Jenseits des Nebels - Andreas Parsberg - E-Book

Jenseits des Nebels E-Book

Andreas Parsberg

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Beschreibung

Karim weiß, dass nicht jeder Weg aus der Unterwelt hinausführt. Und dass manche Prüfungen tiefer schneiden als jede Klinge. Gemeinsam mit seiner Schwester Selma und dem schwarzen Hund Labolas kämpft sich Karim durch die gefährlichen Zonen der Unterwelt. Nebel, Schreie und trügerische Ruhe begleiten ihren Marsch durch Siedlungen, Rituale und Landschaften, deren Gesetze sich dem menschlichen Verstand entziehen. Doch nicht jeder Feind zeigt sich offen, und nicht jede Gefahr lässt sich bekämpfen. Manche Prüfungen greifen direkt nach der Seele. Als sie das Tal der Gier durchqueren und der Wolke der Läuterung begegnen, beginnt für Karim eine Prüfung, die seine Wahrnehmung verzerrt und Realität und Vision untrennbar vermischt. Bilder von Schuld, Verlust und Angst überlagern den Weg, bis selbst Erinnerungen nicht mehr verlässlich sind. Erst am Rand des Zusammenbruchs gelingt es Selma und ihren Gefährten, den Hades zu verlassen. Doch was Karim dort gesehen hat, wirkt nach. Die Unterwelt hat Spuren hinterlassen, und der wahre Auftrag liegt noch vor ihnen. Jenseits des Nebels vertieft die mythische Fantasy-Saga über Schuld, Wahrheit und die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn selbst die Realität zur Prüfung wird.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Andreas Parsberg

Jenseits des Nebels

Der Pfad des Gleichgewichts (Band 2)

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

Impressum neobooks

1

„Und nun zu dir, Labolas!“

Diese Worte waren die letzten, die Karim noch hörte, bevor man ihn aus der Halle schleifte, als wäre er nur ein Stück Beute, das man vom Tisch räumte, während hinter ihm Stimmen und Schritte ineinanderliefen und der Geruch nach Rauch, Schweiß und feuchtem Stein wie eine zweite Haut an ihm kleben blieb.

Die Soldaten zerrten ihn über ausgetretene Steinstufen hinab in den Keller, Stufe um Stufe, bis seine Knie gegen den Tritt stießen und seine Schulter bei jedem Ruck kurz in den kalten Mauerwinkel knallte, und ganz unten, wo die Luft schwerer wurde, schoben sie ihn weiter durch einen schmalen Gewölbegang, der direkt in den Berg gehauen schien, als hätte jemand die Finsternis selbst in Stein gemeißelt und zu einem Korridor geformt.

Das bizarre Felsengestein war feucht, so feucht, dass es bei jeder Berührung kalt glänzte, und jeder Schritt hallte vielfach verstärkt durch den Gang, als ginge nicht nur er, sondern eine ganze Schar von Schatten mit, die ihn auslachten und mit ihren unsichtbaren Füßen den Rhythmus nachtraten.

Irgendwo tropfte es monoton von der Decke, Tropfen für Tropfen, als zählte der Berg die Sekunden seiner Angst, und die Soldaten hielten gedämpfte Lampen in der Hand, deren gelblicher Schein nur kleine Inseln im Dunkel ausleuchtete und alles dadurch noch unheimlicher erscheinen ließ, weil jede Kante plötzlich, wie ein Messer wirkte und jeder Schatten so tat, als könnte er sich bewegen.

Der Tunnel machte einen scharfen Knick nach rechts, verengte sich, und die Gruppe musste die Köpfe etwas einziehen, um den tief herabhängenden Durchlass zu passieren, wobei Karim spürte, wie ihm der Stein fast die Stirn streifte, als wollte der Berg ihn markieren, als gehörte er hierher.

Ein kühler Luftzug streifte über Karims Gesicht und brachte ihn langsam zurück aus seiner Bewusstlosigkeit, als würde jemand ihm Wasser ins Innere kippen, und plötzlich bemerkte er, dass der Boden zu seinen Füßen steil abfiel, so abrupt, dass sein Magen sich zusammenzog und sein Körper reflexhaft nach Halt suchte.

Im ersten Moment war er der Meinung, dass sich ein Abgrund vor ihm auftat, und er wollte sich festhalten, die Hände hochreißen, doch er erkannte im selben Atemzug, dass diese gefesselt waren, dass die Stricke seine Bewegungen fraßen, noch bevor er sie machen konnte.

Dann standen sie vor einer schweren Eisentür, die in den Fels eingelassen war, als wäre sie ein Fremdkörper in diesem uralten Stein, und ein Soldat entriegelte und öffnete sie mit einem metallischen Klicken, das in Karims Ohren nach Urteil klang.

