Beschreibung

Der Jahrhundertsommer 2003 hat die Menschen im ganzen Land unter Kontrolle. Wochenlange Hitze hat auch im Landkreis Kronach dazu geführt, dass der Alltag mehr und mehr zur Qual wird. Das alljährliche Freischießen in der Cranach-Stadt steht vor der Tür und die Vorbereitungen laufen. Für Franz Pytlik rückt das wichtigste Volksfest des Jahres plötzlich in den Hintergrund. Ein unsichtbarer Gegner fordert den Kronacher Ermittler heraus. Nachdem der Hauptkommissar dem Unbekannten zunächst keine Bedeutung beimisst, macht dieser schnell seine brutale Entschlossenheit deutlich. Für Pytlik beginnen Höllische Tage.

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Carlo Fehn

Höllische Tage

Höllische Tage - Hauptkommissar Pytliks dritter Fall

Carlo Fehn

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2012 Verlag Carlo Fehn

ISBN 978-3-8442-3654-5

Der Jahrhundertsommer 2003 hat die Menschen im ganzen Land unter Kontrolle. Wochenlange Hitze hat auch im Landkreis Kronach dazu geführt, dass der Alltag mehr und mehr zur Qual wird. Das alljährliche Freischießen in der Cranach-Stadt steht vor der Tür und die Vorbereitungen laufen.

Für Franz Pytlik rückt das wichtigste Volksfest des Jahres plötzlich in den Hintergrund. Ein unsichtbarer Gegner fordert den Kronacher Ermittler heraus. Nachdem der Hauptkommissar dem Unbekannten zunächst keine Bedeutung beimisst, macht dieser schnell seine brutale Entschlossenheit deutlich. Für Pytlik beginnen höllische Tage.

Freitag, 15. August 2003, 8:45 Uhr

Der klebrige Schweißfilm auf seinem Körper war ihm zuwider, das dünne Bettlaken am Fußende hatte er die ganze Nacht nicht gebraucht. Die erbarmungslose Hitze, die schon wochenlang das Land und die Bewohner lähmte, ging ihrem Höhepunkt entgegen. Nicht einmal jetzt konnte Pytlik die Gedanken an diesen infernalen Sommer und die Ereignisse der letzten Tage ruhen lassen. Nicht einmal jetzt, als er - die Hände hinter seinem Kopf im Kissen vergraben - knapp oberhalb seiner Bauchkante diesen makellosen Körper in die Dusche flanieren sah. Ein Körper, den er so nicht erwartet, ja nicht einmal erhofft hatte. Weil er bisher immer nur seine Gedanken hatte spielen lassen, jedes Mal, wenn sie ihm mit ihrer korrekt-eisigen, aber auch faszinierenden und betörenden Art gegenüberstand und sein lautloses - weil sinnloses - Werben um einen gemeinsamen Abend ignoriert hatte. Da verschwand sie und nur wenige Augenblicke später, als der Hauptkommissar das sanfte Plätschern der Wassertropfen hörte, spürte er schon wieder die Sehnsucht nach diesen wilden Bewegungen und diesem weichen Fleisch, das ihm in den vergangenen Stunden nie dagewesene Glücksmomente beschert hatte. Pytlik konnte sich nicht daran erinnern, jemals so guten Sex gehabt zu haben. Was war das, fragte er sich, legte den Kopf zur Seite und setzte seine Gedanken fort. Was sollte das werden? Er hatte nicht gedacht, dass die gemeinsame "Bierprobe" auf dem Kronacher Freischießen so enden würde. Gut, dass er den Tag freigenommen hatte. Im nächsten Augenblick schlief er wieder ein.

14 Tage vorher, Freitag, 1. August 2003

Pytlik verließ - wie fast immer - gegen halb acht seine Doppelhaushälfte in der Rhodter Straße. Irgendwie schien es ihm selbst so, als hätte er nur widerwillig seine beiden Füße vor die Tür gesetzt. Es hatte in den Tagen zuvor kein Thema gegeben, das in allen Medien mehr diskutiert worden war, als der bisherige Sommer und das, was nun noch kommen sollte. Der Hauptkommissar war beileibe keiner, der vor Wärme und Sonnenstrahlen davonlief, das Jahr 2003 würde selbst er jedoch später als klimatisch anstrengend bezeichnen.

