Opferlämmer - Jeffery Deaver - E-Book
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Beschreibung

Vorsicht: Tödliche Hochspannung!New York wird von einer beispiellosen Anschlagserie in Atem gehalten, vor der sich niemand sicher fühlen kann. Denn der Attentäter tötet mit einer Waffe, die in unserer hochtechnisierten Welt so unsichtbar wie allgegenwärtig ist: Elektrizität.Angesichts immer neuer Opfer machen sich der gelähmte Ermittler Lincoln Rhyme und seine Assistentin Amelia Sachs auf die atemlose Jagd nach einem buchstäblich unfassbaren Täter, der keinerlei Spuren hinterlässt und kaum mehr als ein Phantom zu sein scheint. Doch Lincoln Rhyme weiß, dass ihr Gegner allzu real ist – ein zu allem bereiter Killer, dem nichts so viel Freude bereitet wie das grausame Spiel mit der Angst …Dieser neue Fall für Lincoln Rhyme und Amelia Sachs treibt das Ermittlerduo bis an seine Grenzen – und weit darüber hinaus.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:630


Inhaltsverzeichnis

WidmungInschriftSiebenunddreißig Stunden bis zum Earth Day - I
... Eins... Zwei… Drei… Vier
Copyright

Für meine Lektorin, die unvergleichliche Marysue Rucci

»Zum Teufel, es gibt keine Regeln. Wir versuchen hier etwas zu erreichen.«

THOMAS ALVA EDISON (über die Entwicklung des ersten elektrischen Leitungsnetzes)

Siebenunddreißig Stunden bis zum Earth Day

I

HOCHSPANNUNG

»Vom Hals abwärts ist ein Mann ein paar Dollar am Tag wert. Vom Hals aufwärts ist er so viel wert, wie sein Hirn hervorzubringen vermag.«

THOMAS ALVA EDISON

... Eins

Im Kontrollzentrum des ausgedehnten Gebäudekomplexes der Algonquin Consolidated Power and Light am East River in Queens, New York, saß der Leiter der Frühschicht mit einem Becher Kaffee vor seinem Monitor und betrachtete stirnrunzelnd zwei blinkende rote Worte.

KRITISCHE STÖRUNG

Darunter wurde der exakte Zeitpunkt der Fehlermeldung angezeigt: 11:20:20:003.

Der Mann ließ den Pappbecher sinken – blau und weiß, mit ungelenken Abbildungen antiker griechischer Athleten – und setzte sich in seinem knarrenden Drehstuhl auf.

Die Mitarbeiter der Leitstelle saßen jeweils an eigenen Computerplätzen. Der große Raum war hell erleuchtet und wurde von einem riesigen Flachbildschirm dominiert, auf dem der Stromfluss des als Northeastern Interconnection bekannten Verbunds dargestellt wurde. Er versorgte New York, Pennsylvania, New Jersey und Connecticut. Architektur und Dekor des Kontrollzentrums waren ziemlich modern – für 1960.

Der Leiter hob den Blick zu der Tafel, auf der sich die Stromzufuhr der diversen im Land verstreuten Kraftwerke ablesen ließ: Dampfturbinen, Kernreaktoren und der hydroelektrische Damm bei den Niagarafällen. An einer winzigen Stelle dieses Leitungsgewirrs lief irgendetwas schief. Ein roter Kreis blinkte.

»Was ist da los?«, fragte der grauhaarige Leiter mit dem straffen Bauch unter dem kurzärmeligen weißen Hemd. Er hatte dreißig Jahre Erfahrung in der Strombranche und war in erster Linie neugierig. Es wurden zwar immer wieder mal Störungen angezeigt, aber wirklich kritische Zwischenfälle waren sehr selten.

»Angeblich eine vollständige Trennung«, antwortete ein junger Techniker. »MH-Zwölf.«

Das Umspannwerk 12 der Algonquin Consolidated – »MH« stand für Manhattan – war dunkel, unbemannt und schmutzig. Es lag in Harlem und war eine große Schaltanlage, die die eintreffenden 138 Kilovolt mit Hilfe von Transformatoren auf ein Zehntel reduzierte, aufteilte und weiterschickte.

Auf dem großen Bildschirm kam unter der nüchternen Störungsmeldung und der Zeitangabe eine weitere rot leuchtende Zeile hinzu.

MH-12 OFFLINE

Der Leiter tippte etwas in seinen Computer ein und musste an die Zeiten denken, als seine Arbeit noch mit Funkgeräten, Telefonen und ummantelten Schaltern erledigt wurde, umgeben von dem Geruch nach Öl, Messing und heißem Bakelit. Er las die komplizierten Textmeldungen, die über den Monitor scrollten. »Die Trenner wurden ausgelöst?«, sagte er leise wie zu sich selbst. »Warum? Die Last ist normal.«

Eine neue Meldung erschien.

MH-12 OFFLINE. UL AN BETROFFENES VERSORGUNGSGEBIET VON MH-17, MH-10, MH-13, NJ-18

»Die automatische Umleitung greift«, rief jemand unnötigerweise.

In den Vororten und auf dem Land ist das Elektrizitätsnetz offen sichtbar – von den hohen blanken Überlandleitungen zu den kleineren Strommasten und den Versorgungsleitungen, die zu den einzelnen Häusern verlaufen. Wenn eine Leitung ausfällt, lässt das Problem sich ohne große Schwierigkeiten finden und beheben. In vielen größeren Städten hingegen, so auch in New York, fließt der Strom unterirdisch durch isolierte Kabel. Da die Isolierung im Laufe der Zeit porös wird, kommt es zu Grundwasserschäden, die Kurzschlüsse und Stromausfälle bewirken. Aus diesem Grund sichern die Versorgungsunternehmen das Netz doppelt oder sogar dreifach ab. Als das Umspannwerk MH-12 ausfiel, deckte der Computer den Strombedarf automatisch durch die Kapazitätsumleitung von anderen Orten.

»Keine Aussetzer, kein Spannungsabfall«, rief ein anderer Techniker.

Der Strom im Netz lässt sich mit Wasser vergleichen, das über ein großes Rohr in ein Haus gelangt und dort aus zahlreichen offenen Hähnen fließt. Wird einer von ihnen geschlossen, nimmt der Druck auf allen anderen zu. Mit der Elektrizität verhält es sich genauso, nur dass sie wesentlich schneller als Wasser fließt – mit knapp 1,1 Milliarden Kilometern pro Stunde. Und da New York City sehr viel Strom benötigte, liefen die nun zusätzlich belasteten Umspannwerke mit hoher Spannung – dem elektrischen Äquivalent zum Wasserdruck.

Aber das System war darauf ausgelegt, und die Spannungsanzeigen befanden sich immer noch im grünen Bereich.

Was dem Leiter jedoch zu denken gab, war die Tatsache, dass MH-12 überhaupt vom Netz getrennt worden war. Die Trenner eines Umspannwerks werden meistens aus einem von zwei Gründen ausgelöst: entweder durch einen Kurzschluss oder durch eine Überlastung zu Spitzenzeiten – am frühen Morgen, während der Hauptverkehrszeiten und am frühen Abend oder bei hohen Temperaturen, wenn die durstigen Klimaanlagen ihren Saft verlangen.

Um 11:20:20:003 Uhr an einem milden Apriltag traf nichts von alldem zu.

