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Ein Beltane-Fest. Ein magischer Blackout. Und eine Hexe am Abgrund …
Als während des großen Beltane-Treffens plötzlich alle Hexen Großbritanniens ihre Kräfte verlieren, steht Oberhexe Fionna Simmonds im Zentrum des Sturms. Man gibt ihr die Schuld – und die magische Welt droht ins Chaos zu stürzen.
Zur gleichen Zeit wagt die frisch geschiedene Schriftstellerin Lara Grimm einen Neuanfang in Schottland. Das idyllische Thistle Inn scheint perfekt – bis ein riesiger Adler in ihr Haus stürzt und sich als Gestaltwandlerin entpuppt. Plötzlich ist Lara mittendrin in einem Hexenzirkel, von dem sie nie wusste, dass er existiert.
Während die Magie verschwindet und dunkle Mächte erwachen, muss Fionna sich ihren Dämonen stellen – ohne Zauber, ohne Sicherheit, aber mit allem, was auf dem Spiel steht. Lara gerät derweil zwischen die Fronten einer magischen Krise, die größer ist, als sie sich je hätte vorstellen können.
Wird Fionna es schaffen, die wahren Schuldigen zu entlarven – oder ist es das Aus für die Hexen?
DER TEUFEL IM EICHHÖRNCHEN ist der sechste Band der Highland-Hexen-Krimis, einer paranormalen Cozy-Krimi-Reihe voller Magie, Spannung und schottischer Mythen. Wenn du starke Heldinnen, gefährliche Geheimnisse und eine Prise Hexenzauber liebst, wirst du dieses Buch verschlingen.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Felicity Green
Der Teufel im Eichhörnchen
Ein Highland-Hexen-Krimi
Band 6
© Felicity Green, 1. Auflage 2019
Neue, überarbeitete Auflage 2025
www.felicitygreen.com
Veröffentlicht durch:
A. Papenburg-Frey
Schlossbergstr. 1
79798 Jestetten
Umschlaggestaltung: Lou Harper / May Dawney
Korrektorat: Wolma Krefting, bueropia.de
Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Prolog
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Kapitel zweiundzwanzig
Kapitel dreiundzwanzig
Kapitel vierundzwanzig
Kapitel fünfundzwanzig
Kapitel sechsundzwanzig
Kapitel siebenundzwanzig
Kapitel achtundzwanzig
Kapitel neunundzwanzig
Kapitel dreißig
Kapitel einunddreißig
Kapitel zweiunddreißig
Kapitel dreiunddreißig
Epilog
Nachwort
Leseprobe DER TEUFEL IM GRABE
Highland-Hexen-Krimis
Die goldbraunen Haare der Frau glänzten im Sonnenlicht, das auf die Lichtung fiel. Ihre Haut war milchig weiß und bildete einen Kontrast zum sattgrünen Gras und den lila Veilchen. Die zarten Blumen hatten sich an dieser Stelle im Wald ausgebreitet wie ein Bett, auf dessen Mitte die Frau auf dem Bauch ausgestreckt lag.
Polizeiinspektor Kenna Maxwell und ihr Vorgesetzter Declan Reid standen schweigend und still mit gefalteten Händen da, so als würden sie eine Andacht halten.
Doch die trügerische Idylle wurde vom Schluchzen des Mannes unterbrochen, der auf einem Felsen kauerte. Zwei weitere Männer, ebenfalls in Jagdgrün und Orange gekleidet, standen hinter ihm und hatten jeweils eine Hand auf seine Schulter gelegt. Die tröstenden Gesten der vor Schock erstarrten Männer ließen die Szene wie ein merkwürdig inszeniertes Tableau wirken.
Als Fionna näher trat, sah sie die Büchsen im Gras und den hässlichen rostroten Fleck am Hals der Frau.
Einer der umherstehenden Jäger bemerkte Fionna zuerst. Er drehte den Kopf und seine Augen weiteten sich. Bevor er etwas sagen konnte, lösten sich auch Kenna und Declan aus ihrer Starre.
»Fionna, Jem«, rief Kenna und kam ihnen entgegen.
»Was ist passiert?«, fragte gleichzeitig Jem hinter ihr, während Kenna fortfuhr: »Ihr habt lange gebraucht.«
»Sorry, ich kann ja nicht fliegen«, erwiderte Jem abwesend und kein bisschen sarkastisch, als sie an Fionna vorbeiging und ihre Aufmerksamkeit auf die Tote richtete.
»Trotzdem hätte ich euch ohne Jem wahrscheinlich noch lange nicht gefunden«, meinte Fionna, die sich wieder gefangen hatte.
»Du bist immer noch Park Ranger hier im Nationalpark, richtig?«, fragte Declan.
Jem nickte.
»Da kennst du dich bestimmt mit Jagdscheinen aus?«
Jems Blick ging zu den drei Männern. »Ein Jagdunfall?«
»Sieht ganz danach aus«, seufzte Declan und rieb sich das Gesicht.
»Warum habt ihr uns gerufen?«, fragte Fionna, obwohl sie die Antwort wusste.
»Es ist kein gewöhnlicher Unfall«, erklärte Kenna. »Zumindest nicht, wenn man den Männern dort Glauben schenken will. Wahrscheinlich hätte ich trotz der etwas abstrusen Geschichte mein Team gerufen und mit den Ermittlungen angefangen … wenn wir nicht unmittelbar in der Nähe von Tarbet wären. So muss ich annehmen, dass vielleicht etwas an ihrer Geschichte dran ist und ihr womöglich eine Erklärung habt oder zumindest die Frau identifizieren könnt.«
»Okay, was erzählen die Männer denn?«, wollte Fionna natürlich wissen.
»Tja, die schwören alle drei, sie hätten einen Hasen erlegt.« Kenna sah zu der Leiche hinüber.
Der Mann, der Fionna als Erster bemerkt hatte, schien das Gespräch mit angehört zu haben. Er löste sich von den anderen und kam herübergeeilt. »Ich schwöre, es war ein Hase. Ich schwöre es. Wir haben ihn alle gesehen. Braun, große Ohren … das, das bildet man sich doch nicht ein. Er war groß, sehr groß, aber nicht so groß wie eine Frau. Ich meine, ich meine …« Sein wirrer Blick ging zu der Toten. »Eine Frau, eine nackte Frau, das hätten wir doch …«
Fionna berührte den Mann am Arm und zog ihn sachte herum, sodass er mit dem Rücken zur Leiche stand. »Sie haben einen Hasen erschossen, ich glaube Ihnen. Und was ist dann passiert?«
Unglaube und Entsetzen spiegelten sich in den weit aufgerissenen Augen des Jägers wider, als er sagte: »Der Hase hat sich in eine Frau verwandelt.«
»Verstehst du, warum ich dachte, die Sache hat definitiv etwas mit euch zu tun?«, sagte Kenna.
Fionna wurde ein bisschen schwummrig. Sie wusste, dass alle sie erwartungsvoll anschauten. Die Polizisten, der Jäger, sogar Jem. Mit euch … mit dir, meinten sie eigentlich, denn Fionna trug die Verantwortung nicht nur für ihre Schwestern im Bunde, sondern für alle knapp fünfzig Repräsentanten der »Heimatvereine«, die derzeit in Tarbet weilten.
Nicht zum ersten Mal hatte Fionna das Gefühl, unter der Last dieser Verantwortung zusammenzubrechen. Entspann dich, sagte sie zu sich selbst. Das hier war schlimm, es war richtig schlimm, half ihr aber auch bei der Lösung ihres größten Problems. Genau deshalb hatte Forsyth die Männer auf die Jagd geschickt. Und er würde die Sache mit den Jägern auch wieder in Ordnung bringen.
Sie wünschte sich, Drew wäre hier und sie könnte sich an ihn lehnen. Das ist vorbei. Vorbei, vorbei, wurde sie sich schmerzhaft bewusst. Du musst allein klarkommen.
Fionna atmete tief durch. »Gut, dann schauen wir uns doch mal an, wer die Frau ist.«
Kenna redete auf den Mann ein, um ihn abzulenken, während Declan mit Fionna und Jem zur Toten ging. Die beiden Frauen warteten ungeduldig, während sich der Chief Inspector Latexhandschuhe überstreifte. Schließlich ging er in die Hocke und drehte die Frau vorsichtig um. Ein paar Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht.
»Erkennt ihr sie?«, fragte Declan.
»Ja.« Fionna war erleichtert. »Das ist einer unserer unliebsamen besonderen Gäste.«
»Das heißt, Birdie kann offiziell wieder nach Hause kommen, oder?«, sagte Jem, nachdem Fionna Declan alle biografischen Informationen zur Toten gegeben hatte, die ihr bekannt waren.
»Entschuldigst du uns bitte kurz.« Fionna lächelte Declan an und zog Jem beiseite, bis zum Rand der Lichtung.