Welcome sunshine, murmelte er leise, fast schon resignierend, als er sein Fahrrad aus dem Carport holte und sich gemächlich auf den Sattel setzte, den Helm bereits festgezurrt. Er würde auch heute durch das Gelände der Landesgartenschau fahren, bloß nicht zu schnell, immerhin hatte das Thermometer schon deutlich über 20 Grad angezeigt. Nach wenigen Metern Fahrt nahm er im Augenwinkel einen hellen Schatten und leichte, dumpfe Geräusche wahr, die er nach einem spontanen Blick nach rechts sogleich zuzuordnen wusste. Die neue Nachbarin, drei Häuser weiter, links gegenüber, räumte die letzten Kartons vor die Haustür, wo sauber gestapelt bereits die Überreste des Umzugs auf Entsorgung warteten. Es hatte sich bisher noch nicht die Gelegenheit ergeben, mit der gutaussehenden Frau zu sprechen. Zu froh war er jedes Mal, wenn er aus dem Präsidium nach Hause gekommen war und sich abends in seinem Garten in ein schattiges Plätzchen legen konnte, anstatt die Aus- und Einräumarbeiten der Umzugshelfer und der neuen Hauseigentümerin zu unterbrechen.

"Ach, Entschuldigung! Herr Pytlik?"

Der Hauptkommissar war einigermaßen überrascht, als die in einen weißen Jogginganzug gekleidete Frau plötzlich in einer Art Hilferuf auf sich aufmerksam machte und mit einer winkenden Handbewegung seine Aufmerksamkeit gewonnen hatte. Pytlik zog beide Bremshebel an seinem Trekkingrad und lenkte seinen Drahtesel langsam auf den Gehweg vor dem Anwesen der Brünetten, die verlegen lächelnd an die kniehoch und sauber geschnittene Hecke gekommen war. Nun sah er sie das erste Mal aus unmittelbarer Nähe und es gefiel ihm, was er sah. Das braune Haar hatte einen leicht rötlichen Stich, das sehr weibliche Gesicht mit der gepflegten, hellen Haut und das sympathische Lächeln ließen seine eher missmutige Stimmung etwas verschwinden. Er stand da wie ein Teenager, der sich von einem Mädchen verabschiedete, mit dem er gerade beim Picknick gewesen war, es dort nicht geschafft hatte, sie zu küssen und jetzt vergeblich darauf wartete, dass sie zum Abschied die Initiative ergreifen würde. Beide Hände am Lenker, die Beine rechts und links der Querstange. Sie hatte ihn anscheinend kurz gedanklich gefesselt, dann machte er sich aber zumindest daran, seinen Helm abzunehmen, während sie ihre strahlend weißen Zähne präsentierte, leicht außer Atem.

"Guten Morgen! Angelika Küppers. Ich bin die neue Nachbarin - sozusagen. War ja sicherlich nicht zu übersehen die letzten Tage."

Pytlik spürte einen warmen Händedruck und versuchte gleichzeitig die ersten Worte dieser Frau irgendwie zu deuten: "...sozusagen... - ...sicherlich nicht zu übersehen...". Was meinte sie damit? Hieß das: Du hättest dich ruhig schon mal blicken lassen können, Blödmann und fragen, ob ich Hilfe brauchen kann. Du hast doch sicherlich schon bemerkt, dass hier kein Mann rumläuft, der augenscheinlich zu mir gehört. Denn du hast doch bestimmt von deinem Küchenfenster aus verfolgt, wie die Umzugsfirma und ich hier in den letzten Tagen geschuftet haben. Für uns war das Wetter übrigens auch nicht angenehmer.

"Sie sind der Polizist, oder? Ich habe mich schon ein bisschen informiert. Die Merkels - ist das richtig? - und die Frau, äh, Porzel, nein Porzig, ja, Porzig, heißt sie. Mit denen habe ich schon geredet. Nette Leute, ich glaube, ich werde mich hier richtig wohlfühlen. Aber entschuldigen Sie bitte, ich wollte Sie nicht überfahren, Sie müssen ja sicherlich auch ins Büro."

Das musste Pytlik tatsächlich, aber außer der weiteren Vorbereitung auf das bevorstehende Freischießen schob er im Moment eine eher ruhige Kugel.

