Böser, böser Wolf - Carlo Fehn - E-Book

Böser, böser Wolf E-Book

Carlo Fehn

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Beschreibung

Eine Frau aus Mitwitz meldet ihren Mann am Montagmorgen in der Dienststelle am Kaulanger als vermisst. Hauptkommissar Franz Pytlik und sein Assistent Cajo Hermann müssen feststellen, dass die Vermutung sich als richtig erweist – schneller und brutaler, als es ihnen lieb ist. In einer Scheune zwischen Neundorf und Bächlein finden sie noch am selben Vormittag die Leiche von Jakob Hoderlein, der auf bestialische Art und Weise umgebracht wurde. Während die beiden Ermittler versuchen, die Symbolik des Mordes zu ergründen, schlägt der Täter bereits ein zweites Mal zu. Für die Kronacher Polizisten beginnt nun ein Wettlauf gegen die Zeit, da es Hinweise darauf gibt, dass es sich um einen Rachefeldzug handelt, der möglicherweise noch nicht beendet ist.

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Carlo Fehn

Böser, böser Wolf

 

Eine Frau aus Mitwitz meldet ihren Mann am Montagmorgen in der Dienststelle am Kaulanger als vermisst. Hauptkommissar Franz Pytlik und sein Assistent Cajo Hermann müssen feststellen, dass die Vermutung sich als richtig erweist – schneller und brutaler, als es ihnen lieb ist.

In einer Scheune zwischen Neundorf und Bächlein finden sie noch am selben Vormittag die Leiche von Jakob Hoderlein, der auf bestialische Art und Weise umgebracht wurde. Während die beiden Ermittler versuchen, die Symbolik des Mordes zu ergründen, schlägt der Täter bereits ein zweites Mal zu.

Für die Kronacher Polizisten beginnt nun ein Wettlauf gegen die Zeit, da es Hinweise darauf gibt, dass es sich um einen Rachefeldzug handelt, der möglicherweise noch nicht beendet ist.

 

Böser, böser Wolf - Hauptkommissar Pytliks zehnter Fall

Carlo Fehn

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2017 Verlag Carlo Fehn

ISBN 978-3-7450-6266-3

 

Montag, 21. September 2009

 

»Darf ich mal bitte?«

Pytlik hatte eine junge Dame mit seinen Händen sanft an deren Schultern gefasst und sich an ihr vorbei durch die schmale Eingangstür des Backhauses den Weg in den Verkaufsraum gebahnt. Dort war eigentlich noch reichlich Platz, doch hinter einem älteren Mann, der in der Mitte der circa vier Meter breiten Auslage von einer der Verkäuferinnen bedient wurde, hatten sich die anderen Kunden wie Perlen an einer Kette bis hinaus auf den Bürgersteig angereiht.

Dem Kronacher Hauptkommissar war natürlich bewusst, dass er sich der argwöhnischen und prüfenden Blicke der anderen Anwesenden sicher sein konnte. Auf mögliche Kommentare zu seinem vermeintlichen Vordrängeln war er gefasst. Da stand er nun, ganz alleine. Wie ein Pilz im Wald, dem es an Artgenossen fehlte. Pytlik tat so, als wäre alles ganz normal. Interessiert schaute er in die Glasvitrine, wo er auch schon freudig feststellen konnte, dass seine geliebten Puddingbrezeln nur darauf warteten, von ihm gegessen zu werden.

Einen Kunden nach dem anderen fertigten die fleißigen Damen hinter der Theke routiniert ab. Pytlik hatte sich genau gemerkt, wer draußen als Letzter in der Schlange gestanden hatte, als er das Backhaus betrat. Er konnte es einfach nicht verstehen. War dies so etwas, das man als »typisch deutsch« bezeichnete? Dieses immer korrekte Verhalten, bloß nicht aus dem Rahmen fallen und sich nur nicht abseits von Konventionen, Regeln und Vorschriften bewegen. Auf den Parkplätzen, dachte er sich, stellen sich doch auch alle hin, wie sie wollen. Halten die Markierungen, in die ein Auto bequem hineinpasst wohl für monotone Kunst eines umtriebigen Malermeisters mit einer Vorliebe für die Farbe Weiß. Nein, nur hier muss man sich natürlich in einer Schlange anstellen, die bestenfalls noch draußen bis auf die Straße geht und dort den Verkehr blockiert. Er hätte nicht wissen wollen, was passiert wäre, hätte es draußen einen plötzlichen Regenguss gegeben.

