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Kein anderer deutscher Politiker polarisiert so sehr wie Friedrich Merz. Die einen halten ihn für ein Relikt der Bonner Republik, die anderen für einen der wenigen aufrechten Konservativen, der in der Lage ist, dem links-grünen Mainstream mit wirtschaftlicher Vernunft und rhetorischer Schärfe entgegenzutreten. In seiner Person konzentrieren sich die Gegensätze, die die Debatten der nächsten Jahre prägen werden. Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart bieten mit diesem politischen Porträt einzigartige Einblicke zu Fragen wie: Woher kommt Friedrich Merz, wie "tickt" er, ja, wer ist Friedrich Merz? Wird es ihm gelingen, die CDU als mächtiges Gegenüber zur neuen Ampel-Regierung zu positionieren und einer gemäßigten konservativen Politik Einfluss zu verschaffen? Ein kenntnisreiches und thesenstarkes Buch zu einem der wichtigsten deutschen Politiker der kommenden Jahre.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2022
Vorwort
Die Neuaufstellung
I. Der Weg an die Parteispitze
1. Das Comeback
2. Auf den Spuren des jungen Merz
3. Der Lockruf des Geldes
4. Merz & Merkel
5. Aller guten Dinge sind drei
II. Die Verortung der Partei
6. Auf der Suche nach dem Markenkern
7. Merz und die Frauen
8. Vom Umgang mit der AfD
9. Die CSU: Schwesterpartei und Störenfried
10. Irrwege und Auswege: die »Sozialdemokratisierung«
III. Kanzler im Wartestand
11. Wohin steuert das Land?
12. Eine neue Leitkultur
13. Irrtümer der Bildungspolitik
14. Die Zukunftserzählung
15. Mit Merz zurück an die Macht?
Vorwort
Die Neuaufstellung
Die CDU ist wieder da. Und mit ihr Friedrich Merz, der schon vor mehr als 20 Jahren einmal mitmischte an der Spitze der Partei. Nach drei Anläufen innerhalb von drei Jahren hat der Sauerländer es doch noch in seinen Traumjob geschafft: Parteichef der CDU.
War die krachende Wahlniederlage bei der Bundestagswahl 2021 der Tiefpunkt, scheint es jetzt sanft bergauf zu gehen mit der Union: Die Umfrageergebnisse im Sommer 2022 sind stabil und zwei von drei Landtagswahlen konnte die CDU bereits gewinnen. Doch der Wind kann sich jederzeit wieder drehen, die Zeiten sind kurzlebig und selbst kleinste Vorfälle entfalten unerwartet plötzlich Störpotenzial: Man denke nur an das kurze Lachen von Armin Laschet im Hochwassergebiet.
Zudem hat die eigentliche Arbeit zur Neuausrichtung der CDU kaum begonnen. Friedrich Merz muss seinen Chefposten an der Spitze von Partei und Fraktion deshalb nutzen, um die nach 16 Jahren Regierungsverantwortung ausgezehrte Union neu aufzustellen und gleichzeitig gegen die Politik der Ampelregierung in Position zu bringen.
Und das in einer Zeit, die ganz besondere Antworten verlangt: Erst die Pandemie, dann die russische Invasion in der Ukraine und ihre Folgen stellen das ganze Land, die EU, ja die internationale Gemeinschaft insgesamt vor große Herausforderungen. Es herrscht wieder Krieg in Europa und alte Gewissheiten tragen nicht mehr; Themen wie Aufrüstung, Bündnissolidarität, Energieversorgung erhalten plötzlich eine ganz neue Dringlichkeit.
Was heißt das für Deutschland? Steuert die Koalitionsregierung aus SPD, Grünen und FDP das Land sicher durch diese Krisen oder bedarf es dringend der oppositionellen Union, um hier korrigierend einzugreifen?
Wir meinen: Der Beitrag einer christdemokratischen Partei mit ihren Wurzeln im Sozialpolitischen, Liberalen und Wertkonservativen wird dringend gebraucht! Auf der Bundesebene muss die CDU mitreden bei wichtigen Zukunftsthemen, und in den Bundesländern, in denen sie (mit)regiert, eigene Akzente setzen. Welche Herausforderungen auf Parteichef Merz zukommen und bei welchen Politikfeldern die Union nacharbeiten muss, um fit zu sein für die Zukunft – dem wollen wir im vorliegenden Buch nachgehen.
Dazu betrachten wir eingehend die Figur Friedrich Merz. In der Geschichte der Bundesrepublik gibt es kein vergleichbares Comeback wie das des ewigen Merkel-Widersachers. Was treibt diesen Mann an, der lukrative Jobs in der Wirtschaft hinter sich ließ, um sich nach zehn Jahren im Off nochmal in die Kämpfe der deutschen Politik zu begeben?
Dieses Buch ist keine Biographie, doch wir zeichnen den Lebenslauf von Merz nach und begeben uns dabei auf eine Spurensuche nach privaten und politischen Wegmarken, die Aufschluss darüber geben, welche Werte und Erfahrungen seine politischen Überzeugungen geformt haben. Und wie sie sich auf den inhaltlichen Kurs der CDU auswirken. Leitlinie des Buches sind die Fragen: Inwiefern hat die #merzcdu in der Vergangenheit zu einzelnen Aspekten bereits Position bezogen – und wie geht sie in Zukunft damit um? Und was sind die Parameter, an denen sich eine zukunftsorientierte CDU messen lassen muss?
Die Beantwortung dieser Fragen haben wir in drei Blöcke aufgeteilt:
Teil I befasst sich mit dem mühsamen Aufstieg von Friedrich Merz an die Parteispitze. Wir beschreiben die Hürden, die er überwinden musste, um dahin zu gelangen, wo er immer hinwollte. Kommt ihm seine Persönlichkeit auf dem Weg ins Herz der Partei in die Quere oder macht sie ihn stark? Einiges spricht dafür, dass Stolz und Vorurteil eine auskömmliche Beziehung mit Angela Merkel früh verhinderten.
Die Beziehung der beiden zeigt zudem, wie sehr das Politische persönlich wurde und das Persönliche politisch: Bis über ihren Rückzug aus dem Kanzleramt hinaus verteidigte Merkel die CDU gegen das Eindringen des Rivalen. Das hat die CDU in eine mindestens drei Jahre anhaltende Führungskrise gestürzt, und am Ende stand der Verlust der Mehrheit im Bund.
Merz hielt trotz aller Rückschläge durch und schaffte es dennoch. Ein ausführlicher Blick in seine Jugend- und Schulzeit im Sauerland wie auf sein Leben mit Ehefrau Charlotte zeigt, was den Christdemokraten persönlich und politisch so resilient gemacht hat, dass er sich nicht beirren ließ auf seinem langen und mühevollen Marsch durch die Parteigliederungen. Friedrich Merz, der Unbeugsame.
In Teil II unseres Buches wollen wir der Frage nachgehen, wie sich die Partei Adenauers, Kohls und Merkels für die Zukunft positioniert. Wie sehr wird sie sich von einer gesellschaftspolitisch liberalen, manche sagen sozialdemokratisierten Politik der Merkel-Jahre abgrenzen? Die Zeit zu warten, bis das neue Grundsatzprogramm fertig ist, hat die zur Modernisierung aufgerufene Partei nicht. Die Krisen der Gegenwart erfordern schon jetzt tragfähige Antworten, auch von der Opposition. Wie wird sich das von Irritationen heimgesuchte Verhältnis zur CSU entfalten? Läuft es gut zwischen Söder und Merz? Wir versuchen zu verstehen, was passieren muss, damit der Familienfrieden bei den Schwesterparteien nicht wieder gestört wird.
