Beschreibung

Als Hauptkommissar Pytlik und sein Assistent von dessen Freundin zum Lucas-Cranach-Turm gerufen werden, haben sie es dort mit der grausam zugerichteten Leiche von Benjamin Sattler zu tun. Er ist ein ehemaliger Mitschüler der Abiturienten von damals, die sich just an diesem Oktobersamstag zu einem Jubiläumstreffen versammelt und den ungeliebten Ex-Kollegen tot aufgefunden haben. Für den Hauptkommissar ist die Theorie einer Kollektivtat weniger abwegig als für seinen Assistenten Hermann. Pyt­lik stellt sich mehr und mehr die Frage, ob er selbst in einem womöglich detailliert geplanten Mordkomplott noch denjenigen trauen kann, die ihm augenscheinlich nahestehen. Eines weiß er aber sicher: Dass Benjamin Sattler ausgerechnet von Mitgliedern seiner Abschlussklasse gefunden wurde, kann kein Zufall sein!

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Carlo Fehn

Abitreffen

Abitreffen - Hauptkommissar Pytliks achter Fall

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2015 Verlag Carlo Fehn

ISBN 978-3-7375-8142-4

Freitag, 5. Oktober 2007

Pytlik war an diesem Tag etwas eher im Büro als sonst. Seine Kaffeemaschine hatte den Geist aufgegeben, weshalb er ausnahmsweise vor seinem Assistenten Cajo Hermann das Arbeitszimmer im Polizeipräsidium in Kronach betrat. Es war kurz nach sieben Uhr und als nach einigem Flackern das Neonlicht den Raum hell ausgeleuchtet hatte, musste Pytlik wieder einmal erkennen, dass der Herbst da war und die Tage immer kürzer wurden. Der Blick aus dem Fenster konnte ihm den beginnenden Arbeitstag kaum etwas schmackhaft machen. Dichter Nebel verwehrte ihm sogar den Blick auf den gegenüberliegenden Kaulanger-Parkplatz.

Gar nicht so schlecht, dachte er trotzig, auch mal als Erster und alleine im Büro zu sein. Er hätte es einfach haben und sich eine Tasse Kaffee gegenüber bei seiner Sekretärin Adelgunde Reif abholen können. Er beschloss jedoch, der wetterbedingten Lethargie erst gar keine Chance zu geben und diesen Morgen motiviert und aktiv anzugehen. Er musste sich aber schon nach kurzer Zeit eingestehen, dass er in den letzten Jahren nicht oft – er vermutete: nie – hier Kaffee gekocht hatte. Nach einigem Suchen und ein paar ihm logisch erscheinenden Handgriffen hörte er allerdings ein wohl klingendes Geräusch, das ihn optimistisch machte, schon wenige Minuten später gut in den Tag starten zu können.

Nachdem er seine Jacke, die er zunächst auf seinen Schreibtisch gelegt hatte, auf einem Kleiderhaken im Schrank hatte verschwinden lassen, fuhr er noch seinen PC hoch und überflog eine Liste mit Dingen, die er an diesem Tag erledigen wollte. Als er damit fertig war, stieg ihm langsam der gewohnte Kaffeeduft in die Nase und Pytlik ging hinüber, um sich eine Tasse einzuschenken.

Zurück an seinem Schreibtisch, legte er die Tageszeitung auf den Tisch und begann, die Schlagzeilen auf der Titelseite zu prüfen.

»Mist!«

Pytliks Erstaunen über eine der Überschriften hatte ihn derartig abgelenkt, dass er beim Rühren in seiner Kaffeetasse nicht vorsichtig genug gewesen war und ein guter Teil des heißen Getränks auf seine Schreibtischunterlage geschwappt war.

»Sakrament!«, zischte er.

Es war längst nichts Ungewöhnliches mehr, dass er auf Fränkisch fluchte und man es ihm mittlerweile auch als authentisch abnahm. Allerdings hatte sein lautes Schimpfen zur Folge, dass nur wenige Sekunden später Gundi Reif bei ihm im Zimmer stand. Sie hatte ihren Chef nicht kommen hören und war dementsprechend erstaunt, ihn im Büro anzutreffen.

»Ja, Franz! Was machst du denn schon hier? Etwas passiert? Warum schreist du denn so rum?«

Auch Pytliks Hose hatte etwas vom Kaffee abbekommen und der Hauptkommissar rubbelte mit einem Papiertaschentuch schnell auf seinem Oberschenkel, um den Fleck wegzubekommen.