Anschließend wurde die Fesselung an seinen Armen zerschnitten, die Stricke fielen schlaff, aber die Erleichterung war so kurz wie ein Funken, weil er sofort einen Stoß in den Rücken bekam, nach vorn stolperte, das Gleichgewicht verlor und nur gerade so nicht mit dem Gesicht aufschlug.

Die Tür hinter ihm wurde zugeschlagen und verriegelt, das Echo des Schlosses fraß sich durch die Stille, und der Klang war endgültig, wie ein Satz, der nicht zurückgenommen wird.

Karims Herzschlag stockte.

Er stand in absoluter Finsternis, und es war nicht einfach dunkel, sondern so schwarz, dass es sich anfühlte, als lege sich die Schwärze wie eine Mauer auf ihn, als drücke sie ihm die Luft aus der Lunge, und in diesem Moment schoss ihm alles gleichzeitig durch den Kopf: Wo war er hier, was war mit Labolas geschehen, was hatte der Burgherr mit Selma vor, und gerade die Angst um seine Schwester wuchs so schnell, dass sie ihm die Kehle zuschnürte.

Er wich zitternd zurück und presste sich eng an die kalte, feuchte Wand, die sich glatt und schmierig anfühlte, und blieb einen Moment so stehen, als könnte der Stein ihn verbergen, als könnte er sich in ihn hineinlösen, wenn er nur still genug wäre.

Nach kurzer Zeit beschloss er, das Verlies zu erkunden, weil Stillstehen sich anfühlte wie Sterben, und nur tastend arbeitete er sich vor, Handfläche über rauen Fels, Finger in Spalten, die wie offene Münder wirkten.

Dann kam er an eine Stelle, an der er sich bücken musste, und er kroch durch ein tiefes Loch, das nach Moder roch, um in einen weiteren Raum zu gelangen, wobei seine Schultern über den Stein schabten und seine Kleidung an den Kanten hängen blieb.

Die Kleidung klebte bereits an seiner Haut, als hätte ihn jemand in kaltes Wasser getaucht, vor seinen Augen begann es zu flimmern, und er schlug gegen das kantige, dunkle Gestein, als könne er den Berg durch Wut erschüttern.

Felsen, überall Felsen!

Er war gefangen, in einem dunklen Verlies!

Sein Atem beschleunigte sich, der Puls raste, und er begann leise zu rufen, erst vorsichtig, dann drängender, doch die Stimme brach sich unwirklich an den Felswänden und kam von überall her als Echo zurück, als würde die Dunkelheit ihn verspotten.

Er taumelte durch die Finsternis, stolperte über einen Felsblock und schlug der Länge nach hin, wobei ihm der Schmerz kurz die Luft nahm, und benommen blieb er minutenlang liegen, spürte, wie die feuchte Kälte durch seine Kleidung kroch und sich in ihn hineinfraß.

Schwer atmend erhob er sich schließlich wieder, seine Hände waren zerkratzt und bluteten, er hatte sich an den scharfen Felsen verletzt, und als er sich über das Gesicht wischte, vermengte er das Blut von seinen Händen mit dem Schweiß, der seine Stirn bedeckte, und der salzige, metallische Geschmack landete auf seinen Lippen.

Plötzlich erkannte er, dass es nicht mehr so stockfinster war wie vorhin, und ganz schwach vermochte er die Umrisse der bizarren Felsblöcke zu erkennen, weil es ein grünliches Licht in seinem Verlies gab, ein krankes, geisterhaftes Schimmern, das die Schatten nicht vertrieb, sondern nur lebendiger machte.

Wankend und keuchend schob er sich an der Felswand entlang, die sich unter seiner Hand feucht und kalt anfühlte, und vor ihm war ein mattes Licht, das durch irgendeine Öffnung des Berges zu fallen schien, als hätte sich die Außenwelt einen winzigen Spalt in diese Tiefe geschlichen.

Er kämpfte sich mühsam vorwärts und erreichte die Stelle, wo das Licht am stärksten war, und nun sah er, dass es durch einen hohen Schacht fiel, so hoch, dass er nicht einmal den Rand erkennen konnte, und er hatte das Gefühl, am Fuß eines tiefen, trockengelegten Brunnens zu stehen.

Die Röhre war fast rund und gewaltig in ihren Ausmaßen, überall in der Wand waren Risse, Spalten und Löcher, wie Narben in Stein, und der Luftzug, der durch diese Ritzen drang, roch nach draußen, nach Nacht und Erde, nach einem Leben, das hier unten nur als Ahnung existierte.

Er stieß mit dem Fuß gegen irgendetwas, das klapperte und schepperte, und das Geräusch war so unerquicklich trocken, dass es ihm sofort durch Mark und Bein ging, als hätte der Klang Zähne.

Es hörte sich wie trockene Knochen an, und unwillkürlich senkte er den Blick.

Eine eiskalte Hand griff nach seinem Herzen!

