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Karim weiß, dass das Gleichgewicht keinen Aufschub kennt. Und dass jede Entscheidung ihren Preis fordert. Als er zu einem grausamen Tatort nahe Athen gerufen wird, steht er vor den blutigen Spuren eines uralten Konflikts. Dämonische Diener sind gefallen, erschlagen durch eine Macht, die nicht existieren dürfte. Doch das eigentliche Problem ist nicht der Tod, es ist das, was verschwunden ist. Das Kriegsschwert des Ares ist in falsche Hände geraten. Und mit ihm gerät das Gleichgewicht der Welten ins Wanken. Während Karim versucht, die Folgen dieser Eskalation zu begreifen, beginnt sich im Schatten eine zweite Bedrohung zu entfalten. Selma sucht nach ihrer verschwundenen Freundin Sofia, und merkt zu spät, dass sie selbst zur Zielscheibe geworden ist. Jemand beobachtet sie. Kennt ihre Wege. Dringt in ihre intimsten Räume ein. Die Nacht bleibt nicht stumm. Sie sieht. Und sie wartet. Zwischen Engel und Dämonen, Regeln und Schuld, Verfolgung und Offenbarung wird Karim in einen Wettlauf gegen die Zeit gezwungen. Entscheidungen müssen getroffen werden, bevor sie ausgesprochen sind. Wege führen durch Krankenhäuser, unterirdische Gänge und dunkle Zonen, in denen keine Fehler verziehen werden. Denn das Gleichgewicht wird nicht bewahrt. Es wird verteidigt. Die Augen der Nacht führt die mythische Fantasy-Saga weiter und verdichtet sie zu einer Geschichte über Überwachung und Wahrheit, Verantwortung und Opfer – und über die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn selbst die Dunkelheit beginnt, ihn zu sehen.
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Seitenzahl: 301
Veröffentlichungsjahr: 2025
Andreas Parsberg
Die Augen der Nacht
Der Pfad des Gleichgewichts (Band 3)
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
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Impressum neobooks
Cape Sabatiki, Griechenland
1579 v Chr.
Er hatte die beiden Befehle direkt von seinem Vater erhalten.
Nicht, dass ihn die Wünsche seiner Eltern jemals besonders interessiert hätten, doch diesmal war es anders gewesen. Aus einer normalen Erziehungsmaßnahme war etwas geworden, das nach Urteil klang, nach einem Spruch, der nicht mehr zurückgenommen wurde. Und als hätte das nicht gereicht, waren diese Befehle auch noch von seinen beiden Onkeln unterstützt worden – als hätten sie sich verschworen, ihn gemeinsam in die Knie zu zwingen.
Aber er verstand die Strafmaßnahmen nicht.
Was hatte er schon Großartiges verbrochen, das eine so strenge Bestrafung gerechtfertigt hätte?
Gut, überlegte er, ich hätte mich nicht im Ehebett mit einer verheirateten Frau erwischen lassen dürfen, mit der ich bereits fünf Kinder gezeugt habe. Das hat dem gehörnten Ehemann nicht gefallen.
Er verzog den Mund, als hätte er auf etwas Bitteres gebissen. Ausgerechnet sein Vater sollte sich mit solchen Vorwürfen besser zurückhalten, war dieser doch mit der eigenen Schwester verheiratet und hatte zehn Kinder mit fünf verschiedenen Frauen gezeugt. Doppelmoral schmeckte selbst einem Gott nicht besser als Blut, das zu lange in der Sonne stand.
Wahrscheinlich war der Hauptgrund für die Bestrafung, dass er mit seinem Schwert bei der letzten Schlacht über zweihundert Männern die Bäuche ausgeschlitzt hatte. Sein Vater und die beiden Onkel liebten es nicht besonders, wenn die Erde mit den Innereien der Sterblichen bedeckt wurde. Als würde das Schlachtfeld jemals nach Rosen duften. Als würde Krieg sich an saubere Kanten halten.
Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und dachte über sein Leben nach. Seine Freunde nannten ihn den Gott des Kriegsgemetzels.
Aber besaß er überhaupt Freunde?
Die wenigen, die dieses Privileg besessen hatten, waren tot. Hinterrücks ermordet. Gefallen in irgendeiner sinnlosen, blutigen Schlacht. Hingemetzelt auf dem Feld der Ehre, das so wenigen wirklichen Ruhm und so vielen den Tod gebracht hatte. Bilder stiegen in ihm auf – nicht als Erinnerung, eher wie Splitter, die sich immer wieder in die gleiche Stelle bohrten.
In vielen bitteren Visionen sah er das vor sich aufsteigen, was die Nachwelt vielleicht eines Tages beim Klang seines Namens empfinden mochte. Heldenmut? Unerschütterlichkeit? Treue, Ergebenheit oder Mut?
Er zuckte mit den Schultern, als könnte er all das mit einer einzigen Bewegung abschütteln. Es war ihm gleichgültig. Wichtiger war ihm, was die Feinde über ihn dachten. Und er wusste, alle hatten Angst und Respekt vor ihm, denn Streit, Blutbäder und Mordgetümmel waren sein Ein und Alles. Berauscht und hemmungslos fand er kein Ende, wenn er einmal am Schlachten und Morden war. Er war ungehobelt und wild. Einmal in Mordlust versetzt, war er nur schwer zu bändigen. Mit seinem berühmten Schwert zog er in jede nur mögliche Schlacht und verließ diese stets als Sieger. Denn er war unbesiegbar.
Er öffnete die Augen und blickte das Schwert an, das er in seiner rechten Hand hielt. Die Klinge lag ruhig, und doch wirkte sie, als sei sie nur im Moment still, wie ein Raubtier, das den nächsten Sprung bereits kennt. Lag seine Unbesiegbarkeit an seinem Kampfschwert? Er strich fast zärtlich über die Klinge, als würde er eine Wahrheit prüfen, die er längst kannte, aber nicht aussprechen wollte.
