Matterhorn, Bergführer erzählen - Kurt Lauber - E-Book

Matterhorn, Bergführer erzählen E-Book

Kurt Lauber

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Beschreibung

Jedes Jahr strömen Tausende Alpinisten ins Wallis, um das Matterhorn zu erklimmen. Die meisten nehmen den Aufstieg in Begleitung eines erfahrenen Bergführers in Angriff. Diese mutigen Männer und Frauen kennen auf dem Weg zum Gipfel jeden Stein, wissen um Gefahren und motivieren ihre Gäste, wenn diese den Mut verlieren. Am Berg erleben sie Glücksmomente und Tragödien, Lustiges und Skurriles. Bergführer haben eine Menge ­zu erzählen. Und wer schon einmal mit einem von ihnen bei einem Glas Wein in der Hütte saß, der weiß wie schnell die Zeit verfliegt. Zum 150. Jubiläum der Matterhorn-Erstbesteigung porträtiert Kurt Lauber die berühmtesten Bergführer Zermatts und erzählt ihr emotionalstes Erlebnis vom Berg der Berge. Eine lebendige Zeitreise durch 150 Jahre Bergführergeschichte.

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Seitenzahl: 330

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Kurt Lauber

Matterhorn, Bergführer erzählen

Gipfelgeschichten gesammelt von Kurt Lauber

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Jedes Jahr strömen Tausende Alpinisten ins Wallis, um das Matterhorn zu erklimmen. Die meisten nehmen den Aufstieg in Begleitung eines erfahrenen Bergführers in Angriff. Diese Männer und Frauen kennen auf ihrem Weg jeden Stein, wissen um Gefahren, wittern schlechtes Wetter und motivieren ihre Gäste, wenn diese den Mut verlieren. Sie erleben Glücksmomente und Tragödien, Lustiges und Skurriles. Zum 150. Jubiläum der Erstbesteigung des Matterhorns portraitiert Kurt Lauber die berühmtesten Bergführer Zermatts und erzählt ihr emotionalstes Erlebnis vom Berg der Berge. Eine lebendige Zeitreise durch 150 Jahre Bergführergeschichte

Inhaltsübersicht

Vorwort

Die Entwicklung des Bergführertums

»Sehr oft hatte Gott das Seil in der Hand.«

»Ich bin halt gerne schnell unterwegs.«

»Die Sicherheit (von Gast und Bergführer) hat Vorrang!«

»Ich bin in den Berg verwurzelt.«

»Großer Respekt gebührt unseren Vorfahren, die mit einfachster Ausrüstung und Nagelschuhen ihre Gäste auf die Berge führten.«

»Menschen begegnen sich, Berge nicht.«

»Wir sind als Seilschaft aufgewachsen.«

»Ich musste da nicht rauf.«

»It’s not playing Golf.«

»Kein Gast engagiert einen Mathematiker als Bergführer.«

»Den Einstieg am Matterhorn hat der liebe Gott perfekt geschaffen.«

»Die Fitness eines Menschen erkennt man in seinen Gesichtszügen.«

»Schön ist es immer.«

»Oben auf dem Gipfel in die Weite schauen. Das liebe ich.«

»Japaner sind Wundertüten!«

»Naturverbundenheit kann wichtig sein.«

»Jeder bekommt seine Chance!«

»In der Ruhe liegt die Kraft!«

»Spring jetzt oder ich nehme dich wieder ans Seil!«

Bildteil

Bildnachweis

Vorwort

Auf der Hörnlihütte, am Fuße des Matterhorns, ist es Herbst geworden. Für mich als Hüttenwart ist es bereits die zwanzigste Saison, die zu Ende geht – und die Hütte, die 1911 erbaut wurde, hat bereits stolze 103 Jahre auf dem Buckel.

So war es an der Zeit – vor allem auch in Hinblick auf die 150-Jahr-Feier anlässlich der Erstbesteigung des Matterhorns am 14. Juli 1865 –, die Hütte den heutigen Ansprüchen und Bedürfnissen anzupassen.

Seit 2013 wird die Hörnlihütte daher umgebaut. Mein altbewährtes Hüttenteam und ich erleben also schon seit zwei Jahren von Anfang Mai bis Ende Oktober Tag für Tag all die vielen Veränderungen hier oben auf 3260 Metern Höhe mit. Für uns war es ein ungewohnter und zugleich langer Sommer, denn normalerweise öffnen wir die Hörnlihütte immer erst Ende Juni. Aufgrund der Bauarbeiten blieb die Hütte im Sommer 2014 für die Öffentlichkeit geschlossen, Gäste mussten somit zwar nicht betreut, aber täglich bis zu dreißig Bauarbeiter verpflegt, die verschiedensten Arbeiten auf der Baustelle begleitet sowie die Logistik der vielen hundert Versorgungsflüge koordiniert werden.

Es liegt eine sehr spannende, aber auch anstrengende Zeit hinter uns. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge nehmen wir Abschied von der alten, traditionsreichen Hütte mit ihren altbewährten Abläufen. Aber sehr bald wird der lang ersehnte Traum von einer neuen Hütte in Erfüllung gehen. Ende Juni 2015, gerade rechtzeitig zum 150-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung des Matterhorns, wird die Hütte wieder eröffnet.

 

Ich bin stolz, an diesem schönen, geschichtsträchtigen und speziellen Ort leben und arbeiten zu dürfen.

Die Hörnlihütte war schon immer ein kraftvoller Ort, ein Platz mit so viel positiver Energie, wie es sie nur an wenigen Plätzen auf unserer Erde gibt.

In meinem Buch »Der Wächter des Matterhorns« habe ich meine ganz persönlichen Erlebnisse auf der Hörnlihütte und am Matterhorn niedergeschrieben, damit meine Geschichten nicht verlorengehen, wie jene, die sich vor meiner Zeit ereignet haben.

Inzwischen wurden die über hundert Jahre alten Mauern der Hörnlihütte renoviert und teilweise durch neue ersetzt. Somit möchte ich mit diesem Buch die Gelegenheit und wohl auch letzte Möglichkeit nutzen, eine Ära abzuschließen, und Menschen zu Wort kommen lassen, die eng mit diesem Berg verbunden sind: Einheimische Bergführer und eine Bergführerin werden uns erzählen, was sie am Matterhorn während der letzten fünfzig Jahre erlebt haben und wie das Horu uns alle prägt und beeinflusst.

Es gibt wohl keinen anderen Berg und auch keine andere Hütte, wo sich Bergführer länger am Stück aufhalten als hier, manchmal bis zu einer Woche. Diese Bergführer sind keine Stammgäste, sondern vielmehr Teil unserer großen Hüttenfamilie. Sie haben ihr eigenes Bett und gehen bei uns ein und aus wie in ihrem Zuhause.