Er unterbrach seine Gedanken, denn der Mann mit dem auffällig grünen Hemd, nach dem Pytlik nun also an der Reihe sein würde, gab just in diesem Moment seine Bestellung auf. Eine der jungen Verkäuferinnen, die mit dem Abkassieren gerade fertig war, wandte sich dann Pytlik zu.

»Guten Morgen, Herr Hauptkommissar!«, begrüßte sie ihn freundlich.

Pytlik nickte nur kurz in einer irritierten und abwesend wirkenden Weise, weil er sich wie in einem schlechten Traum fühlte und nicht verstehen konnte, was soeben passiert war. Er schaute mehr als ungläubig auf die große Papiertüte, die eine Kollegin der jungen Frau vor sich geöffnet hatte, um tatsächlich alle sechs noch verbliebenen Puddingbrezeln aus der Auslage herauszunehmen, sie einzupacken und dem Herrn zu reichen, der vor Pytlik an der Reihe war.

»Meina Arbeidskolleeng essen die su gähn. Und wenn ich scho amoll Geburdsdouch hou, solln sa a nijer läib wie arma Säu. A Gschenk griech ich ja a widder.«

Sein – nach Pytliks Meinung – grausames Lachen, das er seiner Erklärung für den Großeinkauf hinterherschob, konnte die Starre, in die der Ermittler verfallen war, auch nicht lösen. Die junge Angestellte hatte das Dilemma ebenfalls bemerkt; alle im Backhaus wussten um die Vorliebe des Hauptkommissars für das Gebäck. Zunächst schaute sie kurz verlegen, dann versuchte sie zu helfen.

»Heute haben wir leider nicht so viele bekommen. Darf es vielleicht auch was Anderes sein? Butterhörnla? Sträubla?«

Pytliks Schläfen pochten, er spürte, wie die Temperatur seines Blutes anstieg. Aber die Gute konnte ja nichts dafür. Der Mann, der ihm seine geliebten Puddingbrezeln buchstäblich vor der Nase weggeschnappt hatte, ja eigentlich auch nicht. Vielleicht war es nur die Strafe für sein ungebührliches Verhalten, verurteilte er sich innerlich selbst. Eine Entscheidung war nun gefragt, er wollte ja nicht als Gelackmeierter vor den anderen Kunden dastehen.

»Kein Problem! Dann hätte ich gerne zwei Butterhörnla.«

Pytlik würde sie seiner Sekretärin schenken, von der er wusste, dass sie die gerne aß. Nachdem er bezahlt hatte, verließ er das Backhaus. In ihm brodelte es. Montage waren für ihn generell schwierige Tage – und dann noch das!

»Scheiße!« zischte er leise, als er die Einkaufstüte in der Satteltasche seines Fahrrades verstaute, das er anschließend über die Straße hinüber zur Metzgerei schob. Dann eben nicht süß, dann eben deftig, dachte er und freute sich nun auf zwei frische, dampfend heiße Leberkässemmeln. Sein Ärger war schon wieder verflogen; erst recht, als er die beiden in Alufolie verpackten Pakete in einer Papiertüte gereicht bekam und zahlte. Nach dem Verlassen der Metzgerei hörte er plötzlich eine vertraute Stimme.

»Franz?«

Pytlik war überrascht. Eine ehemalige Schulkollegin, die er schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte, schien wieder einmal nach Kronach gekommen zu sein.

»Marianne!«

Der Hauptkommissar hatte die Brünette gleich wiedererkannt. Sie war nicht unbedingt eine gewesen, auf die er während der Schulzeit gestanden hatte, aber sie war nett und alle paar Jahre wieder lief man sich über den Weg und erkundigte sich freundlich, wie es dem Anderen so ergangen war und nun ging.

»Auch mal wieder im Land?«, eröffnete Pytlik den Smalltalk. Marianne erwiderte mit einem breiten Lächeln und schien ihr Glück über diese unerwartete Begegnung kaum fassen zu können. Schnell kam Pytlik wieder in Erinnerung, dass sie keine war, die auf den Mund gefallen war und solche Gelegenheiten immer gerne nutzte, um allumfassend informiert zu werden. So sollte es auch diesmal sein, und der Polizist hatte vergeblich versucht, sich aus der Konversationsschlinge, die er immer enger an seinem Hals spürte, zu befreien. Dann zog er in einem passenden Moment die Notbremse, als Marianne gerade eine auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbeiradelnde Bekannte überschwänglich winkend grüßte.

»Du, sei mir nicht böse, aber ich muss dann mal! Wir haben gerade so eine schwierige Ermittlung laufen und ich müsste eigentlich schon längst im Büro…«

Marianne nahm sofort eine Hand vor den Mund und drückte ihr Bedauern darüber aus, dass sie Pytlik so lange aufgehalten hatte. Er hätte doch etwas sagen sollen und sie hoffe, dass ihn jetzt bloß keine Unannehmlichkeiten erwarten.

