Der Wolfsfluch - Andreas Parsberg - E-Book

Der Wolfsfluch E-Book

Andreas Parsberg

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Beschreibung

Henri Vogt weiß, dass jede Zeitreise ihren Preis fordert. Und dass das Spiel der Dämonen niemals denselben Weg zweimal geht. Bei seiner dritten Reise verschlägt es Henri nach Pengersick Castle an der rauen Küste Cornwalls, in den September des Jahres 1184. Dort erwartet ihn eine Welt aus Burgen, Blutrecht und Gottesfurcht, in der Aberglaube und Wahrheit untrennbar miteinander verwoben sind. Was zunächst wie ein historischer Schauplatz erscheint, entpuppt sich rasch als tödliches Jagdrevier. Ein uralter Werwolf treibt sein Unwesen, gebunden an einen Fluch, der tiefer reicht als jede Legende. Seine Spur führt Henri in Sümpfe, Wälder und dunkle Gemäuer, in denen Menschlichkeit ebenso zerbrechlich ist wie das Leben selbst. Doch der Werwolf ist nicht die einzige Macht, die in dieser Zeit wirkt. Eine rätselhafte, göttliche Katze beobachtet das Spiel aus dem Schatten heraus, lauernd, lenkend, und weit mächtiger, als sie zunächst erscheint. Freund oder Feind, Beschützerin oder Richterin: Henri muss erkennen, dass nicht jede Kreatur der Finsternis eindeutig zuzuordnen ist. Während sich Vergangenheit und Dämonenwelt erneut überlagern, wird Henri klar, dass diese Reise mehr ist als ein Kampf gegen ein Monster. Es ist eine Prüfung seiner Moral, seines Mutes, und seiner Fähigkeit, zwischen Fluch und Erlösung zu unterscheiden. Denn nicht jeder, der tötet, ist die wahre Bestie. Ein düsterer Fantasy-Roman voller mittelalterlicher Abgründe, verfluchter Kreaturen und einer Zeitreise, die tiefer geht als je zuvor. Mit Der Wolfsfluch wird das Spiel der Dämonen archaischer, gefährlicher und unbarmherziger als je zuvor.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Andreas Parsberg

Der Wolfsfluch

Das Spiel der Dämonen (Band 6)

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

Impressum neobooks

1

Germering bei München

Henri und Chloé betrachteten das alte Haus, ohne ein Wort zu sagen. Es wirkte riesig und düster, selbst jetzt, im hellen, gnadenlosen Schein der Mittagssonne, der sonst alles freundlich machte und hier nur das Unheilvolle noch stärker hervorhob.

Die zweigeschossige Villa an der Germeringer Stadtgrenze lag versteckt in einem kleinen Park, der aus altem Bestand bestand: Buchen und Kastanien, dicke Stämme, knorrige Äste, ein Blätterdach wie eine zweite, schützende Decke. Das Haus war im Stil des Historismus mit Elementen der Neorenaissance erbaut, ein typisches Landhaus aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, geschniegelt und doch verwittert, stolz und doch irgendwie müde. Die Werksteinfassade wurde von einem sechseckigen Turm bestimmt, dessen verschieferte Haube mit einer Laterne versehen war. Die kostbare Villa stand auf einer kleinen Anhöhe und erhob sich wie ein dunkler, bedrohlicher Schatten gegen den blauen Himmel, als hätte sie sich bewusst genau diesen Platz ausgesucht, um alles zu überragen.

Chloé bekam eine Gänsehaut, deren Ursprung sie sich nicht erklären konnte. Lag es an der finsteren Ausstrahlung des Hauses, an dem kalten Eindruck, den selbst Sonne nicht vertreiben konnte? Sie saß neben Henri in seinem alten Auto, das er am Straßenrand geparkt hatte, und spürte das Leder unter den Händen, die Wärme des Innenraums, die im Kontrast zu dem stand, was draußen wartete.

„Es sieht wirklich unheimlich aus“, meinte Henri und schnitt eine Grimasse in Richtung der Villa, als könnte er ihr mit einem Gesichtsausdruck die Drohung nehmen. „Bist du sicher, dass du da reinwillst?“

„Klar! Du weißt doch, ich stehe auf alte Häuser und Flohmärkte.“

Sie blickte auf ein großes Holzschild, das an eine Eiche genagelt war, die an der Garageneinfahrt stand:

Haus und Inventar zu verkaufen

Beim Frühstück hatte sie die Anzeige in der Zeitung entdeckt, und sie hatte den ganzen Tag in der Schule daran denken müssen, so sehr, dass es ihr zwischen Mathe und Englisch wie ein heimlicher, kleiner Nervenkitzel vorkam. Sie hatte eine Schwäche für alte Sachen und konnte stundenlang über Flohmärkte ziehen, den Geruch von Staub und altem Papier in der Nase, immer mit dem Gefühl, gleich etwas zu finden, das nur auf sie gewartet hatte.

„Man kann nie wissen, was man da so alles findet. Ich wette mit dir, dass es in der Villa eine Menge schöner alter Dinge gibt.“

„Du meinst wohl Gerümpel“, erwiderte Henri, musste aber grinsen, weil er die Leidenschaft von Chloé süß fand, dieses Leuchten in ihren Augen, sobald es um irgendetwas Altes ging, das eine Geschichte haben könnte.

