Der letzte Blick - Carlo Fehn - E-Book

Der letzte Blick E-Book

Carlo Fehn

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Beschreibung

Sein letzter Fall hat Hauptkommissar Pytlik schwer mitgenommen. Nach dem Angriff auf sein Leben ist er beruf­lich und privat aus dem Tritt gekommen und befindet sich geradewegs auf dem Weg ins Verderben. Eine neue Ermitt­lung scheint jedoch einen Wendepunkt darzustellen. Als eines Nachts der Kreuzberg in Kronach zur Bühne einer rituellen Hinrichtung wird, ist Pytliks Erfahrung gefragt. Zusammen mit seinem Assistenten, Cajo Hermann, erkennt Pytlik schnell, dass Emilie Kuhnert vielen Menschen einen Grund gegeben hatte, ihr nach dem Leben zu trachten.

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Carlo Fehn

Der letzte Blick

Sein letzter Fall hat Hauptkommissar Pytlik schwer mitgenommen. Nach dem Angriff auf sein Leben ist er beruflich und privat aus dem Tritt gekommen und befindet sich geradewegs auf dem Weg ins Verderben. Eine neue Ermittlung scheint jedoch einen Wendepunkt darzustellen. Als eines Nachts der Kreuzberg in Kronach zur Bühne einer rituellen Hinrichtung wird, ist Pytliks Erfahrung gefragt. Zusammen mit seinem Assistenten, Cajo Hermann, erkennt Pytlik schnell, dass Emilie Kuhnert vielen Menschen einen Grund gegeben hatte, ihr nach dem Leben zu trachten.

Der letzte Blick - Hauptkommissar Pytliks vierter Fall

Carlo Fehn

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2013 Verlag Carlo Fehn

ISBN 978-3-8442-4664-3

Montag, 24. Oktober 2005

Als Pytlik an diesem Morgen die Augen aufschlug, fühlte er die gleiche Trostlosigkeit, die immer selbe Antriebslosigkeit und vor allem den täglichen Schmerz und die Müdigkeit, die ihn seit vielen Monaten begleiteten. Er wusste, dass er es sich nicht erlauben konnte, einfach liegen zu bleiben - es war ihm seit diesem schrecklichen Vorfall im Sommer des vergangenen Jahres und nach etlichen Reha-Maßnahmen schon oft genug passiert. Die Rücksichtnahme auf seine Person bröckelte bereits merklich, auch bei seinen engsten Arbeitskollegen und selbst in der Nachbarschaft. Zu deutlich hatte die Attacke der Praktikantin, die in ihm einen Falschen wiedererkannt und ihn mit zahlreichen Messerstichen fast getötet hätte, sein Leben beeinflusst. Alkohol und Nikotin bestimmten mehr denn je seinen Tagesablauf und füllten ein Leben, das trotz des beruflichen Stresses in geordneten Bahnen verlaufen war, mit einem wachsenden Verlust an Selbstachtung und Disziplin.

Durch die kleinen Schlitze der Jalousie drang kaum Licht in das Schlafzimmer, in dem herumliegende Klamotten, dreckige Kleidung und leere Wodkaflaschen das Bild bestimmten. Der volle Aschenbecher stand bedrohlich nahe an der Kante des Nachttischschränkchens. Erst jetzt merkte der Hauptkommissar, dass bereits das Frühstücksfernsehen lief und er wieder einmal vergessen hatte abzuschalten.

Das Flachbildgerät mit erstaunlicher Diagonale, das er bereits vor längerer Zeit vom Wohnzimmer hoch geholt hatte, war wohl der beste Beweis dafür, dass im Leben des Franz Pytlik die Ordnung verloren gegangen war. Jeden Tag aufs Neue versuchte er zu rekapitulieren, wann und weshalb er in diesen Strudel geraten war.

