Der Todesengel - Joana Angelides - E-Book

Der Todesengel E-Book

Joana Angelides

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Kommissar Mahrer übernimmt einen Mordfall, dessen Aufklärung anfangs in eine völlig andere Richtung weist, bis sich ungeahnte Tiefen und Abgründe auftun und in einer Überraschung endet. Wider seiner sonstigen Besonnenheit scheint er sich emotional einzubringen und dem Reiz einer Frau zu unterliegen. Es gelingt ihm jedoch, sich daraus zu befreien und den Mord in allen seinen Facetten zu klären.  Schlussendlich kommt die Wahrheit ans Licht und die Gerechtigkeit siegt.

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Joana Angelides

Der Todesengel

Krimi

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Der Todesengel

DER TODESENGEL

 

 

 

 

Es war schon Zeit, dass der Sommer endlich wieder Einzug hielt.

 

Bellevue, das kleine Schlössel, lag inmitten eines großen Parks rund um das Haupthaus, in der lieblichen Landschaft rund um Baden bei Wien. Die grünen Fensterläden wurden neu gestrichen und die Fenster frisch geputzt. Der Rasen wurde geschnitten und die Holunderbüsche gestutzt.

 

Die Gartenmöbel standen unter den Platanen und das Seeufer war gereinigt. So geschah es jedes Jahr zu Saisonbeginn immer wieder.

 

Es wird wieder ein abwechslungsreicher Sommer werden, mit viel Musik und voller Lachen der jungen Leute. Das Schlössel gehörte der Familie Hohenberg einer Wiener Industriellenfamilie und stand der Jugend und deren Freunden traditionsgemäß den ganzen Sommer über zur Verfügung.

 

Es war weit genug vom Hauptgebäude entfernt, aber doch wieder so nahe, dass man die Infrastruktur des Anwesens nutzen konnte. War aber schwer einzusehen und so als Refugium für die Jugend prädestiniert.

 

Dr. Paul Hohenberg, der jüngste Sohn des Hauses stand auf der Terrasse vor dem Salon und blickte den beiden, die Auffahrt heraufkommenden Autos mit Freude entgegen. Er kannte die Insassen sehr gut; sie spielten schon als Kinder in dem weitläufigen Park und nun gingen sie alle auf dieselbe Universität. Sie waren außerdem die Hoffnungsträger der Oberschicht. Seine Studentenzeit war schon einige Zeit vorbei, er hatte in BWL an der WU-Wien promoviert und war in die Firma seiner Familie voll eingestiegen, aber trotzdem fühlte er sich im Kreise seiner Freunde und Studienkollegen sehr wohl. Obwohl er verheiratet war, ließ er sich die Tage dieser traditionellen Freiheit und Ausgelassenheit nicht nehmen. was immer seine Frau davon hielt. Sie waren wieder eingeladen, auch in diesem Sommer, wann immer es ihre Zeit zuließ, ganz ungezwungen zu erscheinen und an gemeinsamen Spielen und kleinen Partys teilzunehmen. Natürlich war er es, der die Party dominierte und auch für die Kosten der Verpflegung aufkam, sein finanzieller Hintergrund erlaubt ihm das. Seine Familie gehörte zu den großen Industrieunternehmen in Österreich. Dass natürlich alle sich da auch nach ihm richteten, war zwar unausgesprochen aber in der Gruppe klar. Er war sozusagen der „Leitwolf“.

 

Für dieses Wochenende waren Franziska, Clemens, Anne-Marie und Ferdi angesagt. Besonders freute sich Paul auf Anne-Marie. Sie hatten sich in den vergangenen Wochen einige Male heimlich in Wien getroffen und einige sehr heiße Nächte miteinander verbracht. Das war eigentlich ein Bruch in ihrer verschworenen Gemeinschaft und sie hielten das auch geheim. Die Vereinbarung war so, dass sie sich zu erotischen Zusammentreffen nur gemeinsam trafen und die Partner, miteinander abgestimmt, wechselnden. Sie zelebrierten diese Treffen bereits drei Sommer lang und es war bisher befriedigend und sehr anregend. Das Schlössel eignete sich dazu hervorragend, es war geräumig, hatte sechs Schlafzimmer und vier Bäder und das Personal war verschwiegen und diskret.

