten Geistern verlassen? War das etwa schon Stralsund? Den Kopf an die Fensterscheibe gepresst, in die Dunkelheit gestarrt – ein Schild schlich vorbei – Bergen! Also doch noch etwas Zeit bis Stralsund.

Der Zug ruckte wieder an. Etwas sanfter dieses Mal. Nahm langsam Fahrt auf, ratterte dann eintönig durch die Nacht. Auch die Gedanken ratterten weiter. Nein, anhalten wollte er sie gar nicht. So viel war geschehen. Nägel mit Köpfen hatte Oberleutnant Stöver gemacht. Sein Einverständnis hatte der sowieso vorausgesetzt. War ja auch ganz richtig gewesen. Wie am Schnürchen war da alles gelaufen. Im Saßnitzer Seemnnsheim hatten sie ihn einquartiert. Ein paar Tage hatte er warten müssn auf sein Seefahrtsbuch. Und im Betrieb wussten die offensichtlich auchh schon Bescheid. Sein Arbeitsvertrag lag zur Untershrift bereit. Wie ein Traum war das alles gewesen. Seine Schutzkleidung hatte er noch abgeholt. Ölzeug, Stiefel und Südwester.

So ausstaffiert und voller innerer tiefer Freude erfüllt, hatte er sich bei Willi Budstaff, dem Kutterführer, vorgestellt auf der „Freundschaft“, einem Siebzehn- Meter-Kutter. War dort ein bisschen wortkarg, jedoch herzlich aufgenommen worden.

Zu Hause hatte Fiete Brinkmann bei den Eltrrn seinen Fisch abgeliefert, zwei wundervolle Tage verbracht. Schluss jetzt mit den Erinnerungen, den bösen und auch den angenehmeren. Nach vorne sollte der Blick jetzt gehen. Vorbei sollte es jetzt endlich sein mit den ewigen Gedanken an den Verrat seiner Ex. Nach einer Wohnung wollte er suchen, sich auch mal nach einer Frau umschauen. Das war doch kein Leben ohne Frau. Herrgott! Die Hübsche auf dem Saßnitzer Bahnhof! Sowas müsste man mal im Arm haben!

Fiete war wieder in Saßnitz. Eine gehörige Umstellung damals auf dem Kutter. Kein Vergleich zum Vegesacker Fischdampfer. Eine Nussschale, die „Freundschaft“. Aber die Größe spielt ja keine Rolle. Jede Herausforderung würde er annehmen. Hatte er auch getan. Hatte sich mit der Maschine, einere Bohn & Kähler angefreundt. Vor dem Startt musste das Ding erst hingetörnt werden. In die richtige Position das Schwungrad gebracht. Für einen Fiete Brinkmannn kein Problem.

Draußen auf See war sein Platz an der Winsch. Nicht ganz einfach zuerst, die Leine um den Spillkopf zu legen und das Zeug hochzuhieven. Doch den Bogen hatte er bald heraus. So waren Wochen und Monate bereits vergangen. Der Sommer verabschiedete sich bereits, der Herbst übernahm das Kommando. Mit rauen Winden und stürmischer See.

Recht ungemütlich war es da auf See gedworden. Dennoch, es wurde gefischt, so lange es der Wind eben zuließ. Doch ab Windstärke sechs war Schluss. Da wurde es dann doch zu gefährlich. Da drohte der Verlust des ganzen Fanggeschirrs.

Einen Plan hatte Fiete Brinkmann sich zurechtgelegt. Alles sollte jetzt anders werden! Und auf keinen Fall wollte er seinen Neustart verpatzen. Das Konto in Stralsund ließ er zunächst noch bestehen, legte sich in Saßnitz jedoch ein neues an, auf dem sein Lohn ständig landen sollte. Das Stralsunder sollte bleiben, falls es in seinem Leben doch noch mal eine Frau geben sollte. Denn ohne Frau war alles nichts. Zumal in seinen Träumen öfter zwei auftauchten. Seine Ex, an die er immer weniger dachte oder das schwebende Wesen vom Saßnitzer Bahnhof. Manchmal vermischten sich die beiden im Traum. Da war es dann gar nicht mehr die Ex, die in sinen Armen stöhnte. Es war die Kellnerin. Gern erinnerte Fiete sich. Als er aus Leipzig zurück war, hatte er sie natürlich gesucht, aber nicht gefunden. Auch später nicht. Sie schien wie vom Erdboden verschluckt. Und fragen hatte er auch nocht wollen. Wen denn auch. Trotzdem, es wurde Zeit, sich ein wenig umzuschauen. Schleßlich forderte die Natur ihr Recht.

