Der Täuscher - Jeffery Deaver - E-Book
oder
Beschreibung

BIST DU OPFER ODER MÖRDER?

Endlich! Der achte Fall für Lincoln Rhyme und Amelia Sachs – rasanter, irreführender und diabolischer denn je. Und fast zu wahr, um schön zu sein …

Die Nachricht ist ein Schock: Ausgerechnet Lincoln Rhymes Cousin Arthur soll einen Mord begangen haben! Alle Beweise sprechen gegen ihn, doch ist Arthur Rhyme wirklich schuldig? Lincoln und seine Partnerin Amelia Sachs verfolgen einen der hinterhältigsten Killer, mit dem sie es je zu tun hatten. Sie jagen einen Mann, der wie besessen alles sammelt – von einfachen Abfällen über die intimsten Details seiner Opfer bis hin zur ultimativen Trophäe: dem menschlichen Leben selbst. Ihr Gegner ist ein skrupelloser Verbrecher, der mit Leidenschaft foltert und tötet, dessen schärfste Waffe jedoch sein unermesslicher Schatz an geraubten Informationen ist. Informationen, die »Der Täuscher« mit teuflischer Präzision gegen seine Opfer einzusetzen weiß – und auch gegen die, die ihn aufhalten wollen ...



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EPUB
MOBI

Seitenzahl:713


Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
 
ERSTER TEIL - Gemeinsamkeiten
… Eins
 
ZWEITER TEIL - Transaktionen
… Zwei
… Drei
… Vier
 
Copyright
Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel »The Broken Window« bei Simon & Schuster, New York.
Für einen lieben Freund, das geschriebene Wort.
ERSTER TEIL
Gemeinsamkeiten
Donnerstag, 12. Mai
 
Die Privatsphäre wird zumeist nicht durch die Enthüllung großer persönlicher Geheimnisse verletzt werden, sondern durch die Bekanntgabe zahlreicher Kleinigkeiten. […] Es ist wie mit Killerbienen: Eine ist lästig, aber ein ganzer Schwarm kann tödlich sein.
Robert O’Harrow jr., No Place to Hide
… Eins
Irgendetwas stimmte nicht ganz, aber sie konnte es nicht genau benennen.
Wie ein Schmerz, der irgendwo in deinem Körper vage wieder aufflackert.
Oder ein Mann, der auf dem Heimweg hinter dir geht … Etwa derselbe Kerl, der in der U-Bahn ständig zu dir herübergeschaut hat?
Oder ein dunkler Punkt, der sich deinem Bett nähert und plötzlich verschwunden ist. Eine giftige Spinne?
Doch dann sah der Besucher, der auf ihrem Wohnzimmersofa saß, sie lächelnd an, und Alice Sanderson vergaß ihre Sorge - falls man das überhaupt als eine Sorge hätte bezeichnen können. Arthur war nicht nur intelligent und ziemlich durchtrainiert. Er hatte vor allem ein großartiges Lächeln.
»Wie wär’s mit einem Glas Wein?«, fragte sie und ging in die kleine Küche.
»Gern. Was immer du gerade im Haus hast.«
»Das macht echt Spaß - mitten in der Woche die Arbeit zu schwänzen. Man sollte meinen, wir seien zu alt für so was. Aber es gefällt mir.«
»Born to be wild«, scherzte er.
Das offene Fenster gab den Blick auf die Sandsteingebäude der anderen Straßenseite frei, manche davon mit Anstrich, andere naturbelassen. Auch ein Teil der Skyline Manhattans war zu sehen und ragte in den Dunst des schönen Frühlingstages auf. Ein Luftzug - recht frisch für New Yorker Verhältnisse - trug den Duft von Knoblauch und Oregano herein. Das kam von dem italienischen Restaurant ein paar Häuser weiter. Es war ihrer beider Lieblingsküche - eine der vielen Gemeinsamkeiten, die sie festgestellt hatten, seit sie sich vor einigen Wochen bei einer Weinprobe in SoHo begegnet waren. Alice hatte Ende April zusammen mit etwa vierzig anderen Leuten den Ausführungen eines Sommeliers über die Weine Europas gelauscht, als eine Männerstimme sich nach einem bestimmten spanischen Rotwein erkundigte.
Sie hatte unwillkürlich leise aufgelacht, denn zufälligerweise besaß sie einen Karton genau dieses Weines (nun ja, inzwischen war der Inhalt nicht mehr ganz vollständig). Das Weingut war eher unbekannt, und es mochte sich nicht um den besten Rioja aller Zeiten handeln, aber für Alice waren schöne Erinnerungen damit verbunden. Während eines einwöchigen Spanienaufenthaltes hatten sie und ihr französischer Geliebter nämlich jede Menge davon getrunken - eine perfekte Liaison, genau das Richtige für eine Frau Ende zwanzig, die sich kurz zuvor von ihrem Freund getrennt hatte. Die Urlaubsromanze verlief leidenschaftlich, intensiv und natürlich ohne die Gefahr einer längerfristigen Bindung, was sie nur umso besser machte.
Bei der Weinprobe hatte Alice sich vorgebeugt, um einen Blick auf den Fragesteller zu werfen: ein durchschnittlich aussehender Mann in Anzug und Krawatte. Nach einigen Gläsern der vorgestellten Weinkollektion war sie etwas mutiger geworden, hatte mit ihrem Häppchenteller in der Hand den Raum durchquert und sich bei dem Fremden nach dem Grund für sein Interesse an dem besagten Rioja erkundigt.
Er erzählte ihr von einer Spanienreise, die er ein paar Jahre zuvor mit einer Exfreundin unternommen und dabei Gefallen an dem Wein gefunden hatte. Sie nahmen an einem Tisch Platz und unterhielten sich eine Weile. Wie sich herausstellte, schien Arthur das gleiche Essen und dieselben Sportarten zu mögen wie Alice. Sie gingen beide joggen und brachten jeden Morgen eine Stunde in einem überteuerten Fitnesscenter zu. »Aber ich trage dabei bloß schlichte Shorts und ein einfaches T-Shirt vom Wühltisch«, sagte er. »Nicht so einen Designermüll …« Dann wurde er rot, weil er merkte, dass er Alice womöglich beleidigt hatte.
Doch sie lachte nur, denn sie selbst hielt es mit ihren Sportsachen genauso (und kaufte diese meistens in einem Billigladen in Jersey, wenn sie ihre Eltern besuchte). Allerdings widerstand sie dem Impuls, Arthur sogleich davon zu erzählen; sie wollte schließlich nicht übereifrig wirken. Und so spielten sie das beliebte Kennenlernspiel der Großstadtsingles: Was wir zwei gemeinsam haben. Sie vergaben Noten an Restaurants, verglichen Episoden einer bekannten Sitcom und klagten über ihre Psychotherapeuten.
Es folgte eine Verabredung, dann noch eine. Art war witzig und aufmerksam. Ein wenig formell und bisweilen schüchtern und zurückhaltend, aber das führte Alice auf die - wie er es nannte - »höllische Trennung« von seiner langjährigen Freundin aus der Modebranche zurück. Und auf seine enorme Arbeitsbelastung - typisch für einen Geschäftsmann in Manhattan. Er hatte nur wenig Freizeit.
Würde etwas aus ihnen beiden werden?
Noch war nichts Ernstes zwischen ihnen gelaufen. Aber es gab weitaus unangenehmere Menschen, mit denen man seine Zeit verbringen konnte. Und als sie sich beim letzten Treffen geküsst hatten, hatte Alice dieses sanfte Kribbeln gespürt, das ihr mitteilte, dass die Chemie stimmte. Der heutige Abend würde ihr eventuell genaueren Aufschluss darüber geben. Ihr war nicht entgangen, dass Arthur immer wieder - insgeheim, wie er glaubte - das enge rosafarbene Kleid musterte, das sie sich extra für diese Verabredung gekauft hatte. Für den Fall, dass es nicht beim Küssen bleiben würde, hatte Alice im Schlafzimmer zudem einige Vorkehrungen getroffen.
Dann meldete sich plötzlich wieder diese leichte Verunsicherung, die Sorge wegen der Spinne.
Was war denn nur los?
Alice nahm an, es müsse sich wohl um einen Rest des Unbehagens handeln, das sie empfunden hatte, als ihr früher an jenem Tag ein Paket zugestellt worden war, von einem Mann mit kahl geschorenem Kopf und buschigen Augenbrauen, der nach Zigaretten roch und mit starkem osteuropäischen Akzent sprach. Während sie den Empfang quittierte, hatte der Kerl sie von oben bis unten anzüglich begafft und dann um ein Glas Wasser gebeten. Widerwillig hatte sie ihm aus der Küche etwas zu trinken geholt und ihn bei ihrer Rückkehr mitten im Wohnzimmer vorgefunden, wo er ihre Stereoanlage anstarrte.
