Der Tätowierer von Auschwitz - Heather Morris - E-Book
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Beschreibung

Eine Geschichte von Menschlichkeit, Mut, Liebe und Hoffnung

1942 wurde Lale Sokolov nach Auschwitz deportiert. Seine Aufgabe war es, Häftlingsnummern auf die Unterarme seiner Mitgefangenen zu tätowieren, jene Nummern, die später zu den eindringlichsten Mahnungen gegen das Vergessen gehören würden. Er nutzte seine besondere Rolle und kämpfte gegen die Unmenschlichkeit des Lagers, vielen rettete er das Leben.
Dann, eines Tages, tätowierte er den Arm eines jungen Mädchens – und verliebte sich auf den ersten Blick in Gita. Eine Liebesgeschichte begann, an deren Ende das Unglaubliche wahr werden sollte: Sie überlebten beide.

Eindringlich erzählt Heather Morris die bewegende, wahre Geschichte von Lale und Gita, die den Glauben an Mut, Liebe und Menschlichkeit nie verloren.

  • Die wahre Geschichte eines Holocaust-Überlebenden
  • »Ein Buch, das nicht nur von den Schrecken des Holocaust erzählt, sondern auch von tiefer Liebe.«STERN ONLINE
  • Für Leser von „Schindlers Liste“ und „Der Junge mit dem gestreiften Pyjama“

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deIm Gedenken an Lale Sokolov Danke, dass du mir deine und Gitas Geschichte anvertraut hast. Übersetzung aus dem Englischen von Elsbeth Ranke ISBN 978-3-492-99264-0© Heather Morris 2018Titel der englischen Originalausgabe: »The Tattooist of Auschwitz«, Zaffre Publishing, London 2018 und Echo Publishing, Melbourne 2018Deutschsprachige Ausgabe© Piper Verlag GmbH, München 2018Covergestaltung: FAVORITBUERO, München Covermotiv: Wil Immink DesignKarten: cartomedia, Karlsruhe (Deutsches Reich); Peter Palm, Berlin (Auschwitz-Birkenau-Karte)Datenkonvertierung: Fotosatz Amann, Memmingen Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Inhalt

Cover & Impressum

Prolog

Kapitel 1: April 1942

Kapitel 2

Kapitel 3: Juni 1942

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9: März 1943

Kapitel 10

Kapitel 11: Mai 1943

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16: März 1944

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Epilog

Nachbemerkung der Autorin

Weitere Hintergründe

Nachwort

Danksagung

Karten

Deutsches Reich 1942–1945

KZ Auschwitz/Birkenau, 1944

PROLOG

Lale versucht, nicht aufzublicken. Er greift nach dem Zettel, der ihm gereicht wird. Die fünf Ziffern darauf muss er auf das Mädchen übertragen, das ihn in der Hand hält. Da ist schon eine Nummer, aber die ist verblasst. Er drückt die Nadel in ihren linken Arm, formt eine 3, wobei er versucht, möglichst vorsichtig zu sein. Blut quillt hervor. Aber die Nadel war noch nicht tief genug eingedrungen, er muss die Nummer noch einmal zeichnen. Lale weiß, wie weh er ihr tut, aber sie zuckt nicht einmal. Sie haben sie gewarnt – sagt nichts, tut nichts. Er wischt das Blut ab und reibt grüne Tinte in die Wunde.

»Beeil dich!«, flüstert Pepan.

Lale braucht zu lange. Männerarme zu tätowieren, ist eine Sache; aber die Körper von jungen Mädchen zu verunstalten, ist einfach furchtbar. Im Aufblicken sieht Lale einen Mann im weißen Kittel langsam an der Reihe Mädchen entlanggehen. Hin und wieder bleibt er stehen und inspiziert Gesicht und Körper einer verängstigten jungen Frau. Schließlich ist er bei Lale. Während Lale dem Mädchen so sanft wie möglich den Arm hält, nimmt der Mann ihr Gesicht und dreht es grob nach rechts und links. Lale sieht zu ihren angstvollen Augen auf. Ihre Lippen zucken, als wollte sie etwas sagen. Lale drückt ihr sachte den Arm, um sie davon abzuhalten. Sie schaut zu ihm, mit den Lippen formt er ein Schsch. Der Mann im weißen Kittel lässt ihr Gesicht los und geht weiter.

»Gut so«, flüstert er, als er sich ans Tätowieren der übrigen vier Ziffern macht – 4 9 0 2. Als er fertig ist, behält er ihren Arm einen Augenblick länger in der Hand als nötig und sieht ihr wieder in die Augen. Er zwingt sich zu einem kleinen Lächeln. Sie erwidert ein noch kleineres. Trotzdem tanzen ihre Augen vor ihm. Als er in sie hineinblickt, ist es, als würde sein Herz gleichzeitig stehen bleiben und zum ersten Mal schlagen, hämmern, fast als würde es ihm gleich die Brust sprengen. Er blickt auf den Boden, der unter ihm schwankt. Der nächste Zettel wird ihm gereicht.

»Beeil dich!«, flüstert Pepan drängend.

Als er wieder aufblickt, ist sie weg.

KAPITEL 1

April 1942

Lale rattert durch die Landschaft, er hält den Kopf hoch und bleibt für sich. Er weiß nicht, warum er Bekanntschaft machen sollte mit dem Mann neben sich, der gelegentlich an seiner Schulter einnickt; Lale schiebt ihn nicht weg. Mit seinen 25 Jahren ist er nur einer von unzähligen jungen Männern, die gemeinsam in Viehwaggons gestopft worden sind. Da keiner ihm gesagt hat, wohin es gehen soll, ist er angezogen wie immer: gebügelter Anzug, sauberes weißes Hemd, Krawatte. Kleider machen Leute.