Dieses Schwert hatte viele Besonderheiten, denn er hatte es von Vulcanus, dem Schmied der Schmiede, anfertigen lassen. Dieser schützte das Schwert mit mächtigen Zaubern, sodass nur Auserwählte es tragen konnten. Er schmiedete es aus den härtesten Materialien, die er selbst kannte. Die Klinge wurde nie abgeschliffen, denn sie verlor niemals ihre Schärfe. Ein dunkles Schwert, das seinem Träger die Unsterblichkeit verlieh und ihn so unbesiegbar machte. Dieses Schwert trug die Seelen der gefallenen Krieger in sich, weswegen nur die erfahrensten Kämpfer in der Lage waren, dieses Schwert zu kontrollieren.
Er hatte seinem Kampfschwert den Namen Unique gegeben.
Und nun hatte er den Befehl erhalten, sein Schwert von der höchsten Klippe ins Meer zu werfen. Dort würde es sein Onkel Poseidon, der Herrscher der Meere, in Empfang nehmen und sicher verwahren.
Das sollte doch bereits Strafe genug sein.
Aber nein. Sein Vater hatte eine weitere Strafe bestimmt. Er musste noch zusätzlich die Welt der Menschen verlassen und sich in die Obhut seines Onkels Hades, dem Herrscher der Unterwelt, begeben. Dort sollte er so lange bleiben, bis seine Seele ausreichend geläutert war.
So ein Mist, dachte er. Diese Strafe empfand er als starke Erniedrigung. Er sollte viele Jahrhunderte in der Unterwelt verbringen. Wahrscheinlich würde er vor Langeweile eingehen, wie ein Mensch ohne Liebe.
Diese zusätzliche Strafe hatte er dem gehörnten Ehemann seiner Geliebten zu verdanken. Nur weil er mit dessen Ehefrau fünf Kinder gezeugt hatte? Er wusste, dass Hephaistos nicht eifersüchtig war, denn er betrog seine Gemahlin ebenfalls ständig. Aber der gehörnte Gatte fühlte sich in seinem Stolz und in seiner Ehre beschmutzt. Dem Betrogenen war bewusst, dass er in einer direkten Auseinandersetzung verlieren würde, daher hatte er auf der zusätzlichen Strafe mit dem Gang in die Unterwelt bestanden.
Pah! dachte er. So ein Feigling.
Dann huschte ein Lächeln über seine Lippen, weil plötzlich ein anderes Bild alles überlagert hatte: seine Geliebte. Die Ehefrau des Hephaistos. Wie sehr er die Frau liebte, spürte er mit jedem Atemzug, als würde selbst die Luft ihren Namen tragen. Es war niemand Geringeres als Aphrodite, die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde. Er hatte fünf Kinder mit Aphrodite gezeugt: Anteros, Gott der verschmähten Liebe; Harmonia, Göttin der Eintracht; Deimos, Gott des Grauens; Phobos, Gott der Furcht; Enyalios, Gott des Kampfes.
Sein Herz zog sich zusammen, wie von einer mächtigen Faust gepresst. Was würde aus seinen Kindern werden, wenn er in die Unterwelt zu seinem Onkel Hades verbannt wurde? Würde Aphrodite ihren unehelichen Nachwuchs verstoßen, wie es der gehörnte Ehemann sicher verlangen würde?
Erneut zuckte er mit den Schultern, doch diesmal wirkte die Bewegung schwerer. Dann öffnete er die Augen. Vor ihm lag das offene Meer, weit und dunkel, als würde es die Welt verschlucken. Er war sicher, dass sein Onkel Poseidon unter der Wasseroberfläche bereits auf das Schwert wartete und ihn aufmerksam beobachtete.
Er wandte den Kopf nach links und erkannte den Fluss Acheron, der nur unweit von seiner Position in das Meer mündete. Das Wasser wirkte wie ein Weg, der nicht zurückführte. Auf dem Fluss wartete bereits der Fährmann Charon, der ihn zu seinem Onkel Hades bringen würde.
Er schloss abermals die Augen, legte den Kopf in den Nacken und genoss für wenige Augenblicke die letzten wärmenden Strahlen der Sonne. Kalter Wind war über der griechischen Küste aufgekommen, fuhr raschelnd durch das Gras unter seinen Füßen. Irgendwie hatte dieser Wind eine fast symbolische Bedeutung für ihn. Für dieses Land, vielleicht für die ganze Welt. Es war Abend, aber es schien nicht nur der Abend eines Tages zu sein, sondern der Sonnenuntergang einer Epoche, die kurze Dämmerung, der Jahrhunderte der Finsternis folgen sollten.
Er wusste, dass die Menschen ihn als unbesiegbaren Helden ansehen würden. Was würden all diese nachfolgenden Generationen wohl sagen, dachte er, wenn sie ihn jetzt sehen könnten? Einen verurteilten Gott, der mit gebeugten Schultern auf einer felsigen Klippe stand und mit Tränen in den Augen an seine fünf Kinder dachte.
Gegen seinen Willen musste er lächeln. Götter weinen nicht. Das war einer der Grundsätze, die sie ihm immer und immer wieder eingehämmert hatten.
Er öffnete die Augen und trat dicht an den Felsabbruch heran. Das Meer rollte fast hundert Meter unter ihm donnernd gegen die schwarzen Klippen, und jedes Aufschlagen klang wie ein Urteil, das nicht verhandelt werden konnte.
Er hob das Schwert, fing die letzten Strahlen der untergehenden Sonne auf dem blitzenden Metall ein und studierte die verschlungenen Gravuren auf der fast meterlangen Klinge. Es schimmerte immer noch makellos und rein in seinen Händen. Nicht der winzigste Fleck war auf dem gehärteten Stahl zurückgeblieben. Das viele Blut hatte keine Spuren hinterlassen.
Er spürte das sanfte, beruhigende Pulsieren der Waffe in seinen Händen: den Pulsschlag der ungeheuren magischen Kräfte, die in dem schlanken Stück Stahl eingeschlossen waren. Die Macht, die in diesem Schwert schlummerte, war ihm nur zu deutlich bewusst.
Mit Unique war er unbesiegbar.
