Friedrich Merz - Jutta Falke-Ischinger - E-Book

Friedrich Merz E-Book

Jutta Falke-Ischinger

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Beschreibung

Der neue Kanzler? Friedrich Merz hat die CDU auf Kurs gebracht, der irrlichternden Ampel gibt er regelmäßig Contra. Hat der Sauerländer aber auch die besseren Rezepte für ein zerrissenes Land mit großen Problemen: einer strauchelnden Wirtschaft, ungesteuerten Migration, einem Bürokratiestau, wuchernden Sozialstaat und extremen Wohlstandsgefälle? Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart beschreiben, wie "der Unbeugsame" nach dem langen Marsch an die Spitze der Partei nun um das Vertrauen der Bürger ringt. Das Ziel: Der Machtwechsel in Berlin.

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Seitenzahl: 390

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Vorwort 11

Jetzt geht es ums Ganze 11

I. Der Weg an die Parteispitze 19

1. Das Comeback 19

Schlüsselmoment am Frühstückstisch 21

Der Netzwerker 24

Im vorpolitischen Raum 28

Der Anfang vom Ende 31

Brodelnde Unzufriedenheit 34

Luft aus dem Kessel 37

2. Auf den Spuren des jungen Merz 40

Verwurzelung im Sauerland 41

Leben, wo andere Urlaub machen 43

Bullerbü in Brilon 46

Unfug am Petrinum 49

Hau drauf, was kostet die Welt? 52

Politische Prägung 55

Heimatverbunden und weltoffen 58

3. Der Lockruf des Geldes 61

Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik 62

Keine Heuschrecke 65

Weiter gefasste Beraterrolle 68

Begrenzte Risiken 73

Aladins Wunderlampe 74

4. Merz & Merkel 77

Nagender Frust 79

Vertreibung aus dem Paradies 82

»Bitte kommen Sie zurück!« 85

Hinderliche Personalrochaden 87

Anständiger Umgang 89

5. Aller guten Dinge sind drei 92

Die Kampfabstimmung 93

Mandat aus eigener Kraft 96

Vergiftete Ratschläge 97

Aktion »Merz verhindern« 100

»Ich spiele auf Sieg!« 104

Ein heftiger Machtkampf 106

Kraftprobe in der Fraktion 110

Mann der Vergangenheit? 113

II. Die Verortung der Partei 115

6. Auf der Suche nach dem Markenkern 115

Programmatische Leere 118

Funktionspartei und Machtmaschine 121

Die Welt hat sich weitergedreht 125

Ein neuer Friedrich Merz? 129

Neue Antworten 131

Emanzipation von den Ultras 134

7. Merz und die Frauen 137

Kommunikation auf Augenhöhe 139

Partnerschaftliche Unterstützung 143

Union: Back to the Roots? 146

Männer, Bier und Politik 150

Eine Frage der Perspektive 153

Ein Problem mit starken Frauen 155

Abhängig vom Goodwill starker Männer 158

Moderne Frauen statt Faltenrockgeschwader 161

8. Vom Umgang mit der AfD 165

Rücksicht auf die Stammwähler 167

Fleisch vom Fleische der Union 171

Abgrenzen, aber nicht vergraulen 174

Selbsterfüllende Prophezeiung? 176

Strikte Brandmauerpolitik 180

9. Die CSU: Schwesterpartei und Störenfried? 184

Nicht ohne Mätzchen und Gerangel 185

»Miteinander« statt »mia san mia« 187

Streckenweise rüpelhaft 190

Thema abgehakt 193

»Total unfähig« 196

Chicken Game 198

Ruhe im Unionsteich? 202

10. Irrwege und Auswege: die »Sozial­demokratisierung« 204

Programmatische Achsenverschiebung 205

Merkel-Grün-Hegemonie 207

Auf die Höhe der Zeit gebracht 209

Der Akzeptanzkorridor 213

Ein schmaler Grat 216

III. Kanzler im Wartestand 218

11. Wohin steuert das Land? 219

Verantwortungsvolle Opposition 220

Vertrauensvorschuss 222

Überall Baustellen 225

Auseinanderdriften der Gesellschaft 228

Moralische Verabsolutierung 230

Fieberkurven der Erregungsdemokratie 232

Deutungshoheit im Diskurs 235

12. Eine neue Leitkultur 239

Gesellschaft ohne Resilienz 241

Das Reizwort 245

Eine neue Kultur des Umgangs 249

Migration und Integration 252

Wo kommen die Fachkräfte her? 254

Zündstoff für die Union 258

13. Irrtümer der Bildungspolitk 260

Krankendes System 262

Unseliges Gefeilsche 264

Der schwere Tanker 266

Chancengerechtigkeit statt Chancengleichheit 269

Dicke Bretter bohren 272

14. Die Zukunftserzählung 276

Ruppiger Sauerländer? 277

International trainiert 278

Neue Machtverhältnisse 280

Merz, der Kanzler im Wartestand. 282

Die Leitplanken sind gesetzt 282

Krieg und Frieden 287

Im europäischen Bummelzug 289

Energie- und Außenpolitik verschmelzen 291

Ökonomie und Ökologie 297

15. Mit Merz zurück an die Macht? 301

Der Kandidat 304

Migration: Wer drin ist, der bleibt 305

Das Ziel kommt in Reichweite 308

Optionen und Koalitionen 309

Dagegen sein ist nicht alles 311

Opposition und Regierung 314

Problem Impulskontrolle 315

Die Welt ist mein Ort 320

Das Merz-Team 327

Und jetzt? 333

Personenregister 342

Vorwort

Jetzt geht es ums Ganze

Die Ampelkoalition ist Geschichte, das »Zukunftsbündnis« vorzeitig zerbrochen. Damit steht Friedrich Merz vor der größten Herausforderung seines Lebens: Wird der Kanzlerkandidat der Union bei den vorgezogenen Bundestagswahlen am 23. Februar 2025 seinen politischen Lebenstraum erfüllen können und zum nächsten Regierungschef der Bundesrepublik Deutschland gewählt werden?

Wechsel oder weiter so? Bei dieser Wahl wird über den künftigen Kurs entschieden. Dabei geht es nicht nur um Personen, sondern um einen Plan für die Zukunft Deutschlands. Olaf Scholz knüpft an die betäubende Wirkung jener watteweichen Wahlkämpfe an, mit denen schon seine Amtsvorgängerin Angela Merkel erfolgreich war. Die SPD und ihr Kanzler wollen den Menschen keine Entscheidungen abverlangen, sondern sie in dem Glauben wiegen, dass für alle und alles genug Geld da ist. »Die SPD steht für Einsparungen nicht zur Verfügung« – dieser Satz der Co-Vorsitzenden Saskia Esken sagt alles. Hemmungsloses Schuldenmachen wird zur »modernen Wirtschaftspolitik« verklärt, der ungebremste Anstieg der Sozialleistungen als »Investition in den solidarischen Zusammenhalt« geadelt und zur Rettung des Klimas gelingt die ökologische Transformation nach Meinung linker Politiker und Ökonomen auch nur dann, wenn der Steuerzahler den Unternehmen vom grünen Stahl über die Chipfabrik bis zur Ladesäule alles finanziert, was für den Umbau der Industrie wünschenswert ist. Bezahlt werden soll das alles aus »Sondervermögen« oder »Fonds« und »Bonds«, wie man in Brüssel gerne sagt. Das »Framing« der »progressiven Kräfte« funktioniert: Wer in Politik und Medien nennt Schulden heute noch »Schulden«?