„Was für dich nur altes Gerümpel ist, sind für mich echte Schätze! Nun komm schon, lass uns endlich reingehen.“

Sie stieg aus und wartete auf Henri, die Autotür fiel mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss, das im stillen Park fast zu laut klang.

„Was meinst du denn, was du da findest?“, fragte er, als er neben ihr stand.

„Ich habe mal auf dem Flohmarkt die alte Lampe in meinem Zimmer gefunden. Außerdem die tollen Bilder und alten Bücher.“

„Ja, schon, ich weiß. Aber ...“ Henri brach seinen Satz ab, als hätte er Angst, ihn auszusprechen.

„Aber was?“

„Aber du weißt ja nicht, wo all dieser Kram herkommt. Und du weißt auch nicht, wem die Sachen vorher mal gehört haben.“

„Na und?“

„Also, ich finde es ist unheimlich.“

„Ach was, dummes Zeug. Nun komm endlich!“

Sie schritt auf das Haus zu. Henri zögerte noch, die Schultern angespannt, dann lief er hinter ihr her, als würde er sich selbst dafür auslachen, dass er überhaupt gezögert hatte. Die Haustür stand offen, als hätte jemand sie extra so gelassen, und es befanden sich bereits andere Menschen im Inneren, die durch die Einrichtung stöberten, murmelten, sich beugten, schauten, prüften, wie bei einem Flohmarkt, nur eben unter einem Dach, das viel zu schwer auf der Luft lag.

Die Räume wirkten alle ziemlich dunkel. Schwere Samtvorhänge vor den hohen Fenstern ließen nur einen schmalen Spalt Tageslicht herein, der wie ein dünner, blasser Strich über Parkett und Möbel kroch. Die Fußböden waren mit dunklem Mahagoni-Parkett verlegt, das selbst im Licht matt blieb. Sogar die Möbel waren aus dunklem Holz, als hätte man beschlossen, Farbe grundsätzlich zu misstrauen. Das Haus erzeugte eine trübselige Atmosphäre, die sich in die Haut legte wie ein zu schwerer Mantel.

Aber das alles störte Chloé nicht. Nur Henri fühlte sich unbehaglich. Sie musste ihn an der Hand hinter sich herziehen, wie eine Mutter, die ihren widerspenstigen Sohn zum Zahnarzt bringt, und sie spürte, wie seine Finger sich fest um ihre schlossen, als wäre das ihre einzige, verlässliche Verbindung nach draußen.

„Furchtbar gruselig“, murmelte er leise vor sich hin. Chloé musste lächeln. Wenn man Henris muskulöse Arme und Schultern ansah, würde man ihn für einen harten Kerl halten, jemanden, den so ein Haus nicht im Geringsten beeindruckte. Aber sie wusste, er war innerlich sanft und sensibel. Das war einer der Gründe, warum sie sich in ihn verliebt hatte, dieses Widersprüchliche, das ihn menschlich machte.

Chloé sah sich um. Es kommt immer darauf an, wie man die Dinge betrachtet, sagte sie zu sich selbst. Die dunklen Farben und die Schatten in den Räumen hatten schon ihren eigenen Reiz. Dieses Haus hätte aus einem alten Buch oder Film stammen können, aus einer Geschichte, in der man nachts die Kerzen anzündete und tagsüber so tat, als gäbe es keine Geheimnisse. Es wirkte elegant, prunkvoll und erhaben, wie ein Ort, der gewohnt war, angesehen zu werden.

„Hier herrscht ja schon totales Gedränge“, meinte sie.

Ein junges Ehepaar interessierte sich für eine Tiffanylampe, eine ältere Frau schien von einer Sammlung alter Porzellanfiguren in einer Vitrine fasziniert zu sein, und ein älteres Paar betrachtete eine Kaminuhr aus Messing auf einem Sockel, als könnten sie in ihr die Zeit der früheren Bewohner ablesen.

„Wem gehört denn dieses Haus?“, fragte Henri so laut, dass es alle hören konnten. „Einer bösen Hexe?“

„Du spinnst ja!“

„Na, es ist jedenfalls jemand, der es gerne dunkel hat. Vielleicht Graf Dracula? Wo stehen denn die Särge? Im Keller?“

„Blödmann!“, antwortete Chloé grinsend, da ihr die erschrockenen Gesichter der anderen Interessenten gefielen. „Hier ist aber nichts für mich. Lass uns mal in ein anderes Zimmer gehen.“

Bevor Henri etwas erwidern konnte, war sie schon auf dem Weg ins Esszimmer und zog ihn hinter sich her. Sofort fiel ihr der große Mahagonitisch auf, über dem ein schwerer Kronleuchter hing, so massiv, dass er den Raum zu beherrschen schien.

„Ist er nicht fantastisch?“, rief sie begeistert aus.

„Wer ist er?“

„Na, der Kronleuchter, Dummerle. Er sieht unheimlich teuer aus. Ich glaube, wenn sie etwas Sonne ins Zimmer ließen, würden alle diese Kristalle noch mehr glitzern.“ Sie seufzte ergriffen, als hätte sie gerade etwas Heiliges gesehen. „Ich wünschte, ich hätte auch mal eines Tages so einen tollen Kronleuchter in meinem Haus hängen.“

„Aber sie lassen niemals Sonne in dieses Zimmer, weil sie es dunkel haben müssen. Die Sonnenstrahlen verbrennen Vampire!“

„Du widerholst dich, Schätzchen.“

„Ich kann nichts dafür. Ich finde dieses Haus so ... ach, vergiss es.“

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte plötzlich jemand mit einer sanften Stimme hinter ihnen. Chloé und Henri drehten sich überrascht um. Eine junge blonde Frau mit weichem Lächeln und tiefgrünen Augen stand dort. Sie wartete geduldig, bis die beiden ihr antworteten, als wäre sie es gewohnt, dass Menschen in diesem Haus erst einmal schlucken mussten.