Hatte die Attacke der Vanessa Zenk womöglich nur alle Baustellen in seinem Leben ans Tageslicht befördert, weil er sich plötzlich intensiver mit sich und seiner Umwelt beschäftigte? War die Nahtoderfahrung vielleicht ein willkommenes Alibi, endlich aus seinem bisherigen Leben auszubrechen? Tag für Tag stellte er sich die gleichen Fragen, wenn er vor dem Spiegel in seinem Badezimmer stand und die Narben an seinem Körper betrachtete, die von der scharfen Klinge des Messers herrührten. Die seiner Meinung nach oft übertrieben dargestellten Romanfiguren - plötzlich erahnte er, dass sie doch aus dem realen Leben gegriffen sein könnten.

Wenn er sich selbst ins Gesicht blickte, wusste er nicht, wem er am meisten ähnelte. War er eher der Columbo oder doch mehr der Schimanski? Vielleicht ein Beinahe-Wallander? Als er sich die elektrische Zahnbürste in den Mund gesteckt hatte, sah er wehmütig hinüber zur Glaskabine. Es war in seiner Erinnerung einer der letzten schönen Momente seit diesem Tag im Jahrhundertsommer 2003. Als er draußen im Vorbeigehen den Duft ihres Duschgels eingeatmet und sich an die schönen Augenblicke mit der Staatsanwältin erinnert hatte, hatte sich Pytlik glücklich wie nie zuvor in seinem Leben gefühlt. Allerdings waren die Tatsache, dass sie mit einer beherzten Aktion sein Leben rettete und dadurch die Öffentlichkeit und die Kollegen von ihrem Techtelmechtel erfahren hatten, Grund genug für die attraktive Blonde, die Beziehung zu Pytlik sofort wieder auf das Berufliche zu beschränken. Ob es ein Wink des Schicksals war, dass der Kronacher Hauptkommissar seitdem kaum mit ihr zu tun hatte, wollte Pytlik dahingestellt sein lassen.

Er ging zurück ins Schlafzimmer und öffnete den Kleiderschrank. Er suchte vergeblich nach einem weißen T-Shirt, das er unter das karierte Hemd anziehen konnte, das bereits seit Tagen über dem Butler hing und das er irgendwann letzte Woche getragen hatte. Kurzerhand bückte er sich und schnappte sich das T-Shirt des Vortages, roch kurz an den kritischen Stellen und beschloss, dass er damit zu keiner Geruchsbelästigung im Büro werden sollte.

Die Unordnung in seiner Küche fiel ihm bereits nicht mehr als unangenehm auf. Die Arbeitsplatte zeigte deutliche Spuren eines ungesunden und planlosen Essverhaltens, das Ceranfeld machte eher den Eindruck einer Werkstatt für Kochtöpfe und Pfannen - nur dass anscheinend niemand in der Werkstatt arbeitete und die von übergekochtem Wasser und Essensresten verkrusteten Stellen das Bild bestimmten. Pytlik schaute zur Uhr. Er lag gut in der Zeit, begann Kaffee zu kochen und griff nach der Zigarettenpackung, die im Esszimmer auf dem Tisch lag. Dann marschierte er geradewegs zur Terrassentür, um sich draußen den ersten Zug des Tages zu genehmigen. Es war still. Dichter Nebel hatte den Garten eingehüllt und die Luft war klamm. Pytlik hatte die linke Hand in der Hosentasche vergraben und blies den Rauch der Kippe nachdenklich in den Morgenhimmel. Nebenan hörte er das Öffnen eines Fensters. Lehmann, sein Nachbar, dachte er. Das Verhältnis war erkaltet. Seine dauernden Eskapaden, begleitet von Lärm und Wutausbrüchen, waren auch den Nachbarn in der anderen Doppelhaushälfte nicht verborgen geblieben. Die Beziehung war noch nie besonders gut gewesen, aber dass man nun an einem Punkt von Null-Kommunikation angekommen war, beschäftigte den Hauptkommissar wenig.