»So ein Mist in aller Herrgottsfrüh! Da denkt man, man ist mal fünf Minuten eher im Büro und kann bei einer gemütlichen Tasse Kaffee die Zeitung lesen und dann so ein Scheiß! Am liebsten würde ich gleich wieder nach Hause gehen!«

»Was regst du dich denn so auf? Ist doch nur ein bisschen Kaffee! Ist doch nichts Schlimmes!«

Gundi Reifs Verwunderung, dass Pytlik bereits im Büro war, hatte sich gelegt. Nun versuchte sie, den Hauptkommissar zu beruhigen.

»Morng, Franz! Woss issn bassierd?«

Justus Büttner, der Leiter der Schutzpolizei, stand seelenruhig und so, als ob ihn alles nichts angehen würde, im Türrahmen und hielt gemütlich eine Tasse in der Hand.

»Du bist kaana fünf Minudn do und scho is die ganze Ruh widder raus.«

Für ein paar Sekunden war es mucksmäuschenstill. Pytlik arbeitete weiterhin an seiner Hose, Gundi Reif drehte ihren Kopf abwechselnd zu Pytlik und Büttner und wusste dabei nicht genau, was sie sagen sollte. Justus Büttner wartete wohl auf eine Antwort des Hauptkommissars.

»Wenn ich diesen Dreck hier schon wieder lese«, echauffierte sich Pytlik, bevor er aufstand und zum Waschbecken ging, um einen Lappen zu holen.

»Was denn?«, wollte Gundi Reif wissen.

Pytlik nahm mit der linken Hand die Zeitung hoch, um seinen Schreibtisch abzuwischen und reichte sie anschließend mit einer energischen Bewegung seiner Sekretärin.

»Hier, lies doch mal!«

»Was denn?«, zeigte sich Gundi Reif verwundert.

»Na hier, gleich auf der Titelseite! Hier oben!«, deutete Pytlik mit dem Zeigefinger.

Gundi Reif las langsam, was dort stand.

»Ja und?«

Justus Büttner war einen Schritt näher gekommen und stellte sich mit seiner bärenhaften Gestalt hinter die vergleichsweise zierlich wirkenden Frau.

»Woss mahnsdn, Franz?«

»Na hier! Darüber regt er sich mal wieder auf«, deutete Gundi Reif nun ihrerseits mit dem Finger auf die Zeitung, um es Justus Büttner zu erklären.

»Och suu«, kommentierte der wiederum fast gelangweilt. Dann las er vor, was Pytlik erzürnte.

»Kronacher Regionalkrimiautor veröffentlicht einen neuen Roman. Im November wird bereits der fünfte Krimi für den Landkreis Kronach erscheinen.«

Für einen kurzen Moment herrschte wiederum Ruhe.

»Und? Warum regst du dich darüber auf?«, wollte Büttner wissen. Er wusste genau, warum Pytlik das beschäftigte.

»Du weißt genau, warum ich mich darüber aufrege, Justus!«, erwiderte der Hauptkommissar sogleich.

»Weil es einfach an den Haaren herbeigezogen ist und überhaupt nicht der Realität entspricht«, machte Pytlik weiter.

Mit Gemütlichkeit und ruhig in den Tag starten war es für den Hauptkommissar nun ganz schnell vorbei. So als wäre das Thema für ihn damit erledigt und eine Diskussion, die noch gar nicht richtig begonnen hatte, beendet, öffnete er einige Dateien in seinem Computer und signalisierte Adelgunde Reif und Justus Büttner damit, dass sie sein Büro wieder verlassen konnten. Er hatte allerdings nicht mit der Hartnäckigkeit seiner Sekretärin gerechnet, die allem Anschein nach sehr gut über das Bescheid zu wissen schien, worüber Pytlik ihrer Meinung nach nur pauschal und ohne Hintergrundwissen urteilte.

»Dir ist wohl heute eine gewaltige Laus über die Leber gelaufen oder wie! Was hast du gegen diese Krimis? Hast du überhaupt schon einen einzigen davon gelesen? Soll ich dir mal was sagen? Alle vier habe ich gelesen! Und ich kenne viele Leute, die auch alle vier gelesen haben.«

Gundi Reif hatte eine mütterliche Verteidigungsposition eingenommen. Es schien ihr sehr wichtig zu sein, in dieser Angelegenheit ihre persönliche Meinung klar und deutlich zu vertreten. Plötzlich schaltete sich Büttner ein, mit der für ihn ruhigen Art.

