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Dieter Kronzuckers politische Biographie von Mittel- und Südamerika ist die Frucht seiner langjährigen Arbeit als Korrespondent und TV-Reporter in den Ländern Lateinamerikas.
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Seitenzahl: 402
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dieter Kronzucker
Der Tag des Kondors
Von Kuba bis Brasilien: Die politische Biographie eines Kontinents
Ihr Verlagsname
Dieter Kronzuckers politische Biographie von Mittel- und Südamerika ist die Frucht seiner langjährigen Arbeit als Korrespondent und TV-Reporter in den Ländern Lateinamerikas.
Prof. Dr. Dieter Kronzucker, geb. 1936, gehört zu den großen Persönlichkeiten des deutschen Fernsehjournalismus und ist als Korrespondent und Moderator seit Jahrzehnten auf den Bildschirmen präsent (u.a. WDR, ZDF, SAT1).
Amerika war immer ein übermächtiger Bezugspunkt in meinem Leben, und zwar der Norden und der Süden der Neuen Welt. Die frühe Ausrichtung auf den Norden, auf die USA, hatte sowohl mit meinem Geburtsort wie mit meiner Generation zu tun. Ich war acht Jahre alt, als am Ende des Zweiten Weltkriegs die US-Soldaten in meiner Heimat Bayern einmarschierten. Mit ihnen kamen Schokolade und Kaugummi, Schulspeisung und Schülermitverwaltung, Jazz und Jeans in unser Leben; den American way of life trugen die GIs im Tornister.
Meine Freunde und ich wurden damals auf den «Westen» fixiert – für uns hieß das New York, Harvard und Hollywood.
Meine spätere Zuneigung zum Süden der Neuen Welt entwickelte sich während meiner Berufslaufbahn – und sie wuchs mit dem Studium der Kulturgeschichte. In den Zivilisationen der Neuen Welt spielten die Navajos und Apachen und all die anderen Indianer Nordamerikas nur eine tragische Nebenrolle, im Gegensatz zu Azteken und Inka, den großen Indiovölkern in Zentral- und Südamerika. Mexiko, Cuzco und El Dorado – das waren die Fixsterne der frühen Eroberung Amerikas. Und die wurde geplant von den Herrschern der Iberischen Halbinsel.
Während eines Sommerjobs als Reiseleiter in Spanien und auf Studienreisen in Andalusien und in der Extremadura erschlossen sich mir die Verwegenheit und die aventura, die Abenteuerlust der frühen Amerikafahrer: ihr Geist lebt in Spanien fort. Die spanische Erfahrung hat mich denn auch zunächst auf der Spur der Konquistadoren nach Iberoamerika gebracht, während viele meiner Studienfreunde und späteren Kollegen nach England und Anglo-Amerika schauten und reisten (oder gar auswanderten).
Der historische Gegensatz zwischen Spanien und England spiegelt sich wider im lebendigen Gegensatz zwischen spanischen und englischen Amerikanern, wobei die kulturellen Unterschiede heute in der Neuen Welt deutlicher sind als in der Alten; «drüben» wird alte europäische Geschichte bewahrt.
Der Felsen von Gibraltar, ein britischer kolonialer Pfahl im spanischen Fleisch, geht bald im gemeinsamen Europäischen Markt, wenn nicht gar in der politischen Union Europas auf. Die 3000 Kilometer lange Grenze entlang dem gelben Rio Grande zwischen den USA und Mexiko aber trennt die Zivilisationen der Neuen Welt mit großer Unerbittlichkeit. Der schmale Fluß trennt Reiche von Armen, Sprache von Sprache, Kultur von Kultur.
Auch wenn es vorkolumbianische, nordeuropäische Amerikafahrer gab und natürlich eine vorkolumbianische Kultur, so beginnt doch mit der Landung des Christoph Kolumbus auf einer Insel der Karibik im Jahre 1492 die Kulturgeschichte der Neuzeit überhaupt. Das Recht der Erstentdeckung beanspruchen die Spanier, auch wenn Kolumbus ein Italiener jüdischer Herkunft war. Doch den Reiseauftrag hatte ihm das spanische Königshaus gegeben. Die fünfhundertste Wiederkehr seiner Entdeckungsfahrt feiern die Spanier 1992 mit einer Weltausstellung ohnegleichen in Sevilla und mit dem Hinweis darauf, daß in den ersten 300 Jahren nach Kolumbus’ Landung die Aufmerksamkeit Europas vor allem der unermeßlichen Größe Lateinamerikas galt, von Mexiko bis zum Rio de la Plata, daß zudem der Norden vom Süden aus entdeckt wurde, von Arizona bis California, und daß schließlich die Ordensritter von Calatrava bis hoch nach Alaska noch im 18. Jahrhundert spanische Spuren und Namen hinterließen, von Cordova Bay bis Valdez. Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts noch kämpften Amerikaner im Süden und im Norden unter Bolívar und unter Washington ihre spanischen und britischen Kolonialherren nieder. Dann aber verfiel der Süden unter der Herrschaft einer «kleinlichen Schar von Diktatoren» zur politischen Bedeutungslosigkeit, ganz wie Bolívar prophezeit hatte. Der Norden hingegen nahm einen langen Anlauf in das «amerikanische Jahrhundert».
Diese nordamerikanische Epoche erreichte unter der kurzen Präsidentschaft John F. Kennedys ihre größte Ausstrahlung. Für meine Generation im Nachkriegsdeutschland verband sich mit den USA das Prädikat «modern» oder «fortschrittlich», während Lateinamerika entweder mit «exotisch» oder «rückständig» gleichgesetzt wurde. Die kulturelle und politische Übermacht des Nordens über den Süden mag ein Wortspiel verdeutlichen. Der Ländername Kolumbien stammt von Kolumbus, dem Entdecker. Der Name Bolivien weist auf Simón Bolívar, den Freiheitshelden. Amerika verdankt seinen Namen Amerigo Vespucci, dem frühen Geographen aus Italien. Ein Bolivianer ist ein Einwohner Boliviens, ein Kolumbianer ist ein Einwohner Kolumbiens. Aber was ist ein Amerikaner?
Unter einem Amerikaner versteht man einen Einwohner der Vereinigten Staaten von Amerika. Sogar die Nachbarn der USA haben sich diesem Sprachgebrauch angeschlossen. Nur ersatzweise sprechen die Kanadier von «Yankees», wenn sie the Americans meinen, oder die Mexikaner von «Gringos», wenn es um los americanos geht. Wenn die einen also «die Amerikaner» sind, was sind dann die anderen alle, die auf diesem Kontinent leben? Von Kanada abgesehen, liegen die restlichen 30 Staaten alle südlich von Amerika. Das ist ihre Gemeinsamkeit. Doch daß es 30 Staaten sind, kann man nur mit schlechtem Gewissen behaupten, denn fast jährlich kommen neue hinzu. Also sind es rund 30 Staaten. Die Worte «rund», «fast», «allerdings», «ungefähr», «zum Großteil» – sie alle gehören in jeden zweiten Satz eines Journalisten, der über die Zone südlich von Nordamerika berichtet. In dieser Gegend ist nur die Ungewißheit gewiß.
Was also steckt in einem Namen? «Südamerika» klingt besser – ist aber unzureichend. Denn der Name läßt nicht nur die Karibik und Mittelamerika aus, sondern auch Mexiko, das geographisch in Nordamerika liegt. Als Unterschied zum englischen Amerika bietet sich der Begriff Spanisch-Amerika an, aber Brasilien, heute die «Vereinigten Staaten von Brasilien», wurde portugiesisch kolonialisiert.
