Verdammte Erinnerung - Carlo Fehn - E-Book

Verdammte Erinnerung E-Book

Carlo Fehn

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Beschreibung

Im Waldhotel „Goldenes Reh“ in Steinbach wurde eine Frau kaltblütig umgebracht. Hauptkommissar Pytlik hat die Ermittlungen aufgenommen und stellt bald fest, dass der Tod der Russin Maria Antonowa, die allem Anschein nach ein Doppelleben führte, die Kronacher Ermittler mit vielen unbeantworteten Fragen konfrontiert. Nur wenige Tage nach dem Mord taucht im nahegelegenen Ölschnitzsee die kopflose Leiche eines Mannes auf. Wer ist er? Wie lange lag er am Grund des Sees und hat sein Tod etwas mit dem Gewaltverbrechen an Maria Antonowa zu tun? Nach einem Anschlag auf einen Kollegen Pytliks scheint klar: Der oder die Täter sind zum Äußersten bereit. Eine nervenaufreibende Jagd durch den Landkreis Kronach beginnt.

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Carlo Fehn

Verdammte Erinnerung

Verdammte Erinnerung - Hauptkommissar Pytliks zweiter Fall

Carlo Fehn

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2012 Verlag Carlo Fehn

ISBN 978-3-8442-2160-2

Im Waldhotel „Goldenes Reh“ in Steinbach wurde eine Frau kaltblütig umgebracht. Hauptkommissar Pytlik hat die Ermittlungen aufgenommen und stellt bald fest, dass der Tod der Russin Maria Antonowa, die allem Anschein nach ein Doppelleben führte, die Kronacher Ermittler mit vielen unbeantworteten Fragen konfrontiert. Nur wenige Tage nach dem Mord taucht im nahegelegenen Ölschnitzsee die kopflose Leiche eines Mannes auf. Wer ist er? Wie lange lag er am Grund des Sees und hat sein Tod etwas mit dem Gewaltverbrechen an Maria Antonowa zu tun? Nach einem Anschlag auf einen Kollegen Pytliks scheint klar: Der oder die Täter sind zum Äußersten bereit. Eine nervenaufreibende Jagd durch den Landkreis Kronach beginnt.

Samstag, 22. März 2003

Ruhe. Pytlik lag mit geöffneten Augen im Bett und bemerkte eine angenehme Stille, wie sie ihm in der vergangenen Woche selten vergönnt gewesen war. Mit einem geübten Handgriff hatte er den schrillen Alarmton des Weckers auf seinem Nachttischschränkchen zum Schweigen gebracht und sich aus der bequemen Seitenlage auf den Rücken gedreht. In den letzten Tagen hatte das Wetter noch einmal deutlich gemacht, dass der Frühling kalendarisch zwar schon begonnen, der Winter sich aber noch nicht verabschiedet hatte. Das Schlafzimmer war nahezu komplett verdunkelt, Pytlik stellte sich vor, wie es draußen aussehen würde. Der März in der oberfränkischen Kreisstadt neigte sich dem Ende zu. Der späte Frost der letzten Tage hatte die Landschaft mit einem weißgrauen Schleier überzogen. Während der Nacht hatte die Kälte Wiesen und Wälder zart vereist und die Gedanken an die nächsten Stunden beschäftigten Pytlik bereits. Sieben Uhr! Der Kronacher Hauptkommissar war kein Langschläfer, auch nicht an den Wochenenden. Er wollte seine freien Tage nicht im Bett verbringen, schon gar nicht, wenn es gar keine freien Tage waren. Lydia, seine Lebensgefährtin, war aus München zu Besuch. Da sie darauf bestand, ihr samstägliches Jogging-Programm auch während des Aufenthaltes in Kronach zu absolvieren, hatte Pytlik ihr vorgeschlagen, dies mit seiner Arbeit zu verbinden. Er ermittelte seit Donnerstag in einem Mordfall in Steinbach am Wald. Der erfahrene Polizist war bereits zu der Erkenntnis gelangt, dass er diesmal wohl eine harte Nuss zu knacken haben würde. Zusammen mit seinen Kollegen der Kronacher Polizeiinspektion stocherte er bislang vergebens im Dunkeln. Lydia! Pytlik merkte erst jetzt, dass es nicht nur ruhig war. Nein, es war nahezu totenstill. Er hielt die Luft an und gleichzeitig tastete er mit seiner rechten Hand hinüber in die andere Betthälfte, die zu seinem Erstaunen leer war. Er überlegte. Dann stand er auf, ließ die elektrischen Rollos nach oben fahren und ging ins Badezimmer. Nach einer heißen Dusche begab sich der Ermittler ins Erdgeschoss. Bereits auf dem Weg hinunter kam ihm der Duft von frischem Kaffee entgegen. Das Licht aus dem Esszimmer bahnte sich schwach den Weg bis in den Flur.

