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Wenn Kurt Lauber von der Zermatter Bergrettung Glück hat, ist es Tag, das Wetter gut und er kann per Helikopter ein paar unerfahrene Touristen einsammeln, die sich überschätzt haben. Doch wenn es schlecht läuft, erlauben Gelände, Schneesturm und Dunkelheit nur eine Rettung zu Fuß. Dann ist er schon mal 17 Stunden unterwegs, um Verletzte oder im schlimmsten Fall tödlich Verunglückte zu bergen. Ein abenteuerliches – und abwechslungsreiches Leben. Denn Kurt Lauber ist seit über 15 Jahren außerdem Hüttenwirt auf der Hörnlihütte am Matterhorn auf 3260 Meter Höhe. Spannend und mitreißend erzählt er, was er in über 1000 Rettungseinsätzen erlebt hat, die nicht immer spurlos an ihm vorübergehen, und gibt Einblicke in den aufreibenden Hüttenalltag mit sechs Mitarbeitern – ein beeindruckender Bericht vom Leben und Arbeiten vor dem Panorama des mächtigen Matterhorns.
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2012
Kurt Lauber / Sabine Jürgens
Mein Leben auf der Hörnlihütte
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Wenn Kurt Lauber von der Zermatter Bergrettung Glück hat, ist es Tag, das Wetter gut und er kann per Helikopter ein paar unerfahrene Touristen einsammeln, die sich überschätzt haben. Doch wenn es schlecht läuft, erlauben Gelände, Schneesturm und Dunkelheit nur eine Rettung zu Fuß. Dann ist er schon mal siebzehn Stunden unterwegs, um Verletzte oder im schlimmsten Fall tödlich Verunglückte zu bergen. Ein abenteuerliches – und abwechslungsreiches Leben. Denn Kurt Lauber ist seit über fünfzehn Jahren außerdem Hüttenwirt auf der Hörnlihütte am Matterhorn auf 3260 Meter Höhe. Spannend und mitreißend erzählt er, was er in über tausend Rettungseinsätzen erlebt hat, die nicht immer spurlos an ihm vorübergehen, und gibt Einblicke in den aufreibenden Hüttenalltag mit sechs Mitarbeitern – ein beeindruckender Bericht vom Leben und Arbeiten vor dem Panorama des mächtigen Matterhorns.
Vorwort
Die Hörnlihütte
Die Saison beginnt
Unser erster Kunde
Ohne Wasser kein Wein
Erst denken, dann trinken
Es kann nur besser werden
Wenn alle Stricke reißen …
Versprochen ist versprochen
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Es war einmal …
Bergnot macht erfinderisch
Die Wunderheilung
Der Glaube kann Berge versetzen
Himmlische Genüsse
Irren ist menschlich
Wir machen die Nacht zum Tag
Erste Gehversuche
Im Himmel die Hölle
Kurze Beine auf langer Tour
Ohne Fleiß kein Preis
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint
Die Letzten werden die Ersten sein
Wieder was gelernt …
Vom Blitz getrieben
Kein Schwein ruft mich an
Das Schweizer Wahrzeichen unter Beschuss
Es geht bergauf
Der Gipfel der Geschäfte
Ein Herz für Tiere
So weit die Pfoten tragen
Ein ständiges Auf und Ab
Der Mann im Mondschein
Ehrfurcht und Ohnmacht
Bombenstimmung
Höhere Gewalt
Wenn Berge bröckeln
Die Schatten werden länger
Wenn es einfach ist, wird’s gefährlich
Italien muss warten
Ende gut, nicht alles gut
Bildteil
Danksagung
Es ist August, ich sitze in meiner kleinen Küche in der Hörnlihütte. Auf 3260 Meter am Fuße des Matterhorns, umgeben von einer Gletscherlandschaft und neunundzwanzig Viertausendern.
Es ist kalt. Draußen schneit es seit zwei Tagen, und auf der Terrasse liegt inzwischen schon mehr als ein halber Meter Neuschnee. Nur in der Küche ist es einigermaßen warm. Denn die Hörnlihütte, 1911 erbaut, ist inzwischen in die Jahre gekommen und die Küche der einzige beheizbare Raum. Seit Tagen hat niemand mehr das Matterhorn bestiegen, der Neuschnee macht eine Besteigung unmöglich. Auch Tagesbesucher erwarten wir nicht, der zweistündige Aufstieg zur Hütte ist bei diesem Wetter viel zu heikel. Dazu kommt die schlechte Sicht, so dass das atemberaubende Panorama leider ausbleibt.
Es gibt nicht viel zu tun, und so habe ich Zeit, über Gott und die Welt nachzudenken. Dafür gibt es wohl kaum einen besseren Ort als diesen. Eine abgelegene Berghütte auf über dreitausend Meter Höhe bei schlechtem Wetter. Kein Fernseher, kein Internet, keine Tageszeitungen. Nichts, was ablenken könnte.
Ich bin nun schon seit sechzehn Jahren Hüttenwart auf der Hörnlihütte, einer der bekanntesten und meistbesuchten Berghütten in den Alpen. Bei schönem Wetter wird die Hütte stark frequentiert, die 170 Schlafplätze sind oft ausgebucht, die Bänke und Stühle auf der Terrasse belegt. Es führt keine Bahn oder Straße zu uns herauf; nur wer eine zweistündige Wanderung auf sich nimmt, kommt so dicht an das Matterhorn heran, dass er es berühren kann. Ein Traum, den sich viele Menschen erfüllen wollen. So laufen sie den beschwerlichen Weg hinauf, langen mit großem Appetit bei Suppe, Rösti, Spaghetti oder hausgemachtem Früchtekuchen zu, um anschließend gesättigt und glücklich wieder nach Zermatt abzusteigen. Andere wollen mehr als nur den Augenblick und bleiben für eine Übernachtung, auch ohne den Gipfel erstürmen zu wollen.