Indo-Amerika kommt immer mehr in Mode, seit erwachender Nationalismus seine vorkolumbianischen, indianischen Wurzeln sucht. Doch nur die Hälfte der Hemisphäre kann eine indianische Bevölkerungsmehrheit behaupten. Indo-Europa hört sich ungewöhnlich an, wäre aber gar nicht so schlecht – der indianische Ursprung, verbunden mit dem europäischen Erbe. In diesem Namen wäre die «amerikanische» Verwechslung ausgeräumt. Indo-Europa hat sich indes nicht durchgesetzt, dafür Lateinamerika, obwohl dieser Name etwa die holländischen und französischen Gebiete ausläßt. Es stellt sich also die Frage, ob und warum die Zone südlich von Amerika überhaupt irgendwie zusammengehört. Dagegen sprechen ja nicht nur die unterschiedlichen kolonialen Ursprünge, sondern auch die vielen verschiedenen Sprachen: Spanisch und Portugiesisch dominieren, dann folgen die Indiosprachen, Quechua und Aymara und Guaraní, Französisch in Haiti, Holländisch in Surinam, Englisch in Trinidad, schließlich die lustige Mischung aus allen dreien, das Papamiento. Wenn man jetzt noch die vielen Eingeborenendialekte hinzuzählt, die von den Sklaven aus Afrika eingebracht wurden, und das Italienische als Sprache der Haupteinwanderergruppe auf dem Subkontinent, dann ist die Frage wirklich berechtigt – was verleiht den Menschen dieses Kontinents südlich von Nordamerika das Gefühl grenz- und sprachüberschreitender Gemeinsamkeit?
Mir ist kein stärkerer Impuls aufgefallen, der stichhaltiger wäre als eben dies «südlich von Nordamerika», der territoriale, politische, der historisch gewachsene Gegensatz zu den reichen englischen Amerikanern im Norden des Kontinents. Nur eine sehr kleine Schicht von südlichen Großkaufleuten erträgt die Dominanz der USA gerne. Sie kann auch erster Klasse zum Shopping fliegen, von Buenos Aires nach Los Angeles – from B.A. to L.A. – oder von Mexico City nach Miami, wo die Konten voller Yankee-Dollar liegen.
Die große Mehrheit der Südamerikaner läßt sich Wirtschaftswesen, Handel und Wandel von den USA aufdrängen. Viele Staaten sind wirtschaftlich auf die Vereinigten Staaten ausgerichtet. Die Lateinamerikaner besuchen sich kaum, handeln wenig miteinander, weil das Interesse aneinander fehlt und die Infrastruktur ungenügend ist. Einen kontinentalen Standpunkt haben sie bislang noch nicht entwickelt. Sie alle sind sich ähnlich und bleiben sich fremd. Universitäten, Kulturinstitute, politische Parteien pflegen kaum Kontakte untereinander. Die Zeitungen beziehen ihre Nachrichten auch über die unmittelbaren Nachbarländer von nordamerikanischen Agenturen. Die Telefonverbindung von Land zu Land läuft oft über die USA.
Der technische Fortschritt lehnt sich an nordamerikanische Vorbilder an, die kulturelle Entwicklung orientierte sich lange an europäischen Modellen. Das Lateinamerikanische an Lateinamerika wird immer erst dann sichtbar, hörbar und spürbar, wenn ein Vorwurf oder ein Lob von außerhalb der Hemisphäre erteilt wird. Die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an den chilenischen Kommunisten Pablo Neruda wurde von allen als hohe Ehre aufgefaßt, auch von den Reaktionären. Die Fußballniederlage Argentiniens gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft in Rom 1990 hingegen lehnten alle empört als üble Machenschaft ab. Die Reaktionen dieses bunten Subkontinents sind immer noch voraussehbar wie die eines verzogenen Kindes, das alles will, zugleich und sofort, und zutiefst verletzt ist, wenn das nicht möglich ist.
Für die offensichtlichen Unterschiede zwischen Einheimischen und Ausländern haben die Lateinamerikaner Begriffe gefunden: Gringo und Criollo oder Kreole. Der Gringo ist eigentlich der große Fremde aus Texas im Norden Mexikos, und der Kreole ist eigentlich der im neuen Land geborene Nachkomme spanischer Einwanderer. Im Zeichen der Suche nach nationaler Identität oder einem gemeinsamen lateinamerikanischen Nationalgefühl kam es aber zu einer Begriffserweiterung. Der Gringo ist heute vor allem das kulturelle und politische Widerspiel des Criollo. Diese Polarität hilft dem Lateinamerikaner über Minderwertigkeitskomplexe hinweg. Denn unter dem Schimpfwort «Gringo» läßt sich versammeln, was man nicht versteht, was man beneidet, belächelt oder haßt. Und Criollo, das verdrängt die seltsame, europäisch vererbte «Scham» über rote oder schwarze Abkunft, macht das Farbige fashionable, das gesellschaftlich Unzulängliche eigenartig und das wirtschaftlich Provisorische typisch. Mögen die «Gringos» tüchtig sein, die «Criollos» sind echt.
Die Politiker der Hemisphäre von Menem in Argentinien bis Salinas de Gortari in Mexiko, vom Südpol bis zum Rio Grande suchen über ideologische Grenzen hinweg Gemeinsamkeiten beim Kampf um ein lateinamerikanisches Nationalgefühl. Politiker und Parteien sind sich einig, daß der steile Weg heraus aus der Bedeutungslosigkeit zu beschreiten ist. Und doch klaffen zwischen den spanisch kolonisierten Ländern und dem portugiesisch sprechenden Brasilien scheinbar unüberwindliche Gegensätze.
Daß es anders werden muß – darüber sind sich alle einig, und sie gehen auch die Grundübel an: die ungerechte Verteilung der Güter, das Analphabetentum, die Korruption, vor allem die fehlende Infrastruktur. Auch deshalb wird jeder neue Staudamm, jede neue Autobahn, jede Satellitenstation wie ein entscheidender Sieg über die Unterentwicklung gefeiert. Und deshalb entschuldigt man immer noch jede neue Auslandsverschuldung, jede neue Inflation, jede Fehlinvestition mit der Parole: «Im Namen des Fortschritts».
Diese Strategie, die eigentlich keine ist, drängt die Lateinamerikaner ins Lager der Dritten Welt. Dort finden sie Beifall und Solidarität. Solche Entwicklung aber bricht mit der europäischen Tradition Lateinamerikas. Die Politiker der Hemisphäre sind zwar immer noch stolz auf den allumfassenden Unterschied etwa zu Afrika: «Lateinamerika ist nicht unterentwickelt, sondern ungleichmäßig entwickelt», sagen sie. Aber die Annäherung zwischen Reicheren und Ärmeren, zwischen Privilegierten und Unterprivilegierten hat nicht etwa einen prosperierenden Mittelstand geschaffen. Mag sein, daß es den in Südamerika aus historischen Gründen bisher nicht gegeben hat. Das ist das koloniale Erbe. In den meisten Ländern aber ist es die spanische Tradition. «Ich kam für Gold und nicht, um den Acker zu pflügen wie ein Bauer», sagte der spanische Eroberer Cortez.
Iberoamerika wurde im Gegensatz zu Anglo-Amerika nicht von Siedlern, sondern von Ausbeutern erobert. Erst als der Goldreichtum versiegte, haben die Eroberer sich auch in Lateinamerika niedergelassen, um es weiter auszubeuten. Das Feuer auf den Zuckerrohrplantagen ist ein Signal der Ausrichtung auf Europas Märkte, speziell auf der Zuckerinsel Kuba, auf den Markt der Sowjetunion – ein Signal der Monokultur, der wirtschaftlichen Einseitigkeit und fortdauernden Abhängigkeit Lateinamerikas. Von solcher wirtschaftlichen und politischen, von privater und staatlicher Abhängigkeit wollte sich Lateinamerika befreien, als es vor 170 Jahren die spanischen Kolonialherren vertrieb.