»Sei bitte vorsichtig, was du sagst.« Sie sprach so leise, dass die anderen sie hoffentlich nicht hören konnten.
»Wieso?« Jem zog die Brauen zusammen. »Glaubst du, ihre Schwestern im Bunde, die anderen Gestaltwandlerinnen sind hier?« Sie sah sich um.
«Wie bei Birdie müssen wir doch davon ausgehen, dass das Ritual ihnen ungeahnte Kräfte verliehen hat. Wer weiß, welche Gestalt sie annehmen können.« Fionna wurde ganz kalt beim Gedanken an die fürchterliche Fabelgestalt, die Lara ihr vorhin gezeigt hatte. Sie wagte es nicht einmal, den Namen auszusprechen. Boobrie. »Wir dürfen sie auf keinen Fall unterschätzen und wir müssen ganz vorsichtig sein. Ich meine«, sagte Fionna mit Nachdruck, weil der Groschen bei Jem immer noch nicht gefallen zu sein schien, »sie könnten alles sein, nicht nur Hasen.« Fionna zeigte mit dem Kopf in Richtung Lichtung.
Jetzt verstand Jem endlich. »Du meinst …« Sie schaute sich mit offenem Mund um. »Sie könnten …?«
»Vielleicht ist eins der unauffälligen kleinen Tierchen, die hier rumschwirren, eine Gestaltwandlerin,« sprach Fionna die Variante aus, die noch die angenehmste war. »Oder sogar …«
Jem folgte Fionnas Blick in Richtung Kenna und Declan. »Nein!«, rief sie etwas zu laut. »Du meinst, einer der beiden ist vielleicht gar nicht derjenige, für den er sich ausgibt?«, flüsterte sie weiter. »Einer könnte eine verwandelte Hexe sein?«
»Könnte«, murmelte Fionna. »Wir sind vor niemandem sicher.«
Fionna schaute sich auf der Lichtung um und unterdrückte ein Schaudern. Der Wald hatte auf einmal gar nichts Idyllisches mehr an sich. Und die tote Frau oder die dunklen Schatten unter den hohen Bäumen hatten damit überhaupt nichts zu tun.
Es war nicht das Tote, vor dem sie Furcht haben sollten, nicht das Dunkle oder das offensichtlich Angstmachende. Nein, es war das pulsierende Leben und das Licht, das sie fürchten mussten. Das Summen der Hummeln, das Sirren der Mücken, das Zwitschern der Vögel, die leisen Stimmen der beiden Polizisten … alles schwoll in Fionnas Ohren auf einmal zu einem beängstigenden, teuflischen Geräusch an. Das weiche Sonnenlicht war der perfekte Deckmantel für das Böse, das in Fionnas Augen nun überall auf der Lichtung illuminiert wurde.
Die wahre Bedrohung versteckte sich in jener Gestalt, in der sie sie am wenigsten vermuten würden.
Fionna wartete, bis alle Neonröhren an der Decke sich vollständig eingeschaltet hatten, bevor sie die letzten Stufen der Kellertreppe hinunterging. Eine einzige Röhre flackerte und summte für mindestens zehn Sekunden, bis sie endlich richtig leuchtete.
Es würde zukünftig die Aufgabe ihrer Mutter sein, die Röhre auszutauschen, wenn sie den Keller von nun an selber benutzen wollte. Als Fionna auszog, hatten sie mehr oder weniger stillschweigend die Abmachung getroffen, dass Fionnas Sammlung seltener antiquarischer Bücher weiterhin im Hause Simmonds beherbergt werden durfte. Und obwohl sie sich mittlerweile spinnefeind waren und nicht mal mehr miteinander redeten, hatte sich an dieser Vereinbarung nichts geändert.
Rosa ließ Fionnas Bücher in Ruhe, weil sie den Keller bisher immer gemieden hatte. Der Grund dafür war nicht die schaurige Atmosphäre, die außer Fionna und ihre Großmutter Matilda stets alle Besucher abgeschreckt hatte. Nein, dieser Ort war einfach der Ursprung von Rosas größter Hoffnung und gleichzeitig ihrer größten Enttäuschung: ihre Tochter.
Der Keller war erst Matildas und später Fionnas Domäne gewesen. Hier hatte das von Matilda entwickelte dämonische Zeugungsritual stattgefunden, durch das Fionna entstanden war.
Fionna ließ den Blick über die leeren Regale schweifen. Es kam ihr gar nicht mehr wie »ihr« Keller vor. Von all dem, was hier vorgegangen war, war kaum mehr etwas spürbar. Die vielen Reihen dicker, in Leder gebundener Folianten hatten augenscheinlich das Licht geschluckt, denn es war längst nicht mehr so düster hier unten. Oder allein die Thematik der meisten Bücher hatte für eine unheilvolle Aura gesorgt, die sich jetzt verflüchtigt hatte.
Fionna seufzte traurig, als sie sich einen Karton schnappte, der neben der Treppe stand. Langsam sammelte sie die letzten Bücher ein, die noch vereinzelt in den Regalen lagen. Von diesen Exemplaren konnte sie sich nicht trennen. Die konnte sie einfach nicht verkaufen.
Sie stellte den Karton auf den jetzt leeren Schreibtisch, der in einer Ecke an der Wand stand, und ließ sich auf den Stuhl sinken.
Der Kloß in ihrem Hals wurde immer größer und Tränen brannten unter ihren Lidern, als sie sich bewusst machte, was sie getan hatte.
Sie hatte alle ihre Bücher verkauft. Für nichts und wieder nichts.
Der Plan hatte sich damals vernünftig angehört.
Das Haus von Mary MacDonald stand seit deren Tod leer. Geerbt hatte es ihr Verwandter, Alex Campbell aus Oban. Aber alle waren sich einig, dass es Sinn ergab, wenn Fionna dort einziehen würde. Schließlich hatte sie nicht nur die Position als Vorsitzende des sogenannten Heimatvereins von Tarbet von Mrs MacDonald übernommen. Sie würde bald ihren Verlobten Drew heiraten und die beiden suchten ein Haus in Tarbet, um eine Familie zu gründen. Die Wohnung in Arrochar, die Drew gemietet hatte und in die Fionna mit eingezogen war, war viel zu klein.
Aber Fionna und Drew schwammen nicht gerade in Geld. Ihr gemeinsames Restaurant, das Kirk, lief zwar gut. Sie hatten sich auf Highlandküche spezialisiert und es gab sogar einen kleinen Laden mit Kochbüchern im Foyer. Doch das Gebäude, eine alte Kirche, erforderte kontinuierliche Instandhaltung, und Tarbet war eben doch etwas zu weit ab vom Schuss, als dass ständig gut situierte Gäste aus Glasgow bei ihnen auftauchen würden.
Das kleine Vermögen, das sich Fionna damals, vor ihrer Zeit im Kirk, mit dem Handel von antiquarischen Büchern aufgebaut hatte, war längst dahingeschmolzen. Die Renovierung der Kirche, um neuen Bauauflagen gerecht zu werden, hatte vieles davon aufgefressen.
Dazu hatte Fionna diesen Handel damals quasi illegal betrieben. Doch seit sie Geschäftsfrau war, mussten natürlich die Einkünfte aus den Buch-Verkäufen dem Finanzamt gemeldet werden. Fionna hatte sowieso kaum Zeit für weitere Anschaffungen gehabt. Das Restaurant und ihre Rolle im »Heimatverein« nahmen viel Zeit in Anspruch.
Der Heimatverein war nämlich in Wirklichkeit ein Hexenzirkel und Fionna hatte alle Hände voll zu tun, ihren Schwestern im Bunde bei der Gratwanderung zwischen weißer und schwarzer Magie zur Seite zu stehen. Mal ganz zu schweigen von den magischen Abenteuern, in die sich die Hexen oft genug stürzten.
Als die Sprache darauf kam, wie man den Kauf von Mrs MacDonalds Haus finanzieren könnte, schien der Verkauf ihrer Büchersammlung das Naheliegendste. Sie war längst nicht mehr das pummelige, ungesellige Mädchen, das sich im Keller mit ihren Büchern versteckte. Die Sammlung war ein Relikt aus der Vergangenheit. Natürlich ergab es Sinn, sie für ihre Zukunft zu opfern.
Also hatte sie sich bei ihren alten Kontakten gemeldet, hatte alle Bücher katalogisiert und zum Verkauf angeboten. Sie hatte gefeilscht und viele E-Mails hin- und hergeschrieben. Sie hatte Bücher verpackt und auf die Post gebracht. Es hatte lange gedauert und sie schlug sich dabei viele Nächte um die Ohren, aber endlich war es so weit gewesen. Der Betrag für den Hauskauf war zusammengekommen.