Sie hatte gesagt, sie erwarte Besuch, und er war mit finsterer Miene gegangen, als sei er beleidigt. Daraufhin hatte Alice aus dem Fenster gesehen und fast zehn Minuten warten müssen, bis der Mann unten zum Vorschein kam, in den in zweiter Reihe geparkten Lieferwagen stieg und wegfuhr.
Was hatte er die ganze Zeit in dem Apartmentgebäude gemacht? Die Sicherheitsvorkehrungen ausgekundschaftet …?
»Hallo, Erde an Alice …«
»Entschuldige.« Sie lachte, ging zum Sofa und setzte sich neben Arthur. Ihre Knie berührten einander. Die Gedanken an den Paketboten verschwanden. Alice und Arthur nahmen ihre Gläser und stießen an, diese zwei Menschen, die auf vielen wichtigen Gebieten harmonierten - Politik (sie spendeten nahezu den gleichen Betrag an die Demokratische Partei und zusätzlich etwas für die Wahlkampagnen), Filme, Essen, Reisen. Sie waren beide nicht praktizierende Protestanten.
Als ihre Knie einander erneut berührten, rieb Arthur sein Bein verführerisch an ihrem. Dann lächelte er und fragte: »Übrigens, was ist mit diesem Gemälde, dem Prescott? Hast du es bekommen?«
Sie nickte mit leuchtenden Augen. »Jawohl, ich bin jetzt stolze Besitzerin eines Harvey Prescott.«
Nach New Yorker Begriffen war Alice Sanderson keine reiche Frau, aber sie hatte ihr Geld gut investiert und frönte einer großen Leidenschaft. Prescott, ein Maler aus Oregon, dessen Karriere sie lange verfolgt hatte, war auf fotorealistische Familienbilder spezialisiert gewesen - nicht von echten Leuten, sondern von ausgedachten Personen. Manche der Werke fielen eher traditionell aus, andere weniger - sie zeigten Alleinerziehende, Eltern von unterschiedlicher Hautfarbe oder homosexuelle Paare. Was sich von Prescott überhaupt noch auf dem Markt befand, war für Alice meistens viel zu teuer, aber sie stand auf den Mailinglisten der Galerien, die gelegentlich neue Angebote hereinbekamen. Letzten Monat hatte sie aus dem Westen der USA die Nachricht erreicht, demnächst könne für einen Preis von hundertfünfzigtausend Dollar ein kleines frühes Ölgemälde erhältlich sein. Der Eigentümer entschied sich tatsächlich für den Verkauf, und Alice machte einen Teil ihrer Anlagen zu Geld, um die Summe aufzubringen.
Das war die Lieferung, die sie heute erhalten hatte. Doch der Gedanke an den Zusteller ließ die Freude über den Neuerwerb schlagartig wieder verblassen. Sie erinnerte sich an den Geruch des Mannes, an seine lüsternen Blicke. Alice stand auf und ging zum Fenster, als wolle sie die Vorhänge ein Stück weiter aufziehen. Dabei sah sie nach draußen. Keine Lieferwagen, keine Glatzköpfe, die an der Straßenecke standen und zu ihrer Wohnung heraufstarrten. Sie überlegte, ob sie das Fenster schließen und verriegeln sollte, aber das würde gewiss etwas eigenartig wirken und eine Erklärung erfordern.
Sie kehrte zu Arthur zurück, wies auf die Zimmerwände und erzählte ihm, sie sei sich nicht sicher, wo in ihrem kleinen Apartment sie das Gemälde aufhängen solle. Vor ihrem inneren Auge lief ein kurzer Film ab: Arthur blieb eines Samstags über Nacht und half ihr am Sonntag nach dem Brunch dabei, den perfekten Platz für das Bild zu finden.
»Möchtest du es mal sehen?«, fragte sie fröhlich und voller Stolz.
»Unbedingt.«
Sie standen auf, und Alice ging voran zum Schlafzimmer. Ihr war so, als würde sie draußen auf dem Hausflur Schritte hören. Die anderen Mieter hätten um diese Tageszeit eigentlich bei der Arbeit sein müssen.
War das etwa der Paketbote?
Nun ja, wenigstens war sie nicht allein.
Sie erreichten die Schlafzimmertür.
In diesem Moment biss die Giftspinne zu.
Alice war urplötzlich klar, was sie die ganze Zeit gestört hatte, und es hatte nichts mit dem Paketzusteller zu tun gehabt. Nein, es ging um Arthur. Er hatte sie gestern gefragt, wann der Prescott eintreffen würde.
Zuvor hatte sie ihm zwar erzählt, dass sie sich ein Gemälde kaufen wolle, aber den Namen des Künstlers hatte sie nie erwähnt. Sie hielt an der Schlafzimmertür inne. Ihre Hände wurden feucht. Falls er von selbst etwas über das Bild herausgefunden hatte, dann vielleicht auch über andere Aspekte ihres Lebens. Was war, falls die vielen Gemeinsamkeiten gelogen wären? Falls er schon vorher gewusst hätte, dass sie diesen spanischen Wein mochte? Falls er nur deswegen bei der Weinprobe aufgetaucht wäre, weil er sich an sie heranmachen wollte? All die Restaurants, die sie beide kannten, die Reisen, die Fernsehserien …
Mein Gott, und jetzt führte sie einen Mann, den sie erst seit ein paar Wochen kannte, in ihr Schlafzimmer. Völlig schutzlos …
Das Atmen fiel ihr schwer … Sie zitterte.
»Oh, das Bild«, flüsterte er und schaute an ihr vorbei. »Wie wunderbar.«
Als sie seine ruhige, wohltönende Stimme hörte, lachte Alice innerlich auf. Bist du von allen guten Geistern verlassen? Sie musste Arthur irgendwann Prescotts Namen genannt haben. Ihre Verunsicherung schob sie beiseite. Beruhige dich. Du lebst schon zu lange allein. Denk an sein Lächeln, seine Witze. Er tickt so wie du.
Bleib locker.
Ein leises Lachen. Alice musterte das sechzig mal sechzig Zentimeter große Ölgemälde, die gedämpften Farben: ein halbes Dutzend Leute an einem Esstisch, die den Betrachter ansahen, einige belustigt, andere nachdenklich oder besorgt.
»Unglaublich«, sagte er.
»Der Bildaufbau ist großartig. Aber am besten hat Prescott die verschiedenen Gesichtsausdrücke eingefangen. Meinst du nicht auch?« Alice wandte sich zu ihm um.
Ihr Lächeln erstarb. »Was ist denn, Arthur? Was machst du da?« Er hatte sich beigefarbene Stoffhandschuhe übergestreift und griff soeben in die Tasche. Und dann sah Alice ihm in die Augen, die sich in dunkle kleine Punkte unter finsteren Brauen verwandelt hatten, in einem Gesicht, das sie kaum wiedererkannte.
ZWEITER TEIL
Transaktionen
Sonntag, 22. Mai
 
Fast jeder hat schon mal die Behauptung gehört, die Bestandteile eines menschlichen Körpers würden etwa vier Dollar fünfzig kosten. Unsere digitale Identität ist wesentlich wertvoller.
Robert O’Harrow jr., No Place to Hide
… Zwei
Die Spur hatte von Scottsdale nach San Antonio und weiter zu einem Rastplatz an der Interstate 95 in Delaware geführt, der von Fernfahrern und hektischen Familien nur so wimmelte. Von da aus, man glaubte es kaum, wies die Fährte letzten Endes nach London.
Und um wen ging es bei dieser Jagd? Um einen Auftragsmörder, dem Lincoln Rhyme seit geraumer Zeit nachsetzte, einen Mann, den er hatte davon abhalten können, ein schreckliches Verbrechen zu begehen, aber dem es gelungen war, der Polizei um Haaresbreite zu entkommen, indem er, wie Rhyme es verärgert ausgedrückt hatte, »seelenruhig abgereist ist, wie ein verdammter Tourist, der Montagmorgen wieder zur Arbeit muss.«
Die Spur verlor sich zunächst, und weder die Polizei noch das FBI konnten etwas darüber in Erfahrung bringen, wo der Mann sich verbarg oder was er als Nächstes vorhaben könnte. Vor ein paar Wochen hörte Rhyme jedoch von Gewährsleuten in Arizona, dass ebendieser Täter des Mordes an einem Soldaten in Scottsdale verdächtigt wurde. Es sah so aus, als sei er nach Osten geflohen - nach Texas und schließlich nach Delaware.
