• Herausgeber: epubli
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2017
Beschreibung

Hauptkommissar Pytlik hat beim Kronacher Schützenfest nach einer enttäuschenden Begegnung mit einer Schweizerin für viel Aufsehen gesorgt und ist das Gesprächsthema Nr. 1 in der Lucas-Cranach-Stadt. Vielmehr als die Sorge um sein Image interessieren ihn allerdings die Informationen, die er von dem plötzlich auftauchenden Sohn eines ehemaligen Journalisten aus Lauenstein erhält. Der Mord an einem Mädchen aus Wilhelmsthal im Jahr 1978 rückt dabei immer mehr in den Fokus der Ermittler in der Polizeiinspektion am Kaulanger. Als Pytlik beim ersten Treffen mit dem Informanten eine böse Überraschung erlebt, beginnt für ihn und seinen Assistenten Hermann ein mörderisches Verwirrspiel, das eine Wahrheit ans Licht bringt, die niemand im Landkreis Kronach für möglich gehalten hätte.

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Seitenzahl: 216

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Carlo Fehn

Die Akte »Rehlein«

Hauptkommissar Pytlik hat beim Kronacher Schützenfest nach einer enttäuschenden Begegnung mit einer Schweizerin für viel Aufsehen gesorgt und ist das Gesprächsthema Nr. 1 in der Lucas-Cranach-Stadt. Vielmehr als die Sorge um sein Image interessieren ihn allerdings die Informationen, die er von dem plötzlich auftauchenden Sohn eines ehemaligen Journalisten aus Lauenstein erhält. Der Mord an einem Mädchen aus Wilhelmsthal im Jahr 1978 rückt dabei immer mehr in den Fokus der Ermittler in der Polizeiinspektion am Kaulanger. Als Pytlik beim ersten Treffen mit dem Informanten eine böse Überraschung erlebt, beginnt für ihn und seinen Assistenten Hermann ein mörderisches Verwirrspiel, das eine Wahrheit ans Licht bringt, die niemand im Landkreis Kronach für möglich gehalten hätte.

Die Akte »Rehlein« - Hauptkommissar Pytliks neunter Fall

Carlo Fehn

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2016 Verlag Carlo Fehn

ISBN 978-3-7418-8136-7

Donnerstag, 21. August 2008

Pytlik hätte es eigentlich nicht auf sich sitzen lassen dürfen. Da hatte doch tatsächlich jemand gewagt, ihm anonym – ohne jeglichen Absender und ohne irgendwelche Informationen zum Hintergrund – eine Eintrittskarte für William Shakespeares Sommernachtstraum bei den Faustfestspielen in Kronach in den Briefkasten zu werfen. Eigentlich hätte er hier investigativ vorgehen müssen, dachte er sich: Nachbarn befragen, Spurensicherung einschalten, seinen Assistenten Cajo Hermann anrufen und viele weitere Dinge veranlassen. Nein! Keinen Augenblick hatte der Ermittler auch nur daran gedacht, irgendetwas dergleichen zu unternehmen. Da der Kronacher Hauptkommissar an diesem Donnerstagabend noch nichts vorhatte, entschloss er sich dazu, die geheimnisvolle Einladung anzunehmen.

Auf dem Weg hoch zur Festung Rosenberg überlegte er unaufgeregt, wem er wohl diese gleichermaßen mysteriöse wie auch aufmerksame Geste zu verdanken hatte. Wer wollte sich da, wofür auch immer, erkenntlich zeigen? Steckte vielleicht mehr dahinter als nur eine Revanche für einen Gefallen seinerseits? Er beschloss, sich einfach überraschen zu lassen und hoffte insgeheim darauf, dass sich die Lösung des Rätsels auf dem Sitzplatz links oder rechts neben ihm finden würde. Es war ein herrlicher Augustabend und Pytlik plante auf seinem Weg durch die Stadt, wie er diesen nach dem Ende der Vorstellung weiter verbringen wollte. Es dauerte nicht allzu lange, und noch bevor er die Treppen hinauf zum Melchior-Otto-Platz in Angriff nahm, war alles in trockenen Tüchern durchdacht. Wenn alles wie erwartet verlaufen würde, könnte Pytlik auf der Festung nach dem Ende des Sommernachtstraums das Brillantfeuerwerk beobachten, das kurz nach Ende der Aufführung im Rahmen des Kronacher Freischießens stattfinden würde. Danach sollte es ein Leichtes sein, sich gut gelaunt auf den Weg hinunter auf die Festwiese zu machen und dort mit dem einen oder anderen Bekannten, den er treffen würde, mit einer Schützenfestmaß anzustoßen. Insgeheim dankte Pytlik der oder dem Unbekannten für die Einladung und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Was für ein toller Abend, dachte er.

