Der Sturm - Lilli Gruber - E-Book
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Der Sturm E-Book

Lilli Gruber

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Beschreibung

Lilli Gruber, die als Moderatorin und Politikerin weit über die Grenzen Italiens hinaus gefeiert wird, gelingt es in diesem Bestseller aus Italien wie schon in "Das Erbe" (Droemer Verlag), Dokumente und Briefe aus dem Besitz ihrer Familie mit großer Spannung und erzählerischer Sicherheit zu einem Familienschicksal zu verbinden: "Ein starkes, ein ungemein intenisves Buch", urteilt nicht nur der Corriere della Sera. Es ist eine Zeit des Umbruchs, eine Zeit der Finsternis, nicht nur in Südtirol. Hella Rizzoli weiß, dass das Schicksal ihrer Heimat auch über ihr Leben bestimmt. Sie muss sich entscheiden, ob sie weiterhin auf dem Landgut ihrer Familie leben und dafür in Kauf nehmen will, fortan Italienerin zu sein. Doch ihr Herz schlägt für die Sache der Deutschen, für die auch ihr Geliebter kämpft. Der aber ist weit fort in großer Gefahr - und sie muss allein durch den Sturm gehen. "Mein Buch ist ein Angriff auf die Intoleranz. Ein Appell, den Mut aufzubringen und zuzugeben, dass hinter jeder Tragödie eine individuelle Verantwortung existiert." Lilli Gruber

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Lilli Gruber

Sturm

Die Kriegsjahre meiner Südtiroler Familie

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Es ist eine Zeit des Umbruchs, nicht nur in Südtirol. Hella Rizzoli weiß, dass das Schicksal ihrer Heimat auch über ihr Leben bestimmt. Wenn sie weiterhin auf dem Gut ihrer Famlie leben will, muss sie in Kauf nehmen, fortan Italienerin zu sein. Doch ihr Herz schlägt für die Sache der Deutschen, für die auch ihr Geliebter kämpft. Der aber ist weit fort in großer Gefahr – und sie muss allein durch den Sturm gehen.

Inhaltsübersicht

Widmung

Landkarte

Vorbemerkung

Motto

Stilles Gedenken

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

Die Geschichte nach der Geschichte

Bildteil

Glossar

Ortsnamen

Dank

Für Jacques.

For all these foolish things

Vorbemerkung

Dieses Buch setzt die mit Das Erbe begonnene Erinnerungsarbeit fort. Ebenso wie sein Vorgänger hat es zwei Jahre Arbeit in Anspruch genommen, aber es hätten auch zwanzig werden können. Die europäische Geschichte zwischen 1941 und 1945 ist komplex und auf vielfältige Weise mit dem wechselvollen Schicksal Südtirols und meiner Familie verwoben. Die historischen Passagen und Daten, mit denen der Leser hier konfrontiert wird, entsprechen den Fakten, ebenso fußen die Ereignisse, die meine Familie betreffen, auf Briefen, Tagebüchern, Interviews, Büchern über Heimatgeschichte und Archivdokumenten. Dennoch habe ich beschlossen, Situationen und Stimmungen in narrativer Form wiederzugeben: Einige Figuren, Szenen und Dialoge sind ein Werk der Phantasie.

Wie in Das Erbe – und überwiegend auch im italienischen Original – sind in vorliegender Übersetzung die Namen der Städte, Dörfer, kleineren Ortschaften sowie Straßen und Plätze in deutscher Sprache wiedergegeben, obwohl zu Zeiten der geschilderten Ereignisse allein die italienischen Bezeichnungen erlaubt und amtlich anerkannt waren. Für eine bessere Übersicht sei an dieser Stelle auf das im Anhang aufgeführte Verzeichnis der deutschen Ortsnamen und ihrer jeweils italienischen Entsprechungen verwiesen.

»For among mortal powers, only imagination can bring back the dead.«

»In der vergänglichen Welt des Menschen kann allein die Vorstellungskraft den Toten neues Leben einhauchen.«

Rick Atkinson, An Army at Dawn

Stilles Gedenken

Bozen, Sommer 2014

Kurz hinter dem Dörfchen Tramin steht eine kleine Kirche. Ich habe den Wagen auf dem verlassenen Parkplatz abgestellt. Zwei Zypressen und der über den Friedhof wachende Glockenturm kreuzen ihre langen Schatten. Langsam und in vollkommene Stille getaucht, geht der Julinachmittag zur Neige. Ich laufe einige Schritte, beuge mich über ein Grabmal und lese: Vincenzo Bologna, geboren am 24. Juni 1919, gestorben am 7. Oktober 1942 in dem russischen Dorf Malyševa. Auf dem Foto trägt er die Wehrmachtuniform. In den Grabstein nebenan ist die kurze Geschichte der beiden Brüder Josef und Johann Fischer eingraviert. Auch sie haben unter Adolf Hitler im Heer des Dritten Reiches gekämpft. Der erste starb mit zwanzig Jahren, am 25. April 1944. Der zweite war fünfundzwanzig, als er drei Monate später ums Leben kam. Wo? Der Grabstein verrät es nicht. Ein wenig weiter befindet sich die Grabstätte der Familie Mitterer. Einer der Söhne, Ludwig, ist am 16. Mai 1942 an der Ostfront gefallen. Ein zweiter am 3. Januar 1945 in Belgien. Der dritte am 17. März 1945 in Ungarn. Daten, die ein kleines Stück Vergangenheit rekonstruieren: angefangen bei Hitlers größten Triumphen in Russland bis hin zum Todeskampf seines Regimes.

Im Zweiten Weltkrieg gab es sechzig Millionen Tote, davon fast vierzig Millionen in Europa: Meine von Bergen umschlossene Heimat war nur ein winziger Teil einer ungeheuren Katastrophe. Und dennoch gibt es auf diesem Friedhof Dutzende junger Gesichter, die mir über ihren steifen Uniformkragen ernst entgegenblicken. Langsam laufe ich über die wie zu einer seltsamen Via Crucis angeordneten Pfade. Der Abendwind erhebt sich und trägt Stimmen und Seufzer fort. Ihnen wollte ich begegnen. Diesen Toten, die nicht mir angehören. Sondern uns.

Die stillen Friedhöfe meiner Heimat zeugen von einzelnen Tragödien, Wunden und Schicksalen, die der über einem ganzen Kontinent wütende Sturm fortgerissen hat. Sie ruhen abgelegen im Schutz von Mauern, Laubengängen und schmiedeeisernen Gittern. Anderswo erinnern gewaltige Gräberfelder an die gefallenen Patrioten des tödlichsten Konflikts der Geschichte. Und an die Opfer des nationalsozialistischen Plans, für ein »rassereines« Europa ganze Völker auszurotten und andere zu unterwerfen. Anderswo, doch nicht in Südtirol. Hier steht jedes Familiengrab für einen eigenen Schmerz.

Was macht die Trauer der Südtiroler so still, ja fast verschwiegen? Ist es Zurückhaltung? Oder die Scham jenes Bevölkerungsteils, der die falsche Wahl getroffen hatte? Sie traten unter der deutschen Fahne an, als das Hakenkreuz bereits den Reichsadler ersetzt hatte. Es fällt schwer, sich nicht sowohl schuldig als auch betrogen zu fühlen. Heute bin ich hergekommen, habe mich unter diese jungen, verlorenen Gesichter begeben, um sie zu befragen.

Ein anderes Grab, ein weiterer Name: Lino Calliari. Sein kurzes Leben endet im Januar 1943, unmittelbar vor der Kapitulation der Deutschen in Stalingrad, in der sowjetischen Steppe. Er kam am 19. September 1919 zur Welt, wenige Tage nach Unterzeichnung des Vertrages von Saint-Germain. Ein Abkommen der Siegermächte des Ersten Weltkrieges, das zum Untergang der österreich-ungarischen Monarchie führte. Und zur Errichtung einer Grenze am Brennerpass: Südtirol und seine über 250000 deutschsprachigen Bewohner gehörten mit einem Schlag zu Italien. Von diesem Trauma sollten sich viele nie wieder erholen. Darunter meine Urgroßmutter Rosa, meine Großtante Hella sowie ein Mann, den ich nur von einem Foto in Uniform kenne: Sebastian Tschigg. Hella nannte ihn Wastl. Der Mann, den sie geliebt hat.

1

Liebe und Krieg

Mai 1941

Berlin, Herz des Dritten Reiches. Mit ein wenig Ellbogeneinsatz hat es Hella geschafft, bis in die vorderste Reihe vorzudringen. Wastl steht neben ihr, mit seiner Uniform der Waffen-SS hat er ihr geholfen, einen Weg durch die Menge zu bahnen. Die Zuschauer hinter ihnen drängeln und schwitzen. Links ein Aufgebot an Fotoapparaten und riesigen Filmkameras. Zu diesem Ereignis hat sich die Presse aus der gesamten Welt versammelt. Alle wollen über die jüngsten Neuigkeiten eines Krieges berichten, der Europa seit zwanzig Monaten in Atem hält.

