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Carlo Fehn

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Beschreibung

Hauptkommissar Franz Pytlik ist nach einem Kuraufenthalt am Chiemsee gut erholt zurück in der Polizeiinspektion am Kaulanger in Kronach. Dass ihm an seinem ersten Arbeitstag ein junger Banker im Backhaus die letzte Puddingbrezel vor der Nase wegschnappt, stellt sich bald als das geringere Übel an diesem tristen Oktobermontag heraus. Kaum im Büro, sieht er sich mit dem Mord an der Friseuse Sandy Heyder konfrontiert, die von ihrer Chefin tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde. Zusammen mit seinem Assistenten, Cajo Hermann, nimmt Pytlik die Ermittlungen auf und findet sich in einem Netz aus klaren Indizien, falschen Spuren und wasserdichten Alibis wieder. Langsam beginnt der erfahrene Kommissar, an sich zu zweifeln.

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Carlo Fehn

Mordsgeschäft

Mordsgeschäft - Hauptkommissar Pytliks erster Fall

Carlo Fehn

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2012 Verlag Carlo Fehn

ISBN 978-3-8442-2143-5

Hauptkommissar Franz Pytlik ist nach einem Kuraufenthalt am Chiemsee gut erholt zurück in der Polizeiinspektion am Kaulanger in Kronach. Dass ihm an seinem ersten Arbeitstag ein junger Banker im Backhaus die letzte Puddingbrezel vor der Nase wegschnappt, stellt sich bald als das geringere Übel an diesem tristen Oktobermontag heraus. Kaum im Büro, sieht er sich mit dem Mord an der Friseuse Sandy Heyder konfrontiert, die von ihrer Chefin tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde. Zusammen mit seinem Assistenten, Cajo Hermann, nimmt Pytlik die Ermittlungen auf und findet sich in einem Netz aus klaren Indizien, falschen Spuren und wasserdichten Alibis wieder. Langsam beginnt der erfahrene Kommissar, an sich zu zweifeln.

Samstag, 19. Oktober 2002

„So, Grüssgodd, die Foarscheine bidde, wer noch zugstieng is!“

Die nette, etwas bummelige Zugbegleiterin versuchte, mit fröhlicher Miene den tristen Oktobernachmittag aufzuhellen, indem sie den wenigen Fahrgästen im Regionalexpress mit einem freundlichen Lächeln entgegentrat.

Ich glaub’ es nicht, dachte sich Pytlik, als er nun schon zum vierten Mal den Fahrschein aus seinem Rucksack holen musste. Schließlich war er doch nur auf der Nachhausefahrt vom Chiemsee und nicht auf dem Weg zum Mond. Eine Bemerkung konnte er sich deshalb nicht mehr verkneifen.

„Und wenn ich dann zu Hause auf die Toilette gehe, steht da wahrscheinlich auch noch jemand und zwickt ab oder wie“, raunzte er die Brünette an.

Für Zugbegleiter ist Schlagfertigkeit ein unbedingtes Muss, das wusste auch Pytlik. Er hatte es aber anscheinend in diesem Moment vergessen. Nachdem die junge Frau einen prüfenden Blick auf sein Internetticket geworfen hatte und sehen konnte, dass bereits drei Zangenabdrücke das Papier schmückten, zog sie gemütlich ihr Arbeitsgerät, scannte noch einmal den Code und antwortete während des Knipsens souverän, ohne den Kommissar dabei auch nur eines Blickes zu würdigen: „Der Ahnziche, der wo obzwiggn muss, auf seiner Dolleddn, des senn Sie, Herr Kommissar Büddlich!“

Pytlik schaffte es gerade noch rechtzeitig, seinen Mund wieder zu schließen. Nicht nur, dass er wieder dem unnachahmlichen „Haddes-Bee-Weiches-Dee-Dialekt“ der oberfränkischen Idylle ausgesetzt war. Um sich herum nahm der verdutzte Hauptkommissar fast unmerklich hämisches Lachen wahr, das er nicht hören, wohl aber fühlen und sehen konnte. Die Schaffnerin hatte ihm die Fahrkarte in seine starr geöffnete Hand zurück gegeben und sich bereits den nächsten Fahrgästen gewidmet.