 

Paul lief die Treppe von der Terrasse hinunter und riss gleich die erste Wagentüre schwungvoll auf. Franziska empfing ihm mit einem sinnlichen Kuss und wie immer gierigen Händen, die sofort seine Brustnippel durch das Hemd suchten. Sie wusste, dass sie ihm damit verrückt machte. Kurz darauf lagen sie sich alle gegenseitig in den Armen und begrüßten sich stürmisch. Anne-Marie war durch ihr schlechtes Gewissen ein wenig gehemmt und verunsichert. Doch auch sie ließ sich von allen herzen und küssen und lachte mit. Die letzte inoffizielle Woche in Wien mit Paul, hatte nämlich ihre emotionalen Spuren hinterlassen.

 

„Und wer ist das?“, Paul hielt inne und blickte in die großen schwarzen Augen einer Fremden, die als Letzte aus dem Fond des Wagens stieg.

 

„Das ist Cathrine! Wir haben sie mitgenommen, weil ihre Eltern während der Ferien nicht in Wien sind und sie sonst völlig alleine wäre in der großen Stadt. Ich denke sie passt zu uns und wird eine gute Ergänzung sein!“, sagte Ferdi, griff nach ihrer Hand und zog sie in den Kreis. Cathrine konnte man als exotische Schönheit bezeichnen. Ihre schwarze, üppige Haartracht fiel auf ihre Schultern, die dunklen, großen Augen hatten einen unglaublichen Glanz und die Augenbrauen waren schwungvoll wie Schmetterlingsflügel. Ihre Eltern kamen aus Peru und besonders ihr Vater war in diplomatischen Missionen sehr viel unterwegs, manches Mal eben begleitet von seiner Frau.

 

Paul nahm ihre andere Hand, beugte sich darüber und hauchte einen Kuss darauf.

 

„Ohja, willkommen Cathrine!“.

 

Auch dieses Mal hatte Ferdi wieder eine bezaubernde Wahl getroffen. Die Überraschung von Paul war nur gespielt, denn sie bemühten sich immer wieder, allerdings mit wechselten Erfolgen, eine Außenstehende in ihren Kreis einzubringen umso zu vermeiden, dass in ihre erotischen Spiele Routine Einzug hielt. Dieses kleine Geheimnis blieb streng unter ihnen, um die Diskretion zu wahren und die Kandidatinnen nicht in Verlegenheit zu bringen.

 

Er warf Ferdi einen anerkennenden Blick zu, ohne dass es Cathrine merkte.

 

Unter fröhlichem Gelächter und Zurufen holten nun alle ihre Gepäckstücke aus dem Auto und stellten sie bei der Treppe ab.

 

Die Dienerschaft war inzwischen ebenfalls erschienen und sie trugen dann gemeinsam alles die Treppe hinauf. Zwischen der Dienerschaft und den Besuchern war ein gewisses Einverständnis zu bemerken, sie kannten sich ja nun schon seit längerer Zeit und das Geheimnis der Ereignisse verband sie irgendwie.

 

Die Gäste verschwanden in den einzelnen Zimmern, die sie ja schon kannten um sich frisch zu machen. Für Cathrine wurde rasch ein weiteres Zimmer hergerichtet und dann zog einmal vorläufig Stille ein.

 

Sie nahmen das Abendessen dann auf der großen Terrasse ein. Es waren Lampions ringsum in den Bäumen und an den Lampenkandelabern befestigt, das Essen wurde weitgehend schweigend serviert, nur leise Musik von Debussy und Vivaldi untermalte ihre spärliche Unterhaltung. Es herrschte eine gespannte Atmosphäre; sie wussten alle, warum sie hier waren und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Sie ließen ihre Blicke im Kreise schweifen, tauschten kleine Lächeln aus, die Mädchen öffneten lasziv und vielversprechend ihre Lippen und strichen langsam mit der Zunge darüber. Die Atmosphäre heizte sich langsam auf.