"Ich hoffe, die haben alle nichts Schlechtes über den Polizisten erzählt! Pytlik, Franz Pytlik. Ich wohne hier vorne, aber Sie sind ja anscheinend schon bestens informiert. Frau... Küppers, ja?"

"Ja, Angelika Küppers. Herr Pytlik, ich wollte Sie nicht lange aufhalten, ich habe eigentlich nur eine kurze Frage: Wissen Sie vielleicht, wo und wie ich diese ganzen Kartons und Verpackungen am besten entsorgen kann? Ich möchte so schnell wie möglich alles weg haben. Sie wissen ja, man schiebt das dann auf und im Winter liegt das Zeug immer noch rum."

Pytlik wusste, was sie meinte und fragte sich gleichzeitig, ob seine anderen Nachbarn diese Frage nicht auch hätten beantworten können. Sie wollte also einfach nur den Kontakt zu ihm herstellen, kombinierte er und fühlte sich innerlich geschmeichelt.

"Am besten, Sie fahren die Sachen auf den Wertstoffhof. Wenn ich das richtig sehe, ist das Meiste Pappe und Papier, das können Sie dort kostenlos entsorgen."

"Okay. Und wo ist dieser Wertstoffhof?"

"Ach so. Es lohnt sich nicht, das zu erklären. Wenn Sie hier neu sind, wäre es wohl das Beste, ich zeige Ihnen den mal. Die haben samstags auch geöffnet. Wenn Sie möchten, fahre ich da morgen früh mit Ihnen hin und Sie laden mich hinterher auf einen Kaffee ein. Ich bin nun mal Ermittler und möchte natürlich auch einiges über Sie wissen."

Er schickte diesem charmanten Annäherungsversuch ein gekonntes Schmunzeln hinterher, weshalb die Reaktion seines Gegenübers auch spontan erfreut ausfiel.

"Das würden Sie tun? Klasse! Aber wollen wir es dann nicht lieber umgekehrt machen? Sie kommen zum Frühstück und danach machen wir uns an die Arbeit?"

"Äh..."

Pytlik war sichtlich überrascht. Nicht, dass Frauen, die ihn offensiv angingen, ihm nicht lieber waren als kleine stumme Mäuschen. Nein, so war es nun wirklich nicht. Allerdings hatte er nach Beendigung seiner letzten Liaison im Anschluss an eine Mordermittlung keine interessante Bekanntschaft mehr gemacht. Kronach war diesbezüglich einfach überschaubar. Insofern erwachte langsam sein Jagdinstikt. Das Gehirn schien dem Tempo aber noch nicht folgen zu können.

"Keine Angst, ich beiße nicht. Ich dachte nur, es wäre vielleicht besser, vor der Arbeit was im Magen zu haben."

"Klar!" Pytlik hatte sich gefasst. "Dann bin ich morgen - ja wann denn? - so gegen neun bei Ihnen? Ist das okay?"

"Super, das freut mich! Mögen Sie Rührei mit Speck? Westfälische Art?"

Aha! Pytlik hatte während der paar kurzen Sätze schon gemerkt, dass diese Angelika Küppers keine von hier - also aus Franken oder Bayern - war. Zu exakt und dialektfrei sprach sie. Westfalen also. Oder war das westfälische Rührei nur eine ihrer Spezialitäten, ohne dass es mit ihrer Herkunft zu tun haben sollte? Egal, dachte er, ich werde es herausfinden.

"Ja, prima. Ich liebe Rührei mit Speck. Mal schauen, ob mich die westfälische Variante überraschen kann."

"Wir werden es sehen. Also dann: Vielen Dank schon mal und lassen Sie die Woche gut ausklingen! Schönen Tag noch!"

Angelika Küppers gab Pytlik die Hand und er schaute ein letztes Mal in ihr freudestrahlendes Gesicht, bevor er sich verabschiedete. Ende dreißig, schätzte er nun, also gut fünfzehn Jahre jünger als er. Was würde sie wohl beruflich machen? War sie womöglich tatsächlich nicht liiert? Kinder? Scheidung - wie bei ihm? Alles Fragen, die sich Pytlik stellte, als er, mit fantastischem Blick auf die Festung Rosenberg, Richtung Innenstadt radelte.