Von der Publikumsgalerie beugt sich Hella zum Parkett der Krolloper hinunter.

»Es sind alle da«, flüstert sie Wastl aufgeregt zu. »Sie sind alle gekommen!«

Die Männer nehmen in den rot gepolsterten Stuhlreihen Platz. Einige tragen die braune Uniform der obersten nationalsozialistischen Parteifunktionäre. Sie begrüßen sich, bekunden einander ihre Ehrerbietung. Wer würde es wagen, dieser Versammlung vom 4. Mai 1941 fernzubleiben? Über achthundert Abgeordnete aus allen Provinzen des Großdeutschen Reiches drängen sich in dem riesigen Opernhaus. Hier versammelt sich der Reichstag, seit das Reichstagsgebäude 1933 von den Flammen zerstört wurde. Hella war damals noch keine achtzehn Jahre alt. Überall sprach man von nichts anderem als von dieser grauenhaften Tat. Natürlich steckten die Kommunisten dahinter. Wer sonst? Darin waren sich alle einig.

Die übrigen hochrangigen Vertreter des Regimes sitzen auf der Ehrentribüne unter einem gewaltigen Bronzeadler und roten Vorhängen mit Hakenkreuz. Hella erkennt sie alle: Heinrich Himmler, Joseph Goebbels, Adolf Eichmann, Albert Speer. Und Hermann Göring: Er leitet die zu großen Anlässen einberufenen Plenarsitzungen des Parlaments.

»Wo Heß stecken mag?«

Hella wendet den Blick, um zu sehen, wer da gesprochen hat: ein Mann in blauem Überzieher mit schweißglänzendem Gesicht.

»Hat er da zu sein?«, fragt sie erstaunt.

Rudolf Heß, der zweite Mann nach Adolf Hitler, der Schatten des Führers. Gemeinsam haben sie ein neues Deutschland ersonnen, errichtet auf den Trümmern der ermatteten Weimarer Republik.

»Natürlich. Es sei denn …« Der Mann schaut sie an, als frage er sich, wie weit er dieser reizenden Unbekannten vertrauen könne. Dann schüttelt er den Kopf. »Einen schönen Tag noch«, verabschiedet er sich kurzerhand und verschwindet in der Menge.

Plötzlich wird es still. Die Anwesenden drängen weiter zur Tribüne, richten sich auf, recken die Hälse. Alle schauen in dieselbe Richtung und halten den Atem an. Schritte sind zu hören. Energisch hallen sie auf dem Boden wider. Dann erscheint er, neben der Tribüne. Entschlossen, aufrecht, allein. Adolf Hitler.

Ich heiße Hella, Hella Rizzolli, und meine Stimme kommt aus der Vergangenheit. In ein paar Tagen, am 15. Mai 1941, werde ich fünfundzwanzig Jahre alt. Ich bin nur für kurze Zeit in Berlin, gemeinsam mit dem Mann, den ich liebe. Wer, wenn nicht ich, sollte euch von mir erzählen? Wer interessiert sich schon für eine junge Frau aus einem kleinen Dorf in einer Gegend, über die der Sturmwind der Geschichte ohne jede Rücksicht hinweggefegt ist? Ich spreche von Pinzon in Südtirol.

In dem Durcheinander der Ereignisse, von denen die Welt und meine Heimat erschüttert wurden, hätte mein Leben leicht in Vergessenheit geraten können. Selbst Wastl, »mein« Wastl, mit amtlichem Namen Sebastian Tschigg, weiß nicht alles von mir. Er kann mich nicht vollkommen verstehen. Und nun muss er fort, dieser Krieg führt ihn weit weg von mir. Aber auch wenn er Zeit gehabt hätte, mein Herz zu ergründen, hätte er die Geduld und den Mut dazu aufgebracht?

Hella hat die Krolloper mit glühenden Wangen verlassen. Gegen Ende der mitreißenden Führerrede war es sehr warm geworden, aber vor allem hat sie sich von der kollektiven Erregung anstecken lassen. Der Feuereifer, der gleich mit den ersten Worten des Reichskanzlers den Saal erfüllt hatte, die »Heil Hitler«-Rufe zu seiner Begrüßung, der Beifall. Das Gelächter, das er geerntet hat, als er sich über den britischen Premierminister Churchill lustig machte, diesen »Trunkenbold«, der es wagt, Deutschland herauszufordern. Eineinviertel Stunden, fünfundsiebzig Minuten lang, hat der von Hella so bewunderte Mann der Welt ihr Schicksal verkündet.

Sie schmiegt sich an Wastl, der seinen Arm um ihre Schultern gelegt hat, während sie den Tiergarten durchqueren. Es ist Nacht geworden in der Hauptstadt, und für Anfang Mai ist es kühl, die Berliner sagen, es sei sogar außergewöhnlich. Die beiden Verliebten eilen auf das Brandenburger Tor zu. Aus Furcht vor den Bombardements der Engländer ist die Straßenbeleuchtung auf ein Minimum reduziert. Erst vor zwei Tagen haben britische Geschwader die Luftabwehr getroffen und den Stadtrand bombardiert, ohne jedoch großen Schaden anzurichten. Sie haben auch den Kieler Ostseehafen angegriffen. Und das ist erst der Anfang.

Im Stadtzentrum sind die Fenster der Büros und Wohnungen von schweren Vorhängen verdeckt. Sandsäcke schützen die Schaufenster der noch geöffneten Geschäfte und Restaurants. Die Dunkelheit ist vom Kreischen bremsender Straßenbahnen erfüllt, von den hastenden Schritten der in die U-Bahn strömenden Passanten und dem Brummen vereinzelter Automobile mit abgeschirmten Scheinwerfern. In jedem Viertel sind Schutzräume für Zivilisten eingerichtet, die man aufsuchen soll, sobald der Fliegeralarm die angespannte Stille der Nacht zerreißt.

»Und? Was sagst du zu der Rede unseres Führers?«, fragt Wastl. Er sieht sie zärtlich an, sein Mädel mit dem strahlenden Gesicht, den hohen, fast slawischen Wangenknochen unter den braunen Augen. Für ihn ist sie die Schönste in ganz Südtirol. Er ist so stolz, dass sie ihn unter all den Verehrern gewählt hat.

Sie sitzen in der Bar ihres Hotels, im Adlon. In diesem Gebäude im Herzen Berlins hat Hella die letzten freien Tage verbringen wollen, bevor der soeben aus Frankreich eingetroffene Wastl erneut aufbrechen muss, an einen noch unbekannten Bestimmungsort. Nichts soll ihr Glück trüben. In dieser ihr riesig und gewaltig erscheinenden Metropole möchte sie sich als Prinzessin fühlen. Wenn auch in der Gewalt des Schicksals, wie alle anderen, so trotz allem als Prinzessin.

Sie überlegt einen Augenblick, bevor sie antwortet. Hitler hat über so viele Dinge gesprochen! Über die Verschwörung der großen Bankiers und Juden gegen Deutschland; über die glorreichen Siege in Polen und der Tschechoslowakei, über das ein Jahr zuvor innerhalb weniger Wochen niedergerungene Frankreich. Über die Angriffslust Churchills, dieses auf Krieg und Whisky versessenen Irren. Dann ist er auf die Einzelheiten der jüngsten großartigen Erfolge der deutschen Truppen in Griechenland und Jugoslawien eingegangen.

»Er hat gesagt, dass dieses Jahr für die Auferstehung der deutschen Nation von größter Bedeutung sein werde«, erinnert sie sich beinahe gedankenverloren. »Was meint er damit?«

»Er hat auch die deutschen Frauen aufgefordert, ihre Anstrengungen zu verdoppeln!«, fügt Wastl ein wenig scherzhaft hinzu.

»Ich habe es gehört«, erwidert Hella. Sie schaut ihn an. Er ist schön, er hat ein ebenmäßiges Gesicht, helle Augen, braunes Haar. Die SS-Rottenführer-Uniform sitzt perfekt an seinen breiten Schultern und verleiht ihm ein martialisches Äußeres. »Aber auf welche Entscheidungen hat er angespielt? Welchen Schritt wird er als nächsten gehen?«

»Man wird den Italienern beistehen müssen, die ziemliche Versager sind«, sagt Wastl. »Ohne uns hätten die Serben und die Griechen sie in Stücke zerrissen! Wir dagegen haben die Arbeit in drei Wochen erledigt, haben Belgrad und Athen eingenommen. Die Italiener sind wie die Franzosen: Sie reden, regen sich auf und drohen, aber wenn es ums Kämpfen geht, kann es keiner mit den Deutschen aufnehmen.«

Gewiss, mein Liebster. Aber was wusstest du vom Krieg? Wir hatten beschlossen, Deutsche zu sein, um unser Land, unsere Sprache und unsere Seele gegen die italienischen Faschisten zu verteidigen. Aber was wussten wir vom Krieg? Wir waren jung und unbeugsam. Wir konnten nicht einfach, wie unsere Eltern, die Teilung Tirols hinnehmen. Die Zerstörung unserer Heimat durch einen einzigen Federstrich, die Unterzeichnung eines infamen Vertrages.