»Schickt einen Störungssucher zu MH-Zwölf rüber. Vielleicht ein Kabelbruch. Oder ein Kurzer im …«

In diesem Moment blinkte ein zweites rotes Licht auf.

KRITISCHE STÖRUNG NJ-18 OFFLINE

Ein weiteres Umspannwerk, gelegen in der Nähe von Paramus, New Jersey, war vom Netz gegangen. Es gehörte zu denen, die für Manhattan-12 eingesprungen waren.

Der Leiter gab einen Laut von sich, der halb Lachen, halb Husten war. Die Verblüffung war ihm deutlich anzusehen. »Was, zum Teufel, geht hier vor? Die Last liegt innerhalb der Toleranzen. «

»Sensoren und Anzeiger alle in Ordnung«, rief einer der Techniker.

»Ein SCADA-Problem?«, fragte der Leiter. Algonquins Strom-Imperium wurde von einem ausgefeilten Überwachungs-und Datenerfassungsprogramm gesteuert, das auf riesigen UNIX-Computern lief. Das Akronym ergab sich aus der englischen Bezeichnung: Supervisory Control and Data Acquisition. Der legendäre Nordost-Blackout von 2003, der größte Stromausfall in der Geschichte Nordamerikas, war zum Teil durch eine Reihe von Softwarefehlern verursacht worden. Die Systeme von heute würden eine solche Katastrophe nicht mehr zulassen, aber das hieß natürlich nicht, dass nicht irgendeine andere Computerpanne auftreten konnte.

»Ich weiß es nicht«, sagte einer seiner Mitarbeiter langsam. »Aber ich schätze, das muss es wohl sein. Laut Diagnoseanzeige gibt es keine direkten Beschädigungen der Leitungen oder der Umspanntechnik.«

Der Leiter starrte den Bildschirm an und wartete auf den nächsten logischen Schritt: die Mitteilung, welches neue Umspannwerk – oder welche neuen Umspannwerke – einspringen würde(n), um die durch den Verlust von NJ-18 aufgetretene Versorgungslücke auszugleichen.

Doch es kam keine solche Mitteilung.

Die drei Umspannwerke in Manhattan – 17, 10 und 13 – machten allein weiter und versorgten zwei Gebiete der Stadt mit Strom, die ansonsten ausgefallen wären. Das SCADA-Programm tat nicht, was es hätte tun müssen: andere Umspannwerke zur Unterstützung hinzuschalten. Die Elektrizitätsmenge, die von jenen drei Stationen nun bewältigt werden musste, stieg dramatisch an.

Der Leiter rieb sich den Bart und wartete noch einen Moment darauf, dass eine andere Schaltanlage automatisch einspringen würde. Vergeblich. »Zweigen Sie manuell Leistung von Q-Vierzehn in den östlichen Versorgungsbereich von MH-Zwölf ab«, wies er dann seinen erfahrensten Mitarbeiter an.

»Jawohl, Sir.«

Nach ein paar Sekunden rief der Leiter: »Nein, sofort.«

»Hm. Ich versuch’s ja.«

»Sie versuchen es? Was soll das heißen, versuchen?« Die Aufgabe erforderte lediglich ein paar simple Tastendrücke.

»Das System reagiert nicht.«

»Unmöglich!« Der Leiter stieg die wenigen Stufen zum Computer des Technikers hinunter und tippte die Befehle ein, die er in- und auswendig kannte.

Nichts.

Die Spannungsanzeigen waren am Ende des grünen Bereichs. Es drohte Gelb.

»Das ist nicht gut«, murmelte jemand. »Wir haben ein Problem. «

Der Leiter lief zurück zu seinem Platz und ließ sich auf den Stuhl fallen. Dabei wischte er versehentlich seinen Müsliriegel und den Pappbecher mit den griechischen Sportlern vom Tisch.

Dann fiel der nächste Dominostein. Ein dritter roter Punkt fing an zu blinken, als wäre er das Zentrum einer Zielscheibe. Der SCADA-Computer meldete leidenschaftslos:

KRITISCHE STÖRUNG MH-17 OFFLINE

»Nein, nicht noch eins!«, flüsterte jemand.

Und wie zuvor sprang auch diesmal kein anderes Umspannwerk ein, um dabei zu helfen, die unersättliche Stromgier der New Yorker zu befriedigen. Zwei Schaltanlagen erledigten die Arbeit von fünf. Die Temperatur der dort ankommenden und abgehenden Leitungen stieg, und die Spannungsanzeigen auf dem großen Monitor standen inzwischen weit im gelben Bereich.

MH-12 OFFLINE. NJ-18 OFFLINE. MH-17 OFFLINE. UL AN BETROFFENE VERSORGUNGSGEBIETE VON MH-10, MH-13

»Besorgt mir mehr Saft für die Gebiete«, befahl der Leiter. »Egal wie. Egal woher.«

»Ich hab hier vierzig kV«, rief eine Frau von einem der Kontrollplätze. »Ich leite sie über Feeder aus der Bronx hinunter.«

Vierzig Kilovolt waren nicht viel, und es würde schwierig sein, sie über Speiseleitungen heranzuführen, die nur für etwa ein Drittel dieser Spannung ausgelegt waren.

Jemand anders schaffte es, Leistung aus Connecticut abzuzweigen.

Die Balken der Spannungsanzeige stiegen trotzdem weiter an, aber nun deutlich langsamer.

Vielleicht bekamen sie die Situation endlich unter Kontrolle. »Mehr!«

»Halt!«, meldete sich die Frau, die Strom aus der Bronx umleitete, mit erstickter Stimme. »Die Spannung ist auf zwanzigtausend gesunken. Ich weiß nicht, wieso.«

Dies geschah überall in der Region. Sobald ein Techniker in der Lage war, etwas Energie zuzuführen und den Druck zu verringern, versiegte die Zufuhr von anderer Stelle.

Und das alles mit atemberaubender Geschwindigkeit.

1,1 Milliarden Kilometer pro Stunde …

Und dann leuchtete der nächste rote Kreis auf, die nächste Schusswunde.

KRITISCHE STÖRUNG MH-13 OFFLINE

Ein Flüstern: »Das kann doch nicht wahr sein.«

MH-12 OFFLINE. NJ-18 OFFLINE. MH-17 OFFLINE. MH-13 OFFLINE. UL AN BETROFFENE VERSORGUNGSGEBIETE VON MH-10

Das war ungefähr so, als wollte man ein gewaltiges Wasserreservoir durch einen einzelnen kleinen Hahn ablassen, wie die Dinger in den Kühlschranktüren, an denen man sein Trinkglas füllt. Die Spannung, die nun durch MH-10 schoss, das in einem alten Gebäude an der Siebenundfünfzigsten Straße West im Clinton-Viertel von Manhattan untergebracht war, betrug das Vier- bis Fünffache der normalen Last und nahm noch zu. Um eine Explosion und ein Feuer zu vermeiden, mussten jeden Moment die Trenner auslösen und würden einen beachtlichen Teil von Midtown in die Kolonialzeit zurückversetzen.

