Der Weg der Sachertorte - Werner Mockenhaupt - E-Book

Der Weg der Sachertorte E-Book

Werner Mockenhaupt

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Beschreibung

Alte und neue Episoden aus dem Leben eines Konditors: 65 Jahre liegen zwischen den Bildern auf dem Rückcover. Im Bild ganz links hat sich der Autor, Werner Mockenhaupt, als junger Konditormeister in einem Café, in dem er 1955 wirkte, gefunden. Er hatte immer viel gearbeitet: Während alle bereits in Freizeitkleidung posieren, hatte er noch seine geliebte Konditorenkluft an. Das Bild jetzt zu entdecken war die Initialzündung, Erlebtes und Erfahrungen weiterzugeben. Den Jakobsweg ist er leider nie gegangen, aber sein Weg der Sachertorte war genau so inspirierend und führte vorbei am Nachkriegsdeutschland, in die Politik und zu vielen Freunden. In diesem Sammelband berichtet er noch einmal aus seinen drei bisherigen Bänden und neuen Begebenheiten - nicht nur aus der Backstube. Mit Fotos sowie Zeichnungen von den Enkelinnen.

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Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Werner Mockenhaupt

Der Weg der Sachertorte

Kindheit im Krieg, Konditorei-Café, Politik & Enkel

Alte und neue Episoden aus dem Leben eines Konditors mit Fotos sowie Zeichnungen von den Enkelinnen

Copyright: © 2020: Werner Mockenhaupt

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

978-3-347-15701-9 (Paperback)

978-3-347-15702-6 (Hardcover)

978-3-347-15703-3 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

INHALTSVERZEICHNIS

1 SONNTAGSAUSFLUG (1935)

2 DAS TELEFON (1939

3 ER WOLLTE FUßBALL SPIELEN, WURDE ABER WASSERTRÄGER (1944).

4 VOM ANGEBER ZUM ANGSTHASEN (1944)

5 DAS HOCHWASSER UND SEINE FOLGEN (1944)

6 SOLDATEN IM UMKREIS (1944)

7 WEIHNACHTEN WAR ANDERS (1943

8 PANZER VOR DER HAÜSTURE (1944)

9 GEFÄHRLICHE FLUCHT (1944)

10 WEIHNACHTEN (1944)

11 DER 2. WELTKRIEG GING ZU ENDE

12 MEHR GLÜCK ALS VERSTAND (1944/1945)

13 JAKOB JÜNKERATH (1945)

14 ALS IM SIEGERLAND DER 2. WELTKRIEG ZU ENDE GING (1945)

15 DIE BEFREIUNG (1945)

16 DAS SCHWIMMBAD MIT DEM ZEHN-METER-TURM

17 DIE VERUNGLÜCKTE GETREIDEERNTE (1945)

18 DIE ERSTE LEHRSTELLE GING IN DIE BRÜCHE (1946)

19 BÄCKERGSELLE: VORGESTERN & GESTERN (1946)

20 DER KLEINE SUPERMARKT UND MEINE LIEBLINGSOMA (1948)

21 MEIN FREUND ARTHUR (1948)

22 DER VERDORBENE TAG (1948)

23 ALS JUNGER AUTOLIEBHABER HATTE ICH PECH (1949)

24 WANDERJAHRE - DIE ZWEITE LEHRE (1950)

25 DAS VERLORENE HEIMWEH - DIE WEIßE JACKE (1952)

26 NEUE FREUNDE (1952)

27 MEIN FREUND DER AFRIKANER (1953)

28 WEIHNACHTSZEIT IN EINER GRÖßEREN BACKSTUBE (1955)

29 DER KRANKE FREUND (1955)

30 DER VERUNGLÜCKTE BAUMKUCHEN (1956

31 MEIN ERSTER TAG IM AUSLAND (1956

32 EIN TAG IN DEN SCHWEIZER ALPEN (1956)

33 BEGEGNUNG AM BERG (1956)

35 DIE WEIHNACHTLICHE SKIFAHRT (LANG) (1957)

36 DIE THEORIE MACHTE IHM SCHWIERIGKEITEN (1957)

37 BRAUNSCHWEIGER TAGE (1957)

38 BERUFS- UND JUGENDJAHR (1958)

39 KARNEVAL UND DER GEKLAUTE SCHLÜSSEL (1958)

40 WEIHNACHTEN MIT KOMPLIKATIONEN (1958)

41 DIE SCHWIEGERMUTTER (1959)

42 DER VERLORENE SCHLITTSCHUH (2011 & 1943)

43 ELSE WIRD 70 - EIN BRIEF

44 MEINE SCHWESTER MARTHA

45 DIE GOUVERNANTE (1960)

46 UNSER ERSTES (1960)

47 DAS KLEINE HAUS IN DER STEINSTRAßE (1961)

48 GEDANKEN AN HERMANN

49 DIE GUTE ENTSCHEIDUNG - DER ZWEITE ANLAUF (1964)

50 AUF NACH FRECHEN (1964)

51 KARNEVAL IN KÖLN (1964)

52 PLÖTZLICH WAR MEIN AUTO WEG (1964)

53 DAS MALHEUR (1965)

54 ES WAR EIN RABENSCHWARZER TAG (1970)

55 UNVORHERGESEHENE ZWISCHENFÄLLE (1974

56 IN BEDRÄNGNIS (1975)

57 EDMUND BRAUCHT HILFE (1976)

58 UNVERGESSLICHE MOMENTE (1977)

59 EIN BESONDERER AUFTRAG (1982

60 TÜRKISCHE ERFAHRUNGEN (1990)

61 DER ERSTE TAG IM RUHESTAND (1998)

62 MEINE ERSTE, ABER LETZTE BALLONFAHRT (1998)

63 DIE ÜBERRASCHUNG (2006)

64 VIVIEN DAS SANDWICHKIND (2008)

65 BRIEF AN DEN ERZABT DER BENEDIKTINER-ABTEI BEURON (2008)

66 EIN VERFLIXTER SONNTAG (2010)

67 DER ENKEL WIRD SIEBZEHN (2010)

68 MITEINANDER IM GESPRACH BLEIBEN (2010)

69 HEUTE SCHON GELOBT?

70 PLÖTZLICH HATTEN WIR ES MIT DER POLIZEI ZU TUN

72 MEINE ENKELIN FABIENNE (2010)

73 TATÜ-TATA (2018)

74 RÜCKBLICH EINES 88IG-JÄHRIGEN (2020)

Wer vom Anfang an genau weiß, wohin sein Weg führt, wird es nie weit bringen. Napoleon I. (Kaiser der Franzosen)