Ich bin 1916 geboren, zwei Jahre vor der Spaltung, der Annexion Südtirols durch Italien. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die ein einziges Motto kannte: Gott, Kaiser und Vaterland. Aber welches Vaterland? Als Österreich zu schwach geworden war, um uns gegen die Italiener und ihre Kolonisation zu verteidigen, haben wir uns an die Einzigen gewandt, die, wie es schien, in der Lage waren, uns zu beschützen: die Deutschen. Aber welche Deutschen und welches Deutschland? Es blieb nur diese eine Lösung, oder nicht? Was hätte ich anderes tun sollen? Was hättest du, mein Liebster, anderes tun sollen?

Tagsüber erkundet Hella Berlin, so wie sie nachts all das erkundet, was sie von einem Mann wissen möchte. Unermüdlich streift sie durch die Stadt, die gegen die Präsenz des Krieges aufbegehrt. Wie ein kleines Mädchen rennt sie die breite Straße Unter den Linden entlang, um die Militärparade zu sehen, die ihren Aufmarsch mit lauten Trommelschlägen und Fanfaren ankündigt. Sogar die Handschuhe hat sie zwischen all den glänzenden Stiefeln von Hitlers Heerscharen verloren, als sie noch rasch die Straße überqueren wollte.

»Mach dir nichts draus«, hat Wastl ihr gesagt und sie umarmt. »Wir kaufen ein Paar neue.«

Sie haben sich zum Kurfürstendamm mit seinen zahlreichen Modegeschäften begeben. Viele sind wegen der Rationalisierung und wirtschaftlicher Probleme geschlossen.

Wir können froh sein, denkt Hella. Daheim fehlt es uns an nichts. Das ist der Vorteil, wenn man auf dem Land lebt, inmitten von Weinbergen und Gärten, Obsthainen und saftigen Weiden. Hier stehen die Dinge ganz anders.

»Kriegswirtschaft«, kommentiert sie. Die Zeit der Eitelkeiten ist vorbei. Stoffe müssen für Soldatenuniformen statt für Damenbekleidung herhalten, und Nylon für Fallschirme statt für Strümpfe.

Hinzu kommen die Übergriffe. Hella ist nie Zeugin geworden, aber sie hat davon gehört, auch wenn sie nicht daran denken mag. Die jüdischen Händler, die boykottiert, enteignet, geschlagen, vertrieben werden. Der Führer wird schon wissen, was er tut, hat er nicht immer recht? Aber Hella denkt an ihre Mutter, Rosa, die ihr so sehr fehlt, seit sie ein Jahr zuvor für immer die Augen geschlossen hat. Sie pflegte zu sagen: »Einem Mann, der nicht an Gott glaubt, kann man nicht vertrauen.«

»Wie will man das wissen?«, murmelt Hella, während sie das imposante Warenhaus KaDeWe betreten. Dieses Kaufhaus ist seit jenen Zeiten, als Berlin und Paris noch auf dem friedlichen Terrain der Haute Couture gegeneinander antraten, ein Tempel der Eleganz, der Wohlgerüche und des Luxus. Lange liegen diese Zeiten zurück …

»Was hast du gesagt?«, fragt Wastl.

»Nichts«, erwidert sie. »Wie dumm von mir, ich habe laut gedacht.«

Unter den goldfarbenen Kronleuchtern herrscht unerwartete Stille. Die Gänge zwischen den Verkaufstischen und Vitrinen sind praktisch leer. Es gibt nur wenig Kundschaft, und die Verkäuferinnen stehen reglos wie Schaufensterpuppen da. Hella nähert sich einem Tisch, auf dem einige Accessoires ausliegen: Tücher, Hüte, Schals. Sie lächelt: Hier wäre ihre Schwester Berta in ihrem Element! Aber auch bei ihr daheim in Wien fehlt es gottlob an nichts.

Eine junge Verkäuferin tritt anmutig auf sie zu: »Darf ich Ihnen behilflich sein, Madame?« Ihre Stimme klingt so zaghaft, dass Hella sie kaum hören kann. Neugierig schaut sie zu ihr, und der Anblick berührt sie. Ein glattes, blasses, fast durchscheinendes Gesicht, wie eine Totenmaske. Und in den Augen glaubt sie Angst zu erkennen.

»Ich bin auf der Suche nach beigefarbenen Handschuhen«, sagt sie zögernd. Die junge Frau zieht eine breite Schublade aus hellem Holz hervor, die sich lautlos unter dem Glas des Vitrinentischs bewegt. Weshalb zittern ihre Hände so stark? Die Schublade fällt mit einem furchtbaren Krachen zu Boden.

Plötzlich scheint die Welt rings um Hella und Wastl zu erwachen.

Drei Männer in schlichten grauen Anzügen nähern sich. Auf dem Kopf tragen sie akkurat sitzende Filzhüte. Gleich beim Eintreten hat Hella sie in der Nähe des Eingangs mit anderen Angestellten sprechen sehen.

»Heil Hitler!«, grüßt einer von ihnen und zieht eine Dienstmarke mit Adler und Hakenkreuz aus der Tasche. Er grinst Wastl zu und wendet die Marke: Geheime Staatspolizei. Gestapo. »Folgen Sie uns«, befiehlt er der Verkäuferin.

Sie rührt sich nicht, steht aufrecht inmitten der auf dem Marmorboden verstreuten Handschuhe. Sie hält den Blick gesenkt, sie würde gern normale Gesten verrichten, die Ware aufsammeln, ordnen, sich bei der Kundin entschuldigen, die so verständnisvoll wirkte.

»Vorwärts!«, knurrt der Polizist, und einer seiner Untergebenen umrundet den Vitrinentisch. Er trampelt über die Handschuhe, packt die junge Frau am Arm und zerrt sie fort.

Alles geschieht so rasch, dass Hella kein Wort hervorbringen kann. Auch Wastl hat es die Sprache verschlagen.

»Jemand muss sie angezeigt haben«, bemerkt eine verhaltene Stimme neben ihnen. Sie gehört zu einer kleinen Frau mit faltigem Gesicht, bordeauxfarbenem Glockenhut und feinem Schleier. Sie hat grüne Augen, einen Hauch Rouge auf den Wangen und den vornehmen Tonfall einer Berliner Aristokratin. Ihre Stimme verrät unsagbare Abscheu.

»Weswegen angezeigt?«, schafft es Hella nach einer Weile zu fragen. Gewiss nicht wegen des Missgeschicks mit der Schublade.

»Sie suchen Juden.« Die alte Dame deutet mit dem Kinn zu den Männern, die ihr Opfer umringt haben und sich entfernen. »Die Eigentümer des Kaufhauses sind schon längst vertrieben worden. Jetzt spüren sie diejenigen auf, die nicht haben fliehen können.«

»Lass uns gehen«, sagt Hella zu Wastl.

 

Auf dem Rückweg muss Hella innehalten. Sie merkt, wie ihr die Knie weich werden, in ihrem Kopf beginnt sich alles zu drehen. Wastl beschließt, sie zur Erfrischung in den Gartenhof des Hotel Esplanade am Potsdamer Platz auszuführen.

Das Orchester spielt im Hintergrund. Es ist die Zeit des Tanztees. Hella steht nicht der Sinn danach, sich unter die tanzenden Paare zu mischen, aber in diesem grünen Winkel fühlt sie sich sicher, geschützt vor der Welt.

Wastl greift nach ihrer Hand. »Denk nicht mehr daran, Liebling. Das ist der Preis, den es für die Wiederherstellung der Ordnung zu zahlen gilt.«

»Aber die junge Frau wirkte so zerbrechlich!«

»Mag sein. Aber Gesetz bleibt Gesetz. Juden haben kein Recht zu arbeiten. Sie sind keine Deutschen.«

»Natürlich, ich weiß. Und der Führer hat bestimmt seine Gründe. Aber sie war noch so jung und hat doch kein Unrecht begangen …« Hella fühlt sich auf merkwürdige Weise in der Zeit zurückversetzt. Auch sie ist einmal von der Polizei abgeführt worden, vor drei Jahren sind die Carabinieri sogar bis in ihr Elternhaus in Pinzon gekommen, um sie zu holen. Die Faschisten haben sie ins Gefängnis geworfen, sie verhört, verbannt und in ein Dorf in Süditalien gebracht. Und all das, weil sie in den Südtiroler Geheimschulen Kindern Deutschunterricht erteilt hatte!

»Das geht uns nichts an, Liebling«, sagt Wastl und zieht seinen Stuhl näher heran. Er beugt sich vor und spricht mit zärtlicher Stimme. »Wir haben so lange auf diesen Augenblick gewartet. Endlich dürfen wir wieder von einem Vaterland träumen, und unser Vaterland ist Deutschland.« Seine Lippen berühren die ihren.