Doch im Gelingen der Freiheit zerbrach die Einheit des Subkontinents. Aus nachkolonialem Chaos wuchsen gewalttätige Alleinherrscher heran, die bald im profitablen Verbund mit ausländischen Mächten und Konzernen standen. Auf der Suche nach nationaler Identität ist Lateinamerika inzwischen wieder auf die spanische Tradition gestoßen. Man kann Spanien in Mexiko oder Chile heute wieder als Traditionsstifter beschwören. Erstens hat man es ja vor 170 Jahren besiegt, zweitens ist der «Caudillo» Franco abgesetzt, ersetzt durch eine spanische Demokratie unter dem Visionär Felipe González.
Jetzt geht es in Südamerika um eine zweite Befreiung und um einen Gegner, den man erst sehr spät als «Feind» begreift: die USA. Sie kamen nicht mit Kanonen, sondern mit Kontrakten. Nicht Sklaven und Gold, sondern Export und Import waren die Chiffren der neuen Abhängigkeit. Es ist zu einer politisch-ökonomischen Verflechtung der kontinentalen Interessen gekommen, die einen Kampf auf offenem Schlachtfeld nicht erlaubt und nicht rechtfertigt. Denn das amerikanische Wirtschafts- und Wissenschafts-Know-how ist unumgängliche Voraussetzung auch des lateinamerikanischen Fortschritts. In Kuba und Nicaragua haben ideologische Verblendung und mangelnde Rücksicht auf den historischen Vorsprung der Gringos Wunden ins eigene Fleisch gerissen, die Politik allein nicht mehr heilen kann.
Die Nationen in Lateinamerika entstanden nicht aus Verbundenheit mit dem Land, sondern durch willkürliche Grenzziehung. Immer noch scheitern Reformen an der mangelnden Bereitschaft der Besitzenden zu teilen, immer noch scheitern Revolutionen am mangelnden Nationalgefühl der Besitzlosen. Die Eskalation des Terrors hebt diese Probleme in Augennähe. Sie verleiht der politischen Landkarte Relief. Als zunächst Fidel Castro in Kuba und zwei Jahrzehnte später Salvador Allende in Chile die Macht übernahmen, schien Südamerika eine neue Achse bekommen zu haben zwischen Kuba im Norden und Chile im Süden.
Die Länder auf der direkten Linie dieser Achse drehten sich mit, Bolivien und Peru im politischen, Kolumbien und Ecuador im wirtschaftlichen Sog.
Washington hat auf die Turbulenzen im Süden des Kontinents im Laufe der Jahrhunderte sehr unterschiedlich reagiert. Mal diplomatisch, mal brutal, mal fahrlässig und mal nachlässig, vor allem aber ungeschickt. Über allem diplomatischen Tun der USA lag die Arroganz der Macht, ungewollt oft, historisch gleichsam unvermeidlich. Südamerika war das erstgeborene Kind der kolonialen Eltern in Europa. Aber Nordamerika war das tüchtigere, das bei weitem effizientere, besonders wenn man die Elle des technischen Fortschritts anlegt. Lateinamerika hat nie einen besonders großen Erfindungsreichtum gezeigt, übrigens auch schon vor Kolumbus nicht. Im Inkareich gab es zwar ein großes Wegenetz, aber das Rad war offensichtlich unbekannt. Bei derlei seltsamer Erfindungsfaulheit ist es geblieben.
Im Europäischen Patentamt in München wurden den USA im Jahr 19895226 Patente erteilt. Dem zweitgrößten Land der Neuen Welt, Brasilien, zwei, Argentinien ebenfalls zwei, Bolivien eins. Mexiko immerhin sieben, fünf davon an Nordamerikaner, die in Mexiko zu Hause sind.
Zählt man aber nicht die Maschinen und die Handelsketten, bewertet man nicht nach Profitkriterien, nach den goldglänzenden Maßstäben des Materialismus, sondern nach der härteren Währung des Idealismus, dann hat Lateinamerika der Welt einige Nachdenklichkeiten beschert: Da wären zum Beispiel die politische und soziale Revolution in allen ihren Spielarten, und keineswegs so doktrinär wie in Osteuropa, angefangen von Fidel Castro in Kuba über die Tupamaros in Uruguay, die Volksfront in Chile, die Anarchie des «Leuchtenden Pfades» in Peru, die Revolutionen unter der Tropensonne Mittelamerikas und der Karibik – mitsamt ihren charismatischen Heldenfiguren wie Che Guevara, César Sandino, Farabundo Martí oder Camillo Torres. Die katholische Kirche hat sich im katholischen Lateinamerika gespalten in die der Obrigkeit und die der Armen und ihrer aufregenden, urchristlichen Theologie der Befreiung. Die Literatur, so lange verstrickt in europäischen Vorbildern, machte sich selbständig und originär, stürmte mit Autoren wie Mario Vargas Llosa, Pablo Neruda, Octavio Paz und Gabriel García Márquez die Bestsellerlisten in aller Welt.
Zu den Denkanstößen dieses Landes für den Rest der Welt kommen die Sorgen. Der Wettlauf der etablierten Politiker mit den Protagonisten der Revolution, der zuletzt in ein Wettrennen gegen den Bankrott ausartet, die Unterjochung der Kreatur und die Rettung des größten Regenwaldgebietes der Erde, die drohende Auslöschung der letzten Indianerkulturen, die Bevölkerungsexplosion und die Sprengkraft, die in dem nie überbrückten Gegensatz zwischen Süd- und Nordamerika steckt – dies alles sind die großen Themen dieses Kontinents.
Ich war in den Jahren von 1967 bis 1972. Korrespondent in Lateinamerika und habe den südlichen Teil der Neuen Welt danach immer wieder besucht. 1980 wurde ich Korrespondent in Nordamerika, kenne sowohl die unbestimmte Sorge des Yankee vor dem südlichen Nachbarn wie das eigentümliche Gemisch aus Haß und Bewunderung, mit dem Lateinamerikaner den Gringos jenseits des Rio Grande begegnen. In einer zunehmend wirtschaftlich verflochtenen Welt, in der herkömmliche Strukturen – zumal diejenigen der sozialistischen Gesellschaftsexperimente – verfallen, erleben die Industrienationen auch eine Aufgabenteilung. Nordamerika, eine Supermacht, die aber Japan und Westeuropa auf Augenhöhe an sich herankommen sieht, kann nicht mehr aller Welt helfen und schaut nunmehr mit besonderem Augenmerk auf den Süden des Kontinents: «Dies ist nicht mehr der Hinterhof, sondern der Vorposten der USA», erklärte mir ein Berater des Präsidenten im Weißen Haus – und verriet mit der Metapher alte Besitzansprüche.
Gleichzeitig verändern Wellen der Einwanderung aus Lateinamerika die nordamerikanische Bevölkerungsstruktur. Der Anteil der «Latinos» in den USA wächst so explosionsartig, daß oft das Spanische neben dem Englischen als Zweitsprache gilt. Derweil verstärkt dieser Schub aus dem Süden eher die Arbeitskraft des Nordens, als daß er sie schwächt. Die Zukunft ist offen: Die Verbindung der beiden Hälften des Kontinents, deutlich sichtbar in den Migrationsbewegungen aus dem Süden in den Norden, könnte zu einem weiteren «amerikanischen Jahrhundert» führen, das dann auch tatsächlich alle Amerikaner umschließt.
1986 erschien unter dem Titel «Unser Amerika» mein Buch über die USA. Es sollte ganz bewußt in einer Zeit des Antiamerikanismus auf die Verbindung zwischen der Alten und der Neuen Welt hinweisen. Damals auch entstand der Plan, ein Buch über den Süden unter dem Titel «Das andere Amerika» zu schreiben. Aber diesen Titel hätte man sicherlich in einer typisch amerikanischen Verwechslung mißverstanden. Auf der Suche nach einem Symbol für all die Staaten südlich der USA fiel mir schließlich der Kondor ein, ein Götterbote der frühen Indianerkulturen, der in manchen Regionen noch heute als Künder einer besseren Zukunft gilt.