Er versucht auszumachen, wie groß der Raum ist, in dem sie eingeschlossen sind. Der Waggon ist ungefähr zweieinhalb Meter breit. Aber die Rückwand kann er nicht sehen, die Länge also nicht abschätzen. Er versucht zu zählen, wie viele Männer mit ihm unterwegs sind. Aber da wippen so viele Köpfe auf und ab, dass er irgendwann aufgibt. Er weiß nicht, wie viele Waggons der Zug hat. Rücken und Beine tun ihm weh. Sein Gesicht juckt. Die Bartstoppeln erinnern ihn daran, dass er sich weder gewaschen noch rasiert hat, seit er vor zwei Tagen in den Zug gestiegen ist. Er fühlt sich immer weniger wie er selbst.

Wenn die Männer versuchen, ihn ins Gespräch zu ziehen, antwortet er mit Aufmunterungen, versucht ihre Ängste in Hoffnung zu kehren. Wir stehen in der Scheiße, aber lasst uns nicht darin untergehen. Er muss sich abfällige Bemerkungen über sein Äußeres und sein Benehmen anhören. Vorwürfe, er halte sich wohl für etwas Besseres. »Und jetzt schau doch, wohin dich das gebracht hat.« Er versucht die Beleidigungen achselzuckend abzuschütteln und den bösen Blicken mit einem Lächeln zu begegnen. Wem versuche ich da etwas vorzumachen? Ich habe genauso viel Angst wie alle anderen.

Ein junger Mann fixiert Lales Blick und schiebt sich durch die vielen Körper auf ihn zu. Ein paar Männer drängen ihn zur Seite. Dein Platz ist es nur, wenn du ihn dir nimmst.

»Wie können Sie so ruhig sein?«, fragt der junge Mann. »Sie hatten Gewehre. Die Schweine haben uns mit angelegten Gewehren in diesen … Viehtransport gezwungen.«

Lale lächelt ihm zu. »Meinen Erwartungen hat es auch nicht entsprochen.«

»Was meinen Sie, wohin fahren wir?«

»Das ist doch ganz gleichgültig. Vergessen wir nicht, wir sind hier, damit unsere Familien zu Hause in Sicherheit sind.«

»Aber was, wenn …?«

»Sagen Sie nicht ›was, wenn‹. Ich weiß es nicht, Sie wissen es nicht, keiner von uns weiß es. Tun wir einfach, was uns gesagt wird.«

»Sollten wir nicht versuchen, sie bei einem Halt zu überwältigen? Schließlich sind wir in der Überzahl!« Das Gesicht des jungen Mannes verzerrt sich in wirrer Angriffslust. Er ballt die Hände zu Fäusten und boxt kläglich vor sich in der Luft herum.

»Wir haben Fäuste, sie haben Gewehre – was meinen Sie, wer da gewinnt?«

Der junge Mann verstummt wieder. Seine Schulter drückt in Lales Brust, und Lale riecht Öl und Schweiß in seinen Haaren. Seine Hände fallen herunter und hängen schlaff nach unten. »Ich bin Aron«, sagt er.

»Lale.«

Andere um sie herum horchen auf, heben den Kopf in Richtung der beiden, bevor sie zurückfallen in ihr dumpfes Träumen, wieder versinken in ihre eigenen Gedanken. Ihre Gemeinsamkeit ist die Angst. Und ihre Jugend. Und ihre Religion. Lale versucht sich nicht in Spekulationen zu verlieren, was vor ihnen liegen könnte. Man hat ihm gesagt, sie nähmen ihn mit, damit er für die Deutschen arbeitet, und genau das hat er vor. Er denkt an seine Familie zu Hause. In Sicherheit. Er hat sich geopfert, und er bereut es nicht. Er würde es wieder und wieder tun, damit seine Lieben zu Hause bleiben können, alle zusammen.

Ungefähr stündlich, so kommt es ihm vor, stellen die Leute ihm die immer gleichen Fragen. Langsam ermüdet es ihn, und er beginnt zu antworten: »Warten wir’s ab.« Er wundert sich, warum sie ausgerechnet ihn fragen. Er weiß es doch auch nicht besser. Ja, er trägt Anzug und Krawatte, aber das ist der einzige ersichtliche Unterschied zwischen ihm und seinem Nebenmann. Wir sitzen alle im selben dreckigen Boot.

In dem überfüllten Waggon können sie gar nicht sitzen, geschweige denn liegen. Zwei Kübel dienen als Toilette. Als diese allmählich voller werden, kommt es zu einem Handgemenge, weil einige Männer versuchen, dem Gestank zu entgehen. Die Kübel werden umgestoßen, der Inhalt ergießt sich auf den Boden. Lale klammert seinen Koffer fest, hofft, sich mit seinem Geld und seinen Kleidern freikaufen zu können von da, wo sie hingebracht werden, oder sich zumindest eine sichere Arbeit erkaufen zu können. Vielleicht gibt es Arbeit, bei der mir meine Sprachen von Nutzen sind.

Er ist froh, dass er es an den Rand des Waggons geschafft hat. Durch schmale Ritzen zwischen den Latten kann er einen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft erhaschen. Und weil er hin und wieder frische Luft schnappen kann, kann er die aufkommende Übelkeit in Schach halten. Es könnte längst Frühling sein, aber die Tage sind verregnet und wolkenverhangen. Manchmal kommen sie an Feldern vorbei, die von Frühlingsblumen leuchten, und Lale lächelt in sich hinein. Blumen. Von Kindheit an hat er von seiner Mutter gelernt: Frauen lieben sie. Wann wird er zum nächsten Mal einem Mädchen Blumen schenken können? Er nimmt sie in sich auf, ihre leuchtenden Farben blitzen vor seinen Augen, ganze Felder von Mohnblüten tanzen im Wind, eine hellrote Masse. Er schwört, die nächsten Blumen, die er verschenkt, wird er selbst pflücken. Er hätte nie gedacht, dass sie wild in solchen Massen gedeihen. Seine Mutter hatte ein paar in ihrem Garten, aber die pflückte sie nie oder brachte sie ins Haus. Er beginnt im Kopf eine Liste mit Dingen für »Wenn ich nach Hause komme …«.