***

Ein Reisebus, der eine Touristengruppe extra zur Aufführung nach Kronach gebracht hatte, war aufgrund einer Reifenpanne verspätet angekommen, weshalb die Veranstalter beschlossen hatten, den Sommernachtstraum 30 Minuten später beginnen zu lassen. Pytlik hatte die Zeit genutzt, sich bereits das eine oder andere Gläschen Sekt gegönnt, hier und da »hallo« gesagt und ein paar lockere Schwätzchen gehalten. Er war ja nun nicht gerade unbekannt in der Lucas-Cranach-Stadt – im Gegenteil. Durch Zufall lernte er im Gespräch mit einigen Bekannten, die anwesend waren, eine Frau kennen, die ihn vom ersten Augenblick an in ihren Bann gezogen hatte. Sie war nicht von hier, da war er sich sicher. Schnell hatte er herausgehört, dass sie Schweizerin war und sich auf einer Bildungsreise in Oberfranken befand. Die Beiden verstanden sich sehr schnell sehr gut und wie es der Zufall wollte, saß die langbeinige, äußerst attraktive blonde Frau doch tatsächlich neben Pytlik auf der Zuschauertribüne. Natürlich hatte er überlegt, ob sie die anonyme Kartenschenkerin sein konnte. Warum aber, hatte er sich im gleichen Augenblick gefragt. Auf jeden Fall witterte er die Chance, den ohnehin schon einladenden Plan für die Gestaltung des Abends und der Nacht möglicherweise noch um einen Höhepunkt zu ergänzen.

Er benahm sich wie ein verliebter Teenager! Er klatschte höflich Applaus, wenn seine Begleitung es auch tat. Immer wieder flüsterte er ihr Kommentare zum Dargebotenen ins Ohr, um mit kaum vorhandenem Sachverstand zu punkten. Wenn sie lachen musste, tat er das auch. Wenn sie ihm etwas zuhauchte, übertrieb er es mit nickender Zustimmung. Pytlik sehnte eigentlich nur das Ende der Vorstellung herbei. Er hoffte, dass sie ihn noch zum Freischießen begleiten würde. Alles Andere, da war er sich sicher, wäre dann ein Kinderspiel.

Der Hauptkommissar war in Gedanken schon längst bei der weiteren Abendgestaltung angekommen, als plötzlich das Unfassbare geschah. Durch den verspäteten Beginn der Aufführung hatte sich auch das Ende nach hinten gezogen. Ob es an mangelnder Kommunikation zwischen den beteiligten Verantwortlichen oder der Sturheit auf einer der beiden Seiten gelegen hatte, diese Frage konnte Pytlik nicht beantworten. Er hatte sich gerade zum wiederholten Mal zu seiner Begleitung hinübergebeugt, um ihr etwas mitzuteilen, als er, alle anderen Zuschauer auf den Stahltribünen und die Schauspieler durch einen ohrenbetäubenden Knall erschreckt und der eine oder die andere fast vom Sitz gerissen wurden. Die Akteure auf der kurzgemähten Wiese reagierten professionell; schließlich ging der Sommernachtstraum dem Finale entgegen. Auch das deutlich wahrnehmbare Raunen und sichtbare Staunen, die plötzliche Unruhe und das kopfschüttelnde Unverständnis waren nach wenigen Augenblicken der scheinbaren Besinnungslosigkeit schnell wieder verflogen. Hätte man die Gedanken vieler der Besucher vertonen können, wäre wohl beispielhaft ein Satz gefallen wie: »Ja, sind die denn noch zu retten, das Feuerwerk zu beginnen, während hier noch die Aufführung läuft?«

Tatsächlich folgten dem eröffnenden Böllerschuss nach einigen Augenblicken der Ruhe die ersten Blitze und Lichtkugeln, die den Himmel über dem Gelände auf der Festung Rosenberg in alle möglichen Farben tauchten. Auch der Hauptkommissar konnte nun sein Erstaunen nicht mehr zurückhalten und schüttelte kräftig den Kopf. Gleichzeitig blickte er zu Elisabeth, der Schweizerin, um ihr deutlich zu zeigen, dass er dies nicht gutheißen wollte.

»Unglaublich ist das!«

Er konnte hierbei sogar normal reden, denn die Unruhe im Publikum war nun doch großflächig entstanden. Die charmante Frau schürzte nur kurz die Lippen und wirkte sogar etwas amüsiert von dem, was gerade geschah. Sie schien die Kombination des illuminierten Himmels in Verbindung mit den immer wiederkehrenden Explosionsgeräuschen sogar deutlich mehr zu genießen, als das, was sie bis dahin gesehen und gehört hatte.