„Sind Sie die Besitzerin?“, fragte Henri verwundert, da die junge Frau so gar nicht in sein Bild eines Vampirs passen würde.

„Ja, ich bin Louise von Armannsperg. Dieses Haus gehörte meiner Mutter, bevor ...“ Sie unterbrach sich, als hätte sich etwas in ihrem Hals festgesetzt, und zwang sich dann, weiterzusprechen. „... bevor sie starb.“

Henri sah zu Chloé hinüber.

„Gibt es etwas Besonderes, das Sie sehen möchten?“, fragte die junge Eigentümerin. Ihre Stimme klang so weich und zerbrechlich, wie auch ihre ganze Erscheinung wirkte, als könnte sie bei zu viel Druck zerbrechen.

„Nichts Spezielles, Frau Armannsperg“, erwiderte Chloé mit einem warmherzigen Lächeln. „Aber ich hoffte, etwas zu finden, das nicht zu teuer ist. Zum Beispiel Bücher, Modeschmuck oder so etwas.“

„Ja, ich verstehe. Vielleicht finden Sie etwas Interessantes im Keller. Meine Mutter war eine eifrige Leserin, sie hatte kistenweise Taschenbücher und, ja, ich glaube, auch Modeschmuck. Bitte, sehen Sie sich ruhig alles an.“ Sie zeigte lächelnd auf eine Schwingtür. „Der Weg zum Keller geht durch die Küche. Die Tür dort vorne.“

„Vielen Dank“, erwiderte Chloé, aber die junge Frau hatte sich schon einem anderen interessierten Kunden zugewandt, als hätte sie gelernt, nicht zu lange stehen zu bleiben, nicht zu lange zu erinnern.

„Von wegen Vampir“, flüsterte Chloé zu Henri. „Pah! Die junge Frau sieht doch völlig harmlos aus.“

„Aber du willst jetzt nicht wirklich in den Keller gehen, oder?“, fragte Henri skeptisch.

„Klar, warum denn nicht?“

„Genau, warum nicht.“

Die Tür zum Keller stand offen, als wollte sie jeden einladen, die Schätze zu entdecken, die dort unten aufgestapelt waren. Zu Chloés und Henris Erleichterung war der Keller hell erleuchtet, als hätte man extra dafür gesorgt, dass niemand sich zu sehr in Fantasien verirrte. Als sie die lange Holztreppe runtergingen, trafen sie einen Mann, der gerade wieder heraufkam. „Alles nur Trödel“, murmelte er enttäuscht und verschwand.

Unten im Keller war niemand außer ihnen. Chloé bemerkte sofort den unangenehmen Geruch, der ihnen entgegenschlug. Es war eine Mischung aus Schimmel, feuchten Wänden und Mottenkugeln, ein Geruch, der sich in die Kleidung setzen wollte. Sie war drauf und dran, umzukehren und wieder nach oben zu gehen, als ihr Blick auf die vollgestopften Kisten fiel, die überall herumstanden, wie kleine, stumme Versprechen.

„Mit dem ganzen Kram könnten wir Tage zubringen“, schimpfte Henri. „Und gar keine Särge, wie vermutet.“

„Hör auf zu nörgeln und hilf mir lieber. Ich habe mit den Kisten ein gutes Gefühl.“

Die beiden fingen an, in den Kisten herumzustöbern. Dann pfiff Henri plötzlich begeistert durch die Zähne. „Mann oh Mann!“

„Was ist los? Hast du etwas Tolles gefunden?“

„Eintrittskarten!“ Er hielt ihr kleine Papiere vor die Nase. „Sieh nur, die sind von der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz. Vielleicht sind das sogar Eintrittskarten vom Finale.“

„Für was für einen Sport denn?“

„Hä?“

„Was haben die in der Schweiz gemacht?“, wiederhole Chloé ihre Frage.

„Na, Fußball! Deutschland wurde dort Weltmeister!“

„Ach so. Aber das interessiert doch niemanden. Ich dachte, du hättest etwas Spannendes gefunden.“

„Du hast doch keine Ahnung“, antwortete Henri kopfschüttelnd, schob die Tickets ein und beschloss, diese zu kaufen.

Chloé wandte ihre Aufmerksamkeit wieder einer Puppe zu, die sie in einer Kiste gefunden hatte. Das Kleid der Puppe war alt und schmutzig, aber sonst war sie in einem guten Zustand. Sie könnte sie säubern und ihr ein neues Kleid anziehen, und plötzlich sah sie sie schon auf ihrem Regal sitzen, geschniegelt, geschniegelt, als wäre sie nie im Keller gewesen.

„Was meinst du, was die Eigentümerin für diese Puppe haben will?“

Chloé sah zu der Stelle hin, wo Henri eben noch mit den Eintrittskarten gestanden hatte.

Er war verschwunden!

„Henri?“

Es blieb still. Sie legte die Puppe zurück und sah sich suchend um. Warum war Henri so plötzlich nicht mehr da? Wollte er ihr aus Spaß ein bisschen Angst einjagen? Oder war er nur ungeduldig geworden und wartete draußen auf sie?