»Nein, alles gut, Marianne! War schön, dich wieder mal zu sehen. Mach es gut und sag schöne Grüße zuhause!«

Sie umarmten sich kurz, und Pytlik setzte sich auf sein Fahrrad und fuhr los. Die beiden Leberkässemmeln hatte er vorher noch in die Satteltasche zu den Butterhörnchen gepackt. Am liebsten hätte er sie aber gleich in die Kronach geworfen, als er den Herrenmühlsteg überquerte. Tatsächlich hatte er in der Metzgerei den ganz frischen Leberkäs bekommen; sogar den Anschnitt hatte er bereitwillig akzeptiert – kurz nach acht. Und nun war es fast schon halb neun. Er wusste: Dieser Montag war im Eimer! Keine Puddingbrezel, dazu lauwarmer, wahrscheinlich sogar kalter Leberkäs! Was konnte diesen Tag noch retten?

 

***

 

In der Dienststelle angekommen, ging der Hauptkommissar auf geradem Weg in sein Büro. Cajo Hermann, sein Assistent, saß bereits am Schreibtisch und schaute angespannt auf das Display seines Handys. Pytlik hatte zunächst nicht bemerkt, dass Hermann sein störrisches »Morgen!« nicht erwidert hatte. Erst nachdem er seine beiden Tüten lieblos neben die Tastatur seines PCs hatte fallen lassen, erinnerte er sich. Er neigte seinen Oberkörper leicht nach unten und streckte seinen Hals nach vorne, als würde er in eine geheimnisvolle Kiste schauen wollen, die nur einen Spalt weit geöffnet war. Tatsächlich fixierte er mit seinem Blick aber Hermann und winkte gleichzeitig mit der rechten Hand auffällig seinem Gegenüber zu, der immer noch abwesend wirkte.

»Hallo! Jemand zuhause? Cajo?«

Hermann kaute auf einem Fingernagel herum und machte nicht den Eindruck, mit Pytlik reden zu wollen. Dem wurde es nun zu bunt. Unvermittelt drosch er mit der flachen Hand auf seinen Schreibtisch, dass die Verpackung mit den beiden Leberkässemmeln über die Kante hinweg auf den Boden fiel. Hermann schubste sich vor Schreck mit den Füßen ab, und sein Stuhl rollte nach hinten gegen die Wand. Das Handy glitt ihm derweil aus den Fingern.

»Ja, Sakrament!«, schrie Pytlik mit hochrotem Kopf.

»Sind denn heute alle bescheuert?«

Nach einer kurzen Pause, in der Hermann immer noch nicht fähig war, etwas zu sagen, fuhr der Hauptkommissar gemäßigten Tones fort.

»Hast du über Nacht deine gute Erziehung verloren? Ich sagte: ›Morgen!‹«

Kurz war es nun komplett still. Dann rollte Hermann zunächst seinen Stuhl wieder an den Tisch und hob dabei seinHandy auf, das er sogleich ablegte. Danach raunzte er leise.

»Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen? Guten Morgen, Herr Lieblingshauptkommissar. Ich hoffe, Sie hatten ein tolles Wochenende!«

Wieder war es still, doch nach wenigen Augenblicken öffnete sich die Tür und Adelgunde Reif kam hereingestürmt. Sie musste den Lärm gehört haben.

»Guten Morgen, die Herren! Was ist denn hier los? Was brüllt ihr denn so?«

»Er brüllt!«, zeigte Hermann mit dem Finger auf Pytlik.

»Frag ihn doch!«, gab er weiterhin den Beleidigten.

Pytlik schwieg und reichte seiner Sekretärin stattdessen das Mitbringsel aus der Bäckerei.

»Für mich?«, staunte sie. Auch Hermann war verwirrt.

»Du magst die doch, oder?«

Pytlik hatte sich mittlerweile gesetzt und gab seine Anmeldedaten für den Computer ein, ohne dabei ein besonderes Mienenspiel zu veranstalten. Gundi Reif spitzte in die Tüte und lächelte zufrieden.

»Du bist ein Schatz!«

Hermann wiederholte das Lob mit fratzenhafter Mimik und flüsternd, was ihm einen abschätzigen Blick der Sekretärin einbrachte.