 

Paul konnte seine Blicke nicht von Cathrine lassen. Sie trug ein hautfarbenes Cocktailkleid mit schwarzer Stickerei am Oberteil, das lange schwarze Haar verschmolz fast mit den Ornamenten darauf und ihre ebenfalls sehr dunklen Augen glänzten im Licht der Lampions. Sie sah ein wenig ängstlich aber auch neugierig aus. Sie wusste noch nicht genau, was sie tatsächlich erwartete.

 

Anne-Marie wiederum hatte unter dem Tisch mit ihren Füßen Kontakt mit Paul gesucht und ihre Zunge befeuchtete in erregender Langsamkeit ihre Lippen. Sie hoffte auf eine Fortsetzung der erregenden Spiele der vergangenen Woche. Ferdi und Franziska tranken gemeinsam aus einem Glas. Clemens wiederum stand hinter Anne-Marie und seine Finger glitten langsam und lasziv an ihrem Nacken bis zu den Schulterblättern auf und ab. Sie unterbrach aber deswegen ihre Annäherungsversuche an Paul unter dem Tisch keinesfalls, obwohl Clemens sie erregte.

 

Durch die Musik, dem lauen Abend und dem Champagner begann sich die Situation langsam aufzuschaukeln. Sie waren alle hungrig aufeinander, ihre Lust hatten sich schon den ganzen Tag und während der Fahrt langsam aufgebaut und sie wollten nun endlich, dass die Nacht wie immer, zu einem lustvollen Erlebnis werden sollte.

 

Paul stand endlich auf und hob damit die Tafel auf.

„Wir sollten nun zum angenehmen Teil unseres Abends kommen“, sagte er halblaut und alle erhoben sich und gingen gemeinsam ins Haus.

 

Cathrine ging auf der Treppe hinter Paul und er konnte zaghaft ihre Finger an seinen Rückenwirbeln auf und abgleiten spüren. Offenbar war sie von den Freunden instruiert und eingeweiht worden. Paul erregte das sehr. Er liebte außerdem Frauen, die zeigten was sie wollten und ohne Umschweife darauf lossteuerten.

 

Ohne weitere Worte verschwanden die Pärchen, Ferdi mit Franziska, Clemens mit Anne-Marie und Paul mit Cathrine, in den jeweiligen Zimmern der Herren, doch die Türen blieben offen, das war so vereinbart und Usus. So konnten die Partner und Mitspieler auch zwischendurch eventuell die Räume wechseln und es ergeben sich zwangslos so „Menage a trois“-Situationen. und jeder konnte außerdem hören was sich in den anderen Zimmern abspielte.

 

Eigentlich hatte Paul Anne-Marie als erste Gespielin eingeplant, als Fortsetzung ihrer amourösen Treffen während der vergangen Woche in Wien, sozusagen. Doch nun war er von der exotischen Schönheit Cathrins so gefangen, dass er Anne-Marie nun einmal fürs erste vergaß. Er hatte Cathrine sanft in sein Zimmer gedrängt, nachdem er sie im Gehen umfasste und dabei intensiv auf den Mund küsste.

 

In den nächsten Stunden war nur leises Flüstern, Seufzen und gelegentlich kleine Aufschreie zu hören.

 

Als plötzlich ein gellender Schrei durch das Haus hallte.

 

In der offenen Türe zum Zimmer von Paul stand Cathrine, nackt, nur ein Handtuch an sich gepresst mit aufgerissenen Augen

Die anderen kamen gelaufen, ebenfalls nur spärlich bekleidet.

 

„Was ist denn los mit Cathrine?“, flüsterte Anne-Marie zu Clemens, der neben ihr stand.

 

„Ich… ich weiß es nicht!“, flüsterte dieser zurück.

 

Ferdi und Franziska kamen ebenfalls aus ihrem Zimmer und blickten erschrocken auf Cathrine.

 

Inzwischen kamen auch Melchior, der Hausdiener und Marie das Hausmädchen aus dem Obergeschoß herunter. Sie hatten beide schon geschlafen, der Schrei hatte sie geweckt.

 

„Um Gottes Willen, was ist denn geschehen!“, rief Marie mit hoher Stimme und begann sofort zu weinen.

 

Der erste der sich fing, war Melchior.