„Henri!“, rief sie noch mal, diesmal mit lauterer Stimme. Ihr Herz klopfte wild, dann hörte sie: „Hier, huhu.“

Chloé stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt!“

„Entschuldige. Hey, schau mal die vielen tollen Sachen in diesem alten Schreibtisch.“

Chloé folgte dem Klang seiner Stimme, weil sie immer noch nicht sehen konnte, wo er war. Sie musste über Kisten klettern und geriet mit dem Kopf in ein riesiges Spinnennetz.

„Igitt, wie eklig!“ Sie schüttelte sich, als sie die klebrigen Spinnweben von Nase und Stirn abwischte. Aus den Augenwinkeln konnte sie etwas über den Boden huschen sehen. Eine Maus? Eine Ratte? Sie musste sich wieder vor Ekel schütteln. Am liebsten wäre sie fluchtartig nach oben gelaufen. Endlich fand sie Henri, der in den Schubladen eines alten Schreibtisches herumwühlte.

„Du findest noch mehr als ich“, neckte ihn Chloé. Ihr Tonfall erinnerte ihn daran, dass er es war, der zuerst nicht in dieses Haus kommen wollte.

„Ja, ich finde eine ganze Menge Sachen, die ich gerne haben möchte, aber außer den Tickets werde ich nichts kaufen. Kann ich mir nicht leisten“, sagte er traurig. „Ich muss immer noch das Geld für meinen Führerschein abbezahlen.“

Er schloss die Schublade und sah sich dann weiter im Keller um.

„Eine ganze Menge alter Kram hier, findest du nicht?“

Bevor Chloé antworten konnte, hatte er wieder etwas Interessantes entdeckt und ging direkt darauf zu. Es war ein alter Holzschrank mit Schnitzereien an den Türen.

„Du scheinst gerne alles Mögliche öffnen zu wollen“, bemerkte Chloé, als Henri die Hand nach der Schranktür ausstreckte.

„Du meinst, außer der Kleidung an deinem Körper?“

„Blödmann“, grinste Chloé als Antwort.

„Aber ich bin eben neugierig“, erwiderte er und öffnete den Schrank.

Ein merkwürdiger Geruch strömte ihnen entgegen, sodass beide einen Schritt zurücksprangen. Aber im nächsten Augenblick war der Gestank verschwunden.

„Ich glaube, da hat jemand etwas vergammeln lassen“, meinte Henri und ging wieder näher an den Schrank heran, um einen Blick hineinzuwerfen. Er sah dort alte Farbdosen, Pinsel, Blumentöpfe aus Ton und viele andere Dinge. Henri wühlte zwischen den Töpfen herum und stieß dabei einen rostigen Schraubenzieher und eine alte Kaffeebüchse um.

„Mist, alles nur Abfall hier drin!“

Der Blick von Chloé fiel auf das unterste Regal. Dort stand ein hölzerner Kasten mit eleganten Schnitzereien an den Seiten. Sie beugte sich näher heran, bis sie Einzelheiten erkennen konnte. Zuerst dachte sie, es wären Darstellungen von Engeln, aber bei näherem Hinsehen stellte sie fest, dass es Dämonen mit kleinen Flügeln waren. Außerdem befanden sich Schriftzüge auf dem Deckel, die aussahen wie altägyptische Hieroglyphen.

„Was ist denn das?“ Sie streckte die Hand nach dem Kästchen aus.

Als sie es in der Hand hielt, war sie überrascht, wie schwer es war. Das schwarze Holz schien massiv zu sein und war wahrscheinlich sehr teuer. Dann sah sie die sorgfältig ausgeführten Schnitzereien näher an. Unheimlich aussehende kleine Dämonen, mit grässlichen Fratzen, tanzten um den ganzen Kasten herum, hielten sich an den klauenartigen Händen und bildeten einen geschlossenen Kreis. Die einzelnen Figuren waren extrem fein geschnitzt, sogar die Haarstränge auf den pelzigen Körpern und Köpfen konnte man unterscheiden.

„Fantastisch!“, rief Chloé begeistert aus.

„Wie bitte? Ich finde den Kasten scheußlich!“, erklärte Henri.

„Weil du keine Ahnung von Kunst hast.“

„Das kann sein, aber ich habe ein ungutes Gefühl bei dem Kasten. Du solltest ihn schnell wieder zurück in den Schrank legen.“

Statt etwas zu erwidern, schüttelte sie den Kasten leicht und hörte ein Klappern im Innern. „Da ist etwas drin.“ Dann schüttelte sie den Kasten noch mal.

„Mach ihn doch auf.“

Chloé drehte den Kasten um. An einer Seite fand sie ein Schloss unter dem Deckel. Sie versuchte, ihn zu öffnen, aber er rührte sich nicht.

„Ich brauche einen Schlüssel.“

„Vielleicht können wir das Schloss aufbrechen.“

„Vielleicht sollte ich den Kasten kaufen“, schlug Chloé zu ihrer eigenen Überraschung vor.

