Der schicksalhafte Kuss - Regina Zeh - E-Book

Der schicksalhafte Kuss E-Book

Regina Zeh

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Beschreibung

In meinem Buch berichte ich zunächst kurz von der Lebenssituation meiner Eltern, die sich nach dem Krieg in einer für sie neuen Umwelt zurechtfinden und einleben mussten, dann von meiner Erkrankung an Polio und der Traumatisierung durch Krankenhausaufenthalte und wie meine Familie mit meiner Behinderung zurecht kam. Es folgen Eindrücke, die ich vom achten Lebensjahr an im Krankenhaus machte; wie ich schließlich den Weg ins Leben fand und wieder – auch als Erwachsene – problematische Erfahrungen in Krankenhäusern machen musste. Ich berichte, welche Möglichkeiten ich nutzte, um die Folgen meiner Erlebnisse zu verarbeiten und schließlich lernte, aus "Stroh Gold zu spinnen".

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Seitenzahl: 240

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Regina Zeh

Der schicksalhafte Kuss

Die Geschichte einer Traumatisierung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Einleitung

1. Teil - Vorgeschichte

Und so hat es angefangen

Als Kind im Krankenhaus

Der Weg ins Leben

2. Teil - Ereignisse

Schwierigkeiten

Beschwerlichkeiten

Ein neuer Lebensabschnitt

Mein Knie

3. Teil - Erkenntnisse

Alltag

Überlebensmittel

Mein Leben heute

Schlussfolgerungen

Danksagung

Anhang

Begriffserklärung

Klappentext oder Rückseite des Bucheinbandes

Impressum neobooks

Vorwort

Es ist ein bewegender Lebensbericht, den die schwer körperbehinderte Regina Zeh hier vorlegt, - mutig, offen, wahrhaftig, gleichsam mit radikaler Zugewandtheit und Annahmebereitschaft dem gegenüber, was sie als ihre Realität erinnert, was sie konkret erfährt und was sie im Laufe des Prozesses noch über sich selbst entdeckt. Im Vordergrund ist da zunächst das kleine Mädchen, das schon so früh lebenslang erkrankt und dessen offene Seele durch sich wiederholende Erfahrungen von schmerzender Trennung und Schutzlosigkeit schwer erschüttert wird. Angst entsteht, tiefe Verunsicherung, Misstrauen, schließlich Empörung und gellende Anklage. Es ist nicht schwer, mit diesem Kind zu fühlen.

Aber da ist dann auch die erwachsen werdende Frau, die für das erschütterte Kind ein zunehmendes Verständnis entwickelt, die entdeckt, dass es möglich ist, zwischen sich, der Erwachsenen, und diesem schutzbedürftigen Kind zu unterscheiden und die dann ihre Bereitschaft zu spüren beginnt, für dieses ihr inneres Kind ganz allein zuständig zu sein ein innerer Wendepunkt der Regina Zeh! Nein, nicht von heute auf morgen. Ein Prozess ist das, ein bewegtes Meer, in dem, wenn der Sturm stark ist, die Wellen immer wieder beängstigend hoch sind und die Täler tief.

Dieser Wendepunkt, die Entdeckung der Bereitschaft zur Übernahme der alleinigen Verantwortung für das eigene Schicksal, bedeutet gleichzeitig die Erfahrung, wie innerer Freiraum sich zu vergrößern beginnt und Möglichkeiten einer kreativen Lebensbewältigung sich vervielfältigen. Es ist eindrucksvoll, was diese Frau alles „zu Wege“ bringt und „ins Werk“ setzt. Auf einer der letzten Seiten schreibt Regina Zeh dann: „Besonders faszinierend ist aber für mich, dass Menschen trotz ungünstiger Startbedingungen überleben und Zufriedenheit erlangen können.“

„Die Geschichte einer Traumatisierung“ heißt der Untertitel dieses Schicksals- und Lebensberichtes. Ich möchte hinzufügen: „Wie eine gelernt hat, aus Stroh Gold zu spinnen!“

Diese hohe Kunst allerdings ist nur dem vorbehalten, dem schon von früh an – und dann auch immer wieder – ein Haufen Stroh „geschenkt“ wurde.

Dr. Wilhelm A. Röttger

Einleitung

Die Welt war in Ordnung. Ich lebte mit meiner Schwester Theresia zusammen bei meinen Eltern in einem Bauernhaus bis meine Mutter Besuch von einer ihrer Freundinnen bekam, die mich küsste.

Ich habe hier meine Geschichte aufgeschrieben: Die realen Begebenheiten (so wie ich sie erinnere beziehungsweise wie sie durch medizinische Berichte „aktenkundig“ sind) und die Erlebensseite, d.h. das, was ich davon erinnere, und was sich mir nachträglich durch psychotherapeutisch unterstützte Selbsterforschung erschlossen hat.