Wir beobachten dabei eine Partei auf der Suche nach einem Profil, das sich nicht nur abheben soll von dem, was früher war, sondern auch zu dem, was gerade ist. Mit anderen Worten: Was können und müssen die Aspekte sein, in denen sich die Union von der Ampel unterscheidet, wo doch schon Rot für Soziales, Grün für Ökologie und Gelb für Freiheit steht?
Ist mit einem konservativen Rollback zu rechnen, den sich solche wünschen, die immer schon für Merz waren und die Merkel für das Erstarken der AfD mitverantwortlich machen? Wie kann und muss sich die #merzcdu hier inhaltlich und auch beim Abstimmungsverhalten abgrenzen? Da kam es in der Vergangenheit immer wieder zu unangenehmen Vorfällen.
In diesem Zusammenhang betrachten wir die Entstehung der AfD und anderer Parteien rechts der CDU, solcher, die einmal als »Fleisch vom Fleische« der Union bezeichnet wurden. Freuen sich diejenigen, auch in der CDU, zu früh, die bereits den Anfang vom Ende der AfD erahnen?
Friedrich Merz hat der Union auch »Aufbruch und Erneuerung« versprochen. Der erste Test dafür ist, ob es die männlich geprägte Partei schafft, einen Kulturwandel in den eigenen Reihen einzuläuten, der sie attraktiver macht für weibliche Mitglieder und Wählerinnen. Wir schauen dabei auch auf das Frauenbild des CDU-Chefs, und auf die Leute um ihn herum. Wer sind seine Stützen, wie wirken sie zusammen, haben die einzelnen Mitglieder dieses Teams genügend Eigenständigkeit und Sichtbarkeit oder konzentriert sich alles auf den Chef?
In Teil III befassen wir uns mit den vielfältigen Problemen und Herausforderungen, vor denen das Land steht. Anlässlich der Krise in der Ukraine erleben wir eine verunsicherte Nation, die um den richtigen Kurs ringt, vor allem in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie bei den Fragen der Klima- und Energiepolitik. Die Dinge lassen sich kaum noch voneinander trennen.
Welchen Beitrag kann und muss die größte deutsche Oppositionspartei, die für viele Fehlentwicklungen die (Mit-)Verantwortung trägt, hier leisten? Und zwar jenseits von Reisediplomatie und starken Worten? Wäre der international erfahrene Merz ein guter Kanzler?
Andere Entwicklungen in Deutschland bereiten Sorgen. Gerade angesichts der großen globalen Bedrohungen wächst die Zahl der Menschen, die sich von keiner der im Bundestag vertretenen Parteien repräsentiert fühlen. Ein Teil von ihnen wendet sich radikalen Protestbewegungen zu.
Hat die CDU Antworten darauf und kann sie genug Bindungswirkung entfalten, um auch solche Bürger, die sich abgespalten haben, wieder zurückzuholen in die Mitte der Gesellschaft? Taugt der von Merz einst in die Debatte gebrachte Begriff Leitkultur vielleicht, um einen neuen demokratischen Konsens in der Gesellschaft zu beschwören?
Auch bei den Themen Zuwanderung und Integration hat die deutsche Politik noch viel zu tun. Regierung und Opposition streiten über die richtigen Wege. Auch wer das Reizwort Leitkultur hier nicht verwenden möchte, muss doch die Maßstäbe benennen, die über ein friedvolles Miteinander entscheiden. Für die CDU ist damit eng die Frage der inneren Sicherheit und der bürgerlichen Werte verbunden. Auch der Fachkräftemangel rückt hier ins Bild. Wo steht da jetzt Friedrich Merz – hat er seine früheren, eher restriktiven Positionen überdacht?
Ein anderes Zukunftsthema wurde von der Union lange vernachlässigt: die Bildungspolitik. Weder ist das System international wettbewerbsfähig, noch gelingt in Deutschland der oft versprochene Aufstieg durch Bildung. Merz lässt es an Ankündigungen nicht fehlen, doch das reicht nicht: Die Bretter, die gebohrt werden müssen, sind dick und sperrig. Wir beschreiben sie.
Die Fragen, die sich durch alle drei Teile ziehen, lauten: Kann man der CDU wieder zutrauen, die Zukunft dieses Landes zu gestalten, eines Landes, das viel Gutes geschafft und sich viele Erfolge erarbeitet hat, sich aber auch als zunehmend reformresistent erweist?
Was sind die Machtoptionen? Ist Schwarz-Grün wirklich der neue Königsweg, die Alternative zur Ampel – auch auf Bundesebene? Und würde eine solche Konstellation wirklich die erhoffte »Versöhnung von Ökonomie und Ökologie« bringen? Oder wäre das nur eine Leerformel, die über fundamentale Unterschiede von Schwarzen und Grünen nicht wirklich hinwegtäuschen kann?
Last but not least: Wie könnten es die CDU und mit ihr der politische Langstreckenläufer Friedrich Merz doch noch schaffen, ins Kanzleramt einzuziehen? Wir wissen: Den Angriff von vorne und von der Seitenlinie beherrscht der Sauerländer, aber kann er auch integrieren? Immer noch spaltet er die Gemüter: Die einen wünschen sich ihn als konservativen Erlöser, die anderen empfinden seinen Auftritt und sein Weltbild als nicht auf der Höhe der Zeit. Beide Lager gibt es auch in der eigenen Partei. Merz muss sie hinter sich vereinen, wenn er Erfolg haben und nicht über den nächsten Wahltag hinaus in der zweiten Reihe bleiben will – als Kanzler im Wartestand.
Berlin, im Sommer 2022 Jutta Falke-Ischinger, Daniel Goffart
I. Der Weg an die Parteispitze
1. Das Comeback
Eine gemütliche Weinrunde im Apartment eines deutschen Managers in Washington D.C. Es ist der letzte Tag einer Reise der Atlantik-Brücke im Herbst 2018. An diesem Abend des 25. Oktober sind alle offiziellen Programmpunkte abgehakt. Jetzt ist Entspannung angesagt. Dem vorzüglichen Wein wird gut zugesprochen. Friedrich Merz sitzt auf dem Sofa und echauffiert sich über die deutsche Politik. Sein Blick von jenseits des Atlantiks auf die Arbeit der Regierung in Berlin ist ohne Gnade.
Angriffspunkte finden sich genügend. Die Landtagswahlen in Bayern liegen gerade einmal zehn Tage zurück, die CSU blickt auf das zweitschlechteste Ergebnis ihrer Geschichte und die Landtagswahl in Hessen steht unmittelbar bevor. Nach der Bundestagswahl 2017 hatte Angela Merkel nur unter Mühen und nach mehreren Anläufen eine neue Regierung bilden können, wieder eine Große Koalition. Vieles davon kommt an dem Abend zur Sprache. »So aufgeregt habe ich Friedrich selten gesehen«, erinnert sich ein Teilnehmer der geselligen Runde. So viel Wut, so viel Leidenschaft. »Wir waren alle wie gebannt. Mir war klar, da will, ja da muss einer zurück in die Politik, mit aller Macht.«
An diese Szene muss er später noch oft denken, erinnert sich der Zeitzeuge. Die Erinnerung an den Merz-Ausbruch kommt spätestens dann wieder, als die Bundeskanzlerin fünf Tage nach diesem Abend in den USA bekanntgeben wird, nicht mehr für den Parteivorsitz zu kandidieren. Und kurz darauf erneut – als Friedrich Merz offiziell seine Kandidatur für den Parteivorsitz erklärt. Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn hatten zuvor bereits ihren Hut in den Ring geworfen.