Für all diese Bergführer hat das Matterhorn natürlich eine spezielle Bedeutung, es hat ihr eigenes Leben nachhaltig beeinflusst, sei es durch einen Heiratsantrag auf dem Gipfel oder durch Schutzengel, die es zum Glück zu geben scheint und die immer mal wieder zum Einsatz kommen … Ganz zu schweigen von den über Jahre gestählten Nerven, die durch die zahlreichen Gäste manchmal stark strapaziert werden.

Die Jahre vergehen, und so löst am Matterhorn eine Bergführergeneration die nächste ab. Von Sommer zu Sommer ändern sich die bekannten Gesichter. Alte Bekannte werden durch junge abgelöst. Das ist der Lauf des Lebens und sicher auch richtig. Was wirklich bleibt, ist nur der Berg und die Geschichten, die niedergeschrieben wurden, alles andere ist vergänglich.

Ältere Bergführer, die über vier, zum Teil sogar fünf Jahrzehnte lang Gäste auf diesen Berg geführt haben, sowie jüngere, die nach wie vor jeden Sommer Gäste begleiten, aber auch die ganz jungen Wilden, die ihre Hörner erst noch abstoßen müssen, sie alle haben ihre eigene Geschichte mit und rund um den Berg der Berge. An diesen Geschichten und Erlebnissen möchten sie uns teilhaben lassen.

 

Herzlich bedanken möchte ich mich bei den Bergführern, die durch dieses Buch ein Stück Geschichte bewahren und den Leser in ihre interessante und ungewöhnliche Arbeitswelt entführen.

Das ist nicht selbstverständlich, denn solch besondere Erlebnisse sind immer auch ein Spiegel der eigenen Persönlichkeit.

Mit besten Wünschen,

Kurt Lauber

November 2014

Die Entwicklung des Bergführertums

»Also mal gleich vorneweg: Ohne Führer hätten wir den (Matterhorn-)Gipfel nie geschafft. Der Weg ist wirklich superschwer zu finden. Sowohl im Aufstieg als auch im Abstieg. Ein Verhauer kostet meist gleich recht viel Zeit, und schon ist der Gipfel in weite Ferne gerückt.«

(Eintrag eines begeisterten Bergfreundes im Internetforum www.gipfeltreffen.at)

Längst nicht alle Alpinisten wissen die Qualitäten eines Bergführers zu schätzen. Möglicherweise liegt das aber auch daran, dass viele Menschen immer noch zu wenig über diesen Beruf wissen beziehungsweise ihn unterschätzen.

Schon bevor Menschen zum Sport und Spaß in die Berge fuhren, wurden die Dienste dieser mutigen Männer in Anspruch genommen. Im 12. Jahrhundert begleiteten ortskundige Bergler im Tal des Großen Sankt Bernhard Pilger und Händler bei deren Überquerung der Alpenpässe und bekamen dafür ein kleines Salär. Ohne sie hätte manch einer sein Ziel nicht erreicht. Im 18. Jahrhundert interessierten sich zunächst nur ein paar Abenteuerlustige und Wissenschaftler für die Alpen. Auch sie heuerten Einheimische an, meist Bergbauern oder Gamsjäger, die sich im unwegsamen Gelände auskannten und in der Regel über eine gute körperliche Konstitution verfügten.

Mit der Erstbesteigung des höchsten Berges der Alpen im Jahr 1786, des Mont Blanc (4810 Meter), eröffneten sich ungeahnte Möglichkeiten, eine alpine Begeisterungswelle wurde losgetreten. Nun kamen vornehme, begüterte Touristen, vor allem Engländer, und verpflichteten Führer und Träger, die sie bei ihren Touren begleiten sollten. Den Begriff »Bergführer« verwendete damals aber noch niemand. Bei der Erstbesteigung der Jungfrau (4158 Meter) 1811 waren es offiziell Walliser Gamsjäger, die den edlen Herren den Weg auf den Gipfel wiesen. Die einfachen Bauern verdienten nun für ihre bescheidenen Verhältnisse viel Geld, und das Interesse an diesem Beruf nahm zu.

1832 schlossen sich erstmals Führer im französischen Chamonix zusammen, um die Voraussetzungen zur Bergführerzulassung sowie gemeinsame Tarife zu regeln. In der Schweiz führte der Kanton Bern 1856 ebenfalls ein Regelwerk ein. Ein Jahr später folgte das Wallis, und 1863 wurde der Schweizer Alpen-Club gegründet, der Listen mit geeigneten Bergführern anlegte. Der erste Bergführerkurs fand 15 Jahre später in Interlaken statt. Die Anwärter lernten innerhalb einer Woche rudimentäre Grundzüge der Geographie, Naturgeschichte und Gletscherkunde sowie Kartenlesen, Erste Hilfe, alpine Techniken und das Führen einer Seilschaft. Vor allem aber lernten sie Verhaltensregeln im Umgang mit den »hohen« Gästen. Die praktische Bergerfahrung wurde mit den wichtigsten theoretischen Kenntnissen erweitert, und aus einem Bergler wurde in nur ein paar Tagen ein Berufsbergführer. In einfacher Kleidung, aber stets mit Schlips und Kragen – aus Respekt vor den vornehmen Gästen. Doch es blieb eine lukrative Nebenbeschäftigung, schließlich konnten sie nur zwei Monate im Sommer dieser Tätigkeit nachgehen.

Nach dem Ersten Weltkrieg kamen bald auch weniger betuchte Touristen in die Alpen. Aus Geldmangel unternahmen sie jedoch meist führerlose Besteigungen. Der Massentourismus begann. Leider bedeutete das auch schlecht ausgerüstete und mangelhaft ausgebildete Kletterer, die sich jetzt im Hochgebirge tummelten. Meist wurden Bergführer nur für einzelne Tage verpflichtet, und die Arbeitssuche gestaltete sich mühsam. In den dreißiger Jahren drangen immer mehr Städter in die Domäne der Bergler ein und begannen eine Bergführerausbildung. Leicht hatten sie es verständlicherweise nicht. Denn sie schnappten der Bergbevölkerung die begehrten Jobs weg, was ihnen die Aufnahme in deren Kreis erheblich erschwerte.

In den fünfziger Jahren nahm die Begeisterung für den Winteralpinismus zu, nun hatten die Bergführer neben der Sommertätigkeit eine zusätzliche Einnahmequelle, indem sie Skitouren führten. Als das Expeditionsbergsteigen in Mode kam und man einheimische Führer mit in die ausländischen Gebirge nahm, eröffneten sich ganz neue Perspektiven. Die Führer konnten ihre Fähigkeiten erweitern und wertvolle Erfahrungen mit zurück in die heimatlichen Berge bringen. Längst waren sie keine armen Bauern mehr, sondern angesehene Bergspezialisten. Die Kantone kümmerten sich um eine gute Ausbildung, klare Regeln und vernünftige Tarife.