Henri sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren. „Warum willst du das Ding kaufen?“

„Das habe ich dir doch schon gesagt. Ich finde es einfach hübsch, es würde sicher toll auf meinem Schreibtisch aussehen.“

„Aber du weißt doch gar nicht, was da drinnen ist.“

„Das brauche ich auch nicht zu wissen. Ich schmeiße den Inhalt weg und benutzte das Kästchen für andere Dinge.“

Henri zog eine Grimasse. „Mädchen mit ihren Ideen!“, seufzte er. Dann wurde er wieder ernst und sah sich zusammen mit Chloé den Holzkasten an.

„Hey! Diese kleinen Figuren sind witzig! Was sollen die darstellen? Geister? Monster?“, fragte Chloé fasziniert.

„Keine Ahnung“, antwortete Henri nachdenklich. Das Kästchen gefiel ihm nicht, es hatte eine unheimliche Ausstrahlung.

„Glaubst du, es ist böse? Verhext?“, erkundigte sich Chloé. Sie spürte instinktiv das gleiche Unbehagen, das auch Henri empfand.

„Dann leg es wieder zurück in den Schrank.“

„Nein! Ich muss es haben“, erklärte Chloé entschlossen.

Sie hob den kleinen Kasten hoch, sodass mehr Licht darauf fiel. Das rötliche Holz glänzte und die Schnitzereien wurden noch deutlicher. Jetzt war sie fast schon in das Kästchen verliebt. Ja, es würde wunderschön auf ihrem Schreibtisch aussehen. Sie könnte es zum Aufbewahren all der Dinge benutzen, an denen sie besonders hing: Briefe, Glücksbringer und Erinnerungen. Zuerst natürlich musste sie das, was sich noch darin befand, der Besitzerin zurückgeben.

„Glaubst du, dass der Kasten teuer ist?“

„Ich glaub nicht“, erwiderte Henri. „Er stand hier bei dem ganzen Gerümpel.“

„Hoffentlich kann ich ihn mir leisten“, meinte Chloé. „Ich will dieses schöne Stück unbedingt haben!“

„Wie viel kostet dieser Kasten, Frau Armannsperg?“, fragte Chloé die blonde Frau, als sie wieder oben im Erdgeschoss standen.

Die Eigentümerin nahm das hölzerne Kästchen entgegen, drehte es langsam in den Händen und betrachtete die feinen Schnitzereien mit gerunzelter Stirn. Für einen Moment wirkte sie nachdenklich, beinahe überrascht.

„Wo haben Sie dieses wundervolle Stück gefunden?“, fragte sie schließlich. „Ich kann mich nicht erinnern, dieses Kästchen jemals gesehen zu haben.“

„In einem Schrank im Keller, unter einem Haufen Gerümpel“, warf Henri schnell ein. Er hoffte, dass diese beiläufige Beschreibung den Preis niedrig halten würde.

Louise von Armannsperg nickte langsam. „Dann muss es ein Gegenstand sein, der noch meiner Großmutter gehörte.“

Chloé hob sofort beschwichtigend die Hände. „Wenn Ihnen der Kasten etwas bedeutet, dann stelle ich ihn selbstverständlich wieder zurück.“

„Oh nein, nein“, widersprach Louise hastig und schüttelte den Kopf. „Ich möchte alles hier verkaufen.“ Ihre Stimme bekam einen müden Unterton. „Sie können sich gar nicht vorstellen, mit wie vielen Ausgaben und Steuern dieses alte Haus belastet ist. Obwohl ich es geerbt habe, zwingt mich die Situation dazu, alles abzugeben.“

Chloé räusperte sich und sah noch einmal auf den Kasten. „Sind zehn Euro genug, Frau Armannsperg?“

Die Eigentümerin blickte sie überrascht an. Dann senkte sie den Blick wieder auf die Schnitzereien. „Es ist ein schönes Stück“, sagte sie nachdenklich. „Als ich sagte, ich müsse alles loswerden, meinte ich nicht, dass ich alles verschleudern kann.“ Sie fuhr mit dem Finger über die feinen Linien im Holz. „Sehen Sie nur diese Schnitzereien. Welche Arbeit, welche Mühe sich der Künstler gemacht haben muss.“

„Wie wäre es mit zwanzig Euro?“, schlug Henri vor und schenkte Chloé ein aufmunterndes Lächeln.

Louise von Armannsperg nickte langsam. „Das ist schon eher angemessen. Ja, gut, für zwanzig Euro können Sie den Kasten mitnehmen.“

Henri zog einen Zehn-Euro-Schein aus der Tasche und reichte ihn Chloé. „Mit einem Kuss sind wir dann wieder quitt.“

„Du bist süß, danke“, lächelte sie. „Den Kuss bekommst du später.“

Sie bezahlte das Kästchen, verabschiedete sich höflich, und gemeinsam verließen sie die alte Villa, deren dunkle Fenster ihnen noch einen Moment lang nachzublicken schienen.

In Chloés Zimmer versuchten sie, den Kasten zu öffnen. Henri bog zuerst eine Heftklammer auf, dann griff er zu einer Sicherheitsnadel, doch das Schloss rührte sich nicht.

„Vielleicht sollte ich ihn einfach so lassen“, schlug Chloé schließlich vor. „Er könnte auch nur als Schmuckstück dastehen.“

„Mich würde es verrückt machen, wenn ich nicht wüsste, was drin ist“, entgegnete Henri.

„Ja, mich wahrscheinlich auch“, gab sie zu, obwohl sie ziemlich sicher war, dass sich darin nur unbrauchbarer Trödel befand.