»Schauen Sie doch nur, Franz! Ist das nicht wunderbar? Ich liebe Feuerwerke. Wenn bei uns in Zürich bei entsprechenden Anlässen die ganze Stadt in herrlichen Farben erscheint, fühle ich mich immer wie in einem Märchen.«

Als sie das so sagte, starrte Pytlik gebannt auf ihren Mund und konnte den Blick nicht mehr von ihr lassen. Und er dachte sich, wie gern er in einem dieser Märchen Prinz gewesen wäre. Und sie erzählte weiter. Dabei senkte sie die Stimme, weil sie nicht unhöflich und desinteressiert wirken wollte. Pytlik hätte sie am liebsten geküsst, doch genau in dem Moment, als er darüber nachdachte, wurde dem grotesken Treiben dann die Krone aufgesetzt. Der Kronacher Hauptkommissar hatte von Beginn der Vorstellung an überlegt, was er vergessen hatte. Irgendetwas hatte nicht gestimmt. Als sein Handy sich mit der Titelmelodie von Star Wars lautstark bemerkbar machte, war er für einige Momente zunächst wie gelähmt. Ja, er fragte sich sogar noch, wo denn jetzt ein Handy klingeln würde. Wäre es denn nicht schon dumm genug, dass die Feuerwerker und Schauspieler für Chaos gesorgt hatten. Erst als Elisabeth ihn fragte, ob er denn nicht rangehen wollte, griff Pytlik hektisch und um sich schauend in das Innere seines Jacketts, holte das Mobiltelefon hervor und warf einen kurzen, konzentrierten Blick auf das Display. Unbekannter Anrufer stand da, und Pytlik drückte sogleich die Taste mit dem roten Hörer darauf.

Der Hauptkommissar drehte danach seinen Kopf noch einmal in alle Richtungen und deutete eine entschuldigende Geste an. Unverständnis hier, Häme da, Anderen wiederum war es nun auch völlig egal, welche Störungen noch auftreten würden.

»Immer im Dienst, hä?«

Pytlik kannte die Stimme, die von zwei oder drei Reihen oberhalb zu ihm hinunter geätzt hatte. Ohne sich erneut umzudrehen, hob er nur die Faust und machte den Daumen nach oben, womit er sagen wollte: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen! Die Schweizerin hatte derweil Spaß. Und Pytlik fand es gar nicht schlecht, dass es so lief, wie es lief. Er hatte den Eindruck, dass sich gerade durch diese etwas unglücklichen Umstände und Ereignisse die Stimmung zwischen ihm und ihr schlagartig noch einmal gelockert hatte. Er wusste schon, wie er das gut nutzen würde, um den restlichen Abend und die folgende Nacht zu einem schönen persönlichen Erlebnis zu machen. Und als ob sich nicht ohnehin alles schon wie ein schlechter Witz dargestellt hatte, wurde dem Ganzen am Ende das Sahnehäubchen aufgesetzt.

Als für die Akteure der nicht vorhandene Schlussvorhang fiel, ertönte fast sekundengenau und wie bereits eine Viertelstunde vorher der letzte Böllerschuss des Brillantfeuerwerks des Kronacher Freischießens. Beim nachfolgenden, lange anhaltenden und frenetischen Applaus wusste nun eigentlich niemand so recht, wem dieser galt. Erst, als sich nach und nach einige und dann immer mehr Zuschauer von ihren Sitzen erhoben und stehende Ovationen als Belohnung gaben, konnten die Akteure sicher sein, dass trotz allem ihr Spiel im Vordergrund gestanden und überzeugt hatte.

***

Hauptkommissar Pytlik hatte Elisabeth, seine neue Bekanntschaft aus Zürich, sehr schnell davon überzeugt, dass es eine gute Idee wäre, diesen bisher so schönen, spannenden und abwechslungsreichen Abend mit einem gemeinsamen Besuch auf dem Kronacher Schützenfest zu beschließen. Ganz schwach waren noch die Reste der blauen Stunde am Himmel zu sehen, und da sie natürlich schick gekleidet war und trotz ihrer stattlichen Körpergröße auch noch Schuhe mit hohen Absätzen trug, hatte sich die Mittvierzigerin beim Hauptkommissar eingehakt und beide machten sich durch die Wolfsschlucht auf den Weg hinunter in die Schwedenstraße. Es war nun, als kannten sie sich schon ewig. Sie lachten viel und amüsierten sich – über das Erlebte, über belanglose Dinge und Anekdoten aus ihrer beider Leben. Pytlik erzählte vom Leiter der Schutzpolizei, seinem treuherzigen Kollegen Justus Büttner, der ihn oftmals mit seinem Dialekt an den Rand des Wahnsinns trieb und den er bis heute sehr schlecht verstand.