Das bunte, folkloristische Bild zeigt einen Dorfplatz als Stierkampfarena. Mit dem Stier kämpft aber kein Torero, sondern ein Kondor. Der riesige Vogel hat sich scheinbar auf dem Stierrücken festgekrallt. Der wutschnaubende Bulle kann seinen Feind nicht abschütteln. Wie der Kampf endet, geht aus dem Prachtgemälde nicht hervor. Aber der Sinn ist klar: Der Kondor, Göttervogel des vergangenen Indianerreiches der Inka, nimmt Rache am Stier, dem Symbol der spanischen Eroberer. Die Herkunft des Brauchs ist in keinem klassischen Geschichtsbuch nachzulesen. Doch alle Indianer Südamerikas wissen davon. Der Kampf wird von der katholischen Kirche als heidnisch abgetan und findet nur noch in sehr entlegenen Gegenden statt.
Der Kondor ist in den peruanischen Anden rar geworden, und auf den Höhen, auf denen er nistet, hat auch die Guerilla vom «Leuchtenden Pfad» ihre Verstecke. Darum wird es jedes Jahr mühsamer und gefährlicher, den großen Vogel für die Yawar-Fiesta zu fangen, das Blutfest, wie es die Indianer nennen. Der Brauch droht auszusterben. Das mag den Tierschützern gefallen. Die Ethnologen bedauern es.
Jenes Bild vom Kampf des Kondors mit dem Stier habe ich erstmals vor zwanzig Jahren im Flughafen der Andenstadt Cuzco gesehen. Cuzco verfügt über eine ungewöhnlich lange Landebahn, weil Flugzeuge in dieser Höhe von 3400 Metern einen gehörigen Anlauf zum Start brauchen. Auf dieser Rollbahn gehen Familien spazieren, spielen Kinder Fußball, kochen Hausfrauen bisweilen sogar ihr Mittagessen. Nur wenn gelegentlich ein Flugzeug startet oder landet, fährt der Feuerwehrwagen aus und vertreibt unter Sirenengeheul die vielen Zaungäste. Spätestens dann beginnt der Kampf um die Plätze an Bord. Nur Passagiere im offiziellen Auftrag und geschlossene Reisegruppen kommen mit Sicherheit mit. Die anderen müssen ihr Glück versuchen. Wer nicht tüchtig drängt und schimpft, muß unter Umständen lange auf den nächsten Flug warten.
Während einer solchen Wartezeit habe ich jenes Bild in einer eher dunklen Ecke der Flughafenbar entdeckt. Der Maler war ein gewisser Juan Bravo Vizcarra. Der Halbindianer war auch schnell aufzutreiben und erwies sich als großer Kenner der indianischen Mythologie.
Cuzco war einst die Hauptstadt eines großen Indianerreiches, in dem die Söhne der Sonne und des Mondes, die Inka, herrschten. Die Verehrung der Indianer galt neben den Gestirnen vielen anderen Göttern im Hochland, besonders aber den Geistern reiner Quellen, ewig schneebedeckter Berge, dem Puma, der Schlange und dem Kondor. Dieser hochfliegende Bergvogel, der aussieht wie ein riesiger Geier, aber zur Familie der Störche gerechnet wird, galt im Inkareich als ein Götterbote, der die Verbindung zwischen Himmel und Erde hält. Nach der Zerstörung des Reiches durch die Spanier im 16. Jahrhundert versuchten die Eroberer, den heidnischen Glauben der Indianer an die alten Götter gründlich auszumerzen. Auf die gewaltigen Fundamente der Tempel setzten sie Kirchen und Paläste. Die apus, die Halbgötter Puma, Schlange oder Kondor, wurden durch die santos ersetzt, die europäischen, fernen Heiligen des Christentums. Das Kreuz konnte jedoch bis heute den mächtigen Kondor nicht wirklich verdrängen: er fliegt durch den christlichen Dogmenhimmel, als sei er nicht zu fangen.
Die Indianer vom Stamme der Quechua glauben, daß der Kondor sie eines Tages von der Herrschaft der Fremden erlösen wird. Verborgen in einer Felsschlucht in der Nähe von Cuzco hatte einst ein Inkaprinz auf der Flucht vor den Konquistadoren zwei Zeichen in den Stein geritzt. Das eine zeigt den Kondor schlafend mit gesenktem Kopf, im anderen setzt der Göttervogel erneut zum Flug an, als habe er sich nur für eine Zeit in die Berge zurückgezogen, um eines Tages mit Macht zurückzukehren.
Einmal im Jahr aber wird der Kondor vom Himmel geholt und in den Symbolkampf mit dem Stier geschickt. Eine magische Auseinandersetzung zwischen Inka und Conquista, zwischen Indianern und Spaniern.
Soweit die Erzählung des Malers Juan Bravo Vizcarra. Und einer seiner Freunde, der Peruaner Jorge Vignati, wußte auch, wo der Kondor noch gefangen wird: in dem Dorf Cotabambas, eine Tagesreise von der früheren Inkastadt Cuzco entfernt. Allerdings liegt Cotabambas in einer Provinz, über die seit Jahren der Ausnahmezustand verhängt worden ist. Die maoistische Guerilla vom «Leuchtenden Pfad» kontrolliert die Andenhochtäler im Hinterland von Cuzco. Der Maler Bravo und sein Freund halten sowohl Kontakt zu den amtlichen Stellen wie auch zu ganz und gar obskuren Gestalten. Glaubt man ihnen, so haben die Guerilleros vom «Leuchtenden Pfad» ein Nachbardorf von Cotabambas heimgesucht, alle Dorfbewohner auf dem Markt zusammengetrieben und vor ihren Augen den Bürgermeister und den Friedensrichter umgebracht. Seitdem leben auch die Leute von Cotabambas in Angst. Zu ihrer Sicherheit wurde eine siebenköpfige Truppe der Guardia Civil abkommandiert. Das alles weiß Vignati vom Hörensagen, denn nach Cotabambas gibt es weder eine Telefon- noch eine Funkverbindung. Jedoch verkehrt zweimal wöchentlich ein Bus. Er ist auch der Nachrichtenträger zwischen dem Hochland und der Stadt.
Wir – mein Kamerateam, der Maler, sein Freund und ich – erfuhren, daß auch in diesem Terrorjahr das Yawar-Fest stattfinden soll. Also rüsteten wir uns zur Abreise und mieteten einen Bus. Der hatte es zwar schwer auf den schmalen Wegen, aber er war hochbeinig, fuhr besser durch die Furten und über das Geröll.
Am Vorabend unserer Abreise begeht Peru seinen Nationalfeiertag. Auf der Plaza von Cuzco wird neben der Fahne des Staates auch das Inkabanner hochgezogen.
Die sieben Farben des Regenbogens. Das indianische Erbe gilt wieder, und den Touristen, die sich in die Hochebene vorwagen, ist es sowieso wichtiger als das nachgeborene spanische Kolonialreich. Hunderttausend feste Häuser sollen sich einst um die Tempelstadt der Inka geschart haben. 23 Brücken führten über kanalisierte Bäche. 43 Straßen schlängelten sich von hier aus an die Küste, in den Dschungel, über die Berge bis Quito im Norden und Antofagasta im Süden. Festungen und Paläste säumten die sieben Hügel um Cuzco herum. Es war ein wahres Rom der Neuen Welt. Und die Schicksale gleichen sich. Denn Cuzco fiel nicht nur den anstürmenden Spaniern zum Opfer, sondern auch dem Bruderkrieg – und der Armut.
Am Rande der Parade zum Nationalfeiertag treiben sich emsige Taschendiebe herum. In meiner linken Hosentasche finden sie nur ein paar Tempotaschentücher. Allerdings muß ich nach dieser diebischen Visite einen Riß in der Hose nähen lassen.