So ein Comeback hat es noch nicht gegeben in Deutschland. Da verkündet einer nach fast zehn Jahren Abwesenheit von der bundespolitischen Bühne: Ich bin wieder da! Der Auferstandene sitzt auf dem Podium im Haus der Bundespressekonferenz und stellt sich vor: »Mein Name ist Merz, Merz mit e.« Das war nötig gewesen zu erwähnen, weil auf der Einladung sein Name mit »ä« geschrieben worden war. Ein Zeichen dafür, dass der Sauerländer, der vor 20 Jahren einmal Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag gewesen war, nicht mehr allen in der Branche so vertraut ist.
Es sollte dann noch drei Jahre dauern, bis »Merz mit e« durch die Ziellinie laufen konnte. Dem vorausgegangen war die krachende Niederlage der Union bei der Bundestagswahl 2021, die auch zurückging auf die unzureichend geklärte Nachfolge Angela Merkels in Partei und Amt. Unter Kanzlerkandidat Armin Laschet fuhr die Union das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte ein. Aus dem Trümmerfeld der verlorenen Wahl steigt Friedrich Merz empor als neuer, alter Hoffnungsträger der Partei. Die Delegierten des digitalen Bundesparteitags stimmen im Januar 2022 mit überwältigender Mehrheit für den Sauerländer, der in den vergangenen drei Jahren zweimal erfolglos gewesen ist beim Anlauf an die Macht.
Wo und wann begann die Rückkehr des ewigen Merkel-Widersachers an die Spitze der Partei? War sie von langer Hand geplant, folgte gar einem geheimen Masterplan, oder ergriff der Finanzexperte aus dem Sauerland einfach die Gelegenheit beim Schopfe, die ihm die Zeitläufte auf dem Silbertablett präsentierten?
Schlüsselmoment am Frühstückstisch
Wer verstehen möchte, wie es dazu kam, zu Aufstieg und Fall, Wieder-Fall und Wieder-Aufstieg des Friedrich Merz, muss sich zurückbegeben in das Jahr 2002, dem Schlüsselmoment in der bis dahin steil nach oben verlaufenden Karriere des jungen CDU-Politikers aus dem Sauerland.
Friedrich Merz war 1994 aus dem Europäischen Parlament kommend in den Bundestag eingezogen, als Nachfolger des langjährigem Abgeordneten Ferdi Tillmann, dessen studentische Hilfskraft er einst war. Im Wahlkreis hatte es eine Kampfabstimmung gegeben, die Merz gewonnen hatte, weil er »den Saal gerockt« hatte, sagt einer, der dabei war. Ein dritter Kandidat hatte kurz vorher zurückgezogen, weil die Entscheidung für Berlin als Sitz von Regierung und Parlament gefallen war. Berlin, das war und ist vom Sauerland etwa sechs mühsame Fahrstunden entfernt.
Noch nicht mal im Bonner Abgeordnetenhaus angekommen, eilte dem jungen Merz der Ruf aus Brüssel voraus, ein profilierter Finanzexperte und scharfzüngiger Redner zu sein. Der Aufstieg ging schnell. 1998 Fraktionsvize. 1999 hatte ihn noch die Generalsekretärin Angela Merkel zum Vorsitzenden des Bundesfachausschusses Wirtschaft und Finanzen der CDU gemacht. Da saßen die beiden noch feixend nebeneinander, erinnert sich ein Mitglied. Das änderte sich rasch, als es um die Machtfrage ging.
Nach dem Rücktritt Wolfgang Schäubles im Zuge der Parteispendenaffäre im Jahr 2000 teilen sich Angela Merkel und Friedrich Merz zunächst die Macht in der Union: er als Fraktionschef der Union im Bundestag, sie kurz darauf als Parteichefin. Doch die »Doppelspitze« ist nicht aus einem Guss, im Hintergrund schwelt die Frage, wer von beiden die Kanzlerkandidatur für sich sichert. Merz, der sich im Parlament als Gegenspieler zur rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder profiliert, macht keinen Hehl aus seinen Ambitionen. Er habe sich schon damals für den besseren Kandidaten gehalten, erinnern sich Parteifreunde.
Aber es läuft dann nicht gut für den begabten Mr. Merz: Am 11. Januar 2002 machen Merkel und der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber am Frühstückstisch in Wolfratshausen die Sache unter sich aus. Das eine Ergebnis wird sofort bekannt: Stoiber wird Kanzlerkandidat. Das andere Verhandlungsergebnis zwischen CSU-Parteichef und der CDU-Vorsitzenden aber wird Merz erst am Wahlabend 2002 erfahren: Merkel soll an seiner Stelle Fraktionschefin werden. So wenden sich die Dinge für den Sauerländer: Merkel entreißt Merz mit dem Führungsjob in der Fraktion auch die Zukunftsperspektiven in der Partei. 20 Jahre später wird er dasselbe machen mit Fraktionschef Ralph Brinkhaus.
Der formelle Abschied des einstigen Shootingstars aus der aktiven Parteipolitik sollte nach dem Merkel-Stoiber-Deal doch noch sieben Jahre dauern. Das – so muss man feststellen – hat er mit Merkel gemein, dieses Nichtloslassenkönnen. Noch im Herbst 2003 begeisterte Merz den Leipziger CDU-Parteitag, als er eine Steuerreform präsentierte, die so einfach sei, dass man sich seine Steuerschuld »sehr einfach, etwa auf einem Bierdeckel, ausrechnen« könne. Ein Coup, der dem Bierdeckel einen Platz im Haus der Geschichte sicherte. Das Konzept jedoch wurde schon bald in den eigenen Reihen zerfleddert und leider sind die Bundesbürger im Jahre 2022 von einer einfachen Steuererklärung so weit entfernt wie das Sauerland von Washington D.C.
In der Folgezeit lässt Merz’ politischer Elan spürbar nach. 2004 teilt er Angela Merkel schließlich mit, dass er alle seine politischen Ämter in Bundestagsfraktion und Partei aufgeben werde. 2007 folgt der nächste Schritt: Nach »gründlichem Nachdenken«, so heißt es in seiner Pressemitteilung, habe er sich entschieden, bei der Bundestagswahl 2009 nicht mehr anzutreten.
Gleichzeitig kursieren Gerüchte, der Sauerländer wolle eine eigene, bürgerliche Partei gründen für enttäusche CDU-Wähler, mit der er dann 2009 bei den Bundestagswahlen antreten werde. »Das meinte Friedrich nie ernst, die Aufregung darüber gefiel ihm aber,« so ein Parteifreund, mit dem er regelmäßig Kontakt hat. Einer anderen CDU-Funktionärin, die von der FDP umworben wird, redet der Sauerländer ins Gewissen: Ein Konservativer wechselt seine Parteizugehörigkeit nicht wie das Hemd.