Am späteren Nachmittag treffen die Bergsteiger ein, sie nutzen die Hütte als Ausgangspunkt für eine Matterhornbesteigung. Morgens früh um vier Uhr verlassen sie ihr warmes Bett und versuchen, das Matterhorn zu erklimmen, während sich die Wanderer noch einmal auf ihrem Touristenlager umdrehen und vom Aufstieg nur träumen. Sie genießen lieber gegen sechs Uhr das sagenhafte Panorama bei Sonnenaufgang.
So individuell wie die Menschen, so unterschiedlich sind ihre Beweggründe, zu uns heraufzusteigen. Es sind Leute aus aller Herren Länder, aus Europa, Asien, Afrika, aus Süd- und Nordamerika oder Australien. Darunter zahlreiche Bergführer mit ihren Kunden: Bergsteiger mit viel, wenig oder gar keiner Erfahrung. Aber sie kommen alle aus einem Grund hier herauf: Sie sehnen sich danach, dem Matterhorn, dem vielleicht schönsten Berg der Welt, so nahe wie möglich zu sein oder einmal auf seinem Gipfel zu stehen. Und ich als Hüttenwart habe das Glück, diese vielen verschiedenen Leute kennenzulernen und mit ihnen und durch sie viel Aufregendes und Schönes zu erleben. Dabei muss es nicht immer um Höchstleistungen und euphorische Bergsteiger gehen, die sich über ihren Gipfelerfolg freuen. Oft sind es die kleinen Dinge im Leben: wenn sich Wanderer auf der Hütte einfach wohl fühlen und die beeindruckende Bergwelt bestaunen. Diese Glücksgefühle verbinden die Menschen, und wir, das Hörnlihütten-Team und unsere Gäste, teilen sie für einen Moment miteinander.
Doch manchmal zeigt die Natur ihr grausames Gesicht. Und so ereignen sich auch Tragödien: von vermissten Bergsteigern und solchen, die ihr Leben an diesem Berg verloren haben, von verzweifelten Hinterbliebenen, die ihr Schicksal nicht begreifen können. In den vergangenen Jahren mussten einige hundert Menschen am Matterhorn ihr Leben lassen – und das geht nicht immer spurlos an einem vorüber.
Von all diesen Bergsteigern und Bergführern, von den vielen Bergrettungen, am Tag und in der Nacht, mit dem Hubschrauber oder zu Fuß, gibt es viel zu berichten. Auch von den verschiedenen Charakteren, die sich in der Hütte treffen, vom Leben mit meinen fünf Mitarbeitern – meiner temporären Familie …
So sitze ich nun in der Küche und mache mir Gedanken darüber, dass die vielen Geschichten vergangener Generationen von Bergführern und Hüttenwarten bereits in Vergessenheit geraten sind. Und so entsteht die Idee, ein Buch darüber zu schreiben. Auch wenn das bedeutet, viel, sehr viel Zeit in einem Raum vor einem Bildschirm zu verbringen, und ich mir in den letzten fünfundzwanzig Jahren nie vorstellen konnte, in einem geschlossenen Raum zu arbeiten.
Wie alles im Leben hat auch die Hörnlihütte ihre Geschichte.
Es war im Juli des Jahres 1865, als das Matterhorn von den Engländern Whymper, Douglas, Hudson und Hadow, dem Franzosen Croz und den beiden Schweizern Taugwalder (Vater und Sohn) zum ersten Mal bestiegen wurde. Schon bald nach der Erstbesteigung kam man zu der Überzeugung, dass am Fuße eines solch imposanten Berges eine Übernachtungsmöglichkeit gebaut werden müsse, denn die Anzahl der Bergbegeisterten und Matterhorn-Fans nahm stetig zu. Immer mehr Menschen kamen, um diesen einzigartigen, nun bezwingbaren Berg zu erkunden. So wurde 1880 die erste Unterkunft mit siebzehn Schlafplätzen errichtet. Auf 3260 Meter. Um den ständig neuen Bedürfnissen gerecht zu werden, wurde die Hütte in den folgenden Jahrzehnten verschiedene Male umgebaut und bietet seit der letzten Renovierung und Vergrößerung 1982 Platz für hundertsiebzig Berggänger.
Meine Vorgänger Franz und Heidi führten die Hörnlihütte fünfzehn Jahre lang. Während dieser Zeit arbeitete ich als Bergführer und war oft und gern dort. Und auch meine damalige Lebensgefährtin (und heutige Frau) Rebecca war von dem Leben auf der Hütte fasziniert, seit sie für eine Saison im Hörnlihütten-Team gearbeitet hatte. Ihr Sommer dort oben war ein nachhaltiges und eindrucksvolles Erlebnis für sie gewesen, und so versuchte sie sofort, mich für diese neue Aufgabe zu begeistern, als 1994 die Stelle als Hüttenwart frei wurde. Es dauerte nicht lange und ich war überzeugt – meine Frau hatte mir erfolgreich den Hüttenfloh ins Ohr gepflanzt. Also bewarben wir uns ganz offiziell, und nachdem alle Voraussetzungen erfüllt waren, bekamen wir den Zuschlag. Der Hüttenfloh ist bis heute bei mir geblieben. Er ist ein hartnäckiger Geselle und hat längst auch unseren Sohn Kevin befallen.