1 Sonntagsausflug (1935)

Das Laub raschelte unter den Füßen. Den Kindern Hermann und Ludwig machte es Spaß die Beine nicht mehr zu heben. Sie genossen es, geräuschvoll mit den kurzen Hosen und den langen Wollstrümpfen, durch die bunten Blätter zu waten. Es war Oktober 1935. Die Herbstsonne verschenkte ihre letzte Kraft. Es roch nach Kartoffelfeuer und gemähtem Gras. Josef mit seinen zwei Söhnen fühlte sich wohl, und alle drei genossen den schönen Sonntagsausflug. Ziel war der kleine Bauernhof von Josefs Eltern. Ludwig, das zweite Kind von Martha und Josef war zweieinhalb Jahre alt. Er hielt sich brav an Vaters Hand, oder manchmal auch an seinem Spazierstock fest. Der Weg vom Dorf zum großelterlichen Gehöft dauerte ca. eine Stunde. Er führte durch Wald und Wiesen und wegen der siegerländischen, topographischen Struktur, auch rauf und runter. Hermann, der gestern seinen fünften Geburtstag gefeiert hatte lief meistens zehn Schritte voraus. Andauernd kam er mit besonders großen, oder außergewöhnlichen gelben und roten Blättern zurück, die im herbstlichen Wald als Laub am Weg lagen. Die jeweilige Form interessierte ihn. Warum ist das Blatt so groß? Warum so gelb? Warum fällt es vom Baum? Er fragte, und fragte, und fragte. Und immer wieder das Nachbohren auf die Antworten seines Vaters; und was passiert dann, und dann, und dann - bis zur Unendlichkeit. Vater Josef mit Mantel, Hut und qualmender Pfeife im Mund, stapfte derweil frisch und heiter neben, oder auch mal hinter seinen Kindern daher. Hier und da wippte er mit seinem Fuß einen Stein vom Weg "Papa," rief Ludwig plötzlich und unerwartet "guck da", der Kleine zeigte mit seinem winzigen Finger in Geradeausrichtung. Von links nach rechts sauste ein Eichhörnchen über den Weg. Es kletterte in Sekundenschnelle einen Nadelbaum hoch.

Ludwig staunte und zeigte immer wieder auf die große Tanne, in die das flinke Tier mit dem buschigen Schwanz verschwunden war. Gegen 1130 Uhr kamen die drei in dem rustikalen Bauernhaus, dem Hoheitsgebiet von Oma Hedwig und Opa Heinrich, an. Alle wurden in der großen Wohnstube von der zahlreichen Verwandtschaft freundlich begrüßt. Nur Opa war, wie es nach Meinung der Kinder aussah, immer mürrisch. Ludwig ging sofort auf Erkundungstour. Er befand sich in der großen Scheune, als laut und durchdringlich sein Name gerufen wurde. Seine Lieblingstante Helene trommelte alle zum Mittagessen zusammen. Nun kam die besondere Begebenheit, die Ludwig nie vergessen wird. Es gab Milchsuppe. Er hasste Milchsuppe, er mochte diese Art Speise nicht, besonders nicht, wenn sich eine Haut auf der Oberfläche gebildet hatte. An dem großen Wohnzimmertisch mit 12 Personen rührte und manschte er lustlos im Teller herum. Als Kleinster in der Runde hatte er aber nicht den Mut zu sagen; diese Suppe mag ich nicht. Opa Heinrich, am Kopfende des Tisches hörte und sah sich das alles eine Zeit lang an. Ihm entging nichts. Plötzlich und unerwartet sauste seine Faust wuchtig und kraftvoll auf den Tisch. Die Teller wackelten, und Teile der darin enthaltenen Flüssigkeit ergoss sich auf das schöne weiße Sonntagstischtuch. Gleichzeitig erscholl sein Kommando. "Teller leer" In Ludwigs Kopf war der Blitz und Donner gleichzeitig. Widerspruch gab es nicht. Alle Gespräche wurden augenblicklich eingestellt. Hasso, der mittelgroße, braune Hund mit den weißen Streifen im Fell bellte laut aus seiner Ofenecke. Anscheinend hatte er dieses Schlaggeräusch noch nie gehört, denn nun winselte er auch noch leise jaulend um den Tisch herum. Ein kurzer, messerscharfer Pfiff von Opa Heinrich, und Hasso trottete knurrig und schweifwedelnd auf seinen Platz zurück. Oma Hedwig brummelte so etwas wie "hier wird gegessen was auf den Tisch kommt". Alle wussten sofort, dass das Ausrasten von Opa nur dem Kleinsten, nämlich Ludwig, gegolten hatte. In dieser Situation war dieser nicht mehr in der Lage den Kopf zu heben, bzw. auch noch etwas zu sagen. Unter den Augen aller Anwesenden löffelte er die Suppe, würgend mit Tränen in den Augen, und im Teller, restlos aus.