Außerdem hat Merz sich längst anders orientiert, den Blick über den Tellerrand der Politik hinaus gerichtet. »Zeit, auch mal Geld zu verdienen«, verrät er seinen Freunden. Abhängigkeit von Politik als Brotjob war ihm immer zuwider (mehr dazu in Kapitel 3 »Der Lockruf des Geldes«). Doch auch hier zog Merz den Schlussstrich, um wieder frei zu sein für die Politik.
Der Netzwerker
»Rastlos« nennt ihn ein Freund. Rastlos deshalb, weil der Sauerländer immer die Fühler ausstreckte, weil er die Leerstelle, die die Bundespolitik in seinem Leben hinterlassen hatte, nie wirklich schließen konnte.
Wenn die CDU sauber aufgestellt gewesen und »die Lücke geschlossen gewesen wäre«, so beschreibt er es selbst im Abstand von vier Jahren, »wäre ich nie in die Verlegenheit gekommen, noch einmal zurückzukehren«. Er hielt sich bereit. Ein Weggefährte bemüht das gängige Klischee: »Friedrich schlief nachts bei offenem Fenster, um den Ruf nicht zu verpassen.«
Es sind dann vor allem zwei Netzwerke, die für Friedrich Merz in den Jahren des politischen Exils wichtige Plattformen öffentlicher Wahrnehmung darstellten und Bühnen boten, auf denen er immer wieder gegen die Bundespolitik sticheln konnte. Das eine Forum ist der Wirtschaftsrat der CDU, der die Interessen von Unternehmern gegenüber Politik und Gesellschaft vertritt und dessen Präsidium er seit 2009 angehörte. Der Wirtschaftsrat, 1963 in Bonn als Berufsverband gegründet, erwies sich für ihn als »friendly territory«. Mit seiner Kritik am Regierungshandeln Merkels war er hier in guter Gesellschaft.
Schon im Jahr 2010 hatten 40 Manager mit einer ganzseitigen Anzeige in einem energiepolitischen Appell unter anderem gegen eine zu starke Besteuerung der Atomkraft aufgerufen. Zu den Unterzeichnern gehörten neben etlichen Dax-Vorständen der damalige Präsident des Wirtschaftsrats Kurt Lauk sowie der Politikaussteiger Merz. Als die Wirtschaftsbosse und Lobbyisten diesen Appell unterschrieben, ahnten sie nicht, dass es noch dicker kommen würde: dass die Regierung Merkel schon im März des nächsten Jahres beschließen würde, ganz aus der Atomenergie auszusteigen. Immer wieder wird beim Wirtschaftsrat Kritik laut an der Politik der Regierung. Das Handelsblatt titelt 2013: »Wirtschaftsrat kritisiert teure Wahlversprechen und fordert Stärkung des Wirtschaftsprofils der Union.«
Regelmäßig, so auch beim Wirtschaftstag 2014, tritt das Präsidiumsmitglied Friedrich Merz auf, in Doppelfunktion. Denn seit 2009 ist Friedrich Merz auch Vorsitzender eines anderen Netzwerkes: der Atlantik-Brücke. Die deutsch-amerikanische Organisation, die sich seit 1952 um die transatlantischen Beziehungen kümmert und Reisen, Konferenzen und Austauschprogramme organisiert, war in die Schlagzeilen geraten: Der langjährige Vorsitzende Walther Leisler Kiep, der auch Schatzmeister der CDU gewesen war, hatte im Jahr 2000 wegen seiner Verstrickungen in die CDU-Spendenaffäre vom Vorstandsposten zurücktreten müssen. Als Vorsitzende folgten Arend Oetker und dann Airbus-Chef Tom Enders. Als ein Nachfolger für Enders gesucht wurde, war es dann die graue Eminenz Kiep selbst, die den früheren Star der CDU Merz als neuen Atlantik-Brücken-Chef favorisierte.
Was Kiep aber nicht daran hinderte, Merz bald nach dessen Wahl scharf zu kritisieren: Der neue Atlantik-Brücken-Chef nutze das neue Amt für parteipolitische Profilierung. In der Tat hatte der ehemalige Fraktionsvorsitzende der CDU mit dem SPD-Dissidenten Wolfgang Clement, der einst sein politischer Widersacher war, gemeinsam ein Buch geschrieben, eine Abrechnung mit ihren jeweiligen Parteien: »Was jetzt zu tun ist«. In der Atlantik-Brücke kam es daraufhin zum offenen Führungsstreit, der Ehrenvorsitzende Leisler Kiep zeigte sich verärgert und drängte Merz zum Rücktritt.
Ein Mitglied, das das alles miterlebt hat, spricht von einem »klassischen Machtkampf Alt gegen Neu«, verbunden damit war auch der Streit um eine Personalie in der Führungsriege der Organisation. Kiep hatte sich seinerzeit den Vorwurf zugezogen, er habe die Atlantik-Brücke nach Gutsherrenart geführt. Jetzt fühlte sich der alte Herr angeblich von Merz, der dem Verein ein striktes und transparenteres Finanzregime verordnet hatte, zu stark in seinem Zugriff auf den Verein eingeschränkt.
Bei einer Vorstandssitzung im Juni 2010 kam es zum offenen Konflikt. Merz schmiss hin und, so erzählt eine Teilnehmerin, hörte nicht auf andere, die geraten hatten, doch besser eine Nacht drüber zu schlafen. Von lautstarken Ausbrüchen ist die Rede. Augenzeugen zufolge habe Merz gerufen, so schlecht habe ihn nur Angela Merkel behandelt. Diese Impulsivität, finden solche, die ihn gut kennen, gehe auch schon mal über in fehlende Impulskontrolle: »Da muss er aufpassen!« Von seinem Rücktritt als Vorsitzender der Atlantik-Brücke konnte Merz am nächsten Morgen jedenfalls nicht mehr zurücktreten, stattdessen gab er seine erneute Kandidatur für den Vorstandsvorsitz bekannt – und wurde schließlich auch gewählt.
Unterm Strich fällt das Urteil über den Atlantiker Friedrich Merz positiv aus: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen hätten ihm spürbar am Herzen gelegen, auch über alle persönlichen Profilierungsversuche hinweg. Als Verdienst wird Merz zugerechnet, dass er das zerrüttete Verhältnis zur amerikanischen Partnerorganisation »American Council on Germany« gekittet habe. Während der Ära Trump, die zweifellos eine besondere Herausforderung darstellte, halfen Merz seine vielfältige Kontakte jenseits vom Weißen Haus, die Verbindungen in den Senat, zu den Gouverneuren.
Wenn sich allerdings die anderen Teilnehmer bei den jährlichen Mitgliederreisen zu fröhlichen Weinrunden an der Bar versammelten, sonderte sich der hochgewachsene Sauerländer eher ab. Bei den Busfahrten saß er immer in der ersten Reihe. Gleich hinter dem Fahrer. »Wir nannten ihn den Klassenlehrer«, erzählt ein Mitreisender. Und: Merz sei immer mehr an Inhalten interessiert gewesen als an Menschen. Eine Einschätzung, die im Jahr 2022 übrigens auch von einigen seiner neuen Kollegen in der Fraktion geteilt wird. Noch sind sich dort nicht alle sicher, ob der neue Chef auch verbinden und ein echtes Wir-Gefühl erzeugen kann.