„Guten Morgen, Herr Hauptkommissar!“

Guten Morgen, Herr Hauptkommissar! Pytlik wiederholte die Worte Lydias in Gedanken. Er hätte sich vor einem halben Jahr, als er die attraktive Blondine bei einem Kuraufenthalt kennenlernte, nicht vorstellen können, dass sich aus einer heißen Affäre möglicherweise eine ernste Geschichte entwickeln würde. Zu oft hatte er in den Jahren nach der Scheidung von Marlies Beziehungen zu Frauen abgebrochen - alleine nur seines Berufes wegen. War es diesmal etwas ganz Anderes? War diese Fernbeziehung vielleicht wie geschaffen für zwei Menschen, die am meisten in ihrer Arbeit aufgingen. Eine Zerreißprobe hatte es bisher noch nicht gegeben. Eine ernste Geschichte - war es das wirklich?

„Guten Morgen!“ Pytlik, noch etwas schläfrig, küsste Lydia auf die Wange und musste trotz seiner stattlichen Größe dafür nicht einmal sonderlich in die Knie gehen. Der Tisch war bereits gedeckt, Lydia schon in sportliches Outfit gekleidet. Pytlik warf einen kurzen Blick aus dem Küchenfenster und konnte sehen, dass auch bei den Nachbarn gegenüber schon reges Treiben herrschte. Er erinnerte sich. Ralf Merkel hatte seiner Frau ein Ski-Wochenende geschenkt. Der Architekt packte hektisch den letzten Koffer in sein Auto. Tatsächlich bot sich dem Hauptkommissar ein spätwinterliches Ambiente. Die Äste der Bäume und andere Pflanzen schienen sich ein letztes Mal den trocken funkelnden Eiskristallen beugen zu müssen. Die Stadt machte - wie immer am Wochenende und erst Recht zu dieser frühen Tageszeit - einen verschlafenen, ja leblosen Eindruck. Von der Bahnstrecke gegenüber seiner Doppelhaushälfte im Wohngebiet am Flügelbahnhof, drang das monotone Rauschen eines vorbeifahrenden Güterzuges an Pytliks Gehör.

„Wann wollen wir denn los?“, fragte Pytlik, obwohl er den Zeitplan genau kannte.

„Franz! Denk’ nach! Um halb neun. Wie besprochen.“

Als sich Pytlik an den Frühstückstisch setzte, merkte er, dass er die Hektik und den Stress der letzten Tage für die Stunden mit Lydia beiseite gelegt hatte. Das dachte er zumindest. Die Gegenwart war ihm näher, als er dies zu wünschen gewagt hätte.

***

Pytlik wies Lydia an, wie sie am schnellsten auf die B85 in Richtung Steinbach am Wald kommen würde. Nachdem sie die Rhodter Straße verlassen hatten und durch die Karl-Bröger-Straße gefahren waren, bat er sie, rechts auf die Bundesstraße 173 abzubiegen. Danach weiter bis zur Südbrücke und dann wieder rechts.

Wenn möglich, bitte wenden!

Andy war nicht einverstanden mit des Hauptkommissars Anweisungen, Lydias Kommentar folgte prompt.

„Also, was nun?“, fragte sie mit souveräner Stimme, den Blick nach vorne gerichtet. Meinte sie eigentlich Andy oder Pytlik?

„Ich kam zwar erst 1958 nach Kronach und ich kenne auch nicht jeden kleinen Winkel dieses Landkreises, aber du kannst mir vertrauen. Fahr’ jetzt bitte!“

„Schon gut!“

„Und überhaupt! Warum stellst du dein Navi nicht endlich wieder auf Frauenstimme um? Nervig, dieser Typ!“

„Reg’ dich ab!“ Lydia musste schmunzeln.