Der Mann hieß Richard Logan, wobei es sich auch um einen Decknamen handeln konnte. Er stammte vermutlich aus dem Westteil der Vereinigten Staaten oder aus Kanada. Die gründlichen Nachforschungen förderten eine ganze Reihe Richard Logans zutage, aber keiner von ihnen passte zu dem Profil des Täters.
Dann erfuhr Lincoln Rhyme zufällig (das Wort »Glück« würde er niemals benutzen) von Interpol, der europäischen Zentralstelle zur internationalen Koordination der kriminalpolizeilichen Ermittlungsarbeit, dass ein Profikiller aus Amerika für einen Auftrag in England angeheuert worden sei. Der Mann habe in Arizona einen Mord begangen, um sich militärische Ausweispapiere und Informationen zu verschaffen, sei zu einem konspirativen Treffen nach Texas gefahren und habe auf einem Rastplatz an der Ostküste einen Honorarvorschuss erhalten. Dann sei er über Heathrow nach England eingereist und halte sich nun irgendwo im Vereinigten Königreich auf.
Das Ziel von Richard Logans »finanziell großzügig ausgestattetem und auf höchster Ebene ersonnenem Anschlagsplan« - Rhyme musste unwillkürlich lächeln, als er die geschliffene Interpol-Formulierung las - war ein protestantischer Pfarrer aus Afrika, der ein Flüchtlingslager geleitet hatte und über einen groß angelegten Betrug gestolpert war, bei dem es um gestohlene Aids-Medikamente ging, von deren Verkaufserlös Waffen angeschafft werden sollten. Der Geistliche wurde von den Sicherheitsbehörden letztlich nach London verlegt; bislang hatte er drei Attentate in Nigeria und Liberia überlebt sowie einen Anschlag, der sogar in einem der Transitbereiche des Mailänder Flughafens Malpensa verübt worden war, wo den überaus aufmerksamen Beamten der Polizia di Stato mit ihren kompakten Maschinenpistolen normalerweise kaum etwas entgeht.
Nun wurde Reverend Samuel G. Goodlight (Rhyme konnte sich keinen besseren Namen für einen Gottesmann vorstellen) in einem sicheren Londoner Versteck durch Spezialisten von Scotland Yard beschützt, der Zentrale des Metropolitan Police Service, und half gegenwärtig den britischen und ausländischen Geheimdiensten dabei, die Einzelheiten der Verschwörung aufzudecken.
Mittels verschlüsselter Satellitentelefonate und E-Mails quer über mehrere Kontinente hatten Rhyme und Inspector Longhurst, eine Beamtin der Metropolitan Police, dem Täter inzwischen eine Falle gestellt, die es an Komplexität mit Logans eigenen ausgeklügelten Plänen aufnehmen konnte. Zum Ablauf gehörten diverse Doppelgänger und die unerlässliche Mitarbeit eines extravaganten ehemaligen Waffenhändlers aus Südafrika, der über ein Netzwerk aus eifrigen Informanten verfügte. Danny Krueger hatte Hunderttausende von Dollars damit verdient, Waffen so effizient und leidenschaftslos zu verkaufen, wie andere Geschäftsleute Klimaanlagen und Hustensaft an den Mann bringen. Eine Reise nach Darfur letztes Jahr hatte ihn jedoch nachhaltig erschüttert, denn er bekam zu sehen, was für Gemetzel mit seinen Spielzeugen angerichtet wurden. Daraufhin hatte er den Waffenhandel unverzüglich aufgegeben und sich in England niedergelassen. Zu der Einsatzgruppe gehörten außerdem Beamte des MI5, Mitarbeiter der Londoner FBI-Zweigstelle und ein Agent des französischen Gegenstücks zur CIA: La Direction Générale de la Sécurité Extérieure.
Niemand hatte auch nur die ungefähre Gegend Großbritanniens gekannt, in der Logan sich versteckt hielt und sein Vorgehen plante, aber der heißblütige Danny Krueger hatte gehört, der Killer wolle in den nächsten paar Tagen zuschlagen. Da der Südafrikaner noch immer zahlreiche Kontakte im internationalen Untergrund besaß, hatte er sogleich Hinweise über einen »geheimen« Ort gestreut, an dem die Treffen zwischen Goodlight und den Behörden angeblich stattfinden würden. Das besagte Gebäude besaß einen offenen Innenhof und würde dem Attentäter die perfekte Gelegenheit bieten, seine Zielperson zu ermorden.
Es war zudem der ideale Ort, um Logan zu entdecken und auszuschalten. Das Gebiet wurde weiträumig überwacht, und bewaffnete Kräfte von Polizei, MI5 und FBI standen rund um die Uhr bereit.
Logan war tatsächlich kurz in der Nähe aufgetaucht, dann aber gleich wieder spurlos von der Bildfläche verschwunden.
Rhyme saß derweil in seinem batteriebetriebenen roten Rollstuhl im Erdgeschoss seines Stadthauses am Central Park West. Das geräumige Zimmer war längst nicht mehr der anheimelnde viktorianische Salon von einst, sondern ein gut ausgestattetes forensisches Labor, größer als viele derartige Einrichtungen in mittelgroßen Städten. Der Kriminalist ertappte sich bei etwas, das er während der letzten Tage häufig getan hatte: Er starrte das Telefon an, auf dessen Kurzwahltaste Nummer zwei ein Anschluss in England gespeichert war, der mit den Ziffern 1212 endete. Die meisten Abteilungen der Kriminalpolizei von Scotland Yard besaßen Rufnummern mit diesen Endziffern, als Reminiszenz an die erste Telefonnummer des Yard: Whitehall 1212.
»Der Apparat funktioniert doch, oder?«, fragte Rhyme.
»Gibt es einen Grund, der dagegenspricht?«, erwiderte Thom, sein Betreuer, in einem gemessenen Tonfall, der für Rhyme einem gequälten Seufzen gleichkam.
»Keine Ahnung. Schaltkreise brennen durch. Telefonleitungen werden vom Blitz getroffen. Es kann alles Mögliche schiefgehen.«
»Dann solltest du es vielleicht mal ausprobieren. Nur um sicherzugehen.«
»Kommando«, sagte Rhyme, um der Spracherkennung seines Computers einen Befehl anzukündigen. Das Steuermodul der Haustechnik ersetzte ihm in vielerlei Hinsicht die Körperfunktionen. Lincoln Rhyme war querschnittsgelähmt. Bei einem Unfall an einem Tatort hatte er sich vor Jahren die Wirbelsäule gebrochen - am vierten Halswirbel, fast an der Schädelbasis. Unterhalb dieser Stelle besaß er nur eine sehr eingeschränkte Beweglichkeit. »Telefon, Anrufen, Telefonauskunft.«
Aus den Lautsprechern ertönte das Amtszeichen, gefolgt von drei Wähltönen. Das ärgerte Rhyme noch mehr, als wenn das Gerät defekt gewesen wäre. Wieso hatte Inspector Longhurst sich nicht bei ihm gemeldet? »Kommando«, rief er barsch. »Telefon, Auflegen.«
»Scheint prima zu funktionieren.« Thom stellte einen Becher Kaffee in den Halter an Rhymes Rollstuhl, und der Kriminalist sog an dem Trinkhalm. Dann schaute er zu der Flasche Glenmorangie in einem der Regale. Der achtzehn Jahre alte Single Malt Whisky stand ganz in der Nähe, blieb für Rhyme aber natürlich stets unerreichbar.
»Es ist Vormittag«, sagte Thom.
»Ich weiß, dass Vormittag ist. Hab ich etwa was anderes behauptet? Ich will auch gar keinen Whisky … Es ist nur so, dass …« Er hatte auf eine Gelegenheit gewartet, dem jungen Mann diesbezüglich etwas Feuer unter dem Hintern zu machen. »Wenn ich mich recht entsinne, hast du mir gestern Abend ziemlich früh den Hahn zugedreht. Nach nur zwei Gläsern. Das ist doch so gut wie gar nichts.«
»Es waren drei.«
»Falls du den Inhalt zusammenrechnen würdest - ich rede hier von den Kubikzentimetern -, war es so viel wie zwei kleine Whiskys.« Man konnte sich immerhin nicht nur an Spirituosen berauschen, sondern auch an der eigenen Kleinlichkeit.
»Egal, vormittags gibt es keinen Scotch.«
»Er lässt mich aber klarer denken.«
»Nein, tut er nicht.«
»Doch. Und kreativer.«
»Auch das nicht.«
Thom trug ein tadellos gebügeltes Hemd, Krawatte und eine Stoffhose. Seine Kleidung war nicht mehr so zerknittert wie früher. Die Arbeit als Betreuer eines Querschnittsgelähmten verlangte viel Körpereinsatz. Aber Rhymes neuer Rollstuhl, ein Invacare TDX, konnte sich in eine waagerechte Liegefläche verwandeln und hatte Thoms Aufgabe sehr erleichtert. Der Stuhl schaffte es sogar, flache Stufen zu erklimmen, und fuhr etwa so schnell, wie ein Jogger mittleren Alters zu laufen vermochte.