Geplant ist ein Wohlfühlwahlkampf. Mit Scholz muss man sich nicht entscheiden zwischen äußerer Sicherheit und steigenden Sozialleistungen, zwischen starker Bundeswehr und pünktlicher Bahn. Mit ihm, so seine Botschaft, gibt es kein »entweder – oder«, sondern nur ein »und«. Genosse Olaf, der erfahrene Staatsmann und Krisenkanzler, kümmert sich. Der alles richtende Staat lässt grüßen. Schon vor Jahren hatte Scholz versprochen: »You’ll never walk alone.«

Die Union unter Friedrich Merz setzt dagegen auf ein anderes Staatsverständnis und auf ein anderes Menschenbild. Eigenverantwortung steht vorne, dann erst kommt die Solidarität. Anders gesagt: Erst einmal versucht man es selbst, bevor andere zur Hilfe verpflichtet werden. Das bedeutet auch: Wer arbeiten kann, der soll das tun. Wer das ablehnt, kann nicht die Gemeinschaft zur Kasse bitten. Nicht ohne Grund haben Friedrich Merz und sein Generalsekretär Carsten Linnemann das alte CDU-Mantra hervorgeholt: »Arbeit soll sich wieder lohnen.« Ohne Anstrengungen und auch ohne Zumutungen, so die Botschaft, schafft Deutschland es nicht aus der Krise. Die Umfrageergebnisse für die Union sind stabil. Doch der Wind kann sich jederzeit wieder drehen, die Zeiten sind kurzlebig und selbst kleinste Vorfälle entfalten unerwartet plötzlich Störpotenzial wie bei der Wahl 2021.

Für Friedrich Merz, der 2018 zum ersten Anlauf an die Spitze der CDU ansetzte und sich davor zehn Jahre lang ins politische Off verabschiedet hatte, geht es jetzt ums Ganze. Trauen die Bürger dem einstigen Merkel-Widersacher zu, nicht nur seine Partei, sondern das ganze Land auf Kurs zu bringen? Und das in einer Zeit, in der multiple Krisen die Welt in Atem halten?

Die russische Invasion in der Ukraine und ihre politischen, wie wirtschaftlichen Folgen stellen ganz Europa, ja die gesamte internationale Gemeinschaft vor große Heraus­forderungen. Auch der anhaltende Krieg in Nahost und die wachsenden Spannungen zwischen Arabern und Israelis, zwischen Juden und Moslems auf der ganzen Welt verstärken das Gefühl einer bedrohlichen globalen Zuspitzung.

Nicht zuletzt müssen sich Deutschland und Europa auf Donald Trump einstellen. Der US-Präsident wird wie angekündigt in der Ukraine einen raschen »Deal« mit Putin anstreben – wahrscheinlich auf Kosten Kiews. Die Europäer werden in der Nato mehr Verantwortung übernehmen müssen, was im Kern bedeutet, dass sie für die Verteidigung Europas selbst sorgen und auch bezahlen müssen.

Nach Lage der Dinge wird Trump auch den wirtschaftspolitischen Druck auf Europa erhöhen, sei es durch die angekündigten drastischen Zollerhöhungen auf Autos und Maschinen, sei es durch die Abschottungsversuche gegenüber China. Europa und insbesondere die Exportnation Deutschland werden darunter leiden, wenn sie im Kampf zwischen den USA und Peking zerrieben oder von Trump auf die Seite Amerikas gezwungen werden.

Wie kann man dieser Entwicklung begegnen? Wie soll man mit Trump reden, wie den Handel mit China fortsetzen, ohne dass die USA ihren Bannstrahl auf die deutsche Exportwirtschaft richten, insbesondere auf die Autobauer? Wie kann die ökologische Transformation der Wirtschaft gelingen, ohne den Staat zu überfordern, die Regeln der Marktwirtschaft zu ignorieren und im Kampf gegen den Klimawandel zurückzufallen?

Auf all diese Fragen muss Friedrich Merz glaubhafte Antworten geben, wenn er es besser machen will als Olaf Scholz. Merz sagt zwar gerne »ich kann’s besser und Deutschland kann’s besser«, aber wird er es uns auch beweisen können?

Im Folgenden wollen wir der Frage nachgehen, ob diese Selbsteinschätzung der Realität standhalten kann. Dazu betrachten wir eingehend die Person Friedrich Merz. In der Geschichte der Bundesrepublik gibt es kein vergleichbares politisches Comeback wie das des ewigen Merkel-Widersachers. Was treibt diesen Mann an, der lukrative Jobs in der Wirtschaft hinter sich ließ, um sich nach zehn Jahren Pause nochmal in die Kämpfe der deutschen Politik zu begeben?

Wir begeben uns dabei auf eine Spurensuche nach privaten und politischen Wegmarken, die Aufschluss darüber geben, welche Werte und Erfahrungen seine politischen Überzeugungen geformt haben. Und wie sie sich auf den inhaltlichen Kurs der CDU auswirken. Leitlinie des Buches sind folgende Fragen: Inwiefern hat die #merzcdu in der Vergangenheit zu einzelnen Aspekten bereits Position bezogen – und wie geht sie in Zukunft damit um? Und was sind die Parameter, an denen sich eine zukunftsorientierte CDU in Regierungsverantwortung messen lassen muss?

Die Beantwortung dieser Fragen haben wir in drei Blöcke aufgeteilt:

Teil I befasst sich mit dem mühsamen Aufstieg von Friedrich Merz an die Parteispitze. Wir beschreiben die Hürden, die er überwinden musste, um dahin zu gelangen, wo er immer hinwollte. Kam ihm seine Persönlichkeit auf dem Weg in das Herz der Partei in die Quere oder machte sie ihn stark? Zudem zeigt die spannungsreiche Beziehung zwischen Angela Merkel und Friedrich Merz, wie sehr das Politische persönlich wurde und das Persönliche politisch: Bis über ihren Rückzug aus dem Kanzleramt hinaus verteidigte Merkel die CDU gegen das Eindringen des Rivalen. Das hat die Partei in eine mindestens drei Jahre anhaltende Führungskrise gestürzt, und am Ende stand der Verlust der Mehrheit im Bund.

Merz hielt trotz aller Rückschläge durch und schaffte es, sich an die Spitze der CDU zu setzen und die Union wieder als führende Kraft zu positionieren. Ein ausführlicher Blick in seine Jugend- und Schulzeit im Sauerland wie auf sein Leben mit Ehefrau Charlotte zeigt, was den Christdemokraten persönlich und politisch so resilient gemacht hat, dass er sich nicht beirren ließ auf seinem langen und mühevollen Marsch durch die Parteigliederungen. Friedrich Merz, der Unbeugsame.

In Teil II unseres Buches gehen wir der Frage nach, wie sich die Partei Adenauers, Kohls und Merkels für die Zukunft positioniert. Wie sehr wird sie sich von einer gesellschaftspolitisch liberalen, manche sagen sozialdemokratisierten Politik der Merkel-Jahre abgrenzen? Die Krisen der Gegenwart erfordern schon jetzt tragfähige Antworten, auch von der Opposition. Wie wird sich das von Irritationen heimgesuchte Verhältnis zur CSU entfalten? Läuft es gut zwischen Söder und Merz? Wir versuchen zu verstehen, was passieren muss, damit der Familienfrieden zwischen den Schwesterparteien nicht wieder gestört wird. Wir beobachten dabei eine Partei auf der Suche nach einem Profil, das sich nicht nur vom früheren abheben soll, sondern auch von den Fehlern der Ampelkoalition. Wenn CDU/CSU wieder Regierungsverantwortung übernehmen, ist dann mit einem konservativen Rollback zu rechnen? Wie wollen Merz und sein Generalsekretär Carsten Linnemann die »CDU Pur« durchsetzen, mit welchen Koalitionspartnern?

In diesem Zusammenhang betrachten wir die Entstehung der AfD und anderer Parteien rechts der CDU, solcher, die einmal als »Fleisch vom Fleische« der Union bezeichnet wurden. Auch ist mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) eine weitere populistische Partei hinzugekommen, deren spontaner Erfolg viele überrascht hat.

Friedrich Merz hat der Union »Aufbruch und Erneuerung« versprochen. Der erste Test dafür ist, ob es die männlich geprägte Partei schafft, einen Kulturwandel in den eigenen Reihen einzuläuten, der sie attraktiver macht für weibliche Mitglieder und Wählerinnen. Wir schauen dabei auch auf das Frauenbild des CDU-Chefs und auf die Leute um ihn herum. Wer befindet sich im inneren Kreis, wie wirken diese Menschen zusammen? Verfügen die einzelnen Mitglieder dieses Teams über genügend Eigenständigkeit und Sichtbarkeit oder konzentriert sich alles auf den Chef?