Er hörte plötzlich ein Rascheln und schmunzelte zugleich mit einem leichten Ton von Verzweiflung. Während drinnen die Kaffeemaschine mit röchelnden Geräuschen um eine notwendige Entkalkung bat, merkte man dem Igel an, dass er sein Winterquartier in einem grob zusammengerechten Haufen Laub nun endlich fertig machen wollte. Pytlik hätte gerne mit ihm getauscht: einfach mal ein halbes Jahr abschalten. Der Kronacher Hauptkommissar hatte sich seit der Entlassung aus dem Krankenhaus zum starken Raucher entwickelt. Früher gönnte er sich hin und wieder mal eine, meist dann, wenn es in der Ermittlung eines Falles hektisch wurde. Jetzt konnte er über den Tag verteilt fast die Uhr danach stellen, wann er wieder zum Glimmstängel greifen würde. Nach wenigen Minuten flog die Kippe - fast bis zum Filter geraucht - in den kleinen gelben Eimer, der als Aschenbecher diente und neben Terrakotta-Töpfen, deren Bepflanzungen schon längst hinüber waren, zumindest ein Farbtupfen in einem trostlos wirkenden Ambiente war. Pytlik schloss die Terrassentür, ging in die Küche und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Mit dem Rücken zum Fenster an die Spülmaschine gelehnt, schaute er in den Raum. Den großen weißen Teppich mit der Blutlache hatte er in den Müll gebracht. Sein Blick war starr. Jeden Morgen verlor er sich für einige Sekunden in der Erinnerung an die schrecklichsten Momente seines Lebens. Die junge Frau, die ihm das angetan hatte, hatte sich bei ihm mit einem Brief aus dem Gefängnis gemeldet. Pytlik hatte nicht lange gebraucht, um ihr Gesuch nach Vergebung zu akzeptieren. Dass sie ihn aufgrund einer schlampigen Verknüpfung von Informationen und Annahmen für ihren Vater gehalten hatte, der ihre Mutter und sie im Stich gelassen hatte, war in der Konsequenz zwar ihre Schuld, jedoch machte es ihr Handeln irgendwo nachvollziehbar.

Dass ihn ihre Attacke allerdings aus der Bahn geworfen hatte, damit musste er alleine zurechtkommen. Viertel vor acht. Pytlik ging in den Flur, nahm seine Jacke vom Haken, seine Waffe aus der Schublade und verließ das Haus in der Rhodter Straße, um sich auf den Weg zu machen. Als er die wenigen Stufen hinabgegangen war, zündete er sich für den Fußmarsch die nächste Kippe an. Vor ihm lagen 20 Minuten Weg bis zur Dienststelle am Kaulanger. Mittlerweile verzichtete er auf sein Fahrrad. Er war der Meinung, das Laufen täte ihm noch besser und außerdem könne man dabei noch viel mehr nachdenken.

***

Als er das Gelände der Landesgartenschau verlassen hatte und auf die Europabrücke zusteuerte, überlegte er kurz. Er ließ es dann aber doch bleiben, im Backhaus vorbeizuschauen, um sich eine Puddingbrezel mitzunehmen. Seit dem plötzlichen Tod der alten Frau Beierkuhnlein, die für Pytlik nicht nur eine tägliche Prise gute Stimmung, sondern auch Ratgeberin in manch verzwickter Situation war, hatte der Hauptkommissar nur wenige Male den Weg dorthin gefunden. Er stand an der Spitalbrücke, schaute auf das rote Ampelmännchen und versuchte vergeblich, den Herrenmühlsteg im dichten Nebel zu erkennen, als er plötzlich hinter sich eine vertraute Stimme hörte.

»Morgen, Franz!«

Pytlik drehte sich, leicht erschrocken ob der unerwarteten Ansprache, um und blickte in die Augen seines Assistenten, Cajo Hermann.