»Ich sage, ich will einen Scotch. Da hast du’s. Ich habe meinen Wunsch klar artikuliert. Was sagst du nun?«
»Nein.«
Rhyme schnaubte verächtlich und starrte erneut das Telefon an. »Falls er entwischt …« Er hielt inne. »Und, willst du denn nicht machen, was alle machen?«
»Wie meinst du das, Lincoln?« Der schlanke junge Mann arbeitete schon seit vielen Jahren für Rhyme. Im Laufe der Zeit war er einige Male gefeuert worden und hatte auch selbst schon gelegentlich gekündigt. Trotzdem war er immer noch da. Ein Beweis für die Beharrlichkeit (oder Unbelehrbarkeit) der beiden Beteiligten.
»Ich sage ›Falls er entwischt‹, und daraufhin sagst du ›Oh, aber das wird er nicht. Keine Sorge.‹ Und von mir wird erwartet, dass mich das beruhigt. Weißt du, das machen die Leute so: Sie reden dir gut zu, obwohl sie nicht die geringste Ahnung vom Thema haben.«
»Aber ich habe nichts dergleichen gesagt. Streiten wir uns jetzt über etwas, das ich hätte sagen können? Ist das nicht wie bei der Frau, die sauer auf ihren Mann wird, weil sie ein hübsches Mädchen auf der Straße gesehen und gedacht hat, er hätte hinterhergeschaut, falls er da gewesen wäre?«
»Ich weiß nicht, wie das ist«, sagte Rhyme zerstreut und war in Gedanken längst wieder bei dem Plan zur Ergreifung Logans. Hatten sie etwas übersehen? War das Areal ausreichend gesichert? Konnte man sich darauf verlassen, dass die Informanten nichts durchsickern ließen, das den Killer gewarnt hätte?
Das Telefon klingelte, und auf dem Flachbildschirm neben Rhyme öffnete sich ein Fenster mit der Kennung des Anrufers. Enttäuscht stellte Rhyme fest, dass die Nummer nicht zu einem Anschluss in England, sondern zu einem Apparat in der näheren Umgebung gehörte - im Big Building, Polizeijargon für die Police Plaza Nummer eins in Downtown.
»Kommando, Telefon, Abheben.« Klick. Dann: »Was gibt’s?«
»Schlechte Laune?«, fragte eine Stimme aus acht Kilometern Entfernung.
»Bislang keine Nachricht aus England.«
»Und du stehst auf Abruf bereit, oder was?«
»Logan ist verschwunden. Es könnte jeden Moment losgehen.«
»Wie beim Kinderkriegen«, sagte Sellitto.
»Wie du meinst. Was ist los? Ich will die Leitung frei haben.«
»All die moderne Ausrüstung, und dein Telefon hat keine Anklopffunktion?«
»Lon.«
»Okay. Es gibt etwas, das du wissen solltest. Letzte Woche Donnerstag hat sich im Village ein Raubmord ereignet. Das Opfer war eine Frau namens Alice Sanderson. Sie wurde erstochen, und dann hat der Täter aus ihrer Wohnung ein Gemälde entwendet. Wir haben den Kerl.«
Warum rief er deswegen an? Ein gewöhnliches Verbrechen und der Täter in Haft. »Gibt’s Probleme mit den Spuren?«
»Nein.«
»Würdest du mir dann freundlicherweise den Grund dieses Anrufs verraten?«
»Vor einer halben Stunde hat jemand sich mit dem leitenden Detective in Verbindung gesetzt.«
»Die Jagd auf Logan, Lon. Die Jagd auf Logan.« Rhyme musterte die weiße Wandtafel, auf der sie die Schritte zur Ergreifung des Killers in England notiert hatten. Der Plan war überaus kompliziert.
Und heikel.
Sellitto riss ihn aus seinen Gedanken. »Hör mal, es tut mir leid, Linc, aber ich muss dir mitteilen, dass es sich bei dem Täter um deinen Cousin handelt, Arthur Rhyme. Es geht um vorsätzlichen Mord. Ihm drohen fünfundzwanzig Jahre, und die Staatsanwaltschaft sagt, der Fall sei hieb- und stichfest.«
… Drei
»Es ist eine Weile her.«
Judy Rhyme saß mit aschfahlem Gesicht in dem Labor. Sie hatte die Finger verschränkt und vermied es angestrengt, irgendwo anders hinzusehen als in die Augen des Kriminalisten.
Es gab zwei Reaktionen auf seine körperliche Verfassung, die Rhyme in Rage brachten: wenn Besucher zwanghaft so taten, als würde seine Behinderung nicht existieren, und wenn sie seinen Zustand zum Anlass nahmen, sich wie seine besten Freunde aufzuführen, Witze zu reißen und großspurig daherzureden, als wären sie alte Kriegskameraden. Judy fiel in die erste Kategorie. Sie wog jedes Wort sorgfältig ab, bevor sie es Rhyme schüchtern präsentierte. Dennoch gehörte sie irgendwie zur Familie, und er blieb ruhig, wenngleich er sich zwingen musste, nicht immer wieder das Telefon anzustarren.
»Ja, ganz schön lange«, stimmte er ihr zu.
Thom kümmerte sich um die gesellschaftlichen Höflichkeitsgesten, die Rhyme grundsätzlich vergaß. Er hatte Judy einen Kaffee angeboten, der nun als unberührtes Requisit vor ihr auf dem Tisch stand. Rhyme hatte ein weiteres Mal sehnsüchtig zu der Flasche Whisky geschaut, und Thom hatte ihn bedenkenlos ignoriert.
Die attraktive dunkelhaarige Frau wirkte kräftiger und sportlicher als beim letzten Treffen - das ungefähr zwei Jahre vor Rhymes Unfall stattgefunden hatte. Judy riskierte einen Blick auf das Gesicht des Kriminalisten. »Es tut mir leid, dass wir nie hergekommen sind. Ehrlich. Ich hatte es fest vor.«
Sie spielte damit nicht auf einen normalen Besuch vor dem Zeitpunkt seiner Verletzung an, sondern auf eine Beileidsbekundung danach. Wer eine Katastrophe überlebt hat, hört nicht nur die Worte eines Gesprächs, sondern ebenso deutlich das, was nicht gesagt wird.
»Hast du die Blumen bekommen?«
Damals, nach dem Unfall hatte Rhyme die erste Zeit wie in Trance verbracht - die Medikamente, die schwere Verletzung und der psychische Kampf mit der unfassbaren Tatsache, dass er nie wieder würde gehen können. Er konnte sich an keine Blumen erinnern, zweifelte aber nicht daran, dass die Familie welche geschickt hatte. Viele Leute hatten das. Blumen sind einfach, Besuche sind schwierig. »Ja. Danke.«
Schweigen. Ein unwillkürlicher, blitzschneller Blick auf seine Beine. Die Leute glauben, wenn du nicht laufen kannst, stimmt etwas mit deinen Beinen nicht. Nein, denen geht’s bestens. Man kann ihnen bloß nicht mehr mitteilen, was sie tun sollen.
»Du siehst gut aus«, sagte sie.
Rhyme wusste nicht, ob das stimmte. Er hatte eigentlich noch nie darüber nachgedacht.
»Wie ich gehört habe, bist du geschieden.«
»Stimmt.«
»Das tut mir leid.«
Warum?, überlegte er. Aber das war ein zynischer Gedanke, und er quittierte ihr Mitgefühl mit einem Nicken.
»Was macht Blaine denn jetzt?«
»Sie hat wieder geheiratet und wohnt draußen auf Long Island. Wir haben kaum noch Kontakt. Das ist meistens so, wenn man keine Kinder hat.«
»Weißt du noch, als ihr damals übers Wochenende nach Boston gekommen seid? Das war schön.« Ein Lächeln, das kein Lächeln war. Aufgemalt, eine Maske.
»Ja, das war es.«
Ein Wochenende in Neuengland. Ein Einkaufsbummel, eine Fahrt zum südlich gelegenen Cape Cod, ein Picknick am Wasser. Rhyme wusste noch, wie sehr ihm der Ort gefallen hatte. Beim Anblick der grünen Felsen am Strand war ihm ein plötzlicher Einfall gekommen, und er hatte beschlossen, die Datenbank des Kriminallabors der New Yorker Polizei um eine Sammlung der einheimischen Algenarten zu erweitern. Später war er dann noch eine ganze Woche kreuz und quer durch das Stadtgebiet gefahren, um überall Proben zu nehmen.