In Teil III befassen wir uns mit den vielfältigen Problemen und Herausforderungen, vor denen das Land steht. Anlässlich der Krise in der Ukraine erleben wir eine verunsicherte Nation, die um den richtigen Kurs ringt, vor allem in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie bei den Fragen von Klimaschutz und Energiewende. Wie soll die marode Wirtschaft wieder angekurbelt werden? Ohne Aufschwung und den damit verbundenen höheren Steuereinnahmen kann Merz sein Entlastungs- und Investitionsprogramm nicht finanzieren. Doch wie entlastet er die Wirtschaft von der erstickenden Bürokratie, den hohen Steuern und den nicht wettbewerbsfähigen Energiepreisen, die immer mehr Unternehmen ins Ausland treiben?

Auch andere Entwicklungen in Deutschland bereiten Sorgen. Gerade angesichts der großen globalen Bedrohungen wächst die Zahl der Menschen, die sich von keiner der im Bundestag vertretenen Parteien mehr repräsentiert fühlen. Wer sich nicht wegdreht, wendet sich oft genug radikalen Protestbewegungen zu.

Auch bei den Themen Zuwanderung und Integration hat die deutsche Politik noch viel zu tun. Das Schließen von Grenzen und die Verlagerung von Asylprüfungen in Drittländer außerhalb der EU wird nicht reichen, um den ständigen Zustrom von Menschen aufzuhalten und die Zahl der Migranten fairer als bisher auf ganz Europa zu verteilen. Die Versuche der EU, mit dem Konzept einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik weiterzukommen, sind bislang wenig erfolgreich.

Wie geht es weiter mit der Schuldenbremse? Wo soll das Geld für Verteidigung, moderne Infrastruktur und die ökologische Transformation herkommen, wie sollen Sozialsysteme, Gesundheitswesen und die Altersversorgung zukunftsfest gemacht werden? Der Weg über immer neue »Sondervermögen« und die ständige Erklärung von »Notständen« kann nicht funktionieren. In einer schrumpfenden Bevölkerung mit steigenden Ansprüchen geht es auf Dauer nicht gut, wenn die Aussetzung der Schuldenbremse zum Normalfall wird oder sich die entscheidungsunwillige Politik gleich ganz der ungeliebten Beschränkung entledigt.

Was sind die Machtoptionen? Ist Schwarz-Grün wirklich so schlimm, wie CSU-Chef Markus Söder sagt? Gibt es keinen anderen Weg als die Neuauflage einer nicht mehr ganz so »großen« Koalition mit der geschrumpften SPD?

Last but not least: Kann Merz Kanzler? Wir wissen: Den Angriff von vorne und von der Seitenlinie beherrscht der Sauerländer, aber kann er auch integrieren? Immer noch spaltet der brillante Redner die Gemüter. Die einen sehen ihn als konservativen Erlöser und Schrittmacher, die anderen empfinden seine Auftritte und sein Weltbild als nicht mehr zeitgemäß.

Wir kennen beide Friedrich Merz noch aus der Zeit seiner politischen Anfänge in Bonn. Unser 2022 erschienenes Buch trug den Titel »Der Unbeugsame – Friedrich Merz, die Union und der Kampf um die Macht«. Damit haben wir vor allem sein Durchhaltevermögen und seinen Kampfgeist gewürdigt. In dieser neu überarbeiteten und aktualisierten Auflage bringen wir Sie rechtzeitig vor der vorgezogenen Bundestagswahl 2025 auf den neuesten Stand und nähern uns dem Menschen und Politiker an, der beste Chancen hat, der nächste deutsche Kanzler zu werden.

Berlin, Anfang Dezember 2024

Jutta Falke-Ischinger, Daniel Goffart

I. Der Weg an die Parteispitze

1. Das Comeback

Eine gemütliche Weinrunde im Apartment eines deutschen Managers in Washington D.C. Es ist der letzte Tag einer Reise der Atlantik-Brücke im Herbst 2018. An diesem Abend des 25. Oktober sind alle offiziellen Programmpunkte abgehakt. Jetzt ist Entspannung angesagt. Dem vorzüglichen Wein wird gut zugesprochen. Friedrich Merz sitzt auf dem Sofa und echauffiert sich über die deutsche Politik. Sein Blick von jenseits des Atlantiks auf die Arbeit der Regierung in Berlin ist ohne Gnade.

Angriffspunkte finden sich genügend. Die Landtagswahlen in Bayern liegen gerade einmal zehn Tage zurück, die CSU blickt auf das zweitschlechteste Ergebnis ihrer Geschichte und die Landtagswahl in Hessen steht unmittelbar bevor. Nach der Bundestagswahl 2017 hatte Angela Merkel nur unter Mühen und nach mehreren Anläufen eine neue Regierung bilden können, wieder eine Große ­Koalition. Vieles davon kommt an dem Abend zur Sprache. »So aufgeregt habe ich Friedrich selten gesehen«, erinnert sich ein Teilnehmer der geselligen Runde. So viel Wut, so viel Leidenschaft. »Wir waren alle wie gebannt. Mir war klar, da will, ja da muss einer zurück in die Politik, mit aller Macht.«

An diese Szene muss er später noch oft denken, erinnert sich der Zeitzeuge. Die Erinnerung an den Merz-Ausbruch kommt spätestens dann wieder, als die Bundeskanzlerin fünf Tage nach diesem Abend in den USA bekanntgeben wird, nicht mehr für den Parteivorsitz zu kandidieren. Und kurz darauf erneut – als Friedrich Merz offiziell seine Kandidatur für den Parteivorsitz erklärt. Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) und Jens Spahn hatten zuvor bereits ihren Hut in den Ring geworfen.

So ein Comeback hat es noch nicht gegeben in Deutschland. Da verkündet einer nach fast zehn Jahren Abwesenheit von der bundespolitischen Bühne: Ich bin wieder da! Der Auferstandene sitzt auf dem Podium im Haus der Bundespressekonferenz und stellt sich vor: »Mein Name ist Merz, Merz mit e.« Das war nötig gewesen zu erwähnen, weil auf der Einladung sein Name mit »ä« geschrieben worden war. Ein Zeichen dafür, dass der Sauerländer, der vor 20 Jahren einmal Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag gewesen war, nicht mehr allen in der Branche so vertraut ist.

Es sollte dann noch drei Jahre dauern, bis »Merz mit e« durch die Ziellinie laufen konnte. Dem vorausgegangen war die krachende Niederlage der Union bei der Bundestagswahl 2021, die auch zurückging auf die unzureichend geklärte Nachfolge Angela Merkels in Partei und Amt. Unter Kanzlerkandidat Armin Laschet fuhr die Union das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte ein. Aus dem ­Trümmerfeld der verlorenen Wahl steigt Friedrich Merz empor als neuer, alter Hoffnungsträger der Partei. Die Delegierten des digitalen Bundesparteitags stimmen im Januar 2022 mit überwältigender Mehrheit für den Sauerländer, der in den vergangenen drei Jahren zweimal erfolglos gewesen ist beim Anlauf an die Macht.

Wo und wann begann die Rückkehr des ewigen Merkel-Widersachers an die Spitze der Partei? War sie von langer Hand geplant, folgte gar einem geheimen Masterplan, oder ergriff der Finanzexperte aus dem Sauerland einfach die Gelegenheit beim Schopfe, die ihm die Zeitläufte auf dem Silbertablett präsentierten?

Schlüsselmoment am Frühstückstisch

Wer verstehen möchte, wie es dazu kam, zu Aufstieg und Fall, Wieder-Fall und Wieder-Aufstieg des Friedrich Merz, muss sich zurückbegeben in das Jahr 2002, dem Schlüsselmoment in der bis dahin steil nach oben verlaufenden Karriere des jungen CDU-Politikers aus dem Sauerland.

Friedrich Merz war 1994 aus dem Europäischen Parlament kommend in den Bundestag eingezogen, als Nachfolger des langjährigem Abgeordneten Ferdi Tillmann, dessen studentische Hilfskraft er einst war. Im Wahlkreis hatte es eine Kampfabstimmung gegeben, die Merz ­gewonnen hatte, weil er »den Saal gerockt« hatte, sagt einer, der dabei war. Ein dritter Kandidat hatte kurz vorher zurückgezogen, weil die Entscheidung für Berlin als Sitz von Regierung und Parlament gefallen war. Berlin, das war und ist vom Sauerland etwa sechs mühsame Fahrstunden entfernt.