»Der Norden scheint besser zu funktionieren. Versucht es dort, holt uns Saft aus dem Norden. Nehmt Massachusetts.«

»Ich hab was: fünfzig, sechzig kV. Aus Putnam.«

»Gut.«

Und dann rief jemand: »O mein Gott!«

Der Leiter wusste nicht, wer es war; alle starrten wie versteinert auf ihre Bildschirme. »Was ist?«, brüllte er. »Was soll ich mit so einem Zwischenruf anfangen? Los, redet gefälligst Klartext! «

»Die Einstellungen der Trenner in Manhattan-Zehn! Sehen Sie doch nur! Die Trenner!«

O nein. Nein …

Die Trenner in MH-10 waren manipuliert worden. Sie würden nun das Zehnfache der sicheren Arbeitsbelastung akzeptieren.

Falls es dem Team im Kontrollzentrum der Algonquin nicht bald gelang, die Spannung zu reduzieren, die auf das Umspannwerk einstürmte, würden die Leitungen und Schaltanlagen im Innern fatal überlastet werden. Die Station würde explodieren. Doch bevor das geschah, würde der Strom durch die Speiseleitungen in die unterirdischen Transformatoren rasen und von dort aus weiter durch die Blocks südlich des Lincoln Center und in die Schaltanlagen der Bürogebäude und großen Wolkenkratzer. Einige der dortigen Schutzschalter würden die Zufuhr rechtzeitig unterbrechen, aber manch ältere Transformatoren und Schaltschränke würden einfach zu einem Klumpen leitfähigen Metalls zerschmelzen und den Strom durchlassen, sodass er Kabelbrände auslösen und in tödlichen Entladungen aus elektrischen Geräten oder Steckdosen hervorschießen konnte.

Terroristen, dachte der Leiter da zum ersten Mal. Dies ist ein Terroranschlag. »Verständigt die Homeland Security und das NYPD«, rief er. »Und stellt sie zurück, verflucht noch mal. Stellt die Trenner zurück.«

»Sie reagieren nicht. Ich kann nicht auf MH-Zehn zugreifen. «

»Verdammte Scheiße, wie ist das möglich?«

»Keine Ah…«

»Ist jemand in MH-Zehn? Herrje, falls ja, holt ihn sofort da raus!« Umspannwerke waren unbemannt, aber es wurden dort gelegentlich Wartungsarbeiten oder Reparaturen durchgeführt.

»Ja, alles klar.«

Die Spannungsanzeige stand nun im roten Bereich.

»Sir, sollten wir nicht lieber eine Notabschaltung vornehmen? «

Der Leiter dachte mit knirschenden Zähnen darüber nach. Eine manuelle, kontrollierte Abschaltung von Teilen des Netzes, um einen größeren Zusammenbruch zu verhindern, war eine ziemlich extreme Maßnahme. Sie kam nur als letzter Ausweg in Betracht, denn sie würde in dem dicht bevölkerten Teil von Manhattan, der hier gefährdet war, zu verheerenden Konsequenzen führen. Schon allein die Schäden an Computern würden Dutzende Millionen Dollar betragen, und es könnten Menschen dabei verletzt werden oder gar ihr Leben verlieren. Notrufe würden nicht durchgestellt werden. Krankenwagen und Einsatzfahrzeuge der Polizei würden im Verkehr feststecken, denn auch die Ampeln würden ausfallen. Aufzüge würden stehen bleiben. Es würde Panik ausbrechen. Ein Stromausfall hätte unweigerlich eine Zunahme von Überfällen, Plünderungen und Vergewaltigungen bedeutet, auch am helllichten Tag.

Mit Strom bleiben die Leute anständig.

»Sir?«, fragte der Techniker verzweifelt.

Der Leiter starrte auf die steigende Spannungsanzeige. Er nahm sein Telefon und rief seinen Vorgesetzten an, einen stellvertretenden Direktor des Unternehmens. »Herb, es gibt ein Problem. « Er schilderte die Situation.

»Wie konnte das passieren?«

»Wir wissen es nicht. Ich vermute Terroristen.«

»Mein Gott. Haben Sie die Homeland Security benachrichtigt? «

»Ja, gerade eben. Im Wesentlichen versuchen wir, mehr Kapazität in die betroffenen Gebiete zu leiten. Aber wir haben nicht viel Glück.«

Er sah die Anzeigebalken immer weiter in den roten Bereich steigen.

»Okay«, sagte der stellvertretende Direktor. »Vorschläge?«

»Uns bleibt kaum eine Wahl. Notabschaltung.«

»Ein beträchtlicher Teil der Stadt wird mindestens einen Tag ohne Strom sein.«

»Aber ich sehe keine anderen Optionen. Mit einer derart hohen Spannungslast fliegt uns die Station um die Ohren, wenn wir nichts unternehmen.«

Sein Boss überlegte kurz. »Durch Manhattan-Zehn läuft noch ein zweites Kabel, nicht wahr?«

Der Leiter schaute auf die Tafel. Eine Hochspannungsleitung führte durch das Umspannwerk und bog dann nach Westen ab, um Teile von New Jersey zu versorgen. »Ja, aber es ist nicht online. Es ist einfach nur in einem der Kabelkanäle dort verlegt.«

»Könnte man es nicht anzapfen und zur Speisung der umgeleiteten Schaltungen benutzen?«

»Von Hand? … Das müsste gehen, aber … aber das würde bedeuten, Leute ins Gebäude von MH-Zehn zu schicken. Und falls wir die Spannung während der Arbeiten nicht lange genug reduzieren können, springt sie über und wird alle töten. Oder ihnen am ganzen Leib Verbrennungen dritten Grades bescheren. «

Eine Pause. »Moment. Ich rufe Jessen an.«

Die Generaldirektorin der Algonquin Consolidated. Bei ihren Angestellten auch als »die Allmächtige« bekannt.

Während er wartete, musterte der Leiter die Techniker um sich herum. Und er starrte auf die Tafel. Auf die leuchtenden roten Punkte.

Kritische Störung …

Dann kam der Vorgesetzte wieder an den Apparat. Seine Stimme drohte zu versagen. Er räusperte sich. »Sie sollen Leute reinschicken«, sagte er nach einem Moment. »Und manuell die Leitung anzapfen.«

»Das hat Jessen gesagt?«

Wieder eine Pause. »Ja.«

»Ich kann das niemandem befehlen«, flüsterte der Leiter. »Das ist Selbstmord.«

»Dann treiben Sie irgendwie Freiwillige auf. Jessen hat angeordnet, dass Sie unter keinen, ich wiederhole, keinen Umständen eine Notabschaltung vornehmen dürfen.«

... Zwei

Der Busfahrer lenkte den M70 vorsichtig durch den Verkehr auf die Haltestelle an der Siebenundfünfzigsten Straße zu, kurz vor der Kreuzung, an der die Zehnte Avenue zur Amsterdam Avenue wurde. Er hatte ziemlich gute Laune. Der neue Bus war ein Niederflurmodell, das sich absenkte, um den Ein- und Ausstieg zu erleichtern. Es hatte außerdem eine Rollstuhlrampe, ließ sich großartig steuern und, was am wichtigsten war, besaß einen hinternfreundlichen Fahrersitz.

Den konnte er weiß Gott gut gebrauchen, denn er saß jeden Tag acht Stunden darauf.