Inzwischen ist die Hörnlihütte jedoch veraltet und soll, bis zum 150-Jahr-Jubiläum der Erstbesteigung 2015, komplett renoviert werden. Dies ist der Grund, der mich schließlich überzeugen konnte, meine Geschichten vom Leben auf der Hörnlihütte aufzuschreiben, bevor die Erinnerungen, die in den alten Mauern stecken, durch neue ersetzt werden.
Viele Wege führen aufs Matterhorn. Einer davon ist der Hörnligrat, die sogenannte Normalroute, die von den meisten Bergsteigern als Auf- und Abstiegsroute genutzt wird. Es ist eine reine Felstour. Das bedeutet, gute Verhältnisse herrschen nur, wenn der Grat praktisch schneefrei ist. Das ist meist zwischen Ende Juni und Ende September der Fall, also für höchstens drei Monate im Jahr. Deshalb hat die Hörnlihütte nur während dieser Zeit geöffnet, den Rest des Jahres befindet sie sich im Winterschlaf.
Auch in diesem Sommer wecken wir die Hütte erst Ende Juni. Wir, das sind meine fünf Mitarbeiter und ich. Jedes Jahr bewerben sich zahlreiche Menschen, um für eine Saison auf der Hörnlihütte zu arbeiten. Viele haben völlig falsche Erwartungen. Sie verbinden mit dem Bild von der einsamen Hütte romantische Vorstellungen. Die Umgebung mag pittoresk und idyllisch anmuten, das Leben und die Arbeit hier oben aber sind mitunter hart, entbehrungsreich und anstrengend. Deshalb bekommen Bewerber von mir vorab schon ein Informationsschreiben, das zum einen die Anforderungen und Erwartungen verdeutlicht und zum anderen allzu schwärmerische Vorstellungen gleich zu Beginn ausräumt. Denn die Enttäuschung wäre sonst groß, und wir können während einer Saison nicht ständig Mitarbeiter auswechseln, die überfordert oder genervt sind, weil sie nicht täglich duschen können.
Dies ist eine allgemeine Information, damit du eine Vorstellung bekommst, wie der Hüttenjob aussehen kann.
ist eine einfache Hütte auf 3260 MüM, sie bietet bis zu hundertsiebzig Schlafplätze und neunzig Plätze auf der Terrasse.
Circa 80 Prozent der Übernachtungen sind Bergsteiger, die das Matterhorn besteigen wollen; die Mehrheit mit Bergführer.
Mittags besuchen uns die Tagestouristen, die in zwei Stunden von der Seilbahnstation auf die Hütte laufen und später wieder zurück ins Tal wandern.
Teamarbeit, interessante Gäste, lange Tage, Schicksale am Berg, selbständiges Arbeiten, wenig Privatsphäre, Freundschaften pflegen.
Sprachkenntnisse (Englisch, Französisch, gerne auch Italienisch und Spanisch), Erfahrung in der Gastronomie, Teamfähigkeit, Flexibilität, Freundlichkeit (im Team und im Umgang mit unseren Gästen), Belastbarkeit, Zuverlässigkeit, Motivation
1 Koch, 3 Mitarbeiter im Service, 2 Aushilfen, mein Sohn Kevin und meine Wenigkeit.
Bei schönem Wetter sind die Arbeitstage sehr lang und anstrengend, bei schlechtem Wetter gleicht sich das jedoch wieder aus, und man ist froh, wenn der Betrieb wieder ins Rollen kommt.
Auf der Hörnlihütte bei schönem Wetter zu arbeiten kann so aussehen:
8 Uhr Arbeitsbeginn: Frühstück servieren, Kuchen backen, Saal und Terrasse vorbereiten, Getränke auffüllen etc.
11 Uhr Team Mittagessen
Danach Service: Terrasse oder Saal bis 15 Uhr
Rezeption: 15 bis 19 Uhr; bis 22 Uhr Getränkeverkauf; am Nachmittag 1 Std. Mittagspause
19.30 Uhr Gäste-Abendessen: servieren von Suppe, Menü, Dessert
20.30 Uhr Team-Abendessen
22.30 Uhr Feierabend
Beginnt am 28. Juni und dauert bis zum 20. September. Alle nichtbezogenen Frei- und Ferientage werden am Schluss ausbezahlt. In der Regel arbeitet man circa zehn bis vierzehn Tage durch und hat dann vier Tage frei.
Montag 28. Juni, Treffpunkt 9 Uhr Air Zermatt in Zermatt, Helikopterflug auf die Hütte.
Kleider und Schuhe für warme und kalte Tage, Rucksack, Taschenlampe, Wecker, Sonnenbrille, Toilettenartikel etc. Schlafsack für die ersten Tage, da es auf der Hütte am Anfang kalt und feucht ist.
Einmal die Woche wird Wäsche zum Waschen mit dem Helikopter nach Zermatt geflogen, so besteht die Möglichkeit, auch persönliche Kleider waschen zu lassen.
Da wir uns auf über 3000 Meter befinden und vom Schmelzwasser abhängig sind, müssen wir mit dem kostbaren Nass sparsam umgehen. Z.B. beim Abwaschen, bei den Toiletten oder beim Duschen (einmal pro Woche).
Es ist mir ein Anliegen, Mitarbeiter zu finden, die zusammenpassen und ein gutes Team bilden. Deshalb wäre ich froh, wenn wir uns bald einmal persönlich kennenlernen würden.
Wenn du dir den Job, wie oben beschrieben, vorstellen kannst, würde ich mich über einen Brief freuen.