Noch nicht mal im Bonner Abgeordnetenhaus angekommen, eilte dem jungen Merz der Ruf aus Brüssel vo­raus, ein profilierter Finanzexperte und scharfzüngiger Redner zu sein. Der Aufstieg ging schnell. 1998 Fraktionsvize. 1999 hatte ihn noch die Generalsekretärin Angela Merkel zum Vorsitzenden des Bundesfachausschusses Wirtschaft und Finanzen der CDU gemacht. Da saßen die beiden noch feixend nebeneinander, erinnert sich ein Mitglied. Das änderte sich rasch, als es um die Machtfrage ging.

Nach dem Rücktritt Wolfgang Schäubles im Zuge der Parteispendenaffäre im Jahr 2000 teilen sich Angela Merkel und Friedrich Merz zunächst die Macht in der Union: er als Fraktionschef der Union im Bundestag, sie kurz darauf als Parteichefin. Doch die »Doppelspitze« ist nicht aus einem Guss, im Hintergrund schwelt die Frage, wer von beiden die Kanzlerkandidatur für sich sichert. Merz, der sich im Parlament als Gegenspieler zur rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder profiliert, macht keinen Hehl aus seinen Ambitionen. Er habe sich schon damals für den besseren Kandidaten gehalten, erinnern sich Parteifreunde.

Aber es läuft dann nicht gut für den begabten Mr. Merz: Am 11. Januar 2002 machen Merkel und der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber am Frühstückstisch in Wolfratshausen die Sache unter sich aus. Das eine Ergebnis wird sofort bekannt: Stoiber wird Kanzlerkandidat. Das andere Verhandlungsergebnis zwischen CSU-Parteichef und der CDU-Vorsitzenden aber wird Merz erst am Wahlabend 2002 erfahren: Merkel soll an seiner Stelle Fraktionschefin werden. So wenden sich die Dinge für den Sauerländer: Merkel entreißt Merz mit dem Führungsjob in der Fraktion auch die Zukunftsperspektiven in der Partei. 20 Jahre später wird er dasselbe machen mit Fraktionschef Ralph Brinkhaus.

Der formelle Abschied des einstigen Shootingstars aus der aktiven Parteipolitik sollte nach dem Merkel-Stoiber-Deal doch noch sieben Jahre dauern. Das – so muss man feststellen – hat er mit Merkel gemein, dieses Nichtloslassenkönnen. Noch im Herbst 2003 begeisterte Merz den Leipziger CDU-Parteitag, als er eine Steuerreform präsentierte, die so einfach sei, dass man sich seine Steuerschuld »sehr einfach, etwa auf einem Bierdeckel, ausrechnen« könne. Ein Coup, der dem Bierdeckel einen Platz im Haus der Geschichte sicherte. Das Konzept jedoch wurde schon bald in den eigenen Reihen zerfleddert und leider sind die Bundesbürger im Jahre 2022 von einer einfachen Steuererklärung so weit entfernt wie das Sauerland von Washington D.C.

In der Folgezeit lässt Merz’ politischer Elan spürbar nach. 2004 teilt er Angela Merkel schließlich mit, dass er alle seine politischen Ämter in Bundestagsfraktion und Partei aufgeben werde. 2007 folgt der nächste Schritt: Nach »gründlichem Nachdenken«, so heißt es in seiner Pressemitteilung, habe er sich entschieden, bei der Bundestagswahl 2009 nicht mehr anzutreten.

Gleichzeitig kursieren Gerüchte, der Sauerländer ­wolle eine eigene, bürgerliche Partei gründen für enttäusche CDU-Wähler, mit der er dann 2009 bei den Bundestagswahlen antreten werde. »Das meinte Friedrich nie ernst, die Aufregung darüber gefiel ihm aber,« so ein Parteifreund, mit dem er regelmäßig Kontakt hat. Einer anderen CDU-Funktionärin, die von der FDP umworben wird, redet der Sauerländer ins Gewissen: Ein Konservativer wechselt seine Parteizugehörigkeit nicht wie das Hemd.

Außerdem hat Merz sich längst anders orientiert, den Blick über den Tellerrand der Politik hinaus gerichtet. »Zeit, auch mal Geld zu verdienen«, verrät er seinen ­Freunden. Abhängigkeit von Politik als Brotjob war ihm immer zuwider (mehr dazu in Kapitel 3 »Der Lockruf des Geldes«). Doch auch hier zog Merz den Schlussstrich, um wieder frei zu sein für die Politik.

Der Netzwerker

»Rastlos« nennt ihn ein Freund. Rastlos deshalb, weil der Sauerländer immer die Fühler ausstreckte, weil er die Leerstelle, die die Bundespolitik in seinem Leben hinterlassen hatte, nie wirklich schließen konnte.

Wenn die CDU sauber aufgestellt gewesen und »die ­Lücke geschlossen gewesen wäre«, so beschreibt er es selbst im Abstand von vier Jahren, »wäre ich nie in die Verlegenheit gekommen, noch einmal zurückzukehren«. Er hielt sich bereit. Ein Weggefährte bemüht das gängige Klischee: »Friedrich schlief nachts bei offenem Fenster, um den Ruf nicht zu verpassen.«

Es sind dann vor allem zwei Netzwerke, die für Friedrich Merz in den Jahren des politischen Exils wichtige Plattformen öffentlicher Wahrnehmung darstellten und Bühnen boten, auf denen er immer wieder gegen die Bundespolitik sticheln konnte. Das eine Forum ist der Wirtschaftsrat der CDU, der die Interessen von Unternehmern gegenüber Politik und Gesellschaft vertritt und dessen ­Präsidium er seit 2009 angehörte. Der Wirtschaftsrat, 1963 in Bonn als Berufsverband gegründet, erwies sich für ihn als »friendly territory«. Mit seiner Kritik am Regierungshandeln Merkels war er hier in guter Gesellschaft.

Schon im Jahr 2010 hatten 40 Manager mit einer ganzseitigen Anzeige in einem energiepolitischen ­Appell unter anderem gegen eine zu starke Besteuerung der Atomkraft aufgerufen. Zu den Unterzeichnern gehörten neben etlichen Dax-Vorständen der damalige Präsident des Wirtschaftsrats Kurt Lauk sowie der Politikaussteiger Merz. Als die Wirtschaftsbosse und Lobbyisten diesen Appell unterschrieben, ahnten sie nicht, dass es noch ­dicker ­kommen würde: dass die Regierung Merkel schon im März des nächsten Jahres beschließen würde, ganz aus der Atomenergie auszusteigen. Immer wieder wird beim Wirtschaftsrat Kritik laut an der Politik der Regierung. Das Handelsblatt titelt 2013: »Wirtschaftsrat kritisiert ­teure Wahlversprechen und fordert Stärkung des Wirtschaftsprofils der Union.«

Regelmäßig, so auch beim Wirtschaftstag 2014, tritt das Präsidiumsmitglied Friedrich Merz auf, in Doppelfunktion. Denn seit 2009 ist Friedrich Merz auch Vorsitzender eines anderen Netzwerkes: der Atlantik-Brücke. Die deutsch-amerikanische Organisation, die sich seit 1952 um die transatlantischen Beziehungen kümmert und Reisen, Konferenzen und Austauschprogramme organisiert, war in die Schlagzeilen geraten: Der langjährige Vorsitzende Walther Leisler Kiep, der auch Schatzmeister der CDU gewesen war, hatte im Jahr 2000 wegen seiner Verstrickungen in die CDU-Spendenaffäre vom Vorstandsposten zurücktreten müssen. Als Vorsitzende folgten Arend ­Oetker und dann Airbus-Chef Tom Enders. Als ein Nachfolger für ­Enders gesucht wurde, war es dann die graue Eminenz Kiep selbst, die den früheren Star der CDU Merz als neuen ­Atlantik-Brücken-Chef favorisierte.