Es waren Knochen, abgenagt und gebleicht, und mit einem lauten Aufschrei wich er zurück und blieb wie erstarrt an die Wand gepresst stehen, weil da noch mehr Knochen lagen, verstreut, gehäuft, als wären sie hier unten irgendwann einfach zu Material geworden.

Ob diese von Tieren oder Menschen stammten, konnte er nicht mit Sicherheit sagen, doch allein der Gedanke, dass es Menschen sein könnten, machte ihm die Knie weich und den Hals eng.

In dem grünlichen, diffusen Licht erhielt die Szene einen geisterhaften Anstrich, eine seltsame Mischung aus Licht und Schatten, in der er eine furchtbare Entdeckung machte, denn zwischen den Knochen lag der Kadaver einer Ziege, an dem es noch Fleischreste gab, und der Geruch war süßlich-faul, als hätte die Finsternis selbst Hunger.

Dann erkannte er den Zusammenhang!

Dieser lange, brunnenähnliche Schacht wurde dazu verwendet, tote Tiere hinunterzustürzen.

Karims Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als er auf ein Geraschel aufmerksam wurde, das aus der Tiefe der Dunkelheit hervorzukommen schien, leise zuerst, dann dichter, wie Regen auf trockenem Laub.

Der ersten Welle des Entsetzens folgte die zweite.

Er erkannte in den Schatten der Felsen riesige Spinnen!

Die Tiere witterten seine Nähe und kehrten zurück an diesen grauenvollen Ort, wo sie gewohnt waren, ihre Nahrung zu erhalten, und plötzlich war es, als hätte der Fels selbst Leben bekommen, als würden sich die Wände bewegen.

Große, längliche Schatten tauchten auf, die kleinen roten Augen der Tiere funkelten, und die Spinnenkörper hatten die Größe eines Apfels mit etwa zehn Zentimeter langen, haarigen Beinen, die im grünen Licht wie Draht wirkten.

Er löste sich von der Wand und trampelte zwei der Spinnen nieder, die um seine Beine huschten, und er spürte die warmen, sich bewegenden Körper unter seinen Füßen, spürte das Knacken, und es würgte ihn sofort, weil er Spinnen hasste, weil ihr bloßes Dasein ihn an etwas erinnerte, dass er nicht benennen konnte, an das Gefühl, ausgeliefert zu sein.

Unruhig beobachtete er, wie es immer mehr wurden, wie die haarigen Tiere direkt aus den Wänden zu kriechen schienen, und es waren bereits über hundert Spinnen, die ihn umringten, als hätten sie beschlossen, dass er heute die Beute sein sollte.

Er fühlte den Biss scharfer Zähne an seinem Knöchel, ein kurzer, brennender Stich, und stöhnend hob er das Bein und schüttelte es so kräftig, wie er nur konnte, doch der haarige Spinnenkörper schien zu einem Teil seines Körpers geworden zu sein.

Wie ein Auswuchs baumelte das Tier an seinem Fuß und leckte das warme Blut, und Karim schrie erschrocken, so laut, dass der Schrei im Schacht nach oben jagte und als Echo wieder zurückfiel.

Sein ganzer Körper verkrampfte sich, und die nachfolgenden Minuten erlebte er wie in Trance, weil seine Gedanken sich auflösten und nur noch Bewegung blieb, nur noch Abwehr.

Er stürzte zu Boden, schlug wie wild um sich und fühlte die warmen, immer mehr werdenden behaarten Körper der Spinnen, die über seine Beine krochen, über seine Schuhe, über seine Hände, und jeder Kontakt war ein kleiner Schock.

Außer den Zähnen der Spinnen spürte er auch Hände an seinen Beinen.

Hände?

Er glaubte bereits zu phantasieren, doch dann wurde der Boden unter seinen Füßen weggezogen, als würde ihn jemand packen und aus einem Albtraum herausreißen, und warme Luft traf sein Gesicht, während er mehr die Nähe einer weiteren Person ahnte, als dass er diese sah.

Karim wurde von knochigen Fingern über den feuchten Felsboden gezerrt, so schnell, dass seine Kleidung schabte und seine Haut an den Steinen brannte, und ein dumpfes, schabendes Geräusch drängte sich in sein Bewusstsein.

Im Dämmerschein eines kleinen Feuers sah er, dass eine schattengleiche Gestalt einen schweren Stein vor eine dunkle Öffnung schob, und das Geräusch des Steins auf Fels klang wie ein Riegel, der das Grauen aussperren sollte.