 

Seit 1992 heißt die korrekte Berufsbezeichnung für alle »Bergführer/Bergführerin mit eidgenössischem Fachausweis«, denn seit 1986 werden auch Frauen zur Ausbildung zugelassen. Es gibt in der Schweiz jedoch nur rund dreißig diplomierte Bergführerinnen, bei den Männern sind es immerhin 1500. Daher beschränken wir uns der Einfachheit halber auf die männliche Schreibweise.

Früher reichte es aus, dass ein Führer den Weg von A nach B kannte und sich im ohnehin vertrauten Gelände sicher bewegen konnte. Dieses bescheidene Anforderungsprofil hat sich grundlegend geändert. Zu den Ausbildungsvoraussetzungen heute gehört unter anderen laut Schweizer Bergführerverband eine Reihe an »körperlichen und geistigen Anforderungen« sowie eine sehr gute Gesundheit und Konstitution, körperliche Belastbarkeit und Kondition. Ein Bergführer muss die Fähigkeit besitzen, mit unterschiedlichsten Menschen umgehen zu können, er hat Fremdsprachenkenntnisse, Begeisterungs- und Entscheidungsfähigkeit, schnelles Auffassungsvermögen, Flexibilität und Improvisationsgabe. Dazu kommen ein gutes Allgemeinwissen in Medizin, Geographie, Geologie, Meteorologie, Physik, Volkskunde, Fauna und Flora.

 

Es sind eine Menge Eigenschaften, die ein moderner Führer heute mitbringen muss, damit die Besteigung mit einem Gast nicht nur erfolgreich und unvergesslich, sondern auch sicher ist. Immer noch trifft man viele Bergsportfreunde führerlos am Matterhorn an. Blockiert und zitternd harren sie in steilen, eisbedeckten Passagen aus – unter ihnen der gähnende Abgrund. Oft sind sie ungesichert und nicht angeseilt. Einen Eispickel haben sie nicht dabei, und die Steigeisen wurden irgendwo vergessen. Mit einem Bergführer wäre das nicht passiert – und die kommen heute nicht mehr mit Nagelschuhen und Hanfseil daher. Bergführer sind hochprofessionelle Dienstleister mit Herz und Leidenschaft.

Bis sie ihr Diplom in der Hand halten, vergeht heute nicht nur eine Woche. Die Ausbildung dauert drei Jahre und beginnt mit einem Eintrittstest, bei dem geprüft wird, ob die technischen Grundvoraussetzungen der Bewerber genügen, um die Ausbildung überhaupt mit Erfolgsaussichten zu beginnen. Die Teilnahme ist für alle, die mit der Bergführerausbildung beginnen möchten, verpflichtend. Am Ende wird lediglich eine Empfehlung bezüglich der Eignung ausgesprochen. Der Anwärter muss mindestens 18 Jahre alt sein, und die Kurse kosten insgesamt rund 40 000 Schweizer Franken, die selbst getragen werden müssen. Keiner wird die Strapazen und Mühen auf sich nehmen und leichtfertig so viel Geld investieren, wenn seine Chancen auf einen erfolgreichen Abschluss gering sind. Doch Tatsache ist auch, dass von den zirka sechzig Anwärtern pro Jahr bei den Schlussprüfungen nur noch etwa die Hälfte übrig bleibt.

Im ersten Ausbildungsjahr findet der sechseinhalbwöchige Bergführeraspirantenkurs (auch Kandidatenkurs genannt) statt, der wohl anspruchsvollste Teil der Ausbildung. Nach Bestehen dieser Kurse (technische Anforderungen im Winter und Sommer) dürfen sie sich Bergführeraspiranten nennen. Nun beginnt die Führung unter Aufsicht, mindestens zwanzig Tourentage an der Zahl, bei der sie sich Erfahrungen in der Arbeit mit Gästen aneignen. Erst in der Praxis (Konfrontation mit unterschiedlichsten Gefahren und Problematiken, das Beurteilen der Risiken, die daraus zu ziehenden Schlüsse) zeigt sich, ob die Kandidaten dem Anforderungsprofil gerecht werden. Um im Anschluss an der weiteren Bergführerausbildung teilnehmen zu können, müssen die Aspiranten unter anderem folgende Nachweise erbringen:

Zehn Überschreitungen von verschiedenen Viertausendern

Fünf weitere Viertausender oder Überschreitungen von anspruchsvollen Dreitausendern

Fünf Eis- oder kombinierte Touren mit Wandcharakter und hohem Eisanteil

Fünfzehn Skitouren

Fünfzehn Klettertouren

Touren außerhalb der Alpen

Auch im zweiten und dritten Ausbildungsjahr werden Tourenführungen unter Aufsicht eines diplomierten Bergführers absolviert. Dazu kommen zahlreiche Kurse mit praktischen und theoretischen Prüfungen. (Nachfolgend nur ein grober Überblick, die ausführliche Beschreibung aller Ausbildungsinhalte würde den Rahmen sprengen und kann beim Schweizer Bergführerverband unter www.4000plus.ch nachgelesen werden).

Lawinen- und Rettungstechniken, Tourenvorbereitung und -führung, Skitechnik, Sicherheit und Technik im Steileis

Führungsqualitäten im Winter und Sommer, Seilhandhabung und Sicherungstechnik in Fels und Eis, Klettersteig- und Eistechnik, Verhalten bei winterlichen Verhältnissen, Sportklettern, Sturzmechanik

Medizinische Kenntnisse wie Höhenanpassung und -akklimatisation, Kälteeinwirkung, Trainings- und Ernährungslehre, Sportklettermedizin, Erste Hilfe im Gelände und Organisierte Rettung

Psychologie und Stressbewältigung, Bergsteigen mit Kindern und älteren Gästen, Zusammenhänge und Bedeutung der Kommunikation im Bergführerberuf, Fremdsprachenkenntnisse

Betriebsführung, Marketing, Tourismus, Methodik, Didaktik, Recht, Versicherung und Branchenorganisation

Natur- und Umweltkenntnisse (naturräumliche und Naturschutz-Umwelt-Themen)

Damit die Aspiranten zur Berufsprüfung zugelassen werden, müssen sie das 21. Lebensjahr vollendet haben und der Aspirantenkurs (von mindestens zwei, höchstens vier Jahren mit Nachweis über mindestens zwanzig absolvierte Tourentage unter Leitung eines Bergführers mit eidgenössischem Fachausweis) erfolgreich abgeschlossen worden sein.

Alle drei Jahre besuchen die diplomierten Führer einen Fortbildungs- oder Rettungskurs, denn die schnelle Entwicklung in der modernen Alpintechnik erfordert eine ständige Weiterbildung und einen hohen persönlichen Leistungsstand.