»Also, ich kann dir sagen: Ich bin ja nun schon fast mein ganzes Leben hier in Kronach, aber wenn der Büttner loslegt… Gut, mittlerweile kann ich das Meiste schon erahnen. Aber trotzdem, den müsstest du mal hören! Und wenn der dann noch…«

Pytlik haute sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel und lachte kindisch. Nach der Vorstellung hatten die beiden erst noch ein Gläschen Sekt getrunken und waren schon etwas angeheitert.

»Also, wenn der dann noch bei meiner Sekretärin, der Gundi, im Büro sitzt, wenn beide gerade mal wieder ein bisschen Zeit haben und sie sich dann über Frauenthemen oder die neuesten Kochrezepte unterhalten, dann denke ich manchmal wirklich, ich wäre im Komödienstadl.«

Elisabeth, die sich fest an Pytlik hinschmiegte, lachte herzhaft. Es war ehrlich und nicht aufgesetzt, das spürte auch Pytlik. Was der Kronacher Ermittler sonst noch spürte, war in regelmäßigen Abständen von fünf Minuten sein Handy, das er in der Hosentasche bei sich trug und das immer wieder vibrierte. Reflexartig zog er es immer wieder heraus, musste aber jedes Mal aufs Neue sehen, dass ein unbekannter Anrufer etwas von ihm wollte. Jetzt nicht, dachte der Hauptkommissar und drückte nun den kleinen Knopf oben am Gehäuse für einige Sekunden, um sein Telefon somit auszuschalten.

»Heute bin ich nicht mehr im Dienst! Nervensägen können sich morgen wieder bei mir melden. Herzlichst, Ihr Hauptkommissar Franz Pytlik!«

Elisabeth lachte, Pytlik lachte, und beide machten ein paar schnelle Schritte wie verliebte Teenager.

***

Auf dem Kronacher Festplatz war die Hölle los. Nicht, dass es außergewöhnlich gewesen wäre, aber Pytlik fand es jedes Jahr ein großes Erlebnis zu sehen, wie dieses Spektakel, das als eines der größten Volksfeste in Oberfranken galt, den Menschen – egal aus welchem Teil des Landkreises sie kamen, egal was sie machten und hatten, egal wie ihr Leben nach diesen närrischen elf Tagen im August weitergehen würde – als eine Art Spielplatz der Glückseligkeit diente, wo man bei gutem Bier, herzhaften Köstlichkeiten und angepeitscht von Musik und dem immer währenden Glamour der Schaustellerattraktionen Sorgen und Ängste, Kummer und Krankheiten für fast zwei Wochen wegsperrte und einfach nur glücklich war. Selbst Elisabeth, eine – diesen Eindruck hatte Pytlik mittlerweile bekommen – weltgewandte, kluge und im Alltag wohl eher reservierte Frau, war spätestens nach dem Passieren des Haupteingangs am Schützenhaus von der Faszination elektrisiert worden. Es wurde laut und lauter, das Gespräch zwischen den beiden wurde immer anstrengender, Lippen und Ohren berührten sich immer häufiger. Pytlik sonnte sich im Glanz der neidischen Blicke, die ihm und seiner Begleitung zugeworfen wurden. Schließlich war der Hauptkommissar ja bekannt in Stadt und Landkreis Kronach. Wie viele Fälle habe ich eigentlich schon gelöst, fragte er sich selbst und erwischte sich dabei, gerade eine Selbstbeweihräucherung zu beginnen. Glücklicherweise traf ihn just in diesem Moment, als er sich mit Elisabeth auf dem Weg zum Bermudadreieck befand, ein heftiger Prankenhieb auf die Schulter.

»Servus, Franz! Alder Schnitzgüger!«

Der Mann, der im Gegenstrom an Pytlik langsam vorbeigeschoben wurde, machte den Eindruck, bereits deutlich alkoholisiert zu sein. Dennoch erkannte der Hauptkommissar in ihm den Schutzpolizisten Schneider. Der Kollege, der Pytlik bereits in dem einen oder anderen Fall gute Dienste geleistet hatte, hatte seinen Blick nun auch auf des Hauptkommissars Begleitung geworfen, schaffte es danach, die hinter ihm drängende Menge in ihrem Lauf abzubremsen und sich mit einer Maß Bier in der Hand an Pytlik festzuklammern.