U-Bahnen interessierten ihn nicht, auch nicht die Long Island Railroad oder die Metro North. Nein, er stand auf Busse, trotz des irrwitzigen Verkehrsaufkommens, der Feindseligkeiten, Rechthabereien und Wutausbrüche. Ihm gefiel der demokratische Aspekt dabei: Leute aus allen Gesellschaftsschichten fuhren mit dem Bus. Man sah hier jeden, von Anwälten über aufstrebende Musiker bis zu Botenjungen. Taxis waren teuer und stanken; U-Bahnen hielten meistens nicht dort, wohin man wollte. Und zu Fuß gehen? Tja, das hier war Manhattan. Schön, wenn man die Zeit dafür hatte, aber wer hatte das schon? Überdies mochte er Menschen und freute sich, dass er nicken, lächeln oder Hallo sagen konnte, wann immer jemand in den Bus einstieg. Die New Yorker waren längst nicht so unfreundlich, wie oft behauptet wurde. Nur manchmal schüchtern, unsicher, zurückhaltend, gedankenverloren.

Häufig reichte ein Lächeln, ein Nicken, ein einziges Wort … und du hattest einen neuen Freund.

Was der Fahrer nur zu gern war.

Wenn auch lediglich für sechs oder sieben Blocks.

Die persönliche Begrüßung gab ihm zudem die Gelegenheit, die Verrückten zu erkennen, die Betrunkenen, die Dummköpfe und Blinzler, und zu entscheiden, ob er den Notfallknopf drücken musste.

Dies war immerhin Manhattan.

Der heutige Tag war wunderschön, klar und kühl. April. Einer seiner Lieblingsmonate. Es war ungefähr elf Uhr dreißig, und der Bus war voll. Die Leute fuhren nach Osten, weil sie zum Essen verabredet waren oder in ihrer Mittagspause etwas erledigen wollten. Der Verkehr floss gemächlich, und der riesige M70 hatte die Haltestelle fast erreicht. Vier oder fünf Leute standen dort und warteten.

Der Blick des Fahrers streifte das alte braune Gebäude hinter der Haltestelle. Es musste Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet worden sein. Die Fenster waren vergittert, und drinnen war es immer dunkel. Er hatte noch nie jemanden hinein- oder hinausgehen gesehen. Ein unheimlicher Bau wie ein Gefängnis. An der Wand hing ein Schild mit abblätternder weißer Schrift auf einem blauen Hintergrund.

ALGONQUIN CONSOLIDATED POWER AND LIGHT COMPANY UMSPANNWERK MH-10 PRIVATGELÄNDE ACHTUNG! HOCHSPANNUNG! BETRETEN VERBOTEN!

Normalerweise achtete der Fahrer kaum auf das Haus, aber heute kam es ihm so vor, als wäre etwas anders als sonst. Etwa dreieinhalb Meter über dem Boden hing ein Kabel aus einem der Fenster. Es war mehr als einen Zentimeter dick und in eine dunkle Ummantelung gehüllt. Nur am Ende war das Plastik oder Gummi entfernt worden, sodass man die silbrigen Metallstränge sehen konnte, die an einer Art Beschlag befestigt waren, einem flachen Stück Messing. Was für ein mächtig fettes Teil, dachte der Fahrer.

Und es hing einfach so aus dem Fenster. War das nicht gefährlich?

Er hielt den Bus an und betätigte den Türöffner. Das große Fahrzeug senkte sich zum Bürgersteig ab. Die unterste Metallstufe befand sich nun unmittelbar über dem Gehweg.

Der Fahrer wandte sein breites, rötliches Gesicht der Tür zu, die sich mit einem satten Zischen der Hydraulik öffnete. Die Fahrgäste stiegen ein. »Guten Tag«, begrüßte der Fahrer sie freundlich.

Eine Frau von mehr als achtzig Jahren, die eine alte, schäbige Einkaufstasche umklammert hielt, nickte ihm zu und humpelte mit ihrem Gehstock nach hinten durch, obwohl die freien Sitze im vorderen Bereich für Senioren und Behinderte reserviert waren.

Musste man die New Yorker nicht einfach lieben?

Plötzlich bewegte sich etwas im Rückspiegel. Blinkende gelbe Signalleuchten, die schnell näher kamen. Ein Transporter hielt hinter dem Bus. Algonquin Consolidated. Drei Arbeiter stiegen aus, blieben dicht nebeneinander stehen und besprachen etwas. Sie hatten Werkzeugkästen mitgebracht und trugen dicke Handschuhe und Jacken. Und sie sahen nicht glücklich aus, als sie nun langsam auf das Gebäude zugingen und dabei immer noch miteinander redeten. Einer schüttelte unheilvoll den Kopf.

Dann schaute der Fahrer zu dem letzten Passagier, der soeben zusteigen wollte, einem jungen Latino, der seine MetroCard in der Hand hatte und vor dem Bus innehielt. Auch er musterte das Umspannwerk. Runzelte die Stirn. Dem Fahrer fiel auf, dass er den Kopf reckte, als würde er irgendetwas riechen.

Ein beißender Geruch. Nach Verbranntem. Der Fahrer musste unwillkürlich daran denken, wie bei ihm zu Hause mal der Elektromotor der Waschmaschine einen Kurzschluss erlitten hatte und die Isolierung verschmort war. Ein widerlicher Gestank. Aus der Tür des Umspannwerks wehte ein Rauchfetzen.

Deshalb also waren die Leute der Algonquin hier.

Was für ein Mist. Der Fahrer fragte sich, ob hier ein Stromausfall drohte, der auch die Ampeln betreffen würde. Damit wäre der Tag für ihn gelaufen. Die Fahrt quer durch die Stadt würde nicht zwanzig Minuten, sondern Stunden dauern. Na ja, wie dem auch sei, er sollte mal lieber für die Feuerwehr Platz machen. Er winkte den Fahrgast hinein. »He, Mister, ich muss los. Kommen Sie, steigen Sie ein.«

Als der Passagier, der noch immer wegen des Gestanks die Stirn runzelte, sich abwandte und in den Bus stieg, hörte der Fahrer aus dem Innern des Umspannwerks mehrmals etwas knallen. Es war laut, fast wie Schüsse. Dann erfüllte ein Lichtblitz, hell wie ein Dutzend Sonnen, den gesamten Bürgersteig zwischen dem Bus und dem Kabel, das aus dem Fenster hing.

Der Fahrgast verschwand einfach in einer Wolke aus weißem Feuer.

Der geblendete Fahrer hatte nur noch ein paar graue Nachbilder vor Augen. Der ohrenbetäubende Lärm war wie eine Mischung aus gewaltigem Knistern und der Entladung einer Schrotflinte. Obwohl der Mann den Sicherheitsgurt angelegt hatte, wurde sein Oberkörper nach hinten gegen das Seitenfenster gerissen.

Im Hintergrund hallten die Schreie der Passagiere.

Flammen loderten empor.

Mit schwindendem Bewusstsein fragte der Fahrer sich, ob womöglich er selbst brannte.

… Drei

»Es tut mir leid. Er ist aus dem Flughafen entwischt. Vor einer Stunde wurde er in der Innenstadt von Mexico City gesichtet.«

»Nein«, sagte Lincoln Rhyme seufzend und schloss kurz die Augen. »Nein …«

Amelia Sachs, die neben Rhymes leuchtend rotem Rollstuhl Modell Invacare TDX saß, beugte sich zu dem schwarzen Telefon mit der Freisprechanlage vor. »Was ist passiert?« Sie nahm ihr langes rotes Haar und fasste es im Nacken zu einem schmucklosen Pferdeschwanz zusammen.