Viele Grüße aus Zermatt
Kurt Lauber
Dieses Jahr treffen wir uns am 28. Juni frühmorgens auf der Hubschrauberbasis in Zermatt. Das Team besteht aus Stephan, dem Koch, der schon seit drei Sommern für das leibliche Wohl unserer Gäste sorgt; Yasmin, für die es bereits die elfte Saison ist; Stephanie, die zum zweiten Mal mit an Bord ist, und Martina, die ihren ersten Sommer auf der Hörnlihütte erleben wird. Für meinen mittlerweile erwachsenen Sohn Kevin, der uns seit seinem dritten Lebensjahr begleitet, und für mich ist es schon fast zur Gewohnheit geworden. Aber eben nur fast. Kein Sommer ist wie der andere.
Ich verabschiede mich von meiner Frau Rebecca. Während wir bis vor drei Jahren oft Seite an Seite die Hörnlihütte bewirtschaftet haben, bleibt sie nun in unserem neuen Haus in Zermatt und kümmert sich um die Wohnungen, die wir an Urlaubsgäste vermieten. Wir werden uns also erst in etwa einem Monat wiedersehen.
Zu sechst stehen wir auf dem Heliport mit all unserem Gepäck und den nötigsten Lebensmitteln und sind gespannt, was uns auf der Hütte erwartet. Wie viel Schnee wird oben noch liegen? Wird sich das Team bewähren? Passt es überhaupt zusammen? Von heute an sind wir drei Monate lang eine Familie, die auf engem Raum bei sehr wenig Privatsphäre zusammenleben muss. Es wird Tage geben mit bis zu achtzehn Arbeitstunden und kurze Nächte, die es kaum zulassen, sich zu erholen. Es wird Zeiten geben, bei schlechtem Wetter, in denen wir tagelang keine anderen Menschen zu sehen bekommen. Und es wird viele Rettungseinsätze geben – erfolgreiche, aber auch traurige. All das weiß man schon vorher, da es sich Sommer für Sommer wiederholt. Und doch ist es nie dasselbe …
Der Helikopter hebt ab, und schon nach ein paar Minuten erblicken wir in der Ferne das einsame Haus auf dem schmalen Grat, das für die nächsten drei Monate unser Zuhause sein wird.
Als die erste Hütte im Jahre 1880 für 3000 Schweizer Franken gebaut wurde, war es eine sehr einfache und bescheidene Unterkunft mit siebzehn Schlafplätzen. Das Patronat der ersten Hütte übernahm der Schweizer Alpenclub. Zu jener Zeit gab es noch keinen Hüttenwart, der nach dem Rechten schaute und die Bergsteiger verpflegte. So war es auch nicht verwunderlich, dass schon nach ein paar Jahren die Hütte in einem sehr schlechten Zustand war.
1911 erweiterte die Burgergemeinde von Zermatt die Hütte um einen Anbau mit vierzig Betten (damaliger Name: Berghotel Belvédère). Von nun an war die Hütte bewirtschaftet, und während der Sommermonate wurde für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt.
Anfang des 20. Jahrhunderts eine Berghütte zu betreiben ist mit heute natürlich nicht zu vergleichen. Die hygienischen Zustände auf der Hörnlihütte waren vor hundert Jahren äußerst primitiv. Es glich eher einer Notunterkunft für Bergsteiger als einem Ort, an dem man sich länger als nötig aufhielt. Das Leben und Arbeiten war viel beschwerlicher, und auf vieles, wie zum Beispiel Duschmöglichkeiten und separate Zimmer für Hüttenwart und Angestellte, musste verzichtet werden. Es gab kein Radio und kein Telefon – der Hüttenwart war praktisch von der Welt abgeschnitten. Eine einfache Lebensmittelbestellung gestaltete sich ebenfalls wesentlich komplizierter als heute. Da es noch keine Hubschrauber gab, mussten die Lebensmittel mit Maultieren mühsam von Zermatt aus auf die Hütte transportiert werden.
Das Hüttenleben war einerseits sicher mit Entbehrungen verbunden, aber es gab auch weniger Stress und Hektik. Die Gäste hatten keine hohen Ansprüche und waren mit wenig zufrieden. Heute beginnt unser Arbeitstag um 3.30 Uhr und endet spät am Abend, denn in der Hochsaison gilt es, an die vierhundert Gäste pro Tag zu bedienen. Alles ist hektischer und komplexer geworden.
Eines hat sich jedoch nicht verändert: Das Wasserproblem. Wie schon vor hundert Jahren ist es auch heute nicht einfach, Wasser zu gewinnen. Hier oben müssen wir ähnlich erfinderisch sein wie das Wüstenvolk der Tuareg in der Sahara, und ich hoffe, dass sich mit der geplanten Renovierung der Hütte das Problem der Wasserversorgung lösen lässt.
Das Matterhorn hat sich seit der letzten Saison nicht verändert. Je näher wir mit dem Hubschrauber kommen, umso imposanter ist dieser Berg. Majestätisch und unerschütterlich steht er da. Es wird immer ein Berg bleiben, vor dem es gilt, Respekt zu haben, und der nicht zu unterschätzen ist.
Nach etwa fünfzehn Minuten – wir sind nun 1800 Meter höher – erreichen wir die Hütte. Der Hubschrauber landet auf der noch leergeräumten Terrasse direkt vor der Hörnlihütte. Es liegt immer noch viel Schnee, stellenweise reicht er bis zum ersten Stock des Gebäudes. Auch das Matterhorn ist weiß, seine Flanken sind mit reichlich Schnee bedeckt. Bis die Saison starten kann und die ersten Gäste kommen, muss nicht nur der Schnee schmelzen, auch wir haben noch alle Hände voll zu tun.