Mit einer entschlossenen Bewegung holte er aus und schleuderte sein Kriegsschwert von sich. Die Waffe beschrieb einen weiten, glitzernden Bogen, drehte sich wie unter einer inneren Kraft schneller und immer schneller, bis es einem flammenden Feuerrad zu gleichen schien.
Dann tauchte es in den Wellen unter. Poseidon, der Bruder seines Vaters, würde das Schwert gut verstecken, sodass es niemals in falsche Hände fallen würde, um als unbesiegbare Waffe missbraucht zu werden.
Er blieb noch lange so stehen, starrte auf die Stelle, an der Unique verschwunden war, und dachte nach. Er fühlte sich wie von einer schweren, drückenden Last befreit, denn er hatte den Befehlen seines Vaters, dem Göttervater Zeus, gehorcht.
Dann spürte er eine schwere Hand, die sich auf seine Schulter legte. Er drehte den Kopf und blickte in die schwarzen Augen des Fährmannes Charon.
„Kommst du, Ares?“, forderte der Fährmann. „Hades wartet bereits auf dich.“
Und Ares, der Gott des Kriegsgemetzels, nickte zustimmend und folgte dem Fährmann in die Unterwelt.
Fertiggestellt: Ja, dieser Abschnitt ist vollständig überarbeitet.
Delta Hotel
Kerameon 27, Athen, Griechenland
„Hast du mit ihr gesprochen?“, erkundigte sich Selma Al Sayed, kaum dass sie das Hotelzimmer betreten hatte. Sie zog die Tür hinter sich zu, schob den Riegel vor, als müsste sie selbst in diesem anonymen, viel zu stillen Raum erst einmal beweisen, dass sie Kontrolle über irgendetwas hatte.
Das Zimmer war klein, funktional, so wie Hotelzimmer nun einmal waren, wenn man nicht als Tourist kam, sondern als jemand, der sich nur für eine Nacht oder zwei irgendwo festhielt. Zwei Betten standen nebeneinander, die Tagesdecke straffgezogen, als hätte jemand sie mit militärischer Disziplin glattgestrichen. Ein schmaler Schreibtisch klebte an der Wand, daneben ein Stuhl, der aussah, als wäre er schon von hundert müden Körpern benutzt worden. In der Ecke stand ein Fernseher, stumm, eine schwarze Fläche. Der Geruch von Klimaanlage hing in der Luft, kühl, trocken, leicht nach Plastik. Draußen, irgendwo hinter dem Fenster, lag Athen, aber hier drinnen war es, als hätte man die Welt auf Pause gestellt.
„Ja“, antwortete Karim.
Er stand nicht im Mittelpunkt des Zimmers, eher am Rand, als wollte er den Raum nicht wirklich betreten, als gehöre er ihm nicht. Karim war zwei Jahre älter als Selma, aber in diesem Moment wirkte er noch älter, als hätte die Reise durch den Abyssos ihm Jahre in den Blick gelegt. Er sah sie an, ruhig, beinahe zu ruhig, und das war es, was Selma sofort nervös machte.
„Und? Nun mach es nicht so spannend!“, fauchte seine Schwester und warf zwei Einkaufstaschen auf das Bett.
Die Taschen schlugen dumpf auf, ein kurzer, weicher Aufprall auf Stoff. Selma zog die Schultern hoch, als hätte sie eine Last abgeworfen, nicht nur Plastik und Einkäufe. Ihr Gesicht war schmal, die Augen wach, scharf, immer auf der Suche nach einem Angriffspunkt, nach einer Wahrheit. Sie hatte diese ungeduldige Art, die nicht aus Arroganz kam, sondern aus dem Gefühl, dass Zeit ein Luxus war, den sie sich nicht leisten konnten.
„Faizah geht es gut, wenn du das gemeint hast“, sagte Karim, „aber du hast doch heute bereits selbst mit ihr telefoniert.“
„Das meinte ich nicht! Du weiß genau, was ich wissen wollte.“
Natürlich wusste Karim es. Bevor sie aus der syrischen Stadt Hesen Dera geflüchtet waren, hatte Karim eine Liebesbeziehung mit Faizah begonnen, der hübschen Nachbarstochter. Die Flucht hatte das Liebespaar getrennt, brutal, ohne Rücksicht, wie der Krieg eben trennte: mit einem einzigen Schnitt durch ein Leben, das gerade erst begonnen hatte, sich wie Zukunft anzufühlen. Karim war mit Selma durch den Abyssos, die Unterwelt der Dämonen, gereist, weil auf beide ein Auftrag in Deutschland wartete. Gleichzeitig war die Bevölkerung von Hesen Dera in die Türkei geflüchtet. Alles lief parallel, alles auseinander, und doch hing alles zusammen, wie Fäden, die man nicht mehr entwirren konnte.
Karim hatte während der abenteuerlichen Reise durch den Abyssos und den Hades von Faizah geträumt und das Mädchen in guter Hoffnung gesehen. Dieses Bild hatte sich in ihm festgesetzt, nicht wie ein hübscher Traum, sondern wie ein Versprechen, das er nicht kontrollieren konnte.
„Ja, das weiß ich genau“, meinte Karim nachdenklich.
„Karim! Du nervst langsam! Nun sag mir schon, was los ist“, sagte Selma, mittlerweile leicht genervt. Sie warf ihm diesen Blick zu, der gleichzeitig drohte und flehte, als müsste sie ihn mit der Kraft ihrer Augen aus der Reserve zerren.
Karim atmete aus, als hätte er den Satz schon seit Minuten im Mund, nur nicht ausgesprochen.
„Faizah ist wirklich schwanger.“
Für einen Moment war es still. Dann grinste Selma breit, als würde in dieser trostlosen Hotelzimmerluft plötzlich ein Fenster aufgehen. Sie warf sich dem Bruder an die Brust, fest, impulsiv, ohne sich zu fragen, ob er das gerade aushielt oder nicht.