Heute sollte es wieder in See gehen. Willi Budstaff saß bereits im Ruderhaus und wartete auf seine Mitstreiter. Außer Fiete als Maschinisten waren noch der Vollmatrose Heiner Panklin und der ungelernte Decksmann Eike Schimmel aus Berlin an Bord.

Den Matrosen hatte Fiete bereits gesehen, als er aus dem Sozialgebäude kam. Der würde sicher schon da sein. Ein langer Kerl war das. Sicher einsneunzig groß, gerade mal zwanzig Jahre alt mochte er sein. Aber ein ausgezeichneter Fischermann. Hatte von der Pike auf gelernt, verstand sein Handwerk – und da war er ja auch schon. Stakte mit seinen langen Beinen über Deck, wollte hinüber zu Willi ins Ruderhaus.

Fiete folgte ihm, Heiner grüßte kurz und bog links ab ins Ruderhaus. Fiete hingegen wollte ins Logis, seine Sachen auspacken, die er mitgebracht hatte. War er nicht viel zu früh? Das hatte sich einfach so ergeben. Lieber bisschen eher, als zu spätkommen. Auslaufen hatte Willi doch erst für zehn Uhr heute Abend festgelegt. Ein Blick auf die Uhr – es war noch nicht mal sieben. Also noch reichlich Zeit.

Zum Auslaufen war bereits alles vorbereitet. Fiete war nach achtern zu den beiden ins Ruderhaus gegangen. Wenn alles klar war, warum machte Willi denn so ein griesgrämiges Gesicht? Heute lag doch gar kein Grund dafür vor.

Okay, Willi war schon mal bisschen mürrisch. Mal lag es am Wind, der wieder mal viel zu heftig wehte. Mal kamen ihm die anderen zu spät an Bord. Aber heute? Es war wohl eher das Warten, das ihn nervte. Eike war noch nicht da, aber es war ja noch reichlich Zeit. Aber so war Willi eben. Stets ungeduldig. Immer darauf bedacht, auf Fang zu gehen. Dabei würde es gar nichts bringen, jetzt schon abzulegen. Man wäre viel zu früh am Fangplatz. Fürs Fischen musste es erst hell werden. Das wusste Willi doch.

„Nun mach nicht so´n Gesicht, Willi“, stupste Fiete seinen Kutterführer an. „Der Eike ird schon rechtzeitig kommen. Hat ja den längsten Anfahrtsweg.“

Willi Budstaff, zwei oder drei Jahre älter als Fiete selbst, hatte zu Eike Schimmel nicht den allerbesten Draht. Fiete hatte das bald erkannt. Dabei hatte Willi den Burschen doch selbst an Bord geholt. Wohl nicht ganz freiwillig, vermutlich. Da hatten Willis Frau und deren Verwandte die Hände im Spiel gehabt. Willi hatte das eigenttlich gar nicht gewollt. Verwandte an Bord? Nein, das war nichts für Willi Budstaff. Aber am Ende hatte er sich doch gefügt. Um des Friedens Willen.

Eike Schimmel hatte nämlich eine Vergangenheit. Eine nicht ganz einwandfreie. Sollte mit der Justiz in Konflikt geraten sein, der Eike. Näheres wusste Willi auch nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Das wäre Vergangenheit. Wichtig sei die Gegenwart und die Zukunft.

Und dabei hatte sich dieser Bengel, dieser Berliner Buffke, doch gar nicht so schlecht gemacht hier an Bord. Wenn der nicht bloß immer so eine große Klappe hätte! Nein, das mochte Willi Budstaff überhaupt nicht.

Willis Familie stammte aus Rügenwalde. Damals war seine Familie mit einem Flüchtlingstreck nach Westen geflohen. Mit dem, was von der Familie noch übrig war. Im Krieg war er geblieben, der Vater. Nur Frauen uund Kinder waren da noch. Schließlich war die Mutter mit ihrem Willi nach vielen Irrungen und Wirrungen, nach Hiunger und Durst bei Regen und Schnee in Saßnitz gelandet.