»Cajo? Was machst du denn hier?«, zeigte sich Pytlik sichtlich überrascht, da Hermann am Kreuzberg wohnte und dies für gewöhnlich nicht sein Weg zum Büro war.

»Keine Angst«, erwiderte der Polizeikommissar. »Die Stadt ist groß genug für uns beide.«

Pytlik empfand den Kommentar seines Kollegen als unangebracht, allerdings spiegelte er das momentane Verhältnis zum jüngeren Hermann wider. Er wartete, bis beide die Straße überquert hatten und sagte nach kurzer Zeit und ohne dass Hermann etwas hinzugefügt hatte:

»Kenne ich sie?«

Pytlik lief einfach weiter. Er spürte, dass Hermann - zwei Schritte hinter ihm - es nicht passte, dass er ihm über den Weg gelaufen war und ahnte, dass sein Assistent wohl nicht zuhause übernachtet hatte.

»Nein!«, hielt Hermann sich kurz. Er war immer noch sauer auf Pytlik, da dieser vor einiger Zeit bei einem Einsatz mit dem Dienstwagen ein anderes Fahrzeug erheblich beschädigt hatte. Da er nicht nüchtern gewesen war, hatte er Hermann gebeten, den Unfall auf seine Kappe zu nehmen. Hermann hatte sich daraufhin vor dem neuen Leiter der Kronacher Polizeiinspektion verantworten müssen. Bis kurz vor dem Polizeipräsidium wechselten sie kein Wort mehr.

»Ach, du Scheiße! Siehst du, was ich sehe?«, entfuhr es Pytlik plötzlich.

Hermanns Neugierde war geweckt, die Spannungen zwischen ihm und seinem Chef für den Moment vergessen.

»Was?«, erwiderte er und machte einen schnellen Schritt nach vorne.

»Na da! Siehst du nicht dieses leuchtend rote Haar und den hastigen Schritt direkt auf die Eingangstür zu? Das hat mir am Montagmorgen gerade noch gefehlt.«

Hermanns Begeisterung war ähnlich der seines Chefs.

»Ach, nee! Die Kuhnert! Was will die denn schon wieder? Und heute auch noch höchstpersönlich. Mist!«

Hermanns Handy klingelte. Ungestüm und etwas verlegen kramte er sein Mobiltelefon aus der Jackentasche hervor und ließ sich etwas hinter Pytlik zurückfallen. Der wiederum schmunzelte nur und flüsterte ein bedauerndes »Viel Spaß, Cajo« in sich hinein. Zwei Minuten später betrat er die Dienststelle.

Nachdem er die Treppen hinauf genommen hatte und den Flur entlang Richtung seines Büros lief, stürzte ihm bereits die aufgebrachte Frau entgegen.

»Herr Kommissar, Herr Kommissar, ich muss unbedingt ganz dringend was melden. Sie müssen mir zuhören!«

Pytlik würde sich hinterher fragen, wie alles seinen Lauf genommen hätte, wenn die verwirrt und panisch wirkende Frau ihn nicht grob am Arm gepackt hätte, um ihn in sein Büro zu ziehen und dabei der Kaffee auf seine Hand schwappte, den er sich einige Augenblicke vorher am Automaten neben dem Empfang gezogen hatte. Vor Schreck über den heißen Schmerz auf seinem Handrücken hatte er den Plastikbecher fallen lassen. Nach dem dumpfen Aufprall lief sofort eine braune Brühe etwa 15 Zentimeter oberhalb des Bodens langsam die zuvor weiße Wand hinab. In der Zwischenzeit war auch Adelgunde Reif - Pytliks Sekretärin - aus ihrem Büro gestürmt, da sie vermutet hatte, dass das Aufeinandertreffen der stadt-, aber vor allem polizeibekannten Denunziantin zu keinem guten Ende führen würde.

Pytlik hatte sich einen Schrei wegen des Schmerzes verkniffen, Emilie Kuhnert hatte ihre Hand noch nicht von seinem Unterarm gelassen und blickte ungläubig zu Boden, bevor sie langsam ihren Kopf hob.