Später traf Josef seinen jüngsten Sohn im warmen Kuhstall wieder. Dieser hatte das Erlebnis vom Mittag schon wieder fast verdrängt. Es dunkelte schon als sie den Heimweg antraten. Ludwig hielt sich jetzt sehr nahe an seinem Vater fest. Die Geräusche im dämmrigen und nebligen Wald ängstigten ihn. Es zirpte, zischte, wisperte, quakte und gluckste in der unübersichtlichen Dunkelheit. Beruhigt und glücklich war er, als die ersten erleuchteten Häuser wiederauftauchten. Kurze Zeit später genoss er es, wieder in seinem geliebten Elternhaus bei Mutter und seiner sehr kleinen Schwester zu sein.

2 Das Telefon (1939)

Ja, mit dem Telefon fing alles an, ich war sechs Jahre alt, als ich eines Mittags nach dem Schulunterricht im Büro meines Vaters einen neuartigen Apparat entdeckte. Mein Vater klärte mich auf und sagte: „Das ist ein Telefon“. Bis zu dieser Zeit hatte ich noch nie einen Fernsprechapparat gesehen. Wir wohnten in einem kleinen Ort und ich weiß noch, dass meine Mutter sehr stolz darauf war. Neun andere Bewohner im Dorf hatten schon diese Errungenschaft. Ich durfte nicht damit spielen, aber die Nummer 206 Freudenberg habe ich bis heute behalten. Dann kam der zweiten Weltkrieg. Die Welt veränderte sich. Mein Vater wurde Soldat, und unser Telefon wurde abmontiert.

Sechs Jahre später kamen die amerikanischen Besatzungssoldaten, aber die benutzten ihre eigenen Fernsprechverbindungen. Sie funktionierten über sogenannten schwarzen Amidraht, welcher auch für viele andere Sachen zu gebrauchen war, z.B. zum Ziehen, Festbinden oder Verschließen von Gegenständen aller Art.

Erst 1949 kam ein Fachmann und installierte unsern Fernsprecher wieder an den alten Platz. Wir bekamen auch wieder unsere alte Telefonnummer.

Die Anrufe wurden zunächst zur Postzentrale weitergeleitet. Dort wurde das Gespräch von den dort sitzenden Telefonistinnen über Kabel umgestöpselt zu den gewünschten Teilnehmern. Die Telefonistinnen waren schon bald bekannte Persönlichkeiten, sozusagen die Fräuleins vom Amt. Die Poststelle lag nur zwei Minuten von uns entfernt. Da meine Mutter eine sehr gesellige Frau war, gingen die Damen der Post bei uns schon bald ein und aus. Besonders Lore und Erika saßen oft bei uns in der Küche und meine Mutter unterhielt alle. Ich weiß nur noch, dass viel gelacht wurde. Lore wurde auch bald meine Tante, denn als mein Onkel Robert aus der Gefangenschaft zurückkam hat er schon bald seine Lieblingstelefonistin geheiratet.

Kurze Zeit später habe ich mich beruflich nach Iserlohn verändert. Ich konnte mir auch dort noch kein eigenes Telefon leisten. Öfter ging ich dann zum dortigen Postamt. Dort konnte ich billig und komplikationslos mit meiner Mutter und meinen Freunden telefonieren. Erst als ich mich im Jahre 1960 selbstständig machte, habe ich mir ein eigenes Telefon zugelegt. Es musste neu angeschlossen werden, noch mit Kabel legen und Löcher bohren von innen und von außen. Leider stellte ich aber bald fest, dass Telefonieren auch Nachteile hatte. Es wurde viel schwadroniert und oft auch leeres Stroh gedroschen. Manchmal dachte ich an ein Plakat, auf dem stand: Fasse dich kurz.

Als junger, selbstständiger Konditormeister musste ich oft an drei Sachen zur gleichen Zeit denken. Oft sind mir während des Telefonierens Backbleche mit Gebäck schwarz geworden. Ab 1975 kam dann das Faxgerät dazu. Jetzt war es möglich, Nachrichten schriftlich auszutauschen, ohne langweilige, zeitintensive Sprechzeit zu vergeuden.

Schon ein Jahr später kam mein Sohn mit dem Vorschlag: „Du musst dir unbedingt ein Handy anschaffen“. Er zählte mir all die vielen Vorteile auf, welche ich zusätzlich nutzen könne. Ich knallte ihm den typischen Kölner Spruch um die Ohren: „Kenne mer net, bruche mer net, fott domet“. Aber damit war er nicht zufrieden. „Du gehst nicht mit der Zeit; denn in drei Monaten sagen dann viele Freunde und Bekannte: „Der Mockenhaupt ist von gestern“. „Babalapapp“, sagte ich, „ich brauche kein Handy, basta“. Aber wie es das Schicksal wollte, schon einige Zeit später knickte ich ein. Spät abends auf der Autobahn hatte ich eine Wagenpanne. Bis zum nächsten Parkplatz schaffte ich es noch, aber dann machte der Motor keinen Mux mehr. Der kleine Waldparkplatz war schlecht beleuchtet. Außer mir war weit und breit kein Mensch zu sehen. Nach fünf Minuten war mir schon mulmig zu Mute. Aber ich hatte Glück. Nach einer halben Stunde steuerte ein großer Lastwagen genau auf diesen Parkplatz zu. Ich ging ihm sofort entgegen. Der stämmige Fahrer und seine Frau oder Freundin waren sehr freundlich. Die junge Frau kramte sofort ein Handy aus der Kabine und innerhalb von 20 Minuten stand schon der ADAC Werkstattwagen neben meinem Auto. Nach weiteren 20 Minuten war mein Wagen wieder flott. Schon eine Woche später hatte jetzt auch ich ein Handy.

Es muss im Jahre 1994 gewesen sein, da brauchte ich für eine größere Bestellung noch mehr Informationen. Der Verkäufer sagte mir am Telefon, es wäre am einfachsten und es ginge am schnellsten, wenn ich ihm meine Email-Adresse durchgeben würde. Ich zuckte zusammen, denn so etwas hatte ich nicht. Etwas arrogant und überheblich sagte ich: „Ich habe einen Briefkasten, ein Telefon und sogar noch ein Faxgerät, und leise sagte ich noch vor mich hin: Genug ist Genug.