»Alder! Leck mich am Oarsch! Woss issn dess für a Bombe? Do gedd woss, odder?«

Es war laut und stickig, von allen Seiten wurde gerufen und geschrien. Auch Pytlik galten viele Appelle. Elisabeth tat so, als würde sie sich neugierig umschauen und sich nicht dafür interessieren, was Pytlik mit seinem Bekannten besprach. Der Hauptkommissar wiederum war sich sicher, dass sie gehört hatte, was Schneider ihm ins Ohr gebrüllt hatte. Aber der Kronacher Ermittler blieb cool. Nach ein paar freundlichen Worten mit entsprechend viel Lachen im Gesicht hatte er es geschafft, Schneider wieder loszuwerden. Er fühlte sich gut, die Sache mit Elisabeth schien ein Selbstläufer zu werden und es ergab sich, dass sie vor einer der Bierhallen ein paar nette Leute trafen und Spaß hatten.

Pytlik hatte sich für kleine Jungs verabschiedet. Es war etwa halb zwölf und er hatte sein Handy wieder angeschaltet, weil ihm eingefallen war, dass er sich mit einem alten Freund, den er lange schon nicht mehr gesehen hatte, eigentlich spontan verabreden wollte.

Tatsächlich hatte Manfred, mit dem er vor langer Zeit die Polizeischule besucht hatte und der in gleicher Position wie Pytlik in Nürnberg bei der Polizei Dienst tat, eine kurze Nachricht hinterlassen

Werden so gegen 23:30 aufs Schützenfest gehen. Du weißt, ich fange die Nacht immer später an. Hoffe, wir sehen uns. Melde dich mal wegen Treffpunkt. Gruß, Manne!

Pytlik musste schmunzeln und freute sich. Stutzig machte ihn nur, dass er sehen konnte, dass mittlerweile zwölfmal von einem Unbekannten angerufen worden war. Auf dem Weg zurück zu Elisabeth nahm er sich noch eine Maß Festbier mit.

Pytlik schlich sich leise von hinten an, Elisabeth hatte sich ein bisschen an die Seite gestellt und telefonierte. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und konnte ihn nicht sehen. Als er sich schon so weit genähert hatte, dass er bereits ihr Parfüm riechen konnte, hatte sie ihn immer noch nicht bemerkt. Pytlik wollte sich einen Spaß erlauben und stellte sich einfach hinter sie um zu lauschen. Schon nach kurzer Zeit mochte er seinen Ohren nicht mehr trauen.

»Nein, Schatz! Es ist natürlich nicht so, wie du denkst. – Nein, mir fehlt nichts in unserer Beziehung. Ich habe nur gerade mal wieder Lust auf diese Erfahrung der anderen Art. – Doch, natürlich macht es mir im Bett mit dir am meisten Spaß. Aber irgendwie habe ich heute eben spontan Lust darauf bekommen, es wieder einmal mit einem Mann zu treiben.«

Pytliks Begleitung, die weltgewandte, lebenslustige, intelligente Elisabeth aus der Schweiz hatte gerade – ohne, dass sie es bemerkte – Pytlik gegenüber ihre Tarnung auffliegen lassen. Das Wichtigste und Wesentliche hatte der Hauptkommissar nun gehört. Er plante schnell den Rückzug, um sich zu überlegen, wie er ihr nun gegenübertreten sollte, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Als er bereits vorsichtig auf der Ferse wieder kehrt machte, nahm er aber noch einen letzten Gesprächsfetzen mit auf den Weg.

»Geh, Spatz! Es geht mir einfach um das Körperliche. Ich habe einfach Lust darauf. Und glaub mir: Dieser Dorfpolizist ist sowas von schusselig und tollpatschig; ich bin mir sicher, der glaubt wahrscheinlich morgen Früh, wenn ich mit ihm am Frühstückstisch sitze, dass ich ihn heiraten möchte oder so. – Ja, ich verspreche es dir! Noch morgen Vormittag werde ich wieder zurückfahren und dann können wir uns abends schon wieder sehen.«