Mist, fuhr es ihm durch den Kopf, das hätte ich mir nun auch sparen können. Er wunderte sich ein bisschen darüber, dass die wohltuende Entspannung anscheinend schon wieder seiner grummeligen Art gewichen war. Nach drei Wochen Kur schien er eigentlich bestens erholt und freute sich auch wieder auf den Dienst in der Polizeiinspektion. Er fragte sich, ob er durch die Geschichte beim Kronacher Schützenfest im vergangenen Jahr wirklich über die Stadtgrenzen hinaus so bekannt geworden war, dass ihn sogar schon eine Zugbegleiterin im Regionalexpress von Lichtenfels nach Saalfeld kannte. Während des traditionellen Freischießens war eine Bankfiliale in der Kreisstadt überfallen worden. Nachdem der Räuber zunächst unerkannt hatte flüchten können, gelang es Pytlik noch vor dem Ende des Schützenfestes, den Täter, ein Mitglied einer Schaustellergruppe, in einer spektakulären Aktion dingfest zu machen. Da dieser bereits vorher zweimal in anderen Städten zugeschlagen hatte, war Pytlik in allen regionalen Medien und außerhalb Kronachs zum gefeierten Helden geworden. Nun merkte er, dass Ruhm eben auch verpflichtete. Aber es störte ihn nicht weiter. Eine Lappalie, dachte er. Als er seinen Blick, in Gedanken versunken, aus dem Zugfenster in die Dämmerung schweifen ließ und an der Zettlitzer Kreuzung den Feierabendverkehr in roten und weißen Lichtern in alle Himmelsrichtungen dahin schleichen sah, wusste er, dass er es bald geschafft haben würde. Endlich wieder daheim. Endlich wieder in „Grohnich“. Er musste schmunzeln, als er sich dabei ertappte, wie er den Namen seiner Heimatstadt gemäß dem örtlichen Habitus im Geiste nannte. Schließlich wünschte er sich genau deswegen ab und an, doch auch in Kronach geboren zu sein und nicht die ersten acht Jahre seines Lebens in Berlin verbracht zu haben. Seine Berliner Schnauze von damals war fast vollständig verstummt, des fränkischen und speziell des Kronacher Dialekts und dessen, was man in den Kreisgemeinden aller Himmelsrichtungen sprach, würde er aber sein Leben lang nicht mehr Herr werden. Auch, wenn er mit gerade zweiundfünfzig noch einige Zeit dazu haben sollte.

Montag, 21. Oktober 2002

Pytlik verließ, wie gewohnt, gegen sieben Uhr seine Doppelhaushälfte im Wohngebiet am Flügelbahnhof. Er überlegte kurz, das Auto zu nehmen. Die neblige, nasskalte Suppe, die das Erwachen des Tages begleitete, hielt ihn aber nicht davon ab, sein Trekkingrad aus dem Abstellraum hinter dem Carport zu holen, um sich auf den Weg ins Präsidium am Kaulanger zu machen. Für Pytliks Selbstverständnis passte diese Bezeichnung besser als Polizeiinspektion. Die Temperatur war noch erträglich und nachdem er sich die Jack Wolfskin Jacke bis unters Kinn zugemacht und seine Wollmütze über den fast kahlen Schädel gestülpt hatte, schwang er sich auf das Rad und fuhr los.

Seine Route ins Büro wählte er meist spontan. Diesmal ging es von der Rhodter Straße über den Schotterweg auf das Gelände der Landesgartenschau. Dann über die Europabrücke, wo er kurz an der Raiffeisen-Volksbank Halt machte, um Geld abzuheben. Danach stoppte er noch, wie fast jeden Morgen, im Müller’s Backhaus an der Spitalbrücke, um sich die obligatorische Puddingbrezel für das Frühstück abzuholen. Tage, an denen er diese nicht bekam, waren keine guten Tage für Pytlik.

„Morgen!“

Pytlik wusste, dass Maria Beierkuhnlein, die Dienstälteste und heimliche Chefin hinter der Theke in der Bäckerei, ihn mit einem freudigen Lächeln empfangen würde. Dass der Hauptkommissar seit Längerem nicht mehr bei ihr eingekehrt war, hatte sie natürlich bemerkt.