 

Doch der Beruf des Bergführers ist nicht nur durchweg ein Traumjob: Er ist verantwortlich für die Sicherheit der Menschen, sie vertrauen sich ihm auch in Extremsituationen an. Darüber müssen sich die Führer stets bewusst sein und mit der Verantwortung umgehen können. Das kann sehr belastend sein. Sie erleben ihre Gäste oft in physischen und psychischen Ausnahmezuständen. Der Seilpartner ist fremd, und dennoch müssen sie eine Nähe zu ihm herstellen, auch in den Hütten gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten. Eine Bergtour fordert von allen Beteiligten extreme körperliche Anstrengung, technisches Können, Durchhaltevermögen und eine stabile Psyche. Führer und Kunde sind eine Schicksalsgemeinschaft und Seilpartner, aber von Gleichberechtigung kann keine Rede sein, der Gast sollte die Anweisungen seines Führers strikt befolgen. Und der darf die Zügel im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus der Hand geben.

Der Bergführer bewegt sich permanent in einem Spannungsfeld, er muss kompetente Entscheidungen treffen und respektvoll mit dem Gast umgehen. Und das Unfallrisiko, die (Lebens-)Gefahr ist auf Schritt und Tritt dabei: Lawinen, Stein- und Eis- und Blitzschlag, Wächtenabbrüche, Gletscherspalten und die Unsicherheit und Angst der Gäste, die zu Mitreißunfällen führen kann, oft mit tödlichem Ausgang.

Moderne Bergführer sind keine »Pfadfinder und Wegweiser« mehr, sie sind Vollprofis, die in zahlreichen Gebieten exzellent ausgebildet wurden.

»Sehr oft hatte Gott das Seil in der Hand.«

Ulrich Inderbinen

Jahr für Jahr pilgern Touristen aus aller Welt zu einem Brunnen im historischen Ortskern von Zermatt. Errichtet wurde er im Jahr 2000 zum 100. Geburtstag der Bergführerlegende Ulrich Inderbinen. Der Jubilar war höchstpersönlich zugegen, als das Quellwasser zum ersten Mal sprudelte. Glücklich und dankbar sind all diejenigen, die diesem Urgestein persönlich begegnen durften. »Beeindruckend« sei er gewesen. Dabei wäre das sicher das Letzte, was Ulrich Inderbinen von sich behauptet hätte.

Was war so beeindruckend an dem Mann, der 104 Jahre lang in Zermatt gelebt hat? Der niemals ein Auto, Fahrrad oder Telefon besessen hatte. Sprechen die Menschen vom »alten Inderbinen«, so geht es eben immer um sein Alter. Als sei er bereits mit hundert auf die Welt gekommen. Doch auch eine Legende hat einmal klein angefangen.

Inderbinen wurde im Dezember 1900 in Zermatt als Sohn armer Bergbauern geboren, in einem einfachen, nach traditioneller Walliser Art erbauten Haus. Alle Bewohner des Dorfes am Fuße des Matterhorns waren zu dieser Zeit Selbstversorger, man lebte hauptsächlich von der Landwirtschaft, und das Wasser kam nicht aus der Leitung, sondern musste vom Dorfbrunnen geholt werden. Der kleine Ulrich war eins von neun Kindern, alle schliefen sie im selben Zimmer, in einem Bett.

Bereits mit fünf Jahren hütete er die Kühe. Mit acht Jahren ging er jeden Morgen zu Fuß von Zmutt, einem kleinen Weiler oberhalb von Zermatt, zur Schule und am Abend wieder zurück. Es waren einfache Zeiten, an die sich Inderbinen mit Wehmut erinnerte: »Früher war das Leben hart und schön. Alle besaßen wenig, und jeder hat jedem geholfen. Die Menschen waren zufriedener als heute, wo man alles hat und nur an sich selbst denkt.«

Berge rauf- und runterlaufen, das war für den kleinen Ulrich Alltag. Sommers wie winters. Bei Eis und Schnee, bei brütender Hitze. Aber niemals wäre er auf die Idee gekommen, eine Bergtour zu machen, geschweige denn einen Berg zu besteigen. Bis dahin mussten über zwanzig Jahre vergehen.

Obwohl Ulrich Inderbinen zwei Bergführer in der Familie hatte, beschloss er erst spät, in ihre Fußstapfen zu treten. Sein Onkel Moritz Inderbinen führte nicht nur Gäste aufs Matterhorn, er konnte auch auf internationale Erfahrung zurückblicken: Er war in Afrika und Kanada unterwegs, sogar im Himalaja arbeitete er als Führer. Auch Theodul Biner, Ulrichs Taufpate, verdiente seinen Lebensunterhalt als Bergführer.

Als Inderbinen auf die Welt kam, war die Erstbesteigung des Matterhorns gerade einmal 35 Jahre her. Nachdem Edward Whymper den Gipfel 1865 als Erster erklommen hatte, wurde Zermatt berühmt und ein beliebter Sommerkurort. 1891 wurde die Bahnlinie zwischen Visp und Zermatt eröffnet, und die Besucherzahlen stiegen noch einmal deutlich an. Der Tourismus hielt Einzug, doch Ulrichs Eltern verdienten ihr Geld nun nicht etwa mit den berghungrigen Besuchern Zermatts, sie blieben Selbstversorger: »Arm, aber unabhängig.«

Auch Ulrich dachte (noch) nicht daran, Touristen auf die umliegenden Gipfel der 41 Viertausender zu führen. Mit 18 verließ er Zermatt und arbeitete hart in einem Kohlebergwerk im Unterwallis. Zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Der junge Mann hatte Heimweh, doch auch während der folgenden Jahre musste er im Winter stets auswärts Arbeit suchen.

Da der Bergführerberuf eine der wenigen Einkommensmöglichkeiten darstellte, beschloss Ulrich, Bergführer zu werden. Die erste Etappe auf dem Weg zum Bergführer bestritt er als junger Träger, wie die Aspiranten damals genannt wurden. Bei seinem ersten Engagement musste er einer Dame den Rucksack tragen, die, wie er später bemerkte, »an sich schon genug zu tragen hatte«.

Im Juni 1925 absolvierten Ulrich und sein ältester Bruder Albinus den Bergführerkurs. Zuvor hatten die beiden neben der Bewerbung auch eine Bestätigung eingereicht, dass sie das Matterhorn und das Breithorn bestiegen hatten. Nun folgten fünf Tage theoretischer Unterricht, und bei einer viertägigen Bergtour wurden verschiedene Techniken, Eis- und Felskletterei praktisch vermittelt.