Und auf der Fahrt zu Arthur und Judy hatten er und Blaine kein einziges Mal gestritten. Sogar die Rückfahrt, mit Übernachtung in Connecticut, war angenehm verlaufen. Er erinnerte sich daran, wie sie auf dem Balkon ihres Zimmers miteinander geschlafen hatten und der Duft des Geißblatts regelrecht überwältigend gewesen war.
Bei diesem Besuch hatte er seinen Cousin zum letzten Mal gesehen. Danach hatten sie nur noch einmal kurz am Telefon miteinander gesprochen. Dann kamen der Unfall und die lange Stille.
»Arthur hat viel Pech gehabt.« Sie lachte. Es klang verlegen. »Weißt du, dass wir nach New Jersey gezogen sind?«
»Ach ja?«
»Er war Dozent in Princeton. Aber man hat ihn entlassen.«
»Was ist passiert?«
»Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter und hatte anfangs ein Forschungsstipendium. Man beschloss, ihm keine volle Professorenstelle anzubieten. Art sagt, dahinter habe Interessenpolitik gesteckt. Du weißt ja, wie es in den Fachbereichen zugeht.«
Henry Rhyme, Arts Vater, hatte als namhafter Physikprofessor an der Universität von Chicago gelehrt; dieser Zweig der Familie Rhyme fühlte sich in der akademischen Welt zu Hause. Arthur und Lincoln hatten als Halbwüchsige oft darüber diskutiert, ob die Arbeit in Forschung und Lehre einer Anstellung in der freien Wirtschaft vorzuziehen sei. »An der Uni kann man einen bedeutenden Beitrag für die Gesellschaft leisten«, hatte Arthur gesagt, während die Jungen jeder ein eigentlich illegales Bier tranken, und danach keine Miene verzogen, als Lincoln pflichtgemäß hinzufügte: »Außerdem können die weiblichen wissenschaftlichen Hilfskräfte ziemlich heiß sein.«
Es überraschte Rhyme nicht, dass Art sich letztlich für die Universität entschieden hatte.
»Er hätte weiter Assistent bleiben können, aber das wollte er nicht. Er war sehr wütend. Und er ging davon aus, dass er sofort eine neue Stelle finden würde, aber das ist ihm nicht gelungen. Er war eine Weile arbeitslos und landete schließlich bei einer Firma. Einem Hersteller von medizinischen Geräten.« Wieder ein automatischer Blick - diesmal auf den hoch entwickelten Rollstuhl. Sie wurde rot, als hätte sie sich einen groben Fauxpas geleistet. »Es war nicht sein Traumjob, und er ist damit nicht allzu glücklich. Ich bin sicher, er wollte dich besuchen kommen, aber wahrscheinlich hat er sich dafür geschämt, dass es ihm nicht so gut ergangen ist. Ich meine, wo du doch eine solche Berühmtheit bist und so.«
Sie trank endlich einen Schluck Kaffee. »Ihr beide hattet so viel gemeinsam. Ihr wart wie Brüder. Ich weiß noch, wie ihr uns in Boston all die Geschichten erzählt habt. Wir waren die halbe Nacht auf und haben gelacht. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Und mein Schwiegervater Henry hat zeit seines Lebens ständig von dir geredet.«
»Wirklich? Wir haben uns oft geschrieben. Noch ein paar Tage vor seinem Tod habe ich einen Brief von ihm bekommen.«
Rhyme verband mit seinem Onkel Dutzende von unauslöschlichen Erinnerungen, aber ein Moment hatte sich ihm besonders nachhaltig eingeprägt: Der hochgewachsene Mann mit dem schütteren Haar und dem roten Gesicht lehnt sich zurück und bricht in schallendes Gelächter aus. Alle zwölf oder fünfzehn Familienmitglieder an der weihnachtlichen Festtafel sind peinlich berührt - alle außer Henry Rhyme selbst, seiner nachsichtigen Frau und dem jungen Lincoln, der ebenfalls lauthals lacht. Rhyme hatte seinen Onkel sehr gemocht und war oft bei Art und seinen Eltern zu Besuch gewesen. Die Familie hatte etwa fünfzig Kilometer entfernt gewohnt, am Ufer des Lake Michigan in Evanston, Illinois.
Im Augenblick war Rhyme allerdings nicht nach Nostalgie zumute. Erleichtert hörte er, wie die Haustür sich öffnete und jemand von der Schwelle auf den Teppich trat. Rhyme erkannte an dem festen Schritt, um wen es sich handelte. Gleich darauf betrat eine große, schlanke rothaarige Frau das Labor. Sie trug Jeans, ein schwarzes T-Shirt und darüber eine weinrote Bluse. Die Bluse war nicht zugeknöpft, und man konnte sehen, dass hoch an der Hüfte der Frau eine schwarze Automatikpistole der Marke Glock im Holster steckte.
Als Amelia Sachs lächelte und Rhyme auf den Mund küsste, registrierte der Kriminalist aus dem Augenwinkel Judys Reaktion. Ihre Körpersprache war unmissverständlich, und Rhyme fragte sich, weshalb sie wohl so bestürzt schien: weil sie nicht daran gedacht hatte, sich nach seinem Privatleben zu erkundigen, oder weil sie davon ausgegangen war, ein Krüppel könne keine Liebesbeziehung haben? - Zumindest nicht mit einer so umwerfend attraktiven Frau wie Sachs, die als Mannequin gearbeitet hatte, bevor sie auf die Polizeiakademie gegangen war.
Er stellte die beiden einander vor und erzählte dann von Arthur Rhymes Verhaftung. Sachs hörte besorgt zu und fragte Judy, wie sie mit der Situation fertig werde. Dann: »Haben Sie Kinder?«
Rhyme wurde klar, dass nicht nur Judy, sondern auch er selbst einen Schnitzer begangen hatte. Er hatte es versäumt, nach ihrem Sohn zu fragen, dessen Name ihm entfallen war. Und wie sich herausstellte, war die Familie noch gewachsen. Neben Arthur junior, der auf die Highschool ging, gab es zwei weitere Kinder. »Henry ist neun, und unsere Tochter Meadow ist sechs.«
»Meadow?«, fragte Sachs überrascht. Der Grund ihres Erstaunens war Rhyme im ersten Moment schleierhaft.
Judy lachte verlegen auf. »Und wir wohnen in Jersey. Aber der Name hat nichts mit den Sopranos zu tun. Als unsere Kleine geboren wurde, kannte ich die Serie noch gar nicht.«
Ach so.
»Du fragst dich bestimmt, weshalb ich diesen Polizisten angerufen und ihn um deine Nummer gebeten habe«, fuhr Judy fort. »Zunächst aber Folgendes: Art weiß nicht, dass ich hier bin.«
»Nein?«
»Um die Wahrheit zu sagen, ich wäre von selbst auch gar nicht darauf gekommen. Ich bin so durcheinander, kann nicht mehr schlafen und kaum einen klaren Gedanken fassen. Doch als ich vor ein paar Tagen im Untersuchungsgefängnis mit Art gesprochen habe, hat er gesagt: ›Ich weiß, was du denkst, aber lass Lincoln aus dem Spiel. Das hier ist bestimmt eine Verwechslung oder so. Es wird sich alles regeln. Versprich mir, dass du ihn nicht anrufst. ‹ Er wollte dich nicht damit belasten … Du weißt doch, wie Art ist. So liebenswürdig. An sich selbst denkt er stets zuletzt.«
Rhyme nickte.
»Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto sinnvoller schien es mir zu sein. Ich würde dich nicht darum bitten, deine Beziehungen spielen zu lassen oder irgendetwas Unrechtes zu tun, aber ich dachte, du könntest vielleicht einfach nur ein oder zwei Leute anrufen. Und mir sagen, was du von der Sache hältst.«
Rhyme konnte sich die Reaktion im Big Building lebhaft vorstellen. Er war forensischer Berater des New York Police Department, und es gehörte zu seinen Aufgaben, die Wahrheit zu ergründen, wie auch immer sie aussehen mochte. Dennoch hatte die polizeiliche Führungsetage es eindeutig lieber, wenn er Verdächtige überführte, anstatt sie zu entlasten.
»Ich hab mir ein paar der Ausschnitte über dich angesehen und …«
»Ausschnitte?«
»Art hat ein Sammelalbum angelegt und Zeitungsartikel über deine Fälle darin eingeklebt. Dutzende. Du hast einige beachtliche Erfolge erzielt.«
»Ach, ich bin bloß ein einfacher Staatsdiener«, sagte Rhyme.
Judy ließ zum ersten Mal eine unverfälschte Gefühlsregung erkennen: Lächelnd sah sie ihm in die Augen. »Art hat gesagt, er habe dir deine Bescheidenheit sowieso noch nie abgekauft.«
»Ist das so?«
»Aber nur, weil du selbst auch nie daran geglaubt hättest.«
Sachs kicherte.