In Pytlik stieg ein Cocktail verschiedener Gefühle auf. Abgesehen davon, dass er schon mehr als leicht angetrunken war, verwirrte ihn nun umso mehr das, was er gerade mit anhören musste. Er mochte dieser Schweizerin noch immer nicht absprechen, dass sie so war, wie er sie kennengelernt hatte. Sie hatte ein Wesen, das er mochte. Davon wollte er sich auch nicht abbringen lassen. Er hatte auch überhaupt nichts gegen gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen. Allerdings war seine Toleranzschwelle sehr niedrig, wenn es darum ging, mit ihm persönlich Spielchen zu treiben und ihn zu hintergehen. Er hatte sich schnell wieder in die Menge gemischt und war auf dem Weg zurück dahin, wo er gerade hergekommen war. Er lehnte sich an ein Absperrgitter und trank zunächst mehrmals kräftig aus seinem Maßkrug. Er ließ das Gespräch, das er gerade belauscht hatte, noch einmal Revue passieren. Er tat es mit viel Süffisanz und einigermaßen Wut. Züricher Lesbe auf Bildungsreise in Oberfranken – hätte ihn das bereits stutzig machen müssen? Aber sie war doch so nett. Und selbst wenn sich im späteren Gespräch diese Tatsache herausgestellt hätte, wäre es womöglich auch kein Problem gewesen. Hätten die beiden halt, so wie bis zum jetzigen Zeitpunkt, ein bisschen Spaß auf dem Schützenfest gehabt und wären danach ihre eigenen Wege weitergegangen. So aber, mit dem, was Pytlik gerade gehört hatte, lagen die Dinge nun völlig anders. Tollpatschiger Dorfpolizist also! Pytlik schüttelte leicht den Kopf und trank noch einmal. Der Maßkrug war fast leer, als ihm plötzlich eine Idee kam, wie er selbst nun das Heft des Handelns übernehmen und seiner Begleitung eine passende Überraschung servieren konnte. Er holte sein Handy heraus, und kurz darauf telefonierte er mit seinem Nürnberger Kumpel.

Als Pytlik zurück zu seiner Gruppe von Bekannten kam, zu der nun auch Elisabeth wieder zurückgekehrt war, merkte er schon, dass die schnelle Maß Bier, die er aus Frust getrunken hatte, ihm mächtig zu schaffen machte.

»Entschuldigt bitte, dass es ein bisschen länger gedauert hat. Ich habe noch einen alten Freund getroffen, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe.«

***

Freitag, 22. August 2008

Pytlik hörte zunächst ganz schwach ein Geräusch, das er nur schwer einordnen konnte und das überhaupt nicht dazu passte, dass er in einer Oase mitten in der Wüste lag, wo ihm orientalisch aussehende junge Frauen, die nur mit Baströckchen bekleidet waren, mit frischen Früchten, gekühlten Drinks und Liebkosungen verwöhnten. Die Palmen um ihn herum spendeten Schatten und gegen die Hitze gönnte er sich ab und zu einen Sprung in den Pool, der ihm mit dem erfrischenden Wasser eine Wohltat war. Was für ein Leben! Was für ein Leben! Was für ein…

Als Pytlik das letzte Mal darüber nachdachte, in welcher fantastischen Welt er sich gerade befand, hörte er das Geräusch, das er zunächst nicht zuordnen konnte, immer lauter und deutlicher. Plötzlich spürte er auch seinen Bauch, der etwas spannte. Der leichte Druck auf den Augen sowie der immer deutlicher werdende ungute Geschmack im Mund waren untrügliche Zeichen dafür, dass Baströckchen, Cocktails und erfrischender Pool nun vorbei waren. Der Hauptkommissar kam langsam zur Besinnung. Sehr schnell wusste er dann, dass das Geräusch das Klingeln seiner Haustür war.

»Scheiße! Scheiße! Scheiße!«, zischte er.

Nachdem er mühevoll die Augen aufgeschlagen hatte, versuchte Pytlik sofort, die Erinnerung an das, was geschehen war, zu erlangen. Aber was war das? Ein lautes Schnarchen in unmittelbarer Nähe, von dem er sicher wusste, dass es nicht von ihm selbst war, stellte für ihn das nächste Rätsel dar. Blitzschnell drehte er seinen Kopf nach rechts und wich gleichzeitig mit dem ganzen Körper ein Stück zurück. Im nächsten Augenblick stand er vor seinem Bett und schlug die Hände vors Gesicht. Dabei ging er leicht in die Hocke und fluchte ein paar Sekunden flüsternd vor sich hin. Auf der anderen Seite seines Bettes lag Manne, sein Kumpel aus Nürnberg, der nicht den Anschein machte, als würde er im nächsten Moment aufwachen. Erneut hörte Pytlik das Klingeln der Haustür, während er sich bereits eine Sporthose anzog und ein T-Shirt überstreifte, um sich danach mit unsicherem Gang und höchster Konzentration nach unten zu begeben. Er hatte nicht einmal auf die Uhr geschaut. Durch den Spion blickte er nach draußen und fühlte sogleich tiefe Scham und Schuld. Jetzt öffnete er die Tür.