Was Kiep aber nicht daran hinderte, Merz bald nach dessen Wahl scharf zu kritisieren: Der neue Atlantik-­Brücken-Chef nutze das neue Amt für parteipolitische Profilierung. In der Tat hatte der ehemalige Fraktionsvorsitzende der CDU mit dem SPD-Dissidenten Wolfgang Clement, der einst sein politischer Widersacher war, gemeinsam ein Buch ­geschrieben, eine Abrechnung mit ihren jewei­ligen ­Parteien: »Was jetzt zu tun ist«. In der Atlantik-Brücke kam es daraufhin zum offenen Führungsstreit, der Ehrenvorsitzende Leisler Kiep zeigte sich verärgert und drängte Merz zum Rücktritt.

Ein Mitglied, das das alles miterlebt hat, spricht von einem »klassischen Machtkampf Alt gegen Neu«, verbunden damit war auch der Streit um eine Personalie in der Führungsriege der Organisation. Kiep hatte sich seinerzeit den Vorwurf zugezogen, er habe die Atlantik-Brücke nach Gutsherrenart geführt. Jetzt fühlte sich der alte Herr angeblich von Merz, der dem Verein ein striktes und transparenteres Finanzregime verordnet hatte, zu stark in seinem Zugriff auf den Verein eingeschränkt.

Bei einer Vorstandssitzung im Juni 2010 kam es zum offenen Konflikt. Merz schmiss hin und, so erzählt eine Teilnehmerin, hörte nicht auf andere, die geraten hatten, doch besser eine Nacht drüber zu schlafen. Von lautstarken Ausbrüchen ist die Rede. Augenzeugen zufolge habe Merz gerufen, so schlecht habe ihn nur Angela Merkel behandelt. Diese Impulsivität, finden solche, die ihn gut kennen, gehe auch schon mal über in fehlende Impulskontrolle: »Da muss er aufpassen!« Von seinem Rücktritt als Vorsitzender der Atlantik-Brücke konnte Merz am nächsten Morgen jedenfalls nicht mehr zurücktreten, stattdessen gab er seine erneute Kandidatur für den Vorstandsvorsitz bekannt – und wurde schließlich auch gewählt.

Unterm Strich fällt das Urteil über den Atlantiker Friedrich Merz positiv aus: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen hätten ihm spürbar am Herzen gelegen, auch über alle persönlichen Profilierungsversuche hinweg. Als Verdienst wird Merz zugerechnet, dass er das zerrüttete Verhältnis zur amerikanischen Partnerorganisation »American Council on Germany« gekittet habe. Während der Ära Trump, die zweifellos eine besondere Herausforderung darstellte, halfen Merz seine vielfältige Kontakte jenseits vom Weißen Haus, die Verbindungen in den Senat, zu den Gouverneuren.

Wenn sich allerdings die anderen Teilnehmer bei den jährlichen Mitgliederreisen zu fröhlichen Weinrunden an der Bar versammelten, sonderte sich der hochgewachsene Sauerländer eher ab. Bei den Busfahrten saß er immer in der ersten Reihe. Gleich hinter dem Fahrer. »Wir nannten ihn den Klassenlehrer«, erzählt ein Mitreisender. Und: Merz sei immer mehr an Inhalten interessiert gewesen als an Menschen. Eine Einschätzung, die im Jahr 2022 übrigens auch von einigen seiner neuen Kollegen in der Fraktion geteilt wird. Noch sind sich dort nicht alle sicher, ob der neue Chef auch verbinden und ein echtes Wir-Gefühl ­erzeugen kann.

In seiner Anfangszeit bei der Atlantik-Brücke ­begrüßte ihn einmal ein Vorstandsmitglied mit den Worten: »Wir sind hier alle eine große Familie.« Merz wirkte über­rumpelt. »So etwas liegt mir eigentlich gar nicht«, soll er geantwortet haben. Freundschaften ja, aber keine Kumpanei. Und auch keine Seilschaften. Dabei hätten solche Netz­werke seine Rückkehr an die Macht durchaus erleichtern können. Stattdessen gab es »eine Koalition gegen Friedrich«, wie es sein alter Freund aus JU-Tagen, der Unternehmer Egbert Neuhaus, ausdrückt.

Im vorpolitischen Raum

Zeitgleich mit Merz, der aus dem Europäischen Parlament nach Bonn gewechselt war, waren Armin Laschet und Norbert Röttgen 1994 in den Bundestag gekommen – Merz war etwas älter als die beiden anderen. Der Umgang untereinander war freundschaftlich-kollegial.

Bevor sie später alle drei zu Konkurrenten um den Parteivorsitz wurden, verhalfen die Parteifreunde Laschet und Röttgen dem Sauerländer zu weiteren Rollen im vorpolitischem Raum. 2012 band ihn Norbert Röttgen ein: Im Falle eines Wahlsieges in Nordrhein-Westfalen (NRW) möge Merz eine Regierungskommission zur Zukunft des Industriestandorts leiten. Die Frage, ob er ein offizielles Amt in der Landesregierung annehmen würde, hatte er stets verneint. »Kein Wunder, das wäre eine Degradierung gewesen. Wenn schon nicht Bund, dann gar nichts«, meint ein Weggefährte aus dem Hochsauerlandkreis. Am Ende gewann Rot-Grün in NRW. Das Thema hatte sich erledigt.

Ein paar Jahre später, nachdem Röttgen längst dem westlichen Bundesland den Rücken gekehrt hatte, kam wieder eine Art »Gesuch um Amtshilfe« aus Düsseldorf. ­Armin Laschet, dem das gelungen war, woran Röttgen zuvor scheiterte, nämlich Ministerpräsident von NRW zu werden, machte den Finanzexperten Merz zum Aufsichtsratsvorsitzenden des Köln-Bonner Flughafens und von Januar 2018 an zum Brexitbeauftragten der Landesregierung. Zuvor hatte Laschet Merz in die Grundwertekommission »Zusammenhalt der Gesellschaft« aufgenommen. Teilnehmern zufolge »glänzte er dort durch Abwesenheit«. Die ehrenamtliche Tätigkeit als Brexitbeauftragter hielt sich wohl auch in überschaubaren Dimensionen, stieß ­deshalb auf Kritik des politischen Gegners und war noch im Oktober 2020 Gegenstand einer kleinen Anfrage im Landtag.

Schritte für ein gezieltes Comeback waren das nicht, da sind sich langjährige Beobachter sicher. Im Gegenteil, Merz musste stets überredet werden. Darin hatte sich auch ­Julia Klöckner versucht, die 2011 Ministerpräsidentin in ihrer Heimat Rheinland-Pfalz werden wollte. Es war ihr nicht gelungen, den einstigen CDU-Star in ihr Schattenkabinett zu holen, dafür aber firmierte der als ihr Berater in Sachen Wirtschaft und Finanzen. Doch auch hier gab Merz eher den Global Player. Bei einem Wirtschaftskongress in Bad Kreuznach glänzte er lieber beim Thema China als beim Klein-Klein der rheinland-pfälzischen Landespolitik. Alles andere, möchte man meinen, hätte auch überrascht.

Die jährliche »Isny-Runde« im Allgäu war da schon eher sein Ding. 1979 lud der Unternehmer Helmut Aurenz zum ersten Mal eine Gruppe von CDU-Politikern und Unternehmern in sein Hotel »Jägerhof« im Allgäu. Die ­Initiative zu den nun jährlich stattfindenden Gesprächsrunden ging zurück auf die zufällige Begegnung zweier sehr ungleicher Persönlichkeiten: der eine, Aurenz, ein schwäbischer Düngemittelhersteller, der andere der VW-Grande Ferdinand Piëch. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hatten sie sich angeblich kennengelernt und Gefallen aneinander ­gefunden.

Als Spiritus Rector und Moderator dieser Gesprächsrunden fungierte lange Jahre Matthias Wissmann, der in dieser Zeit im Hauptberuf Präsident des Verbandes der ­Automobilindustrie (VdA) war und folglich über beste Kontakte verfügte. Inzwischen hat Thomas Strobl dessen Rolle übernommen, wie auch Familie Aurenz den Stab weiter­gereicht hat – an die Tochter. Die Teilnehmer sind eine bunte Mischung aus Politikern und aus westfälischen und schwäbischen Unternehmern, großen Marktführern und Hidden Champions. Viele aus der Autoindustrie. Oft kommen die Ehefrauen mit nach Isny oder auch kleine Kinder.