„Alles wieder gut, Karim?“

„Labolas?“

„Ja. Der Hurenbock hat mich auch in dieses Verlies gesperrt, als ich mich erneut geweigert habe, etwas über unseren Auftrag zu sagen.“

Karim richtete sich auf, so gut es ging, und seine Stimme kam rau, weil sie eben noch geschrien hatte. „Was ist mit Selma?“

„Ich weiß es nicht, Karim. Es tut mir leid.“

„Ziegenscheiße! Wir müssen meiner Schwester helfen.“

„Gute Idee, aber wie sollen wir diese umsetzen? Wir sind in ein dreckiges Loch gesperrt worden.“

„Hast du dieses Verlies komplett abgesucht?“, fragte Karim, und obwohl er versuchte, klar zu klingen, vibrierte in jedem Wort die Panik. „Vielleicht gibt es einen Fluchtweg!“

„Ich habe bisher nichts gefunden. Es gibt eine ganze Menge kleiner Löcher und Spalten in der Decke und den Wänden“, antwortete Labolas, und im flackernden Feuerlicht wirkte sein Körper wie ein dunkler Stein mit Augen, ruhig, aber angespannt. „Es kommt frische Luft von draußen herein. Aber die Öffnungen sind gerade groß genug, dass diese haarigen Spinnen durchpassen.“

„Eine Rettung müsste also von außerhalb kommen, nicht wahr?“

„Ja. Ich hoffe, dass Nirraven die Prinzessin über unsere Gefangenschaft informiert. Sie wird entsprechend handeln.“

„Aber was geschieht zwischenzeitlich mit Selma?“

„Ich weiß es nicht.“

„Ich halte es nicht aus!“, drängte Karim, und jetzt war es mehr ein Flehen als ein Plan. „Bitte, Labolas, lass uns zusammen dieses Verlies untersuchen. Ich muss etwas tun, um Selma zu helfen!“

Labolas nickte zustimmend, langsam, als würde er abwägen, wie viel Hoffnung man sich leisten durfte. „Gut, wenn du möchtest. Solange wir zusammenbleiben, sollten uns die Spinnen nichts tun können.“

Er schob den Stein vor der kleinen Höhle zur Seite, und in dem Moment, als die Dunkelheit wieder wie eine offene Hand vor ihnen lag, schluckte Karim, weil er wusste, was dort draußen wartete, und gemeinsam krochen sie aus ihrem Versteck.

Karim merkte, dass der Boden unter seinen Füßen ein wenig bergauf führte, als würde der Berg selbst irgendwohin atmen, und er tastete sich nach vorn, stieß mit dem rechten Fuß gegen einen Felsen, auf den er schließlich steigen musste, damit er nicht wieder in den glitschigen, niedrigeren Bereich zurückrutschte.

Er hörte rechts neben sich ein leises Rauschen, das sich verstärkte und schließlich anhörte, als ob sich ein riesiger Schacht hinter der Felswand verberge, als würde dort etwas in der Tiefe arbeiten, und Karim schluckte und hielt den Atem an, weil er spürte, wie ihn ein neues Unbehagen packte.

Was bedeutete das nun schon wieder?

Vor ihm in der Finsternis wurde ein winziger grauer, verwaschener Fleck sichtbar, kaum mehr als ein Schimmer, aber genug, um zu zeigen, dass dort etwas war, etwas, das nicht nur Fels war.

„Was geht hier vor, Labolas?“, flüsterte er unwillkürlich, als könne ein lautes Wort die Dinge anlocken.

Karim sah die schemenhaften Umrisse des Gefährten nur wenige Zentimeter vor sich, und der dunkle, kleine Körper ragte, wie ein Felsgestein empor, still, aufmerksam, bereit, obwohl auch in ihm eine Abneigung gegen das lauern musste, was sie hier unten fütterten.

„Ich weiß es nicht“, kam die Antwort, kurz und ehrlich.

Das Schleifgeräusch zur Rechten der beiden Gefangenen verstärkte sich, als würde oben jemand schwere Dinge bewegen, und gleichzeitig schwoll ein unheimliches Kreischen und Quieken im Verlies an, ein Geräusch, das sofort Bilder im Kopf erzeugte, ohne dass man sie wollte.

Ein schrecklicher Verdacht stieg in Karim auf, und er merkte, wie seine Zunge trocken wurde. „Sie werfen etwas durch den Schacht, oder?“

Labolas drehte sich um, die Bewegung knapp, wachsam. „Das könnte sein.“

Er schob sein Gesicht unter den Schacht und blickte nach oben, und im fahlen Licht erkannte Karim, wie sich ein dickes Seil herabließ, langsam, kontrolliert, als wäre das hier Routine.

Daran baumelte der blutverschmierte Kadaver einer Ziege.

Entsetzen packte Labolas, so plötzlich, dass er einen Schritt zurücksprang, denn er hasste Ziegen, und selbst in der Dunkelheit war diese Abscheu greifbar wie ein Instinkt, und er presste sich gegen die Felswand, als könne er sich dadurch vor dem Geruch und dem Bild schützen.

Der Ziegenkadaver erreichte den Boden, das Seil wurde gelöst, und das Fleisch sackte schwer in die Knochen und den Schmutz, als würde es den Ort noch weiter belasten.

Ein eigenartiger Geschmack befiel Karims Gaumen, bitter und metallisch, als er das Gewimmel der Spinnen sah, die sich bereits über die blutverschmierte Ziege hergemacht hatten, denn aus allen Richtungen kamen sie, als wären sie gerufen worden.