„Der Herr Kommissar!“ Als wäre jede Silbe eine richtige Lottozahl auf ihrem Tippschein, strahlte die adrette Mittsechzigerin die Begrüßung in den angenehm warmen, gedrungenen Verkaufsraum, in dem sich bereits einige Frühaufsteher tummelten.

Pytlik wäre die Sache eigentlich nicht peinlich gewesen, hätte Frau Beierkuhnlein, wie er sie auch nach all der langen Zeit noch nannte, dabei nicht den jungen Bankazubi vergessen, der ungeduldig auf sein Wechselgeld wartete und Pytlik mit einem scharfen Blick musterte.

„Waren Sie im Urlaub?“, fuhr Maria Beierkuhnlein fort und bevor er ihr antwortete, bat Pytlik sie zunächst, den Kunden zu Ende zu bedienen.

„Kur, Frau Beierkuhnlein, Kur. Aber machen Sie doch erst mal den jungen Burschen fertig. Ich glaube, der muss dringend in die Schule.“

Das hatte gesessen und für Pytlik der Tag perfekt begonnen. Als der Jungspund grußlos an ihm vorbei den Laden verließ, konnte sich der Hauptkommissar ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Um diese Uhrzeit war stets reger Betrieb und die Verkäuferinnen hatten gut zu tun, den morgendlichen Ansturm zu bewältigen. Dennoch nahm sich Maria Beierkuhnlein einige Minuten Zeit und ging mit Pytlik ein Stück zur Seite, um sich das Nötigste im Zeitraffer erzählen zu lassen. Für Pytlik gehörte sie zu seinem Lebensinhalt und er verdammte bereits den Tag, an dem sie zum letzten Mal ihre Schürze in der Bäckerei schnüren und in Rente gehen würde. Manchmal dachte er schon darüber nach, seine Urlaubszeiten mit ihren abzusprechen. Wie gut erholt er doch aussehe und dass ihm die Farbe im Gesicht so gut stehen würde. Dass sich doch die Frauen nach ihm umdrehen würden und warum denn am Chiemsee anscheinend so tolles Wetter gewesen war, während es in Kronach seit Tagen keinen richtigen Sonnenschein mehr gegeben hatte. Pytlik gab bereitwillig Auskunft und hatte sich sogar auf einen schnellen Kaffee überreden lassen. Er mochte ihre mütterliche Art einfach. Nach guten zehn Minuten - die jungen Kolleginnen hatten bereits ein paar Mal aufgeregt zu ihr herübergeschaut - beendete Pytlik die Unterhaltung und schob gekonnt die Frage nach seinem Frühstück ein.

„So, dann muss ich jetzt aber auch mal los. Könnten Sie mir noch eine Pudding..., nein, geben Sie mir heute zwei Puddingbrezeln mit. Schließlich war ich ja drei Wochen nicht da. Nachholbedarf, wenn Sie verstehen.“

„Ach Gott, Herr Kommissar. Ich glaub’, der junge Mann grad eben hat die letzten bekommen. Die Buddingbrezeln sind heut’ schon ausverkauft. Tut mir jetzt wirklich leid.“

Pytlik liebte es, wenn Maria Beierkuhnlein „Buddingbrezeln“ sagte, in diesem Fall konnte er sich nicht daran erfreuen. Fest stand: Keine Puddingbrezeln, kein guter Tag! Mist, dachte er, überspielte seine Enttäuschung aber mit einem gequälten Lächeln und bat Maria Beierkuhnlein, ihm stattdessen zwei Schokocroissants einzupacken.

„Dess is recht, die schmecken ja auch subber. Nehmen Sie heut’ halt mal Schoggogrossengs, Herr Kommissar. Wie heißt es so schön: Abwechslung schadet nie.“

Pytlik lachte in sich hinein, legte das Geld in die Schale auf dem Glastresen, winkte noch kurz zu und verabschiedete sich. Wie hatte er es vermisst, in diese knusprig-schlabbrigen Teile zu beißen und den süßen Vanillegeschmack mit einem Schluck Kaffee hinunterzuspülen. Diese Wohltat war ihm heute also nicht vergönnt. Blöder Banker, dachte er noch.