Pytliks Stimmung schien zu kippen. Er war bereits konzentriert ob der folgenden Stunden und wollte vor seinem Besuch im Waldhotel „Goldenes Reh“ in der verbleibenden Zeit noch einmal alles durchgehen. Deshalb mochte er nicht den Weg „hintenrum“ über Friesen, Gifting, Posseck und Teuschnitz nach Steinbach fahren, sondern bevorzugte die gute alte B85. Die ständigen Kurven und das Auf und Ab wären an diesem Samstagmorgen nicht gut für ihn gewesen.

„Entschuldige, die Geschichte macht mir im Moment nur etwas zu schaffen.“

Er wusste, dass dies kein gutes Wochenende war, um Lydia bei sich zu haben. Unterbewusst war da wieder dieses Gefühl. Er würde seine Arbeit immer über alles Andere stellen. Möglicherweise würde er schon eher, als es ihm lieb war, einen Kompromiss eingehen müssen.

Als Lydias Kombi die Kronacher Festwiese passiert hatte und sie begann, den Wagen zu beschleunigen, durchbrach sie die konzentrierte Stille.

„Erzähl’ schon! Oder darfst du nicht darüber reden?“

„Wie? Was? Ach so...“ Pytlik wurde aus seinen Gedanken gerissen und wusste Lydias Frage zunächst nicht zu deuten.

„Eine bildhübsche Frau, Anfang vierzig. Wurde am Donnerstagmorgen mit einem Genickschuss in ihrem Hotelzimmer gefunden. Ihren Papieren nach eine gebürtige Russin. Was sie genau gemacht hat und warum sie bereits seit mehreren Wochen in dem Hotel war, werden wir hoffentlich bald wissen. Ihr Leben - oder besser ihre Identität - scheint genau bis nach Dresden zu reichen. Hinweise auf die russische Abstammung, aber dann verliert sich die Spur auch schon.“

„Und am Tatort?“

Pytlik drehte schnell den Kopf zu Lydia, die dessen Verdutztheit mit einem schüchternen Lächeln entgegnete. „Was denn? Sei doch froh, wenn ich mich dafür interessiere? Das ist für mich ja auch irgendwie spannend, mal so hautnah dabei zu sein. Also, gibt es bereits Spuren?“

Pytlik klappte sein Notizbuch, das er vor sich auf den Beinen liegen hatte, zu und schaute aus dem Fenster. Er und seine Kollegen hatten tatsächlich schon einige Anhaltspunkte für die Ermittlungen gefunden.

„Sagen wir mal so. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass da etwas Größeres dahintersteckt.“

„Was meinst du?“

„Weiß nicht!“

„Aha!“

„Ein bekanntes und sehr gutes, abgelegenes Waldhotel zwischen Steinbach und Kleintettau, in dem eine offenbar alleinstehende russische Frau absteigt und relativ lange bleibt. Und ein Mord, der auf den ersten Blick nicht vermuten lässt, dass sich da jemand nur in der Zimmertür geirrt hat.“

„Was soll das heißen?“

„Na ja, formulieren wir es mal vorsichtig: Es lässt einiges darauf schließen, dass wir es hier mit einer Geschichte zu tun haben, die sich von unseren bisherigen Fällen deutlich unterscheidet.“

„Wie kommst du darauf?“

„Weiß nicht! Niemand hat etwas gesehen oder gehört und...“

Pytliks Handy klingelte. Lydia schaute neugierig.

„Guten Morgen, Doktor Weidner. - Aha, sind Sie sich sicher? - Sonst keine Verletzungen? - Keine Kampfspuren? - Sperma? Im Mund? Na, das ist doch schon mal was! Ich danke Ihnen. Schönen Tag noch.“

Pytlik drückte auf die Taste mit dem roten Telefonhörer. Seine Stimme klang mit einem Mal etwas optimistischer.

Die Informationen des Coburger Rechtsmediziners waren kurz und prägnant. Es hatte sich weitgehend bestätigt, was Pytlik vermutete. Die Tatsache, dass die Ermordete vor ihrem Tod noch Sex gehabt hatte, konnte immerhin zu einer Spur werden.

„Na wenigstens etwas“, zeigte sich der Hauptkommissar zufrieden. Lydia gegenüber wollte er nicht im Detail ausführen, was bei der Spurensicherung am Tatort festgestellt werden konnte. Das schien ihm dann doch zu weit zu gehen.