An der Bar stehen, die kulinarischen Erzeugnisse des Ländles genießen und über Fragen der Zukunft reden, ohne allzu viel Meinungsdiversität hinnehmen zu müssen, das beschreibt den Geist von Isny. Bundeskanzler Schröder, zwar nicht CDU, aber dafür »Automann«, durfte einmal in den »Jägerhof« kommen und dabei auch den weiten Blick genießen über die schneebedeckten Höhen des Allgäu. Ein anderes Mal, 2010, hatte Organisator Matthias Wissmann Angela Merkel eingeladen.

Doch »deren Ding« war das nicht: »Isny ist mehr ­Heimat von Merz als von Merkel«, sagen langjährige Teilnehmer. Zwar hatte die langjährige Kanzlerin unter den versammelten Unternehmern eine treue Fangemeinde. Was aber niemanden davon abhielt, auch Friedrich Merz zu applaudieren, wenn der wieder mal über die »Dame aus Ostdeutschland« herzog.

Das blieb allerdings nie geheim. Egal, was wer über ­Angela Merkel sagte, in welchem Kreis auch immer, es gab immer »Spione«, die alles der Kanzlerin zutrugen. Was übrigens bei Helmut Kohl nicht anders war, der noch viel mehr als Merkel den persönlichen Kontakt zu Mandats­trägern in der Partei gepflegt hatte. Doch auch bei Merkel trugen die Seilschaften immerhin so stark, dass es ihr gelang, die Rückkehr ihres Widersachers Merz bis in die Zeit nach ihrem vollständigen Rückzug hinauszuschieben.

Dabei gab es in der CDU immer auch Netzwerke, zu denen Merkel keinen Zutritt hatte. So war der beschauliche Tagungsort Isny auch immer ein Tummelplatz für Mitglieder des legendären Andenpakts. Schon allein, weil Matthias Wissmann dabei war, der von 1973 bis 1983 JU-Bundesvorsitzender gewesen war.

Der Andenpakt, das war der Zusammenschluss von jungen Unionspolitikern, die sich geschworen hatten, nie gegeneinander anzutreten. Alle männlich, alle West-CDU. 1979 auf einer Reise der Jungen Union durch Südamerika entstanden, auf einem Nachtflug über die Anden und mit reichlich Whisky aus der Taufe gehoben. Friedrich Merz war bei der Gründung nicht dabei, stieß erst viel später, um 2005, dazu.

Als reines Macht- oder Unterstützungsbataillon für Merz erwies sich der Andenpakt später nicht. Matthias Wiss­mann galt als »taktisch« in der Merz-Frage. Und Andenpakt-Gründungsmitglied Volker Bouffier war nie ein Merz-Freund. Genauso wenig wie der Niedersachse Christian Wulff oder der Saarländer Peter Müller. Um die Frage »Merkel oder Merz« ging es jedenfalls nie. »Es war ja so«, erzählt ein Mitglied dieser Runde, »er war draußen, sie war drinnen.«

Doch richtig draußen war Merz nie. Trotz seiner Abwesenheit aus der Tagespolitik erkannten ihn die Menschen überall und fragten: »Herr Merz, wann kommen Sie wieder?« Ähnlich beschreibt es auch seine Frau Charlotte. Wo immer der frühere Politstar auftrat, waren die Säle voll. Und zwar nicht nur im heimischen Sauerland. Das war es, was ihn antrieb.

Der Anfang vom Ende

In der Zeit nach 2015 geriet die Kanzlerin massiv unter Druck wegen ihrer Politik der offenen Grenzen. Allein 2015 stellten etwa eine Million Menschen einen Asyl­antrag. Starke Kritik kam aus dem Wirtschaftsflügel, aber auch von der Basis der Partei. Tenor: Durch falsche Botschaften sei eine »Sogwirkung« entstanden. »Europäischer Sonderweg«, »soziale Sprengkraft« waren Begriffe dieser Zeit, noch getoppt durch Horst Seehofers Vorwurf der »Herrschaft des Unrechts«. »Wir schaffen das« ging in die Geschichtsbücher ein, spaltete die Gesellschaft und die Politik: Die AfD zog 2017 erstmals in den Bundestag ein. Die ganze Gesellschaft war in Aufruhr, aber am meisten knirschte es innerhalb der Union selbst, resümiert ein Sozialdemokrat, der Merkel für ihre Haltung in der Flüchtlingsfrage immer bewundert hat.

Putschgerüchte machten die Runde. Es fielen die Namen Merz und Schäuble. Der Streit zwischen CSU und CDU eskalierte, Seehofer stellte öffentlich den Bruch der Fraktionsgemeinschaft zur Disposition. Friedrich Merz und der spätere Landwirtschaftsminister Gerd Müller (CSU) beobachteten das Schauspiel ganz genau. Beide waren seit ihrer gemeinsamen Zeit im Europäischen Parlament eng befreundet. Für den Fall, dass die Lage weiter eskalieren würde, so war verabredet, würden sie den Rücktritt beider Parteivorsitzenden fordern. Favorit für die unmittelbare Nachfolge Merkels war Wolfgang Schäuble; an eine eigene Kandidatur hat Merz damals nicht gedacht. Doch solche Gedankenspiele konnten sich nicht materialisieren. Und für eine Palastrevolte gegen Merkel gab es keine Mehrheit.

Erst die Zeit nach der Bundestagswahl 2017 läutet den Anfang vom Ende der Ära Merkel ein. In diesen Tagen wird das politische Drehbuch täglich neu geschrieben. Die ­Sondierungsgespräche über eine Jamaika-Koalition scheitern am 20. November 2017. Die Enttäuschung, vor allem in der Union, ist groß. Auf eine Fortsetzung der Großen ­Koalition hat niemand große Lust, die SPD hat ohnehin gleich abgewinkt. Man will sich in der Opposition regenerieren. Was stattdessen? Neuwahlen? Minderheitsregierung? Oder doch nochmal das ungeliebte Bündnis mit der SPD? Spannende Zeiten, in denen alte Gewissheiten nicht mehr tragen.

Ende November 2017 tritt Merz als Schlussredner beim CDU-Wirtschaftsrat NRW in Düsseldorf auf, in den Räumen der DZ Bank. Thema: »USA und Europa, Quo vadis«. Merz lässt kein gutes Haar am Kurs von Angela Merkel, er meint, das Land müsse wieder mehr politischen Streit aushalten. Merz findet drastische Worte. Die Entscheidung der FDP, von sich aus die Jamaika-Sondierungen zu verlassen, nennt er »nachvollziehbar und verständlich«.

Die Regierungsbildung in Berlin geht derweil nur schleppend voran. Selbst Neuwahlen scheinen möglich. Bei einer Umfrage im Auftrag des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) im Dezember 2017 zeichnet sich ein eindeutiges Bild ab. Gefragt nach ihren Wünschen für die politische Zukunft in Deutschland, geben 70 Prozent der Mittelständler an, sie seien gegen eine Wiederauflage der großen Koalition. Favorit bei einer Neuwahl sei eine CDU/FDP-Bundesregierung unter einem Bundeskanzler Friedrich Merz.

Seine Popularität kann Merz in dieser Zeit noch mehr spüren als sonst: Überall, wo er ist, im Urlaub am Tegernsee, in Stadtzentren, erkennen ihn die Leute. Das, davon sind Freunde und Familie überzeugt, heizt seine Ambitionen weiter an. Wie hatte er 2009 gesagt und 2012 im Deutschlandfunk noch mal wiederholt: »Wenn meine Partei der Meinung ist, dass sie wieder mehr Grundüberzeugung braucht, bin ich der Letzte, der sich einer Mitarbeit verschließt.«

Das Partei-Establishment jedoch, so urteilt Partei­freund Günther Oettinger, habe sich nichts versprochen von einer Rückkehr des einstigen CDU-Dissidenten: »Friedrich war ein Störenfried in den Kaskaden der Karriereplanungen der Amtsträger mit Aufrücken und Nachrücken.« Von der Basis jedoch hatte Merz sich immer getragen gefühlt.