In seiner Anfangszeit bei der Atlantik-Brücke begrüßte ihn einmal ein Vorstandsmitglied mit den Worten: »Wir sind hier alle eine große Familie.« Merz wirkte überrumpelt. »So etwas liegt mir eigentlich gar nicht«, soll er geantwortet haben. Freundschaften ja, aber keine Kumpanei. Und auch keine Seilschaften. Dabei hätten solche Netzwerke seine Rückkehr an die Macht durchaus erleichtern können. Stattdessen gab es »eine Koalition gegen Friedrich«, wie es sein alter Freund aus JU-Tagen, der Unternehmer Egbert Neuhaus, ausdrückt.
Im vorpolitischen Raum
Zeitgleich mit Merz, der aus dem Europäischen Parlament nach Bonn gewechselt war, waren Armin Laschet und Norbert Röttgen 1994 in den Bundestag gekommen – Merz war etwas älter als die beiden anderen. Der Umgang untereinander war freundschaftlich-kollegial.
Bevor sie später alle drei zu Konkurrenten um den Parteivorsitz wurden, verhalfen die Parteifreunde Laschet und Röttgen dem Sauerländer zu weiteren Rollen im vorpolitischem Raum. 2012 band ihn Norbert Röttgen ein: Im Falle eines Wahlsieges in Nordrhein-Westfalen (NRW) möge Merz eine Regierungskommission zur Zukunft des Industriestandorts leiten. Die Frage, ob er ein offizielles Amt in der Landesregierung annehmen würde, hatte er stets verneint. »Kein Wunder, das wäre eine Degradierung gewesen. Wenn schon nicht Bund, dann gar nichts«, meint ein Weggefährte aus dem Hochsauerlandkreis. Am Ende gewann Rot-Grün in NRW. Das Thema hatte sich erledigt.
Ein paar Jahre später, nachdem Röttgen längst dem westlichen Bundesland den Rücken gekehrt hatte, kam wieder eine Art »Gesuch um Amtshilfe« aus Düsseldorf. Armin Laschet, dem das gelungen war, woran Röttgen zuvor scheiterte, nämlich Ministerpräsident von NRW zu werden, machte den Finanzexperten Merz zum Aufsichtsratsvorsitzenden des Köln-Bonner Flughafens und von Januar 2018 an zum Brexitbeauftragten der Landesregierung. Zuvor hatte Laschet Merz in die Grundwertekommission »Zusammenhalt der Gesellschaft« aufgenommen. Teilnehmern zufolge »glänzte er dort durch Abwesenheit«. Die ehrenamtliche Tätigkeit als Brexitbeauftragter hielt sich wohl auch in überschaubaren Dimensionen, stieß deshalb auf Kritik des politischen Gegners und war noch im Oktober 2020 Gegenstand einer kleinen Anfrage im Landtag.
Schritte für ein gezieltes Comeback waren das nicht, da sind sich langjährige Beobachter sicher. Im Gegenteil, Merz musste stets überredet werden. Darin hatte sich auch Julia Klöckner versucht, die 2011 Ministerpräsidentin in ihrer Heimat Rheinland-Pfalz werden wollte. Es war ihr nicht gelungen, den einstigen CDU-Star in ihr Schattenkabinett zu holen, dafür aber firmierte der als ihr Berater in Sachen Wirtschaft und Finanzen. Doch auch hier gab Merz eher den Global Player. Bei einem Wirtschaftskongress in Bad Kreuznach glänzte er lieber beim Thema China als beim Klein-Klein der rheinland-pfälzischen Landespolitik. Alles andere, möchte man meinen, hätte auch überrascht.
Die jährliche »Isny-Runde« im Allgäu war da schon eher sein Ding. 1979 lud der Unternehmer Helmut Aurenz zum ersten Mal eine Gruppe von CDU-Politikern und Unternehmern in sein Hotel »Jägerhof« im Allgäu. Die Initiative zu den nun jährlich stattfindenden Gesprächsrunden ging zurück auf die zufällige Begegnung zweier sehr ungleicher Persönlichkeiten: der eine, Aurenz, ein schwäbischer Düngemittelhersteller, der andere der VW-Grande Ferdinand Piëch. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hatten sie sich angeblich kennengelernt und Gefallen aneinander gefunden.
Als Spiritus Rector und Moderator dieser Gesprächsrunden fungierte lange Jahre Matthias Wissmann, der in dieser Zeit im Hauptberuf Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VdA) war und folglich über beste Kontakte verfügte. Inzwischen hat Thomas Strobl dessen Rolle übernommen, wie auch Familie Aurenz den Stab weitergereicht hat – an die Tochter. Die Teilnehmer sind eine bunte Mischung aus Politikern und aus westfälischen und schwäbischen Unternehmern, großen Marktführern und Hidden Champions. Viele aus der Autoindustrie. Oft kommen die Ehefrauen mit nach Isny oder auch kleine Kinder.
An der Bar stehen, die kulinarischen Erzeugnisse des Ländles genießen und über Fragen der Zukunft reden, ohne allzu viel Meinungsdiversität hinnehmen zu müssen, das beschreibt den Geist von Isny. Bundeskanzler Schröder, zwar nicht CDU, aber dafür »Automann«, durfte einmal in den »Jägerhof« kommen und dabei auch den weiten Blick genießen über die schneebedeckten Höhen des Allgäu. Ein anderes Mal, 2010, hatte Organisator Matthias Wissmann Angela Merkel eingeladen.
Doch »deren Ding« war das nicht: »Isny ist mehr Heimat von Merz als von Merkel«, sagen langjährige Teilnehmer. Zwar hatte die langjährige Kanzlerin unter den versammelten Unternehmern eine treue Fangemeinde. Was aber niemanden davon abhielt, auch Friedrich Merz zu applaudieren, wenn der wieder mal über die »Dame aus Ostdeutschland« herzog.
Das blieb allerdings nie geheim. Egal, was wer über Angela Merkel sagte, in welchem Kreis auch immer, es gab immer »Spione«, die alles der Kanzlerin zutrugen. Was übrigens bei Helmut Kohl nicht anders war, der noch viel mehr als Merkel den persönlichen Kontakt zu Mandatsträgern in der Partei gepflegt hatte. Doch auch bei Merkel trugen die Seilschaften immerhin so stark, dass es ihr gelang, die Rückkehr ihres Widersachers Merz bis in die Zeit nach ihrem vollständigen Rückzug hinauszuschieben.
Dabei gab es in der CDU immer auch Netzwerke, zu denen Merkel keinen Zutritt hatte. So war der beschauliche Tagungsort Isny auch immer ein Tummelplatz für Mitglieder des legendären Andenpakts. Schon allein, weil Matthias Wissmann dabei war, der von 1973 bis 1983 JU-Bundesvorsitzender gewesen war.
Der Andenpakt, das war der Zusammenschluss von jungen Unionspolitikern, die sich geschworen hatten, nie gegeneinander anzutreten. Alle männlich, alle West-CDU. 1979 auf einer Reise der Jungen Union durch Südamerika entstanden, auf einem Nachtflug über die Anden und mit reichlich Whisky aus der Taufe gehoben. Friedrich Merz war bei der Gründung nicht dabei, stieß erst viel später, um 2005, dazu.