„Sie hat also mit ihrem Mörder gevögelt, ihm einen geblasen und danach hat er sie abgeknallt. Vielleicht war sie ja auch eine Prostituierte!“

Lydia brachte das eben Gehörte mit für sie ungewohnt derber Rhetorik auf den Punkt.

„Pass auf! Vorsicht!“

Pytlik wurde mit voller Wucht in den Sicherheitsgurt gepresst, das Rattern des Anti-Blockiersystems zeugte von Gefahr. Im letzten Moment hatte sich das kleine Kitz doch noch überlegt, die Straße zu überqueren und im Gehölz kurz hinter Rothenkirchen zu verschwinden.

„Ein goldenes Reh“, pustete Pytlik. „Das kann kein Zufall sein!“

„Huch! Das war aber...“

„Könntest du jetzt bitte einfach nur fahren!“ Pytlik hatte einen roten Kopf, der unter seinem stets gut gebräunten Gesicht mehr zu vermuten, als zu sehen war. War es nur der neue Fall? War es ihre Fragerei? War es ein versteckter innerer Druck, mit Lydia über die Zukunft reden zu müssen? War es die Frage danach, ob er nicht lieber wieder alleine sein wollte? Er wusste nur, dass eine Entschuldigung im Moment nichts bringen würde. Er hob sich das für später auf. Lydia fuhr weiter, nach zehn Minuten waren beide auf dem Parkplatz am Steinbacher Schützenhaus angekommen.

„Gut“, begann Lydia das Gespräch zuerst wieder, während sie sich, an ihren Audi gelehnt, mit ausgiebigen Dehnübungen warm machte. Sie redete mit spitzer Zunge.

„Ohne, dass ich dir jetzt wieder zu kriminalistisch erscheinen oder reinreden will, möchte ich dennoch wiederholen, wie der Vormittag nun geplant war. Nur, damit es nicht zu weiteren Angestrengtheiten kommt.“

Pytlik hatte ebenfalls damit begonnen, seine Muskulatur auf Betriebstemperatur zu bringen und nickte ihr mit zusammengepressten Lippen zu.

„Hier geht’s entlang?“ Lydia zeigte mit ausgestrecktem Arm zur Frankenwaldhochstraße, die an der Wasserscheide weiter in Richtung Kleintettau führte.

„Ja.“&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;

„Gut, dann irgendwo in den Wald abbiegen zum - wie hieß der gleich noch? - Ölschnitzer See?“

„Ölschnitzsee. Ja.“

„Gut, Ölschnitzsee. Wie viele Kilometer sind das ungefähr?“

Pytlik hatte keine Ahnung, zumindest keine genaue. Er hatte hier einmal eine Radtour mit seinem Kollegen Justus Büttner gemacht, der in Steinbach wohnte. Das war aber schon eine Weile her.

Er verfügte über einen guten Orientierungssinn und würde sicherlich die eine oder andere Schleife einbauen können, so dass Lydias Pensum erfüllt werden würde.

„Es ist jetzt“, Pytlik machte eine kurze Pause und blickte auf sein Handgelenk, „kurz nach neun. Ich denke, wir werden so zehn bis zwölf Kilometer hinbekommen. Sagen wir, so gegen halb elf müssten wir wieder hier sein. Das Freizeitzentrum befindet sich gegenüber.“

Er machte eine Geste und zeigte in die entgegengesetzte Richtung, wobei er wie ein Verkehrspolizist wirkte, der mitten auf einer Kreuzung den Verkehr regelte.

„Ich bin mit dem Hotelmanager um zwölf verabredet. Das heißt, eine gute Stunde schwimmen ist noch drin.“

„Vielleicht kann ich ja auch zwei Stunden schwimmen und du holst mich später ab. Ich will ja nicht stören.“

Die letzten Worte Lydias waren fast ungehört verhallt, da sie sich mit lockerem Trab bereits zum Radweg begab und dort, auf der Stelle tänzelnd, Pytlik mit herbeiwinkender Handbewegung aufforderte, sie nicht so lange in der Kälte stehen zu lassen.

***

Nach wenigen hundert Metern waren Pytlik und Lydia nach links in den Wald abgebogen. Die niedrigen Temperaturen forderten die Lungen bereits zur Höchstleistung und erst nach einigen Minuten hatte sich für die Beiden der Spaß am Laufen und der Wahrnehmung der aufgeräumten und jungfräulich wirkenden Natur eingestellt.