Der Gedanke, meine Geschichte aufzuschreiben, tauchte zum ersten Mal 1995 auf, als ich im Krankenhaus lag und die dritte „Umstellung“ am rechten Knie erlebte. Ich hatte zunächst die Idee, meine Geschichte „Die Umstellung“ zu nennen: Ich musste mich so oft auf völlig neue Situationen einstellen, dass ich mein ganzes Leben so überschreiben könnte. „Umstellen“ im Sinne von Neuorientierung war immer mein Thema. Anderen Menschen geht es natürlich ebenso, auch sie müssen sich ihr Leben lang auf Neues einstellen. Aber zum Glück müssen sich nicht viele Menschen von frühester Kindheit an so existenziell umstellen, wie ich es tun musste.

Umstellung bedeutet auch Umlernen. Ich erkannte, dass ich mich nicht einfach darauf verlassen konnte, dass die Ärzte schon das Richtige tun würden. Auch den vielen anderen, die mich im Laufe meines Lebens behandelten - Physiotherapeuten, Krankenschwestern, Masseure, Orthopädieschuhmacher, die meine Schuhe anfertigen konnte ich nicht einfach blind vertrauen. Ich habe gelernt, hartnäckig Erklärungen einzufordern und mir in schwierigen Situationen Unterstützung zu suchen.

In einer späteren Etappe gab ich meinem Buchprojekt den Titel „Kopf hoch, Mädel“ Das war eine Ermunterung, die ich von vielen Seiten immer wieder zu hören bekam und die ich mir dann oft genug auch selbst vorsagte. Je nach dem, der da sprach, hatte das unterschiedlichste Reaktionen meinerseits zur Folge. Manchmal half sie mir, und ich fühlte mich dadurch unterstützt und getragen. Aber manchmal hatte ich den Eindruck, dass der, der mir das sagte, gar nicht wusste, was er damit von mir verlangte. Manchmal war mir eher danach zumute, den einfacheren Weg zu wählen und abzuwarten, bis alles Unangenehme vorbei war.

Ich glaube, dass ich beide Techniken beherrsche, und im Rückblick habe ich für beide Reaktionsweisen volles Verständnis. Beide Reaktionen können im Leben beim Überleben sehr hilfreich sein.

Als Nächstes drängte sich mir beim Schreiben der Titel „Ausgeliefert“ auf. Der Ausdruck traf lange auf meine subjektive Lage zu. Aber heute fühle ich mich nicht mehr so hilflos ausgeliefert wie damals als Kind. Und wenn ich mich heute (manchmal) ausgeliefert fühle, versuche ich mich nach Kräften dagegen zu wehren und nicht mehr darauf zu warten, dass sich das Gefühl von alleine regelt oder einfach nachlässt.

Ein weiterer Arbeitstitel war „Der Fluch der frühen Geburt“ und hatte damit zu tun, dass mir viele Unannehmlichkeiten erspart geblieben wären, wenn ich 20 Jahre später auf die Welt gekommen wäre. Dann sollte mein Buch „Die fast unbändige Wut ...“ heißen. Aber dieser Titel stimmt deshalb nicht, weil er nur einen – zwar wichtigen – Aspekt hervorhebt. Damit würde ein falsches Licht auf meine Geschichte fallen. Die Erfahrungen, die ich – und in ähnlicher Form viele andere Behinderte und Kranke – mit den im Gesundheitssystem Tätigen gemacht habe, lassen auf partielle Unwissenheit schließen, die heute (hoffentlich) nicht mehr so weit verbreitet ist. Aber letztendlich sehe ich in dem, was mir passiert ist, keinen Fluch! Ich habe wichtige Erfahrungen gemacht, die ich anderen mitteilen kann. Zeitweise bin ich allerdings recht traurig, weil manche Erlebnisse, die ihre Narben bei mir hinterlassen haben, auch nach dem damaligen Stand des ärztlichen Wissens nicht hätten sein müssen. Vielleicht ist es mir möglich, andere zu ermutigen, ihr Geschick in die eigenen Hände zu nehmen, um sich böse Überraschungen zu ersparen und ihre Situation zu verbessern.

Und ich habe ein weiteres Anliegen. Sowohl Gesundheitspolitiker als auch die Lernenden in den verschiedenen Zweigen medizinischer Berufe hören immer noch wenig oder nichts vom Erleben der Patienten. Sie haben deshalb kaum Gelegenheit, Verständnis zu entwickeln und ihre eigene Haltung zu überprüfen. Nur so konnten die letzten Gesundheitsreformen entstehen – fernab jeder Praxis! Ärzte können mit dem vorgesehenen Budget chronisch Kranke nicht versorgen – und oft sind wirklich hilfreiche Maßnahmen damit unmöglich. Ich würde mich freuen, wenn ich einen Beitrag dazu leisten könnte, die Patientenseite deutlich zu machen.