Genau dann hatte sie den Anruf erhalten, dass das Haus an jemand anderen verkauft worden war. Durch den Fehler der Immobilienagentur, die man hatte einschalten müssen, um den Schein eines offiziellen Verkaufes zu wahren. Die Chefin hatte die Anweisung erhalten, das Haus nicht zu verkaufen, bis Fionnas Angebot einging. Nur hatte ihr Partner sich nichts aus dem ausdrücklichen Verweis in der Akte gemacht und sich wahrscheinlich bloß über die Provision gefreut, die er abgreifen konnte, während seine Partnerin im Urlaub war.
Alex Campbell hatte den Vertrag unterzeichnet, weil seine Frau Bethany, Fionnas Schwester im Bunde, ihm versichert hatte, es sei alles geregelt, das Haus ginge an die richtige Person und er müsse lediglich abzeichnen.
Als die eingeweihte Chefin zurück nach Tarbet kam, war es zu spät gewesen. Das Haus war weg!
Jetzt hatte Fionna zwar ein ordentliches Sümmchen auf dem Konto, aber der Traum vom eigenen Heim war zerplatzt. Die Campbells hatten ihr einen Freundschaftspreis gemacht, für den sie nie wieder ein Haus finden würde. Vielleicht reichte das Gesparte gerade so für eine Anzahlung. Aber es war ja leider nicht so, als ob in Tarbet dauernd Häuser auf dem Markt wären. Und außerdem, Mrs MacDonalds Haus war etwas Besonderes. Eigentlich sollte es wirklich das von Fionna sein.
Klar, der Preis war zwar unschlagbar gewesen, aber eigentlich hätte jeder potenzielle Käufer, der das Haus betrat, sofort wieder umkehren und davonlaufen sollen.
Fionna hatte mit ihren speziellen Fähigkeiten die Illusion erweckt, dass das Haus vollkommen baufällig und vor allen Dingen dreckig und eklig war. Damit hatte sie Mrs MacDonalds Tradition weitergeführt, die diesen Zauber schon angewandt hatte, um unerwünschte Gäste vom Thistle Inn, wie sie ihr B&B mit zwei Fremdenzimmern nannte, von ihrer Küche und den Privaträumen fernzuhalten.
Fionna hatte den Verdacht, dass mit der Käuferin etwas nicht stimmte. Wenn sie den Zauber durchschaut hatte, dann konnte das doch nur heißen, dass sie selber ungewöhnliche Fähigkeiten hatte. Womöglich vom gleichen Kaliber wie die von Fionna.
Die gesamten Umstände waren sehr verdächtig. Fionna hatte sich den Namen der Frau geben lassen und sie musste unbedingt mehr über diese Lara Grimm herausfinden.
Einzig die Tatsache, dass die Frau aus Deutschland hergezogen war, hieß für Fionna, dass diese Lara nichts mit Fionnas anderem großen Problem zu tun hatte. Sonst wäre der Zeitpunkt nämlich mehr als suspekt gewesen. Trotzdem: Auch in Deutschland gab es mit Sicherheit Hexen. Nach dem, was Fionna in den letzten Tagen erfahren hatte, hielt sie es für mehr als möglich.
Der Verlust ihrer Büchersammlung und der Verlust des Hauses waren nicht die einzigen Gründe, warum Fionna immer noch hier im Keller saß, obwohl sie ihre traurige kleine Kiste längst gepackt hatte.
Sie freute sich auch ganz und gar nicht auf das Gespräch, das sie gleich mit Drew führen musste.
Sie würden die bevorstehende Hochzeit, in die sie so viel Planung gesteckt hatten, leider verschieben müssen.
Denn ausgerechnet an diesem Tag würden Repräsentanten aller Hexenzirkel Großbritanniens in Tarbet eintreffen, um in der folgenden Nacht alle zusammen Beltane zu feiern. In Mrs MacDonalds Aufzeichnungen hatte Fionna schon gelesen, dass alle dreißig Jahre eine solche Zusammenkunft stattfand und dass eine gewisse Gwyneth Vigil aus Wales die oberste Vorsitzende aller »Heimatvereine« war.
Vorher war sich Fionna nicht einmal hundertprozentig sicher gewesen, dass es außer jenem in Tarbet noch andere Hexenbünde gab. Diese Gwyneth hatte sich auch nicht bei ihr gemeldet, als Fionna neue Oberhexe geworden war. Trotzdem hatte sie ganz offensichtlich davon gewusst.
Und so hatte Fionna heute völlig aus dem blauen Dunst heraus erfahren, dass der Tarbeter Zirkel in etwas mehr als einem Monat Gastgeber dieser Zusammenkunft spielen musste. Die alte Dame mit dem walisischen Akzent hatte auch nicht so geklungen, als ob Fionna Verhandlungsspielraum hätte, was Ort und Zeitpunkt der Zusammenkunft betraf. Tarbet sei dran und es wäre eine gute Gelegenheit, zu erfahren, wie es dort nach Mrs MacDonalds Tod so zuging. Man hätte ja schon einiges gehört.
Fionna hatte eine Ahnung, dass die ganze Sache eine Art Test und der kurzfristige Termin absichtlich gewählt war. Jetzt musste sie das Fest wohl oder übel ausrichten und die Hochzeit verschieben.
Seufzend wischte sie ein paar Tränen weg und stand auf. Es half alles nichts. Sie konnte das Gespräch mit Drew nicht weiter hinausschieben.
Fionna nahm ihre Kiste und verließ den Keller. Oben auf der Treppe stellte sie den Bücherkarton ab, um das Licht auszuknipsen. Summend flimmerten die Neonröhren, bevor sie ausgingen. Der Keller wurde dunkel. Fionna machte die Kellertür hinter sich zu und hatte auf einmal ein schlechtes Gefühl im Magen.
Als ob sich die Tür zu ihrer Vergangenheit schloss – aber die Tür zu einer rosigen Zukunft, durch die sie jetzt eigentlich hätte gehen sollen, die öffnete sich nicht. Die Heirat mit Drew, der Einzug in das schöne Haus in Tarbet – der auch irgendwie ihre Rolle als Oberhexe noch einmal zementierte … Das alles konnte sie jetzt erst einmal vergessen.
Dann diese Zusammenkunft … Sie hatte es schon schwer genug gehabt, von allen Hexen im Bunde als neues Oberhaupt akzeptiert zu werden. Eine Rebellion, die von ihrer Mutter angeführt worden war, hatte nicht nur schreckliche persönliche Folgen gehabt, sondern auch zur Verbannung der Hexen geführt, die sich Rosa angeschlossen hatten. Der Hexenbund war mittlerweile recht dezimiert. Fionna hatte nicht gewusst, dass sie von einer höheren Instanz beobachtet und bewertet wurde. Dass sie sich denen auch noch beweisen musste.
Als sie ihren Keller und das Haus ihrer Mutter verließ, kam es Fionna so vor, als ob der Boden unter ihren Füßen sich sehr, sehr wackelig anfühlte.
Fionna stellte die Kiste in den Kofferraum ihres Autos und warf einen letzten Blick auf das Haus, in dem sie aufgewachsen war, in dem ihre Mutter sie dazu erzogen hatte, nichts von sich zu halten. Auf einmal war sie wieder das pummelige, griesgrämige Mädchen und es beschlich sie das Gefühl, dass sie in ihrem aktuellen Leben eine Hochstaplerin war.
Der gut aussehende Spitzenkoch als Ehemann, der mit dir eine Familie gründen will … die Kunden im Restaurant … die Schwestern im Tarbeter Bund und dann die Hexen in den anderen Hexenzirkeln … bald werden sie merken, dass du sie nur geblendet hast, dass du zu nichts taugst, dass du nicht gut genug bist …
Fionna schüttelte verärgert die innere Stimme ab, die sie als junges Mädchen so oft in ihrem Kopf vernommen hatte und die sich verdächtig wie die ihrer Mutter anhörte, und stieg ins Auto ein.
Die Hochzeit war nur verschoben, das mit dem Haus würde sich auch irgendwie regeln, und vielleicht war Tarbet wirklich dran, Gastgeber der Zusammenkunft zu sein. Sie hatte alle Probleme im Hexenbund im letzten Jahr einigermaßen in den Griff bekommen. Mrs MacDonald hatte sie wohlüberlegt als Nachfolgerin bestimmt … und außerdem musste sie sich von dieser Gwyneth oder anderen Hexen ja gar nichts sagen lassen.
Es würde schon alles gut werden. Sie würde es meistern.
Lara schaute stirnrunzelnd in den Wischeimer. Eigentlich hätte das Wasser schwarz vor Dreck sein müssen. Aber nachdem sie einmal mit dem Putzen angefangen hatte, schien der Zustand des Hauses gar nicht mehr so schlimm. Sie war davon ausgegangen, dass potenzielle Käufer des Thistle Inn nicht über den unhygienischen Zustand hinwegsehen konnten. Sie hatte sich nicht von der Notwendigkeit, hier ordentlich sauber zu machen, abschrecken lassen. Im Gegenteil, es schien ihr ein geringer Preis für das, was sie dafür bekam.