Pytlik versuchte, sich für den Lauf von den anderen Gedanken frei zu machen.

„Da, schau!“ Lydias ausgestreckter Zeigefinger schnellte nach vorne. Ein Fuchs hatte hastig den lange geradeaus verlaufenden Schotterweg passiert. Mit einem kurzen Blick nach links schien er die beiden Sportler zu grüßen.

„Natur pur“, schickte sie hinterher und ihr war anzumerken, dass sie sich von Pytliks störrischer Laune keineswegs hatte beeindrucken lassen. An der ersten Wegkreuzung deutete Pytlik nach rechts, danach querten sie die Straße, die nach Windheim führte und liefen dann eine ganze Weile parallel zur Frankenwaldhochstraße durch atemlose Stille, die nur vom Knistern der Schuhsohlen auf dem kalten Weg begleitet wurde.

Nachdem beide ohne bedeutenden Wortwechsel schon eine beachtliche Strecke zurückgelegt hatten und nach einer Art Kehrtwende bereits wieder auf dem Rückweg waren, schaute Pytlik auf seine Uhr.

„Zehn! Das könnte ganz gut hinkommen. Wenn ich mich nicht irre, müsste es da vorne bereits zum See runter gehen.“

„Wenn du dich nicht irrst? Und wenn du dich irrst?“ Lydia war nicht wirklich bang, sie war gut trainiert.

„Wenn ich mich irre? Dann rufe ich Cajo an. Sondereinsatz.“

Cajo Hermann war Pytliks rechte Hand und die Zuverlässigkeit in Person. Pytlik lachte Lydia leise an und legte mit ein paar schnellen Schritten einen Zwischenspurt ein, wobei er ähnlich einer Dampflok die kalte Luft angeberisch in den Himmel blies.

„Na, warte!“ Als Lydia den Hauptkommissar nach einigen Metern eingeholt hatte und beide wieder im Gleichschritt nebeneinander herliefen, war tatsächlich durch eine Baumgruppe der Windheimer Ölschnitzsee zu sehen.

„Da!“ Pytlik, leicht außer Atem, schob das Kinn nach vorne, um Lydia zu zeigen, was er gesehen hatte.

„Wow, ist ja ein Hammersee!“ Die Ironie in Lydias Stimme war nicht zu überhören, Pytlik nahm die Rolle des geforderten Verteidigers aber erst gar nicht an.

„Ich schlage vor, wir laufen rechts bis vor zum Seehaus, dann links auf die Überlaufbrücke und danach hoch in den Wald. Eine Viertelstunde noch, dann sind wir am Auto. Da kannst du noch mal zeigen, was du drauf hast.“

„Das schwör’ ich dir aber“, gab Lydia selbstbewusst zurück und ließ Pytlik mit einem leichten Rempler fast aus dem Gleichgewicht geraten, was dieser mit einem jugendlichen „Ich krieg dich!“ quittierte und ihr hinterher rannte. Die Wogen schienen geglättet.

Der Ölschnitzsee - bei den Einheimischen schlicht der Freizeitsee genannt - war nach seinem Bau Mitte der 1980er Jahre zu einem beliebten Ausflugsziel über die Gemeindegrenzen hinaus geworden. Klein, aber fein, taugte er nicht nur an heißen Sommertagen für eine willkommene Abkühlung, sondern bot Ausflüglern aus Nah und Fern zu jeder Jahreszeit eine gute Gelegenheit, die Natur zu genießen.

Pytlik war einige Male mit Justus Büttner auf ein Feierabendbier hier gewesen und hatte mit seinem langjährigen Gefährten und Leiter der Schutzpolizei alte Zeiten Revue passieren lassen. An diesem Samstagvormittag zeigte sich dem Ermittler und seiner Begleitung ein atemberaubendes Bild. Der Frost hatte eine hauchzarte Eisschicht auf die Wasseroberfläche gezaubert und der Blick vom hinteren Ende des Sees vor zum Überlauf schien fast ein wenig irreal - kitschig vielleicht! Keiner von beiden wollte die Szenerie kommentieren, aber jeder spürte für sich den ganz besonderen Moment und genoss ihn. Zwei Minuten später waren die beiden selbst Teil des Bildes. Als sie gerade auf der Überlaufbrücke waren, stoppte Pytlik plötzlich.