Vor ihm standen auf der untersten Stufe des Hauseingangs sein Assistent Cajo Hermann sowie Justus Büttner, der Leiter der Schutzpolizei. Pytlik hätte nicht einmal sagen können, dass er Kopfschmerzen hatte oder es ihm ganz besonders schlecht ging. Er war sich nur ziemlich sicher, sehr spät in der Nacht nach Hause und ins Bett gekommen zu sein. Dennoch wusste er, dass er wohl kräftig getankt hatte und auch noch nicht wirklich dienstfähig war.

Hermann nahm lässig und in Manier eines amerikanischen Geheimdienstagenten die Sonnenbrille ab und wirkte entgegen seiner eigentlichen Art arrogant und überheblich.

»Na, guten Morgen, Herr Pytlik!«

Danach schaute er mit einem süffisanten Lächeln zu Büttner, der direkt neben ihm stand.

»Morng, Franz!«, begrüßte nun auch Büttner seinen Vorgesetzten. Dann war es zunächst einen kurzen Augenblick still. Pytlik warf noch einen Blick zu den Häusern und in die Grundstücke der Nachbarn, ob möglicherweise jemand zu sehen war.

»Tut mir leid, Männer…«, begann Pytlik, ein Entschuldigungsplädoyer anzustimmen. Hermann unterbrach ihn sogleich, indem er eine Hand hob.

»Ich war ja leider nicht dabei, aber was ich jetzt schon von diversen Leuten gehört habe, scheinst du dir gestern auf dem Schützenfest ein Denkmal gesetzt zu haben.«

Hermanns Lächeln wurde nun natürlicher und kam einem Lachen schon fast nahe. Er fragte Büttner:

»Justus, was hat man sich vorhin im Backhaus erzählt, als du Semmeln geholt hast? Ob der Hauptkommissar neuerdings schwul wäre und einen etwa gleichaltrigen Freund hätte, da er sich mit einem Mann im Bermudadreieck leidenschaftlich geküsst hat? War mir nicht so, dass man sich das erzählt in der Stadt?«

Pytlik legte einen Finger auf seinen Mund und machte einige beschwichtigende Gesten, mit denen er Hermann bitten wollte, nicht zu laut zu sprechen. Gleichwohl musste er sich eingestehen, von diesen Fakten nicht nur überrascht, sondern auch sehr peinlich berührt zu sein.

»Ob das alles ist?«, fuhr Hermann – nun immer mehr in Fahrt kommend – amüsiert fort.

»Justus? Wie war das nochmal mit dem Riesenrad?«

Büttner war verlegen. Ein Mann von einer derart hünenhaften Gestalt fürchtete sich in der Regel nur vor wenigen Dingen. Das zu erzählen, was er gehört hatte, missfiel ihm allerdings in dieser Situation. Hermann hakte nach.

»Justus! Jetzt erzähl schon! Riesenrad!«

Büttner räusperte sich ein paar Mal und man spürte, dass es ihm unangenehm war. Dann aber begann er.

»Also, es hassd hald… also, die Leud maana hald, gehörd zu homm…«

Hermann verlor die Geduld. Er übernahm das Kommando.

»Wie spät haben wir denn eigentlich?«, wollte Pytlik nun zunächst wissen.

»Es ist halb zehn!«, antwortete Hermann und fuhr dann fort.

»Nachdem, was man sich erzählt, hast du zu weit vorgerückter Stunde, man sagt so gegen drei in der Nacht, mit einem anderen Mann den Betreiber des Riesenrads mit vorgehaltenem Dienstausweis mehr oder weniger dazu genötigt, euch eine Extrafahrt zu geben. Allem Anschein nach war der Schausteller sehr amüsiert und hat euch fünf Runden sogar geschenkt.«

»Aha! Sehr kulant!«, kommentierte Pytlik, während er sich langsam fragte, was das Ganze eigentlich sollte. In diesem Moment wusste er aber noch nicht, was Hermann weiterhin noch erzählen würde.

»Warte nur ab! Anscheinend habt ihr aber vorher vergessen, noch mal zur Toilette zu gehen, und deine Begleitung konnte es wohl irgendwann nicht mehr halten. Hat sich dann dazu entschlossen, Kronach mal von oben zu bewässern, was du allerdings verhindern wolltest. Es endete dann so, dass sich bei langsamer Fahrt eure Gondel dem Einstieg näherte und zu sehen war, wie ein Mann, darin kniend, sein bestes Stück bereits herausgeholt hatte und der andere hinter ihm verzweifelt versuchte, das Teil wieder einzupacken. Die Fahrt wurde in diesem Moment zum Glück abrupt beendet und der vorher noch wohlgesinnte Betreiber hat euch mit klaren Worten deutlich gemacht, dass er kein Problem damit hätte, euch von deinen Kollegen abholen zu lassen.«

Pytlik verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

»Wollt ihr nicht kurz reinkommen?«

***

Hermann und Büttner hatten Pytlik in dessen Küche noch mehr erzählt.