»Bis wir die Flugdaten aus London erhalten hatten, war die Maschine schon gelandet.« Die Stimme der Frau erklang klar und deutlich aus dem Lautsprecher. »Wie es aussieht, hat er sich erst in einem Lieferwagen versteckt und ist dann durch einen Personaleingang hinausgeschlichen. Ich zeige Ihnen das Überwachungsband, das die mexikanische Polizei uns geliefert hat. Ich habe einen Link. Moment.« Ihre Stimme wurde leiser. Sie sprach offenbar mit einem Mitarbeiter und erteilte ihm Anweisungen bezüglich des Videos.

Es war kurz nach Mittag, und Rhyme und Sachs befanden sich in dem forensischen Labor und einstigen Salon im Erdgeschoss seines Stadthauses am Central Park West. Rhyme stellte sich bisweilen vor, wer dieses viktorianische Gebäude im gotischen Stil wohl früher bewohnt haben mochte. Harte Geschäftsleute, halbseidene Politiker, gewiefte Gauner. Vielleicht ein unbestechlicher Polizeichef, der gern mal die Fäuste sprechen ließ. Rhyme hatte ein Buch über Verbrechen im alten New York geschrieben und im Zuge seiner Nachforschungen versucht, mehr über die Geschichte seines Hauses herauszufinden. Leider war es ihm nicht gelungen.

Die Frau, mit der sie gerade sprachen, hielt sich gewiss in einem moderneren Gebäude auf, vermutete Rhyme, nämlich in einer Dienststelle des California Bureau of Investigation, gelegen im mehr als viertausend Kilometer entfernten Monterey. CBI-Agentin Kathryn Dance hatte vor einigen Jahren mit Rhyme und Sachs an einem Fall gearbeitet, bei dem es um genau den Mann gegangen war, den sie auch jetzt im Visier hatten. Soweit sie wussten, lautete sein richtiger Name Richard Logan. Doch wenn Lincoln Rhyme an ihn dachte, dann meist unter seinem Spitznamen: der Uhrmacher.

Der Mann war ein Berufsverbrecher, der seine Taten mit der gleichen Präzision plante, mit der er sich auch seinem leidenschaftlich betriebenen Hobby widmete: der Konstruktion von Uhren. Rhyme und der Killer waren bereits mehr als einmal aufeinandergetroffen; einen von Logans Plänen hatte Rhyme durchkreuzen können, einen anderen nicht. Dennoch betrachtete er die Angelegenheit insgesamt als eine Niederlage, denn der Uhrmacher saß nicht in Haft.

Rhyme lehnte sich gegen die Kopfstütze seines Rollstuhls und dachte an Logan. Er hatte dem Mann gegenübergesessen. Schlank, mit dunklem jungenhaftem Haarschopf und leicht belustigtem Blick, weil die Polizei ihn verhörte. Nichts an ihm hatte auf den geplanten Massenmord hingedeutet, und seine Gelassenheit schien angeboren zu sein. Nach Rhymes Ansicht war das die womöglich verstörendste Eigenschaft dieses Mannes. Emotionen führten zu Fehlern und Unachtsamkeiten, aber Richard Logan war die Selbstbeherrschung in Person.

Er konnte für Diebstähle, illegalen Waffenhandel oder jede beliebige andere Tätigkeit angeworben werden, die sorgfältige Planung und rücksichtslose Durchführung erforderte, aber meistens wurde von ihm verlangt, einen Zeugen, Informanten, Politiker oder Geschäftsmann auszuschalten. Jüngsten Erkenntnissen zufolge hatte er einen Mordauftrag angenommen, der irgendwo in Mexiko durchgeführt werden sollte. Rhyme hatte Dance verständigt, die über zahlreiche Kontakte südlich der Grenze verfügte – und die bei dem früheren Fall beinahe von einem Gehilfen des Uhrmachers umgebracht worden war. Aufgrund ihrer guten Verbindungen fungierte Dance nun als Repräsentantin der amerikanischen Seite. Ziel war Logans Festnahme und Auslieferung. Sie arbeitete mit einem leitenden Ermittler der mexikanischen Bundespolizei zusammen, einem jungen fleißigen Beamten namens Arturo Diaz.

Heute Morgen hatten sie erfahren, dass Logan in Mexico City landen würde. Dance hatte Diaz angerufen. Der wiederum hatte sich bemüht, zusätzliche Leute zum Flughafen zu schicken, die Logan abfangen sollten. Aber offenbar waren sie zu spät gekommen.

»Sind Sie bereit für das Video?«, fragte Dance.

»Kann losgehen.« Rhyme bewegte einen seiner wenigen funktionierenden Finger – den Zeigefinger der rechten Hand – und fuhr mit dem batteriebetriebenen Rollstuhl näher an den Monitor heran. Er war ein C4-Patient, also am vierten Halswirbel verletzt und von den Schultern abwärts fast vollständig gelähmt.

Auf einem der großen Flachbildschirme des Labors öffnete sich ein Fenster. Man sah die körnige Nachtsicht-Aufnahme eines Flugfeldes. Im Vordergrund befand sich ein Zaun, zu dessen beiden Seiten Abfälle am Boden lagen, weggeworfene Schachteln, Dosen und andere Behälter. Ein privater Frachtjet rollte ins Bild, und sobald er anhielt, öffnete sich hinten eine Luke, und ein Mann sprang heraus.

»Das ist er«, sagte Dance leise.

»Ich kann ihn nicht deutlich genug erkennen«, sagte Rhyme.

»Das ist eindeutig Logan«, versicherte Dance. »Es wurde ein Teilabdruck gefunden – aber sehen Sie selbst.«

Der Mann streckte die Glieder und orientierte sich dann. Er schwang sich eine Tasche über die Schulter, lief geduckt zu einem Schuppen und versteckte sich dahinter. Einige Minuten später kam ein Arbeiter vorbei und brachte ein Paket, das so groß wie zwei Schuhkartons war. Logan grüßte ihn und erhielt das Paket im Tausch gegen einen großen Briefumschlag. Der Arbeiter sah sich um und ging schnell weg. Ein Wartungsfahrzeug hielt in der Nähe. Logan kletterte auf die Ladefläche und versteckte sich unter einer Plane. Der Wagen fuhr aus dem Bild.

»Was ist mit der Frachtmaschine?«, fragte Rhyme.

»Die hat ihren Charterflug nach Südamerika fortgesetzt. Pilot und Kopilot behaupten, sie wüssten nichts von einem blinden Passagier. Das ist natürlich gelogen, aber die beiden befinden sich nicht mehr in unserem Zuständigkeitsbereich, und wir können sie nicht verhören.«

»Und der Arbeiter?«, fragte Sachs.

»Die Bundespolizei hat ihn verhaftet. Er ist beim Flughafen angestellt, zum Mindestlohn. Er behauptet, ein Unbekannter habe ihm gesagt, er solle das Paket abliefern und würde dafür zweihundert Dollar bekommen. Das Geld war in dem Umschlag. Daher stammt auch der Fingerabdruck.«

»Was war in dem Paket?«, fragte Rhyme.