„Ich gratuliere, Karim, das ist wundervoll.“
„Danke, Selma.“
„Wie geht es ihr? Wie verträgt sie die Schwangerschaft? Ist ihr oft übel?“
„Äh?“
Selma löste sich ein Stück, sah ihn an, als hätte er gerade etwas sehr Dummes gesagt.
„Du weißt das nicht?“
„Nein. Aber sie hörte sich gut an.“
„Du bist ein Dummkopf! Warum hast du Faizah nicht danach gefragt?“
Karim hob die Hand, als wollte er etwas verteidigen, nicht sich selbst, eher den Moment, das Telefonat, das für ihn mehr gewesen war als ein Gespräch über Symptome.
„Wir sprachen über wichtigere Dinge“, antwortete Karim.
Selma starrte ihn an, als müsste sie kurz überprüfen, ob er das wirklich ernst meinte.
„Was könnte denn wichtiger sein?“
„Hm.“
„Na gut, ich will es gar nicht wissen“, meinte Selma und löste sich endgültig aus der Umarmung. Sie strich sich eine Haarsträhne zurück, so, als müsste sie wieder in die Rolle finden, die sie trug: die Schwester, die plant, die handelt, die nicht in Gefühlen steckenbleibt. „Hast du es Vater oder Tarek bereits gesagt?“
„Nein ... ich habe bisher nur mit Faizah telefoniert.“
„Und wann hast du vor, es Vater zu sagen?“
„Hm.“
„Nun?“
Karim wich ihrem Blick aus, als würde er an einer Stelle im Zimmer etwas Interessantes finden. Der Schreibtisch. Der Stuhl. Irgendein Punkt an der Wand. Alles, nur nicht diese Frage.
„Ich werde später mit ihm sprechen, versprochen.“
„Unser Vater muss es wissen. Es ist sein Enkelkind.“
Karim hob den Kopf.
„Enkelkinder.“
Selma hielt inne.
„Wie bitte?“
„Es werden Zwillinge“, erklärte Karim.
„Zwillinge?“ Selma riss verwundert die Augen auf, als hätte er gerade das Zimmer um einen Meter vergrößert. „Ja. Zwei Jungs.“
„Woher willst du das wissen? Faizah ist fast zweitausend Kilometer entfernt!“
„Der Hades sagte es mir.“
Selma zog die Stirn kraus, diese Mischung aus Skepsis und dem Wissen, dass sie selbst Dinge erlebt hatte, die in keine normale Logik passten.
„Du meinst deine Traumbilder aus dieser Halle?“
„Ja.“
„Du solltest nicht alles glauben, was du träumst.“
Karim reagierte sofort, hartnäckig, weil es ihn traf.
„Es war kein Traum, sondern die Läuterung durch den Hades.“
„Und du glaubst daran?“
„Ja ... es war so realistisch.“
Selma verschränkte die Arme, als würde sie damit eine Grenze ziehen, nicht gegen ihn, sondern gegen das Unfassbare.
„Die Realität entspricht nur selten der Wahrheit. Was sagte Faizah dazu?“
„Sie weiß es nicht. Es ist ihr auch egal, wichtig ist nur, dass die Kinder gesund geboren werden.“
Selmas Blick wurde weicher.
„So sehe ich es auch.“
Karim ließ das Thema fallen, als würde er eine heiße Klinge loslassen.
„Jetzt lass uns über andere Dinge sprechen. Gibt es Neuigkeiten von Obox-ob?“
Obox-ob, Herr der Geisterwelt, hatte den Geschwistern bei der Flucht aus der Türkei geholfen. Als Gegenleistung war von Selma und Karim das Versprechen geleistet worden, nach Ares zu suchen, dem Gott des Kriegsgemetzels, der aus dem Hades geflohen oder entführt worden war. Selma besaß die Gabe, mit den Wesen der Geisterwelt Kontakt aufzunehmen, zu kommunizieren und in deren Welt zu reisen. Sie hatte die Vereinbarung mit Obox-ob getroffen, und sie trug diese Verpflichtung wie ein unsichtbares Band um den Hals.
„Ares befindet sich nicht in der Welt der Geister“, sagte Selma, jetzt wieder sachlicher, „er bezweifelt auch, dass sich der Kriegsgott noch im Abyssos aufhält. Dort würde seine Anwesenheit schnell bemerkt werden. Ein Gott in der Unterwelt fällt auf.“
„Was glaubt er stattdessen?“
„Obox-ob vermutet, dass sich Ares in der Welt der Menschen versteckt hält. Er glaubt sogar, er würde sich hier in der Nähe von Athen aufhalten.“
Karim zog die Brauen zusammen.
„Warum glaubt er das?“
„Dieser Ares scheint ziemlich verliebt zu sein, sagte Obox-ob.“
Karim legte einen ironischen Klang in die Stimme, als wollte er das Ganze kleiner machen, damit es nicht so bedrohlich wirkte.
„Ach ja? Wer ist die Glückliche?“
„Aphrodite.“
„Und wer ist das?“
Selma schnaubte.
„Du ungebildeter Kerl!“
„Entschuldige bitte!“ Karim hob die Hände, als würde er sich ergeben. „Du scheinst vergessen zu haben, dass ich an der Stadtmauer stand, um Hesen Dera zu verteidigen, statt in der Schule zu sitzen und zu lernen.“
Selma zögerte einen Moment, dann nickte sie, als müsste sie sich selbst daran erinnern, was er wirklich hinter sich hatte.
„Du hast recht. Aphrodite ist die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde.“
Karim verzog den Mund, halb belustigt, halb ehrlich beeindruckt.
„Klingt aufregend.“
„Ja, scheint sie auch zu sein. Obox-ob meint, sie wäre das schönste Geschöpf, das er je zu Gesicht bekommen hat.“
„Gut!“, sagte Karim trocken, „das heißt, dieser Ares hat einen guten Geschmack. Aber was hat das mit unserem Auftrag zu tun?“
Selma stützte sich mit der Hüfte leicht gegen das Bett, als würde sie sich auf eine Erklärung einstellen, die zu groß war für dieses Zimmer.