Beim Aufschreiben meiner Erlebnisse ist es mir sehr unterschiedlich ergangen. Einerseits stiegen alte Erfahrungen wie Ängste und die für meine Entwicklung so wichtige Wut empor, andererseits kamen Überlegungen auf, wie meine Schilderungen auf Ärzte, Schwestern und andere Menschen im Gesundheitswesen wirken könnten und wie sie danach mit mir umgehen würden. Aber bei der Suche nach einem Sinn in all dem, was, locker umschrieben, „dumm gelaufen“ ist, bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass nicht umsonst gewesen sein soll, was ich ausgehalten habe. Ich hatte Gelegenheit, meine Erlebnisse zu reflektieren und unangenehme Erfahrungen mit medizinischem Fachpersonal nachträglich so differenziert wahrzunehmen, dass ich meine „Abenteuer“ in Worte fassen kann. Durch mein Schreiben hoffe ich andere Patienten darin zu bestärken, ihre eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen, anzusprechen und sich nicht alles gefallen zu lassen, sondern Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Außerdem soll meine Geschichte anderen Mut machen, ihre eigenen Traumata zu bearbeiten, damit diese nicht unkontrolliert in aktuelle Lebenssituationen hineinwirken. Denn Traumata haben sehr umfangreiche Nachwirkungen. Je früher (lebensgeschichtlich gesehen) sie entstanden sind, umso weniger ist ein Individuum in der Lage, damit alleine fertig zu werden, sie zu verarbeiten.

Der Ausdruck Trauma (1) bezeichnet in der Medizin eine Wunde, Verletzung oder Schädigung des Körpers, in der Psychologie eine von außen einwirkende Verletzung der seelisch-psychischen Integrität. Die Traumaforschung ist noch eine vergleichsweise „junge“ Forschungsrichtung, hat aber für das Krankheitserleben gerade sehr kleiner Kinder ganz neue Einsichten und ein ganz anderes Verständnis ermöglicht.

Ich hatte als zweijähriges Kind Polio (Kinderlähmung) (2) und im Anschluss daran drei lange Krankenhausaufenthalte vor meinem dritten Geburtstag. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts bedeutete jeder Krankenhausaufenthalt für ein Kind die radikale Trennung von allem Vertrauten. Die Notwendigkeit dafür ist einem zweijährigen Kind noch nicht plausibel zu machen. Die Trennung von meinen Bezugspersonen, das Krankheitserleben und das Damit-allein-gelassen-Werden traumatisierten mich. Weitere innere und äußere Verletzungen kamen hinzu. Das Ergebnis waren Trauer, Hilflosigkeit – und eine fast unbändige Wut.

Aktueller Anlass, mein Buch der Öffentlichkeit vorzustellen, waren wiederholte Presseberichte über Gewalttaten und Amokläufe Jugendlicher. Es geht mir nicht darum, ihre Taten zu bagatellisieren oder zu entschuldigen. Aber von meinem eigenen Erleben, meiner eigenen Wut her kann ich zumindest einen Teil der Wut und der Verzweiflung dieser jugendlichen Gewalttäter nachvollziehen. Sie hatten anscheinend nicht wie ich die notwendigen Hilfen, mit ihrer Wut konstruktiv umzugehen.

Wut ist mir noch heute ein sehr vertrautes Gefühl, was mich einerseits sehr erschreckt, andererseits mich auch die Kraft spüren lässt, über die ich verfüge. Ich reagiere sehr sensibel auf Ungerechtigkeit, Brutalität, Gedankenlosigkeit, Diskriminierung, Machtmissbrauch, Herzlosigkeit und Rücksichtslosigkeit. Besonders deutlich wird mir das, wenn ich im Fernsehen einen Krimi sehe. Ich merke, dass ich mich nur schwer von dem Geschehen distanzieren kann. Ich lebe mit: Wenn die Kommissare den Bösewicht festnehmen, bin ich fast jedes Mal verwundert bis enttäuscht, dass sie diesen Verbrecher nicht erst mal verprügeln oder ihm „in die Fresse treten“. Wer anderen so übel mitspielt, der hat nichts anderes verdient! Das ist der erste Gedanke – und der zweite Gedanke ist dann mein Entsetzen über meine erste Reaktion: Wie kann ich so blutrünstig sein! Außerdem weiß ich von meiner Ausbildung und Erkenntnis her, dass brutale Gewalt immer nur neue brutale Gewalt hervorbringt.

Inzwischen ist mir natürlich klar, was bei solchen Gelegenheiten in mir passiert: Wird durch äußere Reize, wie zum Beispiel durch einen Krimi, meine „alte Wut“ angerührt, verbindet sich diese mit dem neuen Anlass und bricht dann heraus. Es hat damit zu tun, dass die alte Wut noch nicht ganz verarbeitet ist. Wie sich diese „alte Wut“ gesammelt hat und die Kräfte, die mir halfen, damit besser zurechtzukommen beziehungsweise das Erlebte zu bearbeiten und teilweise zu verarbeiten, ist im Folgenden zu lesen.