»Sie riechen ja nach Alkohol«, giftete sie wie eine Natter und wirkte wie die Hexe aus Hänsel und Gretel. »Dann stimmt es also, was man über Sie erzählt!«

Pytlik war die Zornesröte deutlich ins Gesicht gestiegen. Auch er wandte seinen Blick nun vom Boden ab und starrte der Alten böse ins Gesicht. Dann kam er ihr ganz nahe, packte ihre Hand auf seinem Arm, drückte sie so fest er nur konnte und zischte von Angesicht zu Angesicht.

»Hören Sie mir gut zu, Frau Kuhnert! Sie sind neben den Verbrechern in dieser Stadt das wohl größte Übel. Die Anzahl Ihrer Anzeigen wegen irgendeinem Scheißdreck ist fast so hoch wie die Anzahl der gesamten Anzeigen, die wir in einem Jahr bekommen. Es interessiert mich nicht, was Sie mir melden wollen und ich muss und ich werde Ihnen ganz bestimmt nicht zuhören - nicht jetzt und auch in Zukunft nicht mehr. Und jetzt...«

Pytlik brüllte aus Leibeskräften.

»...verschwinden Sie! Machen Sie, dass Sie abhauen!«

Emilie Kuhnert war kreidebleich, hängte sich ihre Handtasche an den Arm und lief schnell die Treppen hinunter. In scheinbar sicherer Entfernung zu Pytlik schrie sie mit weinerlicher Stimme.

»Das wird ein Nachspiel für Sie haben, Herr Pytlik! Das ist ja eine Frechheit! Ich werde mich bei den höchsten Stellen über Sie beschweren!«

Noch bevor Pytlik seine Bürotür zuknallte, wollte er es sich nicht nehmen lassen, das letzte Wort zu haben.

»Sie können mich mal gerne haben und sagen Sie dem Papst einen schönen Gruß, wenn Sie sich beschweren!« Rumms!

Als Hermann einige Minuten später ins gemeinsame Büro kam, fand er sich inmitten einer heftigen Diskussion zwischen Gundi Reif und seinem Chef wieder.

»Nein, jetzt hörst du mir mal zu, Franz! Ich halte das langsam nicht mehr aus. Was ist nur aus dir geworden?«

Hermann war wie auf leisen Sohlen zu seinem Schreibtisch gelaufen und legte Jacke und Aktentasche ab. Nachdem ihm die aufgebrachte Emilie Kuhnert am Eingang entgegengekommen war, konnte er nur vermuten, dass Pytlik und sie aneinandergeraten waren. Gundi Reif und Pytlik schienen ihn irgendwie gar nicht wahrgenommen zu haben. Er wollte sich zunächst auch nicht einmischen, denn zu emotional schien ihm gerade die alteingesessene Sekretärin. Hermann machte derweil einen Kaffee und hielt sich aus der Diskussion heraus.

»Du machst dir noch die ganze Welt zum Feind! Meinst du denn, andere Menschen haben keine Probleme? Du, du, immer nur du! Ich habe es langsam satt, jeden Tag aufs Neue hier so ein Häufchen Elend zu sehen. Mit roten Augen, runtergekommen und alles andere als der Franz Pytlik, den ich kannte.«

Pytlik hatte seine Sekretärin bis hierher gewähren lassen. Er hatte mit langsamen Bewegungen zunächst seinen PC gestartet, um dann sein Gesicht in seine Hände zu vergraben. Ab und zu wischte er sich mit den Handflächen über seinen kahlen Kopf, so als wolle er sich waschen oder die Schuld von sich abstreifen. Adelgunde Reif schien nun langsam auf den Höhepunkt ihrer Schimpftirade zu kommen, als Pytlik zu ihr schaute und ansetzen wollte, sie zu unterbrechen.