Während wir die Hörnlihütte aus dem Winterschlaf holen, erinnere ich mich an den Anfang einer anderen Saison: Zu viel Schnee lag am Berg, weshalb auf der Hütte kein Betrieb herrschte und es auch keine Bergführer gab, die ihre Gäste auf den Berg führten. Wir waren trotzdem unentwegt beschäftigt: Schnee räumen, Zimmer putzen, Lebensmittel einsortieren – alles notwendige Aufgaben, um unserer Hütte wieder Leben einzuhauchen. Schließlich saßen wir nach dem Abendessen noch in der Küche zusammen. Nur meine Frau Rebecca war bereits auf ihrem Zimmer. Plötzlich kam sie die Treppe heruntergelaufen. Aufgeregt stürmte sie in die Küche und berichtete, sie habe draußen Hilferufe gehört, das Fenster geöffnet und einen Mann gesehen, der sich humpelnd in Richtung Hütte bewege.
Ich zog sofort meine Jacke an und ging auf die Terrasse. Es war schon fast dunkel, aber den Mann konnte ich noch erkennen. Als ich ihm entgegenging, bemerkte ich, dass er ziemlich lädiert aussah. Seine Kleider waren zerrissen, ein Steigeisen hatte er noch an einem Schuh befestigt, das andere zog er am Sicherungsriemen hinter sich her. Er schien an Armen und Beinen verletzt zu sein, und nach seinem blutverschmierten Gesicht zu urteilen, musste er auch eine Kopfwunde haben.
Ich brachte ihn in die Küche, um ihn mir in Ruhe anzusehen. Vor allem seinen Kopf nahm ich genauer unter die Lupe. Dabei stellte ich ihm einige Fragen, um mir ein Bild von seinem Urteilsvermögen zu machen und somit Hinweise auf mögliche innere Kopfverletzungen zu erhalten.
»Wie heißt du? Wo kommst du her? Wie alt bist du?« Besonders aber interessierte mich, ob er alleine unterwegs gewesen war, und ich forschte nach dem Unfallhergang. Er gab sich sehr gelassen und hatte auch keine Mühe, auf meine Fragen zu antworten: Er stamme aus Tschechien, sei fünfundvierzig Jahre alt und alleine in den Bergen unterwegs. Die knapp fünfzehn Zentimeter große offene Wunde an seinem Kopf blutete stark, aber die Schädeldecke schien nicht verletzt zu sein.
Auf einer Berghütte ist die medizinische Versorgung auf das Nötigste begrenzt. Gerade in Situationen wie diesen bin ich daher besonders froh über meine langjährige Erfahrung in Rettungseinsätzen und die medizinische Ausbildung bei den jährlichen Rettungskursen.
Ich desinfizierte und verband die Wunde und schlug vor, ihn zur Untersuchung in das Spital fliegen zu lassen. Das jedoch lehnte er energisch ab: »Nein, auf keinen Fall. Ich bin nicht versichert!«
Für einen Krankenhausaufenthalt reiche sein Geld nicht aus. Es gehe ihm gut, und er habe auch keine Schmerzen. Am liebsten würde er auf der Hütte übernachten, um am nächsten Morgen nach Zermatt abzusteigen. Ich hingegen hatte Bedenken, denn sollte sich sein Zustand während der Nacht verschlechtern oder ihm beim Abstieg in der Früh etwas zustoßen, müsste ich mir ernsthafte Vorwürfe machen. Schließlich handelt es sich um einen steilen, zweistündigen und schneebedeckten Weg hinab zur nächsten Seilbahnstation.
Als ich ihn zum Unfallhergang befragte, gab er an, vor einer Stunde am Hörnligrat (auf 3900 Meter) den Rucksack abgesetzt zu haben, um seine Steigeisen auszupacken. Beim Anlegen der Steigeisen sei er ausgerutscht und circa fünfzig Meter abgestürzt. Danach sei er zur Hörnlihütte gelaufen. Das kam mir merkwürdig vor. Ein durchschnittlicher Bergsteiger – unverletzt wohlgemerkt –, der alleine und ungesichert unterwegs ist, würde sicher drei Stunden von der angegebenen Unfallstelle bis zur Hütte benötigen. Und nie und nimmer eine Stunde, wie der Tscheche behauptete.
Der Hörnligrat wird immer wieder unterschätzt. Es ist eine Tour, die sehr lang ist; und bei ungünstigen Verhältnissen, zum Beispiel bei Schnee, wird es heikel und schwierig. Mit all den Felsriegeln und Traversen, die es zu klettern gilt, erlaubt sie keinen Fehler.
Der Zustand des Tschechen stabilisierte sich. Trotzdem entschloss ich mich gegen 22 Uhr, über die Air Zermatt einen Hubschrauber für den Abtransport des Bergsteigers zu organisieren, denn das Risiko, ihn ohne ärztliche Untersuchung auf der Hütte zu behalten, war mir zu hoch. Nach einer halben Stunde landete der Hubschrauber mit Arzt, Flughelfer und natürlich Pilot an Bord auf der Heli-Plattform vor der Hütte. Nachts im Gebirge zu fliegen birgt besondere Gefahren, aber da wir vier schon viele Einsätze zusammen erlebt haben und uns seit etlichen Jahren kennen, vertraut einer dem anderen. Das ist wichtig, denn bei gefährlichen Rettungseinsätzen muss jeder Handgriff sitzen. Da gibt es keine Zeit für lange Absprachen. Dennoch ist ein gutes Risikomanagement dringend nötig, um das Restrisiko möglichst gering zu halten, und nicht zuletzt steht auch unser Leben unter Umständen auf dem Spiel. Vor jedem Abflug – ob bei Tag oder Nacht – müssen daher Wind, Wetter und die Sichtverhältnisse vor Ort abgeklärt werden. Und natürlich der Zustand des Patienten. Ist dieser kritisch und ein Transport ins Krankenhaus lebensnotwendig, muss die Helikopter-Crew den Einsatz auch unter schwierigen Umständen wagen. Ist der Patient aber außer Lebensgefahr, darf die Rettungsmannschaft nicht ihr eigenes Leben riskieren, und der Einsatz wird verschoben, bis es hell wird.