„Diese Aphrodite lebt mit Hephaistos, ihrem Gemahl, in einer der zwölf Wohnungen des Olymps.“
Karim blinzelte.
„Aphrodite ist verheiratet?“
„Ja, mit Hephaistos, so erklärte es mir Obox-ob.“
„Und dieser Ares ist in Aphrodite verliebt, obwohl sie verheiratet ist?“
„Ja. Sie scheinen eine heimliche Affäre zu führen.“
Karim riss die Augen ein Stück weiter auf.
„Diese Aphrodite geht fremd?“, rief er entsetzt, als hätte er gerade erfahren, dass selbst die Naturgesetze gebrochen werden können.
„Ja. Obox-ob meinte, dass täten fast alle Götter. Übrigens auch die Könige, Prinzessinnen und Fürsten der Unterwelt. Du erinnerst dich?“
Karim nickte widerwillig.
„Ja, sicher. Prinzessin Targunitoth scheint auch regelmäßige Affären zu haben. Aber was ist mein Glauben noch wert, wenn selbst die Götter keine Vorbilder mehr sind, sondern die Ehe brechen?“
Selma sah ihn an, und in ihrem Blick lag etwas wie ernstes Mitgefühl, gemischt mit einem Hauch von Ironie, weil sein Moral-Schock in dieser Welt aus Dämonen, Fluchten und Blut beinahe komisch wirkte.
„Eine gute Frage, Karim. Wir sollten bei nächster Gelegenheit den Imam danach fragen.“
„Ja! Das werde ich tun.“ Karim nickte energisch, als klammere er sich an diese Idee. „Aber nun erzähl bitte weiter, was Obox-ob noch sagte.“
„Er glaubt, dass sich der verliebte Ares in der Nähe der Aphrodite aufhalten wird, also in Griechenland. Außerdem meint Obox-ob, dass Ares nach seinem Schwert suchen wird.“
„Nach einem Schwert?“ Karim zog die rechte Augenbraue empor.
„Bevor Ares zur Läuterung in den Hades verbannt wurde, hat Zeus, sein Vater, von ihm verlangt, sein Schwert abzugeben.“
„Und? Hat er das getan?“
„Vermutlich. Aber Obox-ob kann nichts Genaues dazu sagen.“
„Wo vermutet er das Schwert des Ares?“
„Es gibt ein Gerücht, dass Ares es ins Meer geworfen hat. Jedoch kann niemand darüber eine sichere Aussage treffen.“
Karim ließ die Informationen kurz sacken, wie ein Kämpfer, der den Verlauf eines Gefechts im Kopf ordnet.
„Also wird sich dieser Ares in der Nähe seiner Geliebten aufhalten und nebenbei nach seinem Schwert suchen?“, stellte Karim als Vermutung auf.
„Das vermutet Obox-ob. Wir sollten die Umgebung vom Olymp überprüfen. Außerdem müssen wir recherchieren, von welcher Stelle Ares sein Schwert ins Meer geworfen hat.“
Karim schnaubte.
„Und wie sollten wir dieses Kunststück ausführen?“
Selma hob eine Hand, als wäre die Antwort offensichtlich.
„Dafür gibt es doch das Internet, Karim.“
„Dann brauchen wir einen Computer mit Internet-Zugang.“
„Keiner benutzt mehr einen Computer.“ Selma rollte die Augen, als müsste sie ihn jedes Mal aus einem anderen Jahrhundert ziehen. „Ich werde uns ein i-Pad besorgen, so sind wir ständig online, selbst wenn wir uns durch Athen bewegen.“
Karim sah sie an, als hätte sie gerade ein neues Wort erfunden.
„Was ist ein i-Pad?“
„Ach, Karim ...“
„Ich kann dir erklären, wie man eine Kalaschnikow oder eine Panzerbüchse bedient und abfeuert!“
„Ja, schon gut.“ Selma seufzte, aber sie lächelte dabei kurz, weil sie genau wusste, dass er es ernst meinte. „Ein i-Pad ist ein Tablet, ein kleiner, flacher, tragbarer Computer mit Internetzugang.“
„Dann besorg uns so ein Teil.“
„Ja, werde ich tun.“ Selma griff nach einer der Einkaufstaschen, als würde sie sich selbst daran erinnern, dass sie längst nicht nur über Götter redeten, sondern auch über Alltag, über Überleben. „Hast du bereits deinen Rucksack kontrolliert?“
„Nein, warum?“
Selma wurde wieder ernst.
„Es war Labolas. Während du im Koma gelegen bist, hat er deine Kalaschnikow mit in den Abyssos genommen. Er meinte, hier in Athen würdest du sofort mit einer Maschinenpistole verhaftet werden. Die Menschen scheinen in ständiger Angst vor Terroranschlägen zu leben, und du als Syrer stehst ganz oben auf der Gefährdungsliste. Du besitzt nur noch deine Makarow Pistole und den Jambia Krummdolch. Labolas sagte, du sollst die Waffen gut versteckt tragen, wenn wir uns in Athen bewegen.“
Karim nickte langsam, als würde er die Logik dahinter anerkennen, auch wenn es ihm widerstrebte, sich schwächer zu fühlen als sonst.
„Das erscheint mir vernünftig zu sein.“
„Du solltest mit Labolas Kontakt aufnehmen. Er wird dich über die Neuigkeiten informieren.“
„Ja, werde ich tun.“
Labolas war ein koboldartiger Dämon aus dem Abyssos, der von Prinzessin Targunitoth den Auftrag erhalten hatte, die Geschwister auf der Flucht von Syrien nach Deutschland zu begleiten. Karim verfügte über die Gabe, mit den Dämonen im Abyssos Kontakt aufzunehmen, mit diesen zu kommunizieren und die Unterwelt zu betreten.
Selma trat einen Schritt näher, als wollte sie sicherstellen, dass er das wirklich tat.