Und jetzt kam sie mit der Reinigung erstaunlich schnell voran. Die Küche war schon blitzblank.
Sie zuckte mit den Schultern, goss das Wischwasser in den Ausguss und stellte den Eimer ab. Als Nächstes würde sie sich das Schlafzimmer vornehmen. In dem roch es definitiv etwas muffig.
Kein Wunder, fiel ihr auf, als sie die Tür zu dem Raum aufmachte und das Licht anknipste. Hier waren die Fensterläden dicht gemacht worden – wer wusste, wie lange schon. Mit ein paar Schritten hatte sie das kleine Zimmer durchquert und zog das Rollo hoch. Dann machte sie das Fenster weit auf.
Lara sah sich um. Im Gegensatz zur Küche war hier auf jeden Fall einiges zu tun. Ausgeblichene Flecken an den Wänden zeigten ihr, wo einmal für lange Zeit Bilder gehangen hatten. Am besten strich sie die Wände hier in einem sonnigen Gelb, um das Zimmer etwas aufzuhellen. Die Kommode, das einzige Möbelstück im Raum, würde sie behalten. Es gab auch noch einen sehr tiefen Wandschrank. Damit hatte sie mehr als genug Stauraum für ihre Sachen.
Skeptisch betrachtete sie jedoch das altmodische Kastenbett. Darin wollte sie auf keinen Fall schlafen. Es war ungemütlich und auch irgendwie unheimlich. Ihre ersten Nächte hier hatte sie in einem der Gästezimmer verbracht. Die Betten dort waren okay, aber die brauchte sie schließlich für Gäste.
Einen Schreibtisch für das Wohnzimmer hatte sie schon eingeplant, aber sie würde das Budget dafür kürzen müssen, damit sie sich ein neues Bett leisten konnte.
Wahrscheinlich musste man das Kastenbett zu Kleinholz zerschlagen, um es hier rauszubekommen, dachte sie, als sie zurück in die Küche ging.
Sie setzte sich auf ihre jetzt saubere Küchenbank und fuhr den Laptop hoch. Sie war froh, dass es mit dem Telefon- und Internet-Anschluss so unheimlich schnell geklappt hatte. So konnte sie bequem im Netz nach Schnäppchen für ihr neues Heim suchen.
Sie hatte gerade die Seite eines bekannten schwedischen Möbelhauses aufgerufen, als ihr Telefon klingelte. »Lara Grimm, Thistle Inn«, antwortete sie und verzog nicht zum ersten Mal angesichts dieser Begrüßung das Gesicht. Als sie sich entschied, den Namen des B&Bs beizubehalten, hatte sie nicht daran gedacht, dass er sich auf ihren Nachnamen reimte.
Aber es war einfach praktisch und die beste Lösung, das B&B nicht umzubenennen. Frühere Gäste würden es so wiederfinden und nicht durch einen neuen Namen verwirrt sein. Außerdem gefiel er ihr: Die Distel war ein Symbol für die schottischen Highlands und die Bezeichnung zog so Touristen an.
»Hallo Lara, hier spricht Dessie Reid. Von Dessie’s B&B.«
»Dessie … Hallo!«, antwortete Lara überrascht.
»Hi, ähhm, ich habe eine etwas ungewöhnliche Bitte an Sie und ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht krumm, aber …«, druckste Dessie herum. »Ich möchte nicht als Konkurrentin rüberkommen, die Ihnen verbieten will, Reservierungen anzunehmen, das haben wir hier in Tarbet in der Touristensaison ja eigentlich nicht nötig.« Dessie lachte nervös und kam dann endlich zur Sache: »Der hiesige Heimatverein richtet in ein paar Wochen ein großes Treffen mit anderen Vereinen aus Großbritannien aus, und zwar Ende April, Anfang Mai. Da werden dann in Tarbet und Umgebung die Repräsentanten dieser Vereine anreisen und auch Unterkünfte benötigen.«
»Okay …«, antwortete Lara langsam, weil sie sich nicht sicher war, worauf Dessie hinauswollte.
»Es kann sehr gut sein«, beeilte die sich zu sagen, »dass ein paar sich bei Ihnen im Thistle Inn einquartieren möchten. Wissen Sie, die ehemalige Besitzerin, Mrs MacDonald, war erste Vorsitzende des Heimatvereins und vielleicht fragt jemand bei Ihnen nach einem Zimmer an, im Glauben, dann bei Mrs MacDonald zu nächtigen. Es wäre besser, wenn Sie die Personen stattdessen gleich an mich weiterleiten, um Missverständnissen vorzubeugen. Die meisten der … äh … heimatverbundenen Damen sind nämlich in den Ardgartan Lodges eingemietet und der Rest soll bei mir unterkommen.«
Lara verzog das Gesicht. »Welches Datum genau soll das sein?«
Aber sie musste gar nicht in ihr brandneues Reservierungsbuch schauen, um zu wissen, wie es mit Buchungen an diesen Tagen aussah.
Sie hatte bisher ganz genau einen Anruf bekommen, von einer Dame von der Insel Mull, die beide Gästezimmer für vier Personen für exakt den genannten Zeitraum reserviert hatte. Lara war vor Freude in der Küche herumgetanzt und hatte sich sogar ein Glas Sekt eingeschenkt, um mit sich selber anzustoßen.
Das sagte sie Dessie natürlich nicht. »Ach ja, ich sehe, da wurde tatsächlich schon gebucht, aber ob die Gäste wegen dieses Treffens hier sind, das weiß ich natürlich nicht.«
»Hmm, wo sind die Gäste denn her?«
Lara schluckte. Dann sagte sie zögerlich: »Ich bin neu hier und ich will Tarbet zu meinem Zuhause machen. Ich möchte es mir auf keinen Fall mit jemandem verderben, weder mit dem Heimatverein noch mit Ihnen oder anderen Gasthausinhabern. Aber Sie verstehen sicher, dass ich die persönlichen Daten meiner Gäste nicht weitergeben möchte.«
»Ja, natürlich«, stimmte Dessie rasch zu. »Okay, dann lese ich hier mal von der Liste vor, wo die Heimatvereine her sind … also, mehrere aus Wales, Dover, Pendle, Insel Mull …« Dessie ratterte noch einige weitere Namen herunter, aber Lara hörte schon nicht mehr zu.
Sie nagte auf ihrer Unterlippe herum und dachte fieberhaft nach. Sie wollte ungerne zugeben, dass sie völlig neu in diesem Metier war und nicht wusste, wie sie sich in einer solchen Situation verhalten sollte.
Aber sie war darauf angewiesen, dass die Zimmer während der Touristensaison vermietet wurden, sonst würde sie sich einen Nebenjob suchen müssen. Was wiederum dazu führen würde, dass sie nicht viel Zeit zum Schreiben hatte.
Schließlich sagte sie Dessie zu, dass sie die Gäste anrufen und klarstellen würde, dass das Thistle Inn nicht länger der Vorsitzenden des Heimatvereins gehörte. Und dass Zimmer in Dessie’s B&B für die Gäste dieses Zusammentreffens freigehalten würden. Dann konnten die Damen sich immer noch entscheiden, ob sie die Reservierung im Thistle Inn aufrechterhalten wollten oder nicht.
Aber als Lara sich von Dessie verabschiedet hatte und auflegte, wusste sie schon, dass sie diesen Anruf nicht tätigen würde. Sie brachte es nicht übers Herz. Und sie fand es auch ein bisschen unfair. Es war schließlich nicht ihre Schuld, dass die Frau, die reserviert hatte, nicht stutzig geworden war, als Lara ihren Namen am Telefon nannte. Wenn die Damen des Heimatvereins der Insel Mull noch herausfinden sollten, dass Mrs MacDonald verstorben war und das Thistle Inn den Besitzer gewechselt hatte, dann konnten sie selber ihre Reservierung stornieren.
Und wenn Dessie oder sonst wer fragte, dann würde sie einfach behaupten, sie hätte versucht anzurufen, niemanden erreicht und es dann vergessen.
Es konnte ihr ja wohl keiner übel nehmen, dass sie sich keine besondere Mühe dabei gab, ihre Gäste wieder loszuwerden.
Auf der Fahrt nach Hause piepte Fionnas Handy, das wieder Empfang hatte. In Tarbet gab es einige Löcher im Handynetz und der Keller der Simmonds war eines davon.
Fionna erwartete von mehreren Personen zu hören und fuhr links ran. Vielleicht hatte ja jemand zur Abwechslung mal eine gute Nachricht für sie. Gespannt hörte sie ihre Voicemail ab.