»Also, mei Fraa hodd sa aah scho alla gelesen. Die voschängd sa dann obber immer weider. Ich maan, des bringd dem Audor ja nix und außerdem meiner Fraa aah nie. Obber die denkd eh meistens aweng kurz. Ich bin jetzt ka Leseradd, obber wenn der neue Grimmi dann do is, konnst da mit meiner Fraa a boa Dooch lang nix ofang. Andererseits: dann nervt sie mich ach moll a boa Dooch lang nie, wenn sa den neun Grimmi lest. Und woss söll ich euch sooch? Die is jedes Moll absoluhd bogeistert. Ich maan, ich bin ja jetzt ka Leseradd und deswecher werrich wuhl ach kann Grimmi lesen, obber grundsätzlich find ich dess scho a glasse Idee.«

Gundi Reif hakte ein.

»Du«, deutete sie auf Pytlik, »denkst ja gleich wieder, der will dir und uns was Böses. Er beschreibt ja jetzt genau das, was hier passiert und alle Leute, die hier arbeiten genau so wie sie auch sind. Ist doch völliger Blödsinn, Franz! Wenn du dir nur einmal die Zeit nehmen würdest und einen einzigen der Krimis lesen würdest, könntest du sehen, dass das einfach nur spannende und witzige Geschichten sind, wo sich die Leute in den einzelnen Gemeinden und Ortschaften auch wiederfinden und wo man sich plötzlich auch wie von selbst in die Geschichte einbezogen fühlt.«

Pytlik tippte auf seiner Tastatur, nickte mit dem Kopf und antwortete, ohne sich umzudrehen.

»Ja, genau!«, sagte er mit einer leichten Süffisanz in seinem Ton.

»So wie die Dinge sind! Papperlapapp! Also, wenn der die Dinge so beschreibt, wie sie hier tatsächlich passieren und wie sie sind, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass das jemand gut findet. Wie kann denn der über Gewaltverbrechen, die passieren, und die Ermittlungen, die Aufklärungsarbeit auch nur einigermaßen kompetent und unterhaltsam schreiben, wenn er davon überhaupt keine Ahnung hat? Das ist doch die reinste Verarsche, wenn ihr mich fragt! Wisst ihr, wie das ist? Das wäre genau so, als würde ich mich plötzlich bemüßigt fühlen, ein Buch über die neuesten Methoden gesunder Ernährung zu schreiben. Da würden auch alle sagen: ›Na, spinnt der jetzt völlig, der Pytlik?‹«

Gundi Reif schüttelte den Kopf und schaute Justus Büttner an. Der hob nur belanglos die Schultern und signalisierte mit seinem Gesichtsausdruck, dass er wusste, dass der Hauptkommissar in gewissen Dingen eben einfach ein Sturkopf war. Da machte es jetzt auch keinen Sinn, ihn auf Teufel komm raus umstimmen zu wollen. Aber Gundi Reif wollte dies alles nicht unkommentiert stehen lassen.

»Übrigens, Herr Hauptkommissar! Dieser Krimiautor, von dem du behauptest, dass er keine Ahnung hätte von dem, was er schreibt. Mit dem habe ich schon einige Male telefoniert. Und weißt du auch warum?«

Pytlik schien es nicht zu interessieren, was Gundi Reif ihm erzählte. Dennoch hörte er gespannt zu, ohne dies zu zeigen. Er starrte weiterhin auf seinen Bildschirm.

»Der ruft nämlich jedes Jahr, immer wenn er seinen Krimi schreibt, hier bei mir an, weil er zwei oder drei Fragen zu gewissen Dingen hat. Und meistens stelle ich ihn dann zu Cajo durch, der ihm meines Wissens nach auch immer gerne und ausführlich Auskunft gegeben hat.«

Immer noch keine Reaktion von Pytlik. Doch wie gerufen kam plötzlich Pytliks Assistent Cajo Hermann ins Büro. Ohne über die laufende Diskussion im Bilde zu sein, gab er ein freundliches »Guten Morgen!« in die Runde, ging zu seinem Platz gegenüber von Pytlik, stellte seine Tasche unter dem Schreibtisch ab und begann, seine Jacke zu öffnen.