»Er sagt, er wisse es nicht, aber auch er lügt – ich habe die Videoaufnahmen des Verhörs gesehen. Unsere DEA-Leute nehmen ihn in die Mangel. Ich hätte am liebsten selbst versucht, ihm die eine oder andere Information zu entlocken, aber es würde zu lange dauern, die entsprechende Genehmigung zu erhalten. «

Rhyme und Sachs sahen sich an. Was das »Entlocken« von Informationen anging, stapelte Dance hier ein wenig zu tief. Sie war eine Expertin für Kinesik – Körpersprache – und zählte zu den besten Vernehmungsbeamten des Landes. Leider waren die Beziehungen zwischen den USA und Mexiko so angespannt, dass eine Polizistin aus Kalifornien einen Berg von Papierkram bewältigen musste, bevor man ihr gestatten würde, südlich der Grenze ein formelles Verhör durchzuführen. Die amerikanische Drug Enforcement Agency hingegen hatte bereits offiziell genehmigte Leute vor Ort.

»Wo in der Stadt wurde Logan gesichtet?«, fragte Rhyme.

»In einem Geschäftsviertel. Man hat ihn zu einem Hotel verfolgt, aber da ist er nicht geblieben. Diaz’ Leute glauben, er hat sich dort mit jemandem getroffen. Bis sie die Überwachung eingerichtet hatten, war er schon wieder weg. Wenigstens haben alle Strafverfolgungsbehörden und Hotels nun sein Foto.« Dance fügte hinzu, Diaz’ Boss, ein sehr hohes Tier bei der Polizei, würde die Leitung der Ermittlungen übernehmen. »Dass man den Fall dort so ernst nimmt, gibt Anlass zur Hoffnung. «

Ja, Hoffnung, dachte Rhyme. Aber er war auch enttäuscht. So kurz vor der Entdeckung des Gejagten zu stehen und dennoch so wenig Kontrolle über die Ereignisse zu haben … Er ertappte sich dabei, dass er schneller atmete. Und er dachte an die letzte Auseinandersetzung mit dem Uhrmacher zurück. Logan war ihnen immer einen Schritt voraus gewesen und hatte mühelos seinen Mordauftrag erfüllt. Rhyme hatte über alle Fakten verfügt, um Logans Vorgehensweise durchschauen zu können. Doch er hatte sich komplett in die Irre führen lassen.

»Übrigens, wie war denn der romantische Wochenendausflug? «, fragte Sachs nun Kathryn Dance. Rhyme vermutete, dass es dabei um Dances neuen Freund ging. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder war seit einigen Jahren verwitwet.

»Sehr schön«, erwiderte die Agentin.

»Und wohin ging die Reise?«

Rhyme fragte sich, wieso, zum Teufel, Sachs sich nach Dances Privatleben erkundigte. Sie ignorierte seinen ungehaltenen Blick.

»Nach Santa Barbara. Unterwegs haben wir uns das Schloss von Hearst angesehen … Hören Sie, ich warte nach wie vor darauf, dass Sie beide uns mal besuchen kommen. Die Kinder möchten Sie wirklich gern kennenlernen. Wes hat für die Schule einen Aufsatz über forensische Wissenschaft geschrieben und dabei Sie erwähnt, Lincoln. Seine Lehrerin hat früher in New York gewohnt und damals alles Mögliche über Sie in der Zeitung gelesen.«

»Ja, das wäre schön«, sagte Rhyme und war in Gedanken ausschließlich in Mexiko City.

Sachs lächelte über seinen gereizten Tonfall und sagte Dance, sie müssten nun Schluss machen.

Nachdem sie die Verbindung getrennt hatten, wischte Sachs einige Schweißperlen von Rhymes Stirn – er hatte die Feuchtigkeit gar nicht bemerkt. Dann saßen sie einen Moment schweigend da und schauten zum Fenster hinaus auf einen Wanderfalken, der heranschwebte und in seinem Nest auf dem Fenstersims im ersten Stock landete. Wenngleich diese Raubvögel in größeren Städten häufig vorkamen – denn es gab dort jede Menge fette schmackhafte Tauben zu erbeuten –, bauten sie ihre Nester für gewöhnlich in größerer Höhe. Aus irgendeinem Grund hatten aber nun schon mehrere Generationen der Tiere Rhymes Haus als Nistplatz auserkoren. Er mochte das. Die geschickten Vögel waren faszinierend zu beobachten und erwiesen sich als perfekte Untermieter, denn sie stellten keinerlei Ansprüche an ihn.

»Und, habt ihr ihn?«, meldete sich eine männliche Stimme.

»Wen?«, herrschte Rhyme ihn an. »Und was soll das heißen, ob wir ihn ›haben‹?«

»Den Uhrmacher«, antwortete Thom Reston, Lincoln Rhymes Betreuer.

»Nein«, knurrte Rhyme.

»Aber ihr seid dicht dran, nicht wahr?«, fragte der adrette Mann, der heute eine dunkle Stoffhose, ein gestärktes gelbes Anzughemd und eine geblümte Krawatte trug.

»Oh, dicht«, murmelte Rhyme. »Dicht. Sehr hilfreich. Wenn dich das nächste Mal ein Puma anspringt, Thom, wie würdest du es da finden, wenn der Wildhüter wirklich dicht dran vorbeischießen würde? Anstatt das Tier tatsächlich zu treffen?«

»Zählen Pumas nicht zu den gefährdeten Arten?«, fragte Thom ohne jeden Anflug von Ironie. Rhymes Spott prallte einfach an ihm ab. Er arbeitete schon seit vielen Jahren für den Kriminalisten, länger als manche Paare verheiratet waren. Und der Betreuer war so abgehärtet wie der zäheste Ehepartner.

»Ha! Sehr witzig. Gefährdet!«

Sachs stand auf, stellte sich hinter Rhyme und fing an, seine Schultern zu massieren. Sie war groß und in besserer Verfassung als die meisten NYPD-Detectives ihres Alters, und obwohl ihre Knie und unteren Extremitäten oft von Arthritis geplagt wurden, waren ihre Arme und Hände kräftig und weitgehend schmerzfrei.

Sie waren beide für die Arbeit gekleidet: Rhyme trug eine schwarze Jogginghose und ein dunkelgrünes Strickhemd. Sachs hatte ihr marineblaues Jackett ausgezogen und trug die zugehörige Hose und eine weiße Baumwollbluse, deren oberster Knopf geöffnet war und den Blick auf eine Perlenkette freigab. Hoch an ihrer Hüfte steckte in einem Polymerholster eine Glock Automatik, daneben zwei Reservemagazine und ein Taser.

Rhyme konnte ihre Finger spüren; oberhalb der damals fast tödlich verlaufenen Wirbelsäulenverletzung war sein Empfindungsvermögen tadellos. Zur Verbesserung seines Zustandes hatte er vor einer Weile eine riskante Operation erwogen, sich dann aber für einen anderen Behandlungsansatz entschieden. Mittels eines strikten Trainings- und Therapieprogramms war es ihm gelungen, etwas Kontrolle über seine rechte Hand zurückzuerlangen. Außerdem konnte er seinen linken Ringfinger bewegen. Aus irgendeinem Grund hatte der herabstürzende Balken diese eine Nervenleitung intakt gelassen.

Er kostete die Massage aus. Es war, als würde der kleine vorhandene Rest seiner Sinneswahrnehmung dadurch vergrößert. Rhyme schaute auf seine gelähmten Beine. Und schloss die Augen.