»Auch du hast die Chance, mir mal eine Freude zu machen, Herr Hermann! Aber dir fehlt es halt an der richtigen Benimmschule. Kein Wunder, dass deine Bernadette mit einem Anderen in Urlaub gefahren ist.«

Adelgunde Reif war sich schneller als es ihr lieb gewesen wäre der Tragweite ihres unbedachten Kommentars bewusst. Auf der Ferse machte sie kehrt und war auch schon wieder weg, noch bevor Pytliks Assistent etwas hatte sagen können. Der Hauptkommissar hatte nun verstanden, woher der Wind wehte, und er wollte sich jetzt Mühe geben, den väterlichen Versteher zu spielen. Nach einigen Momenten des Überlegens war er der Meinung, den richtigen Ton gefunden zu haben.

»Ist es das, was dich beschäftigt? Das, was Gundi gerade angesprochen hat?«

»Ach!«

Hermann war unendlich genervt. Pytlik wusste, dass es ihm nicht passte und ihn sehr beschäftigte, dass seine Freundin mit einem guten Kumpel von früher eine Art Abenteuerurlaub in Finnland machte.

Er fragte offensiv nach und um dem Ganzen eine gewisse Art von Belanglosigkeit zu geben, beugte er sich hinunter und hob die beiden Leberkässemmeln vom Boden auf.

»Ich weiß, du willst das nicht hören! Aber ist das normal? Ich meine, ihr Jungen wollt ja immer so megamodern und tolerant sein, weil ihr glaubt, das gibt euch eine besondere Note. Entweder bist du dann altmodisch oder ihr passt einfach nicht zusammen!«

Pytlik begann, etwas auf der Tastatur zu tippen; er wollte Hermann Zeit geben, um über seine Worte nachzudenken. Der wiederum wischte über sein Handy und ließ es dann auf den Tisch fallen.

»Wo sind sie noch mal? In Finnland?«, hakte der Hauptkommissar nach.

»Jälläläppäppä! Keine Ahnung! Da sind sie zumindest hingeflogen. Von da aus drei Wochen mit einem Wohnmobil durch die Wildnis. Ich meine…«

Pytlik wusste, was er meinte. Er sah Hermann die Verzweiflung an, die an ihm nagte. Die nächste Frage stellte er bewusst vorsichtig

»Sag mal, bis zum Abflug war aber alles in Ordnung bei euch?«

Hermann schaute stirnrunzelnd hinüber.

»Ja!«

Ruhe, einige lange Momente.

»Nein, verdammt noch mal! Nichts ist in Ordnung!«, brach es aus Hermann heraus.

»Die kann natürlich leicht behaupten: ›Gestern Abend kein Netz mehr gehabt!‹. Weiß ich’s?«

»Willst du es denn wissen? Machen kannst du eh nichts. Finnland, Jällä…Dingbummskirchen ist so weit weg. Was ist das denn für ein Kumpel?«

Hermann blaffte und tat so, als könne ihm der Begleiter seiner Freundin wohl kaum das Wasser reichen.

»Irgend so eine Wurst. Die kennen sich aus Kindertagen. Tingelt schon Jahre durch die Welt und hat nun halt die Bernadette mit dieser tollen Idee um den Finger gewickelt. Die war natürlich ein dankbares Opfer mit einem Freund, der ja so gar nicht auf Campen und wilde Tiere steht. Ich könnte kotzen, aber so was von! Kacke!«

Pytlik konnte sich eins zu eins in seinen Assistenten hineinversetzen, helfen konnte er ihm allerdings nicht. Das Beste wäre in der aktuellen Situation wohl ein neuer Fall, dachte er. Zunächst hatte er selbst aber noch ein anderes Problem, und als er daran denken musste, kniff er unbewusst die Augenbrauen zusammen. Hermann sah das.

»Und du? Was ist dir denn heute schon Tolles passiert? Kommst hier mit einer Scheißlaune rein…«

Pytlik schaute kurz aus dem Fenster. Es war ein trüber letzter Sommertag, der den Blick auf den Kaulangerparkplatz nicht attraktiver machte.

»Ach, eigentlich ein vergleichsweise geringes Problem. Zwei! Ich habe zwei Probleme! Aber eins davon löse ich jetzt gleich.«

Er nahm den Hörer seines Telefons in die Hand und drückte eine Taste. Nach kurzem Warten wünschte er einen guten Morgen und gab dann einen emotionslosen Befehl.

»Komm mal rüber! Hab was für dich!«

Wenige Augenblicke später stand Justus Büttner, ein Baum von einem Mann und Leiter der Schutzpolizei, bei Pytlik und Hermann im Büro.

»Morng! Woss issn?«

Der Hauptkommissar kam gleich zur Sache.

»Heute schon was gefrühstückt?«

Büttner konnte sich keinen Reim machen, antwortete jedoch pflichtbewusst.