»Fionna, Dessie hier«, hörte sie die Stimme der befreundeten B&B-Besitzerin, der die Junghexen vor einigen Jahren das Leben gerettet hatten. »Ich habe Lara Grimm angerufen, wie besprochen. Sie wollte nicht recht mit der Sprache herausrücken, Datenschutz und so weiter. Ist ja verständlich. Aber sie hat eine Reservierung für beide Zimmer genau für den Zeitraum, an dem das große Treffen stattfinden soll. Ich glaube, uns ist jemand zuvorgekommen …«
Fionna hörte sich den Rest der Nachricht an und pfefferte das Handy verärgert auf den Beifahrersitz. Es schien, als hätte diese Gwyneth alle anderen Hexenzirkel informiert, bevor sie Fionna angerufen hatte. Das Ganze roch immer mehr nach einem Test.
Und Gwyneths Anweisung, dass alle auswärtigen Hexen im von ihr genehmigten B&B unterkommen sollen, war wahrscheinlich auch nur reine Schikane. Es konnte ja keiner wissen, dass diese ominöse Lara Grimm weiterhin die zwei Fremdenzimmer im Thistle Inn unter demselben Namen vermieten würde. Was sie in Fionnas Augen noch verdächtiger machte.
Fionna schnappte sich das Handy und rief Dessie zurück. »Lass doch bitte einfach zwei Doppelzimmer frei, für den Fall, dass die Thistle Inn-Gäste doch lieber mit allen anderen bei dir wohnen möchten. Wenn sie die Zimmer nicht nehmen, dann zahle ich die. So haben wir beide Möglichkeiten abgedeckt.«
Nachdem sie den Anruf beendet hatte, fiel ihr Blick auf die Bäckerei, vor der sie zufällig geparkt hatte. Sie kämpfte ein bisschen mit sich, aber dann stieg sie aus. Wenn es einen Tag gab, an dem sie sich mal ein heimliches Vergnügen gönnen konnte, dann wohl heute.
Wenige Minuten später kam sie mit einer Tüte Windbeutel in der einen und einer Schachtel Empire Biscuits in der anderen Hand wieder aus der Bäckerei. Als sie ins Auto einstieg, kam ihr der Gedanke, dass sie auch zum Restaurant hätte fahren und sich dort etwas von der Himbeer-Mandel-Tarte aus dem Kühlschrank hätte nehmen können. Eine süße Köstlichkeit von bester Qualität, und wenn sie Lust darauf hatte, hielt sie nichts ab, davon zu naschen. Dafür musste sie sich nicht schämen.
Aber genau das war es, was sie jetzt wollte. Anspruchsloses Naschwerk aus der Bäckerei, bei dem es allein auf den hohen Zucker- und Sahnegehalt ankam. Die alten Favoriten.
Fionna hatte bereits zwei Empire Biscuits vertilgt, bevor sie zu Hause ankam.
Erst als sie ausstieg, merkte sie, dass Drews Auto nicht in der Garage stand und er noch gar nicht von der Arbeit nach Hause gekommen war.
Sie war so erleichtert, dass sie einen Windbeutel direkt aus der Tüte futterte. Und, weil sie sich anscheinend noch ein bisschen mehr bestrafen wollte, holte sie ihr Brautkleid aus dem Schrank und hängte es an die offene Tür. Es war ihr egal, dass ihre Finger klebrig waren; es spielte ja eh keine Rolle. Sie machte den Reißverschluss der Kleidertasche auf und zog sie herunter, sodass das schöne weiße Kleid in seiner ganzen Pracht da hing.
Fionna betrachtete es seufzend, während sie den Windbeutel aufmampfte. Dann zog sie sich aus und probierte das Kleid an. Traurig betrachtete sie sich im Spiegel. Wer wusste, ob es ihr noch passen würde, wenn die Hochzeit irgendwann mal stattfand. Sie konnte ihre Diät höchstens noch ein paar Wochen durchhalten – angesichts ihres heutigen Abstechers in die Bäckerei war sogar das fraglich. Wenigstens jetzt saß das Kleid noch wie angegossen. Es war tröstlich, es ein bisschen anzubehalten.
Monster, Fionnas riesiger rotgetigerter Maine-Coon-Kater, der friedlich auf dem Bett ein Nickerchen gehalten hatte, hob den Kopf und blinzelte.
Fionna lächelte traurig. »Schön, oder? Tja, jetzt hast du mich wenigstens darin gesehen, Monster.«
Sie war gerade in die Küche gegangen, um die kandierten Kirschen von den restlichen Empire Biscuits zu verputzen, als ihr Telefon klingelte.
Es war Birdie. »Rate mal, wen ich gerade im Fisherman’s Café getroffen habe? Lara Grimm.«
Fionna hatte alle Junghexen damit beauftragt, nach der deutschen Frau Ausschau zu halten, und jede Gelegenheit zu nutzen, um etwas über sie herauszufinden. Sie war recht froh, dass Lara ausgerechnet Birdie über den Weg gelaufen war. Von allen Junghexen war sie am unscheinbarsten und erweckte am wenigsten Argwohn.
Sie wirkte klein und zerbrechlich wie ein Vogelbaby, was ihr ihren Spitznamen eingebracht hatte – eigentlich hieß sie Petunia. Ihre oft zerzausten mausbraunen Haare ließen sich mit einem Vogelnest vergleichen. Sie war tatsächlich nicht gerade ein Aushängeschild für ihren Friseursalon, den sie im Wohnzimmer ihres kleinen Cottages betrieb. Da es der einzige Salon in Tarbet war, hatte sie trotzdem immer genug Kunden. Ihr knöchriges Gesicht mit den riesig wirkenden Augen war definitiv nicht im konventionellen Sinne attraktiv. Und die Brille, die Birdie trug, um ihren übernatürlich guten Sehsinn zu kompensieren, der sie im Alltag nur behinderte, half dabei auch nicht gerade.
Lara Grimm wäre sicherlich mehr eingeschüchtert und weniger offen gewesen, wenn sie von der sehr hübschen blonden Kräuterhexe Penny Reid angesprochen worden wäre. Oder von Birdies bester Freundin, Wetterhexe Jem Rivers, die groß war und selbstbewusst auftrat. Beide hatten eine sehr direkte Art.
Jems Schwestern Tessa und JoJo waren Teenager und viel zu jung, um sich mit einer erwachsenen Frau überzeugend anzufreunden.
Die gesellige Amerikanerin Bethany Prince Campbell, die Geister sehen konnte, hätte sicherlich keine Probleme damit gehabt, Lara anzusprechen, aber sie machte nicht gerade einen bodenständigen ersten Eindruck und die Chancen standen fünfzig zu fünfzig, ob Lara eine solche Art mochte oder nicht. In jedem Fall wohnte Bethany mit ihrem Mann im etwa sechzig Meilen entfernten Oban, was das zufällige »Über-den-Weg-Laufen« etwas schwierig machte.
Dasselbe traf auch auf Tara Baird zu, die seit Kurzem in London lebte. Was wahrscheinlich ganz gut war, denn obwohl Tara sich in den letzten Monaten ziemlich gewandelt hatte, reagierten die meisten Leute etwas gereizt auf sie. Wenn man sich andauernd auf die Emotionen anderer Menschen aus der Vergangenheit einlassen musste, dann hatte man wohl nicht mehr ausreichend Bandbreite, um seinen Zeitgenossen in der Realität freundlich und empathisch gegenüberzutreten, nahm Fionna an.
Hätte Fionnas beste Freundin und rechte Hand Andie McLeod nicht ihren Wohnsitz unter der Woche in Glasgow, dann wäre die besonnen und vernünftig wirkende brünette Hellseherin ihre erste Wahl gewesen, sich mit Lara anzufreunden.
Aber so war Birdie tatsächlich Fionnas beste Chance, etwas über die deutsche neue Besitzerin »ihres« Hauses zu erfahren.
Fionna freute sich, dass endlich einmal etwas nach ihren Vorstellungen ablief.
»Schieß los«, sagte sie.
»Ich habe mich einfach zu ihr an den Tisch gesetzt«, erklärte Birdie. »Sie scheint froh zu sein, soziale Kontakte in Tarbet zu finden – ich habe wirklich das Gefühl, sie will sich hier gerne integrieren.«
»Hört sich so an, als ob du dich gut mit ihr unterhalten hast.«
»Ja – sie ist richtig nett. Frisch geschieden, keine Kinder. Hat wohl eine schwere Zeit durchgemacht, aber mir natürlich nicht gerade auf die Nase gebunden, was genau das bedeutet. Sie ist Buchautorin und will hier ein Buch schreiben – einen historischen Liebesroman über den Clan MacFarlane. Sie schien ehrlich sehr glücklich, dass ihr Fortuna nach langer Zeit endlich wieder hold war und sie über das Thistle Inn gestolpert ist. Sie konnte es sich gerade so leisten und will ihren Lebensunterhalt mit der Vermietung der Zimmer bestreiten. Also, wenn sie mir das alles nur vorgegaukelt hat, dann ist sie eine begnadete Schauspielerin. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass sie eine Hexe ist, irgendwelche versteckten Beweggründe hat und dir Mrs MacDonalds Haus vorsätzlich vor der Nase weggeschnappt hat. Oder dass sie als Spionin der Oberhexe aus Wales hier ist oder so …«
»Hmm«, machte Fionna. »Nur der Zeitpunkt ist halt sehr verdächtig.«
»Jaaa. Und natürlich ist es möglich, dass sie ebenfalls übernatürliche Fähigkeiten oder eine Verbindung zu Mrs MacDonald hat oder so. Das würde sie mir natürlich nicht bei einer ersten Begegnung im Fisherman’s bei einem Sandwich erzählen.«
»Stimmt. Du musst unbedingt dranbleiben. Lad sie auf einen Kaffee bei dir ein und mache subtile Andeutungen zum Heimatverein und so weiter. Wenn sie so darauf aus ist, hier Freundschaften zu schließen, ist sie bestimmt froh, wenn du sie einlädst.«
»Okay, ich mache es gerne. Sie ist wirklich nett.«
»Hast du schon erwähnt«, brummte Fionna.