Weit vor Morgengrauen brechen wir auf. Schon bald geht es von der festen Straße ab und auf Feldwege. Hinter einer Hazienda, der man die vergangene Pracht noch ansieht – die Besitzer wurden 1968 bei der Landreform enteignet –, biegen wir ab in die Berge. Den Sonnenaufgang erleben wir schon in der Pampa de Anka. Vor uns erhebt sich der Salquantay – der schneebedeckte Gipfel ist 6064 Meter hoch. Salquantay heißt: der Unbesiegbare. Und tatsächlich konnten die Spanier diesem heiligen Berg der Inka nichts anhaben: er blieb uneinnehmbarer Zufluchtsort. Dann geht es über 2000 Meter Höhenunterschied in Haarnadelkurven nach unten. Vorsichtig fährt uns der Busfahrer durch Geröll und Gewässer. Es ist auch für ihn eher ein Abstieg als eine Abfahrt. Wir erreichen den Apurimak-Fluß. Apurimak heißt in der Indianersprache: Großer Gott, der zu uns spricht. Früher pendelte hier eine Inka-Hängebrücke. Vor 20 Jahren wurde sie durch eine Stahlkonstruktion ersetzt. Im Bus herrscht Anspannung. Daß ein Gringo unterwegs ist nach Cotabambas, haben die Guerilleros mit Sicherheit erfahren.
Wenn sie etwas dagegen unternehmen wollen, so meint Jorge Vignati, dann an der Brücke. Aber da sind nur ein paar Hirten, die eine Herde von Schafen und Lamas vorbeitreiben. Wir lagern kurz und werden von besonders bösartigen Moskitoschwärmen überfallen. Sie heißen puma wakacha, das heißt soviel wie «bringt sogar den Puma zum Weinen».
Danach geht es in steilem Zickzack bergauf Richtung Cotabambas. Auf halbem Wege sehe ich den Schatten eines großen Vogels auf einer Felswand. Wir steigen aus und können einen Kondor beobachten, der neugierig den Bus umkreist. Es gibt nur noch wenige seiner Art. Der einzige größere Nistplatz der Anden findet sich im Valle de Kolka, nahe der Stadt Arequipa. Drei Vollblutindianer in der Reisegesellschaft betrachten es als eine Fügung der Götter, daß uns der Kondor erschienen ist. Später oben im Dorf erzählen sie die Geschichte aufgeregt weiter, und selbst Dimas Gemarra ist erstaunt. Dimas ist der Kondorfänger von Cotabambas. Obwohl selbst Mestize, also ein Nachkomme der Spanier, verehrt er den Kondor als seinen höchsten Apu, als seinen Gott.
Bevor er jedes Jahr einmal auf die Berggipfel zieht, ruft er die anderen Apus an, die hier oben wohnen, bringt ihnen Opfer und beschwört sie, ihm zu helfen. Mit einem Sohn oder Neffen zieht er dann in ein kraterähnliches Tal auf 5200 m Höhe. Dort schlachtet er ein älteres Maultier und legt es als Köder aus. Meist gelingt es ihm so, einen hungrigen Kondor anzulocken: «Der frißt sich voll und kann sich nicht mehr in die Lüfte schwingen.»
Dann scheuchen Dimas und seine Helfer den großen Vogel, bis er müde wird und sich widerstandslos festnehmen läßt. In den 50 Jahren seines Lebens hat Dimas Gemarra 16 Kondore gefangen und sie immer heil und ohne Schaden zurück ins Dorf gebracht – so auch diesmal.
Die Nachricht vom erfolgreichen Fang versetzt Cotabambas in festliche Stimmung. Die capiros, die Stadtmusikanten, ziehen mit Flöte, Bergharfe und Trommel durch die Straßen. An jeder Ecke wartet auf sie chicha, Maisbier. Bevor sie trinken, spritzen sie ein paar Tropfen gen Himmel, den Apus geweiht, und zur Erde, für die Weltmutter pacha mama.
In der Nacht vor dem Yawar-Fest halten die capiros Wache am Käfig des Kondors, spielen ihm auf und geben ihm ebenfalls chicha zu trinken. Für die Zeit des Yawar-Festes bleibt die kleine koloniale Kirche von Cotabambas verwaist. Der Pfarrer, ein Italiener aus Bergamo, verdammt zwar offiziell die heidnische Verehrung des Kondors. Aber der Altar in seiner Kirche wird von einem Kondor überragt, den ein Silberschmied schon im 17. Jahrhundert gefertigt hat. Ursprünglich gab es solche Silberschmiedearbeiten in vielen Bergkirchen, doch sind sie im Laufe der Jahre Kunsträubern zum Opfer gefallen.
Heute ist der Silberkondor von Cotabambas einzigartig. Über dem Altar thront eine María immaculata. Der unbefleckten Empfängnis Mariens gilt das zweite große Fest der Indianer in den Hochanden. Auch in diese Marienverehrung spielt ein heidnischer Brauch. Im alten Inkareich wurden die Sonnenjungfrauen verehrt. Wenn sie aber ihr Keuschheitsgelübde brachen, wurden sie lebendig eingemauert. Die Sonnenjungfrauen waren nur den höchsten Göttern vorbehalten – oder dem Sohn der Sonne, dem Inkaherrscher selbst.
Die Dorfplaza wird in eine Stierkampfarena verwandelt. Die Stiere werden meist von den Notablen gestiftet. Sie tragen zum Zeichen ihrer Spende Schärpen. Es gibt auch Freibier und chicha – die meist landlosen Indianer der Umgebung zögern nicht lange und betrinken sich.
Später muß die Guardia Civil sie daran hindern, sich tollkühn in den Kampf mit dem Stier zu werfen und sich von ihm aufspießen zu lassen. Der von den Spaniern mitgeschleppte Brauch des Stierkampfs geht ansonsten fast immer unblutig aus. Doch das hat weniger mit Tierschützermoral zu tun als mit dem Preis der Stiere. Sie werden, weil zu teuer, geschont. Höhepunkt des Festes ist die Auseinandersetzung zwischen Kondor und Stier. Das Spektakel ist blutig und prosaisch zugleich – die Krallen des Vogels werden in den Hautfalten des Bullen festgenäht. Für zwei, drei Minuten wird dann dieses seltsame Gespann in der Arena freigelassen. Der Kondor flattert wild mit den Flügeln, und der Stier bockt wie ein Mustang. Auf mich hat das weniger wie ein archaischer Kampf gewirkt, sondern mehr wie ein künstliches Ritual, wie die artifizielle Schöpfung eines mythischen Superwesens, in dem sich die Stärke Spaniens und die Hoheit der Inka vereinigen. Nach dem Kampf läßt man den Stier laufen und den Kondor wieder fliegen. Wenn er seine Schwingen majestätisch breitet und unbeschadet davonzieht, dann ist der Apu seinem Volk gnädig gestimmt. Im Vorjahr ist der Kondor in Cotabambas allerdings elendiglich verendet. Die Aufregung war zuviel für den Vogel. Es folgte eine Trockenzeit, in der die Felder verdorrten und viel Vieh verhungerte. Es war auch das Jahr, in dem die Guerilla vom «Leuchtenden Pfad» in die Berge des Hochlandes einzog. Im kommenden Jahr, so meint Dimas Gemarra Montesinos, wird er wohl nicht auf die Jagd nach dem Kondor gehen, wird auch das Yawar-Fest eher kümmerlich verlaufen. Denn die Zahl der Spender und der Stifter und Paten wird immer kleiner. Beim letzten Kondorfest rammte ein Unbekannter dem Bürgermeister ein Messer in den Bauch. Er kehrte nach seiner Genesung nicht mehr zurück. Der Gouverneur der Provinz ist zurückgetreten, der Friedensrichter auch. Es gibt keine Kandidaten für ihre Nachfolge. Zu groß ist die Angst vor den Guerilleros des «Leuchtenden Pfades». Nur der Pfarrer hat beschlossen, in Cotabambas zu bleiben. Wenn das Blutfest und der Kampf des Kondors gegen den Stier aus der Tradition der Indianer verschwinden, weil die Angst der Bürger vor den Terroristen die Kultfeste verhindert, so ist er’s zufrieden.