Nach neun Tagen legte Ulrich erfolgreich die Prüfung ab. Er bekam das Führerbuch sowie Bergführerdiplom und -abzeichen.

Zur Ausbildung gehörten auch »Anstandsregeln«, nachzulesen im Führerbuch:

»Die Führer sind verpflichtet, den Reisenden, die es verlangen, ihre Dienste zur Verfügung zu stellen. Sie beachten ihnen gegenüber die größte Verschwiegenheit und Höflichkeit und fügen sich ihren Befehlen, insoweit diese mit der Sicherheit der Karawane vereinbar sind. Der Führer soll sich bewusst sein, dass er im Dienste des Reisenden steht und von ihm den Lohn bezieht; er soll daher nicht durch Grobheiten und Belästigungen oder durch unwahre Angaben den Reisenden von sich stoßen. Der Ungeübte bedarf der stützenden Hand des Führers da, wo der erfahrene Bergsteiger dieselbe zurückweisen würde. Der Führer muss sich demnach bestreben, dem Letztern ebenso wenig durch unnötige Zudringlichkeit lästig zu werden, als den Erstern durch Unterlassung der erforderlichen Nachhülfe der Gefahr auszusetzen.«

Außerdem waren alle patentierten Bergführer verpflichtet, bei Bergrettungen zur Verfügung zu stehen, das hieß »… bei Unglücksfällen an der Bildung von Nachforschungs- oder Rettungskarawanen mitzuwirken«.

 

Nach wochenlangem Warten vor dem Hotel Monte Rosa bekam der frischgebackene Bergführer Ulrich endlich seinen ersten Gast. Ende Juli verpflichtete ein Arzt aus Krefeld neben Alexander Perren auch den jungen Inderbinen, und der erste Auftrag lautete: Matterhorn.

Ulrich zog eine warme Hose, gestrickte Strümpfe, Hemd und Jackett an, schnürte seine Militärschuhe und steckte ein paar Lebensmittel in seinen Rucksack, aus denen der Hüttenwirt ihnen ein einfaches Mahl zubereiten sollte. Dann holten er und Perren ihren Kunden nachmittags am Hotel ab, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Hörnlihütte.

Bevor die Dreierseilschaft zur Matterhorn-Besteigung aufbrach, bekreuzigten sie sich mit Weihwasser und sprachen ein Gebet. Dann nahm Ulrich die Kerzenlaterne, und sie gingen hinaus in die kalte und dunkle Nacht. Ulrich führte seine erste Matterhorn-Tour erfolgreich, der Gast war hochzufrieden:

»Herr Inderbinen erwies sich als durchaus sicher und zuverlässig, so dass ich hoffe, noch häufiger mit ihm zusammen zu gehen …« So steht es in seinem Führerbuch.

Danach musste sich der junge Bergführer erst einmal wieder in Geduld üben, es war schwierig, Gäste zu bekommen. In der ersten Saison seiner Bergführertätigkeit hatte er neben der Matterhorn-Tour nur zwei weitere Engagements.

Im Sommer 1928 durften die Bergführer keine Gäste mehr am Bahnhof anwerben, und vor den Hotels hatte Ulrich keine Chance. Aber die Inderbinen-Brüder waren clever, und getreu dem Motto »Der frühe Vogel fängt den Wurm« gingen sie frühmorgens vier Stunden zu Fuß auf den Gornergrat und warteten auf den Zug, der die Touristen von Zermatt auf 3087 Meter brachte. Dort oben waren sie konkurrenzlos und wurden oft von Bergwanderern angesprochen, die beim Anblick der Viertausender ringsum spontan Lust auf eine Bergtour bekamen.

So vergingen die Sommer, tagein, tagaus, nur sonntags führte Ulrich keine Gäste. Wenn nichts dazwischenkam … wie im Sommer 1930: Ulrich war seit fünf Jahren Bergführer, als er während einer Tour einen ganzen Samstagnachmittag mit seinem Gast in der Cabana Margherita festsaß, draußen herrschte dichtes Schneetreiben, ein Weiterkommen war unmöglich. Erst am Sonntagmorgen wagten sie den Abstieg, und der 30-Jährige wusste, was ihn zu Hause erwartete. Er hatte die Sonntagsmesse verpasst, und dafür hatte der Vater kein Verständnis. Schneetreiben hin oder her.

Der Glaube an Gott und fromme Rituale waren feste Bestandteile in Ulrichs Leben. Vor dem Verlassen des Hauses bekreuzigte man sich mit Weihwasser, vor und nach jeder Mahlzeit sprach man ein kurzes Gebet. Und natürlich besuchte die ganze Familie Inderbinen jeden Sonntag das Hochamt. Ulrich saß sein Leben lang jeden Tag in der Frühmesse. Die eigene Person war ihm nie wichtig, dafür aber der Herrgott, die Natur und die Mitmenschen. Inderbinen war über siebzig Jahre lang als Führer in den Walliser Alpen unterwegs. Und er wusste, was er »dem da oben« schuldig war: »Sehr oft hatte Gott das Seil in der Hand.«

 

Seine Gäste brachte er nicht einfach nur heil hinauf und wieder hinunter, er wollte ihnen auch die Liebe zu den Bergen vermitteln. Bis Anfang der sechziger Jahre war es nicht leicht, als Bergführer engagiert zu werden, denn den beiden Weltkriegen war auch der Tourismus zum Opfer gefallen. Das änderte sich erst 1962, als in Zermatt das Bergführerbüro eröffnet wurde und der Bergtourismus einen neuen Aufschwung erlebte. Endlich herrschte eine starke Nachfrage nach Bergführern. Um die Touren zu organisieren, wäre ein Telefon nützlich gewesen, doch der über 60-Jährige beschloss, dass es sich für einen so alten Bergführer nicht mehr lohne, wegen der noch verbleibenden Jahre eines anzuschaffen. Dennoch war es kein Problem, Inderbinen zu erreichen, man traf ihn täglich zwischen 17 und 18 Uhr auf dem Zermatter Kirchplatz!

Nun sind wir also doch wieder beim Alter angekommen, man kommt auch gar nicht umhin, denn die meisten Ulrich-Inderbinen-Anekdoten haben damit zu tun. Einem Gast, der sich über sein hohes Alter Sorgen machte, dann allerdings nach der Tour selbst ziemlich geschafft war, sagte er einmal: »Wenn Sie langsamer laufen wollen, müssen Sie sich nächstes Mal einen älteren Bergführer suchen.« Und gelangweilt habe er sich nie, »höchstens dann, wenn meine Kunden zu langsam marschiert sind«.

Der Doyen der Bergführer hat das Matterhorn 370-mal bestiegen. Andere Bergführer waren sicher öfter dort oben und sie waren mitunter schneller. Aber keiner war so betagt wie er. Mit achtzig Jahren begann er, an Skirennen teilzunehmen. Da er in seiner Altersklasse fast immer ohne Konkurrenz fuhr, gewann er auch meistens.