Rhyme gab ein Lachen von sich, das möglichst aufrichtig klingen sollte. Dann wurde er ernst. »Ich weiß nicht, wie viel ich erreichen kann. Aber erzähl mir, was passiert ist.«
»Es war am Donnerstag vor einer Woche, am Zwölften. Art macht donnerstags immer früher Schluss und geht auf dem Heimweg im State Park ausgiebig joggen. Er läuft für sein Leben gern.«
Rhyme dachte an früher, an die unzähligen Male, die sein bis auf wenige Monate gleichaltriger Cousin und er durch die Straßen oder grüngelben Felder ihrer Heimat im Mittelwesten gerannt waren. Grashüpfer ergriffen die Flucht, und Stechmücken klebten an ihrer schweißnassen Haut, wenn sie anhielten, um wieder zu Atem zu kommen. Art schien immer in besserer Form zu sein, aber Lincoln war in die Leichtathletikmannschaft seiner Schule aufgenommen worden; sein Cousin hatte kein Interesse daran gehabt, es ebenfalls zu versuchen.
Der Kriminalist schob die Erinnerungen beiseite und konzentrierte sich auf Judys Bericht.
»Gegen fünfzehn Uhr dreißig ist Arthur von der Arbeit aufgebrochen und laufen gegangen. Um sieben oder halb acht kam er nach Hause. Er schien so wie immer zu sein und hat sich nicht ungewöhnlich verhalten. Nachdem er geduscht hatte, haben wir zu Abend gegessen. Am nächsten Tag stand die Polizei vor der Tür, zwei Beamte aus New York und ein Staatspolizist aus New Jersey. Sie haben ihm Fragen gestellt und sich das Auto angesehen. Dort haben sie Blut gefunden. Ich weiß nicht …« Ihre Stimme ließ immer noch erkennen, wie entsetzt sie an jenem schwierigen Morgen gewesen war. »Dann haben sie das Haus durchsucht und einige Sachen mitgenommen. Und dann sind sie zurückgekommen und haben ihn verhaftet. Wegen Mordes.« Das letzte Wort kam ihr nur schwer über die Lippen.
»Was genau wirft man ihm vor?«, fragte Sachs.
»Es heißt, er habe eine Frau umgebracht und aus ihrer Wohnung ein seltenes Gemälde gestohlen.« Sie lachte verbittert auf. »Ein Gemälde gestohlen. Wozu, um Himmels willen? Und Mord? Arthur hat in seinem ganzen Leben noch niemandem ein Haar gekrümmt. Er ist dazu gar nicht fähig.«
»Dieses Blut, das gefunden wurde … Hat man einen DNS-Vergleich durchgeführt?«
»Äh, ja, hat man. Und es schien übereinzustimmen. Aber solche Tests können falsche Ergebnisse haben, nicht wahr?«
»Hin und wieder«, sagte Rhyme und dachte: Sehr, sehr selten.
»Oder der echte Täter könnte die Blutspur dort gelegt haben.«
»Dieses Gemälde«, sagte Sachs. »Hat Arthur sich je dafür interessiert?«
Judy spielte mit den breiten schwarzen und weißen Kunststoffarmreifen an ihrem linken Handgelenk herum. »Ja, die Sache ist die: Er hat mal ein Bild von demselben Maler besessen. Es hat ihm gefallen. Aber nachdem er seinen Job verloren hatte, musste er es verkaufen.«
»Wo wurde das Gemälde gefunden?«
»Das wurde es nicht.«
»Aber woher will man dann wissen, dass es gestohlen wurde?«
»Irgendein Zeuge behauptet, er habe ungefähr zu der Zeit, als die Frau getötet wurde, einen Mann gesehen, der das Bild aus der Wohnung zum Auto getragen habe. Ach, es ist alles nur eine schreckliche Verwechslung. Zufälle … Das muss es sein; bloß eine verrückte Folge von Zufällen.« Ihre Stimme zitterte.
»Hat er die Frau gekannt?«
»Anfangs hat Art das verneint, aber dann, na ja, war ihm so, als könnten sie einander doch mal gesehen haben. In einer Kunstgalerie, die er gelegentlich besucht. Aber er sagt, er könne sich nicht entsinnen, je mit ihr gesprochen zu haben.« Ihr Blick wanderte nun über die Wandtafel, auf der skizziert war, wie Logan in England gefasst werden sollte.
Rhyme musste wieder daran denken, was er und Arthur zusammen erlebt hatten.
Wer als Erster bei dem Baum da ist...nein, du Weichling, bei dem Ahornbaum da hinten...und den Stamm berührt! Auf drei. Eins...zwei...los!
Du hast nicht drei gesagt!
»Da ist noch mehr, Judy, nicht wahr? Sagen Sie es uns.« Sachs hatte es der Frau wohl an den Augen angesehen, vermutete Rhyme.
»Ich bin nur völlig aus der Fassung. Auch wegen der Kinder. Das ist ein Albtraum für sie. Die Nachbarn behandeln uns, als wären wir Terroristen.«
»Verzeihen Sie, dass ich nachhaken muss, aber es ist wichtig, dass wir alle Fakten kennen. Bitte.«
Judy war wieder rot geworden und hielt nun beide Knie umklammert. Rhyme und Sachs waren mit einer Frau namens Kathryn Dance befreundet, die beim California Bureau of Investigation arbeitete und Expertin für Kinesik - Körpersprache - war. Rhyme hielt derartige Kenntnisse im Vergleich mit der forensischen Wissenschaft für zweitrangig, aber er respektierte Dance und hatte ein wenig über ihr Fachgebiet gelernt. Daher konnte er mühelos erkennen, dass Judy Rhyme unter gewaltigem Stress stand.
»Nur zu«, ermutigte Sachs sie.
»Ach, die Polizei hat noch andere Hinweise gefunden - also keine richtigen Spuren, keine Beweise. Aber... es sieht für die Beamten so aus, als hätten Art und die Frau womöglich was miteinander gehabt.«
»Und was meinen Sie dazu?«, fragte Sachs.
»Ich glaube nicht, dass das so war.«
Rhyme entging nicht, dass sie eine vorsichtigere Formulierung wählte und die Möglichkeit nicht so entschieden abstritt wie die Frage nach dem Raubmord. Sie wollte unbedingt ihrem Mann Glauben schenken, war aber anscheinend zu der gleichen Schlussfolgerung gelangt wie nun auch Rhyme: dass es für Arthurs Fall vorteilhafter wäre, wenn er und das Opfer eine Affäre gehabt hätten. Man raubte eher eine Unbekannte aus als die Geliebte, mit der man schlief. Als Ehefrau und Mutter sehnte Judy sich dennoch nur nach einer einzigen Antwort auf diese Frage.
Dann hob sie den Kopf. Es fiel ihr nicht mehr so schwer, Rhyme anzusehen, die Vorrichtung, in der er saß, oder die anderen Geräte, die sein Leben bestimmten. »Was auch immer sonst noch geschehen sein mag, er hat diese Frau nicht ermordet. Das hätte er niemals gekonnt. Ich weiß es einfach... Kannst du irgendetwas für ihn tun?«
Rhyme und Sachs sahen sich an. »Es tut mir leid, Judy«, sagte er, »aber wir stecken gerade mitten in einem wichtigen Fall und sind kurz davor, einen sehr gefährlichen Täter zu schnappen. Ich kann da jetzt nicht einfach aussteigen.«
»Das sollst du ja gar nicht. Aber gibt es denn gar nichts? Ich weiß nicht, was ich machen soll.« Ihre Unterlippe bebte.
»Wir hören uns mal um«, sagte er. »Ich kann dir keine Informationen verschaffen, die du nicht auch durch deinen Anwalt bekommen würdest, aber ich werde dir ehrlich sagen, wie ich die Erfolgsaussichten der Staatsanwaltschaft einschätze.«
»Oh, vielen Dank, Lincoln.«
»Wer ist sein Anwalt?«
Sie nannte ihnen den Namen und die Telefonnummer eines bekannten und entsprechend teuren Strafverteidigers. Der Mann hatte vermutlich einen vollen Terminkalender und mehr Erfahrung mit Finanzdelikten als mit Gewaltverbrechen.
Sachs erkundigte sich nach dem Namen des zuständigen Staatsanwalts.