Es ist nicht genau feststellbar, wann der Brauch im Hochtal von Cotabambas entstanden ist, aber der Maler Juan Bravo Vizcarra meint, es müsse irgendwann in den Wirren des 18. Jahrhunderts gewesen sein. Damals stand Peru unter spanischer Kolonialherrschaft, und der spanische Vizekönig verlangte eine diezmo, einen Zehnten, von all dem, was die Indianer mit Feld und Vieh verdienen konnten. Dieser diezmo wurde zweimal im Jahr gesammelt. Eine Hälfte zur Zeit der Ernte im Juni und die andere Hälfte um Weihnachten herum. Neben diesem Tribut mußten die Indianerdörfer eine ständig wachsende Zahl arbeitsfähiger Männer für die Arbeit in den Minen zur Verfügung stellen. Und zwar entweder für die Silberminen von Potosi im heutigen Bolivien oder für die Quecksilbergruben von Huancavélica im heutigen Peru. In diesem sogenannten Mita-System erhielten die Indianersklaven keinen Lohn. Mehr noch, sie mußten sich auch für die Zeit ihrer Arbeit in den Minen – meistens ein Jahr – selbst versorgen. Aus den Minen schleppten die Indianer, oft angesteckt von den weißen Aufsehern, die Pockenepidemie in ihre Dörfer. Allein im Jahre 1719 wurden im Bezirk um Cuzco herum 60000 Opfer dieser Krankheit gezählt. Es waren die Pfarrer in den kleinen Dörfern des Hochlandes, die sich dem unmenschlichen Vizekönig und seinen Steuereintreibern schließlich entgegenstellten. Erstmals, seitdem Peru mit Kreuz und Schwert erobert worden war, kam es zum Bruch zwischen weltlicher und kirchlicher Gewalt. In Cotabambas brach die Unruhe am 13. Dezember 1730 aus. Das Datum ist genau verzeichnet im Archivo de las Indias in Sevilla in Spanien.
Es war der zweite Besuch des Steuereintreibers in diesem Jahr, das noch dazu von Dürre gekennzeichnet war. Die Indianer weigerten sich zu zahlen, vermutlich weil sie gar nicht in der Lage dazu waren. Ein gewisser Marcos Mendoza, der Neffe des Priesters, sprach zu den Indianern nach der Abendmesse. Er machte ihnen deutlich, daß der Wille des Vizekönigs nicht der Wille Gottes sei.
Und als die Steuereintreiber kamen, nahmen die Indios sie gefangen. Einer von ihnen, der Corregidor, wurde zu Tode gesteinigt. Vorher wurden ihm aber die Goldzähne gezogen. Die Bauern von Cotabambas gehörten zu den ärmsten im ganzen Vizekönigreich. Im Jahr 1730 hatten sie nicht einmal genug Essen, um sich selbst zu ernähren. Trotzdem mußten sie in diesem Jahr 55 der Ihren in die Minen von Huancavélica schicken.
Die Indios hatten auch unter den Inka schon in der Fron gelebt. Aber sie wurden nicht bis aufs Blut ausgebeutet. Deshalb wünschten sie sich den Kondor der Anden zurück, den Sohn der Inka, um sie aus ihrer Not zu befreien. Und sie wollten ein Zeichen setzen. Nach und nach schmuggelten Bergarbeiter aus Cotabambas so viel Silber aus den Minen von Potosí, daß ihnen ein Silberschmied aus Cuzco einen wunderschönen Kondor hämmern konnte, den sie in ihre Kirche stellten.
Derweil wurde woanders ihr Schicksal entschieden. Denn inzwischen hatten in Spanien, dem kolonialen Mutterland Perus, die Bourbonen die Herrschaft übernommen. Sie litten unter chronischem Geldmangel. Die Beute an Silber und Gold aus den Anden war ihnen nicht genug – sie erhöhten überall die Steuern, die sogenannte alcaballa. So mußten z.B. die Silberschmiede so viel Steuern zahlen, daß es sich fast nicht mehr lohnte, ihr Handwerk auszuüben. Das schlimmste für die Indios aber war, daß plötzlich auch auf Coca Steuern erhoben wurden. Das Cocablatt diente den Indios traditionell gleichzeitig als Stimulans und als Betäubungsmittel bei ihrer Arbeit. Als ihnen das Cocablatt weggenommen wurde, revoltierten sie ein weiteres Mal. Diesmal überzog die Revolution das gesamte südliche Gebiet der Anden. Und diesmal fand die Revolution auch ihre Führer. Eine weitverzweigte Familie von Fuhrunternehmern, die ebenfalls unter der Steuererhöhung litt, sorgte für Kontakt und Kommunikation zwischen den aufständischen Dörfern. Diese Familie mit Namen Tupac Amaru sollte schließlich auch die Führer der Revolution stellen. Der erste historisch überlieferte Tupac Amaru war ein gewisser José Gabriel aus der Nähe von Cuzco. Nichts deutet darauf hin, daß Inkablut in seinen Adern floß. Es waren eher seine natürliche Autorität und Führungskraft, die ihn zum Idol der Armen erhoben. Im Jahr 1777 begann José Gabriel Tupac Amaru, die Bergleute, die als Zwangsarbeiter in den Minen schufteten, zu agitieren und aus ihnen den Kern seiner Revolutionstruppen zu formen. Zwei Jahre später konnte er offen gegen die spanischen Behörden rebellieren. 1781 schlossen sich auch Kreolen der Indianerrevolution an. Die Kreolen waren die Nachkommen der ersteingewanderten Spanier und stellten traditionell nach der Eroberung in Peru die Herrenschicht, die hazendados. Doch sie litten genauso unter der Besteuerung wie die Indianer selbst und machten schließlich mit ihnen gemeinsame Sache.
Viele dieser Großgrundbesitzer beschäftigten inzwischen neben ihren indianischen Knechten auch schwarze Sklaven aus Afrika auf ihren Feldern. Diese Sklaven, entflohen und befreit, kämpften unter dem Feldherrn José Gabriel. Ein anderes Mitglied der Familie, Francisco, nahm Verbindung auf zu den Indianern in Bolivien, das damals Oberperu hieß. Ein Cousin von José Gabriel mit Namen Diego übernahm die Planung der ganzen Erhebung. Ein Schwager und ein Neffe der Familie gehörten ebenfalls zur Führungsmannschaft – eine echte Familienrevolte.
Zu den Indios vom Stamme der Quechua, dem Staatsvolk der Inka, stießen die Aymara aus Bolivien. Sie standen unter Führung des Kaziken Tupac Catari. Auch Tupac Catari verließ sich vornehmlich auf die Unterstützung der Verwandtschaft. Erst in dieser Phase der Revolution ließ sich Tupac Amaru als ein Abkömmling der Inka ausrufen. Der «Kondor der Anden» flog wieder. Dabei gilt es als sicher, daß die Familie Tupac Amaru aus Mestizen, aus Mischlingen zwischen Indianern und Spaniern, bestand. Viele der unzufriedenen Silberschmiede im Lande versuchten, sich zu Waffenschmieden zu entwickeln. Sie gossen sogar Kanonen. Aber die Indianer hatten Angst, sie zu bedienen.
Die Kanoniere waren fast ausschließlich Schwarze und Mulatten. Auch mit dem Gewehr konnten nur die Mestizen und die Kreolen umgehen, die Indianer blieben bei Pfeil, Bogen und Lanze. Die Tupac Amaru kontrollierten die Verkehrswege. Sie blockierten Lebensmittellieferungen. So kam es zu Hungersnöten in den Städten. Sie eröffneten einen Schwarzhandel mit Coca und Silber. Dann gingen sie dazu über, jene Dorfältesten, die sich nicht der Revolution anschlossen, einfach umzubringen. Diese Strategie des Terrors wurde später von vielen anderen Guerillabewegungen in Lateinamerika übernommen – z.B. in unserer Zeit von den Rebellen des «Leuchtenden Pfades», wie auch von den Montoneros in Argentinien. Einige Untergrundbewegungen der modernen Zeit nahmen sogar den Namen der Tupac Amaru an – die Tupac Amaru in Peru und die Tupamaros, eine Stadt-Guerilla in Uruguay.
