Der Staatsverbrecher - Norbert Sachse - E-Book

Der Staatsverbrecher E-Book

Norbert Sachse

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Beschreibung

Wie ein jugendlicher in der DDR durch die Justiz zu einem gefährlichen Staatsverbrecher gemacht wurde, der mit Dieben, Gewalttätern, Räubern, Sexualstraftätern und Mördern seine Zelle teilte. Bis er endlich, zusammen mit 30 Mithäftlingen, von der Bundesrepublik freigekauft wurde Ein Weg vom vorbildlichen Jungkommunisten der sich beim sowjetischen Militär beworben hat über die Enttäuschung beim Einmarsch der Sowjettruppen in die CSSR bis zum Wiederstand gegen das System der letztendlich im Zuchthaus endete.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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   Der Staatsverbrecher

Norbert Sachse, gefährlich, wird dringend wegen Verbrechen gegen die Deutsche Demokratische Republik gesucht. Hinweise bitte an das

Prolog

Im Alter von 16 Jahren galt ich in der DDR als gefährlicher Staatsverbrecher, den man für 2 Jahre und 9 Monate in das Jugendzuchthaus Torgau einsperren musste. Später kamen noch einmal 4 Jahre und 9 Monate hinzu, sodass ich insgesamt zu 7,5 Jahren Zuchthaus (Der Name war gerade in strengen Strafvollzug geändert worden, ohne dass sich am Zustand irgendetwas geändert hätte) verurteilt wurde. Von dieser Zeit habe ich 39 Monate abgesessen und dabei mehr oder weniger lange, elf Gefängnisse mehr oder weniger lange erlebt.

Meine Geschichte habe ich bereits in einem Buch „Die Akte S“ im Jahre 2017 aufgeschrieben, nachdem ich meine Stasiakten im Umfang von 2000 Seiten erhalten hatte. In der Zwischenzeit sind weitere ca. 150 Seiten gefunden worden. Das oben erwähnte Buch beruht weitestgehend auf diesen Akten und berücksichtigen weniger die weiteren Umstände wie Gefühle, Personen meines Umfeldes und politische Zusammenhänge.

Deshalb möchte ich noch einmal diese Zeit meiner Gefangenschaft, wie es dazu kam und was danach geschah beleuchten.

Geholfen dabei haben mir die vielen Fragen von Jugendlichen an Schulen, die ich als Zeitzeuge regelmäßig besuche.

Ein Geschichtslehrer sagte mir einmal dazu: „Für die heutigen Schüler ist die DDR genau so weit entfernt wie das Mittelalter.“

Deswegen liegt mein Fokus vor allem bei den Dingen, die nicht in den offiziellen Dokumenten stehen und vielleicht auch nicht bekannt sind.

Das Zusammenleben mit Schwerverbrechern wie Mördern, Räubern, Dieben, Vergewaltigern, Kinderschändern und vielen anderen Kriminellen, zu denen man sich nicht zugehörig fühlt und mit denen man dennoch ein oftmals fast freundschaftliches Verhältnis hat, ist irreal und dennoch die Realität. Oftmals habe ich das Gefühl, dass geglaubt wird, jeder der in der DDR inhaftiert war, war auch ein politischer Gefangener und unschuldig. Dem war sicher nicht so und die allermeisten der Gefangenen hätten auch in der Bundesrepublik oder jedem anderen westlichen Land für das, was sie getan haben, büßen müssen. Über die Höhe der Strafen und die Haftbedingungen kann man allerdings unterschiedlicher Meinung sein und auch darüber streiten.                                                                                                   Vielleicht half mir das völlige Fehlen von Angst oder Unterwürfigkeit vor dem so übermächtig scheinenden System. Das Fehlen von Furcht heißt aber nicht gleichzeitig das Vorhandensein von Mut. Vielleicht war es nur Naivität. Oft wenn ich von meinen Erlebnissen erzähle, habe ich das Gefühl, dass diese düsteren Jahre der deutschen Geschichte entweder nicht mehr interessieren, es wird geglaubt alles darüber zu wissen oder das Schlimmste, es wird verharmlost, vor allem bei der älteren Generation.