Als Inderbinen 87 Jahre alt war, führte er einen Gast, der befürchtete, möglicherweise seinen Bergführer auf den Gipfel tragen zu müssen. Nach der Tour bat der Mann für das nächste Mal um einen anderen Führer, »einen, der auch mal eine Pause macht«!

Weltweit erntete Inderbinen im Jahr 1990 Bewunderung, als er zum 125. Jahrestag der Erstbesteigung des Matterhorns als 89-Jähriger den Gipfel noch einmal bestieg – zum letzten Mal.

Ulrich Inderbinen war damit der älteste Mensch, der über den Hörnligrat gegangen ist.

Für viele Bergführer am Matterhorn ist Ulrich Inderbinen bis heute ein großes Vorbild: »So einen Menschen gibt es in tausend Jahren nur einmal.« (Richard Andenmatten) Bis zum Schluss hatte Ulrich Inderbinen sich modernen Sicherungsmethoden verweigert. Während seine Kollegen spezielle Sicherungsseile verwendeten, vertraute er auf seine Erfahrung und den gesunden Menschenverstand und führte die Kunden mit einem Hanfseil um den Bauch auf die Gipfel der Viertausender. Bis zu seinem 96. Lebensjahr war er als Bergführer aktiv. Und als er an seinem 100. Geburtstag darauf angesprochen wurde, ob er Angst vor dem Sterben habe, meinte er: »Nein, wenn ich die Zeitung aufschlage, sehe ich kaum jemanden von meinem Jahrgang bei den Todesanzeigen.«

Im Jahr 2002 besuchte ihn ein Fernsehteam, man traf sich zum Interview im alten Museum in Zermatt. Eine steile Treppe führte nach oben auf eine Empore, dort wollte man die Filmaufnahmen machen. Eine Mitarbeiterin des TV-Teams wollte dem 102-Jährigen respektvoll den Vortritt lassen. Doch Inderbinen lächelte charmant und sagte: »Es ist besser, du gehst vor, damit ich dich auffangen kann.«

 

Es braucht sicher kein Denkmal, damit sich die Zermatter und Bergfreunde aus aller Welt an »den alten Inderbinen« erinnern. Kein Bergführer ist am Matterhorn so präsent wie er. Und um ihm eine Ehre zu erweisen, muss man auch nicht aufs Horu steigen, ein Besuch an »seinem« Brunnen würde genügen.

 

Quellen: Heidi Lanz, Liliane De Meester: Ulrich Inderbinen. Ich bin so alt wie das Jahrhundert, Visp 2014. Hermann Biner: Auszüge aus der Laudatio zum 100. Geburtstag von Ulrich Inderbinen.

»Ich bin halt gerne schnell unterwegs.«

Andreas »Andy« Steindl

In der Nacht vor seiner ersten Matterhorn-Besteigung fiel Andreas Steindl aus dem Hochbett. Da war er 14 Jahre alt, und der geplante Familienausflug mit seinen Eltern drohte an Kopfschmerzen zu scheitern. Schon mit vier Jahren hatte der Zermatter angefangen, in den heimatlichen Bergen herumzukraxeln. Kein Wunder, sein Vater ist Bergführer, und seine Mutter war früher eine begeisterte Hobby-Bergsteigerin. Da stand natürlich irgendwann der »Berg der Berge« auf dem Plan:

Ich kann mich noch gut daran erinnern. Damals empfand ich den Aufstieg als extrem anstrengend und ich hatte Probleme mit der Höhe. Es war Juni 2003, ich war 14 Jahre alt, und die Sommerferien hatten soeben begonnen. Es herrschte seit Wochen heißes und trockenes Wetter in Zermatt. Somit waren die Verhältnisse an den Zermatter Viertausendern schon erstaunlich gut. Ich war damals im Skiclub und verbrachte viel Zeit mit Konditionstraining, Mountainbiking und Jogging. Das Training hatte einen ganz konkreten Hintergrund: Mein Ziel war es, im Sommer aufs Horu zu steigen. Diesen Wunsch hatte ich schon lange und in meiner Phantasie war ich schon ein Dutzend Mal rauf- und runtergelaufen. Aber ich hatte großen Respekt vor diesem Berg und glaubte nicht daran, dass ich es wirklich schaffen könnte. Bis dahin war ich nur geklettert, ich rannte oder wanderte durch die Berge, einen Viertausender hatte ich aber noch nicht bezwungen.

Als dann gegen Ende des Monats die Verhältnisse sehr gut waren, entschied mein Vater, dass wir am 27. Juni auf die Hörnlihütte gehen würden, um dann am nächsten Tag den Gipfel in Angriff zu nehmen. Nachdem die Entscheidung gefallen war, stieg mein Puls und somit meine Nervosität. Die Zweifel waren groß, aber ich vertraute meinem Vater. Wenn nicht ihm, wem dann? Er würde mich nicht mitnehmen, wenn er mir das nicht zutrauen würde. Somit stiegen mein Vater, meine Mutter und ich zur Hörnlihütte auf. Meine Mutter hatte schon einige Viertausender rund um Zermatt in ihrer Sammlung, das Matterhorn fehlte noch. Vom Schwarzsee zur Hütte lief ich meine geliehenen grünen Scarpa-Schuhe ein. Da ich noch keine eigenen Bergschuhe hatte, musste ich mir kurz zuvor Schuhe ausleihen. Nicht gerade die beste Voraussetzung für eine Matterhorn-Besteigung. Wenn es schlecht lief, würde ich Blasen bekommen. Die Hütte war noch geschlossen, sie würde in ein paar Tagen aufmachen, denn normalerweise lassen die Verhältnisse erst später eine sichere Besteigung zu. Doch in diesem Jahr waren sie schon nahezu perfekt. Die heißen, trockenen Wochen zuvor hatten den Schnee schnell schmelzen lassen. Es herrschten schweißtreibende Temperaturen. Obwohl ich den Hüttenweg bereits kannte, kam er mir endlos lang vor in der brütenden Sonne. Aber irgendwie schaffte ich es und stand mit großen Augen vor dem Matterhorn. Noch nie hatte ich diesen Berg so wahrgenommen wie in diesem Moment. Denn diesmal wollte ich ihn besteigen und nicht nur der Hütte einen Besuch abstatten. Man kann einen Berg tausendmal anschauen, aber wenn man dort hoch will, sieht er tausendmal beeindruckender aus. Morgen sollte es also dort raufgehen?!