Mein Freund Gottfried unterstützte mich, und sagte: „Bei mir kommt das nicht mehr in Frage, ich bin jetzt 73 Jahre und mit dem Zeugs gebe ich mich nicht mehr ab.“ Aber der Computer verbreitete sich wie eine Seuche. Es gibt mittlerweile große und kleine, flache und ganz dünne. Die Möglichkeiten der Nutzung sind unabsehbar. Auch ich, der Senior, kam um den Kauf eines Computers nicht mehr herum. Es war zunächst die Neugierde, aber nach einiger Zeit leistete er mir gute Dienste. Briefe schreiben, Informationen suchen und finden, vor allen Dingen die Buchführung ging schneller. Leider übertreiben aber viele junge Leute die Möglichkeiten des Computers, sie sind sozusagen vom Computervirus befallen. Sie haben keine Zeit mehr Bücher zu lesen. Ich sehe sie vertieft in ihr Smartphone in stundenlangen Unterhaltungen in der Straßenbahn, im Café, im Auto, am Strand oder beim Spazierengehen. Sie sind dann für andere total abgemeldet.

Vor kurzem habe ich Hubert kennengelernt. Er arbeitet sozusagen in der Firmenhierarchie an zweiter Stelle. Er klagte über die allgemeine Hetze im Beruf. Der Druck sei überall sehr groß und würde immer stärker. Er erzählte von den vielen Emails, die noch nach Feierabend bei ihm reinkommen und ihn diese noch bis abends spät beschäftigten. Die Medien berichten über die vielen psychischen Krankheiten, die immer mehr zunehmen, weil man immer erreichbar ist.

Jetzt bin ich aus dem Berufsleben raus, deshalb ist für mich vieles nicht mehr nachvollziehbar. Aber interessanter Weise faszinieren mich in letzter Zeit die vielen Möglichkeiten des Computers immer mehr, und ich werde immer wissbegieriger. Dann erwische ich mich mit dem Wunsch, noch mal 30 Jahre jünger zu sein.

3 Er wollte Fußball spielen, wurde aber Wasserträger (1944)

Steinig war der Weg staubig und mit groben Rinnen durchzogen.

Es war das Jahr 1944. Eine kleine Gruppe fußballbegeisterter Jugendlichen aus dem 3000 Seelendorf Niederfischbach war auf dem Weg nach oben. Nicht etwa, um sich einen Platz in der Liga zu erkämpfen, sondern den Berg hinauf zu dem provisorischen Fußballplatz. Das Spielfeld lag inmitten eines bewaldeten Hügels und in einem 25-minütigen Fußmarsch zu erreichen.

Raban, welcher aus einer Akademikerfamilie kam, hatte einen richtigen Fußball, einen Lederball, in der Hand. Diese nicht alltägliche Möglichkeit mit einem Profilball Fußball zu spielen musste nun auch umgehend genutzt, ja eigentlich sogar gefeiert werden. Das hieße, nicht auf der buckeligen Dorfstraße, nicht auf den unebenen, frisch gemähten Wiesen, auch nicht vor den Scheunen oder auf ähnlichen verbotenen Örtlichkeiten zu spielen, sondern auf dem beliebten Spielfeld am Waldrand. Dort konnte unbeschwert geschossen, getrixt, gelacht und lautstark kritisiert werden. Außer Ruban, dem Besitzer des sehr wertvollen Balles, hatten sich noch weitere 8 Schulfreunde zusammengefunden und marschierten bei Sonnenschein und hohen Temperaturen den Berg hinauf. Zirka 30 Minuten wurden gebraucht bis zu dem angepeilten Areal, welches "Auf der Hühe" genannt wurde und zufällig bei Rodungsarbeiten entstanden war.

Ludwig war mit Abstand der Kleinste in der Gruppe. Er hatte sich in die Clique rein gemogelt, um Anerkennung und Freunde zu gewinnen. Er war nicht nur der Schmächtigste seines Jahrgangs, er wurde auch oft als Knirps oder Schwächling betitelt. "Was willst du Dreikäsehoch schon, mit dir kann man doch nichts anfangen, dich schlage ich doch zum Handkoffer", das waren die Beleidigungen, die sich Ludwig oft anhören musste.

Auf dem Platz angekommen wurde sofort die Einteilung von Großmaul Günter, genannt Habakuk, vorgenommen. Es kam wie es kommen musste, der Knirps war zu viel in der Gruppe und auch wollte ihn keine Partei in ihren Reihen haben. Gerold Düber, der größte, dickste und gemütlichste Spieler, fand aber sofort die Lösung. Er machte den Vorschlag, der Pimpf solle Wasser holen. Alle stimmten zu, denn sie hatten auch von dem halbstündigen Fußmarsch in der Hitze des Tages großen Durst bekommen.

Ludwig war froh und beinahe glücklich einen Auftrag von den größeren Jungs erhalten zu haben. Er war also zu etwas nützlich, man konnte den Knirps gebrauchen. Diese Angelegenheit würde er zur vollsten Zufriedenheit aller erledigen, waren Ludwigs erste Gedanken.

Der Rückweg bergab war nicht mehr so anstrengend, so dass er in Ruhe über den weiteren Verlauf des Auftrags nachdenken konnte. Gefäße mussten noch organisiert werden, aber auch der Transport wieder zurück nach oben bereitete ihm Kopfzerbrechen. Es blieben für die letztere Betrachtung nur zwei Möglichkeiten: Entweder musste er den Böllerwagen benutzen, oder das Wasser selbst tragen. Peter entschied sich für das Tragen.

Zu Hause in dem schönen kühlen Keller angekommen, trank er erst mal selber einen halben Liter schönes kaltes Wasser. Dann fand er zwei leere Weinflaschen, eine große Maggiflasche und zwei Bierflaschen mit Gummiverschluss. Er füllte sie mit kaltem Leitungswasser. Danach bündelte er sie mit Bindfäden in zwei Einheiten zusammen und ab ging es wieder den Berg hinauf.