„Dann frage ihn bei dieser Gelegenheit, ob es im Abyssos Informationen über den Aufenthaltsort von Ares oder von seinem Schwert gibt.“
„Ja, werde ich tun.“
„Und du telefonierst mit unserem Vater! Er hat ein Recht darauf zu erfahren, dass er Großvater wird.“
„Ja, ja, schon gut.“
„Außerdem habe ich etwas zu essen gekauft.“ Selma deutete auf die Taschen, als wären sie ein Beweis dafür, dass sie für ihn mitdachte. „Du solltest dich stärken, denn du hast abgenommen und viel Kraft verloren.“
Karim reagierte sofort, als hätte sie einen Schalter umgelegt.
„Oh ja, ich habe mächtigen Hunger! Was machst du zwischenzeitlich?“
„Ich werde in die Innenstadt fahren und uns ein i-Pad kaufen. Wir sollten schnellstmöglich mit der Recherche und unserer Suche nach diesem Ares und seinem Schwert beginnen.“
Karim musterte sie kurz, und dann kam diese Frage, die in seiner Stimme plötzlich etwas Kindliches hatte, weil sie zeigte, wie fremd ihm diese neue Welt in manchen Dingen war.
„Woher hast du eigentlich das Geld, um das alles zu bezahlen?“
Selma antwortete ohne Zögern.
„Obox-ob.“
Karim blinzelte.
„Was ist mit ihm?“
„Er hat mir gezeigt, wo ich das Geld finde“, erklärte Selma.
„Man kann in Athen Geld finden?“, hakte Karim verblüfft nach.
Selma hob das Kinn, als wäre das die normalste Sache der Welt.
„Obox-ob sagte, man kann überall Geld finden, wenn man nur weiß, wo es versteckt ist. Er führte mich zu zwei Orten, wo Geld verloren wurde. Dieses nahm ich mir.“
Karim verzog das Gesicht, als würde sein Gewissen plötzlich laut werden.
„Ist das kein Diebstahl?“
„Keine Ahnung.“ Selma zuckte mit den Schultern, hart, pragmatisch. „Aber wir brauchen dringend das Geld, daher sollten wir nicht so kleinlich sein. Jemand hat es verloren, und ich habe es eben gefunden.“
„Aber ...“
Selma schnitt ihm das Wort ab, bevor er überhaupt richtig Luft holen konnte.
„Kein Aber! Wir müssen das Hotelzimmer bezahlen, wir brauchen etwas zum Essen, ein Handy und ein i-Pad. Wie sollte das alles finanziert werden?“
„Äh ... ich ...“
„Ach, hör doch auf.“ Selmas Stimme wurde schärfer, nicht weil sie ihn verletzen wollte, sondern weil sie keine Zeit für moralische Schleifen hatte. „Wie hättest du ohne dieses Geld mit Faizah telefonieren können? Alles kostet Geld!“
Karim senkte den Blick, kapitulierte.
„Schon gut.“
Selma deutete erneut auf die Einkaufstaschen, als würde sie ihn zurück in die Realität holen.
„Jetzt iss etwas und ruf bei Vater an!“
Selma verließ das Hotel und bestieg einen roten Kleinwagen.
Der Wagen wirkte in dieser Stadt wie ein kleiner, entschlossener Farbfleck zwischen all den dunklen, anonymen Karosserien, die sich durch Athen schoben. Er war kein Schmuckstück, kein Traumauto, eher ein praktischer Begleiter: kompakt, wendig, genau richtig, um sich durch enge Straßen und unübersichtliche Kreuzungen zu kämpfen. Trotzdem spürte Selma jedes Mal, wenn sie den Schlüssel drehte, dieses kleine Aufglimmen von Freiheit, das sich nicht in Geld oder Blech messen ließ.
Sie hatte vor zwei Tagen das Auto von dem gefundenen Geld erworben. Bisher hatte sie Karim verschwiegen, dass sie einen eigenen Wagen besaßen. Außerdem durfte der Bruder nicht wissen, dass sie mit ihren fünfzehn Jahren bereits ein Auto steuerte, aber sie hatte dies in den Jahren des Bürgerkrieges bereits frühzeitig erlernt.
Ob Karim jedoch verstehen würde, dass sie hier in Athen ohne Führerschein fuhr, bezweifelte sie. Aber für Selma war es wichtig. Sie hatte das Gefühl, dass diese Unabhängigkeit noch von großer Bedeutung sein würde.
Sie zog die Tür zu, hörte das satte Klicken des Schlosses, und in ihrem Kopf war schon der nächste Schritt, das nächste Ziel, der nächste Teil der Aufgabe. Dieses Mädchen hatte etwas, das viele Erwachsene in Friedenszeiten nie entwickelten: eine wache Schärfe, die nicht nur aus Misstrauen bestand, sondern aus Erfahrung. Ihre Bewegungen waren schnell, aber nicht hektisch. Und unter dieser jugendlichen, schmalen Gestalt saß ein Kämpferherz, das gelernt hatte, nicht lange zu zögern.
Als sie den Kleinwagen vom Hotelparkplatz rollen ließ, war es bereits dunkel. Rasch reihte Selma das rote Auto in den fließenden Verkehr ein. Sie war in den Athener Berufsverkehr geraten und würde länger bis an ihr Ziel brauchen, als es geplant war.
Athen in der Nacht war kein stiller Ort. Die Straßen glühten im gelben Licht der Laternen, und die Stadt schien selbst nach Sonnenuntergang nicht wirklich zu schlafen. Scheinwerfer zogen Streifen über Asphalt, an Kreuzungen flackerten Ampeln wie kleine, ungeduldige Signale. Überall Motorengeräusche, kurze Hupstöße, das Rauschen von Reifen, die zu dicht aneinander vorbeischrammten. Selma saß aufrecht, beide Hände fest am Lenkrad, und doch wirkte sie nicht wie jemand, der überfordert war. Eher wie jemand, der mit diesem Chaos umgehen konnte, weil Chaos für sie nichts Neues war.
Sie beschloss, die stark befahrenen Hauptstraßen zu verlassen. Das Navigationsgerät, das sie gestern erworben hatte, würde sie sicher durch Athen führen.