Er hatte in den letzten Tagen sogar auf seinen obligatorischen Besuch in Müller’s Backhaus verzichtet. Das nervige Wetter hatte ihm den Appetit auf seine geliebten Puddingbrezeln genommen. Beflügelt von der Begegnung mit Angelika Küppers schien nun aber auch dieses Problem behoben zu sein.

***

"No, Herr Kommissar! Ich hobb fei scho gedocht, mit Ihna wär woss bassierd. Mensch, wo wonn Sie denn die letzten Douch?"

Spätestens jetzt wurde Pytlik bewusst, wie sehr er in der kleinen Bäckereifiliale wohl schon zum Inventar gehörte. Nichtsdestotrotz war ihm die überschwänglich besorgte Begrüßung durch Maria Beierkuhnlein irgendwie peinlich, drehten sich doch alle Anwesenden - ähnlich verzweifelt wie der Polizist, mit permanenten Schweißtropfen im Gesicht kämpfend - zu ihm um und konnten sich die ihm zugedachte Aufmerksamkeit nicht erklären.

"Dess is fei heuer ein richdicher Mördersommer. Ich konn mich nier erinnern, dass ich so woss schonn erlebbd hobb. Ich bin fei richdich schlabb. Irgendwie gehds mer nier so gud."

Maria Beierkuhnlein hatte den Hauptkommissar wie immer, wenn sie kurz mit ihm ein Pläuschchen halten wollte, an die Seite der Theke gebeten, wo sie hinter der großen Kaffeemaschine ihre gesundheitlichen Bedenken preisgab.

"Irgendwie, ich waaß nedd..."

"Gehen Sie lieber zum Arzt, Frau Beierkuhnlein! Gerade in Ihrem Alter sollten Sie damit nicht zu fahrlässig umgehen. Sie haben genügend junge Kolleginnen. Die kommen auch mal ein paar Tage ohne Sie zurecht. Hören Sie auf mich!"

Maria Beierkuhnlein musterte Pytlik ungläubig. Wollte er ihr tatsächlich den Rat geben, zuhause zu bleiben?

"Ja, dess gedd nier! Hier muss Ordnung sei, die brauchen mich!"

Pytlik schmunzelte, nahm seine Tüte mit den geliebten Puddingbrezeln und hob den Zeigefinger.

"Denken Sie darüber nach, Frau Beierkuhnlein! Schönen Tag noch."

Als er die Bäckerei verlassen hatte, machte er sich kurz Sorgen um die alte Frau, die nun doch schon auf die Siebzig zusteuerte, aber ihre Arbeit einfach zu sehr mochte. Als er mit dem Fahrrad über den Herrenmühlsteg fuhr, hielt er in der Mitte der kleinen Holzbrücke an und blickte nach links und rechts in die Kronach. Der Fluss war zum Flüsschen verkommen, träge schob sich das Wasser an den freiliegenden Steinen vorbei.

Zwei Minuten später betrat Pytlik die Dienststelle am Kaulanger. Freitage mochte er grundsätzlich. Gerade in Zeiten, in denen keine Ermittlungen stattfanden, bedeutete dies einen frühen Dienstschluss. Die Vorbereitungen für das Schützenfest hatte er gut delegiert, so blieb ihm endlich einmal etwas Zeit für Ablage und allgemeine Bürotätigkeiten. Diese würde er heute relativ rasch am Nachmittag beenden, überlegte er sich. Vielleicht gab es ja zufällig noch etwas, bei dem er seiner neuen Nachbarin behilflich sein könnte. Seine Stimmung war nun, kurz bevor er das Büro im ersten Stock betrat, fast schon ein bisschen euphorisch. Er konnte nicht ahnen, dass ihm in den kommenden Tagen nicht nur der mörderische Sommer alles abverlangen würde.

***

"Guten Morgen!"

Pytlik hatte den Oberkörper nach vorne gebeugt und den Kopf nach rechts geneigt, so, als hätte er sich versteckt und würde sich nun wieder zeigen. Die betont begrüßende Handbewegung schien seiner Sekretärin etwas unangebracht. Adelgunde Reif schaute zumindest sehr verdutzt über ihren Schreibtisch zur Tür, erwiderte Pytliks Gruß aber ebenso freundlich, wenn auch mit einem unübersehbaren Runzeln der Stirn. Danach verschwand der Hauptkommissar im Zimmer gegenüber. Nachdem er auch dort ein gutgelauntes "Morgen allerseits" verkündet hatte, sah er sich wiederum mit zwei merklich überraschten Augenpaaren konfrontiert. Es war einfach nicht die Zeit für gute Laune. Die Menschen waren angeschlagen und die Wetteraussichten drückten umso mehr auf das Gemüt. Heiterkeit musste in diesen Tagen auf Unverständnis stoßen.