»Drei Haddwurschdsemmeln mit Gurgn! Warum?«

Pytlik war sich sicher, dass drei belegte Brötchen mit Salami bei einem Mann von Büttners Statur noch Platz ließen. Was sollte er sonst mit zwei kalten Leberkässemmeln machen? Er reichte seinem Kollegen die beiden Aluminiumknäuel.

»Leberkäs! Schenk ich dir zur Feier des Tages! Keine weiteren Fragen! Okay?«

Büttner schaute Pytlik an, dann hinüber zu Hermann, der nur gelangweilt die Achseln hob und sagen wollte, er wisse von nichts.

»Neuja, wennda maanst! Dankschö, Franz! Wassd ja: am gschengdn Gaul…!«

»Schon gut!«, erwiderte Pytlik freundlich und machte eine kurze Handbewegung, worauf Büttner das Zimmer wieder verließ.

»Verstehe!«, meldete sich Hermann unverhofft zu Wort.

»Dein zweites Problem heißt Hunger? Ich könnte auch was vertragen. Lass uns gehen!«

 

***

 

Pytlik und Hermann hatten sich bei Adelgunde Reif abgemeldet mit dem Hinweis darauf, dass sie wegen der Überprüfung einer Zeugenaussage für eine gute Stunde in der Stadt unterwegs wären. Gegen zehn Uhr waren sie zurück in der Dienststelle und betraten ihr Büro. Das gemeinsame Frühstück in einem Café schien die emotionalen Wogen vor allem bei Pytliks Assistenten etwas geglättet zu haben. Auch der Hauptkommissar selbst hatte den Fehlstart in die Woche bei einer Tasse Kaffee sowie Leberkäs- und Puddingbrezelersatz mittlerweile vergessen.

»Und nochmal, Cajo: Reisende soll man nicht aufhalten! Es kommt eh so, wie es kommen soll. Und ich bin fest davon überzeugt, dass sich schon schnell nach Bernadettes Rückkehr herausstellen wird, ob ihr beiden eine gemeinsame Zukunft habt. Und bis dahin denk nicht zu viel darüber nach und hau dich lieber in die Arbeit rein!«

Hermann hatte gerade seine Jacke auf den Haken gehängt und sich in seinen Schreibtischstuhl fallen lassen. Mit einem zustimmenden und selbstbewussten Nicken schien er die Gedanken an seine fremdcampende Freundin für den Augenblick beiseitegelegt zu haben.

»Wahrscheinlich hast du recht! Was bringt es schon, wenn ich alle halbe Stunde eine SMS schreibe und frage, was sie gerade macht? Vielleicht ist es wirklich besser, ich zeige ihr einfach die kalte Schulter.«

Die Tür ging auf, und Adelgunde Reif kam mit einem kleinen Notizzettel in der Hand herein. Sie ging direkt zu Pytlik und legte ihm das Blatt Papier auf den Schreibtisch.

»Der Schneider hat von unten angerufen. Die Frau behauptet, ihr Mann sei verschwunden. Der Schneider ist gerade allein und heute klingelt ständig das Telefon. Er fragt deswegen, ob er die Frau zu euch hochschicken kann. Sie kommt ihm irgendwie etwas komisch vor.«

Pytlik las den Namen laut vor, damit auch Hermann es hören konnte.

»Reinhilde Hoderlein! Aha!«

Pytlik schaute hinüber zu Hermann.

»Schon mal gehört?«

Hermann überlegte nicht lange, verzog leicht das Gesicht und schüttelte gleichzeitig den Kopf.

»Noch nie gehört! Und die vermisst ihren Alten oder was?«

»Ihren Mann, sagt sie!«, erwiderte Adelgunde Reif oberlehrerhaft Hermanns flapsigen Kommentar.

»Also was ist? Kann ich sie kommen lassen?«

Der Hauptkommissar nickte seine Sekretärin kurz an und legte den Zettel mit dem Namen danach neben seine Tastatur.

»Die schauen wir uns mal an, Gundi. Sei so gut!«

 

***

 

Pytlik und Hermann begrüßten in ihrem Büro eine Frau, an der sie zunächst äußerlich und auch von ihrem Verhalten her nichts Merkwürdiges feststellen konnten so wie es ihrem Kollegen Schneider anscheinend aufgefallen war. Reinhilde Hoderlein war eine zierliche Person. Pytlik schätzte, dass sie Anfang 50 war. Ihr brünettes Haar hatte einen leicht rötlichen Farbstich, die Kurzhaarfrisur passte zu ihrem Typ. Der Hauptkommissar half ihr, die beige Jacke – eine Art kurzer Trenchcoat – abzulegen, und im Anschluss bot er ihr einen Platz an der Stirnseite der beiden Schreibtische an, so dass sie beide Ermittler gut im Blick haben konnte. Reinhilde Hoderlein stellte ihre Kunstlederhandtasche neben den Stuhl auf den Boden und setzte sich anschließend in aufrechte Haltung. Sie faltete ihre Hände und legte sie auf dem Tisch ab. Dann wartete sie, was passieren würde.