„Mist! Warte! Ich hab’ einen Stein im Schuh.“

Lydia brach langsam ab, tippelte allerdings auf der Stelle weiter und wandte sich zurück.

„Komm schon, Franz! Du brauchst doch nur noch mal eine kurze Verschnaufpause vor dem letzten Anstieg. Gib es zu!“

Pytlik brauchte keine Verschnaufpause, allerdings wusste er in diesem Moment noch nicht, dass er bereits wenige Augenblicke später kreidebleich und sprachlos nach Halt suchen würde.

„Beeil’ dich! Ich lauf’ schon mal weiter, sonst friere ich hier fest.“

Kaum hatte Lydia die letzte Silbe gesprochen, begann vor des Hauptkommissars Augen ein nur wenige Sekunden dauernder Film, den er sein Leben lang nicht vergessen sollte. Ohne, dass er die Gefahr schon bewusst ahnte, nahm er die beiden Lichter des Fahrzeugs wahr, das sich, von der Frankenwaldhochstraße herunter kommend, der Brücke näherte. Im gleichen Moment - Lydia war gerade wieder losgelaufen - geschah das Unfassbare.

„Aaaaaaaaaah!“

Das ploppende Geräusch kam direkt von unterhalb der Überlaufmauer und übertönte das filigrane Knacken des millimeterdünnen Eises. Lydia, die sich genau auf Höhe des Ereignisses befand, reagierte gleich einem scheuenden Pferd vor einem plötzlich auftauchenden Hindernis. Mit einem schreckhaften Schritt zur Seite trat sie nach dem lauten Schrei auf eine tellergroße, zugefrorene Pfütze, rutschte aus, verlor das Gleichgewicht und war innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde zum Spielball der Schwerkraft geworden. Pytlik, gute zehn Meter von ihr entfernt, hatte aufgehört zu atmen. Er wusste nicht, wohin er sich zuerst wenden sollte. Mit dem halben Oberkörper, den Kopf zur Straßenmitte gestreckt, lag Lydia nach ihrem Sturz auf der Fahrbahn und schien nach dem harten Aufschlag benommen zu sein. Pytlik war unfähig, etwas zu tun.

Von den großen Scheinwerfern des Kleinbusses geblendet, riss er den rechten Unterarm vor seine Augen.

„Lydiaaa! Neiiiin!“

***

Dem Quietschen der Reifen folgte eine unheimliche Stille. Ohne zu wissen, warum, schaute Pytlik zunächst nach rechts, dem Kleinbus hinterher, der nach einer Schlingerfahrt und anschließender Vollbremsung leicht quer versetzt über die beiden Fahrspuren stand. Pytlik nahm die Bremslichter, den ruhig aufsteigenden Rauch aus dem Auspuff und die vereiste Heckscheibe wie eine stille Bedrohung wahr. Seine eigene Angst bemerkte er nicht. Nach wenigen Augenblicken fuhr das Fahrzeug weiter, ohne dass sich der Fahrer oder sonst jemand gezeigt hatte. Pytlik war es nicht einmal wichtig, sich das Kennzeichen zu merken - wieso auch?

Lydia! Blitzschnell drehte er sich um. Seine Lebensgefährtin saß bereits wieder aufrecht auf dem Schotterweg, hielt sich aber mit beiden Händen den Kopf und jammerte schmerzvoll. Der Kleinbus war ihr im letzten Moment ausgewichen.

„Lydia! Wie geht es dir? Zeig mal! Schön langsam!“

Pytlik nahm Lydia in den linken Arm und untersuchte gleichzeitig mit seiner rechten Hand ihren Kopf und das Gesicht auf äußere Verletzungen. Sie schien bis auf Kopfschmerzen weitgehend unversehrt zu sein, allerdings hatte sie die Todesangst wohl ziemlich mitgenommen. Sie wimmerte leise vor sich hin und noch bevor Pytlik wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, stammelte sie mit ängstlicher Stimme und mit einer Geste hin zum Wasser, ohne den Blick zu heben: „Was war das? Was ist das?“

Pytlik war nun hellwach. Seit dem Moment, in dem er das Geräusch gehört hatte, war sein kriminalistischer Spürsinn aktiviert. Es gab nur eine Möglichkeit. Das idyllische Bild des mit einem leichten Eisüberzug bedeckten Ölschnitzsees hatte vor wenigen Augenblicken tatsächlich einen Riss bekommen. Ein schwarzer Plastiksack trieb ruhig an der Oberfläche.