 

„Bitte bewahren Sie Ruhe! Fräulein Cathrine, warum schreien Sie so?“ wandte er sich an die erstarrte Cathrine.

 

Cathrine wandte sich langsam ihm zu.

 

„Er ist tot und alles voller Blut…“, schluchzte sie.

 

„Wer ist tot!“, fragte Melchior und ging einen Schritt auf sie zu.

 

„Paul…“, dann wankte sie und hielt sich am Türrahmen fest, ihre Knie ließen nach. Melchior konnte sie gerade noch auffangen und zu einer der Sitzbänke im Flur führen, Er ging dann in das Zimmer und kam gleich wieder heraus.

 

„Ja, ich glaube, er ist tot. Wir müssen sofort den Notruf und dann die Polizei rufen, Bitte greifen Sie nichts an. Und ziehen Sie sich etwas über!“, sagte er gefasst, „hat jemand ein Handy griffbereit?“

 

Ferdi ging zum Nachttisch in sein Zimmer zurück und reichte es Melchior, dann setzte er sich auf das Bett und stützte seinen Kopf in die Hände.

 

Melchior rief den Notruf, machte seine Angaben und reichte ihm das Telefon wieder.

 

„Die Polizei wird sofort kommen! Und bitte noch einmal, ziehen Sie sich was über!“, seine Stimme klang tadelnd. Denn alle standen noch immer, mehr als spärlich bekleidet und wie versteinert herum.

 

Franziska und Anne-Maria weinten vor sich hin und ließen sich von Ferdi und Clemens wieder in die Zimmer zurückführen.

Melchior kümmerte sich um Cathrine, sie drohte abzurutschen.

 

„Haben Sie etwas im Zimmer, was Sie anziehen können?“ fragte er sie leise.

 

„Ja, meinen Kimono vielleicht?“ flüsterte sie schluchzend.

 

Melchior ging in das Zimmer zurück, bedacht, nichts anzurühren und holte den erwähnten Kimono, der am Boden lag neben einem kleinen Nichts von einem Slip und brachte sie Cathrine.

 

Dann wandte er sich Marie zu.

 

Das Hausmädchen stand ebenfalls noch immer unter Schock und starrte vor sich hin.

 

„Herr Paul…..“, sagte sie leise „er war so fröhlich heute Abend!!“

 

„Marie, bitte reißen Sie sich zusammen, gehen Sie in die Küche und machen Sie Kaffee oder Tee, je nachdem was die Herrschaften wollen, das beruhigt einmal die Situation, bis die Polizei da ist!“, sagte Melchior streng. Er hatte die Initiative und das Kommando übernommen.

 

 

Jähes Ende eines geruhsamen Wochenendes

Kommissar Dr. Mahrer saß mit einem Buch und einem Glas Rotwein auf seiner Terrasse seines kleinen Häuschens in Grinzing und genoss den lauen Abend. Eigentlich wollte er und Barbara, die Pathologin aus der Rechtsmedizinischen Abteilung, ein schönes Wochenende in der Wachau bei Freunden verbringen, doch Barbra musste überraschend zu einem Pathologie-Kongress nach Deutschland fliegen und kommt erst wieder am Montag zurück. Sie blieb ihm nichts Anderes übrig, als das Wochenende mit Mephisto, seinem Raben zu verbringen. Dieser Rabe hatte ihn ausgewählt, gerade ihn, von all den anderen Hausbesitzern in der kleinen ruhigen Gasse und bestimmte auf seine Art irgendwie ihr gemeinsames Leben. Natürlich missfiel es ihm immer wieder, wenn Georg Mahrer einmal ausschlafen wollte und seine Schale mit den Körnern und dem Futter leer war. Er krächzte dann so laut, dass man es weithin hören konnte und erregte natürlich dadurch auch den Unwillen der Nachbarn. Er nahm hin und wieder auch die Schale in den Schnabel und schleuderte sie quer über die Terrasse oder er setzte sich auf das Geländer und krächzte so lange, bis Mahrer herauskam und die Schale füllte. Sonst saß er meist auf einem der Bäume im Garten oder auch auf der Hecke zum Nachbarn und beobachtete genau, was so vorging.

 

Er war aber auch ein guter Zuhörer und hatte schon in einigen verzwickten Fällen seine Meinung kundgetan, indem er zustimmend nickte oder ein unwilliges Krächzen von sich gab! Wenn er andere Meinung war, lief er auf dem Geländer auf und ab oder schüttelte und drehte seinen Kopf und seine kleinen Knopfaugen blitzen unwillig. Mit einem Wort, er benahm sich wie ein alter Ehepartner!

 

Abends war er meist verschwunden, oder er übernachtete in einem alten Katzenkörbchen, dass auf dem Grill im Garten stand.

 

In die Idylle des Abends hinein läutete plötzlich das Telefon. Unwillig schaute Mahrer auf das Display. Es war Dr. Alex Fuhrmann, sein Vorgesetzter, Dezernatsleiter und Freund.

 

Zögerlich nahm er das Handy in die Hand. Was konnte er so spät an einem Samstagabend von ihm wollen? Das roch nach Arbeit!!

 

„Hallo, Du störst!“, sagte er unwillig.

 

„Ja, ich weiß, es ist Samstag und spät auch noch. Aber wir haben ein Problem!“

 

“Wir?“

 

„Ja, wir. In der Villa vom Dr. Hohenberg ist offenbar ein Mord geschehen und er hat mich angerufen und um Hilfe gebeten!“

 

„Das liebe ich, Freunderlwirtschaft! Einen Mord können wir ja wohl nicht unter den Tisch kehren! Also lass alles seinen Weg laufen. Die Abteilung II hat ja wohl Dienst heute abends und auch die Spurensicherung!“

 

„Du weißt, welche Stellung die Hohenbergs in Wirtschaft und Politik haben, außerdem ist der Sohn vom Alten und auch der Sohn vom Minister Kargl involviert. Die hatten dort eine… na sagen wir delikate Party am Laufen und während dieser Party ist Paul, der Sohn vom Dr. Hohenberg zu Tode gekommen! Er will nicht, dass sich da gleich die Presse drüber stürzt!“

 

Kommissar Mahler seufzte.

 

„Muss ja eine tolle Party gewesen sein! Ja und was erwartest Du nun von mir?“

 

„Naja, ich möchte, dass Du das bearbeitest, das heißt die Abteilung II da gar nicht erst hineinwirkt“

 

„Du weißt schon, dass ich den Inspektor Tom Bauer auch aktivieren muss, der ja auch heute frei hat und dass das auch Überstunden kosten wird?“

 

Er rechnete mit der Kostensparsamkeit seines Chefs und dachte an die ewigen Kämpfe bei den Abrechnungen.

 

„Jaja, das ist mir völlig klar! Aber das sind besondere Umstände und die erfordern besondere Maßnahmen. Das kann ich schon verantworten!“, wischte Fuhrmann das Argument vom Tisch!

 

Mahrer seufzte.

 

„Also gut! Wo ist der Tatort?“

 

Dr. Fuhrmann gab ihm die Adresse durch.

 

„Was? Das ist ja in Baden! Da sind wir Wiener ja überhaupt nicht zuständig!“, rief Mahrer hoffnungsvoll.

 

„Aufgrund der Bedeutung der Personen und der Umstände habe ich das schon geklärt. Wir übernehmen den Fall!“, sagte Dr. Fuhrmann und legte grußlos auf.

 

`Damit hat er weitere Einwände abgewürgt! ´ dachte Mahrer wütend bei sich.

 

Bevor er sich seufzend erhob, rief er noch Tom, seinen Assistenten und Inspektor seiner Abteilung am Handy an und informierte ihn. Dieser war auch nicht sehr erfreut, er war beim Bowling und gerade am gewinnen.

 

„Ach Chef, muss das sein?“, fragte er mürrisch.

 

„Leider Tom, ich bin auch verärgert, aber es kommt von höchster Stelle. Dr. Fuhrmann hat uns das aufs Auge gedrückt, und ihm wahrscheinlich der Minister! Der Sohn des Industriellen Hohenberg und ein Ministersohn sind da involviert! Der Tote ist noch dazu der Sohn Hohenbergs selbst! Ich hole Sie ab! Wo sind Sie denn?“

 

„In der Stadthalle, ich warte auf Sie beim Haupteingang!“, sagte Tom seufzend.

 

Auf der Fahrt nach Baden sprachen sie kein Wort. Tom wusste nicht genau, inwieweit sein Chef da verbündet mit Dr. Fuhrmann war. Außerdem war es immer ratsam vorsichtig zu sein, wenn so Leute der High-Society in Fälle verstrickt waren! Obwohl, Mahrer war da nicht so heikel, aber trotzdem.

 

Als Sie bei der Villa ankamen, stand schon ein Einsatzwagen der Badener Polizei mit drei Polizisten vor dem großen Eingangstor zu einem offensichtlich weitläufigen Park und passten auf, dass niemand das Grundstück betrat. Natürlich waren auch drei Pressefritzen da, die wahrscheinlich den Polizeinotdienst abgehört hatten und redeten wild auf diese ein. Doch die Polizisten hatten die Arme vor der Brust verschränkt und schauten teilnahmslos drein.

 

Mahrer hielt seinen Polizeiausweis aus dem Fenster, einer der Polizisten salutierte und ließ ihn passieren. Sie fuhren die Auffahrt hinauf und dort stand ein zweites Polizeiauto, jedoch mit nur zwei Polizisten. Sie wiesen sich auch hier aus und parkten sich neben dem Einsatzauto der Polizei ein.

 

Mahrer blickte auf das Schlössel und verglich es mit seinem bescheidenen kleinen Einfamilienhäuschen, er seufzte.

 

Oben auf der Treppe zum Eingang erschein ein älterer weißhaariger Mann im Smoking mit einem zweiten Mann in Livreejacke, es war Dr. Franz Hohenberg und Melchior, der Hausmeister.

 

Tom und Mahrer gingen hinauf.

 

Bevor sie jedoch mit den beiden hineingingen, drehte sich Mahrer zu den beiden Polizisten um.

 

„Es kommt noch die Spurensicherung und auch ein Pathologe, sie sollen mir nachkommen! Danke!“

 

Er bedauerte, dass die Pathologin Dr. Barbara Rauch in Deutschland bei diesem Kongress war, er arbeitete lieber mit ihr. Nicht nur weil er es so gewohnt war!

 

Er wandte sich nun Dr. Hohenberg und Melchior zu.

 

„Sie haben hoffentlich am Tatort nichts verändert, oder die Leiche bewegt?“

 

„Nein!“, sagte Melchior „ich habe nur an der Schlagader gefühlt, wollte wissen ob er noch lebt. Er war aber tot!“, sagte er mit gepresster Stimme.

 

„Wo ist der Tote nun?“, fragte Mahrer.

 

„Bitte folgen Sie mir!“, sagte Melchior und führte sie in den ersten Stock. Er hatte sich inzwischen komplett angezogen, in seine Dienstuniform geschmissen sozusagen und hatte eine ernste Miene aufgesetzt.

 

Der Tote lag am Rücken, nackt im breiten Bett, hatte nur einen Slip an und schien zu schlafen. Seine Beine waren bedeckt nur mit einem Laken. In seiner Brust stecke ein Messer.

 

„Herr Melchior, ich sehe hier nun zehn Personen, einschließlich Ihnen und dem Hausmädchen. Gibt es sonst noch irgendwelche Personen im Haus oder auf dem Anwesen?“

 

„Nein, das sind alle Menschen, die heute Nacht hier sind“, sagte Melchior.

 

Mahrer wandte sich an die jungen Leute, die nun eng beieinander neben Cathrine im Flur versammelt waren.

 

„Haben Sie irgend jemand im Haus gehört, oder irgendwelche Geräusche gehört, die Sie sich nun nicht erklären können?“, fragte er und blickte jeden Einzelnen dabei an.

 

Sie schüttelten alle den Kopf.

 

Mahrer wandte sich nun an Dr. Hohenberg.

 

„Herr Dr. Hohenberg, was hier geschehen ist, tut mir sehr leid, aber darf ich Ihnen trotzdem ein paar Fragen stellen?“

 

Dieser atmete tief ein und nickte. Offenbar kam er direkt von einem Abendessen, er war im Smoking und stützte sich auf einen Stock. Wobei der Stock offensichtlich nur als Accessoire diente, er schien keine Probleme beim Gehen zu haben.

 

„Sie tun nur Ihre Arbeit!“, sagte er dann leise, „bitte kommen Sie mit mir hinunter in den Salon, da können wir uns setzen und ich muss nicht die Leiche meines Sohnes sehen!“

 

Mahrer nickte. Es war tatsächlich besser so, denn der Pathologe und auch die Spurensicherung waren inzwischen angekommen und sie standen nur im Weg.

 

„Aus welchem Anlass sind alle diese Leute hier zusammengekommen und welche Rolle spielten Sie dabei?“, fragte Mahrer den alten Herrn, nachdem sie sich gesetzt hatten.

 

„Das war ein Zusammentreffen von Freunden meines Sohnes, die immer wieder hier stattfanden. Sie sind Studienfreunde und nutzen den Pavillon eben im Sommer immer wieder. Im Winter geht das nicht, er ist nur schlecht beheizbar. Ich war nicht anwesend, ich war bei Freunden, bei einem Hauskonzert. Melchior hat mich angerufen und ich bin sofort hier herbeigeeilt!“, sagte er mit gepresster Stimme.

 

„Leben Sie, bzw. lebten Sie mit Ihrem Sohn in einem gemeinsamen Haushalt?“

 

„Nein, ich lebe alleine, ich bin verwitwet, meine Frau starb vor fünf Jahren nach langer Krankheit. Ich habe nur eine Haushälterin und einen Chauffeur, der übrigens draußen auf mich wartet. Der kann bestätigen, dass ich auf dem Hauskonzert war. Mein Sohn ist verheiratet und bewohnt mit seiner Frau ein Haus in Döbling in der Sieveringer Straße.“

 

„Seine Frau ist auch hier? Könnte ich sie sprechen?“, fragte Mahrer. Eigentlich wäre anzunehmen, dass sie sich an der Seite ihres Schwiegervaters aufhalten würde in dieser Situation.

 

„Nein Melanie nimmt an diesen Treffen nie Teil, sie hat einen ganz anderen Freundeskreis und verabscheut außerdem solche Partys!“, sagte Dr. Hohenberg ausweichend. Man merkte ihm an, dass dieses Thema für ihn unangenehm war.

 

„Bitte geben Sie meinem Inspektor den genauen Namen und die Anschrift bekannt, wir werden uns mit der Ehefrau in Verbindung setzen“, sagte Maher verwundert. Es wunderte ihn schon sehr, dass man sie nicht auch verständigt hatte und sie ebenfalls sofort an den Tatort kam. Immerhin wurde ihr Ehemann ermordet!

 

Dr. Hohenberg merkte, dass sich Mahrer Gedanken machte und sagte daher:

 

„Wissen Sie, die Beiden führen eine sehr offene Ehe, lassen sich gegenseitig sehr viel Freiraum und jeder geht seinen eigenen Interessen nach. Melanie ist mehr Wissenschaftlerin als Ehefrau, lebt sehr zurück gezogen und widmet sich mehr der Geologischen Beschaffenheit der Erde und ihrer Tierwelt, als dem heutigen Leben. Man kann sagen, sie ist eine Träumerin. Aber offenbar lieben, liebten sie sich und waren glücklich miteinander! Ich weiß gar nicht, wie ich ihr das sagen soll. Ich werde sie gleich anschließend an unser Gespräch anrufen“, sagte er seufzend, „wenn es nicht Melchior schon getan hat.“

 

Man merkte, dass er nicht wirklich Verständnis für die Art seines Sohnes hatte, wie er seine Ehe führte.

 

`So hat halt jede Familie ihre eigenen Probleme und Schattenseiten!´ dachte sich Mahrer dabei.

 

Tom notierte sich die genaue Adresse und auch die Telefonnummer von Melanie Hohenberg. Sie werden sie morgen kontaktieren.

 

Sie verabschiedeten sich von Dr. Hohenberg.