Pytliks Assistent, Cajo Hermann, saß am Schreibtisch vis-à-vis und deutete mit dem Zeigefinger auf seinen Bildschirm, um der jungen Dame neben ihm etwas zu erklären. Er unterbrach seine Ausführungen und grummelte ein ebenso unmotiviertes wie gestresst wirkendes "Morgen, Franz!" zurück. Die schlaksige Frau schenkte dem Hauptkommissar ein kurzes "Hallo" und schaute dabei genau so prüfend, wie sie es die letzten zwei Wochen bereits getan hatte, seitdem sie hier war. Pytlik konnte sich nicht daran erinnern, schon jemals eine Praktikantin bei sich gehabt zu haben. Nun ja, eigentlich war sie auch mehr bei Cajo, der sich der Psychologiestudentin aus Bamberg vom ersten Tag an angenommen hatte. Pytlik war nicht entgangen, dass die Beiden ganz gut miteinander konnten. Sie sollte in erster Linie bei Vernehmungen und Recherchen mit einbezogen werden. Da diesbezüglich aber gerade nicht viel vorlag, erklärte Hermann ihr jede Menge Inhaltliches zum polizeilichen Alltag. Vanessa Zenk schien sehr interessiert und unansehnlich war sie auch nicht. Also hatte Pytlik im Nachhinein auch ein ruhiges Gewissen, dass er seine Zustimmung gegeben hatte, als sein Chef ihm den Vorschlag unterbreitet hatte. Es war auch nicht wirklich ein Vorschlag. Alfons Geuther und Pytlik waren sich in zunehmendem Maße immer unsympathischer. Ob es daran lag, dass beide von den jeweiligen Kompetenzen des Anderen eine eher unterschiedliche Meinung hatten, war nicht klar. Pytlik, der Ermittler, sah in Geuther, den er äußerlich immer irgendwie für den Vater des bayerischen Schauspielers Ottfried Fischer hielt, nur eine unbedeutende Lachnummer, die für den Praxisalltag schon länger nicht mehr geeignet war. Dass Beide nur wenige Monate zuvor im Kreis des gesamten Teams lautstark aneinander geraten waren, stellte den bisherigen Höhepunkt der Beziehung dar.

Pytlik hatte seinen PC hochgefahren und wollte sich trotz der Schwüle und der stickigen Luft im Büro gerade eine Tasse Kaffee holen, als ihm ein braunes, DIN A5-formatiges Kuvert links neben seiner Tastatur auffiel. Dass auch noch "An dem Hauptkommissar" darauf stand, machte ihn aus zweierlei Gründen neugierig. Erstens wunderte es ihn, dass er einen Brief - allem Anschein nach auch noch ohne Absender - nicht über die normale Postverteilung bekommen hatte, sondern jemand persönlich den Umschlag bei ihm deponiert haben musste. Außerdem fiel ihm sofort der falsche Akkusativ auf. Sein Telefon klingelte, Pytlik sah im Display Geuthers Nummer und überlegte kurz, ob er überhaupt abnehmen wollte. Er tat es und schnappte sich im gleichen Moment den Brieföffner von Cajos Schreibtisch gegenüber.

Als er langsam in den kleinen Schlitz an der kurzen Seite des Kuverts fuhr, hörte er die monotone und wenig erfreuliche Stimme seines Vorgesetzten. Er hätte ihm einen Umschlag auf den Schreibtisch gelegt, ob er das schon gesehen hätte. Der hätte vor dem Eingang gelegen, als er heute morgen gekommen war. Pytlik wisse ja sicherlich, dass er - also Geuther - hier immer der Erste sei. Ja, dachte sich Pytlik und schickte innerlich schon wieder wilde Flüche los. Dafür gehst du aber auch vor allen anderen. Als Geuther dann auch noch auf den grammatischen Fehler hinwies, beendete Pytlik mit einem artigen Dank das Gespräch und hörte noch einige Wortfetzen seines Chefs, als er den Hörer wieder auflegte.