»Auf jeden Fall«, beendete Hermann nach einigen Minuten die Berichterstattung, »solltest du darauf gefasst sein, dass dich in den nächsten Tagen der eine oder andere hämische Blick treffen könnte. Wir haben es auf deinem Handy und deiner Festnetznummer versucht – seit halb acht in der Früh. Uns war nicht bekannt, dass du heute Urlaub hättest, und da ruft so ein komischer Typ schon den ganzen Vormittag bei dir an, der sagt, dass er schon gestern etliche Male versucht hat, dich zu erreichen und ganz dringend mit dir sprechen müsste. Eine Sache von höchster Wichtigkeit, hat er gesagt. Außerdem haben wir uns ganz ehrlich auch ein bisschen Sorgen gemacht um dich, weil wir ja nicht wussten…«

Die Situation entspannte sich gerade. Pytlik hatte nun erfahren, dass der gestrige Abend – nicht wie von ihm geplant – wohl in einem ziemlichen Besäufnis mit entsprechenden Handlungen geendet hatte. Hermann und Büttner waren froh, ihren Chef einigermaßen unversehrt und wohlauf vorzufinden. Als plötzlich eine Stimme aus dem ersten Stock für neuerliche Aufregung sorgte.

»Schätzelein! Magst du nicht noch einmal ins Bett kommen und mich noch ein bisschen verwöhnen? Komm schon, du toller Hengst!«

Die Aufforderung wurde beendet von einem euphorischen Kichern, das nur noch einmal bestätigte, dass es keine Frau war, die sich nach dem Hauptkommissar sehnte. Hermann und Büttner schauten sich verdutzt an, und Pytlik ließ seinen kahlen Kopf frustriert in seine offenen Handflächen fallen. Auch das noch!

»Sag jetzt nicht…!«, wunderte sich Hermann mit unüberhörbarer Skepsis in seiner Stimme und konnte den Satz nicht vollenden. Pytlik entschuldigte sich für einen Augenblick, und als er aus seinem Schlafzimmer zurück nach unten gekommen war, klärte er seine beiden Kollegen auf.

»Scheiße gelaufen, aber das Kind scheint nun ja ohnehin im Brunnen zu sein! Möchtet ihr einen Kaffee?«

Während Pytlik eine Aspirin in einem Glas Wasser auflöste und die Kaffeemaschine vorbereitete, erzählte er parallel das, was er vom Vorabend und der Nacht noch wusste.

»Naja, und ich hätte was darauf gewettet, dass die Sache in trockenen Tüchern war – wenn ihr versteht, was ich meine. Das war einer der hundertprozentigsten One-Night-Stands, die ich mir hätte vorstellen können. Es war eigentlich schon zu perfekt. Und dann höre ich zufällig ein Telefonat mit, indem sie sich bei ihrer aktuellen Lebensgefährtin – vermutete ich – schon vorab dafür entschuldigt, dass sie mal wieder einen Mann testen wollte und sie, also ihre Loverin, sich aber keine Gedanken machen müsse, weil es sich um einen tollpatschigen Dorfpolizisten handeln würde. Da habe ich zurückgeschlagen und mit meinem alten Freund Manne, der jetzt oben bei mir im Bett liegt, eine kleine Aufführung veranstaltet.«

Pytlik, Hermann und Büttner hatten eine Tasse Kaffee gemütlich ausgetrunken und der Hauptkommissar seine beiden Kollegen darum gebeten, in der Dienststelle einfach zu sagen, dass sie vergessen hätten, dass er sich für diesen Tag einen halben Urlaubstag genommen hatte und nach der Mittagspause ins Büro kommen würde. Nachdem der Dienststellenleiter noch im Urlaub weilte, sollte dies alles kein Problem sein. Hermann stellte die leeren Kaffeetassen ins Spülbecken und stand neben seinem Chef, während Büttner zur Toilette gegangen war. Hermann konnte immer noch nicht fassen, was der Hauptkommissar da abgeliefert hatte. Er fragte noch einmal nach.

»Du hast deinem Kumpel Manne also kurzerhand eine SMS geschrieben und ihn instruiert, zum vereinbarten Treffpunkt zu kommen, dich mit einem Kuss zu begrüßen und einen entsprechenden Text aufzusagen, um ihn deiner Begleitung Elisabeth dann als deinen Lebensgefährten vorzustellen?«