Neue Handgreiflichkeiten. Geraufe. Schreie. Lale kann nicht sehen, was da vor sich geht, aber er spürt das Stoßen und Drängen von Körpern. Dann plötzlich Ruhe. Und aus dem Dunkel heraus: »Du hast ihn umgebracht.«

»Verdammter Glückspilz«, murmelt einer.

Arme Sau.

Mein Leben ist zu gut, um in diesem Drecksloch zu enden.

Es gibt viele Halte auf der Fahrt, manche dauern ein paar Minuten, manche Stunden, immer außerhalb einer Stadt oder eines Dorfs. Gelegentlich kann Lale die Schilder entziffern, wenn sie durch einen Bahnhof fahren: Ostrau, eine Stadt nahe der tschechisch-polnischen Grenze, wie er weiß; Pleß, sie sind also tatsächlich in Polen. Die Frage ist: Wohin fahren sie? Während der Fahrt denkt Lale die meiste Zeit über sein Leben in Pressburg nach: seine Arbeitsstelle, seine Wohnung, seine Freunde – vor allem seine Freundinnen.

Wieder hält der Zug. Es ist stockdunkel; Wolken verdecken Mond und Sterne. Kündet die Dunkelheit von ihrer Zukunft? Die Dinge sind, wie sie sind. Was ich genau jetzt sehen, spüren, hören und riechen kann. Er sieht nur Männer wie ihn, jung und auf einer Fahrt ins Ungewisse. Er hört das Knurren leerer Mägen und das Pfeifen trockener Luftröhren. Er riecht Pisse und Scheiße und zu lange ungewaschene Körper. Dass die Männer so gedrängt stehen, dass sie gar nicht umfallen können, nutzen sie zum Schlafen, ohne sich einen Ruheplatz freikämpfen zu müssen. Jetzt ruht mehr als nur ein Kopf auf Lale.

Ein paar Waggons weiter hinten hört man Lärm, der allmählich näher kommt. Die Männer dort haben es satt und versuchen auszubrechen. Man hört, wie sich Körper gegen die hölzernen Wagenwände werfen, ein lautes Klappern, wahrscheinlich einer ihrer Kackeimer, alle sind jetzt hellwach. Kurz darauf herrscht der Tumult in allen Waggons.

»Hilf uns oder geh aus dem Weg«, schreit ein hochgewachsener Mann Lale zu, während er sich an die Wand wirft.

»Spar dir lieber deine Kraft«, erwidert Lale. »Wenn diese Wände nachgeben würden, meinst du nicht, eine Kuh hätte das längst erledigt?«

Ein paar Männer beenden ihre Anstrengungen, werfen ihm böse Blicke zu.

Sie verarbeiten seinen Kommentar. Der Zug kriecht weiter. Vielleicht sind die Verantwortlichen zu dem Schluss gekommen, dass Bewegung den Aufruhr schon beenden wird. Die Waggons beruhigen sich. Lale schließt die Augen.

Lale war zu seinen Eltern ins slowakische Krompach heimgekehrt, nachdem bekannt geworden war, dass Juden in Kleinstädten gemeinschaftlich zum Arbeitsdienst für die Deutschen abtransportiert werden sollten. Er wusste, dass Juden nicht mehr arbeiten durften und dass ihr Geschäft konfisziert worden war. Fast vier Wochen lang hatte er im Haus geholfen, hatte mit seinem Vater und seinem Bruder alles Mögliche repariert und neue Betten für seine kleinen Neffen gebaut, die aus ihren Gitterbettchen herausgewachsen waren. Seine Schwester war die Einzige in der Familie, die als Näherin ein Einkommen hatte. Sie musste den Weg zur und von der Arbeit heimlich zurücklegen, wenn es noch oder wieder dunkel war. Ihr Chef war bereit, für seine beste Angestellte das Risiko einzugehen.

Eines Abends kam sie mit einem Plakat nach Hause, das ihr Chef im Ladenfenster hatte aushängen müssen. Darauf wurde jede jüdische Familie aufgefordert, ein Kind von achtzehn Jahren oder älter zum Arbeitsdienst für die Deutschen auszuliefern. Das Raunen, die Gerüchte über das, was in anderen Städten geschehen war, erreichten schließlich auch Krompach. Offenbar fügte sich die slowakische Regierung immer mehr und gab Hitler, was immer er wollte. Das Plakat warnte in fett gedruckten Lettern: Wenn eine Familie ein entsprechendes Kind hatte und es nicht auslieferte, käme die ganze Familie ins KZ. Lales älterer Bruder Max erklärte sofort, er werde gehen, doch Lale wollte davon nichts wissen. Max hatte eine Frau und zwei kleine Kinder. Sie brauchten ihn zu Hause.

Lale meldete sich bei den lokalen Behörden in Krompach zum Abtransport. Die Beamten, mit denen er zu tun hatte, waren einmal seine Freunde gewesen – sie waren zusammen zur Schule gegangen und kannten ihre jeweiligen Familien. Sie sagten, Lale solle nach Prag fahren, sich bei den zuständigen Behörden melden und auf weitere Anweisungen warten.