"Der Alte schon wieder? Was will er denn diesmal?", fragte Cajo, der genau wusste, wie es zwischen Pytlik und Geuther stand.

"Ach!"

Pytlik winkte nur kurz ab und war schon im Begriff, den Inhalt des Kuverts herauszuziehen. Er stutzte. Noch bevor er das weiße Blatt Papier ganz herausgenommen hatte, fiel ihm etwas auf, dass er wenige Augenblicke später auch bestätigt bekam. Seine gute Laune wurde gedämpft und er wusste nicht so recht, was er mit den eher unsauber ausgeschnittenen und in gleichem Maße aufgeklebten Buchstaben anfangen sollte, die anscheinend aus einem Magazin entfernt worden waren.

J E T Z T G E H T S L O S

Was geht los, dachte sich Pytlik als er die bunten Letter noch einmal las und spontan meinte, es könne sich eventuell um einen Hinweis darauf handeln, dass er bei den Vorbereitungen für das Freischießen in diesem Jahr die Koordination mit den verschiedenen Organisationen an seine Kollegen verteilt hatte. Ja, genau, da hat sich jemand einfach einen Spaß gemacht und will mir mitteilen, dass es in 14 Tagen losgeht und ich das ja möglicherweise vergessen könnte, weil ich mich nun einmal in diesem Jahr ein bisschen abgeseilt habe. Ja, gut, lass’ den Jungs mal ihren Spaß! Die arbeiten ja auch hart. Basta!

"Ist was?", wollte Vanessa wissen. Sie hatte anscheinend bemerkt, dass der Hauptkommissar plötzlich sehr ruhig geworden war.

"Wie? Äh, was?" Pytlik war noch in Gedanken.

"Na, der Brief. Steht was Wichtiges drin? Sie scheinen ein bisschen verwirrt, wenn ich das so sagen darf."

"Welcher Brief?", ereiferte sich Cajo, der sich ignoriert fühlte, hatte er der Praktikantin doch gerade einige wichtige Zusammenhänge im letzten Mordfall erklärt.

"Ihr Psychologen meint wohl, hinter jedem Busch steht einer und pinkelt oder wie! Sie sollten lieber Cajo besser zuhören. Unser letzter Fall war interessant, da können Sie einiges lernen."

Pytliks kleine Maßregelung war übertrieben, aber er spürte, dass mit dem Brief doch etwas nicht zu stimmen schien. Welcher Kollege würde sich denn die Mühe machen, einen solch lapidaren Scherz mit derartigem Aufwand zu inszenieren? Die Frage wurde also konkret: Was geht los? Wo und wann geht es vor allem los? Jetzt? Wann jetzt? War es sinnvoll, seinem Assistenten - möglichst unter vier Augen - von der Sache zu erzählen? Pytlik überlegte. Die Spurensicherung in Coburg einzuschalten, um eventuell vorhandene Fingerabdrücke zu nehmen, schien ihm jetzt, da er beschlossen hatte, die Sache erst einmal als privat anzusehen, nicht klug. Noch dazu, da er zum Abteilungsleiter in Coburg kein besonders gutes Verhältnis pflegte. Gerhard Fuchs und er konnten sich nicht riechen.

Überhaupt kam er, als er dabei war, das Stück Papier wieder zusammenzufalten, ins Grübeln. Mit wem hatte er eigentlich ein gutes Verhältnis? Wer waren seine Freunde? Cajo kam ihm spontan in den Sinn. Ein wirklich guter Polizist, der seine Arbeit mehr als ordentlich erledigte und Pytlik als seinen Chef respektierte, ohne ein Schleimer zu sein. Wer noch? Heiner? Sein alter Schulfreund Heiner Baumann. Die wöchentlichen Treffen im Appel’s Max auf ein Schnitzel und das eine oder andere Bier - konnte das die Definition von Freundschaft sein? Da fiel ihm ein, dass weder er bei Heiner, noch dieser bei ihm jemals zuhause gewesen war, zumindest nicht, nachdem sich der Hauptkommissar von seiner Frau Marlies hatte scheiden lassen und sich die Doppelhaushälfte gekauft hatte. Komisch, dachte Pytlik.