»Ist was? Warum schaut ihr mich so an? Warum bist du denn heute so früh hier, Franz? Habe ich was verpasst?«

Pytlik blickte von seinem Bildschirm hoch und sagte nur kurz mit einem Lächeln:

»Du bist also der Informant von diesem Krimischreiber! Habe ich ja gar nicht gewusst. Na, vielleicht sollte ich mir diesen Kram ja doch mal reinziehen. Wäre gut zu wissen, was du dem so erzählst.«

Hermann kniff verwundert die Augen zusammen und schaute zu Gundi Reif und Justus Büttner. Im gleichen Augenblick machte Pytliks Sekretärin mit der Hand eine abfällige Bewegung und verließ mit einem verärgerten Grummeln das Büro. Auch Justus Büttner meinte, es wäre wohl besser, das Thema an dieser Stelle zu beenden. Einen Schlusskommentar konnte er sich jedoch nicht verkneifen, als er hinausging.

»Na, dann wünsche ich der Bürogemeinschaft Pytlik und Hermann heute einen wunderschönen gemeinsamen Arbeitstag. Bis dann, die Herrn!«, sagte er übertrieben korrekt.

Hermann hatte sich schnell einen Reim darauf gemacht, worüber sein Chef so früh am Morgen schon derart verärgert war. Die Diskussion hatte es schon öfter gegeben. Spätestens jedes Jahr, wenn der neue Regionalkrimi für den Landkreis Kronach veröffentlicht worden war. Hermann wusste bis zu diesem Tag immer noch nicht genau, warum Pytlik so ein großes Problem damit hatte. Sah er seine Arbeit dadurch nicht richtig wertgeschätzt oder sogar durch den Kakao gezogen? Hätte er sich selbst vielleicht gerne mehr als Berater involviert gesehen? Oder war es einfach nur eine gute Tradition, dass er einfach – ohne auch nur einen Krimi gelesen zu haben – keine Sympathie dafür hegen wollte? Ja, so wie Hermann seinen Chef nun schon viele Jahre kannte, war die letzte wohl die wahrscheinlichste Option. Hermann vermutete insgeheim sogar, dass Pytlik schon einen, vielleicht sogar schon alle Krimis gelesen hatte. Bei diesem Gedanken musste er schmunzeln, gerade in dem Augenblick, als Pytlik zu ihm hinüberblickte.

»Was gibt‘s denn da zu lachen?«, raunzte der Hauptkommissar seinen Assistenten an.

»Ich lache nicht, Franz!«

»Doch, du lachst!«

»Ich lache nicht! Ich musste schmunzeln.«

»Lachen, schmunzeln, nenne es von mir aus, wie du magst! Wenn ich es verbieten könnte, gäbe es keinen Regionalkrimi mehr. Die Leute da draußen müssen doch denken, wir sind der reinste Karnevalsverein!«

Hermann machte ein verwundertes Gesicht.

»Moment mal, Franz! Einerseits redest du so, als wüsstest du genau, was in den Krimis drin steht. Andererseits muss man aber davon ausgehen, dass du die Bücher meidest wie der Teufel das Weihwasser. Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass du dir überhaupt ein Urteil bilden kannst. Und soll ich dir was sagen? Ja, ich habe alle vier gelesen. Und ja, ich habe mich jedes Mal köstlich amüsiert. Die Geschichten sind sehr spannend und gehen – das muss man sagen und das ist auch sicher so gewollt – ein bisschen an der Realität vorbei. Aber das Wichtigste ist doch, dass die Leser daran Spaß haben und sie sich in den Geschichten in gewisser Weise zuhause fühlen, da sie sich an den einzelnen Schauplätzen doch gut auskennen.«

»Blödsinn!«, erwiderte Pytlik trocken.

»Und soll ich dir noch was sagen?«

Hermann hatte jetzt Fahrt aufgenommen.

»Mein Vater war letztes Jahr zur Reha in Bad Steben. Du kennst ja meinen Vater! Das Einzige, was der in seinem Leben gelesen hat, waren Bilanzen. Gut, die ganze Fachliteratur und Gesetzestexte darf man auch nicht außer Acht lassen. Aber ansonsten?«

»Was willst du denn jetzt mit deinem Vater?«, war Pytlik weiter genervt.

»Hör doch mal zu!«

Hermann war mittlerweile aufgestanden, um sich auch einen Kaffee einzuschenken. Er erzählte weiter.