Thom musterte ihn nun eindringlich. »Ist alles in Ordnung, Lincoln?«

»In Ordnung? Abgesehen von dem Umstand, dass der Täter, hinter dem ich seit Jahren her bin, uns knapp entwischt ist und sich nun in der zweitgrößten Millionenstadt dieser Hemisphäre versteckt, ist alles einfach prima.«

»Das meine ich nicht. Du siehst nicht gut aus.«

»Du hast recht. Ich brauche dringend Medizin.«

»Medizin?«

»Whisky. Mit einem Schluck Whisky würde es mir besser gehen. «

»Nein, würde es nicht.«

»Nun, wie wäre es mit einem Experiment? Wissenschaftlich. Kartesianisch. Rational. Dagegen lässt sich doch nichts einwenden. Ich weiß, wie ich mich jetzt fühle. Nachdem ich etwas Whisky getrunken habe, erstatte ich dir über etwaige Veränderungen Bericht.«

»Nein. Es ist zu früh«, stellte Thom sachlich fest.

»Es ist Nachmittag.«

»Seit ein paar Minuten.«

»Ach, verdammt.« Rhyme klang barsch wie so oft, aber in Wahrheit genoss er Sachs’ Massage. Einige Strähnen ihres roten Haares hatten sich aus dem Pferdeschwanz gelöst und kitzelten Rhymes Wange. Er ließ es geschehen. Da er den Kampf um den Single Malt anscheinend verloren hatte, ignorierte er Thom, aber mit nur einem Satz verschaffte der Betreuer sich sogleich wieder seine Aufmerksamkeit: »Während ihr telefoniert habt, hat Lon angerufen.«

»Aha. Und warum erfahre ich das erst jetzt?«

»Du hast gesagt, du willst nicht gestört werden, wenn du mit Kathryn redest.«

»Nun, dann raus mit der Sprache.«

»Er meldet sich noch mal. Es geht um einen Fall. Ein Problem. «

»Tatsächlich?« Der Uhrmacher trat angesichts dieser Neuigkeit ein wenig in den Hintergrund. Rhyme erkannte, dass es für seine schlechte Laune noch einen anderen Grund gab: Langeweile. Er hatte vor Kurzem die Untersuchung der Spuren in einem komplizierten Fall abgeschlossen und befürchtete mehrere Wochen Müßiggang. Der Gedanke an einen neuen Auftrag war belebend. So wie Sachs sich nach Geschwindigkeit sehnte, brauchte Rhyme Schwierigkeiten, Herausforderungen, Input. Eine schwere körperliche Behinderung geht mit einem Nachteil einher, der vielen Leuten gar nicht bewusst ist: Es passiert nichts Neues mehr. Dieselbe Umgebung, dieselben Menschen, dieselben Aktivitäten … und die immer gleichen Plattitüden, leeren Versprechungen und Berichte aus den Mündern teilnahmsloser Ärzte.

Was Rhyme nach seiner Verletzung das Leben gerettet hatte – und zwar buchstäblich, denn er hatte ernsthaft über Sterbehilfe nachgedacht –, waren die vorsichtigen Schritte zurück zu seiner früheren Leidenschaft gewesen: die Anwendung wissenschaftlicher Methoden zur Aufklärung von Verbrechen.

Dank immer neuer Rätsel wurde es einem nie langweilig.

»Fühlst du dich der Sache auch wirklich gewachsen?«, hakte Thom nach. »Du siehst etwas blass aus.«

»Weißt du, ich war länger nicht mehr am Strand.«

»Na gut. Ich wollte mich nur vergewissern. Ach, und Arlen Kopeski kommt nachher vorbei. Wann passt es dir am besten?«

Der Name klang vertraut, hinterließ aber einen irgendwie unangenehmen Nachgeschmack. »Wer?«

»Er gehört zu dieser Gruppe für mehr Behindertenrechte. Es geht um den Preis, der dir verliehen werden soll.«

»Heute?« Rhyme erinnerte sich vage an mehrere Telefonate. Sobald es keinen seiner Fälle betraf, schenkte er dem Geschehen um ihn herum kaum Aufmerksamkeit.

»Du warst mit dem Termin einverstanden. Du hast gesagt, du würdest dich mit Kopeski treffen.«

»Oh, ein Preis hat mir gerade noch gefehlt. Was soll ich damit anfangen? Ihn als Briefbeschwerer benutzen? Benutzt irgendjemand, den du kennst, jemals einen Briefbeschwerer? Hast du jemals einen Briefbeschwerer benutzt?«

»Lincoln, der Preis wird dir verliehen, weil du vielen jungen Behinderten ein Vorbild bist.«

»Als ich jung war, hatte ich auch keine Vorbilder. Und es ist trotzdem was aus mir geworden.« Das mit den Vorbildern stimmte nicht ganz, aber bei Ablenkungen wurde Rhyme nun mal kleinlich, vor allem wenn ungebetene Besucher damit verbunden waren.

»Eine halbe Stunde.«

»Ich habe keine halbe Stunde.«

»Zu spät. Er ist bereits in der Stadt.«

Manchmal war es unmöglich, gegen den Betreuer zu gewinnen.

»Wir werden sehen.«

»Kopeski wird nicht herkommen und sich dann ewig in Geduld fassen, als wäre er ein Höfling, der auf eine Audienz beim König hofft.«

Die Metapher gefiel Rhyme.

Doch dann waren alle Gedanken an Preisverleihungen und Königswürden vergessen, denn Rhymes Telefon klingelte, und als Kennung des Anrufers wurde Detective Lieutenant Lon Sellittos Nummer angezeigt.

Mit einem Finger seiner rechten Hand erteilte Rhyme dem Computer den Befehl zum Abheben. »Lon.«

»Linc, hör zu, Folgendes.« Er klang gehetzt, und nach den Umgebungsgeräuschen zu schließen, die aus dem Lautsprecher ertönten, fuhr er gerade mit hohem Tempo irgendwohin. »Es gibt womöglich Ärger mit Terroristen.«

»Ärger? Das ist nicht besonders präzise.«

»Okay, wie wär’s dann hiermit? Jemand hat dem E-Werk in die Suppe gespuckt, mit einer zweieinhalbtausend Grad heißen Entladung einen Bus der Verkehrsbetriebe geröstet und die Stromversorgung von sechs mal sechs Blocks südlich des Lincoln Center stillgelegt. Ist dir das präzise genug?«

… Vier

Die Karawane aus Downtown traf ein.

Der Vertreter der Heimatschutzbehörde war ein typisch junger, aber leitender Beamter, vermutlich geboren und aufgewachsen zwischen den Country Clubs von Connecticut oder Long Island, wenngleich das für Rhyme lediglich eine demografische Feststellung war und nicht notwendigerweise ein Fehler. Der klare, funkelnde Blick des Mannes täuschte darüber hinweg, dass er wahrscheinlich nicht so recht wusste, an welcher Stelle der Hierarchie seine Behörde sich befand, sobald es um Strafverfolgung ging, aber das traf auf fast jeden Mitarbeiter der Homeland Security zu. Der junge Mann hieß Gary Noble.