Hella erwidert den Kuss. Aber sie ist nicht bei der Sache. Wieder muss sie an ihre Mutter Rosa denken. Sie sieht sie vor sich, wie sie im Radio eine Rede Hitlers anhört, dicht vor den Apparat aus Holz gekauert, den sie leise geschaltet hat, damit keine neugierigen Ohren mithören können. Es war gegen Ende Januar 1939, Österreich war seit einem Jahr angeschlossen, das Saargebiet bereits seit 1935, und nun träumten die Südtiroler davon, dass auch Südtirol sich mit dem Deutschen Reich vereinen könne. Hella war näher getreten, um ebenfalls zuzuhören. Die Worte skandierend, schrie Hitler: »Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.«1 Die Stimme des obersten deutschen Führungskopfes verlor sich in dem Jubel der in Berlin versammelten Menge. Rosa hatte sich mühsam aufgerichtet, das Radio ausgeschaltet und gemurmelt: »Wohin wird uns dieser Irrsinn führen?«

 

Am ersten September desselben Jahres war der Krieg ausgebrochen.

 

In seiner Weddinger Wohnung, am Stadtrand von Berlin, lauscht Karl angestrengt auf die morgendlichen Geräusche im Treppenhaus. Kein Licht. Leise steigt er die ausgetretenen Stufen hinab. In einem Flur hört jemand hinter geschlossener Tür die Morgennachrichten, gesprochen von Hans Fritzsche. Im Dienst der Propaganda verkündet der Mann die neuesten Erfolge des Deutschen Reiches: London von Bomben verwüstet, U-Boote beherrschen den Atlantik.

Karl geht in den Keller. Die Klinke, diese verdammt laute Klinke! Er spürt, wie es ihm allmählich eng wird in der Lunge. Einen Moment lang bleibt er stehen, versucht, ruhiger zu atmen. Seit Jahren lebt er mit dem Asthma, er kennt es gut. Es muss ihm gelingen, es in Schach zu halten. Er wirft einen Blick durch das kleine Fenster, es ist ein heller Morgen. Er hatte auf Regen oder auf Nebel gehofft. Aber es ist Mai …

Er muss sich bereit machen. Er schlüpft in einen grauen Arbeitsanzug und knöpft den Kragen zu, um das abgetragene weiße Hemd, die blaue Krawatte und den verschlissenen braunen Anzug zu verbergen. Der ist ihm zu weit, sein Vater war größer als er. Und kräftiger. Vor acht Jahren. Er stülpt sich eine breite Kappe auf die blonden Haare. »Die sind zu lang«, sagt seine Mutter immer. »Damit fällst du auf.«

Er rückt die Brille mit dem schmalen Drahtgestell zurecht. Die blauen Augen blicken starr und entschlossen. Um den Mund bindet er ein großes schwarzes Tuch.

Alles geschieht in großer Eile. Das Kreischen der Bremsen, die den Lastwagen zum Stehen bringen. Die Rufe der Männer. Das Kellerfenster öffnet sich mit einem lauten Schlag. Die Kohlerutsche gleitet in den Keller. Karl verliert keine Zeit. Er klammert sich an die Ränder der Rutsche, entschlossen, daran hinaufzuklimmen. Er kniet sich hin, zieht den Kopf ein und schiebt sich Zentimeter um Zentimeter durch die rußerfüllte Luft. Er kann kaum atmen. Noch ein paar Sekunden, und die Kräfte werden ihn verlassen.

»Du musst fliehen«, schreit eine Stimme in seinem Kopf. Es ist die seiner Mutter. »Ich werde wiederkommen und dich retten«, hatte er beteuert und sie dabei im Arm gehalten. Aber wie soll er das schaffen, wenn er jetzt aufgibt?

Dann packt ihn eine Hand, zieht ihn bis auf die Straße. Endlich ein wenig Luft im Gesicht. Rasch klettert er ganz hinaus, mischt sich im Schutz des von den Säcken aufgewirbelten schwarzen Staubes unter die Kohlenhändler. Er steigt in den Laderaum des zur Abfahrt bereitstehenden Lastwagens.

Es sind nur wenige Straßen, aber es kommt ihm vor wie eine Ewigkeit, ehe er erneut die Ladeklappe aufgehen hört. Jemand nimmt ihm das Tuch ab, zieht ihm die Kappe vom Kopf und schiebt ihn auf den Gehweg.

»Lauf langsam! Dreh dich nicht um!«, sagt eine Stimme. »Und zieh den Arbeitsanzug aus.«

Die Mitarbeiter der Gestapo, die das Gebäude bewachen, haben nichts bemerkt. Der Lastwagen, die Kohlenhändler. Eine normale Lieferung. Die Nacht ist lang und kühl. Bald kommt der Sechs-Uhr-Schichtwechsel. Alles ist wie immer.

2

Die Schicksale kreuzen sich

Mai 1941

Anhalter Bahnhof, das Tor zum Süden. Hella kehrt zurück in die Heimat, kehrt zurück nach Südtirol. Der riesige Bahnhof erscheint ihr kalt und abweisend. Was ist mit den Deutschen geschehen, die sie von den Propagandaveranstaltungen kennt? Wohin ist ihr einladendes Lächeln verschwunden? Sie streicht eine braune Haarsträhne unter dem eleganten, dunkelgrünen Filzhütchen zurecht. Tränen brennen ihr in den Augen. Sie hat viel geweint, nachdem Wastl in seiner sorgfältig wie für eine Parade geknöpften Uniform mit geschultertem Rucksack das Hotelzimmer verlassen hat.

Ihr Zug, der D80, fährt um neun. Sie ist viel zu früh gekommen. Der Koffer wiegt schwer, ihr tun die Arme weh. Sie setzt sich in ein Café unter der großen Bahnhofsuhr.

»Eine heiße Schokolade, bitte«, bestellt sie. Dieser Maimorgen erscheint ihr so kalt wie ein Novembertag.

Sie greift nach einer für die Gäste bereitliegenden Zeitung und überfliegt die Titel. Seit einer Woche beherrscht eine einzige Nachricht die Schlagzeilen: Rudolf Heß, der Stellvertreter des Führers, hat das Kommando über ein Flugzeug übernommen und ist mit dem Fallschirm über einem Feld in Schottland abgesprungen. Die deutsche Regierung hat versucht, den Zwischenfall zu vertuschen, aber die britische Presse hat es ausposaunt. Heß habe einen Vorschlag für Friedensverhandlungen mit sich geführt, hieß es dort. Am Ende hatte man sich auf deutscher Seite gezwungen gesehen, amtlich zu verlautbaren, dass der Mann den Verstand verloren habe.

Hella erscheint das merkwürdig. Wie kann ein hoher Parteifunktionär, der rechte Arm des Führers, verrückt werden, ohne dass es irgendjemand bemerkt? Andererseits – ein Friedensangebot Hitlers an Churchill? Niemals! Welchen Sinn sollte das ergeben, wo doch Deutschland im Begriff ist, den Krieg zu gewinnen?

 

Karl ist am Anhalter Bahnhof eingetroffen. Er ringt nach Luft, die Lunge schmerzt. Er ist schnell gelaufen von seiner Wohnung im Wedding, wo er seine Mutter und zweiundzwanzig Jahre seines Lebens zurückgelassen hat. Ausgeschlossen, die U-Bahn zu nehmen, sie ist viel zu überwacht. Die Gestapo macht Jagd auf die »Untergetauchten«: Juden, Kommunisten, Homosexuelle, die ihre Tage in Bussen, Straßenbahnen und der U-Bahn verbringen, um sich auszuruhen und ein wenig zu schlafen.

Ängstlich blickt er sich um. Die große Halle ist voller Menschen. Karl hat sich so lange versteckt gehalten, dass ihm die Menge ein beklemmendes Gefühl einflößt. Ist unter all den Männern im Regenmantel und Frauen im Kostüm jemand, der ihn beobachtet?

Er stellt den kleinen Koffer ab, den er aus der Gepäckaufbewahrung geholt hat. Die Männer vom NKWD, dem sowjetischen Geheimdienst, haben ihn dort hinterlegt. Sie haben an alles gedacht: an Geld, ärztliche Atteste, Empfehlungsschreiben für zukünftige Arbeitgeber. Und an den einzigen Luxus, den Karl sich erbeten hat: einen Hahnemühle-Zeichenblock, das beste Papier der Welt. Er schaut auf die Zugfahrkarte. Nachdem er beschlossen hatte zu fliehen, war die erste und nächstliegende Frage die nach dem Wie gewesen. Doch die zweite, nicht minder entscheidende Frage hatte gelautet: wohin?

Berlin zu verlassen, aber in Deutschland zu bleiben, war nicht in Frage gekommen: Die Gestapo ist überall. Frankreich ist verloren, zweigeteilt nach dem Waffenstillstand vom Juni 1940. Paris ist besetzt, der Süden zwar noch frei, aber das Regime unter Pétain macht Jagd auf Juden und politisch Verfolgte. Die Schweiz? Eine gefährliche Reise in ein Land, das ihm seine kommunistische Gesinnung vorhalten würde. Dann halt Moskau! Doch dagegen haben sich die Sowjets verwahrt. Zu spät, so die Entscheidung. Sie werden ihre Gründe haben, wie stets.