***

Pytlik fasste in die kleine Gesäßtasche seiner Laufhose und rief zunächst Justus Büttner an, in der Hoffnung, dieser wäre zuhause und könnte am schnellsten vor Ort sein. Gleichzeitig würde er zwei oder drei Streifenwagenbesatzungen zum Freizeitsee beordern. Danach informierte er Cajo Hermann, den er beim Frühstücken in Kronach störte, ihm die Dringlichkeit der Situation aber unmissverständlich deutlich machte. Hermann wies er zudem an, alle erforderlichen Maßnahmen für die Bergung einer Wasserleiche in die Wege zu leiten. Die Staatsanwältin Strehmel zu informieren, übernahm Pytlik persönlich.

„Ja, äh, Pytlik, Kripo Kronach. Guten Morgen, Frau Staatsanwältin.“

Pytlik hatte sich in der Zwischenzeit zunächst noch um Lydia gekümmert, die sich nur schwerlich von den Geschehnissen zu erholen schien. Außerdem hatte er den Plastiksack in Augenschein genommen und mit erfahrenem Blick gemutmaßt, dass es sich beim Inhalt nur um menschliche Überreste handeln konnte.

„Ja, ich weiß, wie spät es ist, Frau Strehmel. - Nein, das ist es ja. Eigentlich war ich gerade auf dem Weg zum Waldhotel, einige Fragen klären wegen der ermordeten Frau. Wie wir das besprochen hatten. - Um es kurz zu machen: Kennen Sie den Ölschnitzsee in Windheim? - Ja, genau den. - Ich war hier joggen. Es gibt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine weitere Leiche. Sie müssen kommen. - Doch, das ist mein Ernst!“

Pytlik war mittlerweile nicht mehr der Jogger am Samstag, er war seit Minuten der Hauptkommissar aus Kronach, der es nun womöglich mit zwei Leichen zu tun hatte. Daran, was in den nächsten Stunden und Tagen los sein würde, mochte er noch gar nicht denken. Er hoffte nur, dass Büttner genügend Decken und etwas Warmes zu trinken für Lydia und ihn mitbringen würde. Wenn nicht bald die Zufahrtswege abgesperrt würden, könnte es zu einem Auflauf neugieriger Menschen kommen. Der schwarze Plastiksack lag ungefähr drei oder vier Meter weit vom Brückengeländer des Sees entfernt ruhig im Wasser.

***

Justus Büttner reichte Pytlik alle mitgebrachten Decken, nachdem er sich zunächst bei Lydia vorgestellt und sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte. Pytlik wollte sein Privatleben eigentlich so gut es ging von seinen Arbeitskollegen fernhalten. Die aktuelle Situation war nicht dazu angetan. Nachdem Lydia warm eingepackt und mit heißem Tee versorgt war, setzte sie sich in Büttners Auto, um sich dort weiter aufzuwärmen und auf die Streifenwagenbesatzung zu warten, die sie zu Pytlik nach Hause bringen würde.

„Hurnsaggramend, Franz! Dess gibbds doch nedd! Jetzt ach nuch a Wasserleich - wenns ana is! Woss issn genau bassierd?“

Pytlik erzählte Justus Büttner in Kurzform die wichtigsten Details. Die vom Schweiß nassen Klamotten hatte er ausgezogen. Mit einem übergroßen T-Shirt, einem XXL-Pullover und einer Jacke Büttners, die dieser mitgebracht hatte, sah der durchtrainierte Hüne ein bisschen komisch aus. Sein Kollege war eben eher der gemütlich-unsportliche Typ.

„Und? Woss dengsda? Dess konn duch ka Zufoll sei! Also, ich mahn, stell dir moll vor: Vorgestern werrd die Russa im Hodell erschossn, heud wumöchlich nuch a Leich, an Staawurf weid entfernd. Dess is ka Zufoll, glaab mer dess!“

Hätte man Franz Pytlik jemals gefragt, welche Person er gleichermaßen wertschätzte und verteufelte - Justus Büttner wäre die richtige Antwort gewesen. Der bärige Blasmusiker, wie Pytlik Jahrgang 1950, war langjähriger Weggefährte des Hauptkommissars. Seine manchmal träge wirkende, stets jedoch scharfsinnige Art und Weise, war nicht jedermanns Ding. Pytlik, der kein gebürtiger Kronacher, ja nicht einmal Franke oder Bayer war, sondern die ersten acht Jahre seines Lebens in Berlin verbracht hatte, fand sich immer noch in Situationen wieder, in denen er Büttners gesprochenes Wort nur erahnen konnte. Diesmal blieben hinsichtlich des puren Verständnisses kaum Zweifel, was der Polizeihauptmeister gesagt hatte. Und inhaltlich - da war sich Pytlik sicher - mochte sein Kollege wohl auch Recht haben.