Nach seiner Schulzeit hatte Willi in Saßnitz Hochseefischer gelernt, hatte später auch sein Patent als Kutterführer gemacht. Kaum mehr als mittelgroß, hatte er in den letzten Jahren trotz der Arbeit auf See etwas zugenommen, war ein ganz klein wenig schwerer geworden.

Nachdem Willi das alles geschafft und gutes Geld verdient hatte, war es dann passiert. Die Mutter hatte sich hingelegt und war nicht mehr aufgestanden, war einfach gestorben! Gar nicht geklagt hatte sie. War nicht mal richtig krank gewesen, die Mutter. All die Entbehrungen, der Verlust des Mannes und dann auch noch diese Flucht aus der Heimat, das alles musste ihr am Ende die Kraft genommen haben.

Ein Jahr später hatte Willi Budstaff sein Glück gefunden: Die schönste Frau der Insel war die seine geworden! Und auch sonst war ihm das Glück treu geblieben. Zwei schöne, nein, zwei wunderschöne Töchter hatte sie ihm geschenkt, seine Frau. Irene und Vera, Willis ganzer Stolz.

„Sag doch mal, Willi, du kennst dich doch hier in Saßnitz gut aus, kennst Hinz und Kunz.“ Leise hatte Fiete gefragt, nicht sicher, ob er das überhaupt tun sollte. Doch Will war inzwischen längst etwas wie ein Freund geworden. Einer, mit dem man über alles reden konnte.

„Nun komm schon raus damit, Fiete. Was belastet denn deine schwarze Seele“, brummte Willi.

Fiete schwieg wieder eine Weile, war noch immer nicht sicher. War es vielleicht unangebraht, den Kollegen damit zu kommen?

„Also, die Sache ist die, Willi“. war Fiete nun entschlossen. „Ich habe da doch vor einiger Zeit eine junge hübsche Serviererin auf dem Bahnhof getroffen, also, nur gesehen. Im Wartesaal hat sie mich bedient. Verstehst du?“

„Ja, und? Wieso fragst du mich? Du hättest doch nur hingehen müssen, nach ihr zu sehen, Mann.“

„Habe ich auch, Willi, habe ich. Aber sie ist nicht mehr da. Und fragen wollte ich bei fremden Leuten auch nicht. Weißt du denn vielleicht, wer sie ist?“

Willi Budstaff griente in sich hinein – natürlich wuste er sofort, wer sie ist, die Hübsche. Saßnitz war nur ein Dorf. Jawoll, eine hübsche Krabbe, nach der Fiete da fragte. Aber ob sie noch frei war? Willi wusste es nicht. So genau kannte er sie ja auch wiederum nicht. Hatte auch mit seinen drei Frauen selbst zu tun. Außerdem, die hübschen jungen Dinger waren doch immer die ersten, die unter die Haube kamen.

„Ich kann mir schon denken, Fiete, auf wen du da abgefahren bist. Eine hübsche Krabbe ist sie ja. Wirklich hübsch. Da kann ich dich schon verstehen. Doch ob sie noch solo ist, keine Ahnung.“

„Menschenskind, Will!! Du sollst mir doch nicht ihren Lebenslauf samt Ahnentafel schildern. Sag mir doch einfach, wer sie ist und wo ich sie finden kann, Ja?“

Willi Budstaffs Laune schien sich zusehends zu bessern. Es machte ihm Spaß, den Freund ein bisschen zappeln zu lassen. Verliebt hatte er sich also, sein Heizer. So wurden die Maschinisten im Sprachgebrauch der Fischer hier genannt.

„Also weißt du auch nichts weiter, as dass sie jung und hübsch ist“, sagte Fiete enttäuscht. Das hätte er sich auch dnken können. Willi war ja glücklich verheiratet, hatte seine Famimile. Da kümmerte der sich nicht um irgendwelche Serviererinnen.

„Gemach, gemach, junger Freund“, sonnte sich Willi Budstaff in seinem Wissen. „So schnell schießen die Preußen nicht.“

Langsam stand Willi auf von seinem Sitz, ging ein wenig auf und ab im Ruderhaus, obwohl es doch recht eng war.

---ENDE DER LESEPROBE---