Einige waren irr vor Hunger, und die unheimlichen Spinnen schlugen ihre gelben, spitzen Zähne in das aufgedunsene Fleisch der Ziege, zerrten, rissen, und das Geräusch des Fressens war so widerlich lebendig, dass Karim am liebsten sofort zurück in die Höhle gekrochen wäre.

Karim wandte sich angewidert ab, presste die Lippen zusammen und zwang sich zu denken. „Es ist jetzt die beste Zeit, dieses Verlies zu untersuchen. Die Spinnen sind beschäftigt!“

„Dann komm, vielleicht finden wir einen Fluchtweg.“

Es waren die letzten Worte, und von nun an verhielten sie sich still und lauschten angespannt in die Dunkelheit, als könnte jedes Geräusch ihnen sagen, ob der Berg ihnen einen Ausgang gönnte oder nicht.

Für Karim ging es scheinbar immer nur geradeaus, obwohl er wusste, dass sie an Wänden entlang schlichen und Bögen machten, doch in dieser Schwärze gab es keine Richtung, nur Schritte, und er versuchte, die trüben und bedrückenden Gedanken zu verscheuchen, die jetzt auf dem Weg durch die Finsternis entstanden, weil sie sonst wie Spinnen in seinen Kopf kriechen würden.

Was würde der Burgherr seiner Schwester antun?

Mechanisch folgte er dem Gefährten, stolperte nicht mehr, weil er jeden Schritt bewusst setzte, und Labolas führte ihn die Wände entlang, bis sie die Treppe zur Zellentür erreichten, wobei Karim die Kälte dort spürte wie einen Atemzug von außen, der wieder verschwand.

Dann ging es an der anderen Wand weiter, und es war eine geschlossene Felsenwand, keine Öffnung, keine Spalte, keine Möglichkeit, aus dem Verlies zu entkommen, nur Stein, der keine Antwort gab, egal wie sehr man ihn anstarrte.

Sie schlichen vorsichtig an dem Schacht vorbei, während die Spinnen noch mit dem Fressen der Ziege abgelenkt waren, und Karim hielt dabei den Körper so nah an die Wand gedrückt, dass er den rauen Stein an der Seite spürte, als könnte er sich dadurch unsichtbar machen.

Dann krochen sie in die kleine Höhle zurück, und Labolas verschloss den Eingang mit dem Felsblock, schob ihn so, dass kein Spalt blieb, und das leise Schaben klang wie eine mickrige, aber notwendige Art von Schutz.

Karim ließ sich erschöpft auf den Boden fallen, und seine Stimme klang hohl, weil seine Kraft inzwischen ebenfalls irgendwo in diesem Berg hängen geblieben war. „Wie soll es weitergehen?“

„Wir müssen abwarten. Hoffentlich schickt uns die Prinzessin Hilfe.“

„Und Selma?“

„Hoffen wir einfach das Beste.“

2

Selma wurde im Stall verhaftet, noch bevor sie überhaupt begriff, dass die Minuten vergingen, ohne dass Karim oder Labolas zurückkehrten, und noch bevor die leise Hoffnung in ihr hatte wachsen können, dass alles nach Plan verlaufen war, schlossen sich grobe Hände um ihre Oberarme und rissen sie hoch, als wäre sie nichts weiter als ein Gegenstand, der nun seinen Platz wechseln sollte.

Ihre Arme wurden ihr auf den Rücken gezerrt, die Fesseln hart und unnachgiebig gezogen, sodass ihr sofort ein stechender Schmerz in die Schultern fuhr, und dann führte man sie hinaus, weg vom Stall, weg vom Geruch nach Heu, Tieren und feuchter Erde, hinein in Gänge aus Stein, deren Kälte ihr entgegenkroch und sich wie ein unsichtbares Netz um sie legte.

Die Privatgemächer des Burgherrn unterschieden sich sofort von allem, was sie bisher gesehen hatte, denn die Luft war schwer von Gewürzen und süßlichen Düften, Teppiche dämpften die Schritte, und die Wände wirkten weniger roh, dafür umso lauernder, als würden sie jedes Wort aufnehmen und für später speichern.

Der Burgherr saß auf einem Stapel üppiger Kissen, breit, schwer, selbstgefällig, und trank aus einer kleinen Tasse eine bräunliche Flüssigkeit, die er genüsslich an die Lippen führte, während sein Blick langsam über Selma glitt, prüfend, abwägend, als stünde sie bereits auf einer unsichtbaren Waage.

„Du bist sehr hübsch, auch wenn du dein Gesicht mit Kohle verdreckt hast“, sagte er beiläufig, und seine Stimme war weich, fast freundlich, was sie nur umso widerwärtiger machte.

Selma richtete sich so gut es die Fesseln zuließen auf, hob das Kinn und zwang ihre Stimme, fest zu bleiben, auch wenn ihr Herz raste.