Nachdem sie aufgelegt hatte, biss sie gedankenverloren in einen Windbeutel und hörte gar nicht, wie die Wohnungstür aufging.
Als plötzlich Drew in der Küche stand, hielt sie mitten im Kauen inne.
Die Backen voller Sahne, murmelte sie: »Hallo …« Beschämt schaute sie an sich herunter. Hier saß sie in der Küche, Kekskrümel im Dekolleté, wahrscheinlich mit Sahne und Marmelade im Gesicht. Und gerade noch hatte sie sich damit getröstet, wenigstens hübsch in ihrem Brautkleid auszusehen.
Doch neben Drew, der auch nach einer langen Schicht in der Küche des Restaurants mit seinen vollen dunklen Locken und seiner schwarzen Lederjacke über dem weißen T-Shirt noch wie ein cooler, frisch geduschter Adonis aussah, fühlte sie sich wie ein kleines Schweinchen.
Wahrscheinlich erübrigte sich die Mitteilung, dass die Hochzeit nicht wie geplant stattfinden würde, nachdem er sie hier so sah.
»Erwischt«, sagte Fionna traurig.
»Ich nehme an, Kuchen ist bei deiner Brautkleid-Diät nicht erlaubt?«, fragte Drew lächelnd und zeigte dabei seine Grübchen.
Fionna schüttelte den Kopf und merkte, wie ihr Tränen in die Augen schossen.
»Hey, das war doch bloß ein Scherz«, sagte Drew erschrocken, setzte sich neben sie und nahm zärtlich ihre Hand. »Was ist denn passiert?«
Fionna holte tief Luft und kniff die Augen fest zusammen, um weiteres Tränenvergießen zu verhindern. »Wir müssen die Hochzeit verschieben.«
Nachdem sie Drew alles so gut wie möglich erklärt hatte, machte sie ein Auge wieder auf. Er sagte nichts. Wie sah er aus? Wütend? Enttäuscht?
Doch sie konnte keine dieser Emotionen auf seinem Gesicht erkennen. Mit gutmütiger Miene nahm er ihr den Rest des Windbeutels weg, den sie immer noch in der anderen Hand hielt. Überrascht öffnete Fionna auch das andere Auge.
»Deshalb stopfst du dich hier mit Kuchen voll?«, sagte er schließlich. »Das ist doch kein Grund für so ein Frustessen. Aber hey, wenn du naschen willst, dann tu das einfach. Meinetwegen kannst du eine ganze Wagenladung Kuchen essen, wenn es dich wirklich glücklich macht. Mir ist es völlig egal, welche Größe dein Kleid hat. Oder welche Größe du hast. Ich dachte, das wäre längst schon klar gewesen. Ich heirate dich auch noch, wenn sie dich mit einem Kran ins Kirk liften müssen.« Er beugte sich zu ihr hinüber. »Und da ich sowieso den Rest meines Lebens mit dir verbringe, egal, was in deinem verrückten Hexenleben noch auf dich zukommt, macht es mir auch nichts aus, ob wir nächsten Monat im Kirk heiraten, irgendwann im Sommer, nächstes Jahr oder morgen auf dem Standesamt. Du wolltest die große Feier, mir ist das egal. Und jetzt komm her und gib mir einen dicken Sahne-Marmeladen-Kuss, wenn du mir, so wie es aussieht, schon keinen ganzen Windbeutel mehr übrig gelassen hast.«
Fionna musste kichern und ließ sich erleichtert in Drews Arme sinken. Vielleicht war doch alles gar nicht so schlimm. Sie musste nur dieses blöde große Hexentreffen irgendwie hinter sich bringen. Mit diesem Mann an ihrer Seite war und blieb sie ein Glückspilz, egal, was kommen würde.
Lara war völlig eingenommen von der Geschichte, die Tarbet und Arrochar geprägt hatten. Sie stand auf einer Anhöhe im Wald oberhalb von Arrochar und hatte eine wundervolle Aussicht auf den Loch Long. Sie konnte sich die Flotte Wikingerschiffe bildlich vorstellen, die im Nebel auftauchten und auf sie zu segelten. Es musste ein faszinierender Anblick gewesen sein, wie König Haakons Krieger die langen Boote über die kaum zwei Meilen breite Landbrücke zwischen Arrochar und Tarbet trugen. So waren die Wikinger vom Loch Long zum Loch Lomond und damit ins Innere Schottlands gelangt, wo sie ihre Raubzüge hatten fortführen können. Es gab bestimmt spannende Geschichten aus dieser Zeit zu erzählen … vielleicht würde sie diese eines Tages aufschreiben.
Aber jetzt war sie eigentlich auf den Spuren des Clans MacFarlane unterwegs.
Gerade hatte sie sich Tighvechtican angeschaut, das Wachhaus am Hang von Stronafyne Hill. Von diesem strategisch gut gelegenen Ausguck sollen die MacFarlanes nach Feinden Ausschau gehalten haben – oder nach Vieh. Die MacFarlanes waren notorische Viehdiebe.
Schweren Herzens kehrte sie dem Ausblick den Rücken zu und machte sich auf den Weg nach Hause. Vielleicht hatte sie noch Zeit, ein paar Minuten lang über den alten Ballyhennan-Friedhof zu schlendern, um Ideen für die Namen ihrer Charaktere zu sammeln.
Lara genoss den Spaziergang durch den gemischten Laubwald am Rande des Argyll National Forest, der oberhalb von Tarbet begann. Nur überkam sie dabei immer mehr das ungute Gefühl, als würde ihr jemand folgen. Sie hatte sich schon mehrere Male umgedreht und dabei nichts anderes entdeckt als das eine oder andere rote Eichhörnchen, das über den Pfad huschte.
Die Eschen, Birken und Eichen standen nicht so dicht, dass sich ein Verfolger wirklich gut hätte verstecken können. Als sich Lara bei diesem Gedanken erwischte, rollte sie mit den Augen. Warum sollte sie jemand verfolgen? Woher kam die plötzliche Paranoia?
Sie lief ständig hier in der Gegend herum und hatte noch nie Angst gehabt. Aber das Gefühl ließ sich einfach nicht abschütteln. Sie spürte tatsächlich ein Kribbeln im Nacken und konnte zum ersten Mal das sprichwörtliche »Haare-zu-Berge-Stehen« nachvollziehen. Ihr siebter Sinn schien irgendetwas zu ahnen, aber immer wenn sie sich umsah, war sie allein auf weiter Flur. Als Lara bei einem Blick über die Schulter schon wieder das rote Eichhörnchen sah, blieb sie stehen und drehte sich langsam um.
Das putzige Tierchen saß am Waldrand und hatte etwas zwischen den Pfoten. Es war unmöglich zu sagen, ob es dasselbe Eichhörnchen war, das sie schon zuvor gesehen hatte.
»Sei doch nicht blöd«, redete sie sich zu. »Warum sollte dich ein Eichhörnchen verfolgen?«
»Hallo, Lara!«, sagte eine Stimme hinter ihr.
Lara sprang gefühlt einen Meter in die Luft vor Schreck. Mit geweiteten Augen wirbelte sie herum und fasste sich dann ans Herz.
»Gott! Birdie, du bist es!«
»Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken«, entschuldigte sich Birdie, die aus Richtung Tarbet um die Biegung des Weges gekommen war. »Habe ich dich beim Proben von Dialogen für dein Buch unterbrochen oder nur beim guten alten Selbstgespräch?«
»Tatsächlich beim Selbstgespräch«, gab Lara zu und übersetzte, was ihr gerade auf Deutsch rausgerutscht war.
»Was für ein Eichhörnchen?«, wollte Birdie wissen.