An jenem Abend aber war das Wetter gut, eine klare Nacht. Und so entschieden wir uns für den Nachtflug. Der Arzt untersuchte den Bergsteiger auf äußere und mögliche innere Verletzungen, bevor er einen künstlichen Zugang in die Armvene legte, der es erlaubt, schnell Infusionen zu geben. Dann brachten wir unseren Patienten auf einer Trage zum Hubschrauber. Bald darauf startete der Pilot die Turbine, der Heli hob langsam von der Plattform ab und suchte sich mit dem Scheinwerfer einen Weg durch die Nacht. Ziel war das nächstgelegene Krankenhaus in Visp.
So schnell und unvermittelt wie unser erster Gast aus dem Nichts aufgetaucht war, war er also auch schon wieder weg. Damit war der Fall für uns erledigt, und wir konnten den Abend beruhigt ausklingen lassen.
Damals arbeiteten mehrere Bergführer und die Air Zermatt bereits seit einigen Jahren mit einer deutschen Fernsehproduktionsfirma zusammen. Für die Sendung Notruf wurden Rettungseinsätze gefilmt. Als Nächstes sollte ein spektakulärer Unfall (und die damit verbundene Rettung) in der Matterhornnordwand nachgestellt werden, der sich einige Jahre zuvor ereignet hatte. Also flogen Rettungschef Bruno Jelk und ich am nächsten Tag im Auftrag der Produktionsfirma mit dem Hubschrauber den Hörnligrat und die Nordwand ab, um geeignete Motive für die verschiedenen Filmeinstellungen zu suchen. Plötzlich entdeckten wir einen Rucksack – an einem Haken gesichert. Ich musste nicht lange überlegen, wem der wohl gehörte. Es war genau die Stelle, die mir der Tscheche am Abend zuvor geschildert hatte. Wir sahen auch seine Absturzspur im Schnee, der wir mit dem Heli folgten. Sie zog sich durch Rinnen, über Abbrüche und Felskanten, durch die ganze Ostwand bis an den Fuß des Matterhorns. Wir staunten nicht schlecht: Der Mann war keine fünfzig, sondern mehr als fünfhundert Meter abgestürzt und hatte das, wie wir später erfuhren, tatsächlich ohne größere Verletzungen überlebt. Kaum zu glauben, dass jemand so viel Glück haben kann. In der Vergangenheit haben wir schon viele solcher Absturzspuren gesehen – und stets hatten sie tödlich geendet. Sicher war der viele Schnee in der Felswand das große Glück des Tschechen gewesen, sonst wäre es nie und nimmer möglich, einen so gewaltigen Absturz zu überleben.
In Gedanken bei diesem »glücklichen Unfall« unseres ersten Kunden zu Beginn der damaligen Saison starte ich nun also in die neue. Ein gutes Omen?
Bis die Hütte komplett eingerichtet und voll funktionsfähig ist, werden ein paar Tage vergehen. Es gibt sehr viel zu tun: Die Toiletten funktionieren noch nicht, da die Abwasserleitungen gefroren sind; sie müssen erst mit Salzwasser enteist werden. Auch auf fließendes Wasser werden wir ein bis zwei Tage warten müssen. Denn dafür müssen wir die Wasserfassung, die mindestens zwei bis drei Meter unter dem Schnee liegt, freischaufeln – und das dauert. Bis dahin wird Schnee geschmolzen. Wir füllen Töpfe und große Pfannen mit Schnee und stellen sie auf den Herd.
Wasser ist auf einer Berghütte wohl eines der wichtigsten Dinge, wenn nicht das wichtigste. Ohne Wasser geht gar nichts. Die Hörnlihütte liegt auf einem Grat. All das Wasser von den Gletschern und dem Schnee, der in den Frühjahrs- und Sommermonaten schmilzt, fließt in die Täler, mehr als siebenhundert Meter tiefer, und ist somit zwei Kilometer entfernt. Es rauscht, unerreichbar, einfach an uns vorbei. Also müssen wir uns selbst helfen, um an Wasser zu gelangen. Dabei erstaunt es uns immer wieder, dass viele Menschen nicht verstehen, warum die meisten Berghütten, vor allem die Hütten oberhalb von 3000 Metern, ein Problem haben, Wasser zu gewinnen.
Am Einstieg des Hörnligrats, etwa 200 Meter von der Hütte entfernt, haben wir eine kleine Wasserfassung. Sie liegt in einer Senke, weil sich hier der meiste Schnee sammelt. Der Schnee wird mit Hilfe eines von der Sonne erhitzten dunklen Blechs geschmolzen. Über eine 200 Meter lange PVC-Rohrleitung, die wir entlang der Felswand aufgehängt haben, erreicht das Wasser dann einen 1300-Liter-Tank, von wo aus es in weitere Tanks gepumpt wird, die sich im oberen Stockwerk der Hütte befinden. Im Spätsommer, wenn fast kein Schnee mehr zur Verfügung steht, wird es allerdings noch komplizierter. Dann müssen wir die Wasserleitung um 100 bis 200 Meter verlängern, um an Schnee zu kommen. Spätestens jetzt müssen die Vorräte noch stärker rationiert werden.