»Frau Hoderlein, was können wir denn für Sie tun?«, begann Pytlik, ließ die Frau aber erst gar nicht zur Antwort kommen, sondern unterbrach sich nach kurzem Räuspern selbst.

»Ach, entschuldigen Sie bitte! Darf ich Ihnen etwas anbieten? Einen Kaffee? Ein Wasser?«

»Ein Glas Wasser bitte! Das wäre nett!«, war die schmallippige Antwort. Pytlik meinte, ein leichtes Zittern in der Stimme wahrgenommen zu haben. Die Frau schien aufgewühlt zu sein, so dass der Hauptkommissar versuchte, ihr die Aufregung zu nehmen. Hermann war bereits aufgestanden, um sich um das Wasser zu kümmern. Pytlik begann vorsichtig noch einmal.

»Gut, Frau Hoderlein, dann erzählen Sie doch bitte einmal: Wo kommen Sie denn eigentlich her?«

»Aus Mitwitz!«

»A Mimetzer!«, quasselte Hermann plötzlich vor sich hin, so als hätte er besondere Erinnerungen an die westlichste Gemeinde im Landkreis Kronach.

»Oh, Entschuldigung! Ist mir nur so rausgerutscht.«

Pytlik hatte ihm kurz einen ermahnenden Blick zugeworfen. Dann machte der Hauptkommissar weiter.

»Mitwitz! Da hatte ich mal eine gute Bekannte«, erinnerte sich Pytlik an seine Kurzaffäre, die Staatsanwältin Lisa Strehmel. Er mochte jetzt aber nicht weiter an sie denken.

»Und wo wohnen Sie da in Mitwitz, wenn ich fragen darf?«

Reinhilde Hoderlein nahm den ersten Schluck und stellte das Glas danach vorsichtig wieder ab.

»Im schwedischen Viertel!«

»Schwedisches Viertel?«, wunderte sich Pytlik.

»Hat mit irgendeiner Partnerstadt in Schweden zu tun, glaube ich. Ein Neubaugebiet, das vor zehn Jahren angelegt wurde und in dem fast alle Häuser ein bisschen an den schwedischen Baustil erinnern.«

Pytlik war nun der Meinung, dass er den Smalltalk beenden könnte. Schließlich war Reinhilde Hoderlein ja nicht deswegen hier, um ihm und Hermann schöne Geschichten aus dem Alltag zu erzählen.

»Ah, so! Verstehe! Kannte ich bisher gar nicht, muss ich mir aber bei Gelegenheit wohl einmal anschauen«, gab sich Pytlik höflich und interessiert.

»Lassen Sie uns aber nun über Ihren Mann reden, Frau Hoderlein!«

Der Hauptkommissar nahm noch einmal den Zettel in die Hand, auf dem der Name der Frau stand.

»Sie haben unserem Kollegen erzählt, dass Sie Ihren Mann vermissen. Stimmt das?«

Reinhilde Hoderlein brachte sich mit einem kurzen Rutschen auf dem Stuhl frisch in Position und schaute etwas verlegen auf den Tisch. Dann begann sie zu erzählen.

»Ja, das stimmt! Mein Mann ist keiner, der einfach nachts nicht nach Hause kommt, ohne sich bei mir zu melden. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und mir Sorgen gemacht. Er geht auch nicht an sein Handy. Ehrlich gesagt, habe ich große Angst, dass ihm etwas passiert sein könnte.«

Nach Reinhilde Hoderleins letztem Satz schauten sich Pytlik und Hermann gegenseitig an, ohne dabei merklich die Köpfe zu bewegen oder sonst irgendwelche auffälligen Bewegungen zu machen. In anderen Fällen und bei entsprechenden Anlässen hätte Pytlik der Frau, die bei ihm und Hermann im Büro saß, jetzt erst einmal ein beruhigendes »Naja, jetzt denken Sie mal nicht gleich an das Schlimmste. Vielleicht sitzt Ihr Mann gerade zuhause am Frühstückstisch und wundert sich, wo Sie sind« mitgegeben. In diesem Fall hatte er spontan ein ungutes Gefühl. Es lag möglicherweise daran, dass er sicher war, dass eine Frau wie Reinhilde Hoderlein sich sehr gut überlegen würde, ob und wann sie von Mitwitz nach Kronach zur Polizei fahren würde, um ihren Mann als vermisst zu melden.