Zwei Tage später hält der Zug wieder. Diesmal herrscht draußen große Geschäftigkeit. Hunde bellen, auf Deutsch werden Befehle gebrüllt, Riegel werden zurückgestoßen, Waggontüren aufgeschoben.

»Raus aus dem Zug, alles liegen lassen!«, rufen die Soldaten. »Los, bewegt euch! Die Sachen auf den Boden legen!« Weil er an der Rückwand des Waggons steht, steigt Lale als einer der Letzten aus. An der Tür sieht er die Leiche des Mannes liegen, der in dem Handgemenge getötet wurde. Kurz schließt er die Augen, bedenkt den Tod des Mannes mit einem schnellen Gebet. Dann verlässt er den Waggon, aber den Gestank nimmt er mit – er durchdringt seine Kleider, seine Haut, jede Faser seines Seins. Er landet auf den Knien, legt die Hände auf den Schotter und bleibt ein paar Augenblicke in dieser Haltung. Er keucht vor Erschöpfung, schmerzhaftem Durst. Langsam steht er auf, sieht auf die Hunderte erschrockenen Männer ringsum, die versuchen, die Szenerie zu begreifen, die vor ihnen liegt. Hunde schnappen und beißen alle, die sich zu langsam bewegen. Viele stolpern, ihre Beinmuskeln wollen nicht gehorchen nach der tagelangen Untätigkeit. Koffer, Bücherbündel, magere Besitztümer werden denen aus den Händen gerissen, die sie nicht hergeben wollen oder ganz einfach die Befehle nicht verstehen. Dann werden sie mit einem Gewehrkolben oder einer Faust geschlagen. Lale mustert die Uniformierten. Schwarz und bedrohlich. Die zwei Blitzzeichen auf ihren Jackenaufschlägen sagen Lale, mit wem er es zu tun hat. SS. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht die Schneiderarbeit bewundert, den feinen Stoff, den schneidigen Schnitt.

Er stellt seinen Koffer auf den Boden. Woran wollen sie erkennen, dass das meiner ist? Mit einem Schauder wird ihm klar, dass er den Koffer und seinen Inhalt wohl kaum je wiedersehen wird. Er legt die Hand auf sein Herz, auf das Geld in seiner Jackentasche. Er sieht zum Himmel auf, saugt die frische, kühle Luft ein, und sagt sich, dass er wenigstens draußen ist.

Ein Gewehrschuss lässt Lale aufschrecken. Vor ihm steht ein SS-Mann, die Waffe in den Himmel gerichtet. »Bewegung!« Lale wirft einen Blick zurück auf den leeren Zug. Kleider bauschen sich im Wind, Buchdeckel klappen auf. Jetzt fahren mehrere Lkws vor, aus denen ein paar Jungen klettern. Sie sammeln die abgelegten Besitztümer auf und werfen sie auf die Ladeflächen. Eine Last drückt auf Lales Schulterblätter. Tut mir leid, Mama, sie haben deine Bücher.

Die Männer trotten auf triste dunkelrote Backsteingebäude mit großen Fenstern zu. Am Eingang stehen Baumreihen, üppig sprießt das Frühlingsgrün. Beim Passieren der offenstehenden Gittertore blickt Lale zu der schmiedeeisernen Inschrift auf.

ARBEIT MACHT FREI

Er weiß nicht, wo er ist oder welche Arbeit er hier verrichten soll, aber der Gedanke, sie würde ihn frei machen, fühlt sich an wie ein schlechter Scherz.

SS, Gewehre, Hunde, seine Habseligkeiten weg – das hätte er sich nicht vorstellen können.

»Wo sind wir?«

Lale wendet sich um, Aron steht neben ihm.

»An der Endstation, würde ich sagen.«

Aron fällt die Kinnlade herunter.

»Tu einfach, was dir gesagt wird, dann kommst du durch.« Lale weiß, dass er nicht besonders überzeugend klingt. Er lächelt Aron flüchtig zu, der lächelt zurück. Im Stillen nimmt Lale sich vor, seinen eigenen Rat zu befolgen: Tu, was dir gesagt wird. Und halt die Augen offen.

Als sie im Inneren des Lagers sind, werden die Männer in geraden Reihen aufgestellt. Ganz vorn vor Lales Reihe sitzt ein Häftling mit gegerbtem Gesicht an einem kleinen Tisch. Er trägt eine Jacke und eine Hose mit blau-weißen Längsstreifen, auf der Brust ein grünes Dreieck. Hinter ihm steht ein SS-Mann, das Gewehr im Anschlag.

Wolken wälzen sich über den Himmel. In der Ferne grollt Donner. Die Männer warten.

Ein Obersturmbannführer in Begleitung einer Eskorte von Wachleuten stellt sich vor der Gruppe auf. Er hat ein kantiges Kinn, dünne Lippen und buschige schwarze Augenbrauen. Seine Uniform ist im Vergleich zu der seiner Wachen schlicht. Keine Blitzzeichen. Seinem Benehmen nach hat hier eindeutig er das Kommando.

»Willkommen in Auschwitz.«

Ungläubig hört Lale diese Worte, aus einem Mund, dessen Lippen sich kaum bewegen. Nachdem er von zu Hause deportiert, wie ein Tier verladen worden und hier von schwer bewaffneten SS-Leuten umgeben ist, wird er jetzt willkommen geheißen – willkommen!