Am 14. März 2018, sechs Monate nach der Bundestagswahl, nimmt die wiederaufgelegte Große Koalition ihre ­Arbeit auf. Aber erst nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier interveniert und die Parteien in die Pflicht genommen hat, ihrer staatspolitischen Verantwortung auch nachzukommen.

Brodelnde Unzufriedenheit

Die Regierung in Berlin steht, doch Ruhe kehrt nicht ein. Im Sommer 2018 eskaliert der Streit zwischen Angela ­Merkel und Horst Seehofer, in Doppelfunktion Innen­minister im Kabinett Merkel und CSU-Chef, über den Umgang mit Flüchtlingen an den Außengrenzen. In Bayern stehen Landtagswahlen an.

Ein neuer Konflikt entzündet sich zwischen CDU und CSU um die Ablösung des damaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen. Die Causa Maaßen sollte die Union in der Nachbetrachtung länger beschäftigen als ihr lieb war. Das Politbarometer vom 11. September serviert dem »Pakt der Frustrierten, der Zurückgewiesenen und der Besserwisser«, wie die Große Koalition in einem Kommentar im Tagesspiegel genannt wird, herbe Kost: Die Große Koalition verliert ihre Mehrheit in den Umfragen. 71 Prozent der Deutschen vermissen Führungsstärke bei der Kanzlerin, und immerhin 57 Prozent der Unions­anhänger.

Deutliche Anzeichen für brodelnde Unzufriedenheit in der Union gab es auch in der Bundestagsfraktion. Am 25. September 2018 kandidiert Ralph Brinkhaus über­raschend gegen den Merkel-Unterstützer Volker Kauder und gewinnt. Auch dies ein Schlag gegen die Kanzlerin. Drei Tage später redet Merz bei dem Unternehmer und CDU-Mitglied Martin Herrenknecht, einem großen Fan des Sauerländers. Er hält sich dort zwar zurück mit ­offener Kritik, doch Unternehmer Herrenknecht ist selig: »Sie wären für Höheres bestimmt.« Einige Monate danach, nachdem Merz in der ersten Runde der Vorsitzenden-Wahl durchgefallen war, trat Unternehmer und CDU-Mitglied Herrenknecht noch massiver auf in seiner Unterstützung für Merz, drohte sogar mit seinem Austritt aus der CDU.

Nicht nur bei Herrenknecht zu Hause – wo immer Friedrich Merz auftauchte in diesen Zeiten, stand die ­Frage der Rückkehr im Raum. Mehr noch als 2015. »Zufällig war an seinem Comeback gar nichts«, sind viele in der Partei überzeugt. NRW-Unternehmerpräsident und Merz-Freund Arndt Kirchhoff weiß warum: «Natürlich haben wir als Wirtschaft immer wieder gesagt, nicht nur hier in Südwestfalen, dass Friedrich zurückkommen muss. Das habe ich genauso im Südwesten erlebt. Wir wurden auch angesprochen von Leuten aus anderen Regionen Deutschlands, die fragten uns, ob wir Friedrich zur Rückkehr motivieren können.«

Doch einer wie er, sagen die, die ihn gut kennen, lässt sich nicht überreden. Das hat ein wichtiger Parteifreund schon früher erfahren, als der Merz in den 1990er-­Jahren geraten hatte, auch den CDU-Landesvorsitz in NRW anzustreben. Das hat Merz bekanntlich nicht gemacht. So ist Friedrich Merz eben, einer wie er trifft seine eigenen Entscheidungen. Doch ihre Wirkung tun die hartnäckigen Überredungsversuche trotzdem. Man will ihn zurück, diese Botschaft kommt an bei dem Sauerländer, der sich stets für den Besseren hält.

Am 10. Oktober 2018 lädt das deutschen Aktieninstitut in Brüssel zum Herbstempfang in die Räume der BNP Paribas Fortis in Brüssel. Merz kommt in seiner Funk­tion als Aufsichtsratsmitglied von BlackRock, Mitglied im Deutschen Aktieninstitut. Festredner vor 150 Gästen ist der frühere niedersächsische Ministerpräsident und spätere Europapolitiker David McAllister. Merz trifft in Brüssel auch seinen Freund Günther Oettinger. Der erinnert sich: »Der Friedrich hat die Stimmung getestet bei den Landesverbänden.« Baden-Württemberg sei freundlich gestimmt gewesen, freundlich zu Merz, aber auch zur Kanzlerin.

Es gab, anders als in Presseberichten kolportiert, »kein Komplott von Leuten, die ihn zurückwollten«, bestätigt ein mächtiger CDU-Mann. Miteinander geredet wurde allerdings viel: Thomas Strobl, die Merz-Freunde im Osten, zu denen damals Michael Kretschmer und Rainer Haselhoff zählten, und Roland Koch. Doch würde Merz wirklich springen, wenn sich die Chance böte?

Nicht zu unterschätzen im spannenden Schlussakt des Comebacks ist die Schlüsselfigur Wolfgang Schäuble. Zusammen mit Roland Koch, der immer ein Unterstützer von Merz war, setzte sich Schäuble schon früh ein für ein Comeback seines einstigen Zöglings, den er 1998 zum Fraktionsvize, zuständig für Wirtschafts- und Finanzpolitik, gemacht hatte.

Schäuble und Merz – gemeinsam teilen die beiden eine Geschichte der Enttäuschungen mit Angela Merkel. Diese hatte sich an Schäuble in der Spendenaffäre vorbeigesetzt und den Parteivorsitz erworben. Schäuble blieb Minister unter Angela Merkel. 2004 dann der nächste Schlag: Sein Name wurde ins Spiel gebracht für die Wahl zum Bundespräsidenten, doch sie ließ ihn fallen. Stattdessen wurde Horst Köhler nominiert.

Das hatte Merkel, so verraten Vertraute, stets anerkannt: Schäuble habe ausgehalten, seinem Land gedient. Anders als der jüngere Friedrich Merz, der alles hinwarf und sich eben nicht zufriedengab mit der dienenden Rolle und erst wieder in den Angriff ging, als seine Gegnerin das Feld zu räumen schien.

Angela Merkel wiederum, so verlautet weiter aus ihrem Umfeld, habe nie die beleidigte Reaktion von Friedrich Merz nachvollziehen können. Wenn einer einen Grund gehabt hätte, sich zurückgesetzt zu fühlen, so wird sie zitiert, dann wäre das Wolfgang Schäuble gewesen. Doch der sei trotz gelegentlicher Differenzen immer loyal gewesen. ­Allerdings hatte Angela Merkels langjähriger Minister durchaus seine eigene Agenda und betrieb später auch offen die Kandidatur ihres Rivalen, nicht gegen sie, aber doch als ihre Ablöse.

Luft aus dem Kessel

Am 14. Oktober 2018 verliert die CSU ihre absolute Mehrheit bei der Landtagswahl in Bayern, das schlechteste Ergebnis für die CSU seit 1950. Die Stimmung in der gesamten Union ist angespannt. Die Prognosen für Hessen sind schlecht, es zeichnen sich gehörige CDU-Verluste ab. Was ist, wenn Schwarz-Grün scheitert? Wird Bouffier Ministerpräsident bleiben können? Was bedeutet das für die Lage in Berlin, die Stellung Merkels? Fragen, die auch Friedrich Merz umtreiben.

Drei Tage vor der Hessenwahl will Wolfgang Schäuble Merz erreichen und mit ihm sprechen. Doch erreicht er ihn nicht, Merz ist auf der anfangs erwähnten Atlantik-­Brücke-Reise in Amerika, der Rückflug für den 26. 10. geplant. Noch zwei Tage bis zum Wahlsonntag in Hessen.

Bei der Wahl in Hessen am 28. Okober zeichnen sich schon am Nachmittag große Verluste für SPD und CDU ab. Die CDU verliert mehr als 10 Prozentpunkte, das schlechteste Ergebnis seit 1966, doch Volker Bouffier kann mit Not Ministerpräsident bleiben und seine schwarz-grüne Koalition weiterführen. Das erspart Angela Merkel den totalen Gesichtsverlust.