»Da liegt bei ihm auf dem Zimmer ein Mann – etwa sein Alter – aus Starnberg. Auch erfolgreich im Job, auch Herzprobleme. Ich hatte meinem Vater drei der Krimis mitgegeben und ihm empfohlen, die einfach mal zu lesen. Damit der einfach auch mal etwas Anderes in seinen Kopf hinein bekommt. Nach der ersten Woche habe ich ihn besucht und was soll ich dir sagen: Wie ein kleines Kind, das eine Tüte Gummibärchen gegessen hat, hat er mir davon erzählt, wie toll diese Krimis sind.«

Hermann machte eine Pause, Pytlik schien das alles nicht zu interessieren.

»Und jetzt kommt‘s! Sein Zimmerkollege fragte ihn dann Anfang der zweiten Woche, ob er sich nicht einmal eines der Bücher ausleihen könnte, er hätte selbst nichts zu lesen dabei und ihm wäre langweilig. Als die Beiden sich nach insgesamt drei Wochen voneinander verabschiedeten, hatte auch Peter, so war der Name des Starnbergers, alle drei Krimis gelesen. Er sagte, er sei glücklich gewesen, mit meinem Vater im Zimmer gewesen zu sein, denn sonst hätte er nicht diese tollen Bücher kennengelernt. Bad Steben fand er absolut langweilig und er war der Meinung, dort könne man die Bürgersteige ja nicht einmal um 16 Uhr hochklappen, die würden da den ganzen Tag nämlich nicht runtergeklappt werden. Aber – und jetzt wird‘s spannend! – durch die Krimis hat er so eine genaue und interessante Vorstellung von unserem Landkreis bekommen, dass er zu meinem Vater gesagt hat, dass er auf jeden Fall mal für eine Woche Urlaub hierherkommen möchte und sich alles anschauen will. Und was soll ich dir sagen? Er war so begeistert, dass er in zwei Wochen schon wieder kommt, weil beim ersten Mal die Zeit viel zu knapp war und er vieles noch nicht gesehen hat.«

Pytlik notierte sich gerade etwas auf einem Zettel und kommentierte Hermanns Erzählungen mit einer trockenen Bemerkung.

»Na, das ist doch prima! Dann haben wir nicht nur einen ausgezeichneten Krimiautor, sondern auch noch einen zukünftigen Tourismusdirektor – und alles in einer Person! Ich bin begeistert!«

Hermanns Lachen hatte etwas von Verzweiflung, er kannte seinen Chef allerdings zu gut, um zu wissen, dass die Informationen bei ihm angekommen waren.

»Ach, Franz, ich glaube, ich werde heute sehr bald mal losgehen, und ein paar Leberkässemmeln holen. Vielleicht kühlt das die Gemüter wieder ein bisschen ab.«

Justus Büttner, der gerade noch einmal hereingekommen war, da er Hermann etwas fragen wollte, hatte den letzten Satz aufgeschnappt und wartete nicht, den Vorschlag mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Lächeln zu kommentieren.

»Also, dess woa mit Obbstond die bessd Idee, die heid jemond ghobbd hodd. Vo mir aus konnsda gleich luhsmarschier! Und mir brengsda omm besten gleich zwaa mit!«

***

Der Leberkäse hatte seine Wirkung nicht verfehlt. In der gleichen Runde, die am Morgen noch darüber diskutiert hatte, ob es denn notwendig sei, die Verbrechen im Landkreis Kronach – wenn auch nur fiktiv – zu Papier zu bringen, vergaß man für eine Weile alles Wichtige ebenso wie das Belanglose und es machte den Anschein, vier große Kinder hätten ihre Weihnachtsgeschenke bekommen und würden nun mit ihnen spielen, ohne dabei gestört werden zu wollen.

»Also, eines muss ich ja immer wieder sagen«, wagte Pytlik es dann doch, das allgemeine Schmatzen und Schlürfen in seinem und Hermanns Büro zu unterbrechen.

»Von Leberkäse versteht auf der ganzen Welt niemand so viel wie die Franken!«

Der Hauptkommissar hatte gerade ganz verliebt auf die Semmel mit zentimeterdickem Fleischbelag in seinen Händen geschaut und dann genussvoll abgebissen. Sein Mund war noch nicht ganz leer, als er sich einen Schluck Kaffee – wie immer gesüßt mit ein bisschen Zucker – hinterhergoss. Das leise Stöhnen machte den Eindruck, als würde er nicht mehr genug Luft bekommen, aber es war lediglich ein Ausdruck der puren Freude.