Also in den Süden. In eine kleine, gebeutelte Region, in der man als Deutscher noch unbemerkt bleiben kann. Ein ihm vertrauter Landstrich zwischen hohen Bergen und schattigen Tälern. Viele Jahre zuvor hatte sein Vater geglaubt, Südtirol könne seinem Sohn das Leben retten. Vielleicht wird diese Reise ihm recht geben.

 

Hella schließt die Augen und stellt sich Wastls Gesicht vor, seinen weichen Mund, die glänzenden Augen. In der vergangenen Nacht sind sie kaum zur Ruhe gekommen. Sie haben miteinander geschlafen und lange gesprochen. Und sie hat es nicht geschafft, die flehende Bitte einer jeden verliebten Frau für sich zu behalten: Geh nicht fort! Bleib bei mir!

»Hella, du weißt, dass ich nicht kann.« Seine Hand hat ihr zärtlich über das Gesicht gestreichelt, doch seine Stimme klang streng. »Und du würdest es auch gar nicht wollen. Zuschauen, wie die Geschichte an uns vorbeizieht? Du hast den Führer gehört: Solange wir dem deutschen Volk nicht seine Ehre zurückgegeben haben, können wir nicht an Frieden denken.«

»Aber der Krieg ist so gut wie vorbei!«

»Der Krieg wird so lange nicht vorbei sein, wie uns die Bolschewiken weiter bedrohen.«

»Stalin ist unser Verbündeter, wir haben einen Pakt mit ihm unterzeichnet.«

»Ein Stück Papier. Was ist das schon wert? Es ist bloß eine Strategie. Die Bolschewisten sind unsere ärgsten Feinde.« Wastl hatte sie ernst angeblickt: »Es wird ein heldenhafter Kampf, Hella. Ein Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei. Ich kann mich dem nicht entziehen.«

»Wo wird man dich hinschicken?«

»Ich weiß es nicht. Aber vielleicht bleibe ich für lange Zeit fort.«

Hella schüttelt den Kopf, um die Erinnerung an diese Worte zu verjagen. Sie will nicht daran denken, wie Wastl kämpft. Wie er leidet. Wie er sein Leben riskiert. Sie hat das Gefühl, verrückt zu werden. So muss ihre Mutter empfunden haben, damals, vor vielen Jahren, als ihr Mann Jakob in den Krieg zog. Aber als nicht mehr ganz junger Familienvater drohte ihm nicht, an die vorderste Front geschickt zu werden. Wastl dagegen schon.

Sie sieht den Zug, der langsam, mit ruckartigen Stößen rückwärts in die Haupthalle einfährt. Die Wagen der ersten Klasse befinden sich an der Spitze. Vor der Schranke, an der die Polizei die Ausweise kontrolliert, bildet sich eine Schlange. Hella hält Ausschau nach einem Gepäckträger, aber nirgends ist einer zu sehen. Sie winkt dem Kellner, zahlt und bückt sich, um nach dem Koffer zu greifen. Die Schokolade hat einen Geschmack von Verbranntem in ihrem Mund hinterlassen.

 

Karl beobachtet die Schlangen vor der Passkontrolle. Die Reisenden in der längeren Schlange drängeln. Die andere, kürzere, ist Passagieren der ersten Klasse mit den Schlafwagen vorbehalten.

Die Agenten der Gestapo in Zivil haben tausend Augen. Seit der Flucht von Heß sind die Nationalsozialisten nervös. Karl hat nicht genügend Zeit gehabt, die gefälschten Papiere genau zu prüfen, die aus ihm Karl Müller machen. Wenigstens hat man ihm seinen Vornamen gelassen und ihm den in Deutschland am weitesten verbreiteten Nachnamen verpasst. Das ist nicht sein Werk, sondern das der Männer vom NKWD. Ob sie nach den Regeln der Kunst gearbeitet haben?

Rasch blickt er sich um. Eine einsame junge Frau starrt auf einen Zug auf dem Nachbargleis, in den in gleichförmigen Reihen Soldaten einsteigen. Sie laufen im Gleichschritt, die Maschinenpistole geschultert, den Helm oben auf den Rucksack geschnallt. Der Koffer steht zu ihren Füßen, die Arme baumeln herab. Mit mechanischer Geste rückt sie das grüne Filzhütchen zurecht. Ihr Blick streift über die Soldaten, als suche sie nach einem Gesicht, sie findet es nicht, sucht weiter, gibt enttäuscht auf.

»Darf ich Ihnen behilflich sein, Fräulein?« Mit höflicher, aber entschlossener Geste greift Karl nach dem Koffer. »Sie nehmen ebenfalls den Zug nach München, oder? Mein Gepäck ist leicht, im Gegensatz zu Ihrem …«

Mühsam kehrt Hella in die Wirklichkeit zurück. Da ist er, der freundliche Ausdruck, den sie vermisst hat. Blaue, unglaublich strahlende Augen, blonde, ein wenig längere Haare als üblich, ein schmales Gesicht mit markantem Kinn. Der Besitzer dieser angenehmen Stimme ist ein wenig größer als sie und wirkt schmächtig. Aber ihren Koffer hebt er mühelos an.

»Gehen wir?«, sagt er mit aufmunterndem Lächeln.

Er hat recht. Sie muss sich beeilen, sonst verpasst sie den Zug. Auf diesem Bahnsteig geschehen keine Wunder.

»Ich danke Ihnen.«

»Geben Sie mir Ihren Pass.« Als sie den Männern in Grau gegenüberstehen, hält Karl beide Papiere hin. Er sucht in der Tasche und zieht auch die Bescheinigung hervor, die ihm wegen seines Asthmas Wehrdienstuntauglichkeit bescheinigt. Besser, man gibt ihnen erst gar keinen Anlass für Fragen.

»Ich sehe schon, dass es Ihrer Verlobten schwerfällt, Berlin zu verlassen!«, bemerkt einer der beiden. Hella starrt die ganze Zeit zu den Soldaten hinüber, die sich winkend hinauslehnen. »Kommen Sie bald wieder, Fräulein!«, fügt der Polizist mit einem begehrlichen Blick hinzu.

Sobald sie außer Sichtweite sind, bleibt Karl stehen und gibt der jungen Frau mit den traurigen Augen ihren Ausweis zurück.

»Ich bringe Sie zu Ihrem Platz«, sagt er.

Hella reicht ihm schweigend die Fahrkarte und folgt ihm.

Ich habe Angst. Wie die Tiere, wenn ein Gewitter naht. Mein Hals ist zugeschnürt, und ich spüre Beklemmung. Sie dringt bis ins Mark, bis in jene Leere, die allein du auszufüllen vermocht hast. Werde ich sterben, wenn du dich weiter entfernst? Und du, wirst du sterben? Bin ich nicht ein Teil von dir, deine zweite Hälfte? Ich dachte, auch wir hätten einen Pakt geschlossen. Nicht schriftlich, nicht unterzeichnet, aber unauflöslich. Erinnerst du dich nicht mehr, Liebster? Unsere Lippen haben ihn besiegelt, unsere Hände, der Rhythmus unseres Atems. Genügte das nicht?

Karl hat einen Platz in einem der hinteren Wagen gefunden, eingequetscht zwischen zwei anderen Reisenden. Schweiß und Mundgeruch: Ihm wird bestimmt bald schlecht werden. Er nimmt den Zeichenblock und einen schwarzen Kohlestift. Er zeichnet die Welt, die an ihm vorbeizieht, die beste Art, um die Unruhe im Zaum zu halten und die Unannehmlichkeiten zu vergessen.

Sein massiger Nachbar zur Rechten versucht seit mehreren Minuten, sich bequem auf der Sitzbank zurückzulehnen. Er stößt ihn mit der Schulter, so dass ihm die Hand zu einem langen Strich ausrutscht. Neugierig wirft der Mann einen Blick auf das Blatt und dann auf Karl.

»Was machen Sie hier?«

»Ich zeichne.«

»Das sehe ich. Ich meinte, was machen Sie hier im Zug?«

»Ich fahre heim.«

»Nach München?«

»Nein.« Karl lächelt.

»Was gibt es da zu lachen?«

»Sehe ich so aus, als käme ich aus Bayern?«

»Nein, in der Tat nicht. Mögen Sie die Bayern nicht?«

»Ich bin Südtiroler. Die Bayern sind unsere Vettern.«

»Ich würde eher sagen: eure großen Brüder. Sie fahren also nach Südtirol?«

»Ja, nach Bozen und anschließend nach Brixen.«

»Kenne ich nicht …«

»Ich zeige es Ihnen.« Karl wendet das Blatt und beginnt aus dem Kopf, Brixen zu zeichnen. Es scheint ihm eine gute Gelegenheit, sich zu üben. Er muss sich alle Einzelheiten seiner neuen Identität gut einprägen und lernen, auf die Fragen der Leute zu antworten.