Grundsätzlich gilt es, genau zu überlegen, wie man das kostbare Wasser nutzt. Vor allem wenn sich bei Hochbetrieb bis zu hundertsiebzig Menschen auf der Hütte tummeln. Dann schließen wir nicht nur die Waschgelegenheit für die Touristen, auch das Team kann dann nur noch einmal in der Woche duschen. Außerdem reduzieren wir das Wasser in den Spülkästen der Toiletten auf ein Minimum, zumal nicht nur unsere Gäste, sondern auch fremde Camper Waschräume und WC benutzen. Schließlich sind wir die einzige Hütte weit und breit …
Täglich haben wir Besuch von bis zu zwei Dutzend Menschen, die nicht in der Hütte übernachten, sondern in der näheren Umgebung zelten. Viele von ihnen kommen aus ärmeren Ländern, sie können sich keine Unterkunft leisten, wollen auf ihre Leidenschaft, das Bergsteigen, aber nicht verzichten. Bei uns lassen sie dann ihren Abfall zurück, den wir per Hubschrauber kostenaufwendig ins Tal fliegen müssen; und sie benutzen unentgeltlich Aufenthalts-, Toiletten- und Waschräume, die für unsere Übernachtungsgäste vorgesehen sind.
Für die meisten Hüttenwarte in den Alpen ist das wilde Campieren ein Problem. Wir haben deshalb inzwischen an der Hörnlihütte das Zelten in unmittelbarer Nähe verboten und einen Zeltplatz festgelegt, der etwa 150 Meter entfernt ist, was den Konflikt etwas eindämmt. Doch wenn auf der Hütte Wasserknappheit herrscht, ist es auch für die Bergsteiger auf dem Zeltplatz schwierig, an Wasser zu kommen. Die einzige Möglichkeit besteht darin, es mühsam hinaufzutragen oder auf der Hütte zu kaufen. Das macht manchen Camper erfinderisch …
Schon mittags waren viele Wanderer zu versorgen. Nach dem langen Marsch hatten sie Hunger, aber vor allem Durst. Die Flaschen und Gläser gingen in Windeseile über die Theke. Stephan, der Koch, gab verschiedene Schweizer Rösti-Gerichte, Spaghetti und andere deftige Speisen im Minutentakt heraus. Und unsere Mitarbeiter liefen mit den Tellern emsig zwischen Hütte und Terrasse hin und her. Die Gäste sollten schnell und gut bedient werden. Dieser Tag kam uns mal wieder besonders lang vor, und wir waren froh über jede noch so kurze Verschnaufpause.
Gegen 19 Uhr wurde es ruhiger, alles war für das Abendessen vorbereitet, und ich ging auf die Terrasse, um frische Luft zu schnappen. Ich lief an einer Toilettentür vorbei, die merkwürdigerweise offen stand, und beobachtete, wie jemand mit einem Becher das Wasser direkt aus dem Klo in eine Pfanne schöpfte. Ich wurde neugierig und ging ihm hinterher. Draußen stellte er die Pfanne mit unserem Toilettenwasser auf einen kleinen Gaskocher. Ich dachte, ich sehe nicht richtig!
Es waren vier spanische Bergsteiger, die sich da um den Tisch versammelt hatten. Auch diese Männer waren hier, um sich ihren Traum zu erfüllen: die Besteigung des Matterhorns. Sie kampierten auf dem Zeltplatz.
»Und was habt ihr mit dem Wasser vor?«, fragte ich und zeigte auf die Pfanne.
»Brauchen wir zum Kochen.«
Ich erklärte, warum ich das nicht für die beste Idee hielt: »Das stammt doch aus der Kloschüssel! Und jeder weiß, dass das nicht sauber sein kann.«
Für die Spanier stellte das allerdings keinen Grund zur Sorge dar. »Wir machen das immer so«, lautete die lapidare Antwort. Ich solle sie in Ruhe lassen und mich um meine eigenen Probleme kümmern. Also ließ ich sie in Ruhe, schließlich waren es erwachsene Menschen, alt genug, auf sich selber aufzupassen …, dachte ich und ging zurück in die Küche.
Am nächsten Tag um die Mittagszeit, die Terrasse füllte sich zusehends mit Wanderern, klingelte mein Handy. Die Einsatzzentrale – sie nimmt Notrufe entgegen und koordiniert Rettungseinsätze – unterrichtete mich über einen Notruf vom Gipfel des Matterhorns. Er sei per Mobiltelefon eingegangen. »Wir müssen mehrere Bergsteiger mit Bauchkrämpfen evakuieren. Die Air Zermatt ist informiert«, so der Einsatzleiter. Ich ließ auf der Stelle alles stehen und liegen. Mein Team kennt diese Notruf-Situationen, und sofort springt jemand für mich ein und übernimmt meine Arbeit.
Umgehend machte ich mich bereit und begab mich auf die Hubschrauberplattform direkt neben der Hütte. Über Funk nahm ich Kontakt mit dem Piloten auf, der gerade in Zermatt gestartet war. Ich meldete mich einsatzbereit und gab die Wind- und Wetterverhältnisse durch. Zehn Minuten später landete der Hubschrauber dann vor mir auf der Plattform. Nun hieß es, alles klarmachen für eine Tau-Bergung. Dazu wird an einem Haken, an dem sonst Unterlasten transportiert werden, ein dreißig Meter langes Seil eingehängt und am Heli gesichert. Am Ende des Seils befindet sich ein Doppelhaken, in den man sich einhängen kann.