»Ich bin Kommandant Rudolf Höß. Lagerleiter hier in Auschwitz. Wie ihr eben auf dem Tor gelesen habt: ›Arbeit macht frei‹. Das ist eure erste Lektion, und die einzige. Arbeitet hart. Tut, was euch gesagt wird, dann werdet ihr frei sein. Ungehorsam hat Konsequenzen. Ihr werdet hier registriert, und dann kommt ihr in euer neues Zuhause: Auschwitz II – Birkenau.«

Der Kommandant lässt den Blick über ihre Gesichter schweifen. Er setzt zu weiteren Worten an, doch ein lauter Donner unterbricht ihn. Er sieht zum Himmel auf, murmelt etwas vor sich hin, macht eine wegwerfende Handbewegung in Richtung der Männer und wendet sich ab. Der Auftritt ist vorbei. Seine Wache eilt hinter ihm her. Ein plumper Auftritt, aber trotzdem ziemlich einschüchternd.

Jetzt beginnt die Registrierung. Lale sieht, wie die ersten Gefangenen an die Tische gedrängt werden. Er ist zu weit weg, um die wenigen Worte zu hören, die gewechselt werden, kann nur zusehen, wie die sitzenden Männer in ihren Häftlingsanzügen etwas aufschreiben und jedem Gefangenen einen kleinen Zettel reichen. Schließlich ist Lale an der Reihe. Er muss seinen Namen nennen, Adresse, Beruf und die Namen seiner Eltern. Der wettergegerbte Mann am Tisch schreibt Lales Angaben in ordentlichen, schwungvollen Buchstaben nieder und reicht ihm einen Zettel mit einer Nummer. Während des Vorgangs blickt der Mann kein einziges Mal auf, um Lale in die Augen zu sehen.

Lale schaut auf die Nummer: 32407.

Schleppend bewegt er sich mit den anderen Männern auf ein paar weitere Tische zu, wo eine andere Gruppe gestreifter Häftlinge mit grünem Dreieck sitzt, daneben noch mehr SS-Leute. Sein Durst droht ihn zu überwältigen. In seiner Erschöpfung erschrickt er, als ihm der Zettel aus der Hand gerissen wird. Ein SS-Mann zieht Lale die Jacke herunter, reißt seinen Hemdsärmel auf und stößt seinen linken Unterarm flach auf den Tisch. Ungläubig sieht Lale zu, wie der Häftling eine nach der anderen die Zahlen 32407 in seine Haut sticht. Der Holzgriffel mit eingesetzter Nadel bewegt sich schnell und schmerzhaft. Dann nimmt der Mann einen in grüne Tinte getauchten Lappen und reibt damit grob über Lales Wunde.

Die Tätowierung hat nur Sekunden gedauert, aber Lales Schock lässt für ihn die Zeit stillstehen. Er greift sich an den Arm, starrt auf die Zahlen. Wie kann jemand das einem anderen Menschen antun? Er fragt sich, ob er für den Rest seines Lebens, egal wie lang es noch dauern mag, von diesem Augenblick definiert werden wird, von dieser krummen Zahl: 32407.

Der Stoß eines Gewehrkolbens reißt Lale aus seiner Schockstarre. Er hebt seine Jacke vom Boden auf und stolpert weiter den Männern vor ihm hinterher, hinein in ein breites Backsteingebäude mit Holzbänken entlang den Wänden. Es erinnert ihn an die Turnhalle in der Prager Schule, in der er vor seiner Abreise hierher fünf Tage lang übernachtet hat.

»Ausziehen.«

»Schneller, schneller.«

Die SS-Leute bellen Befehle, die die meisten Männer nicht verstehen. Lale übersetzt für die, die ihm am nächsten stehen und die Parole dann weitergeben.

»Kleider auf der Bank lassen. Die bleiben da, bis ihr mit dem Duschen fertig seid.«

Bald ziehen die Leute Hosen und Hemden aus, Jacken und Schuhe, falten ihre verdreckten Klamotten und legen sie ordentlich auf die Bänke.

Lale freut sich auf Wasser, aber er weiß, dass er seine Kleider wahrscheinlich nicht wiedersehen wird, genauso wenig wie das Geld darin.

Er zieht sich aus und legt alles auf die Bank, aber fast überwältigt ihn seine Empörung. Aus der Hosentasche zieht er ein schmales Heft Streichhölzer, eine Erinnerung an vergangene Freuden, und blickt verstohlen zu dem am nächsten stehenden Wachmann hinüber. Der Mann schaut in eine andere Richtung. Lale reißt ein Streichholz an. Vielleicht ist das hier der letzte Akt seines freien Willens. Er hält das Streichholz an das Futter seiner Jacke, bedeckt sie mit seiner Hose und springt hinüber in die Schlange der Männer vor den Duschen. Sekunden später hört er hinter sich rufen: »Feuer!« Lale sieht sich um, sieht nackte Männer, die aus dem Weg gedrängt werden, während ein SS-Mann die Flammen auszuschlagen versucht.

Er ist noch nicht in der Dusche, aber er merkt, dass er zittert. Was habe ich da getan? Gerade hat er mehrere Tage lang allen eingeschärft, sie sollen den Kopf gesenkt halten, tun, was ihnen gesagt wird, niemanden gegen sich aufbringen, und jetzt hat er selbst in einem Gebäude mutwillig ein Feuer gelegt. Ihm ist völlig klar, was passieren würde, wenn jemand ihn als den Brandstifter denunzieren würde. Idiot. Idiot.

Im Duschraum beruhigt er sich, atmet tief durch. Hunderte Männer stehen zitternd Schulter an Schulter, während kaltes Wasser auf sie niederregnet. Gierig legen sie den Kopf in den Nacken und trinken es, so brackig es auch schmeckt. Viele genieren sich und versuchen mit den Händen ihre Genitalien zu verbergen. Lale wäscht sich Schweiß, Schmutz und Gestank vom Körper und den Haaren. Das Wasser zischt durch die Rohre und trommelt auf den Boden. Als es aufhört, gehen die Türen zur Umkleide wieder auf, und ohne Anweisung gehen sie zurück zu dem, was statt ihrer Kleider jetzt dort liegt – alte russische Armeeuniformen und -stiefel.