»Bernhard Grossman. Seine Nummer kann ich Ihnen besorgen.«
»Nicht nötig, die habe ich«, sagte Sachs. »Ich habe schon mit ihm zusammengearbeitet. Er ist vernünftig. Gehe ich recht in der Annahme, dass er Ihrem Mann bereits eine Verfahrensabsprache angeboten hat?«
»Ja, hat er, und unser Anwalt wollte darauf eingehen. Doch Art hat sich geweigert. Er beteuert andauernd, dass es sich um einen Irrtum handelt und sich alles aufklären wird. Aber das passiert nicht immer, oder? Auch Unschuldige gehen manchmal ins Gefängnis, nicht wahr?«
Ja, allerdings, dachte Rhyme und sagte: »Wir werden ein paar Leute anrufen.«
Sie stand auf. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie leid es mir tut, dass wir den Kontakt haben einschlafen lassen. Das ist unverzeihlich.« Dann überraschte Judy Rhyme ihn, denn sie kam direkt auf den Rollstuhl zu, beugte sich vor und drückte ihre Wange gegen die des Kriminalisten. Rhyme roch den Schweiß der Nervosität und zwei unterschiedliche Düfte, vielleicht ein Deodorant und ein Haarspray. Kein Parfüm. Sie schien auch nicht der Typ dafür zu sein. »Danke, Lincoln.« Sie ging zur Tür und hielt inne. »Was auch immer ihr über diese Frau und Arthur herausfinden mögt, es ist in Ordnung«, sagte sie zu ihnen beiden. »Es geht mir nur darum, dass er nicht ins Gefängnis muss.«
»Ich tue, was ich kann. Wir melden uns bei dir, falls es etwas zu berichten gibt.«
Sachs begleitete sie hinaus.
»Lass uns mit den Anwälten anfangen«, sagte Rhyme, als sie zurückkam.
»Es tut mir leid, Rhyme.« Er sah sie fragend an, und sie fügte hinzu: »Ich meine, es muss auch für dich ziemlich schwierig sein.«
»Wie kommst du darauf?«
»Na ja, immerhin wurde ein naher Verwandter wegen Mordes verhaftet.«
Rhyme zuckte die Achseln, eine der wenigen Gesten, zu denen er fähig war. »Sogar Ted Bundy hatte Eltern. Eventuell auch einen Cousin.«
»Trotzdem.« Sachs nahm den Hörer ab, konnte den Verteidiger aber nicht erreichen, sondern nur seinen Auftragsdienst. Sie hinterließ eine Nachricht. Rhyme fragte sich, auf welchem Golfplatz der Mann wohl gerade auf welcher Bahn spielte.
Dann setzte Sachs sich mit dem stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt in Verbindung. Grossman genoss nicht etwa die sonntägliche Ruhe, sondern saß in seinem Büro. Er war gar nicht auf die Idee gekommen, der Verdächtige und der Kriminalist könnten verwandt sein. »Oh, das tut mir wirklich leid, Lincoln«, versicherte er aufrichtig. »Doch ich muss Ihnen sagen, der Fall sieht gut für uns aus. Ganz ehrlich, ich würde es Ihnen verraten, falls es noch offene Fragen gäbe. Aber es gibt keine. Die Geschworenen werden ihn schuldig sprechen. Falls Sie ihn überzeugen könnten, unser Angebot anzunehmen, würden Sie ihm einen großen Gefallen tun. Ich wäre unter Umständen bereit, auf insgesamt zwölf Jahre herunterzugehen.«
Zwölf Jahre, ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung. Das käme für Arthur einem Todesurteil gleich, dachte Rhyme.
»Wir wissen das zu schätzen«, sagte Sachs.
Der Staatsanwalt fügte hinzu, ihm stehe am nächsten Tag ein komplizierter Prozess bevor, also könne er nicht länger mit Rhyme oder Sachs sprechen. Aber er würde im Laufe der Woche zurückrufen, falls sie das wünschten.
Dann nannte er ihnen noch den Namen des leitenden Ermittlers im Fall Arthur Rhyme: Bobby LaGrange.
»Ich kenne ihn«, sagte Sachs und wählte seine Privatnummer. Bei ihm zu Hause meldete sich nur der Anrufbeantworter, aber als sie es auf dem Mobiltelefon versuchte, hatte sie sofort Erfolg.
»LaGrange.«
Die Windgeräusche und das Plätschern des Wassers im Hintergrund verrieten, was der Detective an diesem schönen warmen Tag unternahm.
Sachs nannte ihren Namen.
»Ach, na klar. Wie geht’s Ihnen, Amelia? Ich hatte mit dem Anruf eines Informanten gerechnet. Hier in Red Hook bahnt sich gerade eine große Sache an.«
Demnach war er doch nicht mit dem Boot zum Angeln rausgefahren.
»Ich muss unser Gespräch vielleicht abrupt beenden.«
»Geht in Ordnung. Ich habe Sie auf den Lautsprecher gelegt.«
»Detective, hier ist Lincoln Rhyme.«
Ein Zögern. »Oh. Ja.« Einem Anruf von Lincoln Rhyme widmeten die meisten Leute unverzüglich ihre volle Aufmerksamkeit.
Rhyme sprach ihn auf den Fall an und erklärte, der Verdächtige sei sein Cousin.
»Moment … ›Rhyme‹. Wissen Sie, der Name kam mir gleich irgendwie komisch vor. Ungewöhnlich, meine ich. Aber es hat nie bei mir geklingelt. Und er hat Sie auch nie erwähnt. Bei keinem einzigen der Verhöre. Ihr Cousin … Mann, das tut mir leid.«
»Detective, ich habe nicht vor, mich in den Fall einzumischen. Aber ich habe seiner Frau versprochen, dass ich anrufen und mich schlau machen würde. Es wurde bereits alles dem Staatsanwalt übergeben, ich weiß. Ich habe soeben mit ihm gesprochen.«
»Es war eine einwandfreie Festnahme, das muss ich schon sagen. Ich bin jetzt seit fünf Jahren beim Morddezernat, und abgesehen von einem Bandenmord, der direkt vor den Augen eines Streifenbeamten begangen wurde, war dies der eindeutigste Fall, der mir je untergekommen ist.«
»Was ist passiert? Arts Frau konnte mir keine Einzelheiten schildern.«
»Ihr Cousin hat sein Büro früh verlassen.« LaGranges Stimme nahm einen formellen, emotionslosen Tonfall an, wie es typisch für Cops war, wenn sie die Details einer Ermittlung aufzählten. »Er ist zu der Wohnung einer Frau namens Alice Sanderson gefahren, unten im Village. Auch sie hatte bei der Arbeit früher Schluss gemacht. Wir sind uns nicht sicher, wie lange er dort gewesen ist, aber irgendwann gegen achtzehn Uhr wurde die Frau erstochen und ein Gemälde aus der Wohnung gestohlen.«
»Teuer?«
»Ja, aber nicht wie van Gogh.«
»Wer war der Maler?«
»Ein Kerl namens Prescott. Ist vor nicht allzu langer Zeit gestorben.«
»Dann dürften seine Werke derzeit im Wert steigen.«
»Kann gut sein. Das fragliche Bild dürfte jedenfalls bei ungefähr hundertfünfzigtausend Dollar liegen. Ach, und wir haben ein paar Prospekte gefunden, Reklamezettel, Sie wissen schon, die Ihrem Cousin von einigen Galerien zugeschickt worden waren, und darin ging es um Prescott. Das sah nicht so gut aus.«
»Erzählen Sie mir noch mehr über den zwölften Mai«, bat Rhyme.
»Ein Zeuge hat um circa achtzehn Uhr Schreie gehört und einige Minuten später beobachtet, dass ein Mann ein Gemälde zu einem hellblauen Mercedes trug, der auf der Straße geparkt stand. Dann fuhr der Wagen schnell weg. Der Zeuge konnte nur die ersten drei Buchstaben des Nummernschilds erkennen und wusste auch nicht, aus welchem Staat die Zulassung stammte, aber wir haben uns die Stadt und das ganze Umland vorgenommen. Dann haben wir die Liste der Fahrzeuge eingegrenzt und die Eigentümer befragt. Einer davon war Ihr Cousin. Mein Partner und ich sind nach Jersey gefahren, um mit ihm zu reden. Ein Kollege von der Staatspolizei war auch dabei, wie es sich gehört. An der hinteren Tür und vor der Rückbank des Wagens haben wir etwas entdeckt, das wie Blut aussah. Unter dem Sitz lag ein blutiger Waschlappen. Er passte zu einem Set im Wäscheschrank des Opfers.«
»Und die DNS hat übereingestimmt?«
»Ja, es war das Blut der Frau.«
»Hat der Zeuge ihn bei einer Gegenüberstellung identifiziert?«
»Nein, der Anruf war anonym und kam von einem Münzfernsprecher. Der Zeuge wollte seinen Namen nicht nennen und nicht in die Sache verwickelt werden. Aber wir waren auch gar nicht auf seine Aussage angewiesen. Die Spurensicherung hatte ihren großen Tag. Vor der Tür des Opfers wurde ein Abdruck gefunden, der von genau dem Schuhmodell stammt, das Ihr Cousin getragen hat. Und es konnten ein paar gute Partikel gesichert werden.«
»Klassifizierbare Spuren?«
»Genau. Rasiercreme, Kartoffelchips und Rasendünger aus seiner Garage. Passten hundertprozentig zu den Spuren am Tatort.«
Nein, sie passten nicht hundertprozentig, dachte Rhyme. Spuren lassen sich in mehrere Kategorien einteilen. »Individuelle« Spuren wie DNS und Fingerabdrücke stammen von exakt einer einzigartigen Quelle. »Klassifizierbare« Spuren teilen gewisse Merkmale mit gleichartigem Material, stammen aber nicht zwangsläufig von derselben Quelle. Teppichfasern zum Beispiel. Der DNS-Test einer Blutspur an einem Tatort kann eine eindeutige Übereinstimmung mit dem Blut des Täters erbringen. Aber die an einem Tatort gefundene Teppichfaser kann allenfalls von gleicher Machart sein wie die Fasern aus dem Haus eines Verdächtigen. Die Geschworenen müssen dann eigenständig folgern, ob der Angeklagte sich am Tatort befunden hat.