„Wo sind meine Gefährten?“

Der Burgherr ließ die Tasse sinken und verzog das Gesicht.

„Habe ich dir erlaubt, etwas sagen zu dürfen, sharmuta?“

„Aber …“

„Halt deinen Mund! Hier stelle ich die Fragen, verstanden?“

Seine Stimme füllte den Raum, schwer und drückend, und Selma spürte, wie ihr kurz die Luft wegblieb.

„Ja … äh …“, stammelte sie, und der Verrat dieser kleinen Unsicherheit brannte ihr sofort im Inneren.

Noch vor wenigen Minuten hatte sie im Stall gelegen, hatte gewartet, gezählt, gehofft, und nun stand sie hier, gefesselt, ausgeliefert, vor diesem fetten Mann, der sie mit seinen kleinen, runden Augen betrachtete, als hätte er bereits Besitz von ihr ergriffen, und die Fragen in ihrem Kopf überschlugen sich, wo Karim war, wo Labolas steckte, und was man ihnen angetan hatte.

„Was weißt du von dem Auftrag?“

„Gar nichts.“

„Und das soll ich dir glauben, sharmuta?“

Selma zwang sich zu einem ruhigen Atemzug.

„Die Männer besprechen sich nicht mit Frauen. Wir dienen ihnen ausschließlich. Sie sollten sich über die menschliche Hierarchie besser informieren.“

Sie hoffte, dass er diese Worte schluckte, dass sein Ego groß genug war, um diese Erklärung für Wahrheit zu halten, denn Männer wie er liebten nichts mehr als die Vorstellung, über allem zu stehen.

Der Burgherr schnaubte leise.

„Ich glaube, du weißt etwas. Ich habe so ein Bauchgefühl.“

Selma ließ den Blick kurz über seinen Körper gleiten.

„Groß genug ist der Bauch dafür.“

Kaum hatte sie es gesagt, wusste sie, dass es ein Fehler gewesen war, und das kurze Aufblitzen von Genugtuung wich sofort einem bitteren Knoten in ihrem Magen.

„Ya chara!“, fauchte der Lord. „Wirst du mir freiwillig meine Fragen beantworten?“

„Nein.“

„Du wirst es bereuen.“

„Zur Hölle mit Ihnen!“

Der Mut, den sie zeigte, war dünn wie Glas, und darunter lag nackte Angst, Einsamkeit und die brennende Sehnsucht nach dem Vater, den Brüdern, nach einem Leben, das sich plötzlich unendlich weit entfernt anfühlte.

Der Burgherr klatschte in die Hände, und das Geräusch hallte wie ein Urteil.

Zwei muskulöse Diener traten ein, geschniegelt, leer im Blick, bereit.

„Bringt die Tochter einer Hündin in eine Zelle. Ich habe jetzt keine Zeit. Ich werde mich später um sie kümmern.“

Selma wurde gepackt, fortgezerrt, durch endlose Gänge geführt, bis sie in einer Zelle landete, die seltsam hell und sauber war, fast spöttisch in ihrer Ordnung.

Die Tür fiel ins Schloss.

Allein, gefesselt, sah Selma sich um, sah Bett, Stuhl, Tisch, alles ordentlich, alles kalt, und ließ sich schließlich auf die Matratze sinken, soweit die Fesseln es zuließen, während ihr Körper zitterte und sie verzweifelt versuchte, die Gedanken zu ordnen.

Es dauerte nicht lange, bis sich die Tür wieder öffnete.

Eine junge Frau trat ein, schön, gefährlich, mit einer Peitsche in der Hand und einem kanariengelben Chiffon-Sari, der wie Sonne auf ihrer dunklen Haut leuchtete.

„Du sollst mit mir kommen. Steh auf.“

„Wer bist du? Und wo gehen wir hin?“, fragte Selma, während sie sich mühsam vom Bett erhob, und obwohl sie versuchte, die Stimme ruhig zu halten, klang darin ein unüberhörbares Beben mit, das weniger aus Angst als aus dem verzweifelten Bedürfnis nach Orientierung geboren war.

Die fremde Frau antwortete nicht, sondern hob ohne Vorwarnung die Peitsche und ließ sie hart über Selmas Schultern fahren, sodass der Schmerz wie ein heißer Riss durch ihren Körper schnitt und ihr für einen Moment die Luft nahm.

„Du sollst mitkommen, und zwar ohne Fragen zu stellen!“

Der brennende Schmerz ließ Selma erstarren, zu überrascht, um zu schreien oder sich zu wehren, und noch ehe sie reagieren konnte, zeigte die Frau bereits mit einer beiläufigen Bewegung auf die offene Zellentür.

„Geh“, sagte sie munter, beinahe freundlich. „Geh schneller.“

Selma verließ die Zelle, und der helle, saubere Raum blieb hinter ihr zurück wie eine Lüge, an die man kurz geglaubt hatte.