* * *

Als Pytlik gegen halb acht die wenigen Stufen hoch zum Eingang des Präsidiums am Kaulanger nahm, erwartete ihn bereits sehnsüchtig der unverwechselbare Geruch, der vom ersten Tag seines Dienstes an in dem alten Gemäuer hing. Eine tüchtige Renovierung oder gar Sanierung wäre seiner Meinung nach schon längst einmal notwendig gewesen. Eigentlich, so dachte er, wäre es gleich einmal einen weiteren Versuch wert, und er würde sein Anliegen erneut dem Leiter des Präsidiums vorlegen, wenn sie sich in zwei Stunden zu ihrem Wochenanfangstreffen zusammenfinden würden. Er wusste zwar, dass dem alten Geuther, der durchaus zum Erscheinungsbild des Präsidiums passte, die Sache nicht wichtig wäre und finanzielle Aspekte ein weiteres Vorgehen diesbezüglich im Moment nicht rechtfertigen würden. Allerdings wäre das ein guter Einstieg, um allen anderen auch zu zeigen, dass der Chef - so empfand Pytlik sich selbst nämlich - wieder da war.

Kaum hatte er das Gebäude betreten, bemerkte er, dass Kollege Schneider, der Wachhabende an diesem Morgen, mit neugierigem Blick im Begriff war, seinen Kopf gegen die Glasscheibe zu drücken. Pytlik hatte aber keine Lust, durch drei Zentimeter dickes Sicherheitsglas seine Kurmemoiren zu erzählen - schon gar nicht jetzt. Also tippte er nur kurz einige Male mit dem Zeigefinger auf seine Armbanduhr und signalisierte somit, dass er es im Moment sehr eilig hatte.

„Morgen, Egon. Bin spät dran. Andermal.“

Ein Fingerzeig nach oben bedeutete dem verdutzten Schneider, dass der Hauptkommissar wohl dringend in sein Büro musste. Pytlik nahm die Treppe hoch in den ersten Stock. Ein weiterer Kollege von der Schutzpolizei kam ihm entgegen und grüßte ihn, kurz nickend. In der ersten Etage angekommen, schwenkte Pytlik rechts und ging den Gang bis ans Ende, wo sich auf der linken Seite das geräumige Büro befand, das er sich mit seinem Assistenten teilte. Von rechts und links warf das Licht der beiden geöffneten Türen helle Trapeze auf den dunklen Boden des Flurs, und Pytlik vernahm mehrere Stimmen aus dem Zimmer, das seinem Büro gegenüberlag. Das freudige Gelächter und die zu diesem frühen Zeitpunkt bereits ausgelassene Stimmung machten ihn stutzig. Verdammt, dachte er, und wusste nun, dass dieser Montag wirklich kein guter Tag mehr werden konnte. Wie Schuppen fiel es ihm jetzt von den Augen und sogleich erinnerte er sich daran, was ihn während seiner Rückfahrt am Samstag beschäftigt hatte, ihm aber partout nicht eingefallen war. Gundi, die gute Seele und seine langjährige Sekretärin, hatte heute Geburtstag. Pytlik überlegte kurz und wusste, dass es nur eine vage Hoffnung, dennoch aber einen Versuch wert war. Er schlich sich auf leisen Sohlen durch die vorgelagerte Tür, an deren Außenseite „Carl-Joseph Hermann, Polizeikommissar“ zu lesen war, in das gemeinsame Büro. Tatsächlich stand auf Hermanns Schreibtisch ein opulenter Blumenstrauß. Er wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte, dachte Pytlik, und ein Stein fiel ihm vom Herzen.

„Ein Teufelskerl, der Cajo! Respekt“, flüsterte er und schnaufte erleichtert durch.

Kurzerhand nahm er das Bukett, löste das Papier ab und stolzierte damit geradewegs auf Gundis Büro zu, aus dem bereits das Klirren von Sektgläsern zu hören war. Mit einer schwungvollen Drehung nach rechts stand Pytlik im Türrahmen, die Blumen mit der linken Hand vor sein Gesicht gehalten, die Tüte mit den beiden Croissants in der anderen. Er stimmte mehr schlecht als recht die erste Zeile von „Happy Birthday“ an, senkte dann den Strauß und sah in die überglücklichen Augen von Adelgunde Reif.