»Nein, jetzt rede ich. Du hörst mir immer noch zu!«

Gundi Reif ließ Pytlik nicht zu Wort kommen. Hermann, der gerade das Kaffeepulver in den Filter einschüttete, war irgendwie erleichtert darüber, dass jemand anderes seinem Chef auch einmal ganz deutlich die Meinung sagte. Nicht, dass er das nicht schon oft getan hatte, aber vielleicht zeigte dies endlich einmal Wirkung bei ihm.

»Was glaubst du eigentlich, erzählen sich die Kollegen hier, wenn sie hinter vorgehaltener Hand über dich reden? Was glaubst du eigentlich, erzählen sich Passanten, die dir in der Stadt oder sonst irgendwo begegnen, die du nicht mehr grüßt, wie früher und die du anschaust, als hättest du sie noch nie vorher gesehen? Und was denkst du eigentlich über unseren neuen Chef? Du scheinst der Meinung zu sein, dass Herr Behrschmidt eine grenzenlose Geduld hat. Täusche dich nicht! Auch wenn ich nur eine kleine Sekretärin bin, das eine oder andere bekomme ich schon mit. Und ich kann dir nur sagen, für dich ist es mittlerweile fünf vor zwölf, Franz Pytlik!«

Adelgunde Reif war von ihrer Statur her nicht gerade die typische Respektsperson oder jemand, der mit seiner bloßen Erscheinung Autorität und Kompetenz verkörperte. Die eher gedrungene und leicht untersetzte Frau war Pytlik bis zu diesem Moment nicht nur eine höchst verlässliche Sekretärin gewesen, sondern hatte ihren Chef auch immer wegen seiner ganz besonderen Art geschätzt. Als sie vor ihrem letzten Satz die beiden Fäuste auf den vor ihr befindlichen Schreibtisch stützte, machte sie eine Pause, um damit dem Hauptkommissar zu signalisieren, dass er sich ihre nun folgenden Worte gut einprägen sollte.

»Franz, bitte, schau dich doch mal an! Hör auf damit!«

Pytlik blickte in diesem Moment wieder zu Adelgunde Reif. Als er sah, dass ihr Tränen über die Wangen liefen und ihre Mundwinkel zitterten, war er im Begriff, aufzustehen und sie in den Arm zu nehmen. Aber irgendwas hinderte ihn daran. Außerdem hatte seine Sekretärin im gleichen Augenblick kehrtgemacht, langsam das Büro verlassen und die Tür mit einem lauten Knall hinter sich geschlossen.

Die Kaffeemaschine saugte mühsam das Wasser nach oben. Der Duft des Pulvers war für die beiden Kronacher Ermittler gerade immer zu Dienstbeginn ein Motivationsschub für den Tag gewesen. Als Gundi Reif den Raum verlassen hatte, fand Hermann spontan, dass er die Kaffeemaschine lieber nicht angemacht hätte. Er setzte sich langsam auf seinen Stuhl.

Ruhe.

Es wurde unendlich ruhig im Büro. Wenn da nur nicht diese Kaffeemaschine gewesen wäre. Hermann wusste, dass Adelgunde Reifs Mahnung bei seinem Chef gewirkt hatte. Äußerlich hatte sich an Pytliks Körpersprache zwar nichts geändert, allerdings kannte der Assistent seinen Chef mittlerweile so gut, dass er sich sicher war, dass die deutliche Ansprache der Sekretärin nicht spurlos vorübergehen würde. Hermann durchbrach die Stille.

»Sag mal, was war denn…«

Kaum dass er begonnen hatte, hob Pytlik eine Hand und verzog sein Gesicht in angewiderter Art und Weise so, als wolle er seinem Gegenüber damit signalisieren, ihn jetzt nicht auch noch volltexten zu müssen. Nach dem Motto: Was willst du denn jetzt noch?