Die innigste Verbindung hatte er wohl zu seinem Bruder Georg, vier Jahre jünger als Pytlik und seit langer Zeit in München am Rechtsmedizinischen Institut der Uni tätig. Ja, Georg war einfach geerdet, das typische Münchner "Mia san mia" spürte Pytlik bei jedem Besuch, wenn es wieder für ein langes Wochenende in die Berge zum Wandern ging, auf beruhigende Weise. Georgs Kinder waren groß und aus dem Haus, seine Frau Anna eine treue Seele und angenehme Schwägerin. Zu seinem jüngsten Bruder Johannes, Mathe- und Physiklehrer am Kronacher Kaspar-Zeuß-Gymnasium, hatte der Ermittler trotz der räumlichen Nähe kaum Kontakt. Zu sehr überwogen die Probleme des jüngsten der drei Pytlik-Brüder, als dass es eine Chance auf eine gute zwischenmenschliche Beziehung geben konnte. Johannes’ Frau Klara litt seit Jahren unter schweren Depressionen, die beiden verließen ihr Haus nur zu den notwendigsten Anlässen.

Als im nächsten Moment die Tür aufging und Gundi Reif sich in Pytliks Rücken am Aktenschrank bediente, dachte er auch an sie. Auch Gundi war eine Person, mit der er gut konnte und die ihrerseits seine Art mochte. Also, Pytlik, resümierte er nach einigen Minuten, so ein schlechter Kerl bist du doch eigentlich gar nicht. Er öffnete seine unterste Schublade, legte das Kuvert hinein und erhob sich von seinem Stuhl.

"Ich bin mal kurz beim Alten", raunzte er eher beiläufig in die Runde und sah in die Augen der Praktikantin, die ihn, wohl wegen seiner missbilligenden Äußerung einige Minuten vorher, argwöhnisch anschaute. Lachen war nicht gerade ihre Stärke, überlegte sich Pytlik, als sich ihre Blicke trafen und er das Büro verließ.

***

Nach einem kurzen Klopfen betrat der Hauptkommissar ohne weiteres Zögern das Zimmer von Alfons Geuther. Als Pytlik schon zwei Schritte im Büro des Kronacher Dienststellenleiters stand und zu dem wuchtigen Holzschreibtisch schaute, konnte er sich das Lachen gerade noch verkneifen. Geuther, der wohl nicht mit dem unerlaubten Hereinkommen gerechnet hatte, hatte gerade herzhaft von seiner Leberkässemmel abgebissen und wirkte mit der sorgfältig in den Hemdkragen gestopften Papierserviette und den vor Entsetzen weit aufgeschlagenen Augen wie ein unter Hochdruck stehendes Fass, das jeden Moment zu explodieren drohte.

"Oh, Entschuldigung!", blieb Pytlik unvermittelt stehen und machte Anstalten, noch einmal nach draußen zu gehen, was er allerdings nicht im Geringsten vorhatte.

"Soll ich gleich noch mal...?", fragte er mit Unschuldsmiene und machte eine entsprechende Handbewegung zur Tür hin.

"Was fällt Ihnen ein?", polterte Geuther wenig verständlich los, ohne Rücksicht auf seinen vollen Mund zu nehmen. Die groben, kaum zerkleinerten Fleischstücke purzelten reihenweise auf den jungfräulich unbeschriebenen Kalender, der als Schreibtischunterlage diente.

"Hat man Ihnen keinen Anstand beigebracht? Haben Sie vielleicht gehört, dass ich 'Ja, bitte!' gesagt hätte? Unmöglich! Wirklich! So ein Mist, schauen Sie sich das an!"

Pytlik tat, wie ihm befohlen und trat näher. Er beobachtete Geuther dabei, wie er seine Semmel in die Alufolie zurücklegte und die Leberkässtückchen mit einer hastig-zornigen Handbewegung in den Papiermüll fegte.

"Ich dachte, ein 'Ja, bitte!' gehört zu haben", rechtfertigte Pytlik mit versteinertem Gesicht sein Tun.

"So ein Mist! Was wollen Sie eigentlich?"

Geuther hatte sich noch immer nicht beruhigt. Als sein Schreibtisch sauber war, schob er sein Frühstück und die Kaffeetasse beiseite, stützte die Ellenbogen auf die Unterlage, verhakte seine Finger wie zum Gebet und blickte unfreundlich zu Pytlik hoch, der sich - wiederum ungebeten - in den Sessel vor Geuthers Schreibtisch setzte.