»Was soll das denn jetzt schon wieder heißen?«, fühlte Gundi Reif sich anscheinend angegriffen. Sie machte den Eindruck, an diesem Freitag nicht gerade in Wochenendlaune zu sein und legte noch einmal nach.

»Erstens meinst du wohl, dass auf der ganzen Welt niemand so viel vom Leberkäs versteht wie die Kronacher! Zweitens lassen wir Oberfranken uns bestimmt nicht nur auf unseren Leberkäs reduzieren! Also ehrlich! Manchmal musst du immer raushängen lassen, dass du ja eigentlich einer aus der Hauptstadt bist.«

»Ich hab doch nur gesagt…«, breitete Pytlik seine Arme aus und wollte sich rechtfertigen.

»Du wolltest einfach sagen, dass wir Oberfranken ein einfaches Volk sind! So! Basta! Und nichts Anderes!«

Gundi Reif machte tatsächlich den Eindruck, sich persönlich angegriffen zu fühlen. Pytlik schaute Hilfe suchend zu Hermann und Büttner. Seine beiden Kollegen rollten mit den Augen und signalisierten ihm, dass es anscheinend einen Grund für die schlechte Laune seiner Sekretärin gab. Erst später erzählten sie ihm, dass Adelgunde Reifs Mutter mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte und sie deswegen ein bisschen in Sorge war.

»Du hast mich durchschaut, Gundi!«, stellte Pytlik dann ganz simpel fest.

»Konsequenterweise müsstest du dann aber sagen, dass wir Oberfranken« – Pytlik machte mit seinem Zeigefinger eine Kreisbewegung, mit der er alle Anwesenden einschloss – »sogar ein sehr einfaches Volk sind, denn neben dem besten Leberkäse gibt es bei uns auch noch das beste Bier weltweit!«

»Sehr guhd, endlich moll a woahres Worrd, Franz!«, brummte Büttner seine Zustimmung über den Tisch. Dann war Ruhe. Gundi Reif hatte die Alufolie, in die ihre Leberkässemmel eingepackt war, fein säuberlich gefaltet, so als wollte sie sie später noch einmal benutzen. Man spürte, dass sie sich irgendwie nicht wohl fühlte und so war es nicht verwunderlich, dass sie sich abrupt verabschiedete, nachdem sie die Semmelkrümel auf dem Tisch mit der rechten in ihre linke Hand geschoben und anschließend in den Müll geworfen hatte.

»Bis später dann mal!«

»Bis dann!«

»Tschüss!«

»Servus!«

Nachdem Pytlik den Grund für Gundis Unwohlsein also erfahren hatte, nickte er nur kurz und wollte damit bekunden, dass er hoffte, dass es nicht so schlimm wäre.

Kurz war es still.

»Maahnst du werglich, dess mir aweng einfoch senn?«

Büttners besorgte Nachfrage bestätigte den Hauptkommissar zumindest darin, dass sein Kollege wenigstens manchmal etwas unbeholfen war. Pytlik packte gerade die zweite Leberkässemmel mit dem dafür typischen Geräusch aus und überlegte dabei sehr gut, was er antworten sollte.

»Geht es deiner Mutter auch schlecht, Justus?«

Der Hauptkommissar blickte ernst, allerdings interessierte ihn in erster Linie sein Frühstück.

»Und bei dir, Cajo? Auch irgendwelche Probleme in der Familie? Langsam kommt es mir so vor, als hättet ihr euch heute alle gegen mich verschworen. Was ist denn mit euch los?«

»Moment mal…!«, begann Hermann, der jedoch sofort wieder von Pytlik unterbrochen wurde.

»Nix, Moment mal!«, geriet Pytlik nun leicht in Rage. Er legte seine Leberkässemmel vor sich auf den Tisch und wartete, bis sein Mund leer war.

»Ich habe lediglich gesagt, dass es hier den besten Leberkäse gibt!«

Er hatte seine Hände dazu wie ein Megafon vor seinem Mund geformt und so laut gebrüllt, dass er sicher war, seine Sekretärin musste es auch gehört haben. Büttner und Hermann schauten sich verdutzt an. Pytlik machte weiter.