»Bevor ihr euch anzieht, müsst ihr zum Frisör«, erklärt ihnen ein grinsender SS-Mann. »Draußen – beeilt euch.«

Wieder stellen die Männer sich in Reihen auf. Sie schieben sich zu dem Häftling, der mit einem Rasierer bereitsteht. Als Lale an der Reihe ist, setzt er sich gerade auf den Stuhl, den Kopf hoch erhoben. Er sieht zu, wie die SS-Leute an der Reihe entlanggehen, mit den Enden ihrer Waffen die nackten Gefangenen drangsalieren, ihnen Beleidigungen zurufen und gemeines Gelächter ausstoßen. Lale setzt sich noch gerader und hebt den Kopf noch höher, als das Haar auf seinem Kopf zu Stoppeln gekürzt wird, zuckt nicht, als der Rasierer ihm die Kopfhaut ritzt.

Ein Stoß in den Rücken sagt ihm, dass er fertig ist. Er reiht sich ein in die Schlange zurück zum Duschraum, wo er mit den anderen nach Kleidern und Holzschuhen in der richtigen Größe sucht. Alles ist schmutzig und fleckig, aber er findet schließlich Schuhe, die ihm ungefähr passen, und hofft, dass die russische Uniform, nach der er greift, genügt. Als er angezogen ist, verlässt er, wie gefordert, das Gebäude.

Es wird allmählich dunkel. Er trottet durch den Regen, einer von unzähligen Männern, es kommt ihm ziemlich lang vor. In dem zähen Schlamm bekommt er nur mühsam die Füße hoch. Doch er stapft entschlossen weiter. Einige Männer stolpern oder fallen auf Hände und Knie, sie werden geschlagen, bis sie wieder hochkommen. Wenn nicht, werden sie erschossen.

Lale versucht, die schwere, tropfnasse Uniform von der Haut zu ziehen. Sie scheuert und reibt, und der Geruch nach nasser Wolle und Schmutz versetzt ihn zurück in den Viehwaggon. Lale blickt zum Himmel auf, versucht so viel Regen zu schlucken, wie er kann. Der süße Geschmack ist das Beste seit Tagen, das Einzige, was er seit Tagen bekommen hat, sein Durst verstärkt noch seine Erschöpfung, lässt ihm alles vor den Augen verschwimmen. Er schluckt. Gierig schlürft er aus der hohlen Hand. In der Ferne erkennt er Scheinwerfer rund um ein riesiges Gelände. In seinem halben Taumel werden sie ihm zu Leuchttürmen, die funkelnd im Regen tanzen und ihm den Heimweg anzeigen. Die rufen: Komm. Ich gebe dir Schutz, Wärme und Nahrung. Geh weiter. Aber als er wieder durch Tore geht, die diesmal keine Botschaft tragen, keinen Handel anbieten, kein Freiheitsversprechen im Tausch gegen die Plackerei, ist Lale klar, dass das funkelnde Traumbild erloschen ist. Er ist bloß in einem anderen Gefängnis.

Hinter diesem Gelände, in der Dunkelheit nur zu erahnen, weitere Zäune und Gebäude. Die Zäune sind mit Stacheldraht bewehrt. Oben aus den Wachtürmen richten SS-Leute Gewehre in seine Richtung. In der Nähe schlägt ein Blitz in einen Zaun. Das sind Elektrozäune. Der Donner ist nicht laut genug, um einen Schuss zu übertönen, noch ein Mann ist gefallen.

»Wir haben es geschafft.«

Lale wendet sich um und sieht Aron auf sich zukommen. Triefend, durchnässt. Aber lebendig.

»Ja, sieht aus, als wären wir zu Hause. Du siehst ja gruselig aus.«

»Du hast dich selber nicht gesehen. Stell dir einfach vor, ich wäre ein Spiegel.«

»Nein, danke.«

»Und was kommt jetzt?«, fragt Aron. Er klingt wie ein Kind.

Dem stetigen Strom der Männer folgend, zeigen sie jeder ihren tätowierten Arm einem SS-Posten vor einer Baracke, der ihre Nummer auf einem Schreibbrett festhält. Nach einem kräftigen Stoß in den Rücken finden sich Lale und Aron in Block 7 wieder, einer lang gestreckten Baracke mit dreistöckigen Pritschen auf der einen Seite. Dutzende Männer werden in den Raum getrieben. Sie drängeln und stoßen einander zur Seite, um einen Platz zu belegen. Wenn sie Glück haben oder aggressiv genug sind, teilen sie ihr Lager nur mit einem oder zwei anderen. Lale hat dieses Glück nicht. Mit Aron klettert er auf eine Pritsche ganz oben, wo bereits zwei andere Häftlinge liegen. Nach Tagen ohne Essen haben sie nicht mehr viel Kraft zum Kämpfen übrig. So gut es geht, wälzt sich Lale auf einen Strohsack, der als Matratze herhält. Er presst die Hände auf den Magen, um die Krämpfe zu beruhigen. Mehrere Männer rufen den Wachen zu: »Wir brauchen etwas zu essen.«

Die Antwort kommt: »Morgen bekommt ihr was.«

»Morgen sind wir alle verhungert«, kommentiert jemand hinten im Block.

»Und in Frieden«, ergänzt eine dumpfe Stimme.

»Das hier sind Strohmatratzen«, sagt ein anderer. »Vielleicht sollten wir es weiter halten wie das Vieh und einfach das fressen.«

Leises Glucksen. Keine Antwort vom Blockführer.