An der nächsten Kreuzung bog sie links ab. Schon nach kurzer Zeit flaute der Verkehr deutlich ab. Sie lenkte den Kleinwagen durch eine ruhige Wohngegend. Hier waren nur noch sehr wenige Fahrzeuge unterwegs.
Die Geräusche änderten sich, sobald sie die großen Straßen hinter sich ließ. Es wurde leiser, fast so, als hätte die Stadt an dieser Stelle die Luft angehalten. Häuser standen dichter beieinander, die Fassaden wirkten schlicht, Balkone zeichneten dunkle Rechtecke gegen den Nachthimmel. Einige Fenster waren noch hell, andere längst schwarz. Ab und zu ein parkendes Auto, eine Laterne, die einen kleinen Lichtkreis auf den Gehweg warf. Selma spürte, wie sich ihre Atmung beruhigte. Und genau in dieser Ruhe fiel etwas auf, das ihr auf einer Hauptstraße vielleicht durchgerutscht wäre.
Aus diesem Grund bemerkte Selma auch den Wagen, der ihr folgte!
Anfangs dachte sie sich nichts dabei und schenkte ihm auch kaum Beachtung. Als sie nach fast zehn Minuten noch immer dasselbe Scheinwerferpaar im Rückspiegel sah, wurde sie misstrauisch. Sie fuhr schneller, begann kreuz und quer durch die Siedlungen zu kurven.
Das war kein vages Gefühl, kein Bauchkribbeln, das man wegwinken konnte. Es war dieses klare, kalte Erkennen, das sie in Syrien gelernt hatte: wenn etwas nicht stimmt, dann stimmt es nicht. Sie wechselte die Richtung, bog ab, nahm die nächste Straße, dann noch eine, schwenkte wieder zurück. Ein Muster, das zufällig wirken sollte, aber für einen Verfolger ein Test war.
Der andere Wagen ließ sich nicht abschütteln. Wohl fiel er gelegentlich etwas weiter zurück, um aber schon in der nächsten Minute wieder aufzuholen. Wie ein glühendes Augenpaar klebten die Lichter des fremden Wagens im Innenspiegel ihres Autos.
Selma spürte, wie sich ihre Fingerspitzen am Lenkrad fester krallten. Der Rückspiegel war plötzlich nicht mehr nur ein Stück Glas, sondern eine Bedrohung. Diese zwei Lichtpunkte, die erst klein waren und dann wieder näherkamen, hatten etwas Unheimliches, etwas Hartnäckiges. Nicht wie ein normaler Fahrer, der zufällig denselben Weg nimmt. Eher wie jemand, der genau wissen wollte, wohin sie fuhr.
Jetzt bestanden keine Zweifel mehr. Sie wurde verfolgt!
Wer konnte das sein? Wer wusste von ihrer Anwesenheit in Athen?
Polizei konnte es nicht sein, die hätten längst die Sirene eingeschaltet und Selma gestoppt. Wollte ihr jemand nur Angst einjagen?
Wie dem auch war – Selma nahm sich vor, dem anderen zu zeigen, wie ein syrisches Mädchen Auto fahren kann.
Ihr Fuß drückte das Gaspedal tiefer. Der Motor heulte auf. Augenblicklich vergrößerte sich der Abstand zwischen den beiden Autos. Die Reifen kreischten, als Selma den Kleinwagen um die nächste Ecke jagte.
Der Wagen reagierte direkt, fast als würde er ihre Entschlossenheit verstehen. Sie riss das Lenkrad herum, spürte, wie das Auto sich in die Kurve legte, wie das Gewicht kurz nach außen zog. Das Kreischen der Reifen zerriss die Stille dieser Wohngegend, und für einen Sekundenbruchteil dachte sie nicht an Athen, nicht an Griechenland, nicht an Regeln. Sie dachte an Fluchtwege, an schnelle Entscheidungen, an die Art von Mut, die man nicht plant, sondern tut.
Ein kurzer Griff – und die Scheinwerfer ihres Wagens verloschen. Eine Grundstückseinfahrt tauchte linkerhand auf. Selma lenkte das Auto ein Stück den daran anschließenden Weg hinauf und stellte die Zündung ab, noch bevor der Verfolger in die Straße einbog.
Plötzlich war da Dunkelheit. Keine Scheinwerfer, kein Licht, nur der Schatten des Autos, der sich mit den Schatten der Einfahrt vermischte. Selma saß reglos, hielt den Atem so flach, als könnte selbst ein Laut den Verfolger auf sie aufmerksam machen. Der Motor war aus, und mit ihm war auch dieses Gefühl von Bewegung verschwunden. Übrig blieb nur Warten.
Es klappte, wie sie es sich vorgestellt hatte.
Der andere Wagen fuhr vorbei, ohne sie zu bemerken. Sie konnte gerade noch erkennen, dass es sich um einen schwarzen Geländewagen handelte. Sie vermutete einen Audi Q5 oder VW Touareg. Um das Gesicht des Fahrers zu erkennen, reichten weder die Zeit noch die Lichtverhältnisse aus.
Das Fahrzeug glitt an der Einfahrt vorbei, groß, dunkel, schwer, als würde es die Straße besitzen. Selma fixierte es im Augenwinkel, suchte nach Details, doch die Nacht schluckte alles, was wichtig gewesen wäre. Nur diese Form blieb: ein Geländewagen, ein Schatten mit Bewegung.
Sie verzichtete auf die Scheinwerfer, als sie den Kleinwagen zurücksetzte und in die andere Richtung fuhr. Kein weiteres Fahrzeug war zu sehen. Erst einige Straßen weiter wagte sie es, das Licht einzuschalten.
Das Auto rollte leise, fast vorsichtig, als würde es selbst verstehen, dass jetzt jede Sekunde zählte. Selma schaute nach vorn, dann wieder in den Rückspiegel, als wäre er ihr einziger Maßstab dafür, ob die Welt noch sicher war. Als sie schließlich das Licht einschaltete, wirkte die Straße wieder normal. Und genau das war das Beunruhigende: Wie schnell alles wieder normal aussehen konnte.