»Was glauben Sie? Hat er die Frau gekannt oder nicht?«, fragte Sachs.
»Er hat behauptet, er kenne sie nicht, aber wir haben zwei Notizen in ihrer Handschrift sichergestellt, eine in ihrem Büro und eine bei ihr zu Hause. Eine besagte ›Art - Drinks‹, die andere bloß ›Arthur‹. Das war alles. Ach, und wir haben seinen Namen in ihrem Telefonverzeichnis gefunden.«
»Hat die Nummer gepasst?«, fragte Rhyme stirnrunzelnd.
»Nein. Sie gehört zu einem Prepaid-Mobiltelefon. Ohne Verbindungsnachweis.«
»Gehen Sie davon aus, dass die beiden mehr als nur Freunde gewesen sind?«
»Der Gedanke liegt nahe. Warum sonst hat er ihr nur die Nummer dieses Mobiltelefons genannt und nicht die Anschlüsse zu Hause oder im Büro?« Er lachte auf. »Offenbar hat es die Frau nicht gestört. Sie würden sich wundern, was die Leute alles hinnehmen, ohne Fragen zu stellen.«
Mich wundert gar nichts mehr, dachte Rhyme.
»Und das Telefon?«
»Ist weg. Wir haben’s nie gefunden.«
»Glauben Sie, er hat diese Alice Sanderson ermordet, weil sie ihn gedrängt hat, seine Frau zu verlassen?«
»So wird der Staatsanwalt wohl argumentieren. Irgendwas in der Richtung.«
Rhyme hielt sich vor Augen, was er über seinen Cousin wusste, den er seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, und verglich es mit den neuen Informationen. Es reichte nicht aus, um zu beurteilen, ob die Vorwürfe stimmen könnten oder nicht.
»Hatte sonst noch jemand ein Motiv?«, fragte Sachs.
»Nein. Laut ihren Angehörigen und Freunden ist Miss Sanderson gelegentlich mit jemandem ausgegangen, aber das war noch nichts Festes. Den Namen kannten sie nicht. Es gab auch keine hässlichen Trennungen von eifersüchtigen Exfreunden. Ich habe mich sogar gefragt, ob die Ehefrau - Judy - es getan haben könnte, aber sie hat für die Tatzeit ein Alibi.«
»Und Arthur hat keines?«
»Richtig. Er behauptet, er sei joggen gewesen, aber es hat ihn niemand gesehen. Im Clinton State Park. Das ist ein verdammt großes Gebiet und ziemlich einsam.«
»Mich würde interessieren, wie er sich während der Verhöre verhalten hat«, sagte Sachs.
LaGrange lachte. »Komisch, dass Sie das erwähnen - das war nämlich wirklich seltsam. Er war wie betäubt. Als würde bereits unser Anblick ihm die Sprache verschlagen. Ich habe schon eine Menge Leute verhaftet, manche davon echte Profis. Berufsverbrecher, meine ich. Aber er war bei Weitem der Beste im Unschuldheucheln. Ein erstklassiger Schauspieler. War er das früher auch schon, Detective Rhyme?«
Der Kriminalist antwortete nicht darauf. »Was ist aus dem Gemälde geworden?«
Eine Pause. »Das ist verschwunden, genau wie das Telefon. Es war weder in seinem Haus noch in seiner Garage, aber die Spurensicherung hat auf der Rückbank des Wagens und in der Garage Erde gefunden. Sie stimmt mit der Erde des State Parks in der Nähe seines Hauses überein, wo er jeden Abend joggen gegangen ist. Wir nehmen an, er hat das Bild irgendwo vergraben.«
»Ich habe eine Bitte, Detective«, sagte Rhyme.
Am anderen Ende gab es eine kurze Verzögerung. Eine Stimme sagte irgendetwas, und der Wind heulte erneut. »Schießen Sie los.«
»Kann ich die Akte sehen?«
»Die Akte?« Es war nicht wirklich eine Frage, lediglich ein Manöver, um etwas Zeit zum Nachdenken zu schinden. »Es ist ein einwandfreier Fall. Wir sind streng nach Vorschrift vorgegangen.«
»Daran haben wir auch nicht den geringsten Zweifel«, sagte Sachs. »Die Sache ist die … Soweit wir wissen, hat der Verdächtige eine Verfahrensabsprache abgelehnt.«
»Ach, und Sie wollen ihn nun vom Gegenteil überzeugen? Ja, alles klar. Das wäre das Beste für ihn. Tja, ich habe aber bloß Kopien. Die Originale und die sichergestellten Spuren sind bei der Staatsanwaltschaft. Aber die Berichte kann ich Ihnen besorgen. In ein oder zwei Tagen, okay?«
Rhyme schüttelte den Kopf.
»Wie wär’s, wenn Sie in der Registratur Bescheid geben würden?«, fragte Sachs. »Dann könnte ich hinfahren und mir die Akte selbst abholen.«
Man hörte abermals laut den Wind heulen. Dann brach das Geräusch plötzlich ab. LaGrange musste sich eine geschützte Stelle gesucht haben.
»Ja, meinetwegen. Ich rufe gleich dort an.«
»Danke.«
»Kein Problem. Viel Glück.«
Sie beendeten das Gespräch, und Rhyme lächelte kurz. »Das war eine gute Idee. Die Sache mit der Verfahrensabsprache.«
»Man muss eben wissen, mit wem man es zu tun hat«, sagte Sachs, schwang ihre Handtasche über die Schulter und machte sich auf den Weg.
… Vier
Sachs kehrte von ihrem Ausflug zur Police Plaza wesentlich schneller zurück, als es mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich gewesen wäre - oder falls sie an roten Ampeln gehalten hätte. Rhyme wusste, dass sie einfach das Signallicht auf dem Armaturenbrett ihres 1969er Camaro SS eingeschaltet hatte. Der Wagen war seit einigen Jahren feuerrot lackiert, damit er zu der Farbe passte, die Rhyme für seine Rollstühle bevorzugte. Wie ein Teenager suchte Sachs nach immer neuen Gelegenheiten, den leistungsstarken Motor aufheulen zu lassen und mit quietschenden Reifen davonzurasen.
»Ich habe alles kopiert«, sagte sie. Als sie den dicken Aktenordner auf einen der Tische legte, zuckte sie zusammen.
»Alles in Ordnung?«
Amelia Sachs litt schon seit frühester Jugend an Arthritis und schluckte Glukosamin, Chondroitin, Ibuprofen und Naproxen, als wären es Bonbons, aber sie ließ sich ihre Krankheit nur selten anmerken, weil sie fürchtete, ihre Vorgesetzten könnten Wind davon bekommen und ihr aus medizinischen Gründen einen Schreibtischjob zuweisen. Sogar wenn sie und Rhyme allein waren, spielte sie die Schmerzen herunter. Diesmal jedoch räumte sie ein: »Manchmal zwickt es ganz schön heftig.«
»Möchtest du dich setzen?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Okay. Was haben wir?«
»Den Bericht, das Verzeichnis der Beweismittel und Kopien der Fotos. Keine Videos. Die sind beim Staatsanwalt.«
»Lass uns alles an die Tafel schreiben. Ich möchte den primären Tatort und Arthurs Haus sehen.«
Sie ging zu einer der vielen weißen Tafeln und legte eine Tabelle an, während Rhyme ihr dabei zusah.
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1. Auflage
© 2008 by Jeffery Deaver
© der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
eISBN : 978-3-641-02524-3
 
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