Wir waren nicht die Einzigen, die aufs Matterhorn wollten. Auch andere Zermatter Bergführer mit ihren Gästen waren da, somit konnten wir auch in der eigentlich noch geschlossenen Hörnlihütte übernachten, der Hüttenwart hatte uns den Schlüssel gegeben. Die Hütte war kalt und etwas feucht, also nicht angenehm und einladend, doch für eine Nacht würden wir es wohl aushalten. Kochen mussten wir selber, was kein Problem darstellte. Bevor mein Vater Bergführer wurde, hatte er als Koch gearbeitet, er wusste also, was er tat. Nach einem kräftigenden Nachtessen gingen wir früh ins Bett. Es würde eine kurze Nacht werden, dachte ich, doch ich konnte wegen meiner Nervosität kaum schlafen – und somit wurde es eine lange Nacht. Ich drehte und wendete mich etliche Male, bis ich schlussendlich doch noch einschlief.

Der Traum von der bevorstehenden Besteigung muss wohl so lebhaft gewesen sein, dass ich aus dem oberen Stockbett fiel und so heftig auf dem Holzboden aufprallte, dass meine Eltern und einige andere Zermatter Bergführer im Zimmer durch den lauten Knall geweckt wurden. Ich war gut eineinhalb Meter tief gefallen und schlug nur knapp neben Steigeisen und Pickel auf. Meine Eltern bekamen einen großen Schreck und kümmerten sich sofort um mich. Ich war mit Kopf und Rücken ziemlich hart aufgeschlagen. Kurz danach legte ich mich wieder schlafen. Diesmal sicherheitshalber im unteren Teil des Stockbettes. Bei meiner Mutter war der Schock wohl größer als bei mir. Im Nachhinein sagte sie mir, sie habe in dem Moment, als ich auf dem Boden lag, nicht mehr daran geglaubt, dass wir wirklich starten würden.

Aber wir zogen unseren Plan durch. Als wir um halb vier aufstanden, hatte ich immer noch leichtes Kopfweh, und mein Nacken schmerzte, aber ich dachte, das ist alles halb so wild! Als es endlich losging, war die Nervosität verschwunden, und ich wollte das Matterhorn unbedingt bezwingen. Kopfschmerzen hin oder her. Und so liefen wir, zirka zwölf Seilschaften, nach einem kurzen Frühstück im Schein unserer Stirnlampen das Matterhorn empor. Um uns herum war es still, wir stiegen mit gleichmäßigem Schritt auf. In der Tiefe unter uns sahen wir die Lichter Zermatts, dort schliefen alle noch tief und fest. Es war ein schönes Gefühl, so früh schon unterwegs zu sein und die frische, kalte Bergluft einzuatmen. Tausende Sterne funkelten und sorgten für eine einzigartige Stimmung. Meine Kopfschmerzen hielten sich in Grenzen, und wir kamen gut voran. Ich war froh, dass es dunkel war und ich nicht immer sah, an welchen Stellen wir über den Grat kletterten. Kurz unterhalb der Solvayhütte wurde es langsam Tag. Ich nahm immer mehr vom Matterhorn und seiner Umgebung wahr. Die Solvayhütte erreichten wir schließlich pünktlich zum Sonnenaufgang und machten eine kurze Pause, um diesen magischen Moment zu genießen.

Nach einer kleinen Stärkung und Erinnerungsfotos nahmen wir die zweite, obere Hälfte in Angriff. Es war nun recht warm in der Sonne und windstill. Einfach perfekt, ich hatte jedoch meine Mühe mit der Anstrengung und der Höhe. Meine Kopfschmerzen ließen leider auch nicht nach. Sie waren stark, aber noch erträglich. Ob sie vom Sturz oder von der Höhe herrührten, konnte ich nicht ausmachen. Die Fixseile verlangten mir noch einmal alles ab. Mit nahezu letzter Kraft zog ich mich hoch, links und rechts fiel der Blick ins Leere. Besser nicht runterschauen, dachte ich, und weiterklettern. Die letzten Meter zum Gipfel fühlten sich an wie auf 8000 Metern, zumindest stellte ich es mir dort so vor. Völlig erschöpft und von immer heftiger werdenden Kopfschmerzen geplagt, stiegen wir vom Schweizer Gipfel zum italienischen, wo sich das Gipfelkreuz befindet. Endlich! Wir hatten es geschafft. Welch schönes Gefühl, mit meinen Eltern hier oben zu stehen. Wir setzten uns auf einen Fels, und ich musste mich regelrecht dazu zwingen, etwas zu essen. Ich bekam nichts hinunter. Zu groß waren Erschöpfung und Übelkeit, die ich wohl der Höhe zu verdanken hatte. Aber dafür war mein Durst umso größer. Trotz allem registrierte ich das Wahnsinnspanorama, wie ich noch keines gesehen hatte. Von der Schweiz nach Italien und bis Frankreich sieht man alle Viertausender. An diesem Tag war die Sicht so gut, dass man auch den Mont Blanc in seiner vollen Pracht erkennen konnte. Ebenso alle Zermatter Viertausender und jene im Berner Oberland. Ein unbeschreibliches Gefühl nach diesen Strapazen. Jedoch konnte dieser Moment nicht ewig andauern, da wir natürlich noch den Abstieg vor uns hatten. Wir machten ein paar Fotos und packten unsere Sachen zusammen.

Im Abstieg ging meine Mutter vor, ich in der Mitte, gefolgt von meinem Vater, der uns sicher am Seil führte. Wir stiegen die ersten Meter vorwärts ab. Vor mir blickte ich 1200 Meter in die steile Nordwand hinunter. Ich brauchte einige Schritte, bis ich mich an die Leere vor mir gewöhnt hatte. Wir achteten darauf, dass das Seil zwischen meiner Mutter und mir immer straff blieb, falls wir einen Fehltritt machten. Nun, im Tageslicht, sah ich den langen Weg, den wir zurückgelegt hatten. Bei den Fixseilen wurden wir abgeseilt. Eigentlich kein Problem, ich hatte das schon öfter gemacht, allerdings nicht 1000 Meter über dem Abgrund! Doch mir blieb nichts anderes übrig, als mich in luftiger Höhe in meinen Klettergurt fallen zu lassen. Meine Beine wurden immer müder, und die Konzentration ließ auch nach. Wir erreichten die Solvayhütte und machten nochmals halt. Ich trank viel, konnte aber immer noch kaum etwas essen. Ich wäre am liebsten dort sitzen geblieben. Der Abstieg wollte einfach nicht enden. Ich sah die Hörnlihütte vor mir, die jedoch in unerreichbarer Ferne schien, sie wollte nicht näher kommen. Die Sonne heizte ordentlich ein und machte es mir noch schwerer. Wie gern wäre ich in einen kalten See gesprungen! Der Anblick der Hütte machte mich psychisch fertig. Meine Beine schmerzten, und ich wollte nicht mehr. Bis dahin hatte ich den Wunsch, nach der Schule Bergführer zu werden – wie mein Vater. Davon wollte ich nun nichts mehr wissen, die Strapazen waren mir zu groß. Ein Knochenjob, der mir gar nicht mehr so reizvoll schien. Wie schön war es doch in der Schule! Einfach nur dasitzen … Mir gingen alle möglichen Gedanken durch den Kopf – und ehe ich mich versah, waren wir wieder beim Einstieg. Völlig erschöpft schleppte ich mich in die Hütte. Meine Füße schmerzten, ich hatte große Blasen. Es ist eben keine gute Idee, mit geliehenen, nicht eingelaufenen Bergschuhen einen Viertausender zu besteigen. Doch nach einer Weile, als ich mich etwas erholt hatte, konnte ich erleichtert und überglücklich hoch zum Matterhorn schauen. Wir hatten es tatsächlich geschafft! Mein erster Viertausender. Wir mussten allerdings den Hüttenweg wieder runter. Aber das geht ja gewöhnlich von selbst, dachte ich. An jenem Tag war es eine einzige Qual.