Mein Bericht legt auch Zeugnis ab über ein Stück Medizin- und Nachkriegsgeschichte. Vieles hat sich inzwischen positiv verändert. Andererseits ist die Situation in den Krankenhäusern wegen der massiven Einsparungserwartungen gerade gegenwärtig wieder sehr kritisch zu betrachten. Überlastete Krankenschwestern und unter Druck stehende Ärzte können sich noch weniger auf die Bedürfnisse von Patienten einstellen.

Es gibt Behinderte, die behaupten: „Ich bin nicht behindert, sondern meine Umwelt behindert mich!“ Diese Aussage kann ich nicht unterschreiben, da sich mir eine andere Wirklichkeit darstellt. Auch aus diesem Grunde habe ich dieses Buch geschrieben. Ich möchte die Dimensionen aufzeigen, die bestimmte Einschränkungen haben können. Ich bin in mehreren Bereichen behindert, nicht nur in meiner Gehfähigkeit. Meine Kindheitserlebnisse haben mich geprägt und damit auch meine Wahrnehmung beeinflusst. Jedes Mal wenn ich einen Arzt aufsuchen muss, bringe ich einen Berg von Erfahrungen, Ängsten, Enttäuschungen und vor allem mangelndes Vertrauen mit, was Ärzte oft unangenehm berührt wahrnehmen.

Ich will mit diesem Buch nicht, beziehungsweise nur sehr punktuell anklagen, aber an meinem Beispiel zeigen, wie das Verhalten der medizinischen Berufe von Betroffenen verstanden werden und bei ihnen wirken kann. Vielleicht kann diese Schilderung Ärzten, Schwestern und anderen im Gesundheitsbereich Tätigen dabei helfen, die andere Seite kennenzulernen, zu verstehen, warum manche Patienten so schwierig sind und sich so unverständlich verhalten, obwohl sie sich alle Mühe geben und tun, was in ihren Kräften steht.

1. Teil - Vorgeschichte

Und so hat es angefangen

Der Start meiner Eltern

Meine Eltern stammen beide aus Schlesien. Mein Vater wurde 1942 in den Krieg eingezogen. Meine Mutter wurde mit ihren Familienangehörigen 1946 aus ihrem Dorf vertrieben und in einem niedersächsischen Dorf bei verschiedenen Familien einquartiert. Meine Mutter und ihre Zwillingsschwester erhielten ein Zimmer in einem Bauernhof. Sie hatten auf dem Feld, im Stall und im Haus die anfallenden Arbeiten zu machen. Als Gegenleistung waren Zimmer und Verpflegung frei, zusätzlich bekamen sie 30,- Reichsmark pro Monat.

Mein Vater kam am 20. Oktober 1947 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Seine 75 kg Reisegepäck enthielten Kaffee, Kakao, Zigaretten zum Tauschen, Werkzeug und einige Kleidungsstücke. Er fand sofort Arbeit bei einem Elektroinstallateur und richtete zusammen mit diesem eine Spielwarenfirma am Ort neu ein.

Darüber hinaus machte er alles, was sich ihm als Arbeit anbot. Da er ein guter Handwerker war, waren seine Fähigkeiten gerade im ländlichen Gebiet sehr geschätzt. (Noch heute, 2013, 36 Jahre nach seinem Tod, werde ich auf ihn angesprochen.) Dennoch war Bargeld rar. Viele Familien mussten ihre Existenz völlig neu aufbauen, so auch meine Eltern. Alle Möbel und die Aussteuer waren in Schlesien geblieben, weil sie nur das Nötigste mitnehmen konnten. Das Nötigste waren die Bekleidung, die sie auf dem Leib hatten, und Ausweispapiere. Ende Dezember 1947 heirateten meine Eltern. Am Morgen der Hochzeitsfeier musste meine Mutter noch die Kühe melken, erst dann hatte sie frei.

An der Hochzeitsfeier nahmen 20 Gäste teil. Der Anzug meines Vaters und das Brautkleid, der Schleier und die Schuhe meiner Mutter waren geliehen. Das Essen zahlte einer der Gäste, der nicht genannt werden wollte. Meine Eltern haben nie aufdecken können, wer ihnen dieses Geschenk gemacht hatte.

Nach der Hochzeit hatte das junge Paar zunächst ein Zimmer mit einem Bett und einem Sofa, einem Federbett und einem Koffer mit Bekleidung. In diesem Zimmer wurde ich am 1.10.1948 geboren. Dann bekamen meine Eltern ein zweites Zimmer, das als Wohnküche eingerichtet wurde. Nach undnach schafften sich meine Eltern Hausrat und Möbel an.