Im besten Falle war alles alleinige Schuld und Verantwortung der Stasi. Man sollte aber darüber nicht vergessen, sie war ein Teil des Staates und ein Ministerium mit Ministern, etwa 100.000 Mitarbeitern und nach eigenem Bekunden „Schwert und Schild der Partei“.                                                                                                               Die alten Kader von MfS und SED gehören zwar schon lange nicht mehr zu den Gespenstern der deutschen Gesellschaft, aber sie spuken noch. So gibt es in Berlin bis heute an der Prenzlauer Allee, direkt neben dem früheren NKWD (Vorgänger des KGB) Gebäude, ein Grundstück mit Sauna, wo sich die alten Stasioberen regelmäßig treffen.

Im zwanzigsten Jahrhundert sind durch den Sozialismus und Kommunismus mehr Menschen zu Tode gekommen als durch alle Kriege der Menschheitsgeschichte zusammen. Die Art, ob Sowjetsozialismus, Nationalsozialismus, Maoismus oder der Steinzeitkommunismus der Roten Khmer, war dabei völlig unwichtig.. Man sollte dies nie vergessen.

Das heißt aber nicht, dass nicht ein starkes Interesse bei vielen jungen Leuten an der näheren Vergangenheit besteht. Nicht außer Acht gelassen werden sollte der Umstand, dass ich natürlich nur aus meinem eigenen Erleben in einem kurzen Zeitraum berichten kann, dies aber so gut ich kann authentisch versuche wiederzugeben.

Ich versichere, dass alle geschilderten Geschehnisse und Erlebnisse genau so geschehen sind oder dass ich sie zumindest genauso in Erinnerung habe, wie sie vor inzwischen 50 Jahren geschehen sind.

1. Der 13.August.1971

Der Barkas-Kleintransporter wurde langsamer und kam mit einem Ruck zum Stehen. Ich hörte Stimmen, Hundegebell und dann dieses unverwechselbare Geräusch des Elektromotors, der das Tor zur Seite bewegte. Kurzes Anfahren und dann wieder das Abbremsen. Das Tor schließt sich hinter dem Wagen und danach öffnet sich das zweite. Anfahren, abstoppen, dann kommt das Auto zum Stehen und der Motor wird abgestellt.

Die kleine Kabine, in der ich seit unendlicher Zeit, scheint es mir, eingepfercht war und in der bei jedem Bremsmanöver meine Knie gegen die Vorderwand stießen, öffnet sich und ich muss aussteigen. Das Tageslicht blendet die Augen, so dass kaum etwas von der Umgebung zu erkennen ist, was sich aber sofort nach dem Eintreten durch eine rostfleckige Stahltür ändert. In einem kleinen Raum muss ich alle Habseligkeiten abgeben, mich völlig ausziehen und mit dem Rücken zur Wand aufstellen. Die Kopfhaare, die Mundhöhle und das Schamhaar werden nach „Schmuggelware“ durchsucht. Dann der Befehl: „Umdrehen, bücken und Pobacken auseinanderziehen.“ Der Finger im Anus kam aber völlig unerwartet. Ich drehe mich halb um und sage: „Wir haben jetzt beide einen Finger im Arsch aber nur Sie haben Spaß dabei!“

Das gebellte: „Schnauze halten“ traf mich gleichzeitig wie der Schlagstock meine rechte Niere. Ich ging stöhnend in die Knie und versuchte, mir den Schmerz nicht zu sehr anmerken zu lassen. Langsam kam ich wieder auf die Beine.

Weiter zum Duschen. Die Duschköpfe, acht Stück an der Zahl, waren über die Decke verteilt und an der Wand die dazugehörigen Kaltwasser Hähne. Ich hoffte, dass da jetzt wirklich nur Wasser kommt.

Nach dieser Prozedur bekam ich mein „Päckchen“ bestehend aus Bettwäsche, einer Decke, zwei Unterhosen zum zusammenschnüren, ein Hemd, zwei Paar Socken, ein Paar alte Militärstiefel, ein Paar Turnschuhe, eine Kopfbedeckung in Schiffchenform, eine eingefärbte alte Wolluniform aus alten Wehrmachtsbeständen, bei der aus den Ärmeln und Hosenbeinen jeweils Streifen herausgetrennt und mit grell leuchtenden gelben Streifen geschlossen worden waren. Zudem Geschirr aus Kunststoff, Besteck, Seife, Zahnbürste und Zahncreme.