„Hast du irgendwo einen Hammer und einen Schraubenzieher?“, fragte Henri. „Vielleicht kann ich den Deckel aufbrechen.“

„Der Werkzeugkasten steht im Hauswirtschaftsraum.“ Chloé lief aus ihrem Zimmer, holte eilig die benötigten Werkzeuge und kam wenige Augenblicke später zurück.

„Hier.“ Sie reichte Henri Hammer und Schraubenzieher. Er nahm beides und begann vorsichtig, den hölzernen Deckel anzuheben.

„Mach ihn nicht kaputt“, warnte Chloé.

„Keine Angst, ich bin vorsichtig.“

Langsam schob er den Schraubenzieher in den schmalen Spalt. Mit einem leisen Knacken sprang der Deckel schließlich auf. Ein schrecklicher Geruch quoll aus dem Inneren, ein Schwall stickiger, abgestandener Luft, der sie beide instinktiv zurückzucken ließ. Es roch wie ein muffiger Keller, kalt und feucht.

Beim ersten Blick in das Holzkästchen glaubte Chloé, einen Haufen Würmer und Schlangen zu sehen, die sich wild ineinander verhedderten. Der Schrei lag ihr bereits auf den Lippen, doch dann zwang sie sich, genauer hinzusehen. Der Inhalt war etwas völlig anderes.

Es war eine silberne Kette, an der ein gelbgestreifter Mineralstein hing.

„Oh … Mann! Wie wunderschön der Anhänger aussieht!“, stieß Chloé ungläubig hervor. Sie kniete sich hin und betrachtete das Schmuckstück aus der Nähe.

Henri hingegen konnte seinen Schock kaum verbergen. Sein Herzschlag beschleunigte sich gefährlich, eine Gänsehaut überzog seine Arme, und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er wusste sofort, was er vor sich sah. Es war eindeutig das Tigerauge, der magische Stein, dem er in seinen beiden vergangenen Spielrunden begegnet war.

In Indien hatte Amanda ihn um den Hals getragen und mit seiner Hilfe den bösen Dämon besiegt. Kate Porter hatte denselben Kristall mit in den Limbus genommen, wo er ihr entscheidend das Leben gerettet und den Sieg ermöglicht hatte. War nicht sogar das Siegel der Pforte in den Stein gedrungen? Henri spürte die machtvolle Ausstrahlung, die von dem Tigerauge ausging, als wäre es lebendig.

Was hatte das zu bedeuten? Warum traten Dinge aus den Spielrunden plötzlich in sein reales Leben? Genauer gesagt: in Chloés Leben. Er wusste nicht, ob er sie warnen durfte oder sollte. Ging von dem Stein überhaupt eine Gefahr aus? Bisher hatte das Tigerauge immer geholfen.

Doch Chloé strahlte vor Glück, als hätte sie ein lange vermisstes Familienmitglied wiedergefunden. Was hätte er ihr sagen sollen? Es war ihm strengstens verboten, über das „Spiel der Dämonen“ und alle damit verbundenen Ereignisse zu sprechen.

„Der Stein sieht fantastisch aus“, seufzte sie ergriffen. Sie blinzelte und versuchte, sich auf den Anhänger zu konzentrieren. Doch je länger sie ihn betrachtete, desto verschwommener erschien er ihr. Die Kette wirkte plötzlich wie eine schuppige Schlange, die in einem Teich aus Blut schwamm.

Ein Teich aus Blut?

Wie kam sie nur auf diesen Gedanken? Chloé blickte zu Henri und strich sich verwirrt über die Stirn. Bekam sie Kopfschmerzen? Ihr Blick war getrübt, die Konzentration entglitt ihr. Henris Gesicht begann sich zu verändern, seine Züge flossen ineinander, wurden zu einer unbestimmten Masse, so wie es ihr zuvor bei der Kette ergangen war. Dann formte sich daraus das Gesicht eines alten Mannes mit Bart, tiefen Falten und einer Hakennase. Er grinste böse.

Erschrocken schüttelte Chloé den Kopf, schloss die Augen und sah Henri erneut an. Sein Gesicht veränderte sich wieder, das Grinsen verschwand, und sein vertrautes, liebevolles Lächeln war zurück.

War alles nur Einbildung gewesen? Henri schien nichts bemerkt zu haben. Er wirkte abwesend, gefangen in seinen eigenen Gedanken.

Chloé sah auf den Schmuckkasten in ihrer Hand. Er war geschlossen. War er nicht eben noch offen gewesen? Sie konnte sich nicht erinnern, den Deckel zugeklappt zu haben. Vielleicht hatte sie es unbewusst getan, während sie diesen merkwürdigen, verwirrenden Zauber gespürt hatte.

2

Die Musik aus dem „Backstage“, der neuen Disco am Germeringer Stadtrand, drang bis nach draußen, als würde der Bass selbst die kühle Nachtluft kneten. Auf den Parkplätzen vor dem Eingang parkten eine Menge Autos, Motorräder und Mofas, dicht an dicht, schräg gestellt, als hätten sie es eilig gehabt, hierher zu kommen.

„Hoffentlich bekommen wir noch einen Platz“, meinte Chloé skeptisch. Sie hatte Anna versprochen, ihr heute Nacht auf der Suche nach dem süßen Jungen zu helfen. Henri begleitete die beiden Mädchen, er war erleichtert, dass Anna den Vorfall mit dem Seemann gut verkraftet hatte. Aber es war gut, dass sie den Drang verspürte, sich zu amüsieren. Der Besuch der Disco und eventuell eine neue Männerbekanntschaft würde ihr guttun. Henri zweifelte daran, dass Anna bereits die unheimlichen Ereignisse verarbeitet hatte.