»Und Berlin?«

»Was soll mit Berlin sein?«

»Wieso waren Sie in Berlin?«

»Ich habe Arbeit gesucht.«

»Und …?«

»Ich habe keine gefunden.«

»Aber es gibt dort genug Arbeit.«

»Ich weiß, aber ich bin Asthmatiker, und nicht alle Firmen wollen einen Kranken anstellen.«

»Verstehe. Es ist bestimmt nicht so einfach.«

Karl zeichnet weiter.

»Bitte sehr, das ist Brixen!«

»Hübsch. Ich war allerdings noch nie dort. Sie zeichnen gut. Machen Sie das beruflich?«

»Ich war Lithograph in einer Druckerei. Nicht gerade das ideale Umfeld für jemanden mit Asthma. Die Ätzmittel, der Staub … Und Sie? Was ist Ihr Beruf?«

»Ich? Ich dachte, das hätten Sie begriffen.« Sein Sitznachbar lächelt, und plötzlich wittert Karl die Gefahr. Er verflucht seine Naivität.

»Was denn begriffen?«, fragt er vorsichtig.

»Hören Sie, Leute, die zu viele Fragen stellen, mag heutzutage niemand.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will damit sagen, dass Sie wie einer reden, der monatelang zum Schweigen verdammt war!«

Karl wirft einen raschen Blick zur Tür. Soll er davonlaufen? Aber wohin? Eine Flucht durch die Wagen würde ihn lediglich in die Arme des Schaffners und anschließend in die der Polizei treiben.

»Zeig mal deine Papiere her«, befiehlt der Mann ruppig und wendet den Jackenkragen um. Ein Dienstabzeichen der Gestapo. Karl sitzt in der Falle. Er zieht den Ausweis und die Bescheinigung über seine Wehrdienstuntauglichkeit aus der Tasche. Der Mann erhebt sich und verlässt das Abteil. Während sich die Tür hinter ihm schließt, erkennt Karl draußen die Silhouette eines weiteren Polizisten in langem grauen Mantel.

Eine vertraute Gestalt. Karl zuckt zusammen, eine ferne Erinnerung taucht in seinem Gedächtnis auf und verschwindet gleich darauf wieder. Sollte tatsächlich er es sein? Nein, er muss sich getäuscht haben.

Die Mitreisenden meiden seinen Blick. Keiner will Ärger. Endlich kehrt der Polizist zurück, aber er setzt sich nicht. Einen Moment lang mustert er ihn. Dann reicht er ihm die Papiere.

»Gute Reise«, sagt er.

Karl atmet auf. Ist wirklich alles glattgegangen? Das erscheint ihm beinahe zu einfach, so als sei ihm irgendetwas entgangen.

 

Die Bahnhöfe ziehen vorüber: Nürnberg, Augsburg und schließlich München. Die Strecke beschreibt die Geschichte des nationalsozialistischen Deutschland. Angefangen bei den ersten zögernden Schritten im Herzen Bayerns, über die Massenkundgebungen des Regimes, die Arisierung und Militarisierung der Gesellschaft, bis hin zur Verfolgung von Juden und Kommunisten. Zehn Stunden Reise, acht Jahre Reichskanzler Hitler an der Macht. Acht Millionen in deutschen Buchhandlungen verkaufte Exemplare von Mein Kampf.

In München steigen sowohl Hella als auch Karl aus dem Zug, um den D61 um 18.35 Uhr in Richtung Rom zu nehmen. Auf dem bereits in abendliche Schatten getauchten Bahnsteig begegnen sie sich erneut.

Schweigend zieht Karl den Zeichenblock hervor, reißt eine Seite ab und reicht sie ihr. Der Gedanke an das Mädchen mit den traurigen Augen, wie er sie nunmehr bei sich nennt, hat ihn die gesamte Fahrt über begleitet. Im schwächer werdenden Tageslicht erkennt sich Hella in dem erstaunlich detail- und wirklichkeitsgetreuen Kohleporträt wieder. In der Mattigkeit der Augenlider, den unruhigen Furchen, die ihre Stirn durchziehen, in der um die Mundwinkel versteckten Bitterkeit.

»Es ist sehr schön«, sagt sie nur.

»Sie sind schön.« Seine Stimme klingt neutral wie die eines Künstlers, der sein Modell bewundert. Aber sein Blick ist warm, und Hella ertappt sich bei dem Gedanken, dass er ein Mann zu sein scheint, der das Leid anderer begreift. »Ich habe mich vorhin noch nicht einmal vorgestellt. Ich heiße Karl.«

»Ich bin Hella«, erwidert sie und reicht ihm die Hand.

»Sind Sie aus Berlin?«

»Nein«, sagt sie zögernd. Er weiß bestimmt nicht, wo Pinzon liegt. »Ich stamme aus … einem kleinen Dorf in der Nähe von Bozen. Und Sie?«

»Hat Ihnen Berlin gefallen?« Karl weicht der Frage aus.

»Schon … allerdings musste ich meinen Verlobten als Soldat verabschieden.«

Weshalb diese Vertraulichkeit einem Wildfremden gegenüber? Doch Hella hat das Bedürfnis zu reden. »Woher kommen Sie?«, fragt sie erneut.

»Aus Berlin.« Karl blickt sich verstohlen um. Er hätte nicht auf sie zugehen sollen. Und er muss lernen zu lügen. Aber zunächst muss er das Problem seines nicht gerade nach Südtirol klingenden Tonfalls lösen. Oder sich zumindest einen plausiblen Grund für seinen norddeutschen Akzent ausdenken. Vielleicht eine Mutter aus Berlin?

»Wozu fortgehen?«, murmelt Hella.

»Wie bitte?« Karl sieht sie erstaunt an.

»Sie sind aus Berlin fortgegangen. Wastl ist von daheim fortgegangen. Weshalb brecht ihr alle irgendwohin auf?«, wiederholt sie beinahe ungestüm.

»Vielleicht sollten Sie das … Wastl fragen.«

»Ich habe es ihn tausend Mal gefragt.«

»Und was hat er geantwortet?«

»Dass es seine Pflicht sei.«

Auch ich hätte besser nicht gehen sollen, denkt Karl. Aber wer trifft die Entscheidungen in dieser Welt, über die der Sturm hereingebrochen ist?

Der Pfiff des Lokführers lässt sie beide zusammenzucken.

»Wiederschauen«, sagt Hella und steigt in den Zug.

Karl begibt sich zu seinem Wagen. Im Lampenschein sieht er den Zipfel eines grauen Mantels hinter einer anderen Zugtür verschwinden.

Ich war dreiundzwanzig Jahre alt, als man mich vor die Wahl stellte. Im Jahr 1939. Italienerin oder Deutsche? Mussolini und Hitler waren übereingekommen: Die Frage sollte direkt an uns, die Bewohner Südtirols, gestellt werden. Nach so langen Jahren des Kampfes, des Leidens und der Demütigungen musste man einfach fortgehen, um seine Seele zu retten.

Es ist so lange her! Dezember 1939, der Krieg hatte bereits begonnen, aber bisher hatte es noch niemand so richtig bemerkt. Auf Wastls Moped durchquerte ich die Täler und entdeckte die Liebe, die Kühnheit und die Freiheit. Wer wusste damals schon, was Krieg bedeutet?

Es ist 1.21 Uhr am Morgen, als der Zug auf die Minute pünktlich in den Bahnhof von Bozen einfährt. Die Eisenbahner, die sich im Europa der Diktaturen in zahlreichen Freiheitskämpfen hervorgetan haben, sorgen dafür, dass die Züge in Hitlers Deutschland und Mussolinis Italien ohne Verspätung fahren. Karl würde gern lächeln, wenn er die Kraft dazu hätte. Sein Vater hat ihm vor seiner Verhaftung oft von den italienischen Genossen und ihrem harten Kampf gegen die Faschisten erzählt. Den sie mit Gefängnis und Verbannung bezahlt haben.

Kurz vor den Wahlen von 1933 hat es dann sie selbst getroffen, die deutschen Kommunisten. Sie wurden bezichtigt, den Reichstag in Brand gesteckt zu haben. Die nationalsozialistischen Milizen begannen zu wüten: zweitausend Vertreter ihrer Partei verhaftet und in Arbeitslagern interniert. Ihre Angehörigen jeglicher Rechte beraubt. Einige besonders treue Anhänger waren in den Untergrund gegangen und fechten nun einen ungleichen Kampf gegen die Gestapo aus. Anfangs hat Moskau ihnen beigestanden, Geld geschickt und sich für die politischen Gefangenen eingesetzt. Doch dann, am 23. August 1939, hat Stalin den Pakt mit Hitler geschlossen. Er hat sich auf die Seite des Gegners geschlagen und sie ihrem Schicksal überlassen.

Karl sieht Hella, die das Erste-Klasse-Abteil verlässt. Sie blickt sich um und eilt dann auf einen stattlichen jungen Mann zu, der ihr mit ausholender Geste zuwinkt. Sie umarmen sich. Vermutlich ein Verwandter.

Während Karl die Stufen des Bahnhofgebäudes hinabsteigt, folgt sein Blick unwillkürlich dem Auto, in dem das Mädchen mit den traurigen Augen davonfährt. Es ist absurd, aber er hat das Gefühl, dass dort seine einzige Freundin in dieser finsteren, fremden Stadt verschwindet.