Meine Mutter arbeitete noch am Morgen des Tages meiner Geburt im Stall. Meine Schwester Theresia kam ein Jahr später zur Welt, Christina 1951 und Monika 1952. 1958 wurde Maria, 1959 Petra, und 1964 wurde Andreas geboren.

Nach dem Krieg herrschte bis etwa 1960 Wohnraummangel. Viele Häuser waren durch Bomben zerstört, und zusätzlich mussten zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene untergebracht werden. Bis 1955 bewohnten wir (d.h. meine Eltern, meine drei Schwestern und ich) zwei Zimmer in der ersten Etage eines geräumigen Bauernhauses. In unserer Wohnküche gab es einen Küchenschrank, den Küchentisch, ein Sofa, Stühle, eine kleine Kommode, einen Kohleherd mit Backrohr und ein Waschbecken, aber kein fließendes Wasser. Zum ersten Geburtstag nach der Eheschließung schenkte mein Vater meiner Mutter einen Elektroherd, den er selbst gebaut hatte und der jahrelang gute Dienste leistete.

Das andere Zimmer war unser Schlafzimmer, durch das man gehen musste, um in die Küche zu kommen. Gleich links neben der Tür waren die Ehebetten meiner Eltern, und am Fußende stand das kleinste Kinderbett. Neben den Ehebetten hatte noch die Spiegelkommode Platz. An der Querwand war ein Fenster mit Blick zum Hof und auf den Misthaufen. Vor dem Fenster stand die Tischnähmaschine meiner Mutter. Daneben waren die Nachtschränke meiner Eltern übereinandergestellt, dann kam der Kleiderschrank. An die daran anschließende Wand waren zwei Kinderbetten quergestellt. Vom Fenster darüber war das Dach der Waschküche zu sehen, das nach rechts abfiel und über dem Weg im Garten endete. Am Fußende des zweiten Kinderbettes stand in der Ecke an der Wand das vierte Kinderbett. Gleich daneben war die Tür zur Wohnküche. Der Fußboden im Schlafzimmer und in der Küche bestand aus Holzdielen, die regelmäßig mit Bohnerwachs und Bohnerbesen gepflegt wurden. Auf dem Fußboden in der Küche waren die Dielen zum Teil mit Stragula (einer kostengünstige Linoleumimitation) abgedeckt.

Gelebt und gespielt wurde in der Küche. Hier wurde auch gebadet. Wir hatten eine große Zinkwanne, die zum Baden hervorgeholt und auf den Fußboden gestellt wurde. Das Wasser wurde aus der Nachbarwohnung geholt und auf dem Herd erwärmt. Die Toiletten waren im Erdgeschoss im Stall. Dafür musste man die Treppe hinunter, an der Hintertür und der Waschküche vorbei, durch den Pferdestall (die Pferde konnten einen sehr langen Hals und deshalb Angst machen) und an den Kühen und Schweinen vorbei. Unter dem Hühnerstall waren die Toiletten. Diese Toiletten waren Plumpsklos und rochen entsprechend. An der Wand hing immer ein Stapel aufgefädelter Zeitungsblätter, in Postkartengröße gerissen. Die Deckenbretter über der Toilette waren der Fußboden des Hühnerstalls und nicht richtig dicht. Mit etwas Glück konnte man die Toilette mit einer zusätzlichen Verzierung auf dem Kopf oder auf der Mütze verlassen.Mit solchen und noch bescheideneren Wohnverhältnissen mussten in dieser Zeit viele Familien zurechtkommen.

1952 bekam mein Vater einen festen Arbeitsplatz bei einem Elektroinstallateur im Ort. Da er dort einen Stundenlohn von nur 0,52 DM bekam, war er immer bemüht, das Familieneinkommen aufzubessern. Er baute eine Ölmühle, mit deren Hilfe er aus Raps Öl presste. Zehn Prozent des Erlöses war sein Verdienst. Mit dem Rapsöl wurden Kartoffeln gebraten, Kuchen gebacken, Gemüseeintöpfe angereichert und andere Lebensmittel eingetauscht. Meine Eltern pachteten einen Garten und bauten da Obst und Gemüse an, um die Familie gesund zu ernähren. Meine Mutter nähte in den ersten Jahren aus alten Kleidern die Bekleidung für uns Kinder. Außerdem wurde Kleidung von einer Familie zur anderen weitergereicht.

Zur Geburt ihrer vierten Tochter bekam meine Mutter eine neue, elektrische Nähmaschine von meinem Vater. Er handelte bei elektrischen Geräten nach dem Motto: Das Neueste, was aus den „Kinderschuhen“ heraus ist, ist gerade richtig! – Alt wird es von alleine. Noch viele Jahre lang nähte meine Mutter, Röcke, Kleider, Mäntel und Jacken für uns Kinder und für sich selbst.