»Cajo, bitte!«

»Bitte was? Bitte, reg mich nicht auf? Bitte, verpiss dich? Bitte, halt du mir nicht auch noch eine Moralpredigt, wie das Gundi schon getan hat? Weißt du was?«

Ohne, dass Hermann dies in dieser Situation so gewollt hatte, war er nun plötzlich auch in Rage geraten. Allerdings machte er es kurz.

»Gundi hat vollkommen Recht!«

Dann stand er auf, nahm seine Tasse, schenkte sich einen Kaffee ein und verließ, ohne Pytlik eines Blickes zu würdigen, das Büro.

***

Pytlik checkte kurz seine E-Mails und durchforstete alle auf seinem Schreibtisch liegenden Zettel und Akten. Es war momentan sehr ruhig, was Ermittlungen und sonstige Arbeit anging. Er nahm sich ein DIN-A4-Blatt, schrieb in großen Lettern eine Nachricht für seinen Assistenten darauf, legte ihm das Schreiben vor seinen PC, schlüpfte in die Jacke und machte sich auf den Weg. Tatsächlich waren Gundi Reifs Worte bei ihm nicht nur angekommen, sondern hatten ihn auch auf ungewöhnliche Weise berührt.

Der Hauptkommissar hatte sich noch ein paar Kuverts unter den Arm geklemmt und verließ die Dienststelle. Er musste sich eingestehen, dass es eine Art Flucht war. Normalerweise hätte er die Angelegenheit jetzt sofort aus der Welt geschafft. Das Problem war nur, dass das nicht so einfach ging. Wäre es so gewesen, dass er Gundi gegenüber einen Fehler gemacht hätte und es damit getan gewesen wäre, sich bei ihr zu entschuldigen, dann wäre die Sache einfach gewesen. Das hier war aber viel gravierender. Er konnte sie verstehen, er konnte auch Hermann und all die Anderen verstehen. Dass sie ihn verstehen sollten - er wusste nicht einmal, ob das sein Wunsch war. Er mochte jetzt auch nicht mehr darüber nachdenken. Er war beleidigt, Arbeit gab es momentan nicht im Überfluss und der Chef war nicht im Haus. Wer wollte ihm eigentlich etwas? Plötzlich fühlte er trotz des englischen Wetters eine gewisse Behaglichkeit, ein Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit beschlich ihn. Emilie Kuhnert - dumme Gans, dachte Pytlik - war wohl nur ein Platzhalter für irgendjemanden oder irgendetwas gewesen.

Er lief an der Kronach entlang in Richtung Spitalbrücke. Als er den Herrenmühlsteg passierte, ließ ihn eine vertraute Stimme in Verbindung mit auf dem Holzboden wie Donnerhall klingendem Grollen abrupt innehalten.

»Hey, Franz, wadd moll!«

Justus Büttner, Leiter der Schutzpolizei und ebenso ein enger und langjähriger Kollege Pytliks, kam über die schmale Brücke gestiefelt.

»Wu gestn hie?«, wollte Büttner in seinem typischen Dialekt wissen.

Pytlik riss sich am Riemen. Nein, nicht auch noch mit Büttner Stress an diesem Morgen.

»Zur Post. Wieso?«

»Aha!«

»Was heißt denn da ›Aha‹?«

»Verfolgst wuhl die alld Kuhnert, hm?«

Oh nein, dachte Pytlik, die ganze Stadt wusste wohl schon wieder davon.

»Nein, ganz bestimmt nicht. Die Furie kann mir gestohlen bleiben.«

»Woss woddn?«

Büttner stand nun beim Hauptkommissar und fragte nach. Der hatte aber keine Lust, die Geschichte noch mal zu erzählen.

»Nichts, Justus! Du kennst sie doch.«

Büttner schaute Pytlik von der Seite mit einer Mischung aus Zweifel und Sorge an.

»Sie hodd beim Bägger erzählt, dass du gsochd häddst, sie könnt dich omm Oarsch leggn. Stimmt dess?«

Pytlik schnaufte einmal tief durch. Der Anflug von guter Laune wenige Augenblicke zuvor war wie weggeblasen.