Als reines Macht- oder Unterstützungsbataillon für Merz erwies sich der Andenpakt später nicht. Matthias Wissmann galt als »taktisch« in der Merz-Frage. Und Andenpakt-Gründungsmitglied Volker Bouffier war nie ein Merz-Freund. Genauso wenig wie der Niedersachse Christian Wulff oder der Saarländer Peter Müller. Um die Frage »Merkel oder Merz« ging es jedenfalls nie. »Es war ja so«, erzählt ein Mitglied dieser Runde, »er war draußen, sie war drinnen.«
Doch richtig draußen war Merz nie. Trotz seiner Abwesenheit aus der Tagespolitik erkannten ihn die Menschen überall und fragten: »Herr Merz, wann kommen Sie wieder?« Ähnlich beschreibt es auch seine Frau Charlotte. Wo immer der frühere Politstar auftrat, waren die Säle voll. Und zwar nicht nur im heimischen Sauerland. Das war es, was ihn antrieb.
Der Anfang vom Ende
In der Zeit nach 2015 geriet die Kanzlerin massiv unter Druck wegen ihrer Politik der offenen Grenzen. Allein 2015 stellten etwa eine Million Menschen einen Asylantrag. Starke Kritik kam aus dem Wirtschaftsflügel, aber auch von der Basis der Partei. Tenor: Durch falsche Botschaften sei eine »Sogwirkung« entstanden. »Europäischer Sonderweg«, »soziale Sprengkraft« waren Begriffe dieser Zeit, noch getoppt durch Horst Seehofers Vorwurf der »Herrschaft des Unrechts«. »Wir schaffen das« ging in die Geschichtsbücher ein, spaltete die Gesellschaft und die Politik: Die AfD zog 2017 erstmals in den Bundestag ein. Die ganze Gesellschaft war in Aufruhr, aber am meisten knirschte es innerhalb der Union selbst, resümiert ein Sozialdemokrat, der Merkel für ihre Haltung in der Flüchtlingsfrage immer bewundert hat.
Putschgerüchte machten die Runde. Es fielen die Namen Merz und Schäuble. Der Streit zwischen CSU und CDU eskalierte, Seehofer stellte öffentlich den Bruch der Fraktionsgemeinschaft zur Disposition. Friedrich Merz und der spätere Landwirtschaftsminister Gerd Müller (CSU) beobachteten das Schauspiel ganz genau. Beide waren seit ihrer gemeinsamen Zeit im Europäischen Parlament eng befreundet. Für den Fall, dass die Lage weiter eskalieren würde, so war verabredet, würden sie den Rücktritt beider Parteivorsitzenden fordern. Favorit für die unmittelbare Nachfolge Merkels war Wolfgang Schäuble; an eine eigene Kandidatur hat Merz damals nicht gedacht. Doch solche Gedankenspiele konnten sich nicht materialisieren. Und für eine Palastrevolte gegen Merkel gab es keine Mehrheit.
Erst die Zeit nach der Bundestagswahl 2017 läutet den Anfang vom Ende der Ära Merkel ein. In diesen Tagen wird das politische Drehbuch täglich neu geschrieben. Die Sondierungsgespräche über eine Jamaika-Koalition scheitern am 20. November 2017. Die Enttäuschung, vor allem in der Union, ist groß. Auf eine Fortsetzung der Großen Koalition hat niemand große Lust, die SPD hat ohnehin gleich abgewinkt. Man will sich in der Opposition regenerieren. Was stattdessen? Neuwahlen? Minderheitsregierung? Oder doch nochmal das ungeliebte Bündnis mit der SPD? Spannende Zeiten, in denen alte Gewissheiten nicht mehr tragen.
Ende November 2017 tritt Merz als Schlussredner beim CDU-Wirtschaftsrat NRW in Düsseldorf auf, in den Räumen der DZ Bank. Thema: »USA und Europa, Quo vadis«. Merz lässt kein gutes Haar am Kurs von Angela Merkel, er meint, das Land müsse wieder mehr politischen Streit aushalten. Merz findet drastische Worte. Die Entscheidung der FDP, von sich aus die Jamaika-Sondierungen zu verlassen, nennt er »nachvollziehbar und verständlich«.
Die Regierungsbildung in Berlin geht derweil nur schleppend voran. Selbst Neuwahlen scheinen möglich. Bei einer Umfrage im Auftrag des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) im Dezember 2017 zeichnet sich ein eindeutiges Bild ab. Gefragt nach ihren Wünschen für die politische Zukunft in Deutschland, geben 70 Prozent der Mittelständler an, sie seien gegen eine Wiederauflage der großen Koalition. Favorit bei einer Neuwahl sei eine CDU/FDP-Bundesregierung unter einem Bundeskanzler Friedrich Merz.
Seine Popularität kann Merz in dieser Zeit noch mehr spüren als sonst: Überall, wo er ist, im Urlaub am Tegernsee, in Stadtzentren, erkennen ihn die Leute. Das, davon sind Freunde und Familie überzeugt, heizt seine Ambitionen weiter an. Wie hatte er 2009 gesagt und 2012 im Deutschlandfunk noch mal wiederholt: »Wenn meine Partei der Meinung ist, dass sie wieder mehr Grundüberzeugung braucht, bin ich der Letzte, der sich einer Mitarbeit verschließt.«
Das Partei-Establishment jedoch, so urteilt Parteifreund Günther Oettinger, habe sich nichts versprochen von einer Rückkehr des einstigen CDU-Dissidenten: »Friedrich war ein Störenfried in den Kaskaden der Karriereplanungen der Amtsträger mit Aufrücken und Nachrücken.« Von der Basis jedoch hatte Merz sich immer getragen gefühlt.
Am 14. März 2018, sechs Monate nach der Bundestagswahl, nimmt die wiederaufgelegte Große Koalition ihre Arbeit auf. Aber erst nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier interveniert und die Parteien in die Pflicht genommen hat, ihrer staatspolitischen Verantwortung auch nachzukommen.
Brodelnde Unzufriedenheit
Die Regierung in Berlin steht, doch Ruhe kehrt nicht ein. Im Sommer 2018 eskaliert der Streit zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer, in Doppelfunktion Innenminister im Kabinett Merkel und CSU-Chef, über den Umgang mit Flüchtlingen an den Außengrenzen. In Bayern stehen Landtagswahlen an.
Ein neuer Konflikt entzündet sich zwischen CDU und CSU um die Ablösung des damaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen. Die Causa Maaßen sollte die Union in der Nachbetrachtung länger beschäftigen als ihr lieb war. Das Politbarometer vom 11. September serviert dem »Pakt der Frustrierten, der Zurückgewiesenen und der Besserwisser«, wie die Große Koalition in einem Kommentar im Tagesspiegel genannt wird, herbe Kost: Die Große Koalition verliert ihre Mehrheit in den Umfragen. 71 Prozent der Deutschen vermissen Führungsstärke bei der Kanzlerin, und immerhin 57 Prozent der Unionsanhänger.
Deutliche Anzeichen für brodelnde Unzufriedenheit in der Union gab es auch in der Bundestagsfraktion. Am 25. September 2018 kandidiert Ralph Brinkhaus überraschend gegen den Merkel-Unterstützer Volker Kauder und gewinnt. Auch dies ein Schlag gegen die Kanzlerin. Drei Tage später redet Merz bei dem Unternehmer und CDU-Mitglied Martin Herrenknecht, einem großen Fan des Sauerländers. Er hält sich dort zwar zurück mit offener Kritik, doch Unternehmer Herrenknecht ist selig: »Sie wären für Höheres bestimmt.« Einige Monate danach, nachdem Merz in der ersten Runde der Vorsitzenden-Wahl durchgefallen war, trat Unternehmer und CDU-Mitglied Herrenknecht noch massiver auf in seiner Unterstützung für Merz, drohte sogar mit seinem Austritt aus der CDU.