Der kränkende und krank machende Kuss

Angeblich war ich ein süßes Kind. Das ist nicht unwichtig! Denn 1950, als ich etwa zwei Jahre alt war so wurde mir erzählt bekam meine Mutter Besuch von einer ihrer Freundinnen. Diese sah mich, nahm mich in die Arme, hob mich hoch und küsste mich auf den Mund. In meiner Familie war es nicht üblich, dass Kinder auf den Mund geküsst wurden. Es ist bekannt, dass gerade auch kleine Kinder ein gesundes Empfinden von Nähe und Distanz haben. Dieser Kuss war eine deutliche Überschreitung der Grenze zu diesem kleinen Kind, das sich noch nicht dagegen wehren konnte. Meine Mutter war über dieses Verhalten ihrer Freundin auch Jahrzehnte später noch sehr empört.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Im Verlauf ihres Besuchs erzählte die Freundin: „Stellt euch vor: Im Zug war ja so ein krankes Kind...“ Vierzehn Tage später wurde ich krank.

Meine Mutter erzählte mir später, dass es wie eine Grippe begonnen hatte, mit Husten, Schnupfen und Fieber. Aber plötzlich konnte ich nach dem Mittagsschlaf nicht mehr stehen. Ich knickte immer wieder ein. Mein Vater, der zufällig zu Hause war, meinte, dass ich wohl noch nicht ausgeschlafen hätte und dass meine Mutter mich noch einmal hinlegen sollte. Nach einer halben Stunde versuchte meine Mutter mich noch einmal hinzustellen, und ich knickte wieder ein. Daraufhin rief sie beim Arzt im Dorf an und schilderte die Symptome und ihren auf Zeitungsberichte gegründeten Verdacht. Der Arzt bestätigte, dass tatsächlich alles auf Kinderlähmung (Polyomyelitis oder kurz: Polio) hindeute, und ordnete an, dass sie sofort mit mir ins Krankenhaus fahren sollte. Unser Hauswirt besaß neben seiner Landwirtschaft auch ein Telefon und das Taxigewerbe mit einem der wenigen Autos im Ort. Man fuhr mich ins Krankenhaus der nächsten Stadt, eine Kreisstadt. Ich war tatsächlich der einzige Fall mit Kinderlähmung in der ganzen Umgebung.

Eine schwere Erkrankung wie Kinderlähmung ist für ein zweijähriges Kind ein extrem belastendes Ereignis. Die akute Polio ist im Anfangsstadium einer schweren Grippe ähnlich. Dann stellen sich aber zusätzlich Lähmungen ein, die bis zu Atemlähmungen gehen können, weil auch das Zwergfell betroffen werden kann. So schwere Verläufe sind für jeden Menschen existenzbedrohend. Bei den leichteren Verläufen sind Glieder- und Kopfschmerzen, Fieber und Erkältungssymptome zu beobachten. Bei mir war der Krankheitsverlauf leichter. Ich hatte glücklicherweise keine Beeinträchtigung der Atmung. Aber ich kam auf eine Isolierstation für zunächst acht Wochen.

Erkrankt ein Kind und wird zu Hause von der Familie gepflegt, wird es gewöhnlich auch getröstet, wenn es Schmerzen hat und weint oder sich einfach nur unwohl fühlt. In einem Krankenhaus sind dafür weder die Zeit noch das nötige Personal ausreichend verfügbar. Doch selbst wenn ausreichend viele Schwestern bereit stünden, wäre das keine Lösung. Wer kleine Kinder beobachtet weiß, dass sie nicht von irgendwem getröstet werden wollen, sondern von Mama oder Papa, je nachdem, wer in den Vorstellungen des Kindes hilfreicher erscheint. Deshalb ist das Pflegepersonal im Krankenhaus nur bedingt geeignet. Heutzutage wird es Eltern ermöglicht, ihre kleinen Kinder ins Krankenhaus zu begleiten – damals wäre das undenkbar gewesen.

Meine Mutter berichtete, dass ich nicht mehr zu ihr wollte, als ich nach acht Wochen entlassen werden sollte. Ich klammerte mich bei der Krankenschwester fest und weinte.

Man stelle sich vor: Ein kleines Kind kommt ins Krankenhaus. Es ist aus seiner Umgebung herausgerissen, keine der gewohnten Bezugsperson ist mehr da, weder Mutter noch Vater, keine Geschwister, Onkel oder Tanten, Oma und Opa – niemand. Dem Kind geht es schlecht, es hat Fieber, Schmerzen und befindet sich in einer fremden Umgebung mit fremden Leuten. Keine vertraute Stimme, kein vertrautes Essen, keine vertrauten Gerüche, keine vertrauten Spielsachen oder Spielgefährten – kein Kuscheln oder Schmusen. Für so ein Kind, das emotional noch vollständig auf seine Eltern angewiesen ist, bricht eine Welt zusammen. Alles, was zu seiner Welt gehörte, ist nicht mehr da ist weg! Einem so kleinen Kind ist nicht zu erklären, warum das so ist. Intellektuell ist es noch nicht in der Lage, die Situation zu begreifen. Das Kind fühlt sich im wahrsten Sinne des Wortes „von allen guten Geistern verlassen“. Es fühlt sich einer unbekannten, fremden Welt schutzlos ausgeliefert und damit existenziell bedroht. – So entsteht ein Trauma. – Dass etwas Gravierendes passiert sein muss, ist daran zu erkennen, dass das Kind nach acht Wochen Krankenhausaufenthalt nicht mehr zu seiner Mutter will – sich an der Schwester anklammert. Das Kind hatte acht Wochen keinen Kontakt zu seiner Mutter. Damals durften Kinder im Krankenhaus nur durch ein Fenster von den Angehörigen angesehen werden. Ein Besuch am Krankenbett oder gar eine Berührung war undenkbar, ja verboten.