„Franz! Mensch, das ist aber lieb von dir! Hast es also auch in deiner Kur nicht vergessen!“

Gundi Reifs Aufschrei ließ die anderen Anwesenden, die mit dem Rücken zur Tür gestanden und Pytlik bis dahin nicht gesehen hatten, erstarren. Nach dem schrillen Ruf stellte sie ihr Glas ab, kam mit kleinen Tippelschritten mäuschenartig um den Schreibtisch des mit kaltem Neonlicht erhellten Büros herum und wurde sodann von Pytlik mit einer Umarmung und besten Glückwünschen in Empfang genommen.

„Ach, Franz, das wär’ doch nicht nötig gewesen“, bedankte sich die korpulente Gundi, als sie mit großen Augen den farbenfrohen Strauß betrachtete.

„Für dich allemal“, gab Pytlik zufrieden und mit breitem Grinsen zurück und begrüßte nun auch den Rest der Runde, der vom plötzlichen Auftauchen des Hauptkommissars nicht überrascht, von seinem Geschenk allerdings doch etwas überfahren zu sein schien. Als Adelgunde Reif in einem ihrer Aktenschränke nach einer passenden Vase suchte, machte Pytlik Hermann ein kurzes Zeichen mit einem Daumen nach oben, was so viel heißen sollte wie: Super, hatte ich völlig vergessen!

Hermann fuhr sich mit verkrampften Fingern über sein plötzlich fratzenartig verzogenes Gesicht hinweg durch die Haare und wollte Pytlik damit irgendetwas bedeuten, was dieser allerdings nicht verstand.

„Herr Pytlik! Na, gut erholt?“

Alfons Geuther nahm als erster das Gespräch wieder auf. Pytlik bemerkte, dass er heute entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten nicht den einen, immer selben Dreireiher anhatte, der den massiv übergewichtigen Leiter der Kronacher Polizeiinspektion aussehen ließ, als würde er als Werbetonne für die Wiener Kaffeehauskultur Reklame machen. Nein, heute musste etwas Besonderes sein, da der graue dem dunkelbraunen Anzug mit jägergrüner Krawatte gewichen war. Erst jetzt fiel Pytlik auf, dass auch Hermann - ohnehin stets gut gekleidet - diesmal nicht nur ein modisches Hemd, sondern auch noch eine dazu passende Krawatte trug. Er würde später fragen, dachte sich Pytlik und erwiderte Geuthers Nachfrage mit den notwendigsten Informationen und Nettigkeiten. Die Runde wurde komplettiert von Polizeihauptmeister Justus Büttner, der in seiner Funktion als Dienstgruppenleiter der Schutzpolizei oftmals sehr eng mit den Kriminalermittlern zusammenarbeitete und somit eigentlich auch zu Pytliks Team gehörte. Beide hatten damals im gleichen Jahr den Dienst angetreten und über lange Zeit hinweg ein sehr enges Verhältnis aufgebaut. Büttner wusste deswegen auch, was er sich erlauben konnte.

„Und? Hossd wenigsdns ana aufgrissn?“

Pytlik monierte Büttners oft sehr direkte Art und seinen manchmal schwer verständlichen Kauderwelsch nur selten. Nach Gundis empörtem Schmatzen - „Also, Justus!“ -, Geuthers entsetztem Blick und Hermanns schelmischem Lächeln, wollte Pytlik gerade zu einer Antwort ansetzen, als nach einer schnellen Abfolge hastiger Schritte plötzlich Schneider von unten in der Tür stand.

„Chef“, keuchte er, und sowohl Pytlik, Geuther als auch Büttner wandten sich ihm gespannt zu.

„Wir haben eine Leiche. Anscheinend ein Mord. Die Betty Walz hat angerufen. Weißt schon, die Besitzerin vom ‚Haarscharf’.“ Schneider las die Notizen, die er sich gemacht hatte, akkurat von seinem Zettel ab. „Sie ist völlig fertig. Wollte ihre Angestellte abholen, da die beiden nach Nürnberg fahren wollten. Zum Shoppen. Sandy Heyder. Hat nicht gehört. Handy nicht abgenommen. Hat Zweitschlüssel, ist in die Wohnung raufgegangen. Da lag sie. Tot. Judengasse. Hilfe.“

Um Dreiviertelacht hatte Hauptkommissar Pytlik an diesem Montagmorgen nun die Gewissheit, dass es kein guter Tag werden würde.