„Im Moment denke ich gar nichts. Lass uns das hier erst mal sauber abwickeln! Wenn die Spurensicherung da ist und ich mit der Strehmel gesprochen habe, fahr’ ich nach Hause. Duschen, umziehen, schauen, was mit Lydia ist und dann müssen wir uns zusammensetzen. Das gibt einen Riesenaufschrei. Vielleicht können wir uns bis Montag einen Vorsprung herausholen.“

„Du maanst, dass mir dess bis Modich vor der Bresse verheimlichn könna?“

„Müssen wir! Wir machen die Straße von Windheim und von oben her dicht, bis hier alles abgeschlossen ist.“

„Und woss is mit Wanderer?“

„Lass dir was einfallen!“

Mit einem Blick auf den schwarzen Plastiksack im Wasser ging Pytlik zu Büttners Auto.

***

Es war fast halb eins. Mittlerweile herrschte am Ölschnitzsee reges Treiben. Pytliks Assistent, Cajo Hermann, war ebenso vor Ort, wie mehrere Kollegen der Schutzpolizei und die Staatsanwältin aus Mitwitz. Der Freizeitsee spiegelte das Blaulicht der anwesenden Einsatzfahrzeuge flackernd wider. Pytlik lief mit Lisa Strehmel, Hermann und Büttner zur Uferstelle, an die zwei Beamte den Plastiksack mit Holzstöcken hingezogen hatten. Die beiden grüßten die Herankommenden kurz und schauten dann neugierig zu Büttner. Der wiederum schien Pytlik ein Zeichen geben zu wollen.

„Na gut, wer weiß, wann die von der Spurensicherung kommen.“

Der Hauptkommissar zog sich die Plastikhandschuhe über, die er bereits griffbereit hatte und ging vorsichtig die fünf Meter am steilen Hang hinunter zum Rand des Sees.

„Seien Sie vorsichtig, Pytlik!“

Lisa Strehmels gutgemeinte Warnung schmeichelte ihm. Er mochte die gutaussehende Juristin. Sie war stets sehr kooperativ und auch, wenn es einmal Meinungsverschiedenheiten gab, fanden die beiden starken Charaktere meist eine Lösung. Als er in die Hocke ging, um den mit Algen und Schlamm bedeckten Sack zu begutachten, stutzte er zunächst, dann fiel es ihm ein. Es schien kein herkömmlicher Plastiksack zu sein, vielmehr handelte es sich um eine Leichenhülle, die man nicht an jedem Kiosk bekommen konnte. Die, die Pytlik in seiner langen Dienstzeit schon gesehen hatte, sahen ähnlich aus.

Der Sack war von den Verwesungsgasen aufgebläht. Es handelte sich um eine luftdichte Hülle, wie sie häufig bei Gefahr von Infektionskrankheiten in Erdbeben- oder Seuchengebieten verwendet wurden. Die Außennähte waren verschweißt. An den vier Tragelaschen hingen Seile, die an der Unterseite zusammenliefen und anscheinend am Grund des Sees befestigt waren. Die Taucher würden das überprüfen.

Pytlik war komisch zumute. Auch wenn er schon einige Leichen gefunden oder in der Rechtsmedizin auf dem Seziertisch hatte liegen sehen - was würde ihn jetzt erwarten? Die klare Luft würde schon sehr bald mit faulig-süßen Dämpfen angereichert sein, die beiden Schutzpolizisten traten vornehm ein paar Schritte zurück. Der Reißverschluss war völlig unbrauchbar, Pytlik nahm das Messer, das ihm Büttner mitgegeben hatte, zur Hand und setzte den ersten Stich in die schwarze Hülle, während er gleichzeitig versuchte, seine Nase so gut wie möglich vor dem ausströmenden Gestank zu schützen.

„Boah! Heiliger! Aaaah!“