Das FBI war natürlich auch hier, und zwar in Gestalt eines Special Agent, mit dem Rhyme und Sellitto häufig zusammenarbeiteten: Fred Dellray. Der Gründer der Bundespolizei, J. Edgar Hoover, wäre über den Afroamerikaner entsetzt gewesen, und das nur zum Teil deswegen, weil seine Familie eindeutig nicht aus Neuengland kam. In erster Linie hätte ihn wohl bestürzt, dass die Kleidung des Beamten nicht dem »Stil der Neunten Straße« entsprach, was auf die Adresse der Washingtoner FBI-Zentrale anspielte. Dellray trug nur dann ein weißes Hemd mit dezenter Krawatte, wenn ein verdeckter Einsatz es erforderte. Ansonsten war das für ihn eine Verkleidung wie jede andere. Heute pflegte er seinen ganz persönlichen Stil: ein dunkelgrün karierter Anzug, ein rosafarbenes Hemd, wie man es höchstens bei einem verwegenen Wall-Street-Bonzen vermuten würde, und eine orangefarbene Krawatte, die Rhyme an seiner Stelle gar nicht schnell genug hätte entsorgen können.

Dellray wurde von seinem kürzlich ernannten neuen Chef begleitet – dem Assistant Special Agent in Charge der New Yorker Zweigstelle des FBI. Tucker McDaniel hatte seine Karriere in Washington begonnen und danach Aufträge im Mittleren Osten und Südasien übernommen. Der ASAC war von gedrungener Statur, mit dichtem schwarzem Haar und dunklem Teint, aber auch mit leuchtend blauen Augen, die einen ansahen, als würde man lügen, wenn man Hallo sagte.

Für einen Polizisten war das ein überaus hilfreicher Blick, den auch Rhyme bei Bedarf beherrschte.

Das New York Police Department wurde vornehmlich durch den stämmigen Lon Sellitto vertreten, in grauem Anzug und einem für ihn ungewöhnlichen blassblauen Hemd. Die Krawatte – deren Flecke zum Muster gehörten und nicht von verschütteten Getränken stammten – war das einzige faltenlose Kleidungsstück, das der Mann am Leib trug. Wahrscheinlich ein Geburtstagsgeschenk seiner Lebensgefährtin Rachel oder seines Sohnes. Dem Detective der Abteilung für Kapitalverbrechen standen Sachs und Ron Pulaski zur Seite, ein blonder, ewig jugendlicher Streifenbeamter, der offiziell Sellitto zugeteilt worden war, inoffiziell aber meistens Rhyme und Sachs bei der Arbeit der Spurensicherung unterstützte. Pulaski trug die reguläre dunkelblaue Uniform des NYPD. Der oberste Hemdknopf war offen und das T-Shirt darunter sichtbar.

Beide Bundesbeamten, McDaniel und Noble, hatten natürlich schon von Rhyme gehört, waren ihm aber noch nie zuvor begegnet und ließen beim Anblick des forensischen Beraters, der mit seinem Rollstuhl geschickt durch das Labor manövrierte, nun in unterschiedlichem Ausmaß Überraschung, Mitgefühl und Unbehagen erkennen. Die Verunsicherung über die ungewohnte Situation legte sich jedoch schnell – wie fast immer, außer bei irgendwelchen schmeichlerischen Kriechern –, und schon bald machte etwas weitaus Seltsameres erkennbar großen Eindruck auf die Neuankömmlinge: die Tatsache, dass in Rhymes Salon mit Wandvertäfelung und Kranzprofilen eine moderne Laboreinrichtung stand, um die ihn die Spurensicherung einer mittelgroßen Stadt beneidet hätte.

Nach dem Austausch der üblichen Höflichkeiten ergriff Noble das Wort. Die Homeland Security hatte den am breitesten definierten Zuständigkeitsbereich.

»Mr. Rhyme …«

»Lincoln«, unterbrach er. Rhyme mochte es nicht, allzu förmlich behandelt zu werden. Wenn jemand ihn mit seinem Nachnamen ansprach, kam es ihm so vor, als würde derjenige ihm den Kopf tätscheln und sagen: Ach, du Armer, es tut mir ja so leid, dass du für den Rest deines Lebens im Rollstuhl sitzen musst. Also bin ich jetzt mal ganz besonders zuvorkommend zu dir.

Sachs begriff, was er mit dieser Richtigstellung bezweckte, und verdrehte leicht die Augen. Rhyme musste sich ein Lächeln verkneifen.

»Gut, dann eben Lincoln.« Noble räusperte sich. »Kommen wir zur Sache. Was wissen Sie über das Netz – das Stromnetz?«

»Nicht viel«, räumte Rhyme ein. Er hatte zwar ein wissenschaftliches Studium absolviert, sich aber nie sonderlich mit der Elektrizität beschäftigt. In der Physik jedenfalls zählte der Elektromagnetismus zu den vier grundlegenden Naturkräften – neben der Schwerkraft sowie den leichten und schweren Kernkräften. Doch das war eine rein akademische Frage. Im Alltag beschränkte Rhymes Interesse am Strom sich darauf, genug für den Laborbetrieb zur Verfügung zu haben. Die Geräte waren äußerst durstig, und Rhyme hatte schon zweimal neue Leitungen verlegen lassen müssen, um den Bedarf decken zu können.

Darüber hinaus war Rhyme sich nur zu bewusst, dass er ohne Elektrizität nicht überlebt hätte und auch sein jetziges Leben so nicht möglich gewesen wäre: Nach dem Unfall hatte ein Beatmungsgerät seine Lunge mit Sauerstoff versorgt, und in seinem Alltag benutzte er einen batteriebetriebenen Rollstuhl, ein Haustechniksystem mit Spracherkennung und ein Touchpad. Und natürlich die Computer.

Ohne Strom hätte er eine armselige Existenz führen müssen. Falls überhaupt.

»Unser Szenario sieht bisher so aus«, fuhr Noble fort. »Der Täter ist in ein Umspannwerk eingedrungen und hat ein Kabel bis vor das Gebäude verlegt.«

»Ein Täter? Singular?«, fragte Rhyme.

»Das wissen wir noch nicht.«

»Ein Kabel nach draußen. Okay.«

»Dann hat er den Computer manipuliert, der das Netz steuert. Er hat die Einstellungen geändert und das Umspannwerk bis weit über die zulässige Grenze belastet.« Noble spielte an seinen Manschettenknöpfen herum. Sie waren wie kleine Tiere geformt.

»Und der Strom ist übergesprungen«, warf McDaniel vom FBI ein. »Im Grunde genommen hat er den Weg in den Boden gesucht. So etwas heißt Lichtbogen. Eine Explosion. Wie ein Blitz.«

Eine zweieinhalbtausend Grad heiße Entladung …

»Das Ding ist so mächtig, dass Plasma entsteht«, fügte der ASAC hinzu. »So nennt man einen Aggregatzustand…«

»… der weder gasförmig noch flüssig oder fest ist«, fiel Rhyme ihm ungeduldig ins Wort.

»Genau. Ein kleiner Lichtbogen hat die Sprengkraft eines Pfunds TNT, und der hier war nicht klein.«

»Und der Bus war sein Ziel?«, fragte Rhyme.

»Scheint so.«

»Aber die Reifen sind doch aus Gummi«, wandte Sellitto ein.

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »The Burning Wire« bei Simon & Schuster, New York.

1. Auflage © 2010 by Jeffery Deaver © der deutschsprachigen Ausgabe 2011 by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München Satz: Uhl + Massopust, Aalen

eISBN 978-3-641-06307-8

www.blanvalet.de

www.randomhouse.de

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