Immer wieder warf sie nervöse Blicke in den Rückspiegel. Doch der andere Wagen schien ihre Spur verloren zu haben. Nachdem die Verfolgung ausgestanden war, betrachtete sie die Angelegenheit um einiges nüchterner.
Irgendein Mann konnte sie bei einem Ampelstopp gesehen haben. Sie hatte ihm gefallen und er wollte wissen, wer die fremde junge Schönheit war. Deshalb war er ihr nachgefahren. Und nun hatte er das Spielchen aufgegeben. Das wäre eine Erklärung gewesen.
Selma versuchte, sie zu akzeptieren. Völlig überzeugt war sie jedoch nicht.
Denn dieses Gefühl blieb. Dieses kleine, harte Stück Misstrauen, das nicht aus Fantasie bestand, sondern aus dem, was sie erlebt hatte. Sie ließ es nicht zu groß werden, aber sie drückte es auch nicht weg. Sie nahm es mit, wie man eine Waffe mitnimmt: nicht, weil man sie unbedingt benutzen will, sondern weil man sie lieber hat, als sie zu vermissen.
Das Navigationsgerät führte sie ohne weitere Umstände zu einem Elektrogeschäft, der Apple-Produkte führte. Sie entschied sich für ein i-Pad Air 2 in weißer Farbe. Der Verkäufer half bei der Einrichtung und der Internetverbindung.
Im Laden war es hell, fast unangenehm nach der Dunkelheit draußen. Glatte Flächen, saubere Regale, Bildschirme, die in leuchtenden Farben warben, als gäbe es keine Angst, keine Flucht, keine Schatten. Selma blieb kurz stehen, atmete die klimatisierte Luft ein und zwang sich, ruhig zu wirken. Sie wählte das i-Pad, nahm das weiße Gerät entgegen, und als der Verkäufer ihr erklärte, wie alles funktionierte, hörte sie aufmerksam zu. Sie ließ sich nichts anmerken. Doch innerlich arbeitete sie weiter, ununterbrochen.
Zurück im Hotel, fand sie Karim schlafend auf dem Bett wieder. Er hatte einiges gegessen, wie Selma erkannte. Sie räumte die Taschen zur Seite, deckte den Bruder zu und löschte das Licht.
Karim lag auf dem Rücken, erschöpft, als hätte sein Körper jede Stunde Schlaf genommen, die er bekommen konnte. Sein Gesicht wirkte im Halbdunkel friedlicher, als es in den letzten Tagen je gewesen war. Selma sah das Essen, sah die Spuren davon, und etwas in ihr entspannte sich für einen Moment. Wenigstens das. Wenigstens hatte er gegessen. Sie schob die Taschen zur Seite, zog die Decke über ihn, behutsam, wie jemand, der nicht nur Stoff richtet, sondern auch etwas wie Schutz.
Sie selbst bewohnte das Zimmer direkt neben dem von Karim. Durch eine direkte Verbindungstür betrat sie ihr Hotelzimmer.
Selma nahm eine kleine Flasche Mineralwasser aus der Minibar und trat hinaus auf den kleinen Balkon. Sie genoss die Ruhe des nächtlichen Athen.
Die Nachtluft fühlte sich anders an als drinnen. Kälter, klarer, lebendiger. Unter ihr lag die Stadt, und für einen Augenblick war da wirklich Ruhe, diese seltene Ruhe, die sich wie ein Geschenk anfühlt, wenn man zu lange in Alarmzuständen gelebt hat. Selma hielt die Flasche in der Hand, spürte das kühle Glas, und ließ den Blick wandern.
Ihr Blick wanderte nach unten. Der Vorplatz des Hotels lag im kalten Schein zahlreicher Straßenlaternen. Auch die Straße wurde vom Licht erfasst.
Ebenso wie der schwarze Geländewagen!
Als wäre das Geländer plötzlich glühend heiß geworden, stieß Selma sich davon ab. Die Wasserflasche rutschte ihr aus den Fingern und zersprang auf den Bodenfliesen.
Der Schock war sofort da, wie ein Schlag in den Magen. Nicht langsam, nicht vorsichtig. Sofort. Das Glas zerplatzte, Wasser spritzte, ein scharfes Geräusch in der Nacht. Selma spürte, wie ihr Herzschlag hochschoss, und gleichzeitig wurde ihr Blick messerscharf. Kein Zweifel. Kein Vielleicht. Da stand er.
Jetzt kam das Kämpferherz des Mädchens hervor!
Sie hatte in den Jahren des Bürgerkrieges gelernt, dass man immer mutig vorangehen musste.
Sie öffnete den Kleiderschrank, kramte aus der Tasche ihre Pistole hervor und schob sie in den Hosenbund. Dann zog sie eine Jacke an und verließ das Hotelzimmer. Der Lift bewegte sich für ihren Geschmack viel zu langsam. Ihr schmales Kinn hatte sie angriffslustig vorgeschoben, die Hände zu Fäusten geballt. Zorn ließ ihre Augen blitzen.
Natürlich konnte sie sich geirrt haben. Das Hotelzimmer lag im fünften Stockwerk. Trotzdem schloss Selma einen Irrtum aus. Da unten stand der Geländewagen, der ihr vorhin gefolgt war.
Sie wollte jetzt wissen, wer ihn lenkte. Das Spiel würde sein Ende finden. Hier und heute!
Dass sie sich mit ihrem Vorhaben möglicherweise in Gefahr brachte, bedachte sie keine Sekunde lang. Sie hatte in Syrien und bei der gefährlichen Flucht durch die Türkei schon brenzligere Situationen überstanden.
Endlich kam der Lift im Erdgeschoss an. Die Türhälften glitten auseinander. Selma hetzte durch die Hotellobby hinaus auf die Straße. Mit großen Schritten näherte sie sich der Stelle, an welcher der schwarze Geländewagen geparkt hatte.
Der Geländewagen, der jetzt nicht mehr da war!
Selma stieß einen wenig damenhaften Fluch aus. Sie trat auf die Straße und sah in beide Richtungen. Nichts. Nicht einmal rotglühende Heckleuchten, die verschwanden.