Ein Kind könnte daraus lernen: Du darfst niemandem vertrauen, du bist alleine und musst dich schützen! Es kann auch lernen: Das Leben hat eine Menge unangenehme Überraschungen für dich parat! Sei sehr vorsichtig! Pass auf!

Meine Mutter hatte sich damals geschworen, mich nie wieder in ein Krankenhaus zu geben. Aber das war nicht möglich. Den Kontakt zu ihrer Freundin hat sie einschlafen lassen und ihr auch nie berichtet, was sie mir da mitgebracht hatte. Denn meine Mutter war überzeugt, dass ihre Freundin für meine Erkrankung verantwortlich war.

Die ambulante physikalische Therapie (Krankengymnastik, Massagen, Elektrotherapie, Bäder, Kälte- und Wärmeanwendungen) war 1950 und 1951 noch nicht im Leistungskatalog der Pflichtkrankenkassen enthalten. Deshalb war es Ärzten nicht möglich, ambulante physikalische Therapie zu verordnen, die von den Krankenkassen übernommen wurde. Physikalische Therapie wurde in Krankenhäusern erteilt oder musste privat finanziert werden.

Da wir in einem kleinen Dorf im Landkreis Peine lebten und die Reise in die Großstadt zum Fachkrankenhaus mehrere Stunden dauerte, schien es eine gute Lösung zu sein, mich dort stationär unterzubringen. Während Schuhe und Stützapparat angefertigt wurden, stand ich jederzeit für Anproben zur Verfügung. In der Zwischenzeit konnte ich mit den notwendigen physikalischen Therapien versorgt werden, um die Nerven- und Muskeltätigkeit in meinen gelähmten Beinen anzuregen. Krankengymnastik, Massagen und Elektrotherapie konnte ich nur hier bekommen.

Meine Erinnerungen an diesen Klinikaufenthalt sind äußerst spärlich – kein Wunder, ich war ja damals erst zwei Jahre alt. Aber ein Erlebnis steht mir überdeutlich vor Augen:

Ich liege in einem 4-Betten-Zimmer, ein Bett ist rechts von mir, dazwischen eine Spielzeugkiste und ein Mann. Gegenüber sind, jeweils in den Zimmerecken, noch zwei Betten, links ist eine Tür, durch die man auf den Balkon gelangt, dieser Tür gegenüber ist die Zimmertür, in der eine große Glasscheibe ist. Ich sehe meine Mutter vor dieser Tür und sehe, dass sie weint. Ich weiß, dass sie meine Mutter ist, aber ich zeige ihr nicht, dass ich sie erkenne – sie ist es, die mich hierher gebracht hat. Ich bin ihr böse und enttäuscht, weil sie nicht bei mir ist, weil sie mich allein gelassen hat. Der Mann spielt manchmal mit mir. Es sind besondere „Spiele“, für die ich keinen Namen habe, die mich verwirren und bei denen ich mich ruhig verhalten muss, obwohl er mir manchmal weh tut. Für dieses „Spiel“ steckt er mir etwas durch die Gitterstäbe, was ich noch nicht kenne. Manchmal bringt der Mann mir Bonbons mit, Himbeerbonbons oder Goldnüsse. Seine Stimme und seine Aufforderungen habe ich noch viele Jahre lange innerlich gehört. Ich wusste immer, dass ich zu diesem Mann eine besondere Beziehung hatte.

Ich war diesem Mann ausgeliefert! Ich lag in einem Gitterbett aus Metall in einem Gipsbett. Dieses Gipsbett lag auf einem Holzbrett, das am Kopfende ca. 30 cm höher war als am Fußende. Etwa auf Gesäßhöhe war ein Loch eingelassen, und darunter stand ein Schieber (Becken), in dem alles landete, was von der Verdauung übrig blieb. Das Gipsbett war über dem Körper geformt worden. Das sah so aus, dass der Kopf, der Rücken und die Beine in einer Schale lagen. Die Beine waren gespreizt und der Genitalbereich war ebenfalls ausgespart. Das war praktisch, denn so entfiel das Windelnwechseln. (Wegwerfwindeln wurden erst viel später erfunden.) Wurde ein Kind im Gipsbett angebunden, war es ihm nicht möglich aufzustehen. Das erleichterte die Beaufsichtigung dieser Kinder. Sie konnten nur die Arme bewegen, und sie konnten keinesfalls aus dem Bett klettern.