Spanien mußte sich zu einem Feldzug entschließen. Der überlegenen Feuerkraft der aus Europa herbeigeführten Truppen hatten die Rebellen am Ende nichts entgegenzusetzen. Ende des 18. Jahrhunderts saßen alle Mitglieder der Familie Tupac Amaru entweder im Gefängnis, oder sie waren gefallen oder exekutiert. In jener Zeit entstand in den entlegenen Bergdörfern der Brauch des symbolischen Kampfes zwischen Kondor und Stier – ein Memento der gescheiterten Revolution. In späteren Aufständen gegen die Spanier und schließlich im erfolgreichen Befreiungskampf Anfang des 19. Jahrhunderts nahmen immer wieder Rebellenführer den Namen Tupac Amaru an oder nannten sich «Kondor der Anden». Als Mitte des 20. Jahrhunderts die Demokratie schließlich auch in Peru Einzug hielt, identifizierten sich auch ihre Führer mit dem symbolischen Greif. Der große Sozialdemokrat und Held der Apra-Bewegung, Haya de la Torre, nannte sich «Kondor der Anden», und der 1990 siegreiche Präsidentschaftskandidat japanischer Herkunft, Alberto Fujimori, ließ sich von den Indianern in Cuzco und Cotabambas feiern als der «Samurai, der auf den Schwingen des Kondors» herbeigeeilt sei, um das Land aus höchster Not zu retten. Denn so, wie diese Not gleichblieb, so dauerhaft erwiesen sich auch die Mythen und politischen Symbole, die seit Jahrhunderten den scheinbar naheliegenden und doch immer noch verschlossenen Ausweg in die bessere Zukunft weisen.
Die Politiker Lateinamerikas sind sich in einem einig – Latinoamérica es diferente, wobei das «diferente» bedeutet, daß Lateinamerika «verschieden» sei, anders als Asien oder Afrika. Vor allem aber ist der Subkontinent in sich selbst unterschiedlich. Die Staaten der Hemisphäre haben sich zu unterschiedlichen Zeiten von den kolonialen Eltern in Europa gelöst und haben auch ein unterschiedliches Entwicklungstempo eingeschlagen.
Uruguay etwa ist trotz der großen Entfernung Europa sehr nahe geblieben, hat auch den Anschluß an die westlichen Industriestaaten wiedergefunden. Haiti hingegen gehört zu den 26 ärmsten Ländern der Welt und versinkt immer weiter im Chaos. Für fast alle Staaten Südamerikas gilt, daß der Klassengegensatz krasser ist als in Europa; doch ein Großteil der Bevölkerung wird sich in unserer Zeit bewußter denn je zuvor, wie weit ihr Abstand vom Wohlstand und Lebensstandard der postindustriellen Gesellschaft im Norden wirklich ist: ein idealer Boden für entschlossene Revolutionäre, ein gigantisches Prüffeld für Doktoranden der Machtlust, ein riesiger Sandkasten für die Spiele mit den Emotionen und ein Schauplatz für die nicht abreißende Kette von Umsturz und Aufruhr.
Die erste erfolgreiche Revolution unseres Jahrhunderts hat 1910 Mexiko erlebt. Die zweite 1952 Bolivien. Aber die kubanische Revolution vom Januar 1959 hat sich als Modell erwiesen für all die Nachfolger quer durch Südamerika.
Meine Erfahrung mit der Revolution des Fidel Castro beginnt 1956 in Wien. Mit vielen anderen Studenten zusammen arbeitete ich in der Erstversorgung der vielen Flüchtlinge aus Ungarn, die sich nach dem nationalen Aufstand vor dem brutalen Gegenschlag der Sowjets über die Grenze nach Österreich retteten.
In der Unterdrückung des ungarischen Freiheitskampfes zeigte der Stalinismus sein altes, bösartiges Gesicht, und wir Studenten betrachteten es als einen Hoffnungsschimmer im weltweiten Kampf gegen das universale Übel der Diktatur, daß die barbudos, die Bärtigen um Fidel Castro, nach der Landung ihres Schiffes «Granma» östlich der Küste der Sierra Maestre ungebrochenen romantisch-revolutionären Kampfgeist zeigten. Ein Jahr später führte Herbert Matthews von der New York Times sein inzwischen berühmt gewordenes Interview mit Fidel Castro in den kubanischen Küstenbergen. Der Aufständische war überzeugt vom unvermeidlichen Sieg der Revolution, sprach von Wiedereinführung der Demokratie und von der Aufkündigung der Zusammenarbeit des neuen Kuba mit allen autoritären Regimen, vor allem mit dem der Sowjetunion. Es kam ganz anders. Als im Sommer 1989 die Ungarn ihre Grenzen öffneten für DDR-Bürger, die die Zuflucht im Westen suchten, berichtete Granma, wie die regierungskonforme Tageszeitung inzwischen in Kuba heißt, nicht darüber. Und als am 9. November 1989 die Mauer in Berlin fiel, kommentierte das Castro, Dauerrevolutionär seit seiner Machtübernahme, argwöhnisch als «eine Abweichung vom sozialistischen Weg».
Als Sonderkorrespondent in der DDR von Ende Dezember 1989 bis Mai 1990 interessierte mich auch das Schicksal der ausländischen Gastarbeiter, besonders der Kubaner. Es gab im wesentlichen drei Gruppen. Die erste bestand aus ideologischen Kadern, die bis ins diplomatische Corps in Ost-Berlin hinein Kontakt zum SED-Regime hielten. Verbindungsleute bis in die Winkel der Geheimdienste hinein. Die zweite Gruppe rekrutierte sich aus Intellektuellen, kubanische Dichter, die in der DDR Lesungen hielten, Studenten, die an die Rostock-Universität gingen, und aus professoralen Vertretern des Marxismus-Leninismus lateinamerikanischer Version. Sie wiederum halfen jene Kader auszubilden, die für die DDR nach Lateinamerika gingen. Wie aufwendig diese Ausbildung betrieben wurde, mögen Zahlen verdeutlichen. In der Sektion Lateinamerikawissenschaften zu Rostock kamen 42 Lehrkräfte auf 80 Studenten.
Bei der dritten, weitaus größten Gruppe handelt es sich um Arbeiter für Produktionsstätten, die im Austausch gegen Warenlieferungen für eine Zeit ihre schlechtbezahlte Arbeitskraft der DDR zur Verfügung stellten. Als ein Sprecher dieser dritten Gruppe wurde mir ein gewisser José Rodriguez genannt. Er soll in der Nähe der Salvador-Allende-Allee leben, die zwischen Köpenick und dem Müggelsee liegt. Der Name der Allee erinnert an den marxistischen Volksfrontpräsidenten in Chile, der im September 1973 Opfer eines Militärputsches geworden war. Die DDR hat seinerzeit vielen Opfern und Flüchtlingen der rechten Putschgenerale in Chile Aufenthalt in der DDR gewährt. (Einer dieser Politflüchtlinge hat später die Tochter von Erich Honecker kennengelernt, geheiratet und ist mit ihr im Frühjahr 1990 nach Chile zurückgekehrt – in ein Land, das inzwischen die Putschgenerale an der Spitze der Regierung wieder abgeschüttelt hat.)