"Das Kuvert..."

"Welches Kuvert?", motzte Geuther, der anscheinend nicht gewillt war, sich nun noch mit dem Hauptkommissar zu unterhalten. Der wiederum ließ sich nicht beirren.

"Na, das Kuvert, das Sie mir heute morgen, als Sie selbstverständlich als Erster hier waren, freundlicherweise in mein Büro gebracht haben. Sie erinnern sich?"

Pytliks betonte Freundlichkeit ließ Geuther die Zornesröte ins Gesicht steigen. Der äußerst übergewichtige Mann kontrollierte jedoch seine Emotionen. Möglicherweise war die Aussicht auf eine schnelle Beendigung des Gesprächs und somit eine Fortsetzung seines Frühstücks ein gutes Argument, die Sache rasch zu beenden.

"Ach das. Was ist damit?"

"Lag das einfach so da?"

"Ja, das lag einfach so da! Wieso? Ist was damit?"

"Nein! Haben Sie jemanden gesehen, der es vielleicht dahin gelegt hat?"

"Nein, verdammt noch mal! Hören Sie mir doch zu!" Geuther wurde es nun zu bunt.

"Dieses Kuvert lag mitten vor der Eingangstür, nicht zu übersehen und mit diesem schrecklichen Grammatikfehler. Wenn es damit kein Problem gibt, was wollen Sie dann eigentlich von mir?"

Gute Frage, dachte sich Pytlik und stellte erst jetzt fest, dass der Gang zu Geuther einerseits planlos war, andererseits ihm aber bestätigte, dass er hinter all dem doch mehr vermutete, als er sich immer noch eingestehen wollte.

"Und nun wäre ich Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie wieder an Ihre Arbeit gehen würden."

Pytlik verschwand aus Geuthers Büro. Auf dem Weg nach unten kam ihm Schneider entgegen, ein Kollege, der an diesem Tag am Empfang Dienst tat.

"Ach, servus Franz! Da, dess iss grad für dich abgehm worrn."

Egon Schneider drückte Pytlik ein Kuvert in die Hand, das dem, das er bereits in der Schublade seines Schreibtisches liegen hatte, nicht nur ähnlich sah, sondern in fast jeder Hinsicht glich. "An den Hauptkommissar" war da zu lesen und Pytlik wunderte sich nur kurz, warum der Akkusativ diesmal richtig war.

"Von wem hast du das?", fuhr er Schneider an, der im ersten Moment erschrocken zusammenzuckte, hatte er doch nicht mit einer derart heftigen Reaktion Pytliks gerechnet.

"Von wem? Los, sag schon!"

Pytlik wartete die Antwort Schneiders erst gar nicht ab und hörte beim Hinabrennen der letzten Stufen des Gebäudes nur, dass es ein kleiner Junge mit einem roten T-Shirt gewesen sei, der den Brief mit dem Hinweis "Dess is fürn Herrn Büddlich, soll ich bloß abgehm" an Schneider übergeben hatte.

Pytlik riss die Eingangstür des Präsidiums auf, stürzte hinaus auf den Gehweg und blickte schnell nach rechts und links. Nichts! Verdammt, schoss es ihm durch den Kopf. Obwohl gut trainiert, stand er leicht außer Atem und enttäuscht vor einem Fenster, aus dem mittlerweile zwei andere Kollegen mit fragenden Blicken auf den Ermittler schauten. Er winkte ab und signalisierte ihnen somit, dass alles in Ordnung war. Auch Schneider war inzwischen nach unten gekommen, schaute alibimäßig in alle Richtungen, so, als wäre ihm bewusst, dass er den Jungen hätte nach dem Umschlag fragen müssen.

"Also, hätt’ ich gewusst, dass...", fing er an, doch Pytlik hob nur die Hand und versuchte, die Situation herunterzuspielen, jetzt, als ihm klar wurde, dass er langsam begann, alle aufzuscheuchen.

"Nicht so schlimm. War nur so eine Idee von mir. Ich weiß, von wem das Kuvert ist. Ich wollte dem Jungen gleich wieder was mitgeben - für seinen Vater. Aber da fahre ich dann heute Nachmittag mal vorbei. Schon gut."