* * *

Pytlik fuhr unverzüglich mit Hermann zum Fundort. Der Einsatzwagen, in dem Büttner und Schneider saßen, mit Blaulicht vorneweg. Nachdem das erste Entsetzen über die Informationen Schneiders sich gelegt hatte, ordnete Pytlik seine Gedanken und begann auf der nur kurzen Fahrt in die obere Stadt, mit Hermann die wichtigsten Schritte der nächsten Stunden zu planen. Von der Friesener Straße her konnten die Ermittler auch schon das Martinshorn des verständigten Arztes hören. Sollten sich Betty Walz’ Angaben als richtig erweisen, käme dieser allerdings zu spät.

„Die Sandy! Ich kann es nicht glauben, wenn es tatsächlich wahr ist.“ Cajo Hermann stand der Schock noch immer ins Gesicht geschrieben.

„Am Freitag hat sie mir noch die Haare geschnitten. Wir haben Blödsinn gemacht über alle möglichen Dinge. Irgendwie war sie noch viel besser drauf, als sie es sonst schon immer ist - war! Was die noch an Plänen hatte. Reisen wollte sie im nächsten Jahr, solche Reisen mach ich in meinem ganzen Leben nicht. Umziehen wollte sie auch demnächst. Und jetzt? Tot!“

Pytlik hatte Verständnis, dass Hermann diese Erinnerungen frisch hochkamen. Auch er selbst kannte die lebenslustige, etwas flippige, unkonservative und andersdenkende Heyder als stets gut gelaunte Person, die wohl nicht jede Mutter in Kronach gerne als Schwiegertochter gehabt hätte. Dem Friseurgeschäft der Betty Walz jedenfalls hatte die platinblonde, schlaksige Frau mehr als gut getan, das wusste Pytlik aus einem Gespräch mit der Inhaberin, mit der er beinahe mal in ein Techtelmechtel geraten war.

„Hör’ zu, Cajo. Ich weiß noch nicht, was uns da oben jetzt erwartet. Aber lange wird es wahrscheinlich nicht dauern, bis die ganze Stadt davon erfährt. Wir gehen beide erst mal rein und schauen uns an, ob die Walz keinen Blödsinn erzählt hat. Kümmer’ du dich darum, die Spurensicherung anzufordern und gib’ auch der Staatsanwältin Bescheid. Der Büttner soll dafür sorgen, dass die Judengasse von der Schwedenstraße her nicht passiert werden kann, außerdem soll er an der Amtsgerichtsstraße und zum Martinsplatz hin absperren. Einen Menschenauflauf kann ich da jetzt wirklich nicht gebrauchen.“

„Geht klar. Ich hab’ übrigens den Koffer hinten drin. Überzieher, Handschuhe, Tütchen. Weißt ja.“

Pytlik wusste sehr wohl. Hermann war ein exzellenter Kollege. Irgendwann einmal würde er sein Nachfolger werden, da war sich Pytlik sicher. Nicht nur, dass er ihm am Computer in allen Belangen überlegen war und diesen auch besser einzusetzen wusste. Obwohl man in Kronach nicht täglich mit Kapitalverbrechen zu rechnen hatte, führte Hermann stets eine - wie er es nannte - Notfallausrüstung zur Tatortbegehung oder Spurensicherung mit sich.

„Sag mal, was mir gerade noch einfällt“, grübelte Pytlik, als beide schon den Scheitelpunkt der Ringstraße durch die historische Altstadt erreicht hatten und von der Lucas-Cranach-Straße links auf den Martinsplatz fuhren. Gleich würden sie in die Judengasse einbiegen. „Warum meinte der Geuther denn vorhin, dass so etwas ausgerechnet heute passieren muss und wieso seid ihr alle so rausgeputzt? Ist heute irgendetwas Besonderes?“

„Weil der liebe Herr Geuther heute den Herrn Polizeipräsidenten samt Gattin erwartet. Man hätte dort wohl vor einiger Zeit gehört, dass unsere Polizeiinspektion mal einen Neuanstrich vertragen könnte. Da wollte sich der Big Boss selbst überzeugen.“

„Mist, das kann ich heute gerade noch gebrauchen!“

„Tja, so sieht’s aus. Um eins tanzen sie an.“

„Ach, und das heißt“, dachte Pytlik laut nach, “die Blumen waren am Ende gar nicht für die Gundi. Und deswegen hast du so belämmert geschaut, als ich mit dem Strauß da rein kam? Verstehe. Mist!“

„Scheiß’ auf die Blumen“, blaffte Hermann.