„Nach links“, befahl die Frau. „Die Stufen hoch.“

Selma ging vor ihr eine schmale Wendeltreppe hinauf, deren ausgetretene Stufen vom Gebrauch glattpoliert waren, und mit jedem Schritt schien die Luft kühler und dünner zu werden, als würde der Stein selbst ihr den Atem abverlangen.

Unwillkürlich warf sie einen Blick über die Schulter.

„Wer bist du? Wo gehen wir hin?“

Die Fremde schwieg, schlug diesmal jedoch nicht zu, vermutlich weil die Treppe zu eng war, um die Peitsche ordentlich zu führen, und oben angekommen standen sie vor einer schweren hölzernen Tür, ohne Klinke, ohne Schlüsselloch, massiv wie eine Wand.

Die Frau klopfte mit dem Griff der Peitsche scharf dagegen, und Selma nahm dabei den betörenden Duft wahr, der von ihr ausging, süß und warm, als hätte man ihn absichtlich gewählt, um Gewalt zu überdecken.

Ein metallisches Geräusch erklang, ein Riegel wurde zurückgeschoben, langsam, bedächtig, und die Tür schwang auf.

Die Peitschenfrau tippte Selma gegen den Arm, und sie trat in einen prächtigen Saal, holzgetäfelt, mit glänzendem Parkettboden, und mehreren Türen, die sich ringsum verteilten wie stumme Versprechen.

Kaum war Selma eingetreten, schlug die Tür hinter ihr zu, und sie hörte deutlich, wie der Riegel wieder vorgeschoben wurde, endgültig, unmissverständlich.

Sie drehte den Kopf und schnappte nach Luft.

Ein weiteres Mädchen stand im Raum, ebenso in kanariengelben Chiffon gekleidet, ebenso schön, doch in ihren Augen lag etwas anderes, etwas Leeres, das verriet, dass Schönheit hier kein Schutz war, sondern Funktion.

„Bitte“, wandte Selma sich erneut an die Frau mit der Peitsche, „wo sind wir hier?“

„Du darfst keine Fragen stellen, cawa!“

„Aber ich muss fragen“, widersprach Selma und spürte, wie die Verzweiflung durch ihre Stimme brach. „Wo ist mein Bruder?“

Die Antwort kam sofort.

Die Peitsche schnitt quer über ihre Schultern, scharf, präzise, ohne Zögern, und Selma biss die Zähne zusammen, während Tränen in ihre Augen schossen.

„Ich habe dich gewarnt“, sagte die Frau süß. „Geh in diesen Raum.“ Sie deutete auf eine gegenüberliegende Tür. „Du wirst ein Bad nehmen. Der Herr fand, dass du stinkst.“

„Ein Bad?“, wiederholte Selma verwirrt, denn das Wort passte nicht zu Fesseln, Schlägen und Drohungen.

„Mach, was ich dir sage. Geh in diesen Raum.“

Selma zuckte hilflos mit den Schultern und betrat das Nebenzimmer.

Ein großes, luxuriöses Badezimmer offenbarte sich ihr, mit einer Marmorwanne, bereits gefüllt mit dampfendem, heißem Wasser, und allein der Anblick dieser Wärme wirkte fast grausam tröstlich.

„Ich werde dir die Fesseln abnehmen“, sagte die Frau, „aber versuche nicht, mich anzugreifen. Es hätte fürchterliche Folgen. Und denke nicht daran, von hier wegzukommen. Klar?“

„Ich verspreche es, wa-llāh! Allah sei mein Zeuge.“

Die Frau nickte gleichgültig und löste die Fesseln, und erst jetzt spürte Selma, wie taub ihre Handgelenke waren, wie sehr ihre Schultern geschmerzt hatten.

„Zieh dich aus und steig ins Bad. Mach dich ordentlich sauber. Unser Herr hatte recht, du stinkst wirklich.“

Verwirrt, beschämt, gehorchte Selma, zog ihre wenigen Sachen aus und stand nackt da, verletzlich, fröstelnd trotz der warmen Luft.

„Steig rein und wasch dich!“

Selma glitt in das Wasser, und die Wärme war überwältigend, fast schmerzhaft wohltuend, und für wenige Atemzüge vergaß sie, dass sie eine Gefangene war, während sie die süß parfümierte Seife über ihre Haut gleiten ließ.

„Nimm dir nicht zu lange Zeit.“

Als sie fertig war, reichte man ihr ein großes weißes Handtuch, und Selma trocknete sich ab, griff instinktiv nach ihrer Kleidung.

„Nein. Von jetzt an bleibst du nackt. Komm mit.“

Die Frau ging voraus, Selma folgte, nackte Füße auf kühlem Boden, Scham und Wut eng miteinander verschlungen.