»Das da …« Lara zeigte auf die Stelle. »Ah, jetzt ist es weg. Ein rotes Eichhörnchen. Ich hätte schwören können, es folgt mir.«
»Ach, von denen gibt es hier viele«, meinte Birdie mit wegwerfender Handbewegung. »Hast du noch nicht von den Eichhörnchen-Kriegen gehört?«
Lara schüttelte verwundert den Kopf.
»Die roten Eichhörnchen sind hier heimisch und stehen unter Naturschutz. Denn die grauen Eichhörnchen verbreiten sich immer mehr und die sind Träger der sogenannten Eichhörnchenpocken. Selber sind sie resistent, aber rote Eichhörnchen könnten durch die Krankheit ausgerottet werden.«
»Aha. Dann ist es ja gut, wenn ich das Gefühl habe, ich werde von ihnen verfolgt. Das muss heißen, hier in dieser Gegend sind sie noch nicht in Gefahr.«
»Sieht ganz danach aus. Wie geht es dir denn?«, wechselte Birdie das Thema. »Hast du dich an den neuen Look gewöhnt?«
Lara strich sich über die kurzen Haare. Bei einem Besuch in Birdies Frisörsalon hatte sie sich letztens die lange Mähne, die ihr Mann immer so toll fand, abschneiden lassen. Außerdem hatte Birdie Lara dazu überredet, statt blonder Strähnchen einen dunkleren Haarton auszuprobieren.
»Gefällt mir immer noch super. Und praktisch ist die Frisur noch dazu. Auch sonst geht es mir gut. Ich habe mir vormittags eine schöne Spaziergang-und-Schreib-Routine angewöhnt. Nachmittage halte ich mir frei für Erledigungen und wenn ich Zeit habe, recherchiere ich fleißig. So komme ich gut mit dem Buch voran.«
»Toll. Jetzt müssten doch die ersten Gäste bei dir eingetroffen sein, oder? Hoffentlich kannst du dich dann auch noch an deine Routine halten, wenn deine B&B-Pflichten rufen«, gab Birdie zu bedenken.
»Ich denke schon. Es sind ja immer nur höchstens vier Gäste und ich muss bloß entsprechend mehr zum Frühstück machen. Bei mir gibt es Frühstück nur bis halb neun, aber da viele Touristen Wanderer sind, die früh raus wollen, werde ich da selten Beschwerden haben, denke ich. Und sauber machen, Betten neu beziehen und Wäsche waschen sollte ich nachmittags hinbekommen!«
»Deine aktuellen Gäste sind doch Repräsentanten eines Heimatvereins, die zu unserem großen Treffen hier sind, nicht wahr?« Als Birdie Laras Gesichtsausdruck sah, beeilte sie sich zu sagen. »Ich hab dir doch erzählt, dass ich im Heimatverein aktiv bin und das Treffen mit organisiert habe, oder?«
»Ach so, ähm, ja, es sind vier Damen von einem … Heimatverein, ich glaube schon«, druckste Lara ein wenig herum. Je weniger sie zugab, desto besser. Sonst würde noch herauskommen, dass sie Dessie Reids Bitte vor ein paar Wochen einfach ignoriert hatte.
»Das sind doch die von der Insel Mull, oder?« Birdie kam näher und schlug einen verschwörerischen Ton an. »Ich kenne die nicht persönlich, aber man munkelt, dass die etwas … schwierig sind. Stimmt das?«
Lara wunderte sich über Birdie. Sie hatte sie bisher eigentlich nicht für jemanden gehalten, der etwas auf Klatsch und Tratsch gab. Aber vielleicht ging es hier ja einfach wieder darum, dass die Gäste woanders hätten ein Zimmer mieten sollen? »Schwierig? Hmm, nein, eigentlich nicht. Sie wirkten etwas enttäuscht, dass ich nicht auch dem Heimatverein angehöre. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat die Vorbesitzerin des Thistle Inn den Verein geleitet?«
Birdie nickte.
»Aber es schien ihnen nichts auszumachen«, sagte Lara schnell. »Sie sind alle ganz umgänglich.«
»Dann ist ja gut.« Birdie lächelte. »Dieses Treffen hier bei uns veranstalten zu dürfen, ist eine große Ehre … und, ehrlich gesagt, ziemlich viel Arbeit und Verantwortung.« Birdie zog eine Grimasse, was ihr Gesicht noch ein bisschen ulkiger aussehen ließ. Lara musste unweigerlich lachen.
»Wir wollen einfach nur, dass sich alle Gäste hier wohlfühlen und niemand Grund zur Beschwerde hat. Aber ich bin mir sicher, bei dir sind die Damen aus Mull sehr gut aufgehoben«, versicherte ihr Birdie. »So, und jetzt muss ich auch weiter, denn ich treffe mich gleich mit Fionna, unserer Vorsitzenden, um letzte organisatorische Sachen zu klären, für das große Fest heute Abend.«
»Hört sich wirklich nach sehr viel Arbeit an«, antwortete Lara. »Ich hoffe, ihr habt auch Spaß dabei.«
»Den werden wir bestimmt haben. Bis bald!« Birdie winkte und machte sich auf den Weg.
Lara machte ein paar Schritte in Richtung Tarbet, war aber völlig in Gedanken versunken.
Dieser Heimatverein schien ja eine ziemlich große Sache zu sein, hier in Tarbet. Lara war ein kleines bisschen enttäuscht, dass Birdie sie nicht zu dem großen Treffen eingeladen hatte. Sie mochte die zierliche junge Frau und hätte nichts dagegen, noch mehr Anschluss in Tarbet zu finden.
Wahrscheinlich sollte sie das Birdie gegenüber einfach mal erwähnen. Die wusste ja gar nicht, dass sie überhaupt Interesse hatte. Eventuell gab es Aufnahmebedingungen. Zum Beispiel, dass man seine Wurzeln hier in der Gegend haben musste. Sie nahm sich vor, das bei Gelegenheit herauszufinden.
Lara konzentrierte sich wieder auf ihre Umgebung. Sie war mittlerweile schon am Bahnhof und auch am alten Friedhof der Ballyhennan Church vorbeigekommen. Sie würde sich die Grabsteine ein anderes Mal anschauen.
Jetzt erst fiel Lara auf, dass das unangenehme Kribbeln im Nacken verschwunden war. Sie hatte nicht länger das Gefühl, verfolgt zu werden. Immer wieder richtete sie ihr Augenmerk auf die Flora und Fauna rechts und links, vor und hinter ihr.
Es war nirgends auch nur ein einziges rotes Eichhörnchen zu entdecken.
Im Frühstücksraum in Dessie’s B&B war es ungewöhnlich laut. Jeder Tisch war besetzt und die vielen Frauen unterhielten sich angeregt.
Dessie und Andie flitzten von der Küchenzeile zu den Tischen und zurück und hatten alle Hände voll zu tun, um den Frühstückswünschen der Gäste nachzukommen.
Fionna fing Andie ab, die gerade mit leerer Kaffeekanne an ihr vorbeikam. »Kann ich euch vielleicht helfen?«
Andie, die eigentlich gar nicht mehr im B&B arbeitete, seit sie ihre Festanstellung bei einer Genetik-Firma in Glasgow hatte, aber die nächsten paar Tage die »Nicht-Eingeweihten«-Angestellten ersetzte, schüttelte den Kopf. »Die meisten haben schon ihr Frühstück, wir haben es fast geschafft.«
Fionna fühlte sich etwas schuldig, nicht früher gekommen zu sein, und Andie las ihr das vom Gesicht ab: »Wir hätten schon eine andere Junghexe kontaktiert, wenn es nötig gewesen wäre. Du hast momentan selber genug im Kirk zu tun, um das Fest für heute Abend vorzubereiten. Ich wette, du bist schon seit Stunden auf den Beinen, oder?«
Fionna nickte. »Birdie kam schon um halb neun und ist jetzt am Aufbauen. Ich dachte, ich komme hier vorbei, um mich vorzustellen. Dann bin ich um elf bei den Ardgartan Lodges verabredet.«
»Dann hast du ja noch etwas Zeit. Setz dich, wenn du einen Platz findest, und ich bringe dir einen Kaffee.«
Fionna hätte nichts lieber als das getan, aber erst einmal musste sie wohl ihre Gastgeber-Pflichten erfüllen. Sie holte tief Luft, ging von Tisch zu Tisch und stellte sich vor. Dabei verteilte sie noch selbst gebackene Scones als Gastgeschenke.
Am Ende rauchte ihr der Kopf vor lauter Namen, die sie sich nie und nimmer würde merken können. Erschöpft sank sie auf einen Stuhl und ließ sich von Andie Kaffee und einen Muffin bringen.
»Dieses große Treffen auszurichten ist wahrscheinlich keine leichte Aufgabe, was?«, fragte ihre brünette Nachbarin, die ihr gesagt hatte, der Stuhl neben ihr sei frei.