Die Sonne brannte immer noch unbarmherzig. Mit den vollen Wasserflaschen (es gab noch keine Plastikgefäße) auf den Schultern ermüdete er schnell, so dass er auf halbem Weg nach oben eine Pause einlegen musste. Er fand einen schattigen Platz unter einem Apfelbaum. Einige halb reife Äpfel lagen neben ihm im Gras. Einen Apfel aß er. Beim Kauen merkte er aber, dass die Frucht wurmstichig war.

An dem Spielfeld "Auf der Hühe" angekommen, wurde das Fußballspiel sofort unterbrochen und Ludwig mit großem „Hallo“ begrüßt. Alle Spieler stürzten sich sofort auf die Wasserflaschen.

Auch wenn keiner aus der Clique so mal richtig "Danke schön" sagte, stand Ludwig für kurze Zeit richtig im Mittelpunkt. Er genoss diese Situation ausgiebig. Die großen Jungs hatten ihn anerkannt. Ihm wurde auf der Stelle der Titel "Wasserträger" verliehen. Er war nun nicht mehr der Knirps, Pimpf oder der Kleine. Georg Habermann, der große und starke Spieler mit dem Spitznamen "Fleischer" zog ihn auf dem Nachhauseweg öfter in die gemeinsame Unterhaltung mit ein.

Ludwig fühlte sich der Gruppe zugehörig. Zumindest die Nase trug nach diesem Nachmittag schon etwas höher.

So richtig gut konnte er sich mit dem neu erworbenen nicht anfreunden. Wasserträger zu sein, bedeutete für Ludwig automatisch auch Befehlsempfänger oder gar Laufbursche zu sein. Nur nach Anweisung handeln, lag ihm nicht. Er wollte selbst in der ersten Liga mitspielen. Erst viel später merkte er, dass dem Wasserträger ohne Grund ein Negativimage anhaftet.

Ein guter Wasserträger kann auf vielen Gebieten wichtige Entscheidungen anstoßen, zumindest aber stark beeinflussen.

4 Vom Angeber zum Angsthasen (1944)

In den letzten Kriegsjahren war auch in unserer Familie "Schmalhans Küchenmeister". Immer öfter schickte mich meine Mutter zu immer weiter entfernten Bauernhöfen, um Lebensmittel zu holen. Manchmal nannte sie die kleinen Bauernhöfe auch Butterfabriken. Meistens fuhr ich mit dem Fahrrad, aber wenn die Waldwege steil und bucklig waren, ging ich zu Fuß, immer aber mit Rucksack und Milchkanne. Oft hatte ich Eier, Butter und Schweineschmalz dabei. Zwei Liter Vollmilch waren schon obligatorisch. Diesmal ging ich los ohne Fahrrad. Meine Mutter meinte, der Waldweg dorthin sei steil und liege hoch am Berg. Nach der Sonntagsmesse hatte sie wieder eine neue, weit entfernte Bauernfamilie ausgegraben, welche irgendwie um drei Ecken noch mit uns verwandt sei. Ich kannte dieses Nest überhaupt nicht, aber als zweijähriger Knirps soll ich dort mit Vater, Mutter und meinem Bruder Hermann zu Besuch gewesen sein. Sofort am nächsten Tag marschierte ich los. Ich merkte bald, dass ich mich immer weiter in ein mir völlig ungewohntes Terrain begab. Ich passierte tiefe Tannwälder und manchmal kamen auch Abschnitte mit hohen Buchen. Die schmalen Wege gingen öfter nach links, aber auch schon mal nach rechts ab. Von weitem sah ich eine grasbedeckte Lichtung hell in der Sonne liegen. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Nun fiel mir auch noch diese absolute Stille auf den Wecker. Irgendwie fühlte ich mich unbehaglich, jedenfalls nicht so wie sonst. Auf einmal hörte ich den mir bekannten, gleichmäßig brummenden Ton von einem kleinen Flugzeug. Verhältnismäßig langsam fliegend sah ich das Flugzeug hoch am Himmel. Nach einigen Minuten, für mich völlig unerwartet, setzte der Pilot die Maschine zum Tiefflug an. Sofort entstanden die typischen, Angst erzeugenden Pfeifgeräusche. Der Pilot flog sehr tief, ich sah ihn in der Kanzel im Sturzflug ins Tal schießen. Als zwölfjähriger Halbstarker hatte ich schon viele gefährliche Situationen erlebt, hatte aber noch nie so richtig Angst gehabt. Dieses Erlebnis aber warf mich buchstäblich um, meine Zähne klapperten, Panik und Verzweiflung überkamen mich. Ich stürzte mich sofort bäuchlings ins Gras, mit dem Gesicht tief in die Erde gepresst und wartete, Was kommt jetzt, schrien meine Gedanken. Das Spiel machte der Pilot noch ein zweites Mal. Und dann, dann plötzlich wie aus heiterem Himmel Stille, einfach nur wieder Stille um mich herum. Kein gefährliches Geräusch mehr, die Sonne schien, ein Eichhörnchen lief den Baum hoch, und ich streckte langsam und vorsichtig wieder meine Glieder. Mir war nichts passiert. Der Rucksack und die Milchkanne lagen noch heil neben mir auf dem Waldboden. Der amerikanische Pilot hatte es wahrscheinlich auf einige kleine Fabriken abgesehen, welche sich unten im Tal bei Morsbach angesiedelt hatten. Nun war ich aber wieder auf den Beinen und versuchte klar zu denken. Ich entschied aber dann nicht weiter zu gehen, denn ich war mir nicht sicher ob ich noch auf dem richtigen Weg nach Apfelbach war. Ich hatte aber auch keine Lust mehr. Nach eineinhalb Stunden war ich wieder zu Hause, ohne Lebensmittel. Meiner Mutter habe ich von dem Fliegerangriff erzählt, sie hatte "Gott sei Dank" Verständnis für mich. Sie musste mir aber versprechen, nichts davon weiter zu sagen. Es durfte niemand wissen, dass ich ein Angsthase war. Besonders meinen Schwestern durfte sie nichts davon berichten, sie hätten mich sonst wochenlang durch den Kakao gezogen und im ganzen Dorf wäre ich nicht mehr der "Mutige" gewesen. Aber nach diesem Erlebnis war ich doch etwas ängstlicher geworden.