Er richtet sich auf. Nun muss ich allein zurechtkommen, sagt er sich.

Wo soll er eine preiswerte Pension finden, die bereit wäre, ihn um diese Stunde aufzunehmen? Karl kennt Bozen einigermaßen aus der Zeit, als seine Eltern noch reisen durften, aber sein letzter Besuch liegt zehn Jahre zurück. Die Ärzte hatten damals die Ansicht vertreten, die frische Luft und die Thermalquellen Südtirols könnten das Leben eines asthmatischen Knaben retten. Zwei Wochen Aerosol-Therapie, Gurgeln und Inhalationen. Er hätte nie gedacht, dass er dem einmal nachtrauern würde. Und dennoch ist er heute zurückgekehrt, um ein wenig Freiheit zu atmen.

Ein Lichtstrahl blendet ihn. Und eine Stimme schreit auf Italienisch: »Was machst du da? Ausweis!«

Karl erkennt drei Gestalten, den metallischen Reflex dreier Waffen. Faschistische Uniformmäntel.

»Bitte sehr«, sagt er. Die Worte sind ihm auf Italienisch herausgerutscht. Er wird sich an diese Sprache gewöhnen müssen, die ihn sein Vater hatte lernen lassen.

»Weißt du nicht, dass Ausgangssperre herrscht?«

»Ich komme gerade aus Berlin.« Karl deutet in Richtung Bahnhof, den sein Zug bereits Richtung Rom verlassen hat.

»Und wieso bist du nicht bei deinem Freund Adolf geblieben?« Einer der Männer lacht.

Sie mustern seinen Ausweis, Deutscher, aber mit Anschrift in Brixen. Nichts in irgendeiner Form Verdächtiges. So ist es zwischen Rom und Berlin vereinbart: Die Südtiroler, die 1939 für Deutschland optiert haben, verzichten auf die italienische Staatsbürgerschaft, nehmen die deutsche an und erhalten Papiere des Reiches.

»Aus Brixen, was?«, sagt der Milizsoldat, der den Ausweis in der Hand hält. Karl fühlt sich beruhigt. Auch für seine wenig geübten Ohren spricht der Mann mit einem starken Akzent, vermutlich ist er nicht von hier und kennt die Gegend nicht richtig. Die Faschisten haben ihre Politik der Italianisierung der Region vorangetrieben, sich dabei aber auf den Hauptort konzentriert. Am Stadtrand von Bozen haben sie ein eigenes Viertel errichtet. Viele Italiener sind aus dem von Armut und Arbeitslosigkeit beherrschten Süden hierher umgesiedelt und haben sich in einer anderen Welt wiedergefunden.

»Ich hatte Verwandte erwartet, aber sie sind nicht gekommen.«

»Wieso bist du aus Berlin fort?«

»Ich hab nach Arbeit gesucht, aber keine gefunden.«

»Hättest du nicht in einer Waffenfabrik unterkommen können wie jeder andere auch?«

»Meine Lunge. Ich habe Asthma, es gibt Arbeiten, die ich nicht verrichten darf.«

»Und auch auf der Straße herumlaufen darfst du nicht. Nicht um diese Uhrzeit. Los jetzt!«, befiehlt der Mann schließlich. »Verschwinde hier.«

Karl steuert auf den Turm einer Kirche zu, der sich vor dem schwarzen Himmel abzeichnet.

 

»Du siehst schlecht aus. Komm. Hier entlang.« Ein Mann im Talar beugt sich über Karl und legt ihm einen Arm um den Leib, um ihn zu stützen.

Der Asthmaanfall ist besonders heftig: Die Kehle scheint wie zugeschnürt, die Lunge schmerzt, als sei sie in einen Stahlpanzer gezwängt. Zu groß war die auf der Reise angestaute Angst und zu schnell sein Schritt auf dem Weg ins Stadtzentrum. Karl hat es gerade noch geschafft, kräftig gegen die Tür zu klopfen, bevor er in einem Winkel an der Mauer des Doms zusammengesackt ist.

Der Priester, der ihm zu Hilfe gekommen ist, wirft einen besorgten Blick in die Dunkelheit und schließt die Tür hinter ihnen. Er hilft Karl, sich auf einer Bank auszustrecken.

»Du hast Glück, dass ich gerade zum Beten da war. Asthma, nehme ich an«, sagt er auf Deutsch. »Ich habe da etwas für dich. Bin gleich wieder da, bleib einfach hier.«

Karl dreht sich nach rechts, und sein Blick fällt auf den schlichten, mit einem feinen weißen Tuch bedeckten Altar aus Stein. Die beiden Kerzen an den Seiten brennen langsam vor sich hin. Darüber hängt ein Kruzifix, Christi Gesicht unter der Dornenkrone ist blutüberströmt, die Augen schauen zu Boden. Karl setzt sich auf, betrachtet das Kreuz und spürt den Atem ruhiger werden.

Der Priester kehrt mit einem Fläschchen zurück. »Es ist ein aus Tollkirsche gewonnener Saft«, erklärt er. »In deiner Heimat wirst du vermutlich etwas Ähnliches verwenden.«

Karl zögert. Kann er ihm trauen?

»Meine Heimat ist hier«, erwidert er schließlich und nimmt einen Schluck.

Der Priester betrachtet ihn ein wenig mitleidig. »Wenn du es sagst. Aber falls du zufälligerweise nicht weißt, wo du schlafen sollst, kannst du heute Nacht hier bleiben.«

Karl nickt. Er gibt keine Erklärungen, und der andere verlangt auch keine. Karl deutet auf die Christusfigur und sagt: »Scheint wirklich alt zu sein.«

»Er wacht seit vielen Jahren über diese Kirche.«

»Nun, momentan scheint ihm einiges außer Kontrolle geraten zu sein«, bemerkt Karl trocken. »Sieht so aus, als würde der Teufel den Krieg gewinnen.«

Wir sind in Pinzon angekommen, und mein Bruder Josef hat mich hinaufgebracht.

»Gute Nacht«, hat er leise gesagt.

Ich habe die Mauern gespürt, die mich wie in einer Umarmung umschließen. Mein festes, stilles Haus, das sich inmitten von Weinbergen und Erinnerungen, von Lachen und Düften erhebt, erfüllt von dem Nachhall seiner tausend Stimmen. Und von seinen Dramen, den Schicksalsschlägen, den Toten. Die es überdauert hat.

Ich habe mein Zimmer betreten und mich ausgezogen, um zu Bett zu gehen. Unten in der Stube hat die Uhr die Stunde geschlagen. Aus dem Rahmen des Gemäldes sieht meine Mutter reglos zu, wie die Zeit verstreicht. Und ich fühle mich lebloser als sie.

Wo bist du? Was tust du? Ich habe dir gesagt, und du hast begriffen, dass ich in einer Art Limbus schwebe, solange du fort bist. Ich werde immerfort mit dir sprechen, über alltägliche Dinge, um die Leere auszufüllen. Aber mit wem werde ich über dich sprechen? Wem kann ich erzählen, dass das Glück mit dir begonnen und mit dir geendet hat? Und wer wird verstehen, wie sehr ich mich nun vor der Dunkelheit fürchte?

3

Die große Verheißung, die große Täuschung

Bozen, Sommer 2014

Anfangs war es eine schlichte Verheißung. Die eines besseren Lebens für die über 250000 deutschsprachigen Bewohner Südtirols. Wer würde schon ein besseres Leben ausschlagen? Aber die Bedingung dafür war hart: Man musste fortgehen.

Was hätte ich getan?

Die Verheißung war umso verlockender, als sie von Hitler, Himmler und Goebbels stammte. Sie hatten einiges erreicht. Schon seit Jahren schienen sie die Wünsche der Deutschen zu erfüllen: Arbeit, Ehre und die Macht eines Regimes, das Respekt und Furcht einflößte. Vor nicht allzu langer Zeit, zu den Olympischen Spielen von 1936, hatten sie die gesamte Welt in Berlin versammelt. Und nun, im schönen Sommer 1939, wandten sie sich an die Südtiroler, um ihnen in einem geeinten und erstarkten Deutschland eine neue Zukunft anzubieten. Wie hätte man das nicht nutzen wollen?

So kamen die Nationalsozialisten gemeinsam mit Mussolinis Faschisten über das Schicksal dieser Rom allzu feindlich gesinnten Provinz überein. Sie beschlossen, den deutschsprachigen Bewohnern die Möglichkeit zur Auswanderung ins Deutsche Reich zu bieten, wo die Unterdrückung durch die Faschisten ein Ende haben würde. Niemand würde mehr versuchen, sie ihrer Sprache und der Traditionen ihrer Väter zu berauben. Sollte man etwa nicht daran glauben?