„Bestimmt! Aber es wird sicher eng werden.“

Anna, die in den letzten Minuten immer schweigender geworden war, blieb stehen und zupfte Chloé am Ärmel. „Wollen wir wirklich da rein?“

„Sicher! Was hast du denn?“

„Mir ist so komisch“, erklärte Anna. „Ich weiß nicht, wie ich in dem Gedränge an den Jungen rankommen soll. Er ist so süß, ich möchte nichts falsch machen.“

„Wenn du hier draußen bleibst, wirst du es nie erfahren. Also, komm schon!“ Anna ließ sich wortlos mitziehen.

Henri kümmerte sich um ihre Garderobe und achtete gleichzeitig darauf, dass er nicht von den beiden Mädchen getrennt wurde.

Chloé versuchte, ins Innere der Disco zu sehen, was gar nicht so einfach war. Das Laserlicht tauchte den großen Saal abwechselnd in Rot und Grün, flackerte über Köpfe, Schultern, hochgesteckte Haare und glänzende Jacken. Auf der Tanzfläche herrschte ein einziges Gedränge, ein wogendes Meer aus Körpern, das sich im Rhythmus der Musik hin und her schob.

Henri nahm die Mädchen an der Hand und bahnte sich einen Weg. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass Chloé und Anna dauernd angerempelt wurden, mal von einer Schulter, mal von einem Ellenbogen, mal von einem schwungvollen Tanzschritt, der in der Enge nie ganz zu Ende gedacht war.

In der Nähe der provisorischen Bühne, die eigens für eine nächtliche Show aufgebaut worden war, blieb er stehen.

„Hier ist es zwar furchtbar laut“, schrie Henri, um die Musik zu übertönen, „aber dafür sehen wir alles.“

Chloé nickte nur zustimmend, denn reden war sinnlos. Anna sah sich aufgeregt um. Ihre Wangen glühten. Bestimmt hält sie nach diesem Burschen Ausschau, dachte Chloé und musste grinsen. Anna war ständig, in immer wechselnde Typen, verliebt. Vor Kurzem war noch Marcel ihr Favorit, davor waren es ein Fabian, ein Thomas und ein Ben. Wahrscheinlich habe ich noch einige vergessen, überlegte Chloé nachdenklich. Jetzt war es ein neuer Typ, den sie letzte Woche hier an der Bar gesehen hatte. Wie kann man in diesem düsteren, flackernden Licht erkennen, ob ein Junge in Frage kommt, überlegte sie. Chloé war froh, einen festen Freund zu haben, den sie liebte.

Plötzlich stieß Anna sie an. „Hinter dir, dort an der Bar. Das ist er!“, schrie sie ihr ins Ohr. Chloé drehte sich unauffällig um. An der Bar saßen und standen etliche Jungs, halb im Schatten, halb im Licht, mit Gläsern in der Hand, als würde jeder so tun, als sei er lässig geboren.

„Welcher?“

Anna biss sich auf die Lippen. „Der hübsche Kerl mit den braunen Haaren und dem blauen Shirt.“

„Er wirkt sportlich“, meinte Chloé, die aufgrund der schlechten Beleuchtung nicht viel erkennen konnte.

Henri hatte sich inzwischen ebenfalls umgesehen. „Kann ich euch kurz allein lassen?“, erkundigte er sich.

„Klar!“, antwortete Chloé, die der Ansicht war, dass er zur Toilette wollte. Erstaunt bemerkte sie, dass Henri ausgerechnet die Gruppe der Jungs ansteuerte, auf die Anna gedeutet hatte.

„Der Typ, neben dem Henri steht, ist das dein umschwärmter Traummann?“

Anna hatte sich fast an ihrem Getränk verschluckt. „Mensch, Chloé! Nun sag bloß, Henri kennt ihn! Ich glaube, ich kippe gleich aus den Schuhen.“

„Geht nicht. In diesem Gedränge kannst du nicht umfallen“, erwiderte Chloé trocken und ließ keinen Blick von Henri, der sich anscheinend gut unterhielt. Jetzt klopfte er dem Fremden freundschaftlich auf die Schultern und wies in ihre Richtung.

„Er kommt!“, schrie Anna in Chloés Ohr.

Die beiden Mädchen starrten wie gebannt auf die Jungs, die sich zu ihnen durchkämpften, Schulter an Schulter, Schritt für Schritt, als würden sie gegen eine unsichtbare Strömung laufen.

„Halt mich fest“, flehte Anna.

„Nun reiß dich gefälligst zusammen! Was soll dein Schwarm von dir denken, wenn du wie ein Fisch nach Luft schnappst?“

Chloé knuffte Anna aufmunternd in die Rippen.

„Das ist mein Mannschaftskamerad Florian!“, schrie Henri. „Wir spielen gemeinsam beim SC Fürstenfeldbruck, allerdings sind wir derzeit Letzter.“

„Weil du so schlecht verteidigst“, meinte Florian grinsend.

„Du könntest auch mehr Tore schießen“, konterte Henri.

„Könntet ihr uns Mädchen mal sagen, von was ihr sprecht“, meinte Anna. Sie konnte ihre Augen nicht von dem attraktiven Florian abwenden.