Wie oft der Mann kam, um mit mir zu „spielen“, weiß ich nicht mehr. Aber einmal hatte er mir sehr weh getan und es war Blut im Bett. Die Schwestern waren entsetzt. Ich hatte danach Schmerzen beim Wasserlassen, es brannte schrecklich. Der Mann kam danach nicht wieder.

Die Erinnerung steht vor meinem inneren Auge wie ein altes Foto, und lange habe ich geglaubt, dass dieser Mann ein Arzt war. Im Krankenhaus gab es für mich damals nur Ärzte und Schwestern – also war dieser Mann in meinen Augen ein Arzt. Und es war ein Fehler, ihm zu vertrauen!

Nachträglich machte ich mir klar, dass schon damals Ärzte nicht die Zeit hatten, mit den Kindern auf ihrer Station zu spielen. Viel wahrscheinlicher ist, dass nach dem Krieg einige ehemalige Soldaten, die im Lazarett gearbeitet hatten, in den Krankenhäusern als Pfleger eingestellt worden waren.

Die Erinnerungen an die Details der Begebenheit mit diesem Mann stellten sich während meiner Analyse 1981 ein. Sie begannen damit, dass ich plötzlich einen regelrechten Hunger auf Himbeerbonbons und Goldnüsse bekam. Zu der Zeit lernte ich gerade, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und nicht gleich einer Zensur zu unterziehen, ob meine Wünsche sinnvoll oder unsinnig sind. Ich handelte nach der Weisung: „Was der Mensch braucht, soll er haben!“ – Ich kaufte mir diese Süßigkeiten und hatte immer genug davon bei mir.

Dann bekam ich völlig unerwartet Schmerzen an der Außenseite meiner linken Hand und wusste plötzlich, dass das von der Zeit im Krankenhaus herrührte. Immer wenn der Mann bei mir war, bewegte ich meinen Unterarm an den Gitterstäben meines Bettchens aus der liegenden Position nach oben und unten und schlug auf diese Weise an die einzelnen Gitterstäbe. Meine Hand erinnerte sich nun daran, und die damit verbundenen Erlebnisse standen wieder lebendig vor mir. Ich erinnerte mich auch an seine Stimme und die Aufforderungen. „Nun mach schon!“

Als kleines Mädchen hatte ich nicht gewusst, was ich tun sollte, was er von mir erwartete. Als erwachsene Frau von 33 Jahren begriff ich sofort, was dieser Mann von mir forderte. Jetzt wurde mir auch klar, warum ich im Alter von 20 Jahren beim Schmusen mit einem Freund mit heller Angst und Panik reagiert hatte, als er meine Hand in seinen Schoß gelegt und ich sein Glied gefühlt hatte. Ich hatte damals einen Vorwand gefunden, um die Beziehung sofort zu beenden. Ich hatte an meinem Verstand gezweifelt, weil ich mein Verhalten nicht begreifen konnte – schließlich war ich aufgeklärt und wusste „theoretisch“ Bescheid.Es war mir unerklärlich, warum ich plötzlich eine solche Angst, Panik, Abscheu und Verwirrung erlebt hatte.

Mit den Himbeerbonbons und den Goldnüssen kam die Erinnerung an die besonderen „Spiele“ wieder. Der Mann hatte mir sein erigiertes Glied durch die Gitterstäbe meines Bettes zum Spielen gegeben. Nachdem ich dieses „Spielzeug“ untersucht hatte und ich nicht viel damit anfangen konnte, war es für mich uninteressant. Die Aufforderung „Nun mach schon!“ bedeutete offensichtlich, dass ich das „Spielzeug“ wieder anfassen sollte. Er hatte währenddessen seine Hand zwischen meinen Beinen und versuchte meine Klitoris zu stimulieren. Die Art und Weise seiner Berührungen bereitete mir aber Schmerzen, und je erregter er war, umso gröber fielen seine Manipulationen aus.

Damals, 1950 bis 1962, vielleicht auch noch länger, gab es auch in diesem Krankenhaus feste Besuchszeiten; Sonntag und Mittwoch von 15.00 bis 17.00 Uhr. Auf diese Zeiten wurde peinlich genau geachtet. Die kleinen Kinder durften keinen persönlichen Besuch bekommen. Deshalb durften Verwandte nur durch die Scheibe in der Tür ihre Kinder anschauen. Offizielle Erklärung dafür: Die Gefahr sei zu groß, dass Besucher Infektionskrankheiten mitbringen. Außerdem, so hieß es, könnten die Kinder Heimweh bekommen und wieder anfangen zu weinen.