5 Das Hochwasser und seine Folgen (1944)

Es kam regelmäßig im Frühjahr oder auch schon mal im Herbst. In diesem Jahr (1944) kam die Flut in voller Wucht. Keiner hatte mit diesem Ausmaß gerechnet. Der kleine Fluss Asdorf, ein Nebenfluss der Sieg, war außer Rand und Band geraten. Jetzt kam das Unheil auch noch von dem künstlichen Nebenarm, welcher zu dieser Zeit noch zwei Mühlen mit Wasserenergie versorgen musste. Dieser teiloffene Kanal verlief unter dem Keller unseres Nachbarhauses und sprudelte auf unser Grundstück. Von dort war die Weiterleitung viel zu eng dimensioniert und die Wassermassen demolierten unseren hoch gelobten, heiligen Garten. Auch einige Stachelbeeren – und Himbeersträucher mussten dran glauben. Als ich aus der Schule kam hörte ich meinen Opa sagen: „Diese ganze schöne, schwarze Erde ist weg und wird wohl erst in Siegburg wieder angeschwemmt“. Auch ein Pflaumenbaum kippte um, und später merkte ich, dass auch das tote Kaninchen, welches ich vor einem Jahr dort begraben hatte, weg war.

Trotz der großen Katastrophe hatte die Sache für uns Kinder aber auch eine positive Seite. Da entstand plötzlich eine Situation, welche nicht alltäglich war. Wir Kinder und Jugendliche nutzten diesen Zustand aus, soweit wir von den Erwachsenen in Ruhe gelassen wurden, und das war meistens der Fall. Schon am nächsten Tag kam mein Freund Emil zu uns. Er war der größte und mächtigste in unserem Freundeskreis. Auf seinen dicken und starken Armen hielt er einen abgeworfenen kleinen, ovalen Flugzeugtank in der Luft. Nun stellte er diesen leeren Kerosinbehälter auf den Boden und wollte zunächst mal ausgiebig bewundert werden. Ich kannte das Ding, denn vorgestern sah ich, wie diese Blechkiste, flatternd und trudelnd von großer Höhe langsam auf einen Acker niederging. Nun hatte sich Emil dieses Flugzeugteil in den Keller geholt und mit Bekannten eine Art Wildwasserkanu gebastelt. Sogar ein Stück Teppich zeigte er uns als Innendekoration. Von außen sah es aus wie eine flache Blechbadewanne mit einer versiegelten eiförmigen, flachen Haube drauf. Emil hatte noch ein rundes Loch rein geschnitten, als Einstieg in das Boot. Das Flugzeugteil sollte also ein bombensicheres Wasserfahrzeug werden. Alle anderen Leitungslöcher waren sorgfältig luftdicht verschlossen worden. Jetzt stand das Monstrum am Ufer und wartete auf die Feuertaufe. Die Flutwelle klang schon ab, als Emil seinen Unterkörper mit viel Mühe in das neuartige Wildwasserkanu hinein quetschte. Ein selbst gebasteltes Paddel hatte er schon mitgebracht. Langsam schoben wir das Schiff mitsamt Emil in das ca., 50 cm tiefe Wasser an den Rand des jetzt schon langsam fließenden Baches. Und es hielt, es ging nicht unter. Es lag sogar sauber und ordentlich mit Emil als Insasse zur Hälfte im Wasser. Wir drei am Ufer klatschten Beifall. Nun paddelte er sehr vorsichtig, und nach kurzer Zeit fühlte er sich auch sicher. Jetzt wurde er auch mutiger. Er steuerte in Richtung Mitte in größeres und tieferes Wasser. Wir Außenstehenden bestärkten ihn mit seinem Plan, das Boot einmal richtig auszupaddeln, wie Gottfried lauthals vorschlug. Ich sah es Emil an, wie er konzentriert und ganz vorsichtig das Zentrum ansteuerte. Wir Freunde am Ufer kontrollierten jeden Paddelschlag. Aber schon nach kurzer Zeit legte sich die Spannung, denn es schien alles gut zu werden. Aber plötzlich schrie Egon: „Emil ist weg“. Den Moment, der Augenblick des Verschwindens, hatte keiner so richtig mitbekommen, Emil war nicht mehr da. Auf der großen Wasserfläche war er nicht mehr zu sehen. Nur das Unterteil seines stolzen Schiffes war noch zu entdecken. Das umgedrehte Boot drehte langsam Richtung kleinen Wasserfall. Dann rief Hubert: „Da, das Boot bewegt sich“. Nun merkten wir es alle. In regelmäßigen Intervallen zuckte der Bootskörper, als würden künstliche Wiederbelebungsversuche mit Stromstößen ausprobiert. Wir waren alle sehr aufgeregt. Dann schrie Günter: „Der hängt fest, der kommt aus der Sardinenbüchse nicht mehr raus“. Wir sahen nun, dass Emil mit unbändiger Kraft, sich mitsamt dem Boot wieder fast gedreht hatte. Aber nur fast, er fiel wieder zurück mit dem Kopf nach unten, ins kalte Wasser. Ich überlegte krampfhaft. ob er in dieser Sekunde wenigstens hatte Luft schnappen zu können? Die anderen meinten, wahrscheinlich nicht, es ging ja alles so schnell. Und wieder zuckte der Bootskörper. Und keiner dachte in der Aufregung daran, hinein zu springen, um dem armen Freund zu helfen. Ich selbst überlegte, Hilfe von anderen Erwachsenen zu holen, aber das nächste Haus war viel zu weit weg. Ich zitterte am ganzen Körper. Nun war er schon so weit weg vom Ufer, dass er für uns anscheinend nicht mehr zu erreichen war. Wir hatten alle Angst. Emil kämpfte immer noch. Die Bewegungen des Bootes gaben uns Hoffnung, zeigten doch an, dass er immer noch in dem zu engen Ausstieg wie in einer Falle festsaß. Dann auf einmal merkten wir, dass das Boot wie eine große leere Konservendose ganz locker im Wasser schaukelte. Und dann brüllte es Egon heraus: „Da, da ist er“. Nun sahen wir es alle. Hinter dem noch wackeligen Gefängnis kam die Mähne von Emil zum Vorschein. Er stand im ca. 120 cm tiefen, schlammigen Wasser und musste sich noch etwas mit der Strömung treiben lassen, um in Ruhe Luft zu tanken. Nun aber schüttelte er seine halblangen Haare und schleppte sich, halb schwimmend, halb gehend ans Ufer. Dort ließ er sich auf die Wiese fallen und war zunächst nicht ansprechbar. Er sah wie sein stolzes Schiff über die Kannte des Wasserfalls unserem Blicken entschwand, und er gab uns auch kein Zeichen, es zu bergen, Wir haben es nie mehr gesehen.