»Naja, jetzt denken Sie mal nicht gleich an das Schlimmste. Vielleicht sitzt Ihr Mann gerade zuhause am Frühstückstisch und wundert sich, wo Sie sind.«

Nachdem Pytlik kurz zu Hermann hinübergeblinzelt hatte, stimmte auch sein Assistent mit ein.

»Ja, Frau Hoderlein, das klärt sich bestimmt alles schnell auf. Machen Sie sich da mal keine Sorgen!«

Das stolze Lächeln in Hermanns Gesicht fror schon nach wenigen Augenblicken ein, denn er sah genauso wie sein Vorgesetzter, dass Reinhilde Hoderlein leise zu wimmern begann und ihr erste Tränen über die Wangen liefen. Tapfer presste sie ihre Lippen zusammen und versuchte, die Fassung zu bewahren. Pytlik reichte ihr ein Papiertaschentuch und gab ihr einige Augenblicke Zeit. Und dann, nachdem die Frau ein paar Mal tief ein- und wieder ausgeatmet hatte, begann sie von selbst zu erzählen.

»Mein Mann war früher viele Jahre bei der Bundeswehr. Sein ganzes Leben in dieser Zeit war von Regeln und Disziplin bestimmt. Das ist auch heute noch das, was ihn am meisten auszeichnet, und deswegen würde er nie eine Nacht wegbleiben, ohne mir Bescheid zu sagen, wo er hingeht oder sich zumindest einmal zu melden. Überhaupt: Außer bei irgendwelchen Reisen zusammen mit ehemaligen Kameraden, wo die Frauen immer nichts dabei zu suchen haben, war mein Mann nie alleine weg ohne mich. Aber jetzt…«

Reinhilde Hoderlein musste weinen. Pytlik nutzte die Zeit, um sich ein paar Notizen zu machen und einige Fragen aufzuschreiben. Er reichte ihr noch ein Taschentuch.

»Frau Hoderlein, ich verstehe es also schon richtig, dass Ihr Mann sonst nicht einfach mal eine Nacht außer Haus ist und am nächsten Tag wieder heimkommt, sondern dass er eigentlich jeden Abend und auch nachts immer bei Ihnen ist; es sei denn, er ist planmäßig – wie Sie es gerade beschrieben haben – auf einer Reise mit irgendwelchen ehemaligen Kameraden?«

Reinhilde Hoderlein nickte, während sie in das Taschentuch schnäuzte.

»Wann haben Sie Ihren Mann denn das letzte Mal gesehen?«

»Er hat sich gestern Abend gegen 18 Uhr verabschiedet, weil er noch einen Spaziergang machen wollte. Das macht er gewöhnlich so zwei- bis dreimal pro Woche. Manchmal geht er danach noch ein Bier trinken und je nachdem, wen er dort trifft und wie gesellig die Runde gerade ist, kommt er dann eben wieder nach Hause. Normalerweise auch immer vor Mitternacht.«

Pytlik schrieb alles mit.

»Wie heißt Ihr Mann mit Vornamen, Frau Hoderlein?«, wollte Hermann wissen.

»Eigentlich heißt er mit richtigem Namen Bartholomäus. Aber alle – und sogar ich – nennen ihn Jakob. Er ist deshalb auch nur als Jakob Hoderlein bekannt. Den Namen hat er damals von seinem Vater bekommen, der sich eigentlich geweigert hatte, dass man ihn Bartholomäus nannte. Aber Jakobs Großeltern haben das so bestimmt. Mir war Jakob ehrlich gesagt immer lieber als Bartholomäus. Ich bin mir auch sicher, in Mitwitz weiß niemand, wie er richtig heißt.«

»Wissen Sie denn, wo er immer spazieren geht?«, fragte Pytlik.

Zunächst zuckte Reinhilde Hoderlein mit den Schultern, antwortete dann aber.

»Das sind schon immer lange Spaziergänge. Wohin genau, weiß ich nicht, aber er ist immer ein Naturmensch gewesen. Er ist viel im Wald unterwegs und manchmal hat er auch so eine Stirnlampe dabei, weil er gerne im Dunkeln noch durch die Gegend streift.«

Pytlik und Hermann schauten sich verwundert an.

»Deswegen glaube ich ja auch, dass diesmal…«

Reinhilde Hoderleins Stimme wurde zunächst schwächer, dann versagte sie ganz. Sie schluchzte und begann heftig zu weinen. Pytlik machte sich ein paar abschließende Bemerkungen auf den Zettel und legte dann den Stift zur Seite.