»Bist du jetzt ihr Anwalt oder was? Ja, verdammt, das habe ich gesagt. Und ich habe ihr noch viel mehr gesagt, wenn du es wissen willst.«

»Ich wass scho. Dess middm Benediggd. Wos konndn der dafür? Nuch ka halbs Joahr im Amt...«

»Ist gut, Justus, ist gut!«

Das hatte Pytlik gerade noch gefehlt. Jetzt schien sich auch noch Büttner - von Pytliks nahezu blasphemischer Äußerung gegenüber Emilie Kuhnert in seinem tiefen Glauben anscheinend angegriffen - von ihm abzuwenden. Es war ihm zuviel.

»Ich mahn ja nur, jetzt sei hald nedd gleich wieder auf hunnerdochtzich!«

Das war der Unterschied, dachte sich Pytlik: Büttner wusste, wo er hingehörte. Er beschwichtigte den bärig wirkenden Steinbacher.

»Ist schon in Ordnung.«

»Ich wass ja, dass dess alles nedd so einfoch für dich is, obber du mussd moll widder zu dir finna, Mensch! Dess konn doch nedd so weidergenn! Du bist fei wer, obber bass bluhs auf, dass du nedd ganz schnell wer gewesen bist!«

***

Nachdem Pytlik die Post weggebracht hatte und am Bahnhofsplatz überlegte, wo er nun wohl am besten ein Frühstück machen könnte, musste er noch einmal an den letzten Satz Büttners denken.

Vielleicht hatte sein alter Freund wirklich Recht. Den mühsamen Weg nach oben, sowohl was den beruflichen Erfolg, aber auch die Anerkennung in der breiten Bevölkerung anging, hatte er in den letzten Jahrzehnten mit Bravour bewältigt. Im Moment sah es so aus, dass der Weg nach unten deutlich Geschwindigkeit aufnahm und auch mehr und mehr schmerzte.

Er entschied sich, in die obere Stadt zu gehen. Als er am Hasslachufer entlang lief und dann hinüber in die Rosenau ging, musste er plötzlich an Alfons Geuther denken. Er war wohl das beste Beispiel dafür, wie schnell es gehen konnte, dass man plötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Sein alter Chef. Von Pytlik als inkompetent, altmodisch und in seiner Position als Leiter der Dienststelle in Kronach völlig deplatziert angesehen, war der schwergewichtige Mann durch den besagten Fall im Sommer 2003 auf dramatische Weise von seiner Vergangenheit eingeholt worden und im Anschluss daran zerbrochen. Noch bevor Pytlik selbst von seinen Verletzungen vollständig genesen war, hatte man dem Antrag auf Frühpensionierung Geuthers bereits stattgegeben. Schneller als ihm das lieb gewesen wäre, hatten die Ereignisse aber auch seine Gesundheit massiv angegriffen und dafür gesorgt, dass der unbeliebte oberste Vorgesetzte in ein Pflegeheim eingeliefert werden musste.

Pytlik fragte sich, wie es ihm wohl ginge. Irgendwie empfand er Mitleid mit dem Alten, mit dem er oft genug aneinandergeraten war. Kaum, dass Geuther ihm wieder aus dem Sinn war, erinnerte er sich plötzlich an Maria Beierkuhnlein. Wie sehr er doch die fast täglichen Gespräche mit der Bäckereiverkäuferin vermisste. Ihr »Ja, der Herr Kommissar!«, das sie ohne Rücksicht auf andere Kunden im Laden immer fröhlich und für Pytlik ein bisschen peinlich in den Raum frohlockte, ging ihm schmerzlich ab. Sie war eine wunderbare alte Dame gewesen, eine mütterliche Freundin. Pytlik war sich sicher, sie hätte auch jetzt wieder einen guten Rat für ihn gehabt. Pytlik schüttelte traurig den Kopf.