Mein Opa hat wieder Stachelbeersträucher in den verwüsteten Garten gepflanzt.

Die weggeschwemmte schwarze Erde mussten mein Bruder und ich aus dem anderen Teil des Gartens, der noch heil geblieben war, heranschleppen.

Emil war bald wieder der Alte. Aber in einem Paddelboot haben wir ihn nie mehr gesehen.

Die vier Geschwister

6 Soldaten im Umkreis (1944)

Ludi war zwölf Jahre alt, als deutsche Soldaten auf der Dorfstraße in Föschbe (Siegerland) auftauchten. Sie waren aber auch in den Hügeln und Bergen der näheren Umgebung zu finden. Eines Morgens waren sie da, einfach da, und mit dabei waren fahrbare Küchen, Geländewagen, aber auch Kanonen.

Für die Halbwüchsigen ein Ereignis, das sie ca. ein Jahr fesselte und ihnen viele Abenteuer, spannende Episoden, aber auch Spaß und Frohsinn bescherte.

Auf einmal war Schluss mit Langeweile und Eintönigkeit. Für die wissbegierigen, fragenden und vorwitzigen Halbstarken eine herrliche Zeit.

Sie lachten, fluchten, arbeiteten, ja sie lebten mit den Soldaten. Es war Erlebnis pur und zwar tagtäglich.

Schule fand in diesem letzten Kriegsjahr nicht mehr allzu oft statt. Sie waren froh und stolz, wenn der Küchenbulle, so nannten sie den Koch des Regiments, sie mittags beköstigte. Leider war Ludi meistens der Kleinste in der Clique und kam beim Essenholen fast immer als letzter dran. Aber dann sorgte der Koch dafür, dass auch für ihn noch etwas übrigblieb. Nur einmal hatte er ihn übersehen, und die großen Töpfe waren leer. Als er Ludi dann sah, kratzte er aber extra für ihn die Kessel richtig aus, und es floss noch Sauerkrautsaft und etwas Gemüse in das hingehaltene Essgeschirr, welches der Unteroffizier Franz Ludi geschenkt hatte.

Tagelang hielt sich Ludi bei seinen uniformierten Freunden auf und ging nur noch nachts nach Hause. Seine Mutter hatte es nicht leicht mit ihm, denn er war nur noch sehr schwer zu kontrollieren. Ludi hatte noch drei Geschwister. Der Vater war in Russland verschollen. Angst kannte er in diesem Zeitraum zweifellos nicht. Nur einmal gab es eine Ausnahme. Mittags um 11.30 Uhr hörte er die Jabos, so nannten die Leute die kleinen schnellen amerikanischen Flugzeuge, näherkommen. Sie flogen nicht einfach über das Dorf hinweg, wie sonst, diesmal hörte sich das sonst so monotone Brummen anders an. Ludi stand auf dem Henzberg, gegenüber vom kleinen Bahnhof, welcher in einem engen Talkessel lag. Dort standen auf einem versteckten Abstellgleis drei zugeriegelte Güterwaggons.

Plötzlich und unerwartet hörte er, dicht über ihm, schrecklich laut die Bordkanonen losballern. Das Dröhnen in den Ohren war so heftig, dass er der Meinung war, das ganze Dorf wird in Schutt und Asche gelegt. Im Sturzflug jagte das kleine Flugzeug den Berg hinunter und schoss wie verrückt auf den Bahnhof in dem engen, hügeligen Einschnitt. Dicht über sich sah Ludi mit bloßem Auge den Piloten, wie er den Kopf nach links neigte. Er war der festen Überzeugung, dass dieser ihn gesehen hatte, zurückkommen, und eine gezielte Salve auf ihn losfeuern würde. Er hörte, wie der Motor wieder aufjaulte. Das Flugzeug kam tatsächlich zurück. Ludi lief wie ein Wahnsinniger hin und her und suchte ein Loch im Erdreich, wo er wenigstens den Kopf reinhalten konnte. Doch schon ging die nervtötende Ballerei über seinen Kopf wieder los.