Auf dem Gipfel gibt es nicht viel Platz, es ist ein langer, schmaler Grat, viel zu schmal, als dass ein Hubschrauber dort landen könnte. Die einzige Möglichkeit, Menschen vom Gipfel aufzunehmen, ist daher mittels einer Winde oder besagter Tau-Bergung. Mit der Winde können wir eine Person zum Helikopter aufziehen und an Bord holen, was gerade bei Verletzten gern gemacht wird. Bei der Tau-Bergung können wir, je nach Höhe, bis zu sechs Personen auf einmal unter dem Hubschrauber hängend aus dem Berg und somit in Sicherheit fliegen.
Ich kontrollierte, ob mein Klettergurt richtig festgezurrt war, die Steigeisen sicher saßen und das Seil korrekt mit dem Heli verbunden war. Mein Funkhelm funktionierte, ich stand mit dem Piloten in guter Verbindung und meldete ihm, dass ich startklar sei. Der Heli hob sich langsam in die Höhe, während ich dem Piloten fortlaufend die verbleibenden Meter Tau durchgab: »Drei Meter, zwei Meter, ein Meter, ein halber Meter bis zur Last. Last kommt!« Die Last war ich. Dann zog mich der Heli von der Plattform weg, ich hing dreißig Meter unter dem Hubschrauber, und wir flogen Richtung Matterhorngipfel.
Der Pilot steuerte den Hubschrauber erst an der Ostwand, dann an der Nordwand vorbei, und wir gewannen langsam an Höhe. 1200 Meter galt es zu überwinden, bis wir auf der Höhe des Gipfels waren. Dort sah ich vier Bergsteiger, die deutliche Hilfezeichen gaben. Auch der Pilot hatte sie lokalisiert und hielt auf sie zu. Ich gab ihm laufend den Bodenabstand und die Distanz zu den vieren durch. Denn für den Piloten, der bei einem solchen Einsatz wie ein Kranführer agiert, ist es wichtig, ständig über den vertikalen und horizontalen Bodenabstand informiert zu werden. So weiß er, um wie viele Meter er den Heli absenken und wie weit er ihn noch vorwärtssteuern muss.
»Ab drei, vor sechs Meter; ab zwei, vor vier Meter; ab ein, vor zwei Meter. Höhe halten, vor ein Meter. Position halten.« Allmählich tasteten wir uns an die zu rettenden Objekte heran – »Ab halben Meter.« –, bis ich wieder Boden unter meinen Füßen spürte: »Kontakt. Entlasten.« Erst dann klinkte ich mich aus, meldete »Heli frei«, und der Pilot zog den Hubschrauber vom Gipfel weg.
Nun stand ich bei strahlendem Wetter auf 4478 Meter, aber zum Spaß war ich leider nicht hergekommen. Als ich mich den Bergsteigern näherte, die um Hilfe gerufen hatten, erkannte ich sie wieder: Es waren die vier mit Klowasser kochenden Spanier. Ein kleines Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen. Am Abend zuvor hatten sie noch gesagt, ich solle mich um meine Probleme kümmern, und nun, nur einen Tag später, waren sie zu meinem Problem geworden.
Den vieren ging es nicht besonders gut, und so beschloss ich, sie besser nicht auf den vergangenen Abend anzusprechen. Von Bauchkrämpfen gequält, saßen sie ziemlich bleich und erschöpft auf dem Gipfel im Schnee. Das war wohl Strafe genug. Bevor ich den Hubschrauber aufrief, machte ich die Männer für die Tau-Bergung bereit und erklärte ihnen, dass wir zuerst an der Hörnlihütte zwischenlanden würden. »Ein Arzt der Air Zermatt wartet dort, er wird euch in Empfang nehmen, untersuchen und dann entscheiden, ob eine Einweisung ins Krankenhaus nötig ist.«
Der Hubschrauber flog an, ich wies ihn wie üblich ein und befestigte erst zwei der vier kranken Bergsteiger am Seil. Ob sie wohl bei diesem Flug noch mehr Bauchschmerzen bekamen? Denn unter einem Helikopter hängend weit über 1000 Meter hoch durch die Gegend zu fliegen ist nicht unbedingt jedermanns Sache. Nach dem zweiten Anflug schwebte ich mit den beiden anderen Männern zurück zur Hütte. Dort wurden die erleichterten, aber immer noch kreidebleichen Patienten untersucht, nach Zermatt geflogen und an den diensthabenden Arzt überwiesen.
Haben die vier Spanier wohl etwas aus dieser Geschichte gelernt? Ich hoffe es. Aber eines ist sicher: Der Ausflug zum Matterhorn wäre für sie viel billiger geworden, wenn sie Wasser auf der Hütte gekauft hätten. Denn was sind ein paar Schweizer Franken gegen die immense Gebühr von etwa 4000, die sie nun für ihre Rettung berappen müssen?
Um zu verhindern, dass sich so etwas wiederholt, spielte ich kurz mit dem Gedanken »Kein Trinkwasser« an die Kloschüssel zu schreiben, entschied mich dann aber doch, auch in Zukunft auf den gesunden Menschenverstand zu zählen.
Im Moment ist Wassermangel kein Thema. Eher ein Zuviel an Schnee. Seit zwei Tagen bin ich dabei, mit einer kleinen Schneefräse die Terrasse von ihrer Schneelast zu befreien, damit wir die vierzehn Tische mit allen Stühlen dort aufstellen können und sie im Essraum, wo sie zurzeit lagern, keinen Platz wegnehmen.