Und dann, von ganz hinten in der Baracke, ein zögerliches »Muuuh …«

Lachen. Leise, aber echt. Der Blockführer, unsichtbar, aber anwesend, greift nicht ein, und irgendwann schlafen die Männer mit knurrenden Mägen ein.

Es ist immer noch dunkel, als Lale aufwacht, weil er pinkeln muss. Er klettert über seine schlafenden Gefährten hinweg, runter auf den Boden, und tastet sich an die hintere Stirnseite des Blocks; da dürfte es am sichersten sein. Beim Näherkommen hört er Stimmen: Slowakisch und Deutsch. Erleichtert sieht er, dass es, wenn auch notdürftige, Aborte für sie gibt. Lange Gräben hinter der Baracke, darüber Holzbalken. Drei Häftlinge hocken mit heruntergelassenen Hosen über dem Graben und unterhalten sich ruhig. Vom anderen Ende der Baracke sieht Lale durch das Halbdunkel zwei SS-Wachen herankommen, sie rauchen, lachen, ihre Gewehre lose über den Rücken gehängt. Das flackernde Scheinwerferlicht wirft verstörende Schatten, und Lale kann nicht verstehen, was sie sagen. Obwohl er dringend pinkeln muss, wartet er ab.

Gleichzeitig schnippen die Wachleute ihre Zigaretten in die Luft, legen mit einem Ruck ihre Gewehre an und schießen. Die Leichen der drei Klohocker kippen rückwärts in den Graben. Lale stockt der Atem. Er drängt sich mit dem Rücken an die Baracke, als die Wachen an ihm vorbeigehen. Von einem der beiden sieht er flüchtig das Gesicht – ein Junge, ein blutjunges Kind.

Als sie im Dunkeln verschwinden, legt Lale sich selbst einen Schwur ab. Ich werde überleben und diesen Ort verlassen. Ich werde als freier Mann hier herausgehen. Wenn es eine Hölle gibt, werde ich diese Mörder darin schmoren sehen. Er denkt an seine Familie in Krompach und hofft, dass sein Hiersein wenigstens ihnen ein ähnliches Schicksal erspart.

Lale erleichtert sich und klettert zurück auf seine Pritsche.

»Die Schüsse«, flüstert Aron, »was war das?«

»Ich habe nichts gesehen.«

Aron schwingt sein Bein über Lale, will selbst hinunter.

»Wohin willst du?«

»Pinkeln.«

Lale fasst über den Bettrand, umklammert Arons Hand. »Lass es bleiben.«

»Warum?«

»Du hast die Schüsse gehört«, erwidert Lale. »Halt es einfach bis morgen aus.«

Wortlos klettert Aron auf die Pritsche zurück und legt sich hin, die Fäuste in Angst und Trotz vor dem Unterleib geballt.

Sein Vater hatte einen Kunden vom Bahnhof abgeholt. Herr Scheinberg wollte sich gerade elegant in die Kutsche schwingen, während Lales Vater sein feines Ledergepäck auf den anderen Sitz hob. Woher kam er? Aus Prag? Pressburg? Aus Wien vielleicht? Er trug einen teuren Wollanzug, seine Schuhe waren frisch geputzt, und lächelnd richtete er ein paar Worte an Lales Vater, als der vorne aufsaß. Sein Vater trieb das Pferd an. Wie die meisten anderen Herren, die Lales Vater mit seiner Droschke herumfuhr, war Herr Scheinberg auf dem Heimweg von wichtigen Geschäften. Lale wollte lieber wie er werden als wie sein Vater.

Herr Scheinberg reiste an diesem Tag ohne Begleitung seiner Gattin. Lale liebte es, Frau Scheinberg und die anderen Damen, die in der Droschke seines Vaters mitfuhren, anzuschauen, ihre schmalen Hände in weißen Handschuhen, ihre eleganten Perlenohrringe und die passenden Perlenketten. Er liebte die eleganten Kleider und den Schmuck der schönen Frauen, die manchmal die bedeutenden Herren begleiteten. Das einzig Gute daran, dass er manchmal seinem Vater helfen musste, war, ihnen die Droschkentür öffnen zu dürfen, die Hand zu reichen und herunterzuhelfen, ihren Duft zu atmen und von dem Leben zu träumen, das sie führten.

KAPITEL 2

»Aufstehen! Alle nach draußen!«

Pfeifen schrillen, Hunde bellen. Das Sonnenlicht eines klaren Morgens fällt durch die Tür in Block 7 hinein. Die Männer lösen sich voneinander, klettern von ihren Pritschen herunter und drängen nach draußen. Bleiben direkt vor der Baracke stehen. Keiner will zu weit weg. Sie warten. Und warten. Keine Spur mehr von denen, die eben noch gebrüllt und gepfiffen haben. Die Männer scharren mit den Füßen, flüstern mit ihren Nachbarn. Ein Blick auf die anderen Blöcke zeigt, dass es dort genauso ist. Was nun? Warten.

Endlich kommen ein SS-Mann und ein Häftling auf Block 7 zu, und alle verstummen. Keine Vorstellung. Der Häftling liest von einem Schreibbrett Nummern vor. Der SS-Mann steht daneben, wippt ungeduldig mit dem Fuß, klopft sich mit seinem Schlagstock auf den Oberschenkel. Die Häftlinge brauchen einen Moment, bis sie verstehen, dass die Nummern sich auf die Tätowierung auf ihrem linken Arm beziehen. Als der Appell zu Ende ist, sind zwei Nummern ohne Antwort geblieben.