Zu Hause angekommen, blickte ich voller Stolz zurück. Ich nahm von da an das Matterhorn anders wahr. Ein schöner Familienausflug, den ich nie vergessen werde.

Andreas’ Matterhorn-Karriere begann mit einem kleinen Sturzflug und legte offenbar den Grundstein für zahlreiche Höhenflüge, von denen hier noch berichtet werden soll. Die Berge sollten von nun an für den jungen Zermatter sein ganz persönlicher Sportplatz werden.

Die Strapazen seiner Erstbesteigung haben Andreas Steindl nicht davon abgehalten, noch weitere 69-mal auf das Matterhorn zu gehen. In einer Saison kletterte er gleich 24-mal rauf und runter, in zwei Wochen beinahe jeden Tag. Der Berufswunsch, Bergführer zu werden, kehrte also schnell wieder zurück. »Zermatt ist der ideale Arbeitsort, 38 Viertausender können von hier aus bestiegen werden. Für einen Bergführer liegt die Arbeit vor der Haustür, man muss nicht weit weg und kann zu Hause schlafen«, für den heute 26-Jährigen ein wichtiger Faktor. Zuerst aber machte Steindl eine Ausbildung als Zimmermann, die er 2008 abschloss, dann belegte er die Bergführerkurse und drei Jahre später hielt er sein Diplom in der Hand.

Seitdem ist er auf allen Viertausendern der Schweizer Alpen zu Hause. Auch der psychologische Aspekt seiner Arbeit reizt ihn, das Zusammenspiel mit dem Gast. Da schaut er sich auch gerne etwas von den anderen Bergführern ab. »Besserwisser habe ich auch schon gehabt, aber denen muss man mit viel Geduld klarmachen, wo es langgeht.« Von seinen Gästen erwartet er keine Höchstleistungen und Rekordzeiten. Die führt er genauso ruhig und bedächtig, wie es alle tun. Nur einmal wollte er unbedingt und so schnell wie möglich eine Seilschaft überholen, da hatte Andreas schlicht und einfach die Nase voll … Vor ihm war Fabian Lauber mit einem Gast aus Japan unterwegs, dem wohl etwas mulmig zumute war. Er hatte im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen voll. Kurz nach der Solvayhütte hatte der Schließmuskel versagt. Alle anderen Muskeln aber arbeiteten fleißig weiter. Steindl kletterte unmittelbar dahinter und hielt den Gestank einfach nicht mehr aus:

Mehrfach bat ich Fabian, mich doch bitte vorbeizulassen, doch der nahm mich einfach nicht ernst. Als ob sein Gast die Hosen voll hätte! Er dachte, ich wollte einfach nur schneller sein, und hielt meine verzweifelte Bitte für einen Scherz. Erst auf den letzten 150 Metern vor dem Gipfel schaffte ich es, die beiden hinter mir zu lassen. Endlich wieder frische Bergluft! Der Japaner kletterte übrigens unbekümmert weiter, er schaffte den Gipfel, stieg munter wieder ab und stolzierte noch eine Zeitlang in seinen gebräunten Hosen selig über die Terrasse der Hörnlihütte. Bei so einem Hochgefühl kann man »den ganzen Scheiß« eben einfach vergessen …

(Die Geschichte aus Sicht des Bergführers Fabian Lauber)

Doch das Matterhorn ist nicht nur ein Arbeitsberg für Andy Steindl, »sondern auch eine Spielwiese, an der ich gern trainiere«. Dazu nutzt er jede Gelegenheit. Wenn er am frühen Mittag mit seinem Gast wieder auf der Hörnlihütte ist, läuft er schnell runter nach Zermatt. Zwei Stunden Schlaf reichen ihm, dann geht es wieder rauf, denn der nächste Gipfelaspirant wartet schon … Für andere ist es der Weg zur Arbeit, für Andreas Steindl eine Trainingseinheit.

Der Bergsport ist seine große Leidenschaft. Und die Geschwindigkeit. Wenn er etwas macht, dann zügig und schnell. Meist mit großem Erfolg: 2009 nahm er an seinen ersten Skitouren-Wettkämpfen teil. Bei den Weltmeisterschaften 2013 gewann er mit der Schweizer Staffel den Weltmeistertitel und beendete das Sprintrennen mit dem fünften Rang. Die besten Ergebnisse der Weltcup-Saison 2013 waren ein zweiter und zwei vierte Plätze im Sprint sowie ein dreizehnter, sechzehnter und siebzehnter Platz im Vertical Race. Andy will schnell auf die Berge und mit viel Geschwindigkeit wieder runter. Zu Fuß oder auf Skiern. Fast jeden Tag verbringt er in den Bergen. Als Bergführer, Skilehrer und für sein eigenes Training. Denn er nimmt immer neue Herausforderungen an: Im August 2013 lief er von Zermatt nach Saas-Fee – über fünf Viertausender (Alphubel, Täschhorn, Dom, Lenzspitze, Nadelhorn) – in nur neun Stunden und drei Minuten. Ein neuer Rekord! Für die Strecke Zermatt–Riffelhorn (2928 m) brauchte er gerade einmal eine Stunde und zwölf Minuten.

Es müssen aber nicht immer Berge sein. Der Prime Tower in Zürich ist das höchste Gebäude der Schweiz, 126 Meter hoch, 36 Geschosse und 1000 Stufen. Ihn lief Steindl zur Eröffnung im Rahmen einer PR-Aktion in nur drei Minuten und zehn Sekunden hoch. Auch beim Zermatt-Marathon 2013 kam keiner an Andreas Steindl vorbei. Bei den Staffeln gewannen er und sein Freund Martin Anthamatten mit einer Zeit von 3:13:51.