„Hier rein.“

Selma legte die Hand auf den Türgriff, drückte, erst leicht, dann stärker, bis sich die Tür schwerfällig öffnete, und als sie die dicke, gesteppt gepolsterte Innenseite sah, überlief sie ein Frösteln.

Das war keine normale Tür.

Das war Schalldichtung.

War dieser Raum ein Folterkeller?

Das Innere lag im Dunkeln, und jeder Instinkt in ihr schrie, stehen zu bleiben.

„Worauf wartest du? Geh hinein!“

Selma trat über die Schwelle, atmete ein, roch schweren, warmen Moschus, und blieb erneut stehen.

Die Frau folgte, machte Licht.

Selmas Mund öffnete sich vor Entsetzen.

„Oh, nein“, flüsterte sie heiser. „Oh Allah!“

Der Raum entpuppte sich als ein wohlausgestatteter Ort für Auspeitschungen, und für einen flüchtigen Moment erinnerte er Selma an die Erzählungen über Gummizellen in psychiatrischen Anstalten, denn sämtliche Wände sowie die Innenseite der schweren Tür waren mit einer dicken, gesteppten Polsterung versehen, die Geräusche verschlucken sollte, bevor sie überhaupt die Chance hatten, sich auszubreiten. Doch bei diesem Vergleich blieb es nicht lange, denn Gummizellen waren klein, karg und funktional, während dieser Raum groß war, beinahe großzügig, mit einer Fläche von etwa zehn mal fünf Metern, und die Polsterung zog sich sogar über die Decke, ohne dass es irgendein Fenster gab, als hätte man die Außenwelt bewusst ausgesperrt. Stattdessen summte leise eine Klimaanlage, deren kalter, gleichmäßiger Atem den Raum künstlich am Leben hielt.

„Geh rein“, wiederholte die Frau mit der Peitsche ungeduldig. „Bleib da nicht einfach stehen.“

Langsam bewegte Selma sich weiter in den Raum hinein, und mit jedem Schritt wurde ihr deutlicher, dass hier nichts dem Zufall überlassen war. In der Mitte stand ein Gestell, das unmissverständlich für Auspeitschungen gedacht war, eine Art senkrechte Leiter, die zwischen Boden und Decke gespannt war, jedoch mit weiter auseinanderliegenden Holmen und nur drei Sprossen. Eine befand sich etwa auf Kniehöhe eines durchschnittlich großen Opfers, die zweite auf Höhe des Magens, die dritte auf Höhe des Halses, und schon der bloße Anblick ließ Selmas Magen krampfen.

Als sie nähertrat, erkannte sie, dass diese Sprossen beweglich waren, ihre Enden steckten in seitlichen Schlitzen und konnten mittels Schrauben in jede gewünschte Höhe gebracht werden, als wäre dieses Gerät darauf ausgelegt, sich jedem Körper perfekt anzupassen. Von jeder der drei Sprossen hingen schwere Ledergurte mit massiven Metallschnallen herab, und etwa zweieinhalb Meter über dem Boden baumelten auf beiden Seiten schimmernde Handschellen, während an den unteren Enden der Holme ebenso glänzende Fußeisen angebracht waren.

„Stell dich zwischen die Pfosten“, befahl die Peitschenfrau. „Du musst angebunden werden. Beeil dich.“

Wie in Trance gehorchte Selma, und während sie den Platz einnahm, sank ihr Herz tiefer in eine verzweifelte Schwere, die sie kaum noch tragen konnte. Sie zwang sich, weiterzusehen, weiter wahrzunehmen, als könne Wissen wenigstens ein kleines Stück Kontrolle zurückgeben.

Der Raum war ansonsten spärlich möbliert. Am Rand standen vier dreibeinige Schemel mit ledergepolsterten Sitzflächen, die fast bequem wirkten, als wären sie für Zuschauer gedacht, nicht für Helfer. Daneben befanden sich kleine Tische, auf denen silberne Kästchen, Feuerzeuge und Aschenbecher lagen, ordentlich arrangiert, und ein gläserner Schrank gab den Blick auf Flaschen und Gläser frei, deren Inhalt im Licht schimmerte.

Dann fiel ihr Blick auf etwas, das ihr den Atem raubte.

Ein Gestell auf vier kleinen Gummirädern stand etwas abseits, und zunächst hielt sie es für einen Kleiderständer, doch bei näherem Hinsehen erkannte sie die Haken, an denen keine Stoffe hingen, sondern Peitschen, Riemen und andere Geißelungsinstrumente, ordentlich nebeneinander, in Abständen von etwa dreißig Zentimetern, als wären sie sorgfältig sortiert nach Funktion und Schmerz.

„Halte die Hände über den Kopf“, befahl die Frau. „Hoch!“

Sie stellte einen der Schemel neben das Gestell und stieg darauf, während Selma die Arme hob und das kalte Metall der Handschellen um ihre Handgelenke spürte, das sich erbarmungslos schloss. Selma konnte den Blick nicht von den Peitschen lösen.