»Hmm?« Fionna hatte gerade in den Zitronenmuffin gebissen und musste erst einmal kauen und schlucken, bevor sie antwortete. Währenddessen überlegte sie sich, dass die Frau mit den leicht schelmisch funkelnden Augen sympathisch genug wirkte, um aufrichtig zu ihr zu sein.
»Das kannst du laut sagen. Es tut mir leid, aber ich habe schon wieder vergessen, wie du heißt!«
»Verständlich, bei so vielen Frauen. Ich bin Carolyn. Carolyn Kerrington.«
»Ach ja, ähhh … Pendle, richtig?«
»Genau! Wir sind der Hexenzirkel aus Lancashire.« Sie deutete auf die anderen Frauen am Tisch, die sich angeregt unterhielten und ein paar Jahre jünger wirkten als Carolyn. Fionna schätzte sie auf Mitte vierzig.
»Bist du die Oberhexe?«, fragte Fionna. »Tut mir leid, wenn ich das wissen sollte. Ich bin noch nicht lange Vorsitzende unseres Zirkels und hatte, ehrlich gesagt, nicht viel Ahnung von all dem.«
»Das haben die meisten nicht«, erklärte Carolyn. »Eigentlich nur ältere Oberhexen, die schon vor dreißig Jahren dabei waren. Und dann soll dreißig Jahre lang geschwiegen werden. Das kommt noch aus den alten Zeiten der Verfolgung. Wenn man nichts weiß, dann kann man auch nichts verraten.«
»Ach so, deshalb auch die Anweisung, dass man für sich behalten soll, was man für magische Fähigkeiten hat, ich verstehe.« Fionna musterte die Frau mit dem lustigen nordenglischen Akzent. »Aber du siehst mir so aus, als ob du nicht ganz so ahnungslos bist wie der Rest hier, hab ich recht?«
Carolyn lachte. Sie beugte sich zu Fionna hinüber. »Meine Großmutter war eine alte Schwätzerin, der Teufel hab sie selig. Sie hat mir so einiges verraten.«
»Dann bist du mir gegenüber klar im Vorteil«, gab Fionna zu. »Es ist gar nicht so einfach, ein Ritual zu planen, das man gar nicht kennt, ein Fest zu planen, das man noch nie gefeiert hat, und noch dazu den Gästen, die einem völlig fremd sind, einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen.«
»Das kann ich mir vorstellen! Ich bin froh, dass das Los nicht auf uns gefallen ist, wenn ich das mal so sagen darf.«
»Ach, das Los? Wird tatsächlich ausgelost? Ich dachte …« Fionna brach ab. Die Hexe aus Pendle war ihr sehr sympathisch, aber sie musste ihr ja nicht gleich all ihre Sorgen und Probleme anvertrauen.
»Ja, aber laut meiner Großmutter wird da öfter mal ein bisschen geschummelt. Manche Zirkel wollen das Fest auch gerne ausrichten, denn es ist mit Prestige verbunden. Es wurde angeblich noch nie jemand die oberste Vorsitzende aller Hexenzirkel in Großbritannien, die nicht schon mal ein solches Zusammentreffen ausgerichtet hat.« Carolyn hob die Hände. »Aber wie gesagt, das sind nur Gerüchte.«
Fionna war froh, dass zufällig gerade neben Carolyn ein Platz frei gewesen war, und ließ sich gerne noch das eine oder andere Gerücht erzählen. Besonders interessiert war sie natürlich an dem Oberzirkel aus Wales. »Kennst du diese Gwyneth persönlich?«
Carolyn schüttelte den Kopf. »Aber die muss ein ganz alter Knochen sein. So ähnlich wie eure ehemalige Oberhexe, die soll doch auch uralt gewesen sein, nicht?«
Fionna nickte nur. Sie würde Carolyn auf keinen Fall Mrs MacDonalds Geheimnis auf die Nase binden. Und wenn man es genau nahm, war Mrs MacDonald ja tatsächlich uralt gewesen, auch wenn sie nie gealtert war …
»Na ja, auf jeden Fall ist Gwyneth schon ewig unser Oberhaupt, schon so lange meine Großmutter denken konnte. Angeblich gab es davor auch schon immer oberste Vorsitzende aus den walisischen Zirkeln. Ich kann dir nicht sagen, ob es eine Art Wahl gibt oder nicht, aber meine Oma hat durchblicken lassen, dass die Hexen aus Wales immer zusammenhalten. Und da es dort mehrere Zirkel gibt, ist das wohl ein ganz schönes Geklüngel, sodass andere Hexenbünde in Großbritannien keine große Chance haben. Deshalb sind Gwyneth und Co in der Rangordnung etwas weiter oben als wir anderen.«
»Echt? Wenn es so etwas wie eine königliche Familie der Hexen gibt, dann hätte ich eher auf die da getippt.« Fionna zeigte amüsiert auf einen Tisch am gegenüberliegenden Ende des Frühstücksraums. Sie hatte schon die ganze Zeit über beobachtet, wie die drei übertrieben zurechtgemachten, aber sauertöpfisch dreinblickenden Damen Andie und Dessie triezten. Sie konnte nicht hören, was gesagt wurde, aber die Gesichtsausdrücke sprachen Bände. Dessie schien kurz vor dem Explodieren, als sie der älteren der drei zum mindestens dritten Mal Rührei brachte, das wohl immer noch nicht deren Anforderungen entsprach.
Carolyn drehte sich auf ihrem Stuhl, um besser zu sehen, wen Fionna meinte. »Ach, die ›Dover-Drei‹. So nenne ich die. Irgendwie muss man sich die vielen Zirkel und Namen ja merken.«
Keine schlechte Idee, dachte sich Fionna und fand die ›Doofen Drei‹ passender.
»Ja, die halten sich wirklich für etwas Besseres«, fuhr Carolyn fort. »Die Ältere ist die Dover-Oberhexe, Guinevere Cross. Die neben ihr ist ihre Tochter, Brielle. Und die Dritte ist ihre Nichte, Amber … Amber Thornhead. Das weiß ich so genau, weil die gestern Abend hier tatsächlich eingetroffen sind, als wären sie von Adel oder Berühmtheiten. Die kamen in einer langen schwarzen Limousine mit Chauffeur. Da gab es hier eine ganz schöne Aufregung im B&B. Weil diese Amber sich lautstark bei Dessie beschwert hat, dass ein Missverständnis vorliegen muss und sie und ihre Tante und Cousine auf gar keinen Fall in einer solchen Unterkunft zu nächtigen gedenken. Das sei unter ihrer Würde. Ob sie denn gar nicht wisse, wer sie sei. Und da hat sie ihren Namen gesagt, Amber Thornhead. Später habe ich von einem meiner Mädels erfahren, dass die tatsächlich mäßig bekannt ist, aus irgend so einer Reality TV-Serie. Die Cinderella-Show? Na ja. Und der Cross-Familie gehört halb Dover. Die haben Geld wie Heu und glauben eben deshalb wohl auch, dass sie sich nicht mit dem Fußvolk wie uns abgeben müssen.«
Fionna betrachtete die drei Frauen, die angewidert in ihrem Frühstück herumstocherten. Man hätte sie für Schwestern halten können. Guinevere musste die eine oder andere Schönheitsoperation gehabt haben, da sie nicht viel älter aussah als ihre Tochter. Alle hatten braune gewellte, unnatürlich voluminöse Haare mit perfekten Highlights und braune Rehaugen, umrahmt von langen, dichten – und wahrscheinlich falschen – Wimpern. Sie waren so stilvoll gekleidet, dass man wusste, sie hatten schon seit der Geburt Berater, die ihnen genau die richtigen Designer-Kleider und dazugehörigen Accessoires raussuchten.
Fionna war jetzt schon gespannt darauf, wie sie für das Ritual auf dem Feld heute Nacht aufkreuzen würden.
Carolyn erzählte weiter: »Jetzt sind die Dover-Drei besonders schlecht gelaunt, weil sich herausgestellt hat, dass Gwyneth den Zirkeln aus Wales und dem befreundeten Hexenbund aus Cornwall irgendwelche Luxus-Lodges gebucht hatte, bevor sie uns anderen überhaupt eingeladen hat.«
»Was für eine Schmach. Und jetzt müssen die drei mit euch in einem hundsgemeinen B&B wohnen.«
Carolyn nickte. »Dessie meinte gestern noch, es stünde ihnen ja frei, sich privat umzuschauen und eine andere Unterkunft zu suchen. Ich meine, wir sind alle froh, nicht bei Uneingeweihten zu wohnen, wo man sich dauernd vorsehen müsste, um kein Misstrauen zu erregen. Aber wenn es den dreien wichtiger ist, eine luxuriöse Unterkunft zu haben … Nur gibt es in Tarbet und Umgebung wohl nichts Besseres.«
»Ja, alles nur normale B&Bs – und das Tarbet-Hotel ist wegen Renovierungsarbeiten noch geschlossen«, erklärte Fionna.