Er merkte aber nach einiger Zeit, dass der Pilot es nur auf den Bahnhof abgesehen hatte. "Gott sei Dank", langsam beruhigte er sich wieder. Aber die Jabos kamen jetzt öfter. Unerwartet und plötzlich waren sie da. Gegen Ende des Krieges hielten sich die Jungs viel auf dem Bahnhofsgelände auf. An einem Freitag passierte dann noch mal etwas Aufregendes. Gegen zwölf Uhr öffnete Hubert Schmidt, ein etwa 65jähriger Mann einen geschlossenen Waggon, der ganz vorne an der Rampe stand. Während die schwere Türe zur Seite geschoben wurde, sah Ludi sofort, dass der Waggon mit Strohballen beladen war. Er registrierte aber auch im selben Augenblick Bewegung im Innern zwischen dem Stroh. Plötzlich sprang ein grimmig aussehender Zivilist aus dem Güterwagen und fixierte die sechs Anwesenden, die in der Nähe standen. Mit eine Mal rief ein älterer Herr aus der Mühlengasse laut und deutlich: "Das ist ein Russe", und schon war der Teufel los. Der russische Kriegsgefangene hielt ein Messer einige Sekunden in die Luft. Im selben Augenblick lief er auch schon auf die hintere Seite des Zuges, sprang über drei andere Gleise hinweg und kletterte wie ein Wiesel den dortigen Abhang hoch. Er verschwand im Gebüsch. Oben, an dem großen Wegkreuz, war er noch einmal kurz zu sehen. Er schwenkte noch mal kurz den Arm zum Gruß und verschwand im Tannenwald. Manche sagten, das sei eine heikle Angelegenheit gewesen, aber es ging alles friedlich aus. Für Ludi war es ein weiteres, tolles Erlebnis.

Gedenkkreuz auf dem Giebelwald

7 Weihnachten war anders (1943)

Es war kalt im Siegerland. Nicht nur die gestauten Gewässer, auch der Fluss und die Bäche waren zugefroren. Wir Jungen und Mädchen zwischen vierzehn und sechzehn Jahren konnten dort Schlittschuhlaufen und Fußball spielen. Auch die noch bleihaltigen Wasserleitungen im Haus mussten an den bekannten Stellen angewärmt werden, damit Mutter waschen und kochen konnte.

Aber viel größer war die Sorge um die 87 Fischbacher Männer, welche jetzt, Weihnachten 1943 in dem noch kälteren Russland im Einsatz waren. Vorige Woche erfuhren wir, dass viele aus unserem Dorf in Stalingrad an der Front waren. Es war genau diese Stadt in Russland, welche in offiziellen Wochenschauen von siegreichen deutschen Soldaten die Rede ist. Nur noch Tage, dann ist Stalingrad in deutscher Hand. So oder ähnliche Parolen wurden auch uns Schulkindern eingehämmert, und diese prägten sich in unsere Köpfe ein. Im nur noch knappen Schulunterricht wurde von Lehrer Finke die damalige Situation erklärt und erleuchtet, natürlich im Sinne der Nazis. In Wirklichkeit war alles anders. Einige aus dem Ort hatten den verbotenen englischen Radiosender abgehört und wir wussten daher, dass dort viele deutsche und russische Landser im eiskalten russischen Winter ihr Leben lassen mussten. Wir konnten uns nun vorstellen, dass dort jetzt in der Weihnachtszeit manche Träne floss und das Heimweh sehr groß war. Aber wir wussten nicht, ob noch alle gesund oder am Leben waren. Aus unserm Freundeskreis kannten wir drei junge Soldaten persönlich, Gerold Müller, Hermann Helbach und Hubert Schmidt. Viele schöne Gelände – und Ballspiele habe ich noch selbst mit ihnen erlebt. Aber jetzt hatten wir Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte. Ich traf die Mutter von Gerold Müller, sie sagte: auch ich habe von Gerold seit acht Wochen nichts gehört, „und sie machte ein sehr sorgenvolles Gesicht. Wir wussten, dass unsere drei Freunde zähe Fischbacher Gewächse waren, mit Kälte konnten sie einigermaßen umgehen, aber längere Zeit ohne warme Stube und mit wenig Essen, das war für uns unvorstellbar. Wir waren unruhig, da wir so lange nichts von ihnen gehört hatten. Beim Abschied am Bahnhof vor einem Jahr waren alle guter Dinge und sie haben uns noch lachend nachgewunken. Hermann war groß und dünn, wir nannten ihn immer lange Latte. Hubert war zäh und ausdauernd, er hatte immer das beste Zeugnis. Gerold war ein gemütlicher, humorvoller Junge, er war für uns der Dicke.

Jetzt wollte auch noch die Gestapo wissen, wovon unser Pfarrer denn überhaupt lebt. Immerhin war dieser politisch vorbestraft und bekam deshalb kein staatliches Gehalt mehr. Mein Freund Toni wusste das alles ganz genau, denn sein Vater war der Kirchenrechner. Die gesamten Kollekten mussten auf Heller und Pfennig abgerechnet werden. Auf keinen Fall durfte für unsern Pastor etwas übrigbleiben. Nur die wenigen Kühe, Schweine und Hühner von der Bevölkerung haben unsern Pfarrer nicht verhungern lassen.

Am Weihnachtsabend lag eine gedrückte Stimmung über dem Dorf. Nur die Mitternachtsmette in unserem Siegerländer Dom war voll bis auf den letzten Platz.

Am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien kam Lehrer Erwin Finke wieder in SA Uniform in die Klasse. Er war noch der einzige Lehrer im Unterrichtssystem. Alle andern waren Lehrerinnen oder Hilfskräfte. Wenn Finke dann in der pickfeinen Uniform vor der Klasse stand, hatten wir alle großen Respekt vor ihm. Wir schmetterten den "Heil Hitler Gruß“, dass dieser noch weit draußen zu hören war.

Aber er kam auch manchmal in Zivil in die Klasse. Er war klein hatte aber eine laute Stimme. Mein Freund Günter nannte ihn Glatzkopf, und er flüsterte mir ins Ohr "Erwin ist nur ein kleines Würstchen". Bald kamen in den offiziellen Nachrichten manchmal nicht nur gute Nachrichten ans Licht.

Die Stimmung fiel auf den Nullpunkt. Hinter mir saß Theo Preußer auf der Schulbank, er wollte anscheinend etwas ganz genau wissen. Seine Zischlaute lagen mir immer laut in den Ohren.