»Du …« – der Häftling, der die Zahlen vorgelesen hat, zeigt auf einen Mann am Ende der Reihe – »geh noch mal rein und schau, ob da noch wer ist.«

Der Mann sieht ihn fragend an. Er hat kein Wort verstanden. Sein Nebenmann flüstert ihm den Auftrag zu, und er beeilt sich, ihn auszuführen. Kurz darauf kommt er wieder heraus, hält die rechte Hand hoch und streckt Zeige- und Mittelfinger aus: zwei Tote.

Der SS-Mann tritt vor. Er spricht Deutsch. Die Häftlinge haben bereits gelernt, den Mund zu halten und gehorsam zu warten, bis hoffentlich einer von ihnen übersetzen kann. Lale versteht alles.

»Ihr bekommt zwei Mahlzeiten am Tag. Eine morgens und eine abends. Wenn ihr bis abends durchhaltet.« Er unterbricht sich, ein zynisches Lächeln im Gesicht. »Nach dem Frühstück arbeitet ihr, bis wir euch sagen, dass Schluss ist. Ihr werdet dieses Lager weiterbauen. Es werden noch viel mehr Leute hierhergebracht.« Sein Lächeln wird zu einem stolzen Grinsen. »Gehorcht eurem Kapo und den Vorarbeitern, dann werdet ihr den Sonnenuntergang erleben.«

Man hört ein Scheppern, und mit einem Blick über die Schulter sehen die Häftlinge ein paar Männer herankommen, die zwei Kessel und Stapel kleiner Blechnäpfe tragen. Frühstück. Ein paar Häftlinge streben auf sie zu, als wollten sie ihnen Hilfe anbieten.

»Jeder, der sich rührt, wird erschossen«, bellt der SS-Mann und hebt das Gewehr. »Zweite Chancen gibt es nicht.«

Der SS-Mann geht, und der Häftling, der den Appell durchgeführt hat, wendet sich an die Gruppe. »Ihr habt es gehört«, sagt er in polnisch gefärbtem Deutsch. »Ich bin euer Kapo. Zur Essensausgabe bildet ihr zwei Reihen. Wer sich beschwert, muss mit Konsequenzen rechnen.«

Die Männer drängeln sich in Reihen, mehrere fangen an, einander flüsternd zu fragen, ob jemand verstanden hat, was »der Deutsche« gesagt hat. Lale übersetzt es denen, die am nächsten stehen, und lässt es sie weitersagen. Er wird so viel wie möglich übersetzen.

Als er vorn in der Reihe ankommt, nimmt er dankbar einen kleinen Blechnapf entgegen, dessen Inhalt über die rauen Hände schwappt, die ihn ihm entgegenschieben. Er tritt zur Seite und mustert das Essen. Es ist eine braune Brühe, ohne irgendetwas Festes, den Geruch kann er nicht identifizieren. Weder Tee noch Kaffee noch Suppe. Er befürchtet, er würde das stinkende Gebräu wieder hochwürgen, wenn er es langsam trinkt. Also schließt er die Augen, hält sich die Nase zu und schluckt es in einem Zug. Andere haben weniger Erfolg.

Aron neben ihm hebt seinen Napf zu einem ironischen Toast. »Ich hatte ein Stück Kartoffel, und du?«

»Mein bestes Essen seit Ewigkeiten.«

»Bist du immer so positiv?«

»Frag mich heute Abend noch mal«, erwidert Lale zwinkernd. Als er seinen leeren Napf dem Häftling zurückgibt, der ihn ihm gereicht hat, dankt er ihm mit einem schnellen Nicken und einem halben Lächeln.

Der Kapo brüllt: »Wenn ihr Faulpelze mit dem Essen fertig seid, in Reihen antreten! Ihr habt noch Arbeit vor euch!«

Lale gibt die Anweisung weiter.

»Ihr folgt mir«, schreit der Kapo, »und ihr folgt den Befehlen des Vorarbeiters. Von jeder Bummelei erfahre ich.«

Lale und die anderen finden sich vor einer halb fertigen Baracke wieder, die genauso aussieht wie ihr eigener Block. Andere Häftlinge sind bereits da: Zimmerer und Maurer, die alle still im geordneten Rhythmus gewohnter Akkordarbeiter am Werk sind.

»Du. Ja, du. Hoch auf das Dach. Du kannst da oben arbeiten.«

Der Befehl geht an Lale. Er blickt sich um, sieht eine Leiter, die aufs Dach führt. Zwei Häftlinge hocken dort, warten auf die Ziegel, die ihnen hochgereicht werden. Die beiden rücken zur Seite, als Lale kommt. Das Dach besteht nur aus Holzlatten für die Ziegel.

»Sei vorsichtig«, warnt ihn einer der Arbeiter. »Geh etwas weiter rüber und schau uns zu. Es ist nicht schwer – du wirst es schnell raushaben.« Ein Russe.

»Ich heiße Lale.«

»Vorstellung später, okay?« Die beiden Männer wechseln einen Blick. »Verstehst du mich?«

»Ja«, erwidert Lale auf Russisch. Die Männer lächeln.

Lale sieht zu, wie sie die schweren Lehmziegel aus den Händen entgegennehmen, die sie über die Dachkante reichen, damit an die Stelle kriechen, wo die letzten Ziegel abgelegt wurden, und sie sorgfältig überlappend anlegen, bevor sie für den nächsten Ziegel wieder an die Leiter krabbeln. Der Russe hat recht – es ist keine schwierige Arbeit –, und schon bald hilft ihnen Lale, die Ziegel in Empfang zu nehmen und anzulegen. An diesem warmen Frühlingstag hindern ihn nur der beißende Hunger und die Krämpfe, genauso schnell zu arbeiten wie die erfahreneren Kollegen.

Es vergehen mehrere Stunden, bis sie Pause machen dürfen. Lale will zur Leiter, aber der Russe hält ihn auf.