So ausgestattet folgte ich einem „Schließer“ zu einer Zelle im obersten Stockwerk am Ende des Ganges.

In dem Raum befanden sich 6 Doppelstockbetten, ein großer Tisch in der Mitte des Raums mit 12 Stühlen und offene Schränke, welche den Betten zugeordnet waren. Die Zelle war zu diesem Zeitpunkt mit 9 Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren belegt.

Die ersten Fragen waren nach dem Namen, „weshalb da und wie lange mitgebracht“?

Nachdem ich erzählt hatte, dass ich Norbert heiße, 2 Jahre und 9 Monate wegen Staatsfeindlicher Hetze mitgebracht habe und auch dass ich unter anderem einen Brief an A.C. Springer (den Herausgeber der Bildzeitung) geschrieben hatte, der natürlich abgefangen wurde. Damit hatte ich erst einmal meinen Spitznahmen für die nächste Zeit: AC.

Danach fragte ich meine neuen Mitbewohner nach Ihren Taten und Strafen aus.

Diese lagen zwischen 2 und 15 Jahren und beinhalteten Diebstähle, Raub, Vergewaltigung, Rowdytum, Körperverletzung und Totschlag – eine nette Gesellschaft.

Inzwischen war es Mittag geworden und das Essen rollte an. Den Plastiknapf nehmen und an der Tür anstellen. Auf dem Gang steht der Wagen mit mehreren Behältern und der Kalfaktor schenkt das Essen aus. An diesem Tag Kartoffeln, Sauerkraut darüber und obendrauf eine Bratwurst.

Gerade als ich mich zum Essen gesetzt hatte öffnete sich die Tür erneut und ich wurde aufgefordert mitzukommen zum VO (Verbindungsoffizier des MfS – allgemein V-Null genannt).                                                                       

Das Büro des V-Null war klein und hatte den typischen Geruch von Amtsstuben, nach billigem Sperrholz, altem Papier und abgestandener Luft.

Er saß an seinem Schreibtisch und blätterte in einer Akte, ich vermutete, der meinen.

Ohne aufzusehen, sagte er: „setzen“. Nach einiger Zeit fragte er mich unvermittelt: „wissen sie was heute für ein Tag ist?“.

Die Antwort war: „Ja der 13.August 1971.“

„Wissen sie welche Bedeutung dieses Datum hat?“

„Ja, heute ist der 10. Jahrestag des Baues der Schandmauer.“

Jetzt flog der Kopf unvermittelt hoch und mit unterdrückter Wut in der Stimme sagte er: „Das ist keine Mauer, sondern der antifaschistische Schutzwall der DDR“! Ich schaute ihm in die Augen und fragte scheinbar überrascht: „Das verstehe ich nicht, ich dachte in der DDR gibt es keine Faschisten mehr, die man dann auch noch am Weglaufen hindern will“?

„Die Faschisten der BRD wollten unseren Arbeiter und Bauernstaat überfallen und wir haben uns dagegen geschützt.“ war seine Antwort.

„Ihnen ist dann aber ein entscheidender Fehler unterlaufen, denn die gesamten Sperranlagen sind nur von der Westseite her abbaubar.“

Auf diese Antwort war er offensichtlich nicht vorbereitet und er beendete seine Audienz mit den Worten: „Wir werden noch viel Spaß miteinander haben!“ Was offensichtlich als Drohung gemeint war. Ich habe ihn nie wieder zu Gesicht bekommen.

Als ich zurück in die Zelle kam, merkte ich sofort, dass irgendetwas los war. Es gab ein Kichern und eine gewisse Spannung lag in der Luft. Ich wollte mich hinsetzen, um mein bisher verpasstes Mittagessen zu mir zu nehmen und dann sah ich es. Die Bratwurst fehlte, dafür hatte jemand auf mein Essen geschissen.

Meine Gedanken überschlugen sich, wie ich jetzt reagieren sollte.

Noch vor kurzem war ich genau vor so einer Situation gewarnt worden. Von Charly, einem Berufsverbrecher der etwa die Hälfte seines Lebens in Haft verbracht hatte. 

In Halle an der Saale hatte er mir geraten: „Du darfst dir auf keinen Fall und von Anfang an irgendetwas gefallen lassen, auch wenn es dir weh tun wird, es ist auf jeden Fall besser Prügel einzustecken als für den Rest der Zeit der Fußabtreter für alle zu sein!“

Der Puls schlug mir bis zum Hals als ich mich äußerlich ruhig an den Tischsetzte und versuchte meine Nerven unter Kontrolle zu bekommen.