»Aber das ist wieder ganz typisch! Und ich sage euch als Oberfranke – ja ich bin seit einem halben Jahrhundert hier und ich bin ein Oberfranke! –, dass wir, vor allem immer nur darauf schauen, dass uns die in München ja nicht mögen, uns vergessen, uns keine Autobahn vor die Haustür bauen und überhaupt: Für die gehören wir ohnehin schon zu Thüringen. Das ist das, was natürlich auch unsere Kinder hier schon mit auf den Weg bekommen. Da war ich kürzlich auf der Frankenwaldmesse, und nachdem ich mit meiner Runde fast am Ende war, hab ich so für mich festgestellt: Wow, ist doch der Hammer, was unsere Region so alles zu bieten hat! Da traf ich dann eine alte Bekannte von früher, die jetzt in Finanzen macht. Ich sprach sie ganz nett an und wollte wissen, wie es denn so läuft und wie sie zufrieden war. Da schaute die mich an, so als hätte sie in eine saure Zitrone gebissen und sagt mir, dass wir uns vor denen da unten überhaupt nicht verstecken müssten und es keinen Grund gäbe, sich klein zu machen.«

Büttner und Hermann schauten sich fragend an.

»Ja, ganz genau! So habe ich auch geschaut, als ich das hörte. Viele denken hier bei allem, was sie machen immer nur daran, wie das eben woanders ankommt und wahrgenommen wird. Das ist wirklich so mein Eindruck, und dabei sollten wir erst einmal anfangen, mit uns selbst klarzukommen.«

»Naja, ganz Unrecht hast du da sicherlich nicht«, nickte Hermann zustimmend.

Büttner interessierte sich brennend dafür, wer denn wohl Pytliks alte Bekannte war.

»Schau doch mal bei uns in die Stadt«, fuhr Pytlik fort.

»Sagen wir mal, wir haben im Innenstadtbereich aktuell vielleicht so ein Dutzend Leerstände bei Ladenimmobilien.«

»Könnte hinkommen«, bestätigte Pytliks Assistent. Der Hauptkommissar führte seine Überlegungen fort.

»Gibt es da irgendwelche sinnvollen Vorschläge, Konzepte oder Projekte, wie man da wieder Leben reinbekommt? Junge Unternehmer, Leute mit innovativen Geschäftsideen, Menschen, die vielleicht einfach mal was probieren wollen. Muss man denen denn gleich einen Fünfjahresvertrag mit zwei Jahresmieten im Voraus aufs Auge drücken? Nein, muss man natürlich nicht! Aber, so wie ich das einschätze, sind die Eigentümer und Vermieter ja gar nicht daran interessiert, irgendwelche sinnvollen Konzepte umzusetzen!«

Pytlik hob entschuldigend die Hände und tippte mit der Fingerspitze ein paar Krümel vom Tisch, die er anschließend in seinem Mund verschwinden ließ. Aber er war noch nicht am Ende.

»Und dann diese ständigen Querelen! Bloß dem Einen nix gönnen, nur den Anderen nicht auch mal unterstützen, wenn es darum geht, dass man als Gemeinschaft vielleicht wieder ein paar Weichen für die Zukunft richtiger stellen kann, als dies in der Vergangenheit der Fall gewesen war. Da sagt der Eine, das sei alles Scheiße, wie es der Andere mache. Der Andere wiederum spricht dem Einen die Kompetenz dafür ab, irgendetwas überhaupt sinnvoll zu machen. Und letztendlich stehen sowohl auf der einen als auf der anderen Seite sich immer ein paar Leute gegenüber, die sich persönlich einfach nicht riechen können!«

»Und als Ergebnis bleibt die Gemeinschaft auf der Strecke. Du hast schon Recht, und ich weiß, was du meinst«, pflichtete Hermann dem Hauptkommissar bei. Der wiederum schien sich nun langsam zu beruhigen.

***

Dieser Freitag stellte sich für Hauptkommissar Pytlik immer mehr als ein gebrauchter Tag heraus. Gegen Mittag hatte er beschlossen, Gundi Reif noch ein paar nette Worte mit ins Wochenende zu geben. Als er hinüber zu ihr gegangen war, angeklopft und die Tür geöffnet hatte, musste er jedoch feststellen, dass seine Sekretärin allem Anschein nach schon nach Hause gegangen war. Frustriert schüttelte er den Kopf und ging zurück an seinen Schreibtisch. Draußen hatte sich der Nebel mittlerweile verzogen und das erste Oktoberwochenende grüßte mit einem freundlichen Gesicht.