Die meisten Lohnarbeiter aus Kuba sind regime- und sozialismustreu in die DDR gekommen, haben dort eher bedrückende Arbeitsbedingungen kennengelernt und vor allem eine wachsende Fremdenfeindlichkeit. José Rodriguez wohnt nicht in einem der besseren Quartiere, die für politische Kader vorgesehen waren, sondern in einer verfallenen Vorortstraße, hinter der Salvador-Allende-Allee. Er mochte sich zu seinen Plänen und Zielen nicht äußern – doch die Ängstlichkeit war Kommentar genug. In einer dürftigen Berliner Vorstadtkneipe traf ich zwei Kubaner, die in einem Filterwerk in Ost-Berlin arbeiteten. Der Commandante Supremo, Fidel Castro, habe seine DDR-Gastarbeiter zurückbeordert auf die Insel, hieß es. Sie sollten sich nicht vom Demokratie-Virus infizieren lassen. Doch einer der beiden Kubaner wollte lieber in der DDR bleiben und hoffte, daß seine Aufenthaltsgenehmigung sich auch später auf Gesamtdeutschland erstreckt. Zu Hause nämlich würde ihn nur eine Mangelwirtschaft erwarten und ein System, das wieder repressiv geworden sei. Bei Fidel Castro hat alles angefangen, sagte er, und wegen ihm hört alles wieder auf.
In einem Schneideraum des ZDF zeigt mir die Kollegin Renate Justig einen Film, den sie buchstäblich unter der Hand im Frühjahr 1990 in Kuba gedreht hat. Eine offizielle Einreise war ihr verweigert worden, und so war sie denn als Touristin verkleidet auf der Zuckerinsel unterwegs. Teil dieses Films ist die Einweihung eines neuen Hotels, das Spanier in Kuba gebaut haben. Und Fidel Castro hält die Eröffnungsrede. Dabei geht er mit den Kubanern ins Gericht, die offenbar nicht aus eigener Kraft Einrichtungen für den Tourismus ins Leben rufen können, und preist den Fremdenverkehr als eine wachsende Einnahmequelle für Kuba, da die anderen, herkömmlichen Quellen allmählich versiegten. Spanien war noch das einzige westliche Land, das relativ gute Beziehungen zu Kuba unterhielt und das dortige Regime mit Krediten in Höhe von insgesamt 1,3 Milliarden Mark unterstützt hat.
Dann kam die sogenannte Botschaftskrise. Mitte Juli 1990 hatten sich acht Kubaner in das im Kolonialstil erbaute Botschaftsgebäude Spaniens in Havanna geflüchtet. Am 21. Juli setzten sich noch einmal neun Kubaner ab – die sich allerdings später als Angehörige des kubanischen Geheimdienstes herausstellten. Diese neun angeblichen Flüchtlinge gehören der Sondertruppe der sogenannten «Tigres de Castro» an. Das sind 400 Spezialagenten, eine Art Prätorianergarde des Diktators.
Am Donnerstag, dem 26. Juli 1990, rief Fidel Castro zu einer Massendemonstration auf und kündigte an, daß alle Unzufriedenen Kuba verlassen könnten, wenn denn Spanien, die Europäische Gemeinschaft und die USA bereit seien, sie aufzunehmen. Alle diese Ereignisse, das Dilemma der Kubaner in der DDR, das Lob des Fremdenverkehrs, das Zerwürfnis mit dem letzten freundschaftlich gesinnten Staat, Spanien, die «Gefahr» einer weiteren Fluchtwelle fort von der Zuckerinsel zeichnen ein Bild vom untergehenden Schiff des Sozialismus in der Karibischen See.
In einem Interview mit Henry Kissinger, das ich im Sommer 1990 führte, meinte der ehemalige Außenminister jedoch: «Castro wird sich länger halten als die anderen sozialistischen Potentaten. Er ist von vornherein nicht zu jenen Kompromissen bereit, die das Ende der anderen sozialistischen Regime eingeläutet haben.» Gleich aber, ob Castro fällt oder nur ins Abseits gerät, mit ihm geht eine Entwicklung zu Ende, an die einst so große Hoffnungen und auch so viele Verheißungen geknüpft waren.
30 Jahre nach dem revolutionären Sturmwind, den er entfacht hat, ist keine nennenswerte revolutionäre Regung in Lateinamerika übriggeblieben.
Der neue Mensch, den Fidel Castro zusammen mit seinem Weggefährten Che Guevara erschaffen wollte, zeigt immer mehr antisoziale und konterrevolutionäre Züge, um in der Sprache des Sozialismus zu bleiben. Derart in die Enge getrieben, sprach Fidel Castro immer häufiger vom schlechten kubanischen Nationalcharakter. Auf den Druck von außen und innen antwortet er nicht mit Reformen und Flexibilität, sondern mit Strenge. Er zieht die sozialistischen Zügel an, wo alle anderen sie locker lassen. Im Jahre 1986 rief Castro die sogenannte rectificación aus – die Kurskorrektur, zurück zum marxistischen Ursprung.
Am 25. Jahrestag der fehlgeschlagenen Landung exilkubanischer Konterrevolutionäre in der Schweinebucht verdammt er in einer Rede die Apathie, die mangelnde Effizienz, die Korruption und den Materialismus, der die kubanische Gesellschaft durchziehe. Er löst die freien Bauernmärkte wieder auf, die zu einem leichten Aufschwung in der Landwirtschaft geführt hatten, und sagt jeder Art von freiem Unternehmertum den Kampf an. Besonders lange hält er sich bei einem Kubaner auf, der zwei Lastwagen erwerben und dann als Kleinfrachtbetrieb Hunderte und Tausende von Pesos verdienen konnte. Ein ruchloses Geschäft. Er beschwert sich über die Straßenmaler, die ihre Gemälde an Touristen und sogar an staatliche Institutionen verkaufen und dabei Tausende von Pesos verdienen, und er zitiert einen Händler, der an einem Stand im Leninpark Schokoladetafeln gekauft und an anderer Stelle zu einem höheren Preis wieder verschachert hatte.
Um das Gespenst des rückkehrenden Kapitalismus auszutreiben, ging Castro gegen jegliche Erscheinungsform des privaten Unternehmertums vor. Er führte die Mikrobrigaden wieder ein, das sind freiwillige Helfer, die vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Dann ließ er das Bonussystem für besonders gut geleistete Arbeit wiederaufleben, widerrief ein Gesetz, das den direkten Verkauf von Häusern erlaubt hatte, und unternahm alle möglichen anderen Schritte, um Einzelpersonen daran zu hindern, Kapital zu bilden. Er ließ 28 Maßnahmen verabschieden, die alle gegen den sowieso schon geringen Lebensstandard der Kubaner gerichtet sind: so die Kürzung von libretas, von Gutscheinen für Milch, Fleisch, Benzin, Fernsehgeräte, Stromzufuhr. Sogar beim Bau von Sportstätten und der Ausbildung von Athleten wird seitdem gespart. Die Zahl der Feste und die Freizeitgestaltung wurden reduziert. Die Imbißpause in den Betrieben fällt am Nachmittag weg, die Arbeitsdisziplin soll strikter eingehalten werden. Wie Castro selbst im Juni 1986 sagte, dürfen zum Aufbau des Sozialismus nicht materielle Anreize führen, sondern es bedarf der Reinheit moralischer Antriebe. Doch statt sie rühmen zu können, beklagte er, ganz Realist, Apathie bei den Arbeitern, Korruption bei den Offiziellen, Verbrechen bei den Randgruppen der Gesellschaft und eine Abwendung der Jugend vom Sozialismus.
Am 5. Februar 1987 diskutierte Castro mit Professoren der Universität die mangelnde Lernbereitschaft der Studenten, beklagte den wachsenden Alkoholkonsum und das Entstehen einer permanent alkoholisierten Schicht von Jugendlichen. Die Folgen dieses sozialen Zerfalls seien die rapide Zunahme der Verbrechen und des Schwarzhandels. Bis 1990 wurden allein in Havanna 3000 zusätzliche Polizisten ausgebildet, um, so Castro, «… die Gesellschaft gegenüber dem Verbrechen und den Verbrechern zu verteidigen». Theoretisch dürfte es sie nach einem Vierteljahrhundert Sozialismus nicht mehr geben.