Nicht nur bei Herrenknecht zu Hause – wo immer Friedrich Merz auftauchte in diesen Zeiten, stand die Frage der Rückkehr im Raum. Mehr noch als 2015. »Zufällig war an seinem Comeback gar nichts«, sind viele in der Partei überzeugt. NRW-Unternehmerpräsident und Merz-Freund Arndt Kirchhoff weiß warum: «Natürlich haben wir als Wirtschaft immer wieder gesagt, nicht nur hier in Südwestfalen, dass Friedrich zurückkommen muss. Das habe ich genauso im Südwesten erlebt. Wir wurden auch angesprochen von Leuten aus anderen Regionen Deutschlands, die fragten uns, ob wir Friedrich zur Rückkehr motivieren können.«
Doch einer wie er, sagen die, die ihn gut kennen, lässt sich nicht überreden. Das hat ein wichtiger Parteifreund schon früher erfahren, als der Merz in den 1990er-Jahren geraten hatte, auch den CDU-Landesvorsitz in NRW anzustreben. Das hat Merz bekanntlich nicht gemacht. So ist Friedrich Merz eben, einer wie er trifft seine eigenen Entscheidungen. Doch ihre Wirkung tun die hartnäckigen Überredungsversuche trotzdem. Man will ihn zurück, diese Botschaft kommt an bei dem Sauerländer, der sich stets für den Besseren hält.
Am 10. Oktober 2018 lädt das deutschen Aktieninstitut in Brüssel zum Herbstempfang in die Räume der BNP Paribas Fortis in Brüssel. Merz kommt in seiner Funktion als Aufsichtsratsmitglied von BlackRock, Mitglied im Deutschen Aktieninstitut. Festredner vor 150 Gästen ist der frühere niedersächsische Ministerpräsident und spätere Europapolitiker David McAllister. Merz trifft in Brüssel auch seinen Freund Günther Oettinger. Der erinnert sich: »Der Friedrich hat die Stimmung getestet bei den Landesverbänden.« Baden-Württemberg sei freundlich gestimmt gewesen, freundlich zu Merz, aber auch zur Kanzlerin.
Es gab, anders als in Presseberichten kolportiert, »kein Komplott von Leuten, die ihn zurückwollten«, bestätigt ein mächtiger CDU-Mann. Miteinander geredet wurde allerdings viel: Thomas Strobl, die Merz-Freunde im Osten, zu denen damals Michael Kretschmer und Rainer Haselhoff zählten, und Roland Koch. Doch würde Merz wirklich springen, wenn sich die Chance böte?
Nicht zu unterschätzen im spannenden Schlussakt des Comebacks ist die Schlüsselfigur Wolfgang Schäuble. Zusammen mit Roland Koch, der immer ein Unterstützer von Merz war, setzte sich Schäuble schon früh ein für ein Comeback seines einstigen Zöglings, den er 1998 zum Fraktionsvize, zuständig für Wirtschafts- und Finanzpolitik, gemacht hatte.
Schäuble und Merz – gemeinsam teilen die beiden eine Geschichte der Enttäuschungen mit Angela Merkel. Merkel hatte sich an Schäuble in der Spendenaffäre vorbeigesetzt und den Parteivorsitz erworben. Schäuble blieb Minister unter Angela Merkel. 2004 dann der nächste Schlag: Sein Name wurde ins Spiel gebracht für die Wahl zum Bundespräsidenten, doch sie ließ ihn fallen. Stattdessen wurde Horst Köhler nominiert.
Das hatte Merkel, so verraten Vertraute, stets anerkannt: Schäuble habe ausgehalten, seinem Land gedient. Anders als der jüngere Friedrich Merz, der alles hinwarf und sich eben nicht zufriedengab mit der dienenden Rolle und erst wieder in den Angriff ging, als seine Gegnerin das Feld zu räumen schien.
Angela Merkel wiederum, so verlautet weiter aus ihrem Umfeld, habe nie die beleidigte Reaktion von Friedrich Merz nachvollziehen können. Wenn einer einen Grund gehabt hätte, sich zurückgesetzt zu fühlen, so wird sie zitiert, dann wäre das Wolfgang Schäuble gewesen. Doch der sei trotz gelegentlicher Differenzen immer loyal gewesen. Allerdings hatte Angela Merkels langjähriger Minister durchaus seine eigene Agenda und betrieb später auch offen die Kandidatur ihres Rivalen, nicht gegen sie, aber doch als ihre Ablöse.
Luft aus dem Kessel
Am 14. Oktober 2018 verliert die CSU ihre absolute Mehrheit bei der Landtagswahl in Bayern, das schlechteste Ergebnis für die CSU seit 1950. Die Stimmung in der gesamten Union ist angespannt. Die Prognosen für Hessen sind schlecht, es zeichnen sich gehörige CDU-Verluste ab. Was ist, wenn Schwarz-Grün scheitert? Wird Bouffier Ministerpräsident bleiben können? Was bedeutet das für die Lage in Berlin, die Stellung Merkels? Fragen, die auch Friedrich Merz umtreiben.
Drei Tage vor der Hessenwahl will Wolfgang Schäuble Merz erreichen und mit ihm sprechen. Doch erreicht er ihn nicht, Merz ist auf der anfangs erwähnten Atlantik-Brücke-Reise in Amerika, der Rückflug für den 26. 10. geplant. Noch zwei Tage bis zum Wahlsonntag in Hessen.
Bei der Wahl in Hessen am 28. Okober zeichnen sich schon am Nachmittag große Verluste für SPD und CDU ab. Die CDU verliert mehr als 10 Prozentpunkte, das schlechteste Ergebnis seit 1966, doch Volker Bouffier kann mit Not Ministerpräsident bleiben und seine schwarz-grüne Koalition weiterführen. Das erspart Angela Merkel den totalen Gesichtsverlust.
Schon am Nachmittag waren die Telefone heiß gelaufen. Jeder sprach mit jedem: Roland Koch, Friedrich Merz, Armin Laschet, Wolfgang Schäuble. Ein Gerücht macht die Runde: Merz und Koch hätten die Absicht, anzukündigen, dass Merz beim Parteitag als CDU-Chef kandidiert.
Die einen sind sich bis heute sicher: »Merkel wusste das und hat sich am Tag danach zurückgezogen. Das war keine freiwillige Erkenntnis von ihr.« Merz bestreitet, dass es einen solchen Plan gab. Bis zuletzt habe er selbst nicht genau gewusst, was passieren würde. Ein Strippenzieher aus der Frankfurter Finanzwelt berichtet: »Es war dann Volker Bouffier, der Merkel-Freund, der sie zum Rücktritt als Parteivorsitzende aufgefordert hat, um Luft aus dem Kessel zu lassen.« Das Lager Bouffiers will das so vier Jahre später nicht bestätigen. Es war zumindest, sagt jene Eminenz im Hintergrund, im Nachhinein ein Fehler, dass Merkel nur vom Parteivorsitz zurückgetreten ist. Mit ähnlichen Aussagen wird auch Friedrich Merz zitiert.