„Wir spielen gemeinsam Fußball, in einer Mannschaft“, erklärte Florian. Er wirkte leicht verwundert, dass Anna dies nicht wusste. Für ihn gab es bisher in seinem Leben nur Fußball.

„Hey, seid mal still! Gleich geht die Show los“, rief Chloé.

In diesem Moment ging das Laserlicht aus, die Disco lag in absoluter Dunkelheit. Gleichzeitig verstummte die Musik. Sekunden später leuchtete ein einziger Scheinwerfer auf, dessen Licht sich langsam zur Bühne vortastete. Ein Raunen ging durch die Menge, als er die Bühne anstrahlte und Trommelwirbel den Anfang der Show signalisierte. Der DJ sprang auf die Bühne und im Nu glich die Disco einem Hexenkessel. Alle redeten durcheinander und klatschten, schrien, pfiffen, als müsste man die Dunkelheit wegjubeln.

Der DJ wartete eine Weile und hob schließlich die Hand. „Okay, Leute!“, rief er in sein Mikro. „Genug! Seid doch mal still!“

Chloé sah sich unauffällig nach Anna um. Noch immer stand sie wie angewurzelt da und starrte den süßen Florian wie einen Geist an.

„Komm nach vorn, Anna! Du siehst doch nichts“, sagte Chloé so laut, dass auch Henri sie verstehen musste.

Er drehte sich um und nahm Annas Hand. „Stell dich zwischen uns, Anna! Florian wird bestimmt auf dich aufpassen“, alberte er grinsend und zwinkerte Chloé verschwörerisch zu.

„Aber natürlich“, meinte Florian, der Anna ausführlich betrachtete. Ihm schien zu gefallen, was er sah. „Es ist mir ein Vergnügen, auf dich aufzupassen.“ Wie selbstverständlich legte er einen Arm um Anna.

Chloé kämpfte einen Lachanfall nieder. Annas Gesicht war sehenswert. Bestimmt wagt sie nicht einmal mehr zu atmen, dachte sie amüsiert.

Dann trat ein Nachwuchssänger auf. Die neue Germeringer Disco veranstaltete einen Talentwettbewerb. Es wurden insgesamt fünf junge Künstler präsentiert, die jedoch wenig Gesangskönnen zeigten. Für Chloé wirkte es mehr wie eine Comedy Show, aber sie fühlte sich glücklich, mit ihren Freunden den Abend zu verbringen. Die Musik war zweitrangig.

Sie beobachtete schmunzelnd, dass Anna sich während der Songs mit Florian unterhielt. Unwillkürlich kuschelte sie sich ein wenig enger an Henri, der spontan einen Arm um sie legte.

Nachdem alle fünf Nachwuchstalente aufgetreten waren, erklärte der DJ den Ablauf der Auswertung. Abstimmen konnte jeder mit seinem Beifall und entsprechend laut ging es in den nächsten Minuten zu.

Am Ende stand ein Sieger fest. Es war ein junges Mädchen, das mehr mit seinem Hüftschwung und seiner Oberweite überzeugt hatte als mit der Stimme.

„Komm, Liebes! Lass uns tanzen, dann trinken wir etwas“, meinte Henri und zog Chloé zur Tanzfläche, die schon wieder völlig überfüllt war.

„Darf ich bitten?“, fragte er schelmisch und Chloé kuschelte sich glücklich in seine Arme. Wenig später sah sie, dass Florian mit Anna tanzte. Längst waren die hektischen Flecken aus ihrem Gesicht verschwunden. Anna hatte Florian beide Arme um den Nacken gelegt. Zufrieden wandte sich Chloé wieder Henri zu.

Es war schön, mit ihm zu tanzen, denn er verfügte über ein sehr gutes Rhythmusgefühl. Henri lächelte sie verliebt an, und obwohl das Licht ständig wechselte, blieb dieses Lächeln für sie wie ein fester Punkt.

„Woran denkst du, Liebes?“

„An uns“, verriet ihm Chloé lächelnd.

Innig drückte er sie an sich. „Du bist wunderschön. Habe ich dir schon gesagt, wie sehr ich dich liebe?“

„Nein! Jedenfalls heute noch nicht.“

„Aber das geht gar nicht und muss sofort nachgeholt werden“, flüsterte er leise in ihr Ohr. „Ich liebe dich, mein Schatz. Und das Schöne ist, jeden Tag liebe ich dich ein bisschen mehr. Was macht man da?“

„Nichts! Gar nichts. Gegen Liebe ist man nämlich machtlos. Letzte Nacht habe ich von dir geträumt. Was sagst du nun?“

„Nur letzte Nacht? Ich träume Tag und Nacht von dir“, erwiderte er in gespielter Entrüstung.

„Wir sind doch erst seit drei Monaten zusammen.“

„Für mich ist es eine Ewigkeit. Manchmal kommt es mir vor, als ob es Jahre wären.“

Chloé schlang ihre Arme um seinen Nacken und sah ihm tief in die Augen. „Mir geht es auch so. Du bist der erste Mensch, in dessen Nähe ich mich uneingeschränkt glücklich fühle.“

Chloé schloss die Augen. Henris Nähe und seine Worte taten ihr gut. Es war ein unbeschreibliches Gefühl zu wissen, dass sie nicht mehr allein war. Ja, Henri war für sie da und hatte immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen. Bei ihm fand sie all das, was sie sich immer gewünscht hatte.