»Die stärkste Waffe war die Propaganda. Die Sympathisanten der Nationalsozialisten waren sehr gut organisiert.« Die Frau, die diese Worte zu mir spricht, heißt Martha Ebner. Ich bin zu ihr gefahren, weil sie besagten Sommer 1939, die Zeit der Verheißungen, erlebt hat. Sie empfängt mich in ihrem hübschen, zwischen Bäumen versteckten Haus bei Aldein.

Martha Ebner hat schlohweißes, zu einem Knoten gebundenes Haar und ein fein gezeichnetes Gesicht. Mit ihren zweiundneunzig Jahren ist sie vollkommen klar, und die Augen hinter den Brillengläsern betrachten mich mit einem Anflug von Ironie. Sie fragt mich nicht, aber ich frage mich selbst: Weshalb begegnen wir uns erst jetzt? In Wahrheit habe ich sie als junge Journalistin, während meiner Tätigkeit als politische Berichterstatterin in Bozen, bereits mehrfach getroffen. Und ihre Erscheinung hat stets meine Neugierde geweckt. Heute erscheint es mir mehr denn je von Bedeutung, ihr Gehör zu schenken. Ihre Entscheidung, die nationalsozialistische Propaganda zurückzuweisen, war gänzlich anders als die meiner Großtante.

Martha gehört zu einer der einflussreichsten Familien von ganz Südtirol. Sie ist die Nichte von Kanonikus Michael Gamper, einer in dieser Gegend legendären Gestalt. In gewisser Weise ist er mein Kollege, denn er übte denselben Beruf aus wie ich: Er war leitender Redakteur des »Südtiroler Volksboten«, und er war in einer Zeit als Journalist tätig, in der die Faschisten das Erscheinen deutschsprachiger Zeitungen verboten hatten. Er war es, der 1926 durchsetzte, dass wenigstens eine Zeitung – die »Dolomiten« – dreimal die Woche erscheinen durfte. Daraus sollte sich schließlich das entwickeln, was heute ein regelrechtes Polit- und Medienimperium ist.

Anfang der 1920er Jahre baute Gamper, gemeinsam mit Josef Noldin, das Netzwerk der sogenannten Katakombenschulen auf. Ohne diese Geheimschulen hätten Kinder keinen Deutschunterricht erhalten, da es in den staatlichen Schulen strengstens verboten war, auch nur Deutsch zu sprechen. Mutige Frauen wie meine Großtante Hella Rizzolli Tiefenthaler setzten die eigene Freiheit und Unversehrtheit sowie die ihrer Familien aufs Spiel, um dort als Lehrerinnen tätig zu sein.

Trotz seiner Rolle als Verteidiger des Deutschtums schlug sich der Kanonikus 1939 auf die Seite der Dableiber, also jener 13 Prozent der Südtiroler, die nicht für Deutschland optierten. Unermüdlich reiste er durch die Region und versuchte, der nationalsozialistisch geprägten, zur Auswanderung antreibenden Propaganda entgegenzuwirken. Gemeinsam mit anderen Aktivisten organisierte Gamper Versammlungen in den Dörfern, um zu erläutern, dass es eine Alternative gab, nämlich die, gemeinsam und vereint in der eigenen Heimat zu bleiben. Er schrieb einen berühmten Artikel, in dem er in gefühlvollem Ton von ebendieser Heimat sprach und von der Unmöglichkeit, sie zu verlassen. Er versuchte, die Leute aufzurütteln: Die offiziellen Versprechungen seien einfach zu schön, um wahr zu sein.

»Die Nationalsozialisten waren sehr geschickt darin, die jungen Leute anzulocken, und es liegt auf der Hand, weshalb«, erzählt Martha heute. Wir sitzen in ihrem mit Büchern vollgestellten Wohnzimmer an einem massiven Holztisch, der viel Geschichte erlebt haben muss. »Es waren junge Leute, die von Kindheit an weder Deutsch sprechen noch auf Deutsch beten oder ihre Lieder singen, geschweige denn ihre traditionellen Kleider tragen durften. Und plötzlich konnten sie es tun. Sie haben nur die gute Seite gesehen, die Tatsache, dass es ihnen endlich wieder freistand, ihre Kultur auszuleben. Den Rest wollten sie nicht wahrhaben.«

Der »Rest« war die Diktatur, die Entrechtung der Bürger, die Verfolgung von politischen Gegnern, die Judenverfolgung sowie vieles andere. Natürlich bleibt die damals erlebte Demütigung für die unter dem Faschismus aufgewachsene Generation ein prägendes Gefühl. Das lässt sich nicht bestreiten. Aber es kann nicht all das rechtfertigen, was danach kam.

»Ich habe die Katakombenschulen besucht, und schon als ganz Kleine brachte man mir bei zu lügen, falls jemand mich fragen sollte: ›Wohin gehst du?‹ Schon als Kinder hatten wir Angst vor allen Uniformen«, erzählt Martha und fährt fort, dass man nur vor diesem Hintergrund begreifen könne, weshalb so viele Besitzer schöner Höfe auf derart absurde Versprechen hereingefallen sind. Die Leute glaubten tatsächlich, nach Polen oder auf die Krim auswandern zu können und dort das gleiche Gut, die gleichen Kühe, die gleichen Pferde und Hühner zu erhalten. Wer ins Reich übersiedelte, behaupteten die Nationalsozialisten, würde dort exakt die gleiche Wirklichkeit vorfinden, die er verließ.

Marthas Erinnerungen helfen zu verstehen, wie und weshalb Südtirol in die grauenhafte Falle der von Hitler gewollten ethnischen Neuordnung getappt ist. Ihre Familie optierte für das Reich, doch sobald sie selbst volljährig war, wagte sie einen höchst ungewöhnlichen Schritt: Sie zog die Option zurück. Ihr Beispiel zeigt, was viele noch immer nicht wahrhaben wollen: Nein zu sagen zu Hitler und zum Nationalsozialismus war möglich. Selbst in jenen verworrenen Jahren.

Als ich sie nach dem Grund ihrer Entscheidung frage, gibt sie mir eine scheinbar schlichte Erklärung: Sie hatte es mit eigenen Augen gesehen.

»Von 1936 bis 1939 war ich in Deutschland, ich habe den Einmarsch in Österreich und die Kristallnacht in Landshut erlebt. Ich war in der Stadt unterwegs und habe die Jagd auf die Juden, die zertrümmerten Schaufenster gesehen. Es war bereits klar, welche Richtung der Nationalsozialismus nehmen würde: Auch der Direktor meines christlichen Mädcheninternats stand dem Regime sehr kritisch gegenüber. Mit siebzehn Jahren bin ich dann nach Südtirol zurück. Und als der Augenblick der Entscheidung kam, habe ich zu meinem Onkel, dem Kanonikus Gamper, gesagt: ›Ich geh da nicht hin.‹ Man musste sich noch vor Jahresende entscheiden, aber ich brauchte nicht weiter darüber nachzudenken. Ich sah, wie fanatisch diese Leute waren, und ich hatte begriffen, dass sie nichts Gutes bringen würden.«

Doch für viele war die Aussicht auf Auswanderung verlockend. Schließlich waren es schwere Zeiten. Die Krise der dreißiger Jahre machte sich deutlich bemerkbar, der am 1. September 1939 begonnene Krieg dagegen noch nicht. Wen sollte es da wundern, dass sich viele von dem Lockruf der nationalsozialistischen Propaganda verführen ließen?

Einige gingen gleich fort. Andere optierten, warteten jedoch erst einmal ab. Und dann gab es noch jene, die sich gleich umschauten und sagten: »Es gibt nirgends auf der Welt einen Ort wie diesen.« Und die dablieben.

 

Der Mann, der mir das Folgende erzählt, heißt Sepp Perwanger. Er ist siebenundachtzig Jahre alt, hat lebhafte, fröhliche blaue Augen und viel Sinn für Humor. Ich treffe ihn im Restaurant seines Hotels, des Zirmerhofs in Oberradein. Ein Hotel mit Geschichte, in einzigartiger Lage. Von dem großzügigen Anwesen reicht das Auge bis zu einem eindrucksvollen Gipfelpanorama, zu dem etliche steile Wanderpfade hinaufführen. Bereits vor dem Krieg war der Zirmerhof weit bekannt für diese unvergleichliche Aussicht, die hervorragende Küche und den gut sortierten Weinkeller. Ein volkstümlicher Erholungsort für Großbürgertum und mitteleuropäischen Adel, der von vornehmen Preußen, Ministern und Staatsbeamten aufgesucht wurde. Und natürlich ebenso von Südtiroler Großgrundbesitzern. Aber im Sommer 1939 kamen auch die verantwortlichen Verfechter der Option bis dort hinauf.

»Für jeden Beruf ein anderer: für die Köche, die Zimmermädchen …«, erzählt Sepp. Zum Vater sei einer der Chefs gekommen, fährt er fort. »›Wie viele Söhne habt Ihr?‹, fragte er ihn. ›Zwei.‹ – ›Wenn Ihr für Deutschland optiert, bekommt Ihr drei Höfe wie den Zirmerhof, einen für Euch und einen für jeden Eurer Söhne.‹ – ›Wo in Deutschland?‹ – ›In der Tatra.‹«