* * *

Die Judengasse war eine schmale, wie die gesamte obere Stadt von unbequemem Kopfsteinpflaster durchzogene, versteckte Straße. Historische, verwinkelte alte Häuser zierten die asymmetrische Flucht, die an diesem trüben Morgen kurz vor Hereinbrechen des Tageslichts nur schemenhaft zu erkennen war. Das zweistöckige Haus, in dem Sandy Heyder wohnte, befand sich auf der rechten Seite des abfallenden Gässchens. Als der von Büttner gelenkte Einsatzwagen vor Pytlik und Hermann stoppte, konnten die Ermittler bereits die Umrisse einer Person erkennen, die auf der dem Hauseingang gegenüberliegenden Seite mit verschränkten Armen wohl sehnsüchtig die Ankunft der Polizisten erwartet hatte. Auch Hermann fuhr rechts an den Rand der engen Straße, um den Arzt möglichst nah am Haus parken zu lassen. Als Pytlik und Hermann ihn kurz über das informiert hatten, was sie selbst bisher wussten, machten sie sich auf den Weg.

„Franz!“

Betty Walz stürmte halb taumelnd und laut wimmernd auf den Hauptkommissar zu. Ihre Zigarette schmiss sie auf den Boden. Die beiden kannten sich schon seit vielen Jahren. Pytliks Ex-Frau war bis zur Scheidung vor fünf Jahren eine der besten Kundinnen und Freundinnen der Walz. Pytlik konnte sich an einige Abende und Nächte erinnern, an denen er spät aus dem Präsidium nach Hause gekommen war und die beiden Frauen feucht-fröhlich den Abend miteinander verbracht hatten. Nachdem Marlies aus Kronach weggezogen war, schien der Kontakt abgebrochen zu sein. Allerdings waren sich Pytlik und Betty Walz vor zwei Jahren bei einer Faschingsveranstaltung bedrohlich nahe gekommen. Die daraufhin entstandenen Gerüchte um eine mögliche Liaison der Beiden hielten sich einige Wochen hartnäckig in der Festungsstadt.

„Es ist so schlimm! Die Sandy, tot! Ich, ich ... es ist so ...!“

Betty Walz war völlig aufgelöst, Pytlik versuchte, sie kurz zu trösten. Er gab Hermann dann einen Wink und deutete ihm an, sich um sie zu kümmern. Er wollte sich nun zunächst in der Wohnung umschauen.

„Betty, wie bist du in die Wohnung gekommen? Hast du einen Schlüssel?“ fragte Pytlik besonnen.

Betty Walz kramte den Schlüssel hervor und gab ihn Pytlik. Dass Sandy Heyder einen Reserveschlüssel bei ihr deponiert hatte, schluchzte Betty Walz, die sichtlich unter Schock zu stehen schien und nicht den Eindruck machte, im Moment Fragen beantworten zu können. „Im zweiten Stock“, rief sie tränenerstickt noch hinterher.

* * *

Als Pytlik an der Eingangstür stand und auf das Klingelschild starrte, erinnerte er sich wieder. Die greise Hausbesitzerin war vor kurzem verstorben. Neben „Maria Albert“ und dem Namen „Sandy Heyder“ war kein weiterer Mieter ausgewiesen. Pytlik hatte sich vor dem Öffnen der Haustür die Gummihandschuhe angezogen und ein Paar von Hermanns Schuhüberziehern an die Füße gemacht. Er wusste, dass die Coburger Kollegen der Spurensicherung wieder Zeter und Mordio schreien würden, wenn sie in spätestens einer Stunde da wären. Bei einer Ermittlung vor zwei Jahren hatte der manchmal etwas tapsige Büttner am Tatort mit einer unbedachten Aktion wichtige Spuren vernichtet. Seitdem war das Verhältnis nach Coburg etwas gespannt.

„Versuchen Sie, so wenig wie möglich anzufassen und möglichst meinen Schritten zu folgen, Dr. Fiedler. Die Spuren, Sie wissen schon“, wies Pytlik den Mediziner an, der eine lange Nacht hinter sich zu haben schien und artig nickte.