Alle versammelten sich um mich herum um mich zu beobachten, lachten und jeder hatte irgendeinen Spruch zum Besten zu geben.

Blitzartig nahm ich die Essensschüssel und drückte sie demjenigen der am nächsten war ins Gesicht. Er viel rückwärts von dem Hocker, auf dem er gekniet hatte, ich sprang auf und stellte meinen Fuß auf seinen Hals. Die Heiterkeit war augenblicklich verschwunden und der am Boden liegende jammerte, dass er es doch gar nicht gewesen sei, der die Wurst auf dem Essen ausgetauscht hätte.

Ich sagte: „Das ist mir egal wer das war, es interessiert mich nicht, aber du hast am meisten darüber gelacht!“

Ich hatte mir meinen Respekt an diesem Tag verdient und hatte für die nächsten Monate keine weiteren Probleme – jedenfalls nicht in dieser Hinsicht.

Nur hungrig war ich noch immer und musste jetzt auf das Abendessen warten, aber das machte nichts, denn das Adrenalin wirkte nach. 

Am Nachmittag kam noch ein Neuzugang und natürlich wollte auch von ihm jeder wissen, weshalb er da war und wie lange, aber er sagte nur: „Darüber spricht man nicht“. Das führte zu der Vermutung er sei ein Sittenstrolch, was zu Fragen führte, etwa, wie alt war sie denn, hat sie sich gewehrt, hat es sich wenigstens gelohnt, war sie so alt, dass sie nicht weglaufen konnte und ähnliche dämliche Sprüche.

Er reagierte allerdings nicht darauf und ließ alles klaglos über sich ergehen.

Später wurde noch Peter, ein Kirchendieb, und auch erst an diesem Tag angekommen, zum V-Null geholt und als er zurück gebracht wurde fragte der Schließer den letzten Neuzugang, weshalb er da sei und wie lange. Er sagte wieder: „Darüber spricht man nicht“, worauf ihn der Wachmann anschnauzte, er habe gefälligst zu antworten. Klaus, so hieß er, lief rot im Gesicht an fixierte den Beamten mit bösem Blick und sagte:

„Ich habe lebenslänglich wegen Doppelmordes und wenn du mich noch einmal so blöd anredest, dann bist du der nächste, denn ich habe nichts mehr zu verlieren.“

Ich glaube wir alle sind in diesem Augenblick blass geworden.

Später wurde er einer meiner besten Freunde, soweit das im Knast überhaupt möglich ist. Man kann sich schwerlich vorstellen, dass man mit Personen, die schwerste Straftaten verübt haben, ganz normal zusammenlebt und sie unter Umständen sehr sympathisch findet.

Am Abend des gleichen Tages wurde ich aus der Zelle geholt. Ich sollte eine Decke mitnehmen und meine Zahnbürste, sonst nichts, da ich für die nächsten acht Tage in den Arrest käme wegen einer begonnenen Schlägerei.

Die Arrestzelle befand sich im Keller der alten Festung und war ziemlich feucht. In einer Zelle von3 x 4 Metern befand sich noch einmal ein Käfig, in dem sich nur ein Betonsockel und ein Eimer mit Deckel – ein sogenannter Kübel – für die Notdurft befand.

Zum Glück hatte ich schon zu Abend gegessen, denn im Arrest bekam man nur 3 Scheiben Brot mit Marmelade pro Tag, etwa einen halben Liter Kaffeeersatz und nur alle drei Tage eine warme Mahlzeit.

Ich wickelte mich in die einzige Decke ein und dachte über meinen ersten Tag im Jugendzuchthaus der Festung Torgau nach. Dem ersten von über 700 die noch folgen sollten, aber es kam alles anders.

In dieser Nacht, während ich trotz des harten Nachtlagers gut schlief, bekam Peter, der Dieb von Kircheneigentum, Besuch von der „bunten Kuh“, da offensichtlich er es war, der mich denunziert hatte.

Ihm wurde nachts als er schlief eine Decke über den Kopf geworfen und jeder- oder auch nicht jeder- schlug auf ihn ein. Die Täter wurden nicht ermittelt.