Schon am Nachmittag waren die Telefone heiß gelaufen. Jeder sprach mit jedem: Roland Koch, Friedrich Merz, Armin Laschet, Wolfgang Schäuble. Ein Gerücht macht die Runde: Merz und Koch hätten die Absicht, anzukündigen, dass Merz beim Parteitag als CDU-Chef kandidiert.

Die einen sind sich bis heute sicher: »Merkel wusste das und hat sich am Tag danach zurückgezogen. Das war ­keine freiwillige Erkenntnis von ihr.« Merz bestreitet, dass es einen solchen Plan gab. Bis zuletzt habe er selbst nicht ­genau gewusst, was passieren würde. Ein Strippenzieher aus der Frankfurter Finanzwelt berichtet: »Es war dann Volker Bouffier, der Merkel-Freund, der sie zum Rücktritt als Parteivorsitzende aufgefordert hat, um Luft aus dem Kessel zu lassen.« Das Lager Bouffiers will das so vier Jahre später nicht bestätigen. Es war zumindest, sagt jene Eminenz im Hintergrund, im Nachhinein ein Fehler, dass Merkel nur vom Parteivorsitz zurückgetreten ist. Mit ähnlichen Aussagen wird auch Friedrich Merz zitiert.

Am 29. Oktober 2018 morgens ist es so weit: Angela Merkel gibt bekannt, dass sie nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren werde beim Parteitag im Herbst. Diese Entscheidung habe sie bereits vor der Sommerpause getroffen und nun um eine Woche vorgezogen. Neben ihr sitzt Volker Bouffier. »Angela Merkel hat eine starke Entscheidung getroffen, eine noble Entscheidung und eine richtige Entscheidung«, sagt er dann. Noch während der Sitzung können die Teilnehmer in der Bildzeitung lesen, dass Merz wohl für den Parteivorsitz kandidieren wird. Der Rest ist überliefert: AKK, von all dem überrumpelt, entscheidet sich noch an diesem Montag zu kandidieren. Wie auch Jens Spahn.

Zwei Tage später betritt Friedrich Merz wieder die bundespolitische Bühne, sitzt auf dem Podium der Bundespressekonferenz. Für die älteren Kollegen ist es wie in der Zeitschleife, da sitzt Merz, so als wäre er nie weg gewesen. Doch während bei vielen der Kollegen Jahresringe, viel Bier und gutes Essen die Silhouette rundeten, wirkt Merz trotz seiner damals 63 Jahre geradezu behänd und jungenhaft schlank wie eh und je. Er will es nochmal wissen. Jetzt bietet sich die Chance, die Lücke in der Parteiführung und in seiner politischen Karriere zu schließen – und vielleicht auch noch Kanzler zu werden.

Wann aber war der Punkt, an dem er wusste: jetzt oder nie? Als Merz im Oktober 2018, drei Tage vor der Hessenwahl, in Washington saß und die taumelnde ­deutsche Politik der letzten Monate sezierte, schien er die Entschlossenheit zur Rückkehr in die Politik stärker denn je zu spüren. Zu dem Zeitpunkt muss ihn auch Wolfgang Schäubles SMS über den Atlantik bereits erreicht haben. Darin stand: »Bis Sonntag musst du dich entschieden ­haben.« Merz schrieb zurück: »Hast recht, bin vorbereitet.«

Mit der Bekanntgabe seiner Kandidatur für den Parteivorsitz am 29.Oktober 2018 ist nicht nur in der CDU, sondern auch im Hause Merz in Arnsberg nichts mehr, wie es war.

2. Auf den Spuren des jungen Merz

Arnsberg ist der Wohnsitz von Friedrich dem Streit­baren. Der Mann ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für »seine kampfbetonte Art«. Von den großen Besitzungen der Ahnen, so heißt es in der Überlieferung, »war nur ein kleiner Theil geblieben, noch dazu in dem wenig fruchtbaren Berglande im Süden des Westfalengaues«.

Das, was für den Friedrich des 12. Jahrhunderts galt, sieht 900 Jahre später für seinen Namensvetter in Arnsberg kaum anders aus. Die CDU hatte einst Verantwortung in ganz Deutschland – der gegenwärtige Machthalter aber hat die absolute Gewalt nur noch über einen kleinen Teil, über eben jene bergische Region im südlichsten Zipfel von Westfalen.

Das Sauerland, damals wie heute. Der Hochsauerlandkreis ist seit 1994 – mit Unterbrechungen – Wahlkreis von Friedrich Merz. Eine eigenwillige Region, deren rustikaler Charme sich dem an urbane Vielfalt gewöhnten Fremden nicht auf den ersten Blick erschließt. Sauerland, das ist das grüne Dreieck in der Deutschlandkarte zwischen Dortmund, Köln und Kassel. Dessen Bewohner werden im Wald geboren, leben dort und sterben im Wald, so heißt es in Ulrich Raulffs Essay »Sauerland als Lebensform«: »Schneidet man sie auf, findet man ein paar Fichtennadeln.« Ganz so drastisch geht’s dort natürlich doch nicht zu – wahr ist aber, dass auch Friedrich Merz seinen sauerländischen Wurzeln nie ganz entkommen ist, weder beruflich noch familiär.

Selbst während seines politischen Exils war Friedrich Merz immer präsent in der Region zwischen Finnentrop, Huxel oder Oberkirchen. Immer wieder war der ewige Merkel-Widersacher zu Parteijubiläen gekommen, zu Firmenfeiern, hatte Säle gefüllt. »Er hat gute Wahlkreisarbeit gemacht damals«, lobt ihn rückblickend sein Sauerländer Landsmann Franz Müntefering, der auch mal Parteichef war, allerdings bei der politischen Konkurrenz.

So wie der Friedrich aus dem Mittelalter seine Burg auf einen Berg im heutigen Arnsberg baute, bezog auch der neuzeitliche Friedrich ein Haus auf einer Anhöhe im Arnsberger Ortsteil Niedereimer, mit weitem Blick über Ruhr und den Stabilo-Werkzeugmarkt.

Verwurzelung im Sauerland

Das Eigenheim hatten seine Frau Charlotte und er 1994 gekauft, nachdem Friedrich in den Bonner Bundestag eingezogen war. Seinetwegen war die Saarländerin vor mehr als 30 Jahren mit ihrem Mann und den kleinen Kindern in dessen Heimat gezogen.

Wenn schon Sauerland, dann wenigstens die größte Stadt dort, hatte sich Charlotte Merz gedacht, dann wenigstens da ein neues Leben beginnen, wo sie nicht nur ihre Kinder erziehen, sondern auch als Juristin arbeiten konnte. Arnsberg ist Sitz von mehreren Gerichten und zudem verkehrsmäßig gut angebunden an die Autobahn, was im Sauerland keine Selbstverständlichkeit ist. Da geht schon mal eine Stunde ins Land, bevor ein Autobahnschild auftaucht. Im Winter dauert das oft noch länger, etwa, wenn sich ein Traktor über die schneebedeckten Straßen quält oder ein Touristenauto aus den Niederlanden die »holländischen Alpen« sucht. Auch das ein Grund für Friedrich Merz, sich mit 53 Jahren seinen alten Jugendtraum zu erfüllen: das Fliegen zu lernen. Als CDU-Partei- und Fraktionschef fliegt er in seiner Maschine gelegentlich immer noch selbst nach Berlin. Für ihn die schönste Stunde am Tag.

Charlotte Merz daheim in Arnsberg blickt mit gemischten Gefühlen auf die Entwicklungen der letzten vier Jahre, die ihr bisheriges Leben mal eben auf den Kopf stellen sollten. In den Jahren zuvor hatte das Ehepaar mehr Raum gehabt für Reisen, die Kinder waren ja längst aus dem Haus. Damit ist es nun vorbei. Gesagt hätte sie allerdings nie etwas gegen die Rückkehr ihres Mannes in die Politik: Bei einer solchen Entscheidung gehe es auch um die Wahrnehmung von staatsbürgerlicher Verantwortung: »Da kann ich doch nicht nur mit unserem Privatleben kommen.« Sicher nicht, bei so einem Politaficionado wie Friedrich Merz.