»Gut, Frau Hoderlein! Wir machen jetzt Folgendes: Mein Kollege wird noch einmal Ihre Personalien und die Ihres Mannes aufnehmen und dann haben wir im Moment leider keine weitere Möglichkeit, als erst noch einmal abzuwarten. Wie gesagt, fahren Sie doch jetzt bitte erst einmal nach Hause und schauen Sie, ob Ihr Mann nicht vielleicht doch schon auf Sie wartet. Sollten Sie morgen früh immer noch nichts von ihm gehört haben, melden Sie sich bitte wieder bei uns. Dann werden wir eine entsprechende Fahndung rausgeben.«

Pytlik gab Reinhilde Hoderlein noch einige Augenblicke Zeit, um sich zu sortieren. Gegenüber bei seinem Assistenten klingelte das Telefon. Hermann nahm ab und hörte mit ernster Miene zu. Einige Male sagte er ganz kurz »ja« oder »okay«, nur am Schluss fragte er noch nach einer Wegbeschreibung. Nachdem er aufgelegt hatte, schaute er zunächst zu Reinhilde Hoderlein, die immer noch mit sich selbst beschäftigt war und keinen Blick für die beiden Polizisten übrig hatte. Dann wandte er sich wortlos an Pytlik und kippte leicht seinen Kopf in Richtung Bürotür. Der Hauptkommissar hatte verstanden.

»Frau Hoderlein, wir werden Sie noch einen Augenblick alleine lassen. Ich sage meiner Sekretärin kurz Bescheid. Vielleicht kann sie Ihnen ja noch einen Tee machen.«

Reinhilde Hoderlein nickte dankend und die beiden Ermittler verließen den Raum.

»Also, was ist los, Cajo?«, wollte Pytlik wissen, als er mit seinem Assistenten draußen den Gang bis vor zur Treppe lief.

»Der Anruf gerade!«

Pytlik war gehetzt neugierig.

»Ja, ist mir schon klar! Nun erzähl schon! Worum ging’s da?«

»Noch eine Frau, auch aus Mitwitz! Oder besser gesagt: Kaltenbrunn! Sie war heute Morgen mit ihrem Hund unterwegs; die übliche Runde, die sie sonst auch fast jeden Tag mit ihm macht. Diesmal, so erzählte sie, habe ihr Hund an einer Scheune, an der sie sonst auch vorbeikommen, anscheinend irgendetwas bemerkt, was ihn – so hat sie es gesagt – völlig verrückt gemacht hat. Er hätte wie wild gezerrt und habe dann schließlich an einer bestimmten Stelle an der Scheune angefangen zu graben. Als hätte er etwas gewittert, was sich im Scheuneninneren befand. Die Frau hat den Hund schon lange und kennt ihn natürlich sehr gut. Sie ist sich sicher, dass da irgendetwas nicht stimmt.«

 

***

 

Hermann hatte zunächst noch einmal mit Reinhilde Hoderlein gesprochen und ihre persönlichen Daten aufgenommen. Dann machten sich die beiden Kronacher Beamten auf den Weg. Als sie, von Kronach kommend, die östliche Ortseinfahrt von Mitwitz passiert hatten, dirigierte Pytlik seinen Assistenten.

»Dann gleich die erste Ausfahrt im Kreisverkehr. Bin ja mal gespannt, ob wir die gute Frau überhaupt finden und was sie uns zu erzählen hat.«

»Ich habe es mir vorhin nochmal auf der Karte angeschaut. Vom Wohnhaus der Hoderleins mit einem abendlichen Spaziergang bequem zu erreichen. Das könnte durchaus auf der Route liegen, die der Hoderlein vielleicht immer läuft.«

Aus Hermanns Feststellung konnte Pytlik das heraushören, was auch ihm schon seit der Abfahrt vom Kaulanger durch den Kopf ging.

»Andererseits hat diese Anruferin ja nichts davon erwähnt, dass ihr Hund irgendetwas gefunden hätte. Von daher löst sich vielleicht doch alles in Wohlgefallen auf. Ich hätte ehrlich gesagt nichts dagegen.«

Hermann nickte mit ernstem Gesicht. Als der Dienstwagen Mitwitz wieder verlassen und wenig später an Kaltenbrunn vorbeigerauscht war, verlangsamte Pytliks Assistent kurze Zeit später die Fahrt und bog links in Richtung Bächlein ab. Er sprach leise vor sich hin.

»So, sie meinte, zwischen dem Waldhotel und Neundorf käme irgendwann auf der linken Seite ein Maisfeld. Am Ende des Feldes geht dann links ein Weg rein. Schaust du auch mit?«