Am 29. Oktober 2018 morgens ist es so weit: Angela Merkel gibt bekannt, dass sie nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren werde beim Parteitag im Herbst. Diese Entscheidung habe sie bereits vor der Sommerpause getroffen und nun um eine Woche vorgezogen. Neben ihr sitzt Volker Bouffier. »Angela Merkel hat eine starke Entscheidung getroffen, eine noble Entscheidung und eine richtige Entscheidung«, sagt er dann. Noch während der Sitzung können die Teilnehmer in der Bildzeitung lesen, dass Merz wohl für den Parteivorsitz kandidieren wird. Der Rest ist überliefert: AKK, von all dem überrumpelt, entscheidet sich noch an diesem Montag zu kandidieren. Wie auch Jens Spahn.
Zwei Tage später betritt Friedrich Merz wieder die bundespolitische Bühne, sitzt auf dem Podium der Bundespressekonferenz. Für die älteren Kollegen ist es wie in der Zeitschleife, da sitzt Merz, so als wäre er nie weg gewesen. Doch während bei vielen der Kollegen Jahresringe, viel Bier und gutes Essen die Silhouette rundeten, wirkt Merz trotz seiner damals 63 Jahre geradezu behänd und jungenhaft schlank wie eh und je. Er will es nochmal wissen. Jetzt bietet sich die Chance, die Lücke in der Parteiführung und in seiner politischen Karriere zu schließen – und vielleicht auch noch Kanzler zu werden.
Wann aber war der Punkt, an dem er wusste: jetzt oder nie? Als Merz im Oktober 2018, drei Tage vor der Hessenwahl, in Washington saß und die taumelnde deutsche Politik der letzten Monate sezierte, schien er die Entschlossenheit zur Rückkehr in die Politik stärker denn je zu spüren. Zu dem Zeitpunkt muss ihn auch Wolfgang Schäubles SMS über den Atlantik bereits erreicht haben. Darin stand: »Bis Sonntag musst du dich entschieden haben.« Merz schrieb zurück: »Hast recht, bin vorbereitet.«
Mit der Bekanntgabe seiner Kandidatur für den Parteivorsitz am 29.Oktober 2018 ist nicht nur in der CDU, sondern auch im Hause Merz in Arnsberg nichts mehr, wie es war.
2. Auf den Spuren des jungen Merz
Arnsberg ist der Wohnsitz von Friedrich dem Streitbaren. Der Mann ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für »seine kampfbetonte Art«. Von den großen Besitzungen der Ahnen, so heißt es in der Überlieferung, »war nur ein kleiner Theil geblieben, noch dazu in dem wenig fruchtbaren Berglande im Süden des Westfalengaues«.
Das, was für den Friedrich des 12. Jahrhunderts galt, sieht 900 Jahre später für seinen Namensvetter in Arnsberg kaum anders aus. Die CDU hatte einst Verantwortung in ganz Deutschland – der gegenwärtige Machthalter aber hat die absolute Gewalt nur noch über einen kleinen Teil, über eben jene bergische Region im südlichsten Zipfel von Westfalen.
Das Sauerland, damals wie heute. Der Hochsauerlandkreis ist seit 1994 – mit Unterbrechungen – Wahlkreis von Friedrich Merz. Eine eigenwillige Region, deren rustikaler Charme sich dem an urbane Vielfalt gewöhnten Fremden nicht auf den ersten Blick erschließt. Sauerland, das ist das grüne Dreieck in der Deutschlandkarte zwischen Dortmund, Köln und Kassel. Dessen Bewohner werden im Wald geboren, leben dort und sterben im Wald, so heißt es in Ulrich Raulffs Essay »Sauerland als Lebensform«: »Schneidet man sie auf, findet man ein paar Fichtennadeln.« Ganz so drastisch geht’s dort natürlich doch nicht zu – wahr ist aber, dass auch Friedrich Merz seinen sauerländischen Wurzeln nie ganz entkommen ist, weder beruflich noch familiär.
Selbst während seines politischen Exils war Friedrich Merz immer präsent in der Region zwischen Finnentrop, Huxel oder Oberkirchen. Immer wieder war der ewige Merkel-Widersacher zu Parteijubiläen gekommen, zu Firmenfeiern, hatte Säle gefüllt. »Er hat gute Wahlkreisarbeit gemacht damals«, lobt ihn rückblickend sein Sauerländer Landsmann Franz Müntefering, der auch mal Parteichef war, allerdings bei der politischen Konkurrenz.
So wie der Friedrich aus dem Mittelalter seine Burg auf einen Berg im heutigen Arnsberg baute, bezog auch der neuzeitliche Friedrich ein Haus auf einer Anhöhe im Arnsberger Ortsteil Niedereimer, mit weitem Blick über Ruhr und den Stabilo-Werkzeugmarkt.
Verwurzelung im Sauerland
Das Eigenheim hatten seine Frau Charlotte und er 1994 gekauft, nachdem Friedrich in den Bonner Bundestag eingezogen war. Seinetwegen war die Saarländerin vor fast 30 Jahren mit ihrem Mann und den kleinen Kindern in dessen Heimat gezogen.
Wenn schon Sauerland, dann wenigstens die größte Stadt dort, hatte sich Charlotte Merz gedacht, dann wenigstens da ein neues Leben beginnen, wo sie nicht nur ihre Kinder erziehen, sondern auch als Juristin arbeiten konnte. Arnsberg ist Sitz von mehreren Gerichten und zudem verkehrsmäßig gut angebunden an die Autobahn, was im Sauerland keine Selbstverständlichkeit ist. Da geht schon mal eine Stunde ins Land, bevor ein Autobahnschild auftaucht. Im Winter dauert das oft noch länger, etwa, wenn sich ein Traktor über die schneebedeckten Straßen quält oder ein Touristenauto aus den Niederlanden die »holländischen Alpen« sucht. Auch das ein Grund für Friedrich Merz, sich mit 53 Jahren seinen alten Jugendtraum zu erfüllen: das Fliegen zu lernen. Als CDU-Partei- und Fraktionschef fliegt er in seiner Maschine gelegentlich immer noch selbst nach Berlin. Für ihn die schönste Stunde am Tag.
Charlotte Merz daheim in Arnsberg blickt mit gemischten Gefühlen auf die Entwicklungen der letzten vier Jahre, die ihr bisheriges Leben mal eben auf den Kopf stellen sollten. In den Jahren zuvor hatte das Ehepaar mehr Raum gehabt für Reisen, die Kinder waren ja längst aus dem Haus. Damit ist es nun vorbei. Gesagt hätte sie allerdings nie etwas gegen die Rückkehr ihres Mannes in die Politik: Bei einer solchen Entscheidung gehe es auch um die Wahrnehmung von staatsbürgerlicher Verantwortung: »Da kann ich doch nicht nur mit unserem Privatleben kommen.« Sicher nicht, bei so einem Politaficionado wie Friedrich Merz.
Merz’ Wiedereinzug in den Bundestag im Jahr 2021, bevor er ein paar Monate später zum Partei- und dann zum Fraktionschef gewählt wurde, ist in den Augen seines Parteifreundes Günther Oettinger der entscheidende Schritt zurück in das Machtzentrum der Partei. Mit dem Bundestagsmandat hatte er mit einem Schlag beides: Basis und Establishment. Und alles wäre nichts